5 Arten von Reformierten

Wenn man sich so in der christlichen Szene umsieht, trifft man einige, die sich irgendwie auf die Reformation berufen und sich reformiert nennen. Es gibt jedoch ein recht breites Spektrum von Vorstellungen, die damit verbunden werden. Ich habe fünf Arten von Reformierten erkannt und versuche die dahinter stehenden Vorstellungen zu benennen und beschreiben.

1. Der Bekennformierte

Dieser Hardcore-Reformierte besteht darauf, dass sich nur reformiert nennen darf, wer alle Bekenntnisse und Katechismen bekennen, begründen, verteidigen und alle Fragen dazu beantworten kann. Westminster, Heidelberger und natürlich darf auch die Dordrechter Regel nicht fehlen.

2. Der Tulpiformierte

Das englische Akronym TULIP (Tulpe) steht für die fünf Punkte der Dordrechter Lehrregel und damit für den Calvinismus im weiteren Sinne. Der Tulpiformierte hält vor allem für wichtig, dass diesen fünf Punkten zugestimmt wird: Totale Verderbtheit des Menschen, Bedingungslose Erwählung, Beschränktes Sühnwerk, Unwiderstehliche Gnade und Beharrlichkeit der Gläubigen.

3. Der Resolierte

Nicht mehr ganz fünf, aber doch immerhin noch vier bis viereinhalb Punkte sind dem Resolierten wichtig: Die vier Sola: Sola Scriptura, Sola Gratia, Sola fide, Solus Christus. Allein die Schrift, allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein von Christus. Und wer noch mehr bezeugen will, nimmt den viereinhalbten Punkt auch noch dazu: Soli Deo Gloria, allein zu Gottes Ehre. Der Komponist Johann Sebastian Bach unterschrieb seine Werke mit der Signatur S.D.G., was die Kurzform davon ist.

4. Der Reformandierte

Eine weitere Spezies ist der Reformandierte, dem an der Reformation das Wichtigste ist, dass sie immer weitergehen soll. Egal wie, Hauptsache anders als bisher. Gerne in gutem Einklang mit dem Zeitgeist, sei es als Deutsche Christen vor einigen Jahrzehnten oder als gutbürgerliche Lutherkritiker und Postevangelikale unserer Tage. „Ecclesia semper reformanda“ ist sein Schlagwort: Die Gemeinde sei beständig zu reformieren.

5. Der Reformuzzer

Die letzte Gruppe von Reformierten weiß zumeist sehr wenig über die Reformatoren und die Lehren der Reformation, aber das ist nicht so wichtig. Der Reformuzzer muss nur wissen, dass es etwas gab, wogegen die Reformatoren waren. Da der Reformuzzer sowieso meist gegen alles ist, wird ihm Luther zum Genossen, zum Kampfgefährten und Freund.

Wer sich nicht sicher ist, in welche dieser Schubladen er passt, möge sich ein wenig umhören und eine Umfrage starten. Reformierte von Typ 1 wissen üblicherweise, wo sie hinpassen. Auch ohne Umfrage. Wer die Umfrage braucht und auf die Mehrheit hört, wird wohl am ehesten Typ 4 oder 5 zuzuordnen sein, während Typ 2 und 3 die Umfrage gerne starten, sich am Ende aber nicht unbedingt um das Ergebnis scheren.

Buchtipp: Warum Glaube großartig ist

Warum Glaube grossartig ist von Daniel Boecking

Böcking, Daniel, Warum Glaube großartig ist. Mein Glück mit Jesus, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2018, 221 S., Verlagslink, Amazon-Link

Daniel Böcking is back – mit einem neuen Buch. Eigentlich war er ja nie weg, immer wieder gab es Texte von ihm auf BILD.de und in den sozialen Medien. Aber auf dieses Buch habe ich mich schon eine Weile gefreut – seit jenem Moment, in welchem ich lesen konnte, dass es diesen Sommer veröffentlicht würde. Woher diese Vorfreude? Ich wusste eines: Wenn dieser Mann, der dazu auch noch stellvertretender Chefredakteur von BILD online ist, ein Buch schreibt, dann wird es von Jesus übersprudeln. Er hat eine Freude und eine Einfachheit des Glaubens, die ich mir in christlichen Büchern häufiger wünschte. Ich war gespannt, ob ich in allen Aussagen mit ihm mitgehen könnte (dazu später noch mehr), aber in erster Linie freute ich mich darauf, von ihm und seinem Glaubensweg zu lesen. Und das war echt wohltuend. Immer wieder fühlte ich mich in die Zeiten vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als ich so manches Erlebnis hatte, das in eine ähnliche Richtung ging.

Man kann das Buch in drei Teile gliedern: Eine Einführung, einen Hauptteil und einen Schluss. In der Einführung erzählt Böcking nach einem ausgeschriebenen Gebet ein wenig von ihm. Wer sein erstes Buch gelesen hat, dem wird manches schon bekannt sein. Er geht darauf ein, welche Vorurteile er vor seiner Bekehrung den Christen gegenüber hatte und stellt insbesondere sechs Überraschungen vor, welche er kennen lernte, als er sich mit dem christlichen Glauben und den christlichen Gemeinden und Menschen befasste. Diese sechs Überraschungen bestimmen dann auch die Gliederung seines Hauptteils, in welchem er viel von seinen Erlebnissen berichtet, die er in diesen Jahren seit seiner Bekehrung hatte. Der Schluss ist eine 10-Wochen-Challenge, mit welcher er versuchen möchte, Menschen dazu zu bringen, den christlichen Glauben besser kennen zu lernen.

Schön finde ich, wie der Autor nicht davor zurückschreckt, den Glauben als vernünftig und nachvollziehbar zu beschreiben. Der Leser wird geradezu herausgefordert, die Gründe dafür zu prüfen und sich selbst auf die Suche zu machen. Besonders ist dafür auch die Challenge am Schluss zu empfehlen. Die Einladung dazu ist geradezu entwaffnend simpel und authentisch. Das Buch besteht aus sehr vielen persönlichen Berichten und versucht auch, die Unterschiede der verschiedenen Denominationen zu erklären. Das fand ich sehr gut.

Auf der anderen Seite gibt es zwei Punkte, die ich eher schwierig fand. Der erste hat mit der Sprache zu tun, und zwar versucht Böcking, so einladend und allgemein, positiv und beliebig zu bleiben, dass am Ende vieles gleichgültig wird. Die Unterschiede werden nur noch wahrgenommen, aber es findet keine klare Beurteilung statt. Ich kann verstehen, dass man gern so happy-clappy in Friede-Freude-Eierkuchen bleibt, aber es geht dabei die Ernsthaftigkeit der Unterschiede verloren. Wer mit allen nur gut stehen will – um jeden Preis – wird am Ende mit niemandem gut stehen. Allerdings muss ich zu diesem Punkt auch hinzufügen, dass dies vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor noch zu wenig lange Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass die Zeit und die Erfahrung, sowie das weitere ernsthafte Bibelstudium, ihn auch in diesem Punkt noch weiter bringen wird.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und betrifft die Empfehlung eines Buches sowie jene bestimmter Gebetspraktiken. An einer Stelle wird ein Buch des Autors Anselm Grün positiv erwähnt, dessen Schriften bei mir nach wie vor nur zwischen Rudolf Bultmanns entmythologisierender „Theologie des Neuen Testaments“ und Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ zu finden sein werden. Auch meditative Gebetspraktiken, die fernöstliche Meditation zu verchristlichen suchen, kann ich nicht guten Herzens empfehlen. Doch auch hier bin ich der Überzeugung, dass weitere Recherchen mit Bibel und Gebet Böcking eine weitere Erkenntnis schenken werden.

Fazit:

Daniel Böcking schreibt in seinem Buch „Warum Glaube großartig ist“ sehr viel Schönes und Gutes. Es macht viel Freude, seine – oft auch selbstkritischen – Berichte von seinen Abenteuern in der deutschen Gemeindelandschaft zu lesen. Bis auf zwei oben erwähnte Punkte möchte ich „Warum Glaube großartig ist“ jedem Interessierten sehr empfehlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sterne.

