Ich schreibe, also bin ich.

Ich schreibe.
Ich schreibe gerne.
Ich schreibe gerne viel.
Ich schreibe gerne viel von Hand.
Ich schreