Buchtipp: Der Outsider

Der Outsider von Stephen King

King, Stephen, Der Outsider, Heyne Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 748S., Verlagslink, Amazon-Link

Nachdem ich von „Sleeping Beauties“ nicht wirklich überzeugt wurde, ist „Der Outsider“ endlich wieder ein King-Roman, der tatsächlich an den „Meister des Horrors“ erinnert, von dem ich in meiner Teenager-Zeit einige Bände gelesen hatte. „Der Outsider“ ist ein Buch, das zwischen den Genres Kriminalroman und Horror wechselt. Vordergründig geht es um ein schreckliches Verbrechen, das in der Kleinstadt Flint City geschah. Verdächtigt wurde der allseits beliebte Baseball-Trainer und Englischlehrer Terry Maitland. Doch er wurde an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen: Kurz vor und nach dem Verbrechen in Flint City, aber ebenfalls mit vielen Augenzeugen bei einer Lehrerkonferenz, weit entfernt von der Kleinstadt. Kann sich der Verdächtige zugleich an zwei Orten aufhalten? Beide Orte weisen sichtbare Spuren von Maitland auf. Die DNA an der Leiche stimmt mit seiner überein, aber an der Konferenz wird er gefilmt und hat unbewusst einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Auf der Suche nach der Wahrheit finden Ralph Anderson und sein Team noch weitere ähnlich mysteriöse Fälle, bei welchen der Täter zugleich auch an einem anderen Ort gewesen war. Die Spur führt letzten Endes zum „Outsider“, einem Monster, das von der Trauer und dem Schmerz seiner Opfer lebt. Als sie es stellen, bleibt am Ende nichts als ein Haufen weißer Maden übrig, gleich denen, die Ralph einstens beim Aufschneiden einer Melone fand.

Der Leser ist beim Einstieg gleich mitten im Geschehen: Eine schrecklich zugerichtete Leiche wurde gefunden. Mehrere Einwohner der Kleinstadt haben den Verdächtigen an besagtem Tage gesehen. Bei den Zeugenvernehmungen zieht sich alles in die Länge. Der Verdächtige wird im großen Stil während des wichtigsten Baseballspiels der Saison festgenommen. Gegen Ende des Buches – ungefähr im letzten Viertel – steigt die Spannung noch einmal richtig an. Dazwischen schwankt sie über weite Strecken, doch auch hier sorgt King dafür, dass sie immer so weit erhalten bleibt, wie es nötig ist. Wenn ich an frühere Bücher des Autors denke, etwa an „ES“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „In einer kleinen Stadt (Needful Things)“, so ist die Spannung im Outsider in den Spitzen weniger ausgeprägt, aber konstanter vorhanden. In manchen früheren Büchern war es so, dass bestimmte Szenen so richtig aufs Gänsehautfeeling abzielten. Dazwischen gibt es dort jedoch richtige Spannungsflauten. Beim Outsider ist der Spannungsbogen besser ausgewogen, man könnte von einem reiferen Werk sprechen.

Interessant finde ich den Roman auch deshalb, weil sich King hier – wie auch sonst oft – mit dem Bösen auseinandersetzt. Das Böse lebt mitten unter uns, aber wir erkennen es nicht, weil es jede Maske annehmen kann. Allein das gibt einiges an Stoff zum weiteren Nachdenken. Gut fand ich dabei, dass das Böse nicht einfach nur ein Teil aller Menschen ist, sondern eine externe Größe, eine Art eigene Persönlichkeit. Dass King dann eine Figur aus Volkslegenden aufnehmen musste, fand ich überflüssig. Ebenso die schlussendliche Auflösung des Ganzen. Das Böse ist bei King so leicht besiegbar, dass es ausreicht, wenn sich Menschen darum kümmern. Das ist mir zu billig, da fängt die Verführung zur Selbsterlösungsreligion an. Auch die Erstellung und Charakterisierung von übersinnlichen Figuren, die das Böse darstellen sollen konnte er schon deutlich origineller und besser. Der „Outsider“ ist meines Erachtens aus Verlegenheit des Autors entstanden und passt in das Setting des Romans nicht wirklich hinein. Die übrigen Figuren sind jedoch sehr lebendig und natürlich entworfen und ausgeführt. Ganz wie man sich das bei King gewohnt ist.

Sehr schön fand ich aber den inneren Kampf in Ralph Anderson, der sich fragte, ob die Wahrheit es wert ist, dass man sie sucht, verfolgt und findet. Er könnte es auch auf sich beruhen lassen. Es sind genügend Beweise gegen Maitand vorhanden. Der Verdächtige ist tot. Ist er es wert, dass man sich alles noch einmal ganz genau anschaut und seine Unschuld vermutet? Doch am Ende siegen die Neugier und das Verantwortungsgefühl in Ralph und er ist bereit, die Wahrheit zu finden, koste es was es wolle. Selbst wenn es sein gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen sollte. Was ja dann auch geschieht. Hier können sich noch viele Menschen unserer Zeit von der Figur des Ralph Anderson eine Scheibe abschneiden.

Es ist ja schon lange bekannt, dass Stephen King viele Bezüge in seinen Büchern der Bibel entnimmt, besonders das Alte Testament fasziniert ihn. Solche Bezüge habe ich hier weniger gefunden, aber aufgefallen ist mir dennoch, dass gerade in den neueren Werken von King die Suche nach der Wahrheit eine wichtige Rolle spielt. Im „Outsider“ finden wir den Kampf zwischen einem reinen Naturalismus, der nur glauben will, was dem bisher Gewohnten entsprach, und einem Volksglauben an Monster und aus diesen beiden wird zum Schluss als Synthese eine Art kritischer Realismus, der zwar die sichtbare Realität als wahrnehmbar betrachtet, jedoch auch ernst nimmt, dass es auch Dinge geben kann, die uns Menschen anders erscheinen als die der äußeren Realität entsprechen. So ist der „Outsider“ ein Wesen, das nur fremde Formen annehmen kann, aber wenn er an und für sich – ohne diese äußere Gestalt – gesehen wird, so können die Personen im Roman nur noch einen Haufen Maden erkennen. Im Vergleich zu früheren Büchern, in welchen King oft einen Relativismus oder einen Irrationalismus vertrat, ist dieser Band ein echter Fortschritt.