Eine kurze Geschichte des Cessationismus

Heute möchte ich in aller Kürze versuchen, die Geschichte des Cessationismus nachzuzeichnen. Der Cessationismus besagt ja bekanntlich, dass bestimmte Charismen oder Geistesgaben bereits aufgehört hätten. Im Laufe der 2000 Jahre Kirchengeschichte gab es immer wieder kleinere Bewegungen, die diesen Cessationismus vertreten haben. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass die Vorstellungen und Begründungen dazu Legion sind. Auch heute gibt es eine ganze Menge verschiedener Cessationismen, die etwa von unterschiedlichen Gaben meinen, dass sie aufgehört hätten und das dann auch sehr unterschiedlich begründen. Es wäre natürlich spannend, eine ausführliche Geschichte des Cessationismus zu schreiben und die diversen Ausprägungen noch näher zu beleuchten, aber hier geht es mir darum, dass wir verstehen, welche Hintergründe er in welcher Zeit und Gesellschaft hatte.

Die frühchristlichen Theologen im 2. Jahrhundert, unter ihnen etwa Justin der Märtyrer, versuchten mit ihren Schriften den damaligen Juden klar zu machen, dass Jesus doch der Messias ist. In diesen Schriften finden wir Argumente, welche zeigen, dass es schon unter manchen jüdischen Strömungen frühe Formen des Cessationismus gab. Jesus wurde vorgeworfen, ein falscher Prophet zu sein. Für die christlichen Theologen hingegen war klar: Weil die Juden ihrer Zeit keine Wunder mehr vorzuweisen hatten, die christliche Kirche hingegen zahlreiche auch im 2. Jahrhundert, deshalb sei daraus zu schließen, dass die christliche Lehre richtig sein muss.

Der erste christliche Theologe, der eine vollständige Lehre des Cessationismus entwickelt hat, war Johannes Chrysostom („Goldmund“) im 4. Jahrhundert. Er meinte, ein Glaube, der keine Wunder sehen könne, sei ein wertvollerer, echterer Glaube als jener, welcher sich darauf berufen könne, Wunder gesehen zu haben. Interessant ist aber auch der Kirchenvater Augustinus. Dieser war zuerst auch Cessationist, doch im Buch 22 des „Gottesstaats“ zählt er ein ganzes Kapitel lang Wunder auf, die ihn dazu gebracht haben, seine Meinung zu ändern.

In der frühen Kirche war es also ganz natürlich, auf die Wunder und Prophetien, Heilungen und Dämonenaustreibungen zu verweisen, um für den christlichen Glauben Argumente zu präsentieren. Erst mit der Zeit, als eine gewisse Hierarchie aufgebaut war, und langsam das spontane Wirken des Heiligen Geistes durch die geplante Ausübung von Sakramenten durch die Priesterkaste ersetzt wurde, gab es seltener Berichte, die davon zeugten, dass Wunder und Prophetien zum ganz normalen Christenleben dazu gehörten. Immer mehr nahmen feste Rituale den Platz des Heiligen Geistes ein und vermutlich ist der Rückgang dessen Wirkens deshalb auch kein Wunder. Nichtsdestotrotz gibt es aus jedem Jahrhundert zahlreiche Beispiele für einzelne Menschen, die einen charismatischen Dienst hatten.

Im Zeitalter der Reformation kam ein weiteres Merkmal hinzu: Die Abgrenzung von den falschen Lehren. Im Hochmittelalter gab es in den Klöstern und an Wallfahrtsorten immer wieder Berichte von Heilungen und anderen Wundern; man könnte fast sagen, es war eine Resaissance der Wundersucht. Und dann, als die Reformatoren auftraten, wurde oft als Argument gebraucht, um die Reformatoren zum Schweigen zu bringen, dass die Lehre des römisch-katholischen Kirche durch diese Wunder bestätigt würden. Das Argument war also ungefähr so: Je mehr Wunder du vorweisen kannst, desto besser ist deine Lehre. Das war da so der übliche Vergleich, wer den Längsten hat. Oder so.

Und dann gab es noch eine zweite Gefahr. Es gab Menschen, welchen die Reformatoren zu wenig weit gingen. Es gab welche, die meinten, sie bräuchten so viel Freiheit, dass sie ohne Bibel auskämen. Nur mit dem Heiligen Geist. „Das Wort tötet, der Geist macht lebendig“, zitierten sie, und schmissen ihre Bibeln mitsamt diesem Vers in die Ecke, um nur noch auf den wort-losen Geist zu hören. Auch unter diesen Gruppen gab es Berichte von Wundern, die wiederum als eine Bestätigung der besten Lehre betrachtet wurden. Und nun ist es wichtig, diese Dinge im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Schriften der Reformatoren liest. Wer lange genug sucht, wird immer wieder Stellen finden, die sich für sich gesehen so verstehen lassen, dass Luther oder Calvin „klassische“ Cessationisten gewesen wären. Im Kontext und im Gesamtwerk betrachtet wird hingegen deutlich, dass es vor allem darum ging, dass sie gegen eine Abwertung der Bibel als Gottes Wort und Heiliger Schrift argumentierten. Auch das spätere Luthertum war keineswegs der Meinung, dass es keine besonderen Eingriffe Gottes durch Wunder oder Prophetien geben könne. Es wurde lediglich gegen das theologisch liberale „Schwärmertum“ gewettert, welches Gottes Wort degradierte.

Erst die Aufklärung, das naturalistische Weltbild und die Philosophie des „Common Sense“ haben den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen der klassische Cessationismus wachsen konnte, der dann von Benjamin B. Warfield vertreten und ausgearbeitet wurde. Das naturalistische Weltbild betrachtete alles in der Welt als natürlich, und wurde zunächst noch auf das Fundament des christlichen Glaubens gestellt, nach welchem die Gesetze der Natur von Gott geschaffen wurden. Doch bald verließ es dieses Fundament und die Naturgesetze und -konstanten wurden zunehmend als grundlos einfach vorhanden und zufällig vorgegeben betrachtet. Die schottische Philosophie des „Common Sense“ besagte zudem, dass alle vernünftig denkenden Menschen in den wichtigen Fragen zu denselben Resultaten, Antworten und Wahrheiten kommen müssten. Von diesem Denken geprägt machte sich der Theologe Benjamin Warfield daran, Bücher über falsche Wunder und den Cessationismus zu verfassen. Auch er hatte seine Ansichten unter dem Druck seiner Zeit schmieden müssen. In der Presbyterianischen Kirche der USA nahm der theologische Liberalismus überhand. Sein Kollege in Princeton und Zeitgenosse James Gresham Machen hatte den selben Kampf zu kämpfen; er schrieb das Buch „Christentum und Liberalismus“. Warfield ging es darum, in einer Zeit der Verwässerung der Bibel Gottes Wort hochzuhalten, und zwar um jeden Preis. Entsprechend sahen seine Kriterien für ein echtes, biblisches und von Gott gemachtes Wunder aus: Es konnte unter gar keinen Umständen mehr eines geben. Vermutlich war ein weiterer Grund für seine Ansichten auch biographischer Art: Seine Frau Annie wurde infolge eines Blitzschlages gelähmt und blieb es Zeit ihres Lebens, während er sie pflegte. Es ist gut möglich, dass dieses Nicht-Erleben einer übernatürlichen Heilung seiner Frau seine Ansichten gefestigt haben.

In der Zeit von Warfield war auch die Sekte der „Christlichen Wissenschaft“ (Christian Science) von Mary Baker Eddy sehr weit verbreitet. Das war eine Sondergruppierung, die sich darauf berief, dass Heilungen, die in dieser Gruppe geschehen seien, ein Beweis für die Richtigkeit der Lehre sei. Anmerkung am Rande: Einmal mehr der unselige Vergleich, wer den Längsten vorweisen kann. Allerdings zeigt die Theologiegeschichte sehr deutlich, dass man die Irrtumslosigkeit und Inspiration der gesamten Bibel sehr gut verteidigen und sich gleichzeitig an Gottes heutigem Wirken und Reden erfreuen kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen und uns auch fragen, welches gute und welches weniger gute Argumente für das heutige Wirken des Heiligen Geistes in unserer Zeit sind.

Jordan B. Peterson, Archetypen und der Glaube

In den vergangenen Wochen habe ich mich mit Jordan B. Petersons Buch „12 Rules for Life“ beschäftigt, und bereits hier und hier darüber gebloggt. Heute kommt der dritte und vorläufig letzte Teil meiner Kritik an Petersons Weltanschauung. In einem weiteren Post möchte ich noch darauf eingehen, was wir von ihm lernen können und wie wir mit seinem Hype umgehen (dies könnte aus Gründen der Länge auch Teil 5 werden).

