Charles Dickens lesen: Leben und Denken

Wie können wir uns einem Autoren nähern, der in einer anderen Zeit lebte? Können wir das überhaupt? Können wir gewissermaßen in seine Schuhe steigen, um möglichst viel von ihm lernen zu können? Ich meine, dass dies zu einem guten Stück weit möglich ist, und möchte am Beispiel von Charles Dickens zeigen, wie ich persönlich dies mache. Vielleicht fragt sich mancher, warum ausgerechnet Dickens? Es war ein schneller, kurzer Impuls, der mich dazu brachte. Im Dezember letzten Jahres stieß ich zweimal auf seinen Namen. Zunächst in einem online Artikel – ich weiß nicht mehr, welcher es war, er hatte etwas mit der französischen Revolution zu tun, mit welcher ich mich damals immer wieder beschäftigte – fand ich den Titel seines Buches „A Tale of Two Cities“. Da wurde mir etwas schmerzlich bewusst, dass das Einzige, was ich von Dickens bislang kannte, „A Christmas Carol“ war. Diese kurze Weihnachtsgeschichte las ich dann um die Feiertage herum erneut, und wurde wieder stark berührt davon. Der zweite Grund lag darin, dass ich wusste, dass Dickens in vielen Themen ganz andere Meinungen vertrat als ich. Und da es heilsam ist, sich immer wieder von gegensätzlichen Meinungen konfrontieren zu lassen, entschloss ich mich kurzerhand, dass für Jahresanfang und Frühjahr 2018 Dickens zu meinem persönlichen Leseprojekt werden sollte. In den Monaten Januar bis Mai 2018 las ich insgesamt gut 8400 Seiten in 13 Büchern von ihm, sowie einer Dickens-Biographie von einem Zeitgenossen und Freund von Charles Dickens, John Forster. Alle 14 Bücher (und noch mehr) sind kostenlos als Kindle-Downloads auf englisch und / oder deutsch bei Amazon.de erhältlich.

Charles Dickens wurde 1812 in Portsmouth geboren. Seine frühe Kindheit war unstet, da sein Vater wegen immer wieder wechselnder Anstellungen mehrmals umziehen musste. Als Charles 12 war, musste sein Vater ins Schuldgefängnis, und Charles musste für seine Familie arbeiten gehen. Er wuchs also in ärmlichen Verhältnissen auf und besuchte die Schule nur sporadisch. Mit 15 Jahren wurde er Schreiber eines Rechtsanwalts und zwei Jahre später wurde er Stenograf beim britischen Parlament. Wiederum zwei Jahre später – inzwischen 19 Jahre alt geworden – wurde er Journalist, und mit 24 Jahren schrieb er den ersten Roman – „Pickwick Papers“ -, welcher in monatlichen Sonderheften zur Zeitung erschien. Von diesem Zeitpunkt an verlief sein Leben relativ gleichmäßig. Er schrieb seine Romane, welche als Monatsbeiträge erschienen, und immer mehr an Einfluss gewannen.

Für mich persönlich ist besonders dieser erste Teil des Lebens interessant, welcher sein Schreiben sehr stark prägten. Das ist auch der Grund, weshalb ich gerne vor den Werken eine Biographie lese. Die soziale Herkunft und Biographie helfen sehr, die Werke besser verstehen und einordnen zu können. Dickens lebte in einer Zeit, in welcher besonders oft Bücher geschrieben wurden, deren Handlungen in der Aristokratie und unter Reichen spielte. Doch er traf einen Nerv der Zeit, indem er gerade Geschichten aus dem einfachen Volk erfand, Geschichten, in welchen sich jeder wiederfinden konnte, und ganz besonders auch Geschichten, die eine moralische Botschaft trugen. Diese Botschaft wurde jedoch nicht von oben herab mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen, sondern sehr satirisch und mit viel Witz, was ich als angenehm empfunden habe. Auch wenn man – wie ich – der moralischen Botschaft nicht unbedingt zustimmen kann, sind die Geschichten auf jeden Fall sehr unterhaltsam zu lesen und bringen den Leser immer wieder zum Nachdenken und zur Selbstprüfung. Das finde ich wertvoll an diesem Autor, und kann seine Bücher mit gutem Gewissen zum Lesen, Schmunzeln und Prüfen weiter empfehlen.

Aufgefallen ist mir jedoch, dass ich andere Romane von ihm als besonders wertvoll empfinde als die Literaturgeschichte mit ihren Dickens-Bestsellern. So konnte ich etwa „Oliver Twist“ ziemlich wenig abgewinnen, während mir „Martin Chuzzlewit“ viel besser gefiel, obwohl dieser Roman kaum bekannt ist (außer unter richtigen Dickens-Kennern natürlich). Auch die „Pickwick-Papers“ habe ich gerne gelesen und immer wieder gestaunt, mit welcher Reife und Weitsicht der 24jährige Dickens das Leben beschreibt, aber auch wie in sich geschlossen sein Werk ist, obwohl es über Monate hinweg Stück für Stück geschrieben wurde. Es gibt keine inneren Widersprüche oder Brüche, die dem Leser in die Augen springen würden, auch wenn man das Buch am Stück liest. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass Schriftsteller in der prädigitalen Zeit einfach gezwungen waren, sich besser an das früher Geschehene zu erinnern, weil die Suche noch deutlich umständlicher war. Oder vielleicht konnten damals auch durch natürliche Auslese nur die allerbesten Schriftsteller ihre Werke veröffentlichen. Wie dem auch immer sei, ich fand Dickens’ Schreibstil total klasse, gerade auch weil er es voll gut drauf hat, bestimmten Charakteren ihre eigenen Dialekte zuzuordnen – und auch das bis zum „bitteren Ende“ durchhalten konnte.

Wo ich hingegen Mühe habe, ihm zu folgen, da geht es um seine Vorstellungen zur Verbesserung der Welt. Er propagiert Lösungen, um soziale Missstände zu beheben, die mehr Eingriffe durch den Staat in die Wirtschaft bedeuten würden. Jeder Interventionismus führt zur gesellschaftlichen Verarmung. Eins ist klar: Es gab viel Armut und Kinderarbeit zur Zeit als Dickens lebte. Das ist eine traurige Tatsache, die sich dadurch ergab, dass die industrielle Revolution einiges veränderte und zu jener Zeit immer noch am Verändern war. Insgesamt hat sich das Wohlergehen der Gesellschaft jedoch gerade durch freie Marktwirtschaften deutlich erhöht. Für Dickens wird der Staat zum Messias, während die freie Gesellschaft den Einzelnen unterdrückt und zur Kriminalität zwingt, wie dies etwa bei Oliver Twist gezeigt wird. Der Mensch wird so durch die Gesellschaft geprägt, dass nur mit Gesetzen diese allzu freie und böse Gesellschaft in die Schranken gewiesen werden kann. Der einzelne Mensch hingegen ist – in geradezu Voltaire’scher Naturverehrung – an und für sich gut, solange er nicht durch die verdorbene Gesellschaft auch gleich mit verdorben wird. Manche der Romane Dickens’ gehören deshalb auch dem Genre des Bildungsromans an, so etwa auch „Great Expectations“, die Geschichte von Philip „Pip“, der als Waisenjunge aufgezogen wird, später in aristokratischer Manier erzogen wird und so Stück für Stück die Welt kennenlernt. Häufig arbeitet sich Dickens mit seinen Romanen an der eigenen Vergangenheit ab, in der er sich aus der Armut hocharbeiten musste.

Buchtipp: Zeit der Zauberer

Eilenberger, Wolfram, Zeit der Zauberer, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2018, 432S., Kindle-eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vier Philosophen, zehn Jahre und jede Menge Streit – das könnte leicht zu einem Krimi werden. Besonders dann, wenn sich auch noch einer der Moderatoren der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen darum kümmert, diese Zeit verständlich zu machen. „Zeit der Zauberer“ setzt sich mit der Sprachphilosophie in der Zeit von 1919 – 1929 auseinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Walter Benjamin sind die Protagonisten. Wolfram Eilenberger zieht den Vorhang auf und lässt seine vier Zauberer erscheinen. Bühne frei für ein spannendes Jahrzehnt der deutschsprachigen Philosophie!

Zunächst tritt Ludwig Wittgenstein auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dieser hatte 1911 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Cambridge unter Bertrand Russell studiert, im Krieg in der Gefangenschaft in Italien den „Tractatus logico-philosophicus“ beendet, in welchem er meinte, alle Probleme des Denkens im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Das Problem war nur, dass damals noch kaum einer verstand, was Wittgenstein in seinem Tractatus sagen wollte. Er hatte sein Vermögen der übrigen Verwandtschaft vermacht und die zehn spannenden Jahre als Grundschullehrer in der Provinz zugebracht.

Martin Heidegger hatte in dieser Zeit sein wichtigstes Buch geschrieben: „Sein und Zeit“. Als Höhepunkt seiner Karriere sieht Eilenberger die Rückkehr nach Freiburg, wo er den Lehrstuhl seines Vorgängers Edmund Husserl übernimmt und die „Davoser Hochschulkurse“ mit drei Vorträgen beehren darf. Dort ist ebenfalls der Dritte im Bunde: Ernst Cassirer, mit welchem Heidegger ein Streitgespräch führen sollte. Cassirer war ein origineller Vertreter des Neukantianismus, der in dieser besonderen Dekade seine drei Bände „Philosophie der symbolischen Formen“ zu Papier gebracht hatte.

Martin Heidegger, welcher die Welt von Kant und dessen Dualismus erlösen wollte, trifft auf einen Neukantianer, besser gesagt: Auf den damaligen Neukantianer schlechthin, den Herausgeber der Werke Kants und führenden Kantkenner dieser Zeit. Martin Heidegger ging es um das Ganzheitliche, um das eigentliche Leben, um den Moment, in welchem der Einzelne aufsteht und die Welt auf den Kopf stellt, um Revolution vom uneigentlichen Leben, also vom reinen Existieren des bürgerlichen Lebens zu jenem Umbruch, in welchem der Mensch ganz er selbst ist im praktischen Tun und Handeln. Seine kometenhafte Karriere ist geradezu Sinnbild für seine Philosophie. Dagegen steht Ernst Cassirer für das bürgerliche Leben, den langsamen Aufstieg, bei welchem er durch harte philosophische und schriftstellerische Arbeit Stufe um Stufe erklimmt. So sieht er auch die Kultur als etwas, was sich langsam Schritt für Schritt entwickeln und verändern soll.

Das vierte Kleeblatt ist ein besonderer Fall. Vor diesem Buch wusste ich noch nichts von Walter Benjamin. Die drei übrigen waren mir zumindest in groben Zügen bekannt, doch auch nach dem Buch blieben mir Zweifel, inwiefern Benjamin tatsächlich in den Kreis der drei übrigen gehört. Gewiss, er hatte seinen eigenen eigenständigen und durchaus auch sehr eigenwilligen Beitrag zur Sprachphilosophie geleistet (zumindest für jene, welche ihn und seine Gedanken kennen), doch ob das allein ausreichend ist, um ihn auf jene Ebene zu heben, für welche die drei Übrigen stehen, bleibt fraglich. Auch bei ihm steht das Leben für seine Philosophie, die Zerrissenheit zwischen den Extremen wird für Benjamin zum geradezu Erstrebenswerten der Philosophie.

Das Buch ist spannend geschrieben, enthält jedoch immer wieder Sprünge und Brüche, die sich zwar durchaus philosophisch deuten ließen, den Lesefluss jedoch beeinträchtigen und den Leser verwirren. Die Vergleiche sind interessant, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass immer wieder Dinge vereinfacht werden, damit sie einander noch besser gegenüber gestellt werden können. Die vier Philosophen sind eigentlich so verschieden, dass sie auch mit dem Begriff der Sprachphilosophie nicht auf einen Nenner gebracht werden können – schließlich hätten sie schon Mühe, sich auf eine gemeinsame Definition jener zu einigen. Und das wäre die Grundlage für jeden sinnvollen Vergleich.

Kleine Nebenbemerkung: Ende Februar diesen Jahres hat Eilenberger einen spannenden Essay zum Stand der deutschsprachigen Philosophie in unserer Zeit geschrieben: Wattiertes Denken (Link)

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, besonders wenn man die Protagonisten schon kennt. Leider manchmal zu verallgemeinernd und vereinfachend. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: The Innovators

The Innovators von Walter Isaacson

Isaacson, Walter, The Innovators: Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs, C. Bertelsmann Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 638S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Walter Isaacson ist ein begnadeter Erzähler. Er vermag es, den Leser direkt ins Geschehen hineinzunehmen. Das ist mir auch schon beim ersten Buch aufgefallen, das ich von ihm gelesen habe – der Biographie von Benjamin Franklin. In „The Innovators“ geht es um die Biographie der digitalen Revolution und Isaacson präsentiert darin viele kurz gefasste Biographien wichtiger Persönlichkeiten. Da mich Technik, Philosophie und Geschichte gleicherweise sehr interessieren, war ich auf das Buch gespannt.