Fazit:

Stephen King hat mit „Der Outsider“ ein spannendes Werk geschaffen, das an an frühere Bücher von ihm erinnert. Der Spannungsbogen ist gut gelungen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen dürfte allerdings eher irreführend denn fürs Leben hilfreich sein. King beschreibt allerdings sehr schön die ehrliche Suche nach der Wahrheit, und das gefällt mir gut. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Eiskalte Freundschaft

Eiskalte FreundschaftIch werde nie vergessen von Laura Marshall

Marshall, Laura, Eiskalte Freundschaft – Ich werde nie vergessen, blanvalet Verlag München, 2018, 448S., Verlagslink, Amazon-Link

Zickenterror hoch drei! Seit Jahren versucht Louise zu verdrängen, was damals an der Schule passiert war. Zickenterror, Mobbing, am Ende gar ein Todesfall. Und dann kommt mitten im Alltag der Alleinerziehenden Louise plötzlich auf Facebook eine Freundschaftsanfrage. Von dem Mädchen, das damals bei der Abschlussparty verschollen ist und für tot erklärt wurde. Ist Maria tatsächlich noch am Leben? Oder ist es jemand anderes, der sie rächen will? Ihr großer Bruder, der damals immer als ihr Bodyguard auftrat? Ungefähr zur selben Zeit wird in ihrer damaligen Schule ein Klassentreffen organisiert. In der Hoffnung, dass sich dann alles aufklären würde, fährt Louise zum Treffen. Doch dort geschieht ein Mord, und dann überstürzen sich die Ereignisse. Und die Wahrheit ist am Ende – wie so oft – ganz anders als gedacht.

Der Einstieg in das Buch ist gelungen, man ist gleich mitten im Geschehen und wartet mit Interesse der Dinge, die da kommen. Das Buch ist auf zwei Zeitschienen angelegt, welche oft abrupt wechseln: Die Gegenwart und die Zeit, als sich die Mädchen in der Schule befanden. Nach dem spannenden Anfang zieht sich das Buch ziemlich in die Länge wie Kaugummi, und leider gelingt es der Autorin häufig nicht, durch die Zeitwechsel wiederum neue Spannung aufzubauen. Es steckt eine gute Idee dahinter, und immer mal wieder ist diese gut umgesetzt, aber der Kontrast zwischen den richtig spannenden Teilen und den vorhersehbaren Ereignissen ist zu krass, um die Story zu einem wirklich spannenden Thriller zu machen. Nicht selten gibt es seitenlange Beschreibungen von Zickenterror und Schulstreichen, die mich eher an Teenieromanzen erinnerten, und das hatte ich nicht erwartet. Gegen Ende des Buches nimmt die Spannung noch einmal rapide zu, und die Begegnung mit der Person hinter dem Profil von Maria ist richtig lebhaft geschildert. Das fand ich gut, und es hat mir einen besseren Eindruck hinterlassen als ich ihn noch kurz davor hatte.

Die Charaktere sind unscharf entworfen und häufig in sich selbst widersprüchlich. Das mag man vielleicht als authentisch empfinden, aber es stört den Lesefluss und hält den Leser mit Nachdenken auf. Louise ist der typische labile Mitläufertyp, stets um ihr eigenes Image besorgt, und deshalb auch bereit, um dessentwillen immer wieder die Fronten zu wechseln und am Ende auch an Mobbingaktionen teilzunehmen. Irgendwie dreht sich die ganze Welt für sie zu Schulzeiten gerade mal um eine Handvoll Leute, gerade so, als gäbe es nur die ganz Beliebten und auf der anderen Seite die Abgeschriebenen, die zwar ihr Mitleid zu erregen vermögen, um des guten Images willen jedoch auch verkauft und verraten werden. Dass die Realität anders gewesen sein muss, zeigt die Größe des Klassentreffens. Irgendwie scheint die Autorin auch in Hinblick auf die Protagonistin zwischen Mitleid und Entrüstung hin- und hergerissen gewesen zu sein, denn die Wortwahl schwankt beständig zwischen diesen Kategorien hin und her.

Fazit:

Eiskalte Freundschaft ist Buch mit einem sehr spannenden Einstieg und einem gut durchdachten und richtig spannenden Schluss, während sich dazwischen alles recht ruhig entwickelt und sich meines Erachtens zu sehr in die Länge zieht. Die Charaktere sind unscharf gezeichnet und wenig sympathisch. Die Zeitsprünge hätten noch besser durchdacht und bewusst als spannungserzeugendes Stilmittel eingesetzt werden können. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sterne.

Buchtipp: Panterra Nova: Die Suche

Farina Eden - Panterra Nova: Die SucheEden, Farina, Panterra Nova: Die Suche, Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart, 2018, 334S., Verlagslink, Amazon-Link

Chris ist ein Wunschdenker. Wunschdenker können mit ihren Gedanken Menschen manipulieren und sie dazu bringen, gegen ihren Willen Dinge zu tun, die sich der Wunschdenker wünscht. Bis zu seinem 17. Geburtstag wusste Chris noch nicht einmal, dass es so etwas gibt. Erst mit diesem Geburtstag wird die Gabe aktiviert. Jeder Wunschdenker hat einen Hüter oder eine Hüterin, weil Wunschdenker wegen ihrer Gabe gejagt werden. Chris möchte endlich wissen, wer sein Vater ist, besonders nachdem er erfährt, dass er diese Gabe von ihm geerbt haben muss. Was er nicht weiß: Sein Vater war durch diese Gabe inzwischen dabei, die Welt ins Unglück zu stürzen und die Erde in seinem Drang, sie zu erhalten, zu zerstören. Ein Wettlauf beginnt: Kann es Chris und den Hütern gelingen, die Maschinen rechtzeitig auszuschalten, bevor die Erde ganz zerstört ist?

Panterra Nova ist eine Dystopie, und zugleich eine Geschichte über eine erwachende Liebe, eine Roman über die Selbstfindung, die Frage: Wer bin ich? Was macht mich aus? Insgesamt ist das Buch wohl eher für ein jüngeres Publikum geschrieben (Mensch, bin ich schon so alt????), aber ich denke, dass zumindest manche Fragen auch ein Leben lang gestellt werden können. Etwa: Machen wir die Umwelt kaputt, indem wir sie retten wollen? Wie viel Eingriff und wie viel planmäßiger Wiederaufbau von bereits genutzten Flächen macht überhaupt Sinn und ist verantwortbar? Mit der Gabe des Wunschdenkers begibt sich Eden auch in den Bereich der Fantasy. Das fand ich etwas zu viel Vermischung der verschiedenen Genres, denn letzten Endes spielte das Ganze hier, in Deutschland, der Schweiz, dem Europa dieser Erde.