Jordan Peterson ist Psychologe, und unter den verschiedenen Strömungen der modernen Psychologie ist er unter die Jungianer zu zählen, zu den Jüngern von Carl Gustav Jung, der die sog. „Analytische Psychologie“ begründet hat. Diese Strömung geht vom Begriff der Archetypen aus. Dieses Wort bedeutet „Urformen“ und meint folgendes Konzept: In jedem Menschen stecken von Geburt an bestimmte Vorbilder, Erwartungen, Vorstellungen, und so weiter. Diese ganzen Komplexe nennt der Jungianer einen Archetypen. Beispiel: Ein Kind, das zur Welt kommt, erwartet eine einzelne Bezugsperson, den Archetypen, den man in unserer Kultur „Mutter“ nennt, und verknüpft damit bestimmte Erwartungen. Wenn diese unbewussten Erwartungen nicht erfüllt werden, dann entstehen daraus psychische Defizite, die dann krankhaft werden können. Diese Archetypen sind laut Jung in allen Kulturen und zu allen Zeiten dieselben, und deshalb studiert Peterson alle möglichen alten Kulturen, Schriften der alten Religionen, Märchen, und so weiter.

Kurz gesagt: Für Peterson ist die Bibel nicht mehr als eine Sammlung von alter Weisheit, die man je nach Lust und Laune zur Begründung eigener Positionen ausschlachten kann. Hier müssen wir uns auch mal kritisch fragen: Kann es sein, dass wir in der evangelikalen Welt uns schon so sehr daran gewöhnt haben, dass dies ständig passiert, dass es uns gar nicht mehr auffällt? Kann es sein, dass manche von uns auch so vorgehen, wenn es um geliebte Positionen geht? Kann es sein, dass wir die Bibel, die wir immerzu zu verteidigen glauben, in Wirklichkeit auch wie ein Märchenbuch behandeln? So als wären es Stories mit einem wahren Kern, aber es unwichtig ist, ob es tatsächlich so stattgefunden hat?

Als ich das Buch „12 Rules for Life“ las, haben mich zwei Fragen eine ganze Weile umgetrieben, und dies ist auch der Grund, weshalb ich diesen Post erst jetzt schreiben kann und will. Die erste Frage: Glaubt Jordan B. Peterson an (einen) Gott? Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, denn die Rhetorik seines Buches ist ganz schön raffiniert. Zu Beginn führt er aus, dass jede Art von Nihilismus zum Chaos führt. Somit will er sich wohl nicht als Nihilisten betrachten. Gegen Ende des Buches schreibt er: „When tempted by the Devil himself, in the desert—as we saw in Rule 7 (Pursue what is meaningful [not what is expedient])—even Christ Himself was not willing to call upon his Father for a favour; furthermore, every day, the prayers of desperate people go unanswered. But maybe this is because the questions they contain are not phrased in the proper manner. Perhaps it’s not reasonable to ask God to break the rules of physics every time we fall by the wayside or make a serious error. Perhaps, in such times, you can’t put the cart before the horse and simply wish for your problem to be solved in some magical manner. Perhaps you could ask, instead, what you might have to do right now to increase your resolve, buttress your character, and find the strength to go on. Perhaps you could instead ask to see the truth.“ (Kindle-Position 6428ff) Und auch zwischendurch finden sich bei ihm häufig Zitate und Anspielungen aus der Bibel, die den Leser im ersten Moment glauben machen könnten, dass Peterson doch irgendwie ein verkappter Christ sei. Das ist letzten Endes alles feinste Rhetorik. Peterson möchte bewusst ein Brückenbauer für gläubige und ungläubige Menschen sein. Es ist edel, dass er das sein möchte, doch in der Praxis ist jeder solche Versuch wertlos und zum Scheitern verurteilt.

Das Problem mit diesem Ansatz ist, dass er sich selbst widerspricht. Eine seiner Regeln lautet: „Be precise in your speech“, also: Sei genau in deiner Sprache. Er selbst ist dabei sehr ungenau, um möglichst alle Leser anzusprechen. Er bezieht zu der Frage nicht nur keine Stellung im Buch, sondern spiegelt vielmehr noch eine Entwicklung vor, die es bei ihm nicht gibt. Rhetorisch brillant geschrieben könnte man den Eindruck bekommen, dass Peterson im Laufe des Buches überzeugter vom Glauben wird – doch wer genauer hinsieht, wird feststellen, dass ein agnostischer Leser den Text genauso gut anders lesen und verstehen kann und ihn dann so deutet, dass Peterson nur vom Leben an und für sich spricht, nicht von einem persönlichen Gott. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Agnostiker oder Atheist mit seiner Lesart recht behält. Peterson arbeitet gegen seine Regeln und vergrößert ihm selbst zufolge somit das Chaos. Schade um den blinden Blindenführer und um alle, die sich seiner Führung anvertrauen. Wer sich auf ihn verlässt, ist verlassen.

Wie geht Peterson mit der Bibel um? Zunächst fällt auf, dass er sie häufig gebraucht. Dann wird aber auch schnell deutlich, dass er sie immer als ein historisches Dokument einer archaischen Kultur liest. Sie bietet ihm – wie bereits oben angesprochen – zusammen mit zahlreichen weiteren religiösen und philosophischen Schriften des Altertums – eine Basis für bestimmte Archetypen. Dazu wird das Jungsche Weltbild in die Bibel hineingelesen und die Kategorien der modernen Psychologie als Maßstab für die Bibel genommen, an der sie sich messen lassen muss. Last but not least fällt auf, dass für Peterson immer die historisch-kritische Eisegese maßgeblich ist, und zwar eine relativ alte Version davon, die auch in der universitären Theologie längst überholt ist. Mein Ratschlag an Peterson wäre deshalb, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben möge und sich nicht in Gebiete einmischt, in welche er zu wenig Einblick und zu wenig Zeit für weitere Arbeit hat. Ich vermute, dass sich Peterson beim Schreiben dieses neuen Buches zu sehr auf seine Arbeiten zu seinem ersten Buch „Maps of Meaning“ verlassen hat, aber da ich dieses Buch noch nicht kenne, kann dies vorerst lediglich meine persönliche Annahme bleiben.

Die zweite große Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war diese: Was möchte Peterson mit seinem Buch und seinem Lehren erreichen? Eins ist klar: Er möchte etwas verändern. Er möchte diese Welt retten. Er möchte, dass unsere Welt nicht noch einmal in ein Chaos wie das der zwei Weltkriege stürzt. Er sieht sich – oder besser gesagt: Seine Lehre – als Allheilmittel für eine sterbende Welt, eine sterbende Freiheit, eine sterbende Ordnung, die im Chaos immer mehr untergeht. Er ist der messianische Heilsbringer, der zwar keineswegs meint, alles zu kennen, aber doch immerhin versucht, eine Lösung zu propagieren, wie der Mensch – also sein gebildeter Leser – eine Art Selbsterlösung vollbringen kann. Peterson ist Guru einer Selbsterlösungsreligion, die durch den Willen seiner Leser geschieht.

Hier wird es spannend, wenn man sich auf die Suche nach den Quellen des Selbst im Laufe der Geschichte macht. Denn hier ist auch das Ideal von Jordan Peterson zu finden. Im 19. Jahrhundert gab es eine größere Bewegung, die sich mit der Selbstverfeinerung des Menschen durch Bildung beschäftigte. Schon ein Jahrhundert früher war Benjamin Franklin der „erste Amerikaner“, der im Laufe der Zeit versucht hat, sein Image und auch sein Selbstbild immer wieder an die Gegebenheiten anzupassen, sodass es ihm den größtmöglichen Vorteil brachte. Im weiteren Verlauf der Geschichte bekam das Gegensatzpaar Natur-Kultur eine zunehmend wichtige Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen. Wer etwa Henry David Thoreau oder Ralph Waldo Emerson liest, bekommt ein gutes Gespür für diese Veränderungen. Letztendlich ging es darum, dass der Mensch sich selbst bestimmen, sich selbst definieren und auch sein Bild von sich selbst konstruieren soll. Der Mensch wird zum Schöpfer seiner selbst – in der größtmöglichen Freiheit, aber auch innerhalb der Grenzen von Natur und Gesellschaft. Dies verursacht eine große Spannung, und genau dieser Spagat, diese Spannung, sieht auch Peterson als Erlösung des Menschen. Möglichst hinter das 20. Jahrhundert zurück, damit der Mensch in diesem Spannungsverhältnis sich selbst finden kann und damit die Welt etwas besser zurücklässt als er sie vorgefunden hat. Das meint Peterson, wenn er seinem Leser empfiehlt, zur besten Version seiner selbst zu werden.