Isaacson beginnt mit Ada Lovelace, die Tochter von Lord Byron. Sie hatte mit Charles Babbage Kontakt, welcher versuchte, eine universelle Rechenmaschine zu bauen. Aus Mangel an Kenntnissen wurde daraus nie wirklich etwas, aber er hatte einige erstaunliche Ideen, welche Lovelace zum Nachdenken brachte. Sie half Babbage beim Erstellen von Erläuterungen zu seiner „Analytischen Maschine“ und hielt dabei einige bemerkenswerte Erkenntnisse fest. Vieles, was Ada 100 Jahre vor den ersten moderneren Rechnern schrieb, wurde inzwischen umgesetzt. Sie sah, dass eine solche Maschine mit den nötigen Programmen zu einer Allzweckmaschine werden konnte, mit welcher sich problemlos alles festhalten und berechnen lässt, was sich in Zeichen ausdrücken lässt. Als Beispiel schrieb sie das allererste Computerprogramm – lange bevor es überhaupt eingesetzt werden konnte.

Im großen Ganzen ist die Geschichte der digitalen Revolution ein Grund, weshalb wir für zwei Dinge dankbar sein sollten: Für freie Marktwirtschaft und für das Militär insbesondere in den USA. Es war die Zusammenarbeit von Militär, Forschung und privater Firmen, die diesen Fortschritt gebracht haben. Nur der Wunsch, anderen Firmen einen Schritt voraus zu sein – oder wie im kalten Krieg dem anderen Land, insbesondere was die Raumfahrt betraf, welche immer genauere Berechnungen benötigte – kann ein solches Wachstum bringen.

Einen ganz neuen Blick habe ich auf Linus Torvalds und die Bewegung um die sogenannt „freie Software“ bekommen. Dies ist wohl auch manchem Vorurteil meinerseits geschuldet. Bisher dachte ich, dass es Torvalds mit seinem freien Betriebssystem vor allem darum gegangen sei, die Vorherrschaft der bezahlten Betriebssysteme zu durchbrechen, aber nun habe ich gelernt, dass Linux aus sehr egoistischen Gründen unter der Lizenz der freien Software angeboten wurde: Er wollte Feedback der User, um das Betriebssystem verbessern zu können, und Anerkennung. Beides bekam er. Eine wachsende Community begleitet seitdem das Betriebssystem, das heute in zahlreichen Versionen zur Verfügung steht.

Besonders zum Beginn der digitalen Revolution und wie gesagt zur freien Software habe ich viel Neues gelernt. Einiges anderes war mir auch schon bekannt, aber als Einführung ist das Buch sehr zu empfehlen. Isaacson erzählt auf seine grandiose Art die Geschichte der digitalen Revolution. Insgesamt gibt es vor allem einen Punkt, den ich anders sehe. Der Autor geht davon aus, dass der technologische Fortschritt per se gut sei und hält es für möglich, dass eines Tages echte künstliche Intelligenz geschaffen werde. Über die moralische oder ethische Bedeutung diesen Fortschritts lässt sich durchaus streiten, und auch zur künstlichen Intelligenz ist es wichtig, dass wir darüber ganz genau nachdenken, was Intelligenz ausmacht und woran man sie eben auch gerade nicht festmachen kann. Hierin muss ich dem Autor ganz entschieden widersprechen. An der Stelle noch einmal ein Hinweis auf auf die nächsten großen Fragen unserer Zeit.

Fazit:

Walter Isaacson legt hier ein sehr wertvolles Buch vor, das die Geschichte der digitalen Revolution und ihrer Vordenker in einem sehr schönen und spannend erzählten Überblick nachzeichnet. Besonders für interessierte Einsteiger in das Thema sei das Buch sehr empfohlen. Trotz zweier größerer Fragezeichen gebe ich dem Buch fünf von fünf Sternen.

Buchtipp: Die RAF hat Euch lieb

Die RAF hat euch lieb von Bettina Roehl

Röhl, Bettina, Die RAF hat Euch lieb, Wilhelm Heyne Verlag München, 2018, 640 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar dieses Buches.

50 Jahre Ausnahmezustand, 50 Jahre Protestiererei und kein Ende in Sicht. Dies ist das Fazit, das Bettina Röhl in ihrem Buch aus ihrer Beschäftigung mit der RAF zieht. Wie schon der erste Band „So macht Kommunismus Spaß“ ist auch dieses Buch nicht so leicht einem Genre zuzuordnen. Es ist wieder eine Mischung aus Biographie, Autobiographie, Geschichtsschreibung und journalistischen Beiträgen. Negativ aufgefallen ist mir vor allem eine gewisse Anzahl von Flüchtigkeitsfehlern was die Rechtschreibung betrifft. Da hätte eine weitere Durchsicht durch ein Lektorat nicht geschadet.

Die Autorin beleuchtet mit vielen originalen Quellen und auch zahlreichen Transkriptionen von Interviews, die sie mit Beteiligten von damals führte, die Zeit von 1967 bis 1972. Es gibt am Ende noch einen kurzen Abstecher in 1974 und wenige Sätze zum Tod ihrer Mutter 1976, aber diese Zeit wird wohl im dritten Band ausführlicher abgedeckt werden, wenn es um die Zeit bis zur Bundeskanzlerwahl Helmut Kohls gehen soll. Auch hier wird wieder schnell sichtbar, dass es sich unter anderem auch um eine Suche nach sich selbst geht, es ist eine Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und deren Umfeld im Zuge der 68er-Bewegung in Deutschland.