Der Anfang ist wirklich gut gelungen. Ein schöner Einstieg, der den Leser gleich ins Leben von Chris hineinnimmt. Mit der Zeit überstürzen sich die Ereignisse, und hier wird dann zugleich auch deutlich, dass das Buch mit verschiedenen Genres und Fragestellungen deutlich überladen ist. Es gibt viele Fäden, die nur kurz aufgegriffen werden und am Ende zu keinem Ergebnis führen. Das hätte vielleicht mit einer ausführlicheren Testleserunde bereits im Voraus festgestellt und behoben werden können. Davon abgesehen hat mir das Buch gut gefallen, besonders auch, weil es einen zeitgenössischen Trend zum extremen Ökofanatismus sehr schön widerspiegelt, der sich möglicherweise auch eines Tages in sein Gegenteil verkehren und lebensfeindlich werden kann. „Die Suche“ ist der erste von insgesamt drei geplanten Bänden zu Panterra Nova.

Fazit:

Farina Eden legt mit „Panterra Nova: Die Suche“ einen Roman vor, der sich leicht lesen lässt, wenngleich er ein düsteres Szenario von der Zukunft zeichnet. Viele gute Fragen regen zum Nachdenken an. Manches bleibt am Ende leider ungeklärt. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Ein Teil von ihr

Slaughter, Karin, Ein Teil von ihr, HarperCollins Germany GmbH, 2018, 544S., Verlagslink Amazon-Link

Wie gut kennt man die eigene Mutter? Eigentlich dachte Andrea (Andy) Oliver, sie würde ihre Mutter doch ziemlich gut kennen. Bis zu jenem Tag, ihrem Geburtstag, als etwas geschah, was alles ins Wanken brachte. Mutter Laura rettet das Leben ihrer Tochter, indem sie den Angreifer tötet. Und der Blick ihrer Mutter, dieser ausdruckslose, mit sich selbst vollkommen im Reinen scheinende Gesichtsausdruck, während sie dem Angreifer den Hals aufschlitzt, ändert alles. Für Andy beginnt eine Suche nach der Vergangenheit ihrer Mutter, welche sie durch einige Bundesstaaten der USA führt und sie in Kontakt mit einigen Personen bringt, die ihr gefährlich werden. Auf ihrer Reise findet Andy immer mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter und auch über sich selbst heraus. Sie merkt auch, dass sie selbst in ihrem Selbstbild und Charakter durch diese Erkenntnisse gestärkt wird – obwohl oder gerade deshalb weil es doch einiges Schockierendes ist, was sie da hört und sieht. Es wird deshalb auch eine Reise zu sich selbst.

Man mag sich streiten, ob es sich um einen „klassischen Slaughter-Thriller“ handelt, denn die sonst eher typischen Schock-Gewaltszenen halten sich schwer in Grenzen. Mir hat das gerade deshalb auch gut gefallen, denn die Story wurde dadurch nicht so von diesen Thrill-Momenten unterbrochen. Es ist eher eine Art Kriminalroman von einer Tochter, die etwas herausfinden will und sich deshalb auf die Suche nach den Indizien dafür macht. Mir hat auch gefallen, dass die Story wirklich stark rüberkommt und weitgehend eine in sich geschlossene Einheit ist. Die Charaktere sind gut entwickelt und sympathisch, besonders Andy. Aus Laura wird man lange Zeit nicht schlau, aber es ist klar, dass das gerade die Absicht ist, um die Spannung bis zum Schluss zu halten. Der Roman pendelt beständig zwischen den zwei Zeitschienen 2018 und 1986. Auch dies ist gut gewählt, denn es gibt der Autorin die Möglichkeit, die Spannung zusätzlich zu steigern, indem sie immer dann, wenn die Protagonistin kurz vor einer weiteren Entdeckung steht, die Zeitschiene wechselt.

Doch leider kommt die Autorin auch diesmal nicht darum herum, ihren Relativismus zu predigen. Besonders deutlich wird dies durch die Person von Gordon Oliver, den Exmann von Laura und Adoptivvater von Andrea. Typisch ist zum Beispiel folgende Ansage: „’Detective Palazzolo.’ Gordon klang endlich wieder wie er selbst. ‘Wir sind beide lange genug auf dieser Welt, um zu wissen, dass Wahrheit Interpretationssache ist.’“ (Kindle-Position 732) Damit macht die Autorin aber auch etwas von der an sich gelungenen Story kaputt. Andy ist auf der Suche nach der Wahrheit. Sie möchte erfahren, wer ihre Mutter ist, und wer sie selbst ist. Doch immer wieder macht Slaughter klar, dass sie Wahrheit für ein gesellschaftliches Konstrukt hält. Das führt zu einer Spannung innerhalb des Romans, die sich durch alles hindurchzieht. Andy erfährt von einigen der Begebenheiten von damals, aber auch nicht von allen eigentlich wichtigen. Ihr Bild von ihrer Mutter wird etwas klarer, aber immer noch verschwommen genug, um alle möglichen Interpretationen zuzulassen. Dennoch hat mich das Buch viel zum Nachdenken gebracht. Der Titel ist passend: Ein Teil von ihr, das lässt sich auch mehrfach deuten. Einerseits geht es um einen Teil von der Geschichte ihrer Mutter, dann auch um einen Teil der gemeinsamen Geschichte, denn in gewisser Weise ist die Tochter ein Teil der Mutter; sie erbt genetisch und durch Nachahmung eine Menge. Und schließlich wird das frühere Leben der Mutter zu einem Teil des Leben des Tochter, indem sich Andy aufmacht und mit dem Vor-Leben Lauras in direkten Kontakt kommt. Beider Leben sind also mehrfach miteinander verflochten und verknüpft.

Fazit:

Ein spannender Roman, wenngleich nicht unbedingt ein typischer Slaughter-Thriller. Eine interessante Story mit überzeugenden Charakteren, doch leider auch wieder vom Relativismus der Autorin durchzogen. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Die gute Tochter

Slaughter, Karin, Die gute Tochter, HarperCollins Germany GmbH, 2018, 560S., Verlagslink, Amazon-Link

Zur falschen Zeit am falschen Ort sein – das wird zum Albtraum für die zwei Schwestern Samantha und Charlotte (Sam und Charlie) in ihren Teen-Jahren. Die vermummten Männer, welche das Haus stürmen, hatten es auf Rusty, den Vater der beiden, abgesehen, einen Rechtsanwalt und Verteidiger vieler Krimineller, der an das Gute im Menschen glaubt. Die Mutter wird erschossen, die Töchter kommen knapp mit dem Leben als seelische (beide) und körperliche (Sam) Wracks davon.