Mal davon abgesehen, dass es unsinnig ist, eine bestimmte Zeit und erst noch diese in einer bestimmten Gesellschaftsschicht, nämlich der oberen Mittelklasse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu vergötzen, wird es auch Peterson nicht gelingen, seine Leser zu Übermenschen machen, die sich in diesem Spagat selbst zu erlösen vermögen. Es wird auch seinen Fans und Nachfolgern nicht anders ergehen als den Menschen des 19. Jahrhunderts, deren Wunsch der Selbstkonstruktion zu einer Überheblichkeit geführt hat, die bestimmtes Leben als weniger wert betrachtet hat. Die Eugenik- Euthanasie- und Rassenhygiene-Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte genau in diesem Denken ihren Ursprung. Auch bei Peterson spielt die kulturelle Evolution eine Rolle. Ideen führen zu weiteren Gedanken und letztendlich zu Taten. Ich kann an dieser Stelle nur beten, dass wir konservative Evangelikale bald aufwachen und die Folgen dieser Gedanken erkennen.

Neugierig Bibel lesen – die richtigen Fragen stellen

Ich liebe es sehr, die Bibel zu lesen. Sie ist jedes Mal enorm spannend, aber ich weiß, dass es auch anders sein kann. Wenn wir die Bibel lesen, um sie gelesen zu haben, dann wird das ganz schnell furchtbar langweilig. Es geht Gott nicht darum, dass wir einfach in unserem Tagesprogramm ein Häkchen setzen können: Bibel lesen erledigt, abgehakt. Es geht um viel mehr. Gott möchte zu uns reden, und tut dies im Normalfall durch die Bibel, durch die Predigt (denn da wird die Bibel ausgelegt, erklärt, und praktisch auf unser Leben angewendet) und durch andere Menschen, die auch mit Gott unterwegs sind.

Um möglichst viel Gewinn aus dem gelesenen Bibeltext ziehen zu können, stelle ich meiner Bibel Fragen. Es sind Fragen, welche mir helfen, über etwas nachzudenken. Im ersten Psalm, der zugleich ein Vorwort zu allen Psalmen ist, lesen wir, dass der Mensch gesegnet ist, der ständig über Gottes Wort nachdenkt. Und deshalb dürfen wir der Bibel ganz viele Fragen stellen. Es gibt sehr viele gute Fragen, die wir unserem Bibeltext stellen können. Ich möchte mal drei besonders wertvolle Arten von Fragen vorstellen, die mir immer wieder neue super Gedanken schenken.

1. Wo steht mein Text?

Der Text, den ich gerade lese, steht an einem bestimmten Ort in der Bibel. Er steht im Alten oder Neuen Testament. Er steht in einem Geschichtsbuch oder bei einem Propheten oder in einem Brief, einem Evangelium oder einem Weisheitsbuch wie etwa die Psalmen oder Sprüche. Der Text stammt von jemandem und ist an jemanden gerichtet. Wenn Gott zum Volk Israel spricht, dann sagt mir der Text etwas anderes als wenn der Teufel gerade dabei ist, Jesus in der Wüste zu versuchen. Es gibt also hinter jedem Text der Bibel eine Person, welche einer anderen oder vielen anderen etwas mitteilen wollte. Außerdem will mir jeder Text der Bibel etwas über Jesus Christus sagen. Wenn er im Alten Testament steht, dann weist er auf das Kommen Jesu hin, das damals noch in der Zukunft war, und wenn im Neuen Testament steht, dann geht er vom bereits getanen Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha aus. Wenn ich meinen Text befragt habe, was er über Jesus Christus sagen will, dann kann ich ihn auch fragen, wo in meinem Leben dieser Text ausgelebt werden möchte. Sagt er etwas über mein Vertrauen zu Gott aus? Zu Gottes Treue? Zum Gebet oder zur Geduld, die ich noch lernen soll?

2. Warum ich Warum-Fragen liebe

Unter Christen sind Warum-Fragen häufig verpönt. Da hört man: Frag lieber nicht warum, sondern wozu. Das finde ich Unsinn, denn Warum-Fragen helfen uns sehr, zum Kern einer Sache vorzudringen. Ich kann meinen Bibeltext befragen: Warum steht das genau an diesem Ort? Wie passt das in die ganze Argumentation des Autors hinein? Warum ist das Buch der Bibel so aufgebaut und nicht anders? Warum benutzt der Autor an dieser Stelle genau dieses Wort und nicht ein anderes? Spätestens an der Stelle wird es klar, dass wie wertvoll es ist, wenn man den Text in mehreren Übersetzungen lesen kann. Eines davon sollte eine genaue Übersetzung wie die Luther-, Elberfelder- oder Schlachter-Bibel sein. Ich darf dann meinen Text mehrmals lesen, ihn mit meinen Warum-Fragen bombardieren und versuchen, die Antworten herauszufinden. Dadurch macht der Text etwas mit mir: Er verändert mein Denken, indem ich ihm meine Zeit und Aufmerksamkeit gebe.

3. Der Wert der kleinen Wörtchen

In einem Bibeltext gibt es viele verschiedene Wörter, aber ganz besonders wertvoll sind die kleinen Wörtchen wie „und“, „aber“, „oder“, „doch“, „dass“, „weil“, „wenn“, „dann“, „trotz“, „obwohl“, und so weiter. Diese Wörtchen geben meinem Text eine Struktur oder einen Aufbau, sie machen den Text überhaupt erst zu einem richtigen, verständlichen Text. Wenn ich zum Beispiel in einem Bibeltext die Wörter „wenn“ und „dann“ finde, so handelt es sich im Normalfall um eine Bedingung. Wenn das Erste geschieht, dann tritt das Zweite ein. Wenn es regnet, dann öffnen viele Menschen ihren Regenschirm. Wenn jemand mit dir redet, dann höre gut zu! Diese kleinen Wörtchen helfen uns sehr viel dabei, unseren Bibeltext zu verstehen.

Nimmt das zu viel Zeit in Anspruch? Ich denke, dass es das wert ist. Ich muss nicht gleich am frühen Morgen beim Aufstehen alle diese Fragen beantworten können. Aber wenn ich sie mit auf den Weg und in den Tag nehme und immer wieder darüber nachdenke, so passieren zwei Dinge. Erstens bleibe ich den ganzen Tag lang im Gespräch mit Gott, den ich über sein Wort befragen kann, und zweitens verändert es mich stärker als wenn ich alles schon beantwortet habe. Reibung erzeugt Wärme, und wenn ich mich den ganzen Tag lang immer wieder am Bibeltext reibe, so wird mein Denken viel nachhaltiger verändert.

Ich wünsche dir viele spannende Begegnungen mit Gottes Wort!

In einem nächsten Teil werde ich verschiedene Arten des Bibellesens vorstellen und zeigen, wie ich Abwechslung in meine Bibellese-Routine hineinbringen kann.

Buchtipp: … und immer ist noch Luft nach oben!

und immer ist noch Luft nach oben von Juergen Werth

Werth, Jürgen, … und immer ist noch Luft nach oben! Entdeckungen beim Älterwerden, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 1. Aufl. Juli 2018, 189S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Jürgen Werth war viele Jahre lang Vorstandsvorsitzender beim Evangeliumsrundfunk (heute ERF Medien). Er blickt auf ein gefülltes und in vielem auch erfülltes Leben zurück und teilt mit dem Leser seine Gedanken zum Älterwerden. Ich habe das Buch über meinen 33. Geburtstag gelesen und wollte mal wissen, was das mit mir macht. Es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich bin dankbar für die Lektüre, denn ich darf dadurch vieles von einem Mann mit viel mehr Lebenserfahrung lernen. Er ist bereit, auch über seine Fehler zu schreiben, damit ich nicht dazu verdammt bin, alle selber noch einmal zu machen.