Es ist ein wichtiges Buch, vor allem deshalb, weil es mit vielen sich hartnäckig haltenden Legenden aufräumt. Bis heute versuchen viele Menschen, den Zustand des Protests als notwendig und richtig vorauszusetzen. Protestler werden zu Helden stilisiert, dabei handelt es sich lediglich um kriminelle Terrorbanden, die gegenüber der Polizei keinerlei moralische Rechtfertigung für ihr Handeln erbringen können. Röhl fragt sehr treffend dazu: „Warum wollte diese im Wohlstand aufgewachsene Generation das System, den Kapitalismus, die Bundesrepublik zerstören und den Menschen, die ihr Glück in dieser Bundesrepublik machen wollten, das Paradies rauben und einen nebulösen ‘neuen Menschen’ kreieren, der sie selber in keiner Weise waren?“ (S. 37)

Im Laufe des Buches werden einige Gründe genannt, und ich bin der Meinung, dass Röhl auch hier nicht alle Gründe erkennt, die zu diesem Phänomen des Protestismus geführt haben. In einem behält sie jedoch absolut recht: Protest um jeden Preis kam irgendwann in den Sechzigerjahren in Mode und ist bis heute in Mode geblieben, ein Ende ist nicht in Sicht. Und jedes Jahr wird eine neue Protest-Sau von einer anderen Gruppierung, die gerade oben schwimmt, durchs Dorf getrieben. […] Wer das Protestgefühl am kreativsten, brutalsten, geschicktesten oder prominentesten anzusprechen weiß, wer den richtigen Riecher hat, was wieder zieht, hat die größten Chancen, mit seiner Protestidee Furore zu machen, die Medien zu gewinnen und moralisch, sozial, finanziell bis hin zur Würdigung von Bürgermeistern, Regierungschefs, Chefredakteuren, Gewerkschaften, bekannten Schauspielern und anderen öffentlichen Persönlichkeiten den neuen Protesthit zu landen.“ (S. 79)

Das Buch von Bettina Röhl gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil geht es um die APO-Bewegung, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, und die Eltern der Autorin, welche durch die Zeitschrift „konkret“ in dieser Bewegung mitmischten. Im zweiten Teil wird die Gründung der RAF beschrieben und im dritten Teil vor allem mit den zahlreichen Legenden um Ulrike Meinhof aufgeräumt. Spannend fand ich besonders auch die Schilderung der Entführung der beiden Röhl-Zwillinge – erst nach Sizilien, und später eine zweite Entführung wieder nach Deutschland zurück. Weil die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof nicht wollte, dass ihre Töchter zu ihrem Exmann Klaus-Rainer Röhl ziehen, ließ sie die beiden über die grüne Grenze in ein sizilianisches Barackenlager entführen. Der Plan war, dass die Töchter später in ein palästinensisches Waisenhaus kommen sollten. Zum Glück kam der Journalist Stefan Aust gerade noch rechtzeitig, um die Beiden abzuholen und wieder zurück nach Deutschland zu bringen, bevor Ulrike sie von Sizilien in palästinensisches Gebiet verfrachten konnte.

Die große Frage, die bleibt, betrifft die Notwendigkeit und die Bewertung von 68. Hier bin ich mit der Autorin nicht ganz einig, wenngleich ich ihre Sichtweise gut nachvollziehen kann. Ich denke allerdings, dass man das Ganze etwas differenzierter sehen sollte. Es ist insofern verständlich, als dass sie, die ja so viel Schreckliches durch diese Ideologie erlebt hat, sich durch ihre Bücher deshalb auch autobiographisch ein wenig an der Bewegung abarbeitet. Doch meine ich, dass besonders drei Gesichtspunkte zu kurz kommen. Der technologische Fortschritt, welcher damals die ganze Welt ins Wohnzimmer gebracht und die Konsumenten mit Inhalten überfordert und hilflos gemacht hat, ist mit ein Grund. Die Bewegung von ’68 war eine mögliche Reaktion auf die Reizüberflutung durch diese Massenmedien, die zu jenem Zeitpunkt in sehr vielen Familien Einzug gehalten haben. Zweitens waren die ’68er eine Bewegung, für die der Boden in gewisser Weise bereitet war. Die schrecklichen Geschehnisse im Zuge des 2. Weltkriegs haben Verunsicherung geschaffen und unter der jungen Generation gerade in Bezug auf Vietnam, China, UdSSR, DDR, etc. zu einer einseitigen Blindheit geführt. Last but not least ist die Antwort der Autorin auf die Frage der Bewertung dieser Zeit näher an der Bewegung selbst, denn sie gibt eine säkulare Antwort auf eine säkulare Bewegung. Meines Erachtens macht die fehlende biblisch-theologische und heilsgeschichtliche Einordnung dieser Zeit eine objektive Bewertung unmöglich. Nichtsdestotrotz ist es ein enorm lesenswertes Buch, das einen tiefen Einblick in das Leben ihrer Familie und damit ins Zentrum der 68er-Bewegung gibt.

Fazit:

Ein weiteres sehr gut recherchiertes Buch von Bettina Röhl über ihre Familie, die 68er-Bewegung und die RAF. Am Ende bleiben Fragen offen, aber insgesamt kann ich es jedem weiter empfehlen, der sich für diese Zeit interessiert. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.

Buchtipp: Das Joshua-Profil

Fitzek, Sebastian, Das Joshua-Profil, Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Köln, 2015, 430S., eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Mein erster Fitzek! Schon seit Jahren haben mir Fans von Stephen King empfohlen, auch mal was von Sebastian Fitzek zu lesen. Jetzt habe ich es getan. Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensions-eBook.

Eins vorweg: Es ist kein Buch für schwache Nerven. Es geht um schreckliche Dinge. Es geht um Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern. Wer sich das nicht antun möchte – und ich habe vollstes Verständnis dafür – sollte die Finger davon lassen. Da ich gerne Thriller lese, habe ich mich – neugierig wie ich bin – darauf eingelassen. Ich würde für mein Teil sagen: Das Lesen hat sich gelohnt. Nur eine Frage bleibt noch offen: Wenn man einen Thriller loben will, ihn aber nicht „schön“ oder „gut“ finden konnte, zählt es dann als Lob, wenn man sagt, er sei „schrecklich“ geschrieben?

Max Rohde, der Protagonist dieses Romans, ist ein Schriftsteller, dessen Erstling ein voller Erfolg war, dessen Beliebtheit danach jedoch irgendwo um null herum dümpelte. In seinem Leben beginnen sich plötzlich kuriose Szenen abzuspielen. Sein Bruder, der in einer geschlossenen Psychiatrie einsitzen sollte, taucht auf der Straße auf. Die Mitarbeiterin vom Jugendamt, die für die Pflegetochter von Max und seiner Frau zuständig ist, taucht auf und will das Mädchen mitnehmen. Max dreht durch, will mit der Tochter abhauen und wird in einen unerklärlichen Unfall verwickelt, nach welchem er in einem Krankenhaus aufwacht und in seinem Ohr die Stimme der entführten Tochter vernehmen kann. Was ist da los?