28 Jahre später ist der Vater wieder in einen Fall verwickelt. Inzwischen arbeitete er mit Charlie zusammen, welche durch einen Zufall eine der ersten am Tatort war. Ein erneuter Anschlag auf Rusty verhinderte sein Erscheinen vor Gericht, weshalb Sam für ihn diesen Termin übernimmt. Die Verwicklungen in diesem neuen Fall führen immer wieder zum Tag vor 28 Jahren zurück. Alte Wunden brechen auf, manch Verdrängtes kommt im Zuge der Ermittlungen ans Licht, und am Ende ist so manches ganz anders man als zunächst gedacht hatte.

Dass es um Gewalt geht, war mir schon vor dem Beginn des Buches klar, denn der Name der Autorin spricht für sich. Das macht mir auch nicht besonders viel aus, da ich in der Hinsicht einiges (in Büchern) gewohnt bin. Wer allerdings ein Problem mit ausführlichen Beschreibungen von Gewalt hat, sollte besser die Finger davon lassen. Ich meine, dass wir unsere Augen nicht vor all der Gewalt verschließen sollten, die tagtäglich in unserer gefallenen Welt geschieht. Allerdings weiß ich natürlich auch, dass Menschen darauf sehr unterschiedlich reagieren. Deshalb an dieser Stelle die Warnung: Vorsicht Gewalt (im Buch, nicht in der Rezension).

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, was wohl passiert sein muss, um Rusty zu Rusty zu machen. Naiv, geheimniskrämerisch, gutmütig bis hin zu gleichgültig, und doch klug auf seine Art. Irgendwie ein unrealistischer Mensch. Die anderen Charaktere fand ich hingegen gut gezeichnet. Einzig aus Rusty werde ich nicht schlau. Aber vermutlich wird er gerade durch seine widersprüchliche Art für viele Leser zum Liebling der Geschichte werden. Mir blieb er immer sehr suspekt. Er glaubt so sehr an das Gute im Menschen, dass Recht und Ordnung für ihn wertlos werden. Ich vermute, dass Slaughter ihn entwickelt hat, um mit ihm am Schluss genau das aufzulösen: Die Erinnerung an ein begangenes Verbrechen sei die schlimmste Strafe. Und genau deshalb ist mir nicht nur Rusty sondern auch die ganze Story an sich suspekt.

Ansonsten ist die Familie Quinn sehr schön aufgebaut und geschildert. Sehr intensiv und emotionsgeladen sind die Erinnerungen der beiden Frauen an die Geschehnisse vor 28 Jahren. Zuweilen musste ich da mal ganz tief durchatmen vor dem Weiterlesen. Am Ende des Buches stand ich jedoch etwas ratlos da. Der Shift von der Gegenwart in die Zeit als Teenies ist so vollständig vollzogen, dass der Fall der Gegenwart in Vergessenheit gerät. Und das fand ich schade. Da fehlt ein ernsthaftes Ende der Geschichte, die beiden Handlungssträngen gerecht wird. Irgendwie bleibt ein schaler Nachgeschmack übrig, ob es der Autorin einzig darum ging, möglichst viel Gewalt und Schockerszenen in ein Buch zu klatschen, ohne sich allzu groß um die Story zu kümmern? Vermutlich nicht, denn dazu ist der Rest zu gut geschrieben. Und doch nehmen diese Szenen einen besonders prominenten Platz ein und lassen die eigentliche Geschichte in den Hintergrund treten. Eigentlich schade, denn das Setting und der größte Teil vom Plot waren sehr interessant und vielversprechend.

Karin Slaughter predigt mit ihrem Buch – wie viele andere zeitgenössische Autoren – einen Subjektivismus und Relativismus. Sie schildert dieselben Ereignisse aus der Sicht der verschiedenen Personen unterschiedlich und lässt sie dann so stehen. Auch wenn es Gegensätze gibt, werden sie auch zum Schluss nicht ernsthaft kritisiert und korrigiert, wie es nötig wäre, sondern lediglich durch die anderen Sichtweisen ergänzt. Damit schreibt sie vor allem für ihre eigene Generation. Vermutlich werden ihre jetzigen Bücher in 15 Jahren kaum noch gelesen werden und es wäre zu hoffen – zu ihren Gunsten – dass sie auch dann noch den Nerv ihrer Zeit zu treffen vermag. Mit realistischeren Charakteren als Rusty und klareren ethisch-moralischen Urteilen.

Fazit:

Wer spannende und überraschende Lektüre mag und vor ausführlicher Gewaltdarstellung nicht zurückschreckt, wird hier eine Menge von alldem finden. Ich hätte mir von der Story mehr erwartet und blieb mit einigen offenen Fragen zurück. Die Autorin predigt einen Relativismus und lässt am Ende vieles offen. Schade, denn die Geschichte hätte uns sonst viel zu sagen! Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

Buchtipp: The woman in the window

The Woman in the WindowWas hat sie wirklich gesehen von A J Finn

Finn, A. J., The woman in the window – Was hat sie wirklich gesehen?, BlanvaletVerlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH München, 1. dt. Aufl. 2018, 544S. Verlagslink, Amazon-Link

Anna Fox lebt nach einem Unfall allein in ihrem großen Haus. Sie kann es nicht verlassen, da sie sonst Panikattacken bekommt. Ihre Welt besteht nur noch aus Fenstern: Jenen im Browser, durch welche sie – ausgebildete Psychologin – anderen Betroffenen der Agoraphobie helfen kann, und denen im Haus, durch welche sie ihre Nachbarn sehen und beobachten kann. Eines Tages bemerkt sie im relativ frisch bezogenen Nachbarhaus ein schreckliches Bild: Die Frau des Hauses – blutüberströmt – mit einem Messergriff in der Brust.