Das Buch besteht aus 26 Kapiteln, von welchen jedes nur wenige Seiten lang ist, und die einen sehr losen Zusammenhang miteinander haben. Es ist nicht so sehr aufeinander aufgebaut, sondern eignet sich auch dazu, einzelne Kapitel für sich zu lesen oder die Reihenfolge beliebig zu wählen. Ich bin sonst nicht so sehr ein Freund von Blumenstrauß-Büchern, aber in diesem Fall war das dem Thema und Inhalt angemessen und passte somit gut zum Ganzen. Im Folgenden ein paar besondere Leckerbissen aus dem Buch, die ich mir unterstrichen und fürs Leben mitgenommen habe:

Dass alles vergeht, gibt allem eben auch einen besonderen Reiz und Glanz. Dass ich gehe und vergehe, macht mich eben auch besonders.“ (S. 88) Auch wenn wir als Christen eine Ewigkeitsperspektive haben; hier auf Erden sind wir und ist alles vergänglich, und im Erdendasein macht es das gerade deshalb wertvoll.

Scheitern ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Wer nie scheitert, wird arrogant und menschenverachtend.“ (S. 113) Es ist wohltuend befreiend, wenn man auch mal scheitern darf. Man muss nicht immer alles im Griff haben. Das macht uns frei, um wertvolle Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen zu können, ohne den Zwang, dass alles immer so funktionieren muss, wie man es sich vorstellt. Das ist auch meine eigene Erfahrung.

Und dann, ja, die Gelassenheit. Das, was ich mir noch mehr wünschen würde. Auch dazu hat Werth eine wertvolle Aussage: „Gelassenheit stellt sich nicht von selbst ein. Man muss darum bitten. Täglich. Und man muss rechtzeitig damit beginnen loszulassen, damit es, wenn man älter wird, zu einer vertrauten Übung geworden ist.“ (S. 153). Gut zu wissen, denn damit habe ich ja nun genügend Zeit zum Anfangen und Üben. Vielen Dank Herr Werth!

Das Kapitel 25 hat mir etwas Mühe bereitet, denn dort wird es theologisch deutlich schwächer. Dazu muss natürlich gesagt sein, dass Werth kein Theologe ist, sondern Journalist und Liedermacher. Deshalb werde ich dies dem Autor auch nicht zum Vorwurf machen. Ich möchte nur meine Leser darauf hinweisen, dass sich Werth hier in umstrittenes Gebiet und missverständliche Formulierungen wagt. Etwa hier: „Gott denkt sich ständig neue Wege aus und interessiert sich sehr für die Wege, die ich mir ausdenke. Und miteinander entscheiden wir, welchen Weg wir gemeinsam gehen.“ (S. 168) Das klingt ja schon ziemlich nach einer offenen Zukunft und nach einem überraschten und veränderlichen Gott. Wie auch immer es gemeint sein mag, es ist theologisch leicht misszuverstehen und deshalb wenig hilfreich.

Jürgen Werth hat das Buch mit sehr vielen eigenen Erlebnissen und Schilderungen von Menschen, die er kennt, gewürzt. Das macht das Buch leicht lesbar und unterhaltsam, wenn man diesen Schreibstil mag. Und das ist dann natürlich Geschmackssache. Im großen Ganzen handelt es sich jedoch nicht um Erfahrungstheologie, welche die Bibel entsprechend den Erlebnissen deutet, sondern umgekehrt sind die Erlebnisse in den meisten Fällen hilfreiche Illustrationen der Dinge, welche Werth zuerst in der Bibel gründet. Hiervon ausgenommen sind vor allem der Anfang und der Schluss. Mit dem Anfang konnte ich recht wenig anfangen, denn es geht um das Gedankenexperiment, das Leben in vier „Jahreszeiten“ von jeweils 25 Jahren einzuteilen. Dabei handelt es sich jedoch eher um eine Einführung ins Buch. Ich persönlich hätte mir das Buch nach Lesens diesen Anfangs nicht gekauft, musste aber nach ein paar weiteren Seiten sagen, dass der Inhalt deutlich besser ist als der Anfang. Vermutlich wird der Anfang auch manchen gut gefallen, auch das ist Geschmackssache und tut dem gesamten guten Inhalt des Buches keinen Abbruch. Ich habe das Lesen sehr genießen können und gebe dem Buch deshalb fünf von fünf Sternen.

Cessationismus – aus Angst erwachsen?

Ich habe vor einiger Zeit schon eine Art Vorrede zu meiner Auseinandersetzung mit dem Cessationismus geschrieben (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Heute möchte ich damit fortfahren und eine Beobachtung teilen, die ich schon häufig in Gesprächen mit Cessationisten gemacht habe: In vielen Fällen entsteht der Hang zum Cessationismus aus einer Angst heraus.

Ich möchte in einem späteren Blogpost die Geschichte des Cessationismus etwas näher betrachten, aber greife heute schon ein wenig vor, wenn ich verschiedene Beispiele aus der Kirchengeschichte anführe. Man darf dabei nicht vergessen, dass sich die Lehren der Theologie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändern, auch dann, wenn man sie immer gleich benennt. So ist es auch beim Cessationismus. Heutige Cessationisten verweisen gerne auf die Reformatoren, obgleich bald klar wird, dass die Reformatoren den Argumenten der heutigen Cessationisten nur in wenigen Fällen zustimmen würden. Der heutige Cessationismus wurde erst im 20. Jahrhundert von Benjamin B. Warfield begründet.

Im Gespräch mit Cessationisten kommen häufig Ängste zum Vorschein. Und ja, manche dieser Ängste haben eine Grundlage in schlechten Erfahrungen, die sich nicht abstreiten lassen. Ich kenne diese Erfahrungen auch. Als jemand mit schwerer Hörbehinderung sich in pfingstlichen und charismatischen Kreisen bewegen ist oft mit Verletzungen verbunden. Ich weiß, wie es ist, wenn einem zu wenig Glaube attestiert wird, wenn man auch nach dem gefühlt hundertsten Gebet um Krankenheilung immer noch nicht gesund geworden ist. Ich weiß, wie es ist, wenn bestimmte Geistesgaben als Machtmittel gebraucht werden, um über das Leben von Mitmenschen zu bestimmen. Die Liste könnte noch ziemlich lang werden, wenn ich sie fortfahren wollte. Wenn die Erfahrung, das persönliche Erleben, so wichtig wäre, müsste ich schon lange einer der größten Verfechter des Cessationismus sein. Doch – Gott sei Dank – geht es gar nicht so sehr um mich, sondern es geht um Gott und Sein Wort, dem ich gehorsam sein will.

Es gibt also die Angst vor Verletzungen durch Menschen, die die Charismen oder Gaben des Heiligen Geistes ausüben. Diese Angst ist verständlich. Und es stimmt, es gibt immer wieder Verletzungen durch Menschen, die auf diese Weise begabt sind. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich frisch bekehrt und total begeistert von Jesus war, als ich nicht allzu lange danach begann, Menschen mit Gebet, Lebenshilfe und auch immer wieder mit prophetischen Worten zu dienen, da war ich geistlich gesehen noch ein kleines Kind im Glauben und muss rückblickend sagen, dass ich heute manches anders machen würde. Ich habe Fehler gemacht, ich musste mich bei Menschen entschuldigen, und bei anderen ging das schon gar nicht mehr, weil ich sie nicht wieder getroffen habe. Ich habe gelernt, aus der Gnade Gottes und der Vergebung der Mitmenschen heraus zu leben. Die Gaben sind kein Spielzeug, aber Gott schenkt sie gern und eben oft auch schon an unreife, im Wachstum stehende junge Gläubige.

Eng damit verknüpft ist auch die Angst vor Machtmissbrauch durch die Gaben. Auch hier gilt: Diese Angst ist nicht unbegründet. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen auf Grund ihrer Gaben eine bestimmte Machtposition erhalten, Es gibt leider auch in den pfingstlich-charismatischen Kreisen immer wieder das falsche Denken, dass jemand mit der prophetischen Gabe eine direktere Beziehung zu Gott, einen näheren Zugang zu Gottes Wesen und Wirken hat als jemand ohne diese. Fakt ist jedoch (und hier muss ich schon jetzt mit einem beliebten cessationistischen Scheinargument aufräumen), dass der Begabte nicht beliebig über seine Gabe verfügen kann. Ich werde darauf auch noch ein anderes Mal näher zu sprechen kommen. Jeder Gläubige hat genau gleich direkten Zugang zu Gott, indem er Gottes Wort lesen und zu Ihm beten kann. Die Bibel ist Gottes inspiriertes, fehlerfreies und unfehlbares Wort.

