Der Bruch im seelsorgerlichen Gespräch

Eduard Thurneysen schreibt:

“Weil das Seelsorgegespräch das ganze Feld des menschlichen Lebens mit allen darin wirksamen psychologischen, weltanschaulichen, soziologischen und moralischen Deutungen und Beurteilungen dem Urteile Gottes unterstellt, darum geht durch das ganze Gespräch eine Bruchlinie, die anzeigt, daß das menschliche Urteilen und Bewerten und das ihm entsprechende Verhalten hier zwar nicht außer Kraft gesetzt, aber daß es in seiner Vorläufigkeit erkannt ist. Da der Mensch sich diese Relativierung und damit gegebene Beschränkung seines natürlichen Urteils nicht gefallen läßt, sondern sich dagegen zur Wehr setzt, wird das Seelsorgegespräch zum Kampfgespräch, in welchem um die Durchsetzung des Urteils Gottes zum Heil des Menschen gerungen wird.”

(Thurneysen, Eduard, Die Lehre von der Seelsorge, Chr. Kaiser Verlag München, 1948, S. 114)

Thurneysen hält hier etwas ganz Wichtiges fest, was wir nie vergessen dürfen: Der Mensch lebt unter der Sünde und sie gefällt ihm! Deshalb können sehr viele menschliche Probleme erst dadurch gelöst werden, dass sie im Lichte von Gottes Wort beleuchtet werden und dort aufgedeckt werden. Die Sünde wird heute sehr gerne verharmlost – in Wirklichkeit ist sie es aber, die erst Krankheit, Tod und Probleme gebracht hat. Erst durch das Aufdecken, Erkennen, Zugeben, Bereuen, Hassen und Lassen der Sünde können viele der täglichen Probleme gelöst werden. Sünde muss nicht nur aus dem Leben verbannt werden, sondern durch das Richtige – das Gott-Gemäße – ersetzt werden.