Damit beginnt eine rasante Suche nach der Wahrheit, was in diesem Moment genau alles geschehen ist und was nicht. Hatte sie sich alles eingebildet, weil sie ihre Medikamente mit Alkohol zusammen eingenommen hatte und dies zu Nebenwirkungen führte? Jedenfalls glaubt das die Polizei. Aber woher kommt das Foto, das sie in der Nacht beim Schlafen zeigt? Und wer ist tatsächlich die Frau des Nachbars? Fragen über Fragen, die in diesem spannenden Thriller erst ganz gegen den Schluss hin geklärt werden.

A. J. Finn hat da ein raffiniertes Werk geschaffen, das so gedacht sein muss, dass der Leser sich immer wieder hinters Licht geführt sieht – und die ganze Geschichte mit jedem neuen Detail wieder komplett neu bewertet werden muss. Vielleicht muss ich an der Stelle festhalten, dass es dann wohl etwas zu raffiniert war, denn mit der Zeit ergibt sich ein Muster, anhand dessen sich der weitere Verlauf der Geschichte ziemlich gut vorhersagen lässt. Ungefähr nach zwei Dritteln war mir klar, wie das Ende aussehen wird. Es ist so ein Roman, den man am besten nicht zweimal liest, denn wer den Schluss kennt, wird das Buch nicht mehr so genießen können und gleich von Anfang an dem Täter mit dem nötigen Urteil begegnen.

Eine der ganz wichtigen und wertvollen Aussagen des Romans lässt sich mit den Worten Jesu aus Johannes 8,32 wiedergeben: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Anna beginnt ihren Heilungsprozess damit, dass eine Polizistin ihr die eine schmerzhafte Wahrheit an den Kopf wirft, welche sie seit Langem verdrängt. Es ist leider nicht die ganze Wahrheit, aber doch so viel, dass da alte, faulende Narben aufplatzen können und sie langsam aber sicher wieder Boden unter den Füßen bekommt. Was klar bleiben muss: Finn meint dies nicht im Sinne Jesu, dass der stellvertretende Kreuzestod die eine, ewig gültige Wahrheit ist, die den Menschen frei macht, aber in einem unvollkommenen Sinne lernen wir Menschen aus der Erfahrung immer wieder, dass wir geschehene Ereignisse und Erfahrungen verdrängen, und dieses Verdrängen uns ganz schön Probleme bereiten kann.

Auch die Geschichte an und für sich gefällt mir gut. Insbesondere, wie Finn die Frage angeht, wie eine ausgebildete Psychologin wohl damit umgeht, wenn sie eines Tages selbst therapiebedürftig wird, fand ich richtig gut umgesetzt. Ebenso befasst sich der Autor auf eine gute Art und Weise damit, wie schnell falsche Vorurteile greifen können und welches Unheil sie anrichten, wenn sie erst einmal in ihrer Spurrille festgefahren sind. Das macht das Buch lesenswert und wertvoll. Der Leser muss sich immer wieder mit neuen Details befassen, welche schon wieder einen ganz neuen Blick auf die gesamte Geschichte verlangen. Und bei jeder dieser Wendungen wird man daran erinnert, wie schnell ein vorschnelles Urteil aufgrund von zu wenig Fakten gebildet wird.

Etwas mühsam fand ich die seitenlangen Chatauszüge. Diese hätte man ruhig um drei Viertel kürzen können und nur das Allerwichtigste wiedergeben. Es ist natürlich klar, dass damit auch wieder eine falsche Fährte gelegt werden sollte. Dennoch sehnte ich mich während dieser immer danach, dass endlich wieder etwas Interessanteres passiert. Am Anfang tut sich die Story sehr schwer, es dauert lange, bis sich etwas entwickelt. Doch ab den ersten 150 Seiten geht es dann sehr schnell voran und wird richtig spannend. Wer gut aufpasst, wird den Schluss jedoch schon vor den zwei letzten Wendungen kennen.

Fazit:

Ein spannender Roman, der nach einem zähen Anfang ganz schön an Geschwindigkeit zulegt. Gute Ideen, die noch etwas punktgenauer und teilweise weniger langatmig hätten umgesetzt werden können. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchrezension: Anpfiff zur zweiten Halbzeit

Anpfiff zur zweiten Halbzeit von Christian Eisert

Eisert, Christian, Anpfiff zur zweiten Halbzeit, Wilhelm Goldmann Verlag München, 1. Aufl. April 2018, 287 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Auf dem Cover steht der Untertitel des Buches: „Wenn aus Jungs MÄNNER werden“. Wer mich kennt, weiß, dass mich die Frage fasziniert und umtreibt, wie man Jungs helfen kann, zu Männern zu werden. Gerade von diesem Blickwinkel her hat mich das Buch total enttäuscht. Es gibt nicht keine Antwort, sondern jede Menge falscher Antworten. Doch weiter dazu etwas weiter im Text.

Christian Eisert wird im Umschlag als „TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach“ bezeichnet. Als er auf die 40 zuging, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er damit schon die Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung überschritten hat. Er merkt, dass die ersten Haare grau werden. Und weniger dicht. Und dass die Waage beim chronisch schlanken Mann plötzlich in die falsche Richtung ausschlägt. Es beginnt eine hektische Suche nach der Haarverdichtung, der richtigen Ernährung, und nicht zuletzt auch zum Stressabbau. Der Autor mutiert zu einem gestresst hinter der Stressfreiheit herjagenden Menschen, der von Ärzten über Hormonpillen, Aquafit und Scharfschützenkursen bis hin zu Esoterikern mit ihren Angeboten rennt. Zwischendurch finden zahlreiche Diskussionen mit Freunden und Bekannten ihren Platz, welche ihn mit ihren Meinungen zu beeinflussen suchen und natürlich umgekehrt genauso.