Mit diesen Vorgängen in den ersten hundert Seiten zieht die Geschichte dann richtig los. Joshua ist ein Computerprogramm, ein Algorithmus, der die Weiten des World Wide Web durchzieht und auf legale und illegale Art und Weise Profile der Internetuser erstellt. Max’ Internetzugang wurde von diesem Programm gehackt, das in Zukunft für die Bekämpfung von Verbrechen an diverse Staaten verkauft werden sollte. Joshua kann künftige Verbrecher schon vor ihren Taten ermitteln; und unter einer ganzen Anzahl von Profilen wurde Max per Zufallsprinzip herausgefischt, um die Wirksamkeit des Algorithmus zu demonstrieren. Die Macher des Joshua-Profils müssen ihn nur dazu bringen, sein Verbrechen möglichst bald zu begehen. Doch auch eine andere Gruppe, welche verhindern möchte, dass Joshua in Zukunft international eingesetzt wird, hat Max entdeckt, welcher nun mitten im ganzen Spiel gefangen ist und keinen blassen Schimmer hat, was gerade abgeht. Damit beginnt eine tödliche Jagd, welche über die Zukunft von Big Data entscheiden sollte.

Ich möchte an der Stelle kurz die Frage beantworten, weshalb man überhaupt solche Bücher lesen kann / darf / soll / etc. Ich sage: Man darf. Keiner muss oder soll, denn es ist von der Persönlichkeit stark abhängig, wie man auf bestimmte Geschichten reagiert. Dazu ist zu sagen: Es ist ein Roman. Eine erfundene Geschichte. Ein kreatives Werk. Und doch kann das eine gewisse Berechtigung haben, denn Romane haben die Fähigkeit, Fragen mit einer Wucht zu stellen, die unter die Haut geht. Und gerade hier müssen wir bei jedem Roman fragen: Welche Fragen stellt uns der Autor und wie beantwortet sein Roman diese Fragen? Ich habe mir angewöhnt, bei Romanen (und insbesondere bei spannenden Romanen) alle paar Seiten innezuhalten und zu reflektieren, welche Fragen im letzten Abschnitt gestellt und beantwortet wurden. Es gibt Romane, welche nur Fragen aufwerfen, andere beantworten sie deutlich, wieder andere drücken sich vor einer Antwort, indem zum Beispiel durch eine plötzliche 180°-Wendung am Schluss ein Relativismus gepredigt wird, und so weiter. Beim Joshua-Profil finde ich Antworten. Das gefällt mir. Ob ich den Antworten zustimme, ist eine andere Frage.

Viele Fragen beantwortet Fitzek übrigens noch einmal im Anhang des Buches, nach dem Ende des Romans. Das ist besonders für die Leser, welche sich während der Geschichte nicht gerne von den Fragen ablenken lassen, sehr wertvoll. Dort werden die Hauptthemen aufgegriffen und kurz besprochen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt Fitzek, weshalb er so rasante und über manche Strecken auch brutale Geschichten schreibt. Es ist sein Versuch, mit den existentiellen Ängsten seines Lebens umzugehen. Ich kann ihm in sehr vielen Antworten nicht zustimmen, aber eins kann man ihm jederzeit abnehmen: Er gibt im Roman dieselben Antworten wie im Nachwort auch. Er ist authentisch. Und genau das ist das Geheimnis, das seine Bücher so vollständig macht. Fitzek versucht nicht, am Ende doch noch was abzuschwächen, sondern denkt seine Geschichten bis zum bitteren Ende fertig.

Das vielleicht schwerwiegendste Thema, in welchem ich dem Autor widersprechen muss, betrifft den Überwachungsstaat. Fitzek ist der Meinung, dass ein alles überwachender demokratischer Staat besser sei, wie wenn die Überwachung durch die private Wirtschaft erfolgt, wie etwa im Falle der sozialen Medien. Hier bin ich der Überzeugung, dass die freie Marktwirtschaft und das denkende und rebellierende Individuum eine bessere Regulierung darstellen als eine zentralistische Überwachung, Wer welche Daten von sich preisgibt ist im Falle der privaten sozialen Medien die jeweils persönliche Entscheidung des Einzelnen. Ein staatlich durchleuchteter gläserner Mensch hat viel weniger Möglichkeit zur Mitsprache, wer welche Daten bekommt und wer nicht. Außerdem gibt es niemals die Garantie, dass demokratische Staaten dies auch immer bleiben, und in einem totalitären Staat ist der Missbrauch personenbezogener Daten noch viel wirksamer.

Was man die ganze Zeit hinweg unterschwellig mitbekommt, ist eine persönliche Unsicherheit, die sich mit der Zeit auf den Leser auszuweiten versucht. Das große Gefühl des Buches ist dasjenige der menschlichen Geworfenheit. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen, aber in einem nicht ganz heideggerschen Sinn, da dieser dem Menschen immer auch zugesteht, sich selbst dabei weiter entwerfen zu können. Im vorliegenden Roman ist dieses Grundgefühl viel näher an einem Ausgeliefertsein an eine unerklärliche Welt. Wie gerne würde ich Sebastian Fitzek – und beim Lesen auch Max Rohde – zurufen, dass es eine Hoffnung gibt, die weit über den Tod hinausgeht, die Hoffnung auf das ewige Leben. Um es mal auf meine etwas flapsige Art als Antwort auf das Argument von Herrn Fitzek zu formulieren: Das Mittel, welches mich vor dem Thriller-Schreiben bewahrt, ist das Gebet und der Glaube an den allmächtigen dreieinen Gott der Bibel. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Die Getriebenen

Die Getriebenen von Robin Alexander

Alexander, Robin, Die Getriebenen, Siedler Verlag München, 6. Aufl. 2018, 286S., Verlagslink, Amazon-Link

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Robin Alexander ist Journalist im politischen Berlin, hat auch schon für die taz gearbeitet und ist jetzt für die Welt am Sonntag unterwegs, um direkt aus der aktuellen Politik zu berichten. In seinem Buch „Die Getriebenen“ geht er der Frage nach, inwieweit die Flüchtlingskrise 2015 die Berliner Politik verändert hat. Seine These, die er vertritt, besagt, dass neue Arten zu regieren entstanden sind, die der früheren Art und Weise entgegen stehen. Da das Buch schnell Emotionen hochkochen ließ, war ich gespannt auf den Inhalt, und eher erstaunt darüber, wie dieses Buch zu so kontroversen Diskussionen führen konnte. Habe ich die Macht der medialen Filterblasen, von denen ich schon öfter bloggte, vielleicht tatsächlich unterschätzt?