Predigen in der Kraft des Geistes

Predigen in der Kraft des Geistes
Wenn unsere Predigt in der Kraft des Heiligen Geistes geschehen soll, so müssen wir uns an die Art halten, wie der Heilige Geist wirkt. Wir verfügen nicht über den Geist, sondern Er verfügt über uns. Und Seine Art, zu handeln, muss zu der Art werden, wie wir selbst auch handeln. Also: Nicht der Geist richtet Sich nach uns, sondern umgekehrt, wir richten uns nach Ihm und den Prinzipien, die Sein Wirken ausmachen.
Ein erstes Merkmal ist, dass der Heilige Geist der Autor der gesamten Bibel ist. Die ganze Bibel von 1. Mose bis zur Offenbarung ist gottgehaucht, was bedeutet, dass der Heilige Geist die Autoren der einzelnen Bücher der Bibel inspiriert und überwacht hat. Gott der Heilige Geist trägt die volle Verantwortung für die Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit der Bibel. Und da Er Gott ist, wird Er Sich niemals widersprechen. Wir dürfen somit vertrauen, dass Gott uns durch die Bibel die ganze Wahrheit sagt und nichts aus ihr mit dem Menschenverstand erst überprüfen und gegebenenfalls verwerfen müssen. Im Gegenteil: Jesus Christus bestätigt am Schluss in der Offenbarung, dass von allem, was geschrieben steht, nichts weggenommen und nichts hinzugefügt werden darf. In diesem Moment war also die Schrift vollkommen und alle ihre Inhalte vollkommen zuverlässig. Daran hat sich zu keiner Zeit etwas geändert, sodass es weder Umdeutungen noch verdrehende Interpretationen braucht. Vielmehr genügt die Schrift so, wie sie uns vorliegt. Wer also in der Kraft des Geistes predigen möchte, muss dafür die Bibel in ihrer Gesamtheit und in ihrem vorliegenden Wortlaut ernst nehmen. Sie hat uns heute exakt genau so viel zu sagen wie den Menschen vor 2000 und 3000 Jahren. Das erste Prinzip des Heiligen Geistes ist also dasjenige, dass Er die Bibel nicht nur erschaffen hat, sondern zu jeder Zeit gebrauchen will und wird.
Ein zweites Prinzip nannte uns der Herr Jesus, als Er vom Kommen den Geistes sprach. Da sagte Er, dass der Geist Ihn, also den Herrn Jesus, verherrlichen wird. Das Zentrum aller Predigt in der Kraft des Geistes ist somit der Herr Jesus und Sein Werk am Kreuz von Golgatha. Es ist also so, dass jeder Text der Bibel auf den Herrn hinweist. Das ist auch ein Wunder, aber es ist so. Welchen Text wir auch wählen, wir haben ihn erst dann wirklich verstanden, wenn wir den Herrn Jesus und Sein Werk am Kreuz von Golgatha, nämlich das ganze Evangelium, aus diesem jeweiligen Text heraus predigen können. Es ist Jesus Christus, der unser Ein und Alles sein soll. Er ist für uns auf die Erde gekommen, hat für die Bezahlung unserer Schuld gelitten, ist gestorben, damit wir mit Gott versöhnt leben können und ist auferstanden, damit auch wir auferstehen können und in Ewigkeit bei Ihm sein. Er hat unsere Ungerechtigkeit getragen und uns dafür das Kleid der Gerechtigkeit erworben. In Ihm sind wir vor Gott gerecht gemacht, haben Frieden mit dem Schöpfer und Richter von Himmel und Erde. Das ist der Hauptgedanke, der jeden Abschnitt der ganzen Bibel durchzieht, der rote Faden, der uns durch jede Predigt hindurchführen kann und den der Heilige Geist benutzen möchte, um den Menschen, die uns zuhören, die Erlösung anzueignen. Das zweite Prinzip ist somit, dass der Heilige Geist immerzu auf den Herrn Jesus hinweist und Ihn verherrlicht. So konnte der Apostel Paulus auch an die Korinther schreiben, dass er unter ihnen nichts wusste als Christus, und Ihn als Gekreuzigten.
Das dritte grundlegende Prinzip des Heiligen Geistes betrifft das Wirken, das Er als Auftrag hat. Auch hiervon berichtet uns der Herr Jesus in Seiner Abschiedsrede. Der Heilige Geist, wenn Er dann in Seiner neuen Fülle gekommen sein wird, soll die Welt überführen von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Wenn wir also wollen, dass Menschen zum Herrn Jesus finden und zur Schar der Erlösten hinzugefügt werden sollen, so müssen wir diese drei fundamentalen Wahrheiten in all unsre Verkündigung mit einfließen lassen. Es gibt nichts Schlimmeres, als den Menschen zu sagen, sie seien gerettet, obwohl sie es doch nicht sind. Wir müssen wieder und wieder von der Sünde sprechen, von dieser Kraft, die den Menschen ohne Wiedergeburt versklavt hält. Die Bekehrung und Wiedergeburt, das Erfüllen mit Glauben, all das ist das Werk des Heiligen Geistes. Aber dies kann nur geschehen, wo zuerst die Notwendigkeit all dessen klargemacht wurde. Nur wer von dem Fluch der Sünde und der Schuld weiß, kann das Verlangen verspüren, von Gott in Besitz genommen zu werden. Nur wer von seiner natürlichen Ungerechtigkeit weiß, kann nach dem weißen Kleid der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Und nur wer von dem letzten und schrecklichen Gericht weiß, kann sich nach dem göttlichen Freispruch sehnen. Aus diesem Grund wird die Predigt dort in der Kraft des Heiligen Geistes geschehen, wo wir bereit sind, mit Ihm zusammenzuarbeiten. Wo dies nicht geschieht, ist der Mensch auf seine eigene Kraft und Rhetorik angewiesen, wird aber auch kein bleibendes Werk der Erlösung in seinen Zuhörern voranbringen können. Wer die Geschichte der Erweckungen kennt, wird leicht feststellen können, dass dies mit ein Grund ist, weshalb es Erweckungen geben konnte. Menschen begannen, mit dem Heiligen Geist zusammenzuarbeiten und der Herr Jesus bestätigte ihre Arbeit durch nachfolgende Zeichen. Möchtest auch du Erweckung sehen? Vertraue auf das Werk des Herrn und die Kraft des Geistes!