Ich muss zunächst einmal festhalten, dass ich – noch gute sieben Jahre vor der 40 stehend – vermutlich die falsche Leserschaft bin. Dennoch möchte ich ein paar Gedanken zu dem Buch von Christian Eisert festhalten. Zwei Dinge haben mir besonders gut gefallen und das möchte ich deshalb auch gleich sagen. Eisert schafft es gut, Hintergrundwissen so ins Buch einzubringen, dass es sich flüssig und leicht verständlich liest. Er hat sich intensiv mit Studien, wissenschaftlichen Methoden und so weiter befasst, und es ist seine Stärke, dass er dieses Wissen so weitergeben kann, dass es praxisnah ist und von jedem verstanden wird. Zum Zweiten wirft er sehr viele gute Fragen auf, die auch den Leser persönlich betreffen. Der Leser wird unbewusst aufgefordert, sich Gedanken zu seinem bisherigen Leben, zu seinen Gewohnheiten, seinem Charakter, und so weiter, zu machen. Und das ist wertvoll.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass mich das Buch in seiner Gänze enttäuscht hat. Angefangen beim Humor. Ich bin ein großer Freund guter Satire und des schwärzeren Humors, aber diese ständigen ultraflachen und längst überholten „Witze“ unter die Gürtellinie haben mich schon fragen lassen, ob man(n) ab 40 tatsächlich nur noch mit den Genitalien zu denken vermag. Womöglich ist da die abnehmende Haardichte auch ein Zeichen für weniger Aktivität unter der Schädeldecke, während zugleich das Selbstbild nur noch via Potenz gesteuert wird. Zumindest liest sich das Buch so. Und damit sind wir auch schon bei meinem zu Beginn erwähnten Hauptproblem des Buches. Die Frage, wann ein Junge zum Mann wird. Hier widerspreche ich dem Autor vollkommen und stelle auch seinen Lebensstil in Frage. Er beschreibt sich als jemand, der viele Beziehungen zu Frauen hatte und sozusagen von einer zur nächsten wandert. Wo jedoch eine lebenslängliche verantwortliche Beziehung fehlt, geht auch die langfristige Verantwortlichkeit verloren und damit die Möglichkeit zum Erwachsenwerden.

Am Ende bleibt die Frage, wie man mit dem Altern umgeht. Versucht man mit allen möglichen und unmöglichen Verjüngungskuren seine Mitmenschen zu täuschen und etwas vorzugaukeln, was man nicht mehr hat oder kann, oder lernt man, mit dem klar zu kommen, was man noch kann – oder auch: Was man in dem Alter noch besser kann? Das ewige Jungheitsstreben, die Suche nach dem heiligen Gral der ewigen Jugend, wird zum Götzendienst unserer Zeit. Und manchmal ertappe ich mich auch dabei, den Zeiten hinterher zu trauern, in welchen ich noch schneller, fitter und mit weniger Schlaf zu leben vermochte. Doch um keinen Preis möchte ich missen, was ich inzwischen lernen und erfahren durfte. Insofern lasse ich gerne die Phasen meiner Teenie- und Twen-Zeit sterben und nehme dankbar alles Neue an, was das Leben im Jahrzehnt zwischen 30 und 40 mit sich bringt.

Fazit:

Christian Eisert hat mit „Anpfiff zur zweiten Halbzeit“ ein interessantes Buch vorgelegt, das auf eine leicht verständliche Art viele Hintergrundinfos zum Altern und Möglichkeiten des Umgangs damit in sein Buch eingebunden. Er stellt auf unterhaltsame Weise viele gute Fragen, allerdings haben mich seine Antworten und auch sein persönlicher Umgang damit enttäuscht. Ich habe am Ende des Buches nicht das Gefühl, dass der Autor durch seine Schwierigkeiten mit dem Altern reifer und erwachsener geworden ist. Vieles erinnert mich eher an das Verhalten eines Schuljungen, der versucht, den Problemen aus dem Weg zu gehen, statt sie anzupacken. Aber da muss sich natürlich jeder Leser selbst fragen, wie er damit umgeht. Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: David Ben Gurion

David Ben Gurion von Tom Segev

Segev, Tom, David Ben Gurion: Ein Staat um jeden Preis, Siedler Verlag München, April 2018, 800S., Verlagslink, Amazon-Link

Schon seit früher Kindheit habe ich ein Faible für dicke, vielseitige Bücher. Und meist werde ich damit belohnt, denn bekanntlich wünscht man sich ja bei guten Büchern, dass sie möglichst lange nicht aufhören. Für einmal hatte ich jedoch ein etwas zwiespältiges Gefühl, denn auf der einen Seite ist es ein interessant geschriebenes Buch, doch zugleich konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass sich das Ganze länger als nötig zieht und es dabei mehr um Segev als um Ben Gurion geht. Tom Segev ist Historiker und Journalist, der in Jerusalem geboren wurde. Er hat mehrere Bücher geschrieben, in welchen er versucht, die Schuld an den Nahost-Konflikten der Politik Israels in die Schuhe zu schieben.

David Grün, wie Ben Gurion eigentlich hieß, wuchs im von Russland besetzten Polen auf, in einfachen Verhältnissen, und ohne große Aussichten. Für Juden gab es im Zarenreich kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Hier fand ich sehr schön, wie Segev versucht, diese Hoffnungslosigkeit und Identitätssuche der jungen Generation zu beschreiben. Vertreter der 100 Jahre später auftauchenden Null-Bock-Generation würden sich darin auch selbst wiederfinden können. Was fehlte, war eine Vision, ein Ziel, für das es sich zu leben lohnte. David fand diese Vision später im Wunsch, Israel wieder als jüdischen Staat aufzubauen. David verlässt Polen, wandert in das Gebiet des heutigen Staates Israel aus, und beginnt, sich politisch zu betätigen. Viele Infos zur Staatsgründung Israels werden im Buch von Tom Segev zusammengetragen und verarbeitet.

Segev erzählt lebendig und über manche Seiten hinweg auch durchaus spannend, mit welchen Schwierigkeiten sich Ben Gurion herumschlagen musste. Ich habe eine ganze Menge gelernt. Nervig fand ich jedoch die zahlreichen Seitenhiebe gegen Ben Gurion. Der Leser muss sich fragen, wie ein derart unangenehmer Zeitgenosse wie Segev ihn darstellt, überhaupt auch nur irgendwen dazu bringen konnte, mit ihm zusammen zu arbeiten und ihm zu helfen. Tatsächlich hatte Ben Gurion mit sehr vielen Menschen Kontakt und musste diese auch überzeugt haben, sonst hätte er nicht als Staatsgründer in die Geschichte eingehen können.

Tom Segev benutzt viele originale Quellendokumente wie etwa Briefe, auf welche er sich stützt. Das lässt sein Buch auf den ersten Blick sehr seriös erscheinen. Zugleich ist es aber interessant, dass gerade die umstritteneren Teile und seine eigenen Einschätzungen und Seitenhiebe gegen Ben Gurion relativ schwach belegt werden. Vielleicht müsste man die übrigen Bücher des Autors auch noch gelesen haben, um einen besseren Überblick über seine Argumentation zu bekommen. Mich haben die Thesen des Buches insgesamt kaum zu überzeugen vermocht. Deshalb hat mich das gesamte Werk trotz all seiner Stärken eher enttäuscht.