Was der Autor schreibt, lässt sich fast alles in (Online-)Zeitungsartikeln finden. Grob geschätzt 90% des gesamten Inhalts war mir auch vor dem Lesen des Buches gut bekannt. Der Rest betrifft entweder Beschreibungen von TV-Sendungen, die ich nicht gesehen hatte und politische Treffen, welche unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatten und von Alexander nun in eigenen Worten nacherzählt werden. Für Leser, welche sich die Ereignisse dieser Zeit noch einmal in Ruhe vor Augen halten wollen, ist das Buch sehr wertvoll. Ich habe mit kontroverseren Inhalten gerechnet, weshalb ich schon fast etwas enttäuscht war.

Doch warum heißt das Buch „Die Getriebenen“? Es war eine Zeit, auf welche es keine Vorbereitung gab; die Politik war zum Improvisieren verurteilt. Es gab nicht das einzig logische Handeln, sondern immer nur die Reaktion auf unvorhergesehene Umstände. Das ist an sich ja auch nichts Schlimmes – es ist eine Chance, um seine Überzeugungen zu leben. Doch insgesamt – im Hinblick auf das ganze Buch – finde ich den Titel nicht passend, sondern eher irreführend. Die ganze Situation wird dazu genutzt, um in den verschiedenen Bundesländern und auch bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf zu betreiben. Insofern wäre zumindest für den größeren Teil des Buches der Wahlkampf der „Getriebene“ und nicht die Politiker. Die treibenden Kräfte sind Parteien, Bundesländer und aufsteigende Politiker, welche sich profilieren wollen.

Besonders gut gefiel mir, wie Alexander die Rolle von Wolfgang Schäuble identifizierte (ab S. 135, Kp. 9). Ihn habe ich bisher eher an vielen Einzelschauplätzen wahrgenommen, und weniger als eine ganze Persönlichkeit, welche der Autor nun aus ihm machte. Es war mir natürlich immer klar, dass er nur eine Person ist, aber was ihn ausmacht, weshalb er an den einzelnen Schauplätzen wie agiert, ist mir beim Lesen dieses Kapitels erst richtig klargeworden.

Das Buch ist gut geschrieben, leicht verständliche Sprache gepaart mit einem fesselnden Schreibstil, weshalb das Buch in wenigen Stunden gelesen werden kann. Ereignisse und Verknüpfungen der verschiedenen Beteiligten werden analysiert und gut präsentiert. Wer die Ereignisse ein wenig in den Tageszeitungen oder Online-Nachrichten verfolgt hat, wird sich mehr Hintergrund-Informationen wünschen, aber gerade für diejenigen, welche sich wünschen, das Ganze noch einmal in Ruhe sortieren und überdenken zu können, wird in dem Buch genau das finden, was er sucht.

Um noch einmal auf meine anfängliche These zurückzukommen, dass die Filterblase so ausgeprägt ist, erlaube ich mir einen letzten Hinweis: Das Buch ist neutral geschrieben, es wird keines der häufig anzutreffenden Gut-Böse- oder Rechts-Links-Schemen bevorzugt. Weil aber die Leserschaft (und, wie ich hinzufügen möchte, auch ein großer Teil der medialen Welt der Schreiberlinge) bereits sehr stark in vorhandene Geleise eingefahren ist, darf das dann doch nicht verwundern. Es behält im vorliegenden Buch niemand seine weiße Weste; es wird aber auch kein Bashing betrieben, was heute eher selten anzutreffen ist.

Fazit:

Ein gut recherchiertes Buch, das viele Ereignisse und Verknüpfungen von Personen und Ereignissen in der deutschen Flüchtlingspolitik aufzeigt und erklärt. Es ist verständlich geschrieben und spannend aufbereitet. Der Titel ist allerdings unpassend und reißerisch gewählt; außerdem würde sich der Leser noch mehr Einblick in die Ereignisse wünschen, die sich tatsächlich hinter den Kulissen abgespielt haben und bisher noch nicht öffentlich zugänglich waren. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Biblipedia-Debattenstarter: Quo vadis, EAD?

Heute ist meine Analyse der aktualisierten EAD-Glaubensbasis als Biblipedia-Debattenstarter erschienen: „Im Grunde genommen ist diese Fassung eine 90°-Drehung. Noch nicht ganz weg von den bisherigen Standpunkten, aber ein weiterer solcher Schritt würde schon bedeuten, dass in manchen Punkten das Gegenteil dessen gelehrt würde, was ursprünglich mal die Position der Evangelischen Allianz war. Einen solchen Schritt lediglich als Modernisierung des Textes zu bezeichnen ist irreführend. Eigentlich sollte eine solche neue Fassung mit genügend Erklärungen und Kommentaren versehen an jedes Werk der EAD und an jede Ortsallianz gehen, damit sich diese entscheiden können, ob sie weiterhin hinter diesem Kurs stehen können.“

Hier (Link) geht es zum vollständigen Text und hier (Link) zur PDF-Version.

Buchtipp: Forderung

Forderung von John Grisham

Grisham, John, Forderung, Wilhelm Heyne Verlag München, 2018, 431S., Verlagslink, Amazon-Link

Vier junge Menschen haben sich optimistisch ins Jura-Studium gestürzt, um die Welt ein wenig besser hinterlassen zu können – und sehen sich nun als Opfer einer riesigen Verschwörung, als kleinste Zahnrädchen im Getriebe einer unerbittlichen Hochschulmafia. Die jungen Menschen mussten allesamt mehrere hunderttausend Dollar Schulden aufnehmen, um ihr Studium finanzieren zu können, und merken plötzlich, dass der Arbeitsmarkt viel zu klein ist, um die Unmengen an Jura-Absolventen so aufnehmen zu können, dass es ihnen möglich würde, diese Schulden abzuzahlen. Durch Recherchen finden sie heraus, dass eine ganze Reihe von diesen privaten Universitäten lediglich existiert, um eine gewisse Person reich zu machen und sich zugleich eine riesige Schar williger, da hoch verschuldeter, Juristen heranzuziehen. Als einer der Freunde aus Verzweiflung Selbstmord begeht, entwickeln sich die Dinge schneller, die drei verbliebenen Freunde beginnen, illegal als Anwälte zu arbeiten und versuchen gleichzeitig, belastendes Beweismaterial zu suchen, um die Verschwörung auffliegen zu lassen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Werden sie zuerst geschnappt, oder gelingt es ihnen rechtzeitig, das nötige Beweismaterial zu beschaffen?