Unsere goldenen Kälber

Unsere goldenen Kälber
Wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Ebenbild wollt ihr ihm an die Seite stellen? Das Götzenbild? Das hat der Künstler gegossen, und der Goldschmied überzieht es mit Gold und lötet silberne Kettchen daran. Wer aber zu arm ist, wählt als Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault, und sucht sich einen Schnitzer, der ein Götzenbild herstellen kann, das nicht wackelt.(Jes. 40, 18 – 20)
Diese Worte sind an das Volk Israel zur Zeit der Gefangenschaft in Babylon gerichtet. In dieser Zeit war es den gefangenen Völkern verboten, einen eigenen Gottesdienst zu haben, sofern sie beim offiziellen Staatsgötzendienst nicht mitmachen wollten. In der babylonischen Religion ging es in erster Linie darum, dass die Götter durch Opfer den Menschen wohlgesinnt gemacht werden sollten und es gab Tempel, in welchen die Opfer genau betrachtet und dadurch Wahrsagerei betrieben wurde, ob die jeweilige Gottheit das Opfer angenommen hat oder nicht.
Unsere heutige Zeit ist geprägt von einer Religion der Selbstvergötzung des Menschen. Das Ich wird ins Zentrum gerückt, die Gefühle, Erlebnisse, Erfahrungen und der Verstand stehen total im Mittelpunkt unserer Zeit. Der Mensch sucht sich also nicht mehr einen Schnitzer, der ihm das Holz zu einer Götzenstatue macht, sondern vielmehr ist jeder seines Götzendienstes eigener Schmied. Sei es nun der Geldbeutel, die Sicherheit im Leben und im Alter, der gesellschaftliche Status, der Erfolg im Beruf oder die Familie – der modernen goldenen Kälber ist keine Grenze gesetzt. Auch ist das Streben nach Macht ein ständiger Faktor für menschlichen Götzendienst.
Götzendienst ist immer ein Dienst am Bösen. Im Roman „Der Herr der Ringe“ gibt es hierfür ein sehr gutes Bild. Wer den einen Ring hat, dem ist die Macht über die anderen Ringe weitgehend auch übertragen. So gibt es diese Ringe:
„Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.“
In dem Roman wird sehr gut dargestellt, wie der eine Ring, der nämlich die Macht hat, die übrigen zu finden, immer danach strebt, zu seinem ursprünglichen Besitzer zurückzukommen. Götzendienst hat ein Eigenleben, das immer Dienst am Bösen ist. Götzendienst ist Dienst am Tisch der Dämonen sagt uns Paulus. Und er hat recht damit. Doch wer heutzutage auf die Religion der Selbstvergötzung und die Religion der Wissenschaftsvergötzung und der Mammonvergötzung verzichtet, hat keinen einfachen Stand in dieser Welt. Wie das Israel zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft müssen auch wir uns immer wieder fragen, ob wir um des einfacheren Lebens willen nicht doch angefangen haben, uns dieser modernen Religion hinzugeben, die den Menschen ins Zentrum stellt.
Auch unsere Verkündigung muss sich immer wieder fragen lassen, ob sie nicht etwa begonnen hat, den Menschen mit seinen Problemen ins Zentrum zu stellen und Gott außen vor zu lassen. Was wir brauchen, ist theozentrische Verkündigung. Also eine Verkündigung, die Gott als Urheber und Täter von allem Guten ins Zentrum stellt. Wir müssen lernen, dass das Einzige, das der Mensch zu seiner Erlösung beitragen kann, die Sünde und Schuld ist, von der er erlöst werden muss. Die Rettung ist von A – Z alles Gottes Werk. Nicht der Mensch muss Gott annehmen, sondern Gott muss den Menschen annehmen, der sich als Gottes Feind offenbart und sein Leben lang nie etwas anderes tun kann, als Sünde auf Sünde zu häufen und Schuld auf Schuld zu laden. Daran sehen wir die Größe, Herrlichkeit und Liebe Gottes, dass Er TROTZDEM bereit ist, alles zu tun, um den Menschen zu retten, der aus sich selbst nichts anderes tun kann, als sich gegen Gott aufzulehnen. Deshalb ist jede Errettung ein Akt der souveränen Gnade Gottes. So groß ist unser Gott, der Herr der Ewigkeit!