Und damit bin ich schon beim nächsten Thema angelangt: Angst vor der Verwässerung und Aushebelung von Gottes Wort. Diese Angst hat im Laufe der Kirchengeschichte oft Menschen dazu gebracht, zu Cessationisten zu werden. Martin Luther und Johannes Calvin werden beide gerne zu den Cessationisten gezählt, weil sie dieses Argument gebraucht hatten, um gegen die römisch-katholische Kirche ihrer Zeit und die frühen Bibelkritiker unter den „Wiedertäufern“ zu kämpfen. Die römisch-katholische Kirche hat ihre Lehren und Praktiken gerne mit den Wundern und Heilungen begründet, die etwa an Wallfahrtsorten geschahen. Im Sinne von: Wo Wunder geschehen, da muss die einzig wahre, reine Lehre und die einzig wahre Kirche sein. Unter den Vorläufern der Baptisten gab es einige radikale Ablehner der Bibel, die meinten, wenn Gottes Geist schon in ihnen sei, dann bräuchten sie die Bibel nicht mehr. Leider hat all dies dazu geführt, dass die Reformatoren – allen voran Luther – grundsätzlich alle „Wiedertäufer“ verteufelten und verfolgen ließen. Auch Benjamin B. Warfield hat dieses Argument gebraucht. In seiner Zeit gab es etwa auch die Sekte der „Christlichen Wissenschaft“ („Christian Science“, von Mary Baker Eddy gegründet), welche die Wahrheit ihrer Lehre an den Wundern und Heilungen festmachten. Es ist wertvoll, wie viel Warfield tat, um die Irrtumslosigkeit der Bibel zu verteidigen. Gleichzeitig hat er aber dieselben philosophischen Maßstäbe und historisch-kritischen Methoden an jene Bibelstellen angelegt, in welchen es um die Geistesgaben geht.

Diese drei bisher angesprochenen Ängste sind leicht ersichtlich, weil sie in Gesprächen oft angesprochen werden. Unterschwellig schwingen häufig auch weitere Ängste mit, deren sich wohl die wenigsten Cessationisten bewusst sind (oder auch nur bewusst sein wollen). Ich möchte sie trotzdem ansprechen und bitte die „Cessis“ unter meinen Lesern, sie sich einfach mal eine Weile durch den Kopf gehen zu lassen. Da wäre die Angst davor, nicht zu genügen. Die Frage hinter dieser Angst ist: Was wäre, wenn ich Gott um die Gaben bitte und sie nicht bekomme? Habe ich dann versagt? Bin ich dann zu wenig wert? Diese Angst resultiert aus einem falschen Verständnis der Gaben. Sie werden dann so gesehen, als ob sie eine Belohnung für gutes Christenleben seien. Wer reif genug ist, kann sie ja dann bekommen. Aber genüge ich selbst dafür?

Oder die Angst vor der Verantwortung. Wer etwas mehr bekommen hat, steht in einer größeren Verantwortung. Das ist an und für sich ein biblischer Grundsatz. Aber Gott erwartet von keinem von uns totale Perfektion. Ein Leben mit den Gaben bedeutet auch immer zugleich ein Leben aus der Gnade und Vergebung heraus. Hier sind Gemeinden und besonders auch Prediger gefordert, über die Gaben zu lehren und ein Umfeld zu schaffen, in welchem Menschen die ersten Schritte darin gehen können und lernen, richtig damit umzugehen. Auch hier wieder verknüpft damit ist eine Angst vor Stolz und Hochmut. Wenn andere Begabte manchmal dazu neigen, die Christenheit in zwei Gruppen einzuteilen und sich selbst als besser betrachten weil sie eine bestimmte Gabe haben, so ist das verwerflich, aber kein Grund, um dafür zu danken, dass man nicht so wie diese Stolzen ist.

Es gibt aber auch noch eine Angst vor zu viel Demokratisierung in den Gemeinden. Möglicherweise war diese Angst mit ein Grund für die ersten Wellen des Cessationismus. Zu jener Zeit war gerade die Hierarchisierung der Gemeinden in vollem Gange. Bischöfe und Priester erhielten mehr Macht, und wenn jetzt der einfache gläubige Laie plötzlich so eine wichtige Gabe erhalten sollte, dann konnte das doch nur Probleme bringen. Ich meine, dass dieses Denken auch in unserer Zeit immer wieder dominiert. Prediger sind zu Alleinunterhaltern geworden, an deren Position keiner rütteln kann oder darf. Wohin käme man denn auch, wenn plötzlich der Neubekehrte etwas mehr oder besser wüsste als der Pastor? Doch die Bibel spricht gerade davon, dass jeder Gläubige ein gleichwertiger Baustein am Hause Gottes oder ein gleichwertiger Körperteil am Leib Christi ist. Deshalb liebt Gott es, zuweilen auch den Neubekehrten mit großartigen Erkenntnissen zu segnen, über die der langjährige Bibelstudent nur staunen kann.

Am umstrittensten mag wohl die nächste Angst sein: Angst vor dem unberechenbaren Gott. Wenn Menschen anfangen, die Gaben zu entdecken, dann ist das ein wunderbares Abenteuer. Eine Reise, von der man nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve wartet. Das reißt uns aus der Komfortzone heraus. Manchmal wünscht Sich Gott, dass wir etwas Verrücktes tun. Zum Beispiel: Uns nicht rächen, sondern unseren Widersachern vergeben. Das ist etwas total Verrücktes, etwas, was unserem menschlichen Zustand total entgegen steht. Manchmal sollen wir mit völlig unbekannten Menschen ein Gespräch anfangen. Das braucht Mut. Und da habe ich manchmal das Gefühl, dass manche Cessationisten sich wünschen, Gott kontrollieren zu können. So ein Gott, der gerade in ihrer Bibel Platz hat. Ein Gott, den man bei Bedarf aus der Tasche ziehen und zitieren kann, aber auch wieder zum Schweigen bringen, indem man den Buchdeckel zuwirft und im Rucksack verstaut. So ein Gott, der auf Smartphone-Knopfdruck nichts mehr zu sagen hat. Das ist doch praktisch und bequem. Doch ob ein solcher Gott groß genug ist, um uns verändern zu können?

Lektionen aus dem Richter-Buch

In meiner täglichen Bibellese war ich dieses Jahr eine ganze Weile mit dem Buch Richter beschäftigt. Ich habe es 20x hintereinander gelesen. Wer mehr über meine derzeitige Art der Bibellese erfahren möchte, kann hier (Link) klicken. Das Buch Richter hat mich richtig herausgefordert und manche Dinge ganz neu in meinen Dickschädel gehämmert. Wenn man sich über mehrere Monate hinweg so ganz in ein Buch hinein vertieft, findet schon eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt statt.

Die Ereignisse des Richterbuches fanden nach der Landverteilung durch Josua und vor dem Königtum von Saul, David und Salomo statt. Es waren Zeiten, in welchen kein Leiter da war, der dafür sorgte, dass Israel Gottes Willen zu tun suchte. Es waren anarchistische Zeiten, in denen jeder tat, was er selbst für richtig hält. Zeiten, in welchen sich der Mensch als des Menschen Wolf zeigte. Zeiten, in welchen sich die Verderbtheit des menschlichen Herzens ganz besonders stark zeigte.

Auf eine gewisse Weise atmet das Richter-Buch eine prophetische Sehnsucht nach einer Zeit wie unter König David. Es gibt immer wieder versteckte Anspielungen auf die Zeit des Königs David. Richter waren immer nur eine kurze Zeit lang Leitungspersönlichkeiten, deren Aufgabe auf eine bestimmte Situation beschränkt war. Das Königtum hatte doch eine deutlich längere Halbwertszeit, auch wenn man klar sehen muss, dass auch die Könige alles andere als perfekt waren.

Was mich immer wieder ermutigt hat, ist die knallharte Ehrlichkeit des Richter-Buches, die zeigt, wie menschlich und fehlerhaft die Richter waren. Gott hat sie trotzdem berufen, ausgewählt, mit Seinem Geist ausgestattet und hat ihnen den Sieg geschenkt. Und trotz alledem werden sie in Hebräer 11 unter die Helden des Glaubens gezählt. Das macht mir Mut, weil ich auch immer wieder über mich selbst stolpere und immer wieder neu Gottes Vergebung und die meiner Mitmenschen nötig habe.