Fazit:

Eine gut recherchierte und interessant geschriebene Biographie, die meines Erachtens ein paar Längen zu viel hat. Der Autor bringt einige steile Thesen und Seitenhiebe, die nicht wirklich überzeugend belegt werden. Da hätte ich mehr erwartet. Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.

Charles Dickens lesen: Leben und Denken

Wie können wir uns einem Autoren nähern, der in einer anderen Zeit lebte? Können wir das überhaupt? Können wir gewissermaßen in seine Schuhe steigen, um möglichst viel von ihm lernen zu können? Ich meine, dass dies zu einem guten Stück weit möglich ist, und möchte am Beispiel von Charles Dickens zeigen, wie ich persönlich dies mache. Vielleicht fragt sich mancher, warum ausgerechnet Dickens? Es war ein schneller, kurzer Impuls, der mich dazu brachte. Im Dezember letzten Jahres stieß ich zweimal auf seinen Namen. Zunächst in einem online Artikel – ich weiß nicht mehr, welcher es war, er hatte etwas mit der französischen Revolution zu tun, mit welcher ich mich damals immer wieder beschäftigte – fand ich den Titel seines Buches „A Tale of Two Cities“. Da wurde mir etwas schmerzlich bewusst, dass das Einzige, was ich von Dickens bislang kannte, „A Christmas Carol“ war. Diese kurze Weihnachtsgeschichte las ich dann um die Feiertage herum erneut, und wurde wieder stark berührt davon. Der zweite Grund lag darin, dass ich wusste, dass Dickens in vielen Themen ganz andere Meinungen vertrat als ich. Und da es heilsam ist, sich immer wieder von gegensätzlichen Meinungen konfrontieren zu lassen, entschloss ich mich kurzerhand, dass für Jahresanfang und Frühjahr 2018 Dickens zu meinem persönlichen Leseprojekt werden sollte. In den Monaten Januar bis Mai 2018 las ich insgesamt gut 8400 Seiten in 13 Büchern von ihm, sowie einer Dickens-Biographie von einem Zeitgenossen und Freund von Charles Dickens, John Forster. Alle 14 Bücher (und noch mehr) sind kostenlos als Kindle-Downloads auf englisch und / oder deutsch bei Amazon.de erhältlich.

Charles Dickens wurde 1812 in Portsmouth geboren. Seine frühe Kindheit war unstet, da sein Vater wegen immer wieder wechselnder Anstellungen mehrmals umziehen musste. Als Charles 12 war, musste sein Vater ins Schuldgefängnis, und Charles musste für seine Familie arbeiten gehen. Er wuchs also in ärmlichen Verhältnissen auf und besuchte die Schule nur sporadisch. Mit 15 Jahren wurde er Schreiber eines Rechtsanwalts und zwei Jahre später wurde er Stenograf beim britischen Parlament. Wiederum zwei Jahre später – inzwischen 19 Jahre alt geworden – wurde er Journalist, und mit 24 Jahren schrieb er den ersten Roman – „Pickwick Papers“ -, welcher in monatlichen Sonderheften zur Zeitung erschien. Von diesem Zeitpunkt an verlief sein Leben relativ gleichmäßig. Er schrieb seine Romane, welche als Monatsbeiträge erschienen, und immer mehr an Einfluss gewannen.

Für mich persönlich ist besonders dieser erste Teil des Lebens interessant, welcher sein Schreiben sehr stark prägten. Das ist auch der Grund, weshalb ich gerne vor den Werken eine Biographie lese. Die soziale Herkunft und Biographie helfen sehr, die Werke besser verstehen und einordnen zu können. Dickens lebte in einer Zeit, in welcher besonders oft Bücher geschrieben wurden, deren Handlungen in der Aristokratie und unter Reichen spielte. Doch er traf einen Nerv der Zeit, indem er gerade Geschichten aus dem einfachen Volk erfand, Geschichten, in welchen sich jeder wiederfinden konnte, und ganz besonders auch Geschichten, die eine moralische Botschaft trugen. Diese Botschaft wurde jedoch nicht von oben herab mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen, sondern sehr satirisch und mit viel Witz, was ich als angenehm empfunden habe. Auch wenn man – wie ich – der moralischen Botschaft nicht unbedingt zustimmen kann, sind die Geschichten auf jeden Fall sehr unterhaltsam zu lesen und bringen den Leser immer wieder zum Nachdenken und zur Selbstprüfung. Das finde ich wertvoll an diesem Autor, und kann seine Bücher mit gutem Gewissen zum Lesen, Schmunzeln und Prüfen weiter empfehlen.

Aufgefallen ist mir jedoch, dass ich andere Romane von ihm als besonders wertvoll empfinde als die Literaturgeschichte mit ihren Dickens-Bestsellern. So konnte ich etwa „Oliver Twist“ ziemlich wenig abgewinnen, während mir „Martin Chuzzlewit“ viel besser gefiel, obwohl dieser Roman kaum bekannt ist (außer unter richtigen Dickens-Kennern natürlich). Auch die „Pickwick-Papers“ habe ich gerne gelesen und immer wieder gestaunt, mit welcher Reife und Weitsicht der 24jährige Dickens das Leben beschreibt, aber auch wie in sich geschlossen sein Werk ist, obwohl es über Monate hinweg Stück für Stück geschrieben wurde. Es gibt keine inneren Widersprüche oder Brüche, die dem Leser in die Augen springen würden, auch wenn man das Buch am Stück liest. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass Schriftsteller in der prädigitalen Zeit einfach gezwungen waren, sich besser an das früher Geschehene zu erinnern, weil die Suche noch deutlich umständlicher war. Oder vielleicht konnten damals auch durch natürliche Auslese nur die allerbesten Schriftsteller ihre Werke veröffentlichen. Wie dem auch immer sei, ich fand Dickens’ Schreibstil total klasse, gerade auch weil er es voll gut drauf hat, bestimmten Charakteren ihre eigenen Dialekte zuzuordnen – und auch das bis zum „bitteren Ende“ durchhalten konnte.