Wegbereiter

Wegbereiter
Die Stimme eines Rufenden [ertönt]: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, zur Ebene! Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat es geredet. (Jes. 40, 3 – 5)
Nachdem nun also Jesaja im Auftrag Gottes nach Tröstern für Gottes Volk gerufen hat – dies war die Einleitung in den zweiten Teil des Jesaja-Buches – ertönt erneut die Stimme eines Rufenden. Der Gebrauch des Wortes, das hier für „Rufender“ steht, lässt bei Jesaja darauf schließen, dass es sich dabei um einen Verkündiger von Gottes Wort handelt. Gott sucht nach Menschen, die bereit sind, Seinen Willen zu tun, Seinen Willen für das Leben einzelner Menschen zu empfangen und ihn weiterzugeben. Gott ist auf der Suche nach Wegbereitern, nach Menschen, die sich wünschen, von Ihm gebraucht zu werden, damit Sein Wille geschieht. Eins ist wichtig zu wissen: Bevor wir uns aufmachen können, das Leben anderer Menschen zu ordnen, brauchen wir selbst ein geordnetes Leben im Einklang mit Gottes Wort und Willen. Wie oft sehen wir nur das, was im Leben des Anderen nicht so läuft, wie wir denken, dass es laufen sollte. Und unser eigener Balken vor dem Auge?
Gott möchte, dass Ihm der Weg bereitet wird. Wir haben in der Bibel zwei direkte Vorbilder für den Wegbereiter – und zahlreiche indirekte. Der erste Wegbereiter ist Jesaja selbst. Er wird von Gott für diese Aufgabe berufen und begabt. Sein Auftrag, seine Leidenschaft, sein Ruf ist der: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn! Der zweite Wegbereiter, der uns direkt in der Schrift begegnet, ist Johannes der Täufer. Auf ihn bezieht Jesus diese Verse von Jesaja. Er war der Prophet, der versucht hat, das Volk Israel zurück zu seinem Herrn zu führen, direkt vor dem öffentlichen Auftreten Jesu.
Der Weg soll in der Wüste bereitet werden. Die Hitze, Dürre, Einöde, Trostlosigkeit, Verzweiflung, Hunger und Durst von Wüstenzeiten sind ein ideales Terrain, auf welchem wir unsere Balken sehen und erkennen können. Die Wüste verändert uns nicht, sie lässt lediglich zum Vorschein kommen, wie es in unserem Herzen tatsächlich aussieht. In der Wüste werden uns viele Hügel bewusst: Stolz, Eigensinn, Egoismus, Härte des Herzens, Lieblosigkeit. Diese Hügel sollen in der Wüstenzeit abgetragen werden. In der Wüste stellt sich uns die Frage: Wollen wir uns selbst richten oder wollen wir, dass am Richterstuhl Christi so vieles von dem, was wir unser Leben lang getan haben, verbrennt? Wie viel Verzicht ist uns der Lohn der Siegeskränze wert? Und es gibt auch viele ungerade Wege in unserem Herzen: Lügen, versteckte Fehler, Dinge, die wir uns vormachen, Masken mit nach außen perfektem Aussehen, etc. Auch sie sollen in der Wüste gerade gemacht werden. Doch auch hier gilt Jesu Wort: Wer sich selbst erniedrigt, um dabei anderen zu dienen, der soll erhöht werden. Wo Täler der Demut sind, wird der Herr sie ausfüllen mit Seinen Gaben, die Er gerne gibt.
Und Gottes Versprechen steht fest: Wo der Weg durch die Wüste bereitet ist, da wird Seine große, wunderbare Herrlichkeit offenbar werden. Da kann Er unser Leben gebrauchen, um Seine Größe, Liebe, Allmacht und Herrlichkeit sichtbar zu machen. Nicht in unserer menschlichen Stärke, nein, im Gegenteil! Vielmehr in unserer Schwachheit. Der Herr der Herrlichkeit liebt es, menschliche, schwache, kleine, unscheinbare Gefäße zu gebrauchen, damit Seine Größe und Macht umso mehr sichtbar werden können. Er möchte, dass dein Umfeld Seine Herrlichkeit an dir sehen kann – und dadurch zum Glauben findet. Nicht überredende Worte sind entscheidend, sondern Gottes Kraft in deinem Leben sichtbar zu machen. Nicht mit Heer und Macht (mit unserer Stärke), sondern durch den Geist Gottes, und damit durch Gottes Macht und Stärke.