Vieles erinnert an frühere Romane von John Grisham. Das Setting, der Wettlauf mit der Zeit, die Situation vor den Gerichten, und so weiter. Was allerdings auffällt, ist, dass der Roman nicht ganz so atemlos rasant aufgebaut ist, sondern Grisham sich bewusst Zeit nimmt, um die Handlung aufzubauen. In manchen seiner früheren Werken wird vieles unerwähnt gelassen und somit der Phantasie des Lesers übergeben. In „Forderung“ hingegen baut Grisham bewusst und mit großer Genauigkeit den Spannungsbogen auf. Was manche Leser deshalb langweilig fanden, hat mich hingegen überzeugt. Einziger Nachteil dabei ist, dass dadurch vieles vorhersehbar wird. Dies könnte man auch dadurch umgehen, indem der Leser zunächst auf mehrere falscher Fährten gesetzt wird und merkt, dass er sich nicht auf das Offensichtliche verlassen kann. Die „Forderung“ ist ziemlich simpel und linear aufgebaut, was dem Ganzen etwas an Spannung raubt. Ein wenig ist der Leser auch an die Kinderdetektive erinnert, die etwa bei Enid Blyton oder Thomas Brezina auftauchen. Vier Halbstarke entdecken, dass sie mitten in einen Kriminalfall hinein geraten sind, und versuchen, diesen Fall aufzuklären.

Hauptthemen des Buches sind die Habgier und die verschlungenen Wege des heutigen Finanzdschungels, welche ein Ausleben der Erstgenannten überhaupt erst so leicht ermöglichen. Hier zeigt sich Grishams Stärke besonders schön: Er zeichnet eine Story, die er mit vielen weiteren nachdenkenswerten Details ausbaut, und versucht mit Hilfe dieser Story echte Mängel unserer Zeit aufzudecken und bloßzustellen. Die Story entwickelt sich sehr schön; anders als andere Rezensenten, die das als langweilig empfanden, hat es mir besonders gut gefallen, dass man die Zeit hat, um die Charaktere kennenzulernen und dann hat man es auch mit realistisch dargestellten Personen zu tun. In früheren Büchern des Autors, etwa in Die Firma oder Der Pate hat man es mit einer derart rasanten und unsteten Geschichte zu tun, dass man vor lauter Spannung kaum hinterher kommt. Bei „Forderung“ hingegen wird dem Leser die Zeit gelassen, die Protagonisten ausführlich kennenzulernen und sich auch – zumindest teilweise – mit ihnen zu identifizieren. Das macht das Buch sehr sympathisch. Bei allen vier Studenten bekommt der Leser im Laufe der ersten etwa 100 Seiten eine ganze Menge an Einblicken in ihr Leben, ihre Vorstellungen und Motivationen. Gordy ist da schon tot. Er hatte seine Medikamente abgesetzt, ist durchgedreht und von der Brücke gesprungen. Schon die Reaktionen der drei Freunde Zola, Mark und Todd geben viel Aufschluss über ihr Leben, und Grisham hat sie sehr realistisch gezeichnet.

Der Schluss ist – das scheint bei John Grisham häufig zu sein – sehr ambivalent. Sie haben sich auf der Flucht ins Ausland abgesetzt und beginnen dort ein neues Leben. Doch irgendwo lauert immer noch ihre Vergangenheit. Sie haben sie selbst mitgebracht, weil sie diese immer in sich rumtragen. Für ein gutes Buch fand ich den Schluss insgesamt unbefriedigend, da es sehr abrupt endet. Es muss ja kein Happy-End sein, aber ein etwas gemütlicheres Ausklingen der Story hätte ich mir dann doch gewünscht. Ein Ende, welches mir als Leser die Zeit lässt, auch ans Ende zu kommen. Deshalb fand ich das schade.

Fazit:

Ein solides Buch, wie man es sich von John Grisham gewohnt ist, eine gut aufgebaute Story, die dem Leser die Zeit lässt, um an- und mitzukommen, aber leider ein allzu abrupter, unbefriedigender Schluss, der mich enttäuscht hat. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: 1968 – Der lange Protest

Vinen, Richard, 1968: Der lange Protest, Piper Verlag GmbH München, 2018, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich im Kindle-Format lesen durfte.

50 Jahre nach 1968 blickt Richard Vinen auf die Zeit um 1968 zurück. Der Autor ist ein britischer Historiker, der am King’s College in London unterrichtet. Wenn er von ’68 spricht, dann ist da ein ganzes – ja, gar ein langes – Jahrzehnt gemeint: Mitte 60er bis Ende der 70er-Jahre geht sein ’68. Richard Vinen versucht, eine internationale Geschichte der 68er-Bewegung zu schreiben, indem er auf verschiedene Länder blickt und dort jeweils die wichtigsten Vorkommnisse dieser Zeit beschreibt.

Doch wie lässt sich 1968 definieren? Am Ende eines langen ersten Kapitels über die inneren Widersprüche der Bewegung fasst Vinen zusammen: „Das Phänomen bestand aus mehreren Komponenten: einmal dem Generationenaufstand der Jungen gegen die Alten, dann dem politischen Aufstand gegen Militarismus, Kapitalismus und die Übermacht der USA und schließlich noch einem kulturellen Aufstand, der sich in der Rockmusik und dem dazugehörigen Lebensstil manifestierte.“ (Pos. 388) Es wird schnell klar, dass die Definition entweder noch stärker eingegrenzt werden müsste oder sonst praktisch alles in dieser Zeit umfassen könnte. Es werden konservative Kräfte erwähnt und ebenso als 68 betitelt wie deren revolutionäre Gegner. In einem gewissen Sinne muss Vinen dies tun, da er seine These untermauern will, dass 68 ein weltweites Phänomen ist.

Wenn man dieser These folgt, so macht er einen sehr guten Job und klärt den Leser über die internationalen Beziehungen der Bewegung auf. Allerdings schafft er es meiner Ansicht nach nicht, diese These ausreichend zu begründen, sodass jemand, der die Bewegung als zeitlich und räumlich begrenzter betrachtet, vermutlich nicht überzeugt würde. Doch da es gut möglich ist, dass der Autor dies auch gar nicht erst beabsichtigte, lässt sich dieser Punkt größtenteils vernachlässigen.