Das Buch Richter hat mich auch enorm dankbar gemacht. Dankbar für Gottes allgemeine Gnade, die dem menschlichen Handeln bestimmte Schranken setzt, sodass nicht alle Bosheit bis zum Letzten ausgelebt wird. Ohne diese Gnade würde die Welt zur Hölle werden. Dankbar für das Gewissen, das uns vor so manchem zurückschrecken lässt. Dankbar aber auch für die Notordnung der Nationalstaaten, die ebenfalls für Recht und Ordnung sorgen und dadurch ihre Bewohner beschützen.

Last but not least durfte ich überall im Richter-Buch den Herrn Jesus Christus entdecken. Überall ist ER präsent, und wer einen Abschnitt im Richter liest, ohne Ihn zu finden, sollte diesen noch einmal mehr gründlich lesen. ER ist der wahre König der Weltgeschichte, der Sinngeber allen Geschehens, der Retter aus allen Nöten, der Erlöser von der Sünde, von der Schuld, vom Fluch, von allem Leid und Leiden. Wenn wir Ihn auch zum König unseres Lebens machen, schenkt Er Veränderung, echte Veränderung von innen nach außen, ein neues Leben unter Seinem Segen, ein Leben in der Fülle des Geistes, ein Leben zum Wohle der Mitmenschen und zum Gehorsam gegen Gott und Sein Wort.

Anspruch und Wirklichkeit der historischen Kritik

Pfr. Dr. Stefan Felber hat auf seiner Homepage ein Dokument zum Download bereitgestellt, welches ich sehr empfehlen möchte. Auf nur einer A4-Seite schafft er es, eine ganze Reihe von Kritikpunkten an den hysterisch-kritischen (pardon, historisch-kritischen) Methoden anzubringen. Er untersucht Anspruch und Wirklichkeit der historisch-kritischen Methoden. Das Dokument kann hier (Link) heruntergeladen werden.

Ich stimme dem Inhalt des Dokuments vollkommen zu, möchte hier aber die Gelegenheit nutzen, einzelne Aussagen noch etwas zu ergänzen, zuzuspitzen oder zu verdeutlichen. So fallen unter Punkt 1 etwa die Begriffe „Objektivität“ und „Hypothesenvielfalt“. Da geht es darum, dass man versucht, möglichst wissenschaftlich, möglichst objektiv zu sein, aber sehr oft verstecken sich liberale Theologen hinter einer ganzen Reihe von unüberprüften, unüberprüfbaren Hypothesen. Nehmen wir nur mal zum Beispiel die Zweiquellenhypothese der Evangelien. Man postuliert dabei, dass zuerst das Markusevangelium geschrieben worden sei, und die anderen Autoren, Matthäus und Lukas, hätten Markus genommen, abgeschrieben und mit einer anderen Quelle, der sogenannten „Logienquelle Q“ vermischt. Diese Logienquelle ist ein rein fiktives Instrument der kritischen Theologen. Noch niemand hat je eine solche Logienquelle gefunden. Deshalb kann sich jeder aussuchen, was nun tatsächlich von Jesus stammen soll, und welche Inhalte aus der Logienquelle Q kommen sollen. Wer sich einmal die Mühe macht, die unterschiedlichen Teile zu studieren, die entweder bei allen dreien, nur bei zweien oder gar je nur bei einem Evangelium vorkommen, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen und es wird klar, wie sehr da ein von Gott prophetisch gelenkter Prozess von Menschen, die der Wahrheit und den geschichtlichen Tatsachen auf den Grund gingen, vonstatten ging. Jede rein menschliche Erklärung enthält unzählige Löcher und Ungereimtheiten.

Immer wieder kommt die Abkürzung „KAK“ vor, diese steht, wie unter Punkt 4, Stichwort „Historizität“ geschrieben, für „Kritik, Analogie, Korrelation“. Diese drei Begriffe gehen auf den deutschen Theologen Ernst Troeltsch zurück. In seinem Buch „Über historische und dogmatische Methode in der Theologie“ schreibt er darüber. Ich habe in meiner Datei zur Geschichte der Biblischen Theologie (Link) auf Seite 21 diesen Dreiklang folgendermaßen beschrieben:

a. Kritik: Alles muss zunächst einmal angezweifelt werden. Nichts darf per se als wahr betrachtet werden, wenn seine Wahrheit nicht zuerst nachgewiesen werden konnte. Die menschliche Vernunft (und damit der Subjektivismus) wird über jede Aussage der Bibel gestellt und muss sie in allem radikal hinterfragen.

b. Analogie: Diese Kritik geschieht zunächst durch das Prinzip der Analogie. Das bedeutet: Man sucht im nach ähnlichen Berichten und bewertet anhand derer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben könne. Hierdurch wird die Tatsache von Wundern komplett in den Bereich der Mythen verschoben. Auch Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung Jesu streitet man mit dieser Vorgehensweise ab.

c. Korrelation: Die zweite Methode der Kritik ist die Korrelation. Es darf keine Zufälle geben, deshalb beruht alles auf Wechselwirkungen und die müssen gefunden werden. Es wird also gefragt, woher es komme, dass die biblischen Autoren genau jenes geschrieben haben, also: woher könnten sie ihre religiösen Vorstellungen haben? Von wem sind die ‘geklaut’? Auf welche Ursache sind die biblischen Texte zurückzuführen?“

Gerade weil die historisch-kritische Bibelforschung versucht, objektiv und neutral zu sein, schafft sie beständig neue Dogmen, die ihrerseits nicht wirklich grundlegend begründet werden (können). Theologie ist mehr als nur Literaturwissenschaft auf ein einzelnes Buch angewandt. Sie ist mehr als Soziologie einer früheren Kultur. Sie ist mehr als Vermittlung des Wissens, wie man die Bibel nicht auslegen soll. Und doch verkommt sie häufig genau zu dem. Die historisch-.kritische Theologie kann die Bibel nicht mehr begründet positiv auslegen, weil sie sich zu sehr an das „Nicht-So“, die Absage an bisherige Auslegungen, gebunden hat. Sie kann keine positive Exegese liefern, weshalb durch die ganze Methoden- und Hypothesenvielfalt letztlich jeder Text alles bedeuten kann – und vielleicht wird durch reinen Zufall damit gerade das getroffen, was Gott durch Sein Wort eigentlich sagen wollte. Rein statistisch gesehen ist das Gegenteil deutlich wahrscheinlicher.

Bei Punkt 7 hätte ich „Moralisierung“ treffender gefunden. Kleiner Hinweis am Rande. Weil die Predigt für liberale Theologen gerade nicht mehr die biblische Ethik hochhalten kann, weil sie angeblich zu gesetzlich sei, wird stattdessen der moralische Zeigefinger für alle möglichen politischen Probleme erhoben. Ob diese Politiken eher links- oder rechtslastig sind, ist im Grunde genommen egal. Aber solange das Evangelium vom Sühnopfertod Jesu Christi an unserer Statt nicht mehr dazu da ist, um mein Leben in Gottes Sinne umzukrempeln, werden innerweltliche Probleme angesprochen und der Mensch zum aktiven Handeln im Sinne eines Überaktionismus gedrängt. Der „moralistisch-therapeutische Deismus” (Link) lässt grüßen.

Buchrezension: Gott wieder finden und warum es gar nicht nötig ist, ihn zu suchen

Heyes, Zacharias, Gott wieder finden und warum es gar nicht nötig ist, ihn zu suchen, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 1. Aufl. 2018, 159 S., Verlagslink, Amazon-Link

Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich dieses Buch nicht als Katholik lese, sondern als Evangelikaler, als Freikirchler und als bibeltreuer Theologe, und mir deshalb manche Dinge fremd sind, die darin beschrieben werden. Ich war noch nie katholisch, habe mich aber immer wieder mit Menschen getroffen und diskutiert und dabei so manches gelernt. Dennoch sollte insofern meine Rezension mit diesem Wissen im Hinterkopf gelesen werden, denn mir sind bis heute einige Dinge der römisch-katholischen Kirche fremd geblieben. Der Verlag hatte mich gebeten, das Buch zu rezensieren, und nach einigem Zögern habe ich mich dazu bereit erklärt, denn bald wurde mir klar, wie vieles ich anders sehe und deshalb auch kritisch sehen werde. Da der Verlag meine Rezension dennoch wünscht, werde ich sie nun posten.