Was ist die Gemeinde?

Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Gemeinde. Zur sichtbaren Gemeinde gehören alle, die in irgend einer Gemeinde sind und regelmäßig in die Verkündigung in den Gottesdiensten kommen. Sie alle haben den Vorteil, dass sie das Wort Gottes regelmäßig ausgelegt bekommen und dadurch die Möglichkeit besteht, dass sie von Gott Vater gezogen werden und vom Heiligen Geist den Glauben an Jesus Christus in ihre Herzen gelegt bekommen können. Diesen Vorgang nennt man „wirksame Berufung“. Nur diese, welche wirksam berufen sind, die sind gerettet und gehören dadurch zur unsichtbaren Gemeinde. Die unsichtbare Gemeinde besteht also aus allen wirksam Berufenen in allen Zeiten, allen Völkern und allen Nationen.

Weiter ist die Gemeinde der Ort, an dem Gottes Wille getan wird. Sie ist Gottes Reich auf Erden. Gottes Reich ist überall dort, wo Er als König regieren darf und Menschen Seinen Befehlen gehorchen. In dem Zeitalter, in welchem wir uns befinden, ist Gottes Reich die Gemeinde. Gottes Reich ist in den Himmeln perfekt, weil dort Sein Wille getan wird. Deshalb auch die Bitte im Vater Unser: Dein Reich komme: Dein Wille geschehe, wie im Himmel (denn dort wird er bereits vollkommen getan), so auch auf Erden. Es ist Aufgabe der Gemeinde, dieses Reich auf der Erde auszubreiten, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Herrn Jesus. Die Gemeinde ist Sein Leib, Sein Körper, und Er ist das Haupt, also der Kopf der Gemeinde. Weil Gott die Erde den Menschen übergeben hat nach ihrer Erschaffung, und dieser die Herrschaft über sie verloren hat, wird sie nun wieder durch Menschen zurückerobert. Nämlich durch die erlöste Menschheit, das heißt durch die Gemeinde als Leib mit Christus als Haupt.

Drittens müssen wir die Gemeinde nach reformatorischer Tradition sehr richtig auch als eine Versammlung definieren, in welcher Gottes Wort korrekt verkündet und die Sakramente recht ausgeteilt werden. Die Sakramente sind hier nicht als etwas zu verstehen, das seine Kraft aus sich selbst bekommen würde (lateinisch: ex opere operato) wie in der Tradition der Römisch-Katholischen Kirche, sondern als Handlungen, welche deshalb geheiligt sind, weil der Herr Jesus Selbst diese eingesetzt hat und nicht etwa aus sich selbst „funktionieren“, sondern durch den Glauben erst in Gang gesetzt werden können. Deshalb ist meines Erachtens auch die Kinder-“Taufe“ als Untaufe abzulehnen. Solche Sakramente gibt es mindestens zwei, je nach dem auch drei oder vier. Auf jeden Fall festzuhalten ist an der Taufe (Glaubenstaufe durch Untertauchen als bereits Gläubiggewordene) und am Herrenmahl. Dann gibt es noch das Sakrament der Gemeindezucht, auch diese ist vom Herrn Selbst befohlen und eingesetzt. Je nach Verständnis ist dies aber auch ein Teil des Sakramentes des Herrenmahls. Und dann könnte man durchaus auch die Fußwaschung als solche Handlung betrachten.