Wo ich hingegen Mühe habe, ihm zu folgen, da geht es um seine Vorstellungen zur Verbesserung der Welt. Er propagiert Lösungen, um soziale Missstände zu beheben, die mehr Eingriffe durch den Staat in die Wirtschaft bedeuten würden. Jeder Interventionismus führt zur gesellschaftlichen Verarmung. Eins ist klar: Es gab viel Armut und Kinderarbeit zur Zeit als Dickens lebte. Das ist eine traurige Tatsache, die sich dadurch ergab, dass die industrielle Revolution einiges veränderte und zu jener Zeit immer noch am Verändern war. Insgesamt hat sich das Wohlergehen der Gesellschaft jedoch gerade durch freie Marktwirtschaften deutlich erhöht. Für Dickens wird der Staat zum Messias, während die freie Gesellschaft den Einzelnen unterdrückt und zur Kriminalität zwingt, wie dies etwa bei Oliver Twist gezeigt wird. Der Mensch wird so durch die Gesellschaft geprägt, dass nur mit Gesetzen diese allzu freie und böse Gesellschaft in die Schranken gewiesen werden kann. Der einzelne Mensch hingegen ist – in geradezu Voltaire’scher Naturverehrung – an und für sich gut, solange er nicht durch die verdorbene Gesellschaft auch gleich mit verdorben wird. Manche der Romane Dickens’ gehören deshalb auch dem Genre des Bildungsromans an, so etwa auch „Great Expectations“, die Geschichte von Philip „Pip“, der als Waisenjunge aufgezogen wird, später in aristokratischer Manier erzogen wird und so Stück für Stück die Welt kennenlernt. Häufig arbeitet sich Dickens mit seinen Romanen an der eigenen Vergangenheit ab, in der er sich aus der Armut hocharbeiten musste.

Buchtipp: Zeit der Zauberer

Eilenberger, Wolfram, Zeit der Zauberer, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2018, 432S., Kindle-eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vier Philosophen, zehn Jahre und jede Menge Streit – das könnte leicht zu einem Krimi werden. Besonders dann, wenn sich auch noch einer der Moderatoren der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen darum kümmert, diese Zeit verständlich zu machen. „Zeit der Zauberer“ setzt sich mit der Sprachphilosophie in der Zeit von 1919 – 1929 auseinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Walter Benjamin sind die Protagonisten. Wolfram Eilenberger zieht den Vorhang auf und lässt seine vier Zauberer erscheinen. Bühne frei für ein spannendes Jahrzehnt der deutschsprachigen Philosophie!

Zunächst tritt Ludwig Wittgenstein auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dieser hatte 1911 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Cambridge unter Bertrand Russell studiert, im Krieg in der Gefangenschaft in Italien den „Tractatus logico-philosophicus“ beendet, in welchem er meinte, alle Probleme des Denkens im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Das Problem war nur, dass damals noch kaum einer verstand, was Wittgenstein in seinem Tractatus sagen wollte. Er hatte sein Vermögen der übrigen Verwandtschaft vermacht und die zehn spannenden Jahre als Grundschullehrer in der Provinz zugebracht.

Martin Heidegger hatte in dieser Zeit sein wichtigstes Buch geschrieben: „Sein und Zeit“. Als Höhepunkt seiner Karriere sieht Eilenberger die Rückkehr nach Freiburg, wo er den Lehrstuhl seines Vorgängers Edmund Husserl übernimmt und die „Davoser Hochschulkurse“ mit drei Vorträgen beehren darf. Dort ist ebenfalls der Dritte im Bunde: Ernst Cassirer, mit welchem Heidegger ein Streitgespräch führen sollte. Cassirer war ein origineller Vertreter des Neukantianismus, der in dieser besonderen Dekade seine drei Bände „Philosophie der symbolischen Formen“ zu Papier gebracht hatte.

Martin Heidegger, welcher die Welt von Kant und dessen Dualismus erlösen wollte, trifft auf einen Neukantianer, besser gesagt: Auf den damaligen Neukantianer schlechthin, den Herausgeber der Werke Kants und führenden Kantkenner dieser Zeit. Martin Heidegger ging es um das Ganzheitliche, um das eigentliche Leben, um den Moment, in welchem der Einzelne aufsteht und die Welt auf den Kopf stellt, um Revolution vom uneigentlichen Leben, also vom reinen Existieren des bürgerlichen Lebens zu jenem Umbruch, in welchem der Mensch ganz er selbst ist im praktischen Tun und Handeln. Seine kometenhafte Karriere ist geradezu Sinnbild für seine Philosophie. Dagegen steht Ernst Cassirer für das bürgerliche Leben, den langsamen Aufstieg, bei welchem er durch harte philosophische und schriftstellerische Arbeit Stufe um Stufe erklimmt. So sieht er auch die Kultur als etwas, was sich langsam Schritt für Schritt entwickeln und verändern soll.

Das vierte Kleeblatt ist ein besonderer Fall. Vor diesem Buch wusste ich noch nichts von Walter Benjamin. Die drei übrigen waren mir zumindest in groben Zügen bekannt, doch auch nach dem Buch blieben mir Zweifel, inwiefern Benjamin tatsächlich in den Kreis der drei übrigen gehört. Gewiss, er hatte seinen eigenen eigenständigen und durchaus auch sehr eigenwilligen Beitrag zur Sprachphilosophie geleistet (zumindest für jene, welche ihn und seine Gedanken kennen), doch ob das allein ausreichend ist, um ihn auf jene Ebene zu heben, für welche die drei Übrigen stehen, bleibt fraglich. Auch bei ihm steht das Leben für seine Philosophie, die Zerrissenheit zwischen den Extremen wird für Benjamin zum geradezu Erstrebenswerten der Philosophie.

Das Buch ist spannend geschrieben, enthält jedoch immer wieder Sprünge und Brüche, die sich zwar durchaus philosophisch deuten ließen, den Lesefluss jedoch beeinträchtigen und den Leser verwirren. Die Vergleiche sind interessant, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass immer wieder Dinge vereinfacht werden, damit sie einander noch besser gegenüber gestellt werden können. Die vier Philosophen sind eigentlich so verschieden, dass sie auch mit dem Begriff der Sprachphilosophie nicht auf einen Nenner gebracht werden können – schließlich hätten sie schon Mühe, sich auf eine gemeinsame Definition jener zu einigen. Und das wäre die Grundlage für jeden sinnvollen Vergleich.

Kleine Nebenbemerkung: Ende Februar diesen Jahres hat Eilenberger einen spannenden Essay zum Stand der deutschsprachigen Philosophie in unserer Zeit geschrieben: Wattiertes Denken (Link)

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, besonders wenn man die Protagonisten schon kennt. Leider manchmal zu verallgemeinernd und vereinfachend. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.