Was durch das ganze Buch hindurchscheint, ist die strahlende Lebensfreude des Autors, der den Leser mitnehmen möchte auf eine abenteuerliche Reise zu seinen Mitmenschen. Das muss ich ganz klar sagen, der Autor ist ein sehr sympathischer Mensch, dessen Gedanken versuchen, den Leser anzustecken und auf sein menschliches Gegenüber zu fixieren. Als Notfallseelsorger, katholischer Mönch und Gästebegleiter der Abtei Münsterschwarzach kommt er mit vielen verschiedenen Menschen in Berührung. Er hat die Gabe, tief nachzudenken und bei und mit den Menschen zu sein – auch gerade in ihrem Leid oder ihrem Mangel. Das alles zusammen sind positive Eigenschaften, die mich für den Autor eigentlich einnehmen. Auf der persönlichen Ebene stehe ich Zacharias Heyes sehr nahe, und vermute, dass wir auch biographisch bestimmte Erfahrungen teilen. Nur inhaltlich konnte mich das Buch leider nicht überzeugen. Nachfolgend meine Gedanken dazu:

Wenn ich ein Buch lese, dann beginne ich nicht gleich mit dem Vorwort oder dem ersten Kapitel, sondern als erstes denke ich eine Weile über den Titel nach. Ich stelle mir Fragen zum Titel, die ich beim Lesen des Buches aus der Sicht des Autors zu beantworten suche. Ich frage mich, was der Autor mit dem Titel aussagen möchte, und bei diesem Buch war mein spontan erster Gedanke folgender: „Der Titel klingt sehr interessant! Man könnte ihn gut gebrauchen, um davon ausgehend einige verbreitete Missverständnisse zu Gottes Transzendenz und Immanenz zu beantworten. Ich möchte wissen, wie der Autor das „Gott suchen“ definiert, das er nicht nötig findet.“ Nochmal etwas einfacher: Es gibt verschiedene Vorstellungen, was „Gott suchen“ bedeutet. Der Titel wäre sehr gut, wenn man ein Buch über diese Vorstellungen schreiben wollte und mit den falschen davon aufräumen wollte. Doch leider hat es der Autor auf knapp 160 Seiten nicht geschafft, auch nur einmal darüber zu schreiben, was er mit dem Begriff „Gott suchen“ im Titel meint. Er schreibt davon, dass wir Gott nicht suchen müssten, weil es Gott ist, der uns sucht (was den zweiten Teil dieser ersten Aussage betrifft, stimme ich ihm zu) und dass Gott in allen Menschen zu finden sei (dazu weiter unten noch mehr). Aber wogegen er eigentlich schreibt, wird nicht klar. Insofern ist der Titel irreführend, denn er übergeht nicht nur eine ganze Reihe von klaren Aussagen im Alten und Neuen Testament (z. B. 1. Chr. 16,10 – 11; 2. Chr. 7,14, Ps. 9,11, Ps. 27,4, Ps. 63,2, Ps. 119,10, Jer. 29,12-14, Am. 5,5-6, Matth. 7,7-8, Kol. 3,1 u.v.a.m.). Die große Frage muss deshalb sein: Wie sucht man Gott? Und diese Frage wird nicht beantwortet, sondern geradezu umgangen, indem man auf den Mitmenschen zurückgeworfen wird, in welchem man Gott finden soll.

Das Zweite, was mich interessiert hat, ist das Bibelverständnis des Autors. Und hier wurde ich leider nicht weniger enttäuscht. Gut, Enttäuschung ist ein heilsamer Prozess, aber in dem Fall hat sie nicht dazu geführt, dass ich das Buch besonders ansprechend fand. Es gibt keine Stelle, an welcher Heyes transparent über sein Verständnis von Gottes Wort berichten würde – aber überall findet man sein Bibelverständnis in der Praxis angewandt. Heyes versucht gar nicht erst, die Bibel mit der Bibel auszulegen, sondern er nimmt aus den modernen Wissenschaften ziemlich unkritisch alle möglichen Aussagen und versucht dann, in der Bibel Beispiele dafür zu finden, um sozusagen zu zeigen, dass man die Bibel auch so verstehen könne. Nun muss man aber wissen, wenn man nur will, kann man so ziemlich unbeschränkt alles irgendwie in die Bibel hineinlesen. Zumindest um Ecken und auf Biegen oder Brechen. Das ist dann nicht mehr Auslegung der Bibel („Exegese“ genannt), sondern ein Hineinlesen („Eisegese“). So kommen Aussagen aus der Befreiungstheologie, dem Feminismus, aus dem materialistischen Weltbild, und immer wieder wird kritisiert, wie die weltweite Kirche während vielen Jahrhunderten die Bibel verstanden und ausgelegt hatte. Es war mir schon länger bekannt, dass die historisch-kritische Methodologie seit dem Zweiten Vatikanum auch in die römisch-katholische Kirche Einzug gefunden hat. Und doch habe ich mit vielen Katholiken im persönlichen Gespräch gerade deshalb eine gemeinsame Basis gefunden, weil wir gemeinsam die Bibelkritik ablehnen. Dass nun hier in einem Buch, das eigentlich nicht nur für Studenten der katholischen Theologie geschrieben wurde, diese so deutlich angewandt wird, ist nicht gerade dazu angetan, um Vorurteile abzubauen.

Zacharias Heyes führt den Leser durch eine Anzahl bestens bekannter Begebenheiten, die in der Bibel berichtet werden, und sucht dabei immer nach der heutigen Bedeutung für uns. Das führt zuweilen zu ganz interessanten Widersprüchen. Etwa die Stelle, wo Mose von Gott aufgefordert wird, die Schuhe auszuziehen, weil er auf heiligem Boden stehe, wird dann direkt umgedeutet, dass der Boden überall heilig sei. Nun würde das aber auch konsequenterweise bedeuten, dass es ein allgemeines Schuhverbot bräuchte. Doch so weit möchte der Autor dann wohl doch nicht gehen, weswegen der Befehl des Schuhausziehens kurzerhand unterschlagen wird. Letztlich fehlt Heyes das Verständnis für die Transzendenz Gottes, die gesamte Spannung zwischen der Transzendenz und Immanenz wird auf die Seite der Immanenz aufgelöst, und damit ist Gott derjenige, welcher immer und überall zu finden ist – was nicht ganz falsch ist, aber eines fehlt dabei: Gott ist immer in Jesus Christus und immer in Seinem Wort, der Bibel, zu finden. Weil das aber zu exklusivistisch ist, bleibt dieses Alleinrettungsmerkmal Jesu Christi außen vor und der Träger des göttlichen Daseins ist damit plötzlich der Mitmensch.

Ich muss an der Stelle noch etwas ausholen. Wie zu Beginn geschrieben ist es mir sehr sympathisch, dass der Autor darum wirbt, dass die Menschen aufeinander zu gehen und einander helfen, einander verstehen möchten und gemeinsam leben, lieben, lachen und weinen. Das betrifft Menschen über alle Grenzen von Kulturen und Religionen. Und doch – der Synkretismus dieses Buches geht mir zu weit. Die Rede von „Gott in jedem Menschen finden“ ist irreführend, denn die Unterscheidung zwischen Gott im Menschen im Sinne von Gottes Ebenbild und Gott im Menschen als einem Menschen, der an den stellvertretenden Sühneopfertod Jesu am Kreuz glaubt, wird weggelassen. Und diese Unterscheidung könnte grundlegender nicht sein. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass gerade in unserer Zeit der Beliebigkeit wieder klargemacht wird, dass es ohne Kreuzestod Jesu keine Wiederherstellung der persönlichen Beziehung zu Gott gibt. Zu diesem Synkretismus passt leider auch die Befürwortung heidnisch-okkulter Praktiken wie der Zen-Meditation oder die Überschrift „Für den Zeitgeist“ (S. 146). Das Evangelium stellt jede Kultur in Frage und ist deshalb auch jedem säkularen Zeitgeist entgegengesetzt. Leider kann dieses Kapitel am Ende des Buches auch nicht überraschen.

Fazit:

Ein leidenschaftliches Buch mit vielen guten Gedanken, die gesamte Tendenz jedoch eher fragwürdig, synkretistisch und auf das diesseitige Leben beschränkt. Eine Bewertung in Punkten oder Sternen ist mir nicht möglich.