Die Gemeindezucht ist ein wichtiger Bestandteil des Gemeindelebens, nichtsdestotrotz der am meisten Vernachläßigte in der heutigen Zeit. Es geht nicht darum, die Gemeinde mit den meisten Ausschlüssen pro Jahr zu sein. Das kann keinesfalls das Ziel sein. Auch ist die Bestrafung nicht das Ziel der Gemeindezucht. Das Ziel muss immer Versöhnung sein. Versöhnung eines gefallenen Heiligen mit Gott und der Gemeinde. Auch hat der Herr die genauen Anweisungen dazu gegeben, wie man in einem solchen Fall vorgehen soll. So ist alles schon schief gelaufen, wenn es irgend ein Gerücht „hinten rum“ gibt, bevor die betreffende Person unter vier Augen darauf angesprochen wurde. Das Erzählen und Weitertragen solcher Gerüchte ist Sünde und darüber muss Buße getan werden, gerade auch vor dem Betroffenen. Der erste Schritt muss der unter vier Augen sein, und zwar von der Person, die es zuerst bemerkt hat. Darüber muss natürlich die Gemeinde auch belehrt werden, sonst ist das perfekte Chaos vorprogrammiert. Erst dann, wenn die betroffene Person sich auch nach mehreren solchen Gesprächen weiter stur stellt, soll eine bis zwei weitere Personen hinzugezogen werden, und zwar möglichst Personen, die nicht am Geschehen emotional beteiligt sind und ein gutes Einfühlungsvermögen haben (in beide Parteien!!!). Wenn auch diese Gespräche fruchtlos verlaufen, kommt im nächsten Schritt die Gemeindeleitung hinzu. In dieser ganzen Zeit ist und bleibt es ver-boten, mit irgend jemand anderem darüber zu reden. Dieses Verbot ist erst genau dann aufgehoben, wenn die Gemeindeleitung in der ganzen Versammlung die betreffende Person noch ein letztes Mal zur Rede stellt und bei mangelnder Einsicht in dieser selben Versammlung den Ausschluss offiziell bekanntgibt.

Eine vierte Definition von Gemeinde ist diejenige, dass alle an den Herrn Jesus gläubig gewordenen Personen an einem bestimmten Ort zu der jeweiligen Gemeinde gehören. Diese Definition leitet sich aus den Briefen des Paulus ab, in welchen Paulus sich immer an die gesamte Gemeinde eines bestimmten Ortes wendet.

Und nicht zuletzt müssen wir auch der Bedeutung der ursprünglichen Worte nachspüren, die in den Ursprachen Hebräisch und Griechisch für die jeweilige Gemeinde gebraucht wird. Im Hebräischen ist das Wort Qahal, was so viel wie „Versammlung“ bedeutet. Dieses Wort wird in der griechischen Übersetzung schon immer mit dem Wort Ekkläsia übersetzt. Ekkläsia ist zusammengesetzt aus Ek (=aus-, heraus-) und dem Partizip von Kaleo (=rufen, nennen, bezeichnen). Ekkläsia bedeutet wörtlich übersetzt „die Herausgerufene“ und meint damit die Menge jener Menschen, die von Gott zum ewigen Leben aus dem alten Leben des Verderbens heraus- und in das neue Leben in der Fülle hineinberufen sind.

Wenn wir also versuchen, diese verschiedenen Aspekte in eine Definition zusammenzufassen, könnte dies ungefähr so aussehen:

„Die Gemeinde ist die Versammlung der an Jesus Christus gläubigen Menschen an einem Ort, um das Wort Gottes zu hören, die Sakramente auszuteilen, den Willen Gottes zu verkünden, zu leben und Gottes Reich auszubreiten.“