Da ich das Buch auf deutsch las und keine Möglichkeit hatte, das englische Original einzusehen, kann ich hier auch nur auf die Übersetzung eingehen. Es finden sich öfters ziemlich lange Sätze mit mehrfacher Verneinung und zahlreichen Nebensätzen, die es dem Leser schwer machen, dem Gedankengang zu folgen. Ich bin mir da schon eine Menge gewohnt, aber ich vermute, dass es gerade für Menschen, die nicht ganz so viel und in die Breite lesen, ziemlich herausfordernd ist.

Gut gefallen hat mir, wie differenziert der Autor mit der Bewegung umgeht. Anders als man sich das sonst gewohnt ist, gibt es keine Heldenverehrung, sondern nüchterne Berichte, die auch vor den dunklen Kapiteln der Zeit nicht halt machen. Interessant, da mir das neu war, fand ich etwa den Vergleich von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Vinen berichtet außerdem, dass Dutschke öffentlich und privat sehr gegensätzlich wahrgenommen wurde. Auch das Verhältnis Dutschkes zur Gewalt wird nicht verschwiegen: „1977 verurteilte Dutschke den Terrorismus einiger ehemaliger Mitstreiter, er rief auch nie zu Aktionen gegen Menschen auf; im Gegensatz zu Aktionen gegen Sachen. Doch allein Dutschkes intensive Art konnte wie ein Aufruf zu Gewalt wirken, unabhängig von den Worten, die er verwendete. Außerdem wirkten seine Äußerungen Ende der 1960er-Jahre oft doppeldeutig.“ (Pos. 3212)

Alles in allem ist es ein spannendes Buch, das die Hintergründe der 68er-Bewegung bis hin zum Linksterrorismus in den westlichen Ländern aufklärt und eine interessante These vertritt, die man allerdings noch besser begründen sollte. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: Wir sind dran

Wir sind dran Club of Rome Der grosse Bericht von Ernst Ulrich Weizsaecker

Von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Wijkman, Anders, et al., Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe mich sehr lange damit schwer getan, dieses Buch zu rezensieren. Das Buch war ungefähr das, was ich erwartet hatte, und doch war ich enttäuscht. Vielleicht war ich auch vor allem deshalb enttäuscht, weil es so war, wie ich es erwartet hatte. Doch dazu später mehr.

Wir sind dran“ ist der neuste Bericht des Club of Rome, welcher 1972 mit seinem ersten Bericht „Grenzen des Wachstums“ über Nacht bekannt geworden war. Wie wir heute wissen, ist vieles sehr anders gekommen, wie es damals prognostiziert wurde. In vielen Bereichen hat das Wachstum rasant zugenommen, anstatt an seine Grenzen zu stoßen. Es ist nur natürlich, dass man sich in der Wissenschaft immer wieder irrt, und daran kann niemand etwas aussetzen. Es darf auch kein hämisches Grinsen über solche Irrtümer geben. Aber dann würde ich erwarten, dass diese dann auch zugegeben und korrigiert werden, statt – wie hier in manchen Fällen geschehen – sie noch zu verstärken.

Nun gut, auch damit kann ich leben. Es macht mich einfach noch aufmerksamer für den weiteren Inhalt des Buches. Und der bleibt leider sehr dürftig. Es bleibt bei vielen „muss sich ändern“ oder „muss geändert werden“, aber all das bleibt sehr unkonkret. Der Bericht versucht, einen unverständlichen Optimismus zu schüren, der aus dem Pessimismus geboren wird. Die Botschaft ist: Eigentlich deuten alle Daten auf einen totalen Kollaps hin, aber irgendwie – fast wie durch Zauberhand – schaffen wir das dann doch noch. Wir müssen es nur wollen. Doch wie genau man das anpacken sollte, das weiß niemand.

So, das klingt jetzt sehr pessimistisch. Eigentlich ist das Buch sehr spannend zu lesen, es enthält viele Daten und viele gute Gedanken, die es wert sind, dass weiter darüber nachgedacht wird. Und wenn das der einzige Grund für den Bericht wäre, dann müsste man das Buch in den höchsten Tönen loben, denn diese Aufgabe übernimmt es wirklich echt gut. Da sind zahlreiche ernsthafte Forscher am Werk, die mit Computersimulationen und neusten Daten arbeiten und versuchen, sich die Zukunft vorzustellen. Das macht das Buch sehr interessant, und ist deshalb auch zu empfehlen.

Doch offensichtlich verfolgt der Club of Rome noch ein weiteres Ziel – eine politische Agenda, mit welcher unser Leben radikal verändert werden soll. Es geht – und hier wird die Katze erst gegen Ende des Buches aus dem Sack gelassen, wenn der Leser schon beinahe an den Zukunftsszenarien verzweifeln könnte – um globale Regeln. Etwas klarer wird es auf S. 357, wo die Rede von einer „Kohabitationsbasierten globalen Governance“ ist. Der Pseudo-Fachterminus klingt harmlos, vielleicht sogar schön. Doch auch die nachgeschobene Verneinung kann diesen Umstand nicht verdecken. Auf derselben Seite schreiben die Autoren nämlich: „Das COHAB-Modell erfordert ganz bewusst keine globale Regierung.“ Doch davor wird schon erklärt: „Das COHAB-Modell ist natürlich ein Traum.“ Es geht also doch darum, dass nach dem starken Mann gerufen wird, der starke Regeln aufstellen und durchsetzen kann. Und genau hier setzt meine stärkste Kritik an: Das Ganze ist bewusst oder unbewusst antidemokratisch. Der einzelne Bürger der Staaten dieser Welt soll nicht mitreden können, stattdessen soll über seinem Kopf hinweg eine ganze Menge alternativloser Dinge entschieden werden, die vermutlich dann doch zu einem Kollaps führen würden; zumindest wenn man den Daten des Buches glauben soll.

Ein letzter Punkt, der mir fehlt, ist eine Gesamtanalyse der einzelnen Bereiche, ich möchte von einem Gesamtszenario sprechen, das die zahlreichen Bereiche des Buches unter einen Hut zu bringen versucht und sich dann überlegt, wohin wir steuern. Es werden nämlich so viele einzelne Bereiche angesprochen, und jeder Bereich ist von so vielen möglichen Stellschrauben und Alternativen abhängig, dass man leicht den Überblick verliert.

Fazit:

Ein spannend geschriebenes Buch, das viele gute und nachdenkenswerte Analysen und Daten enthält, dem aber ein Gesamtüberblick fehlt und der letzten Endes wohl auch Wasser auf den Mühlen der Antidemokraten rechter und linker Populismen ist, welche nach dem starken Mann rufen, der unsere Welt aus dem Dreck ziehen soll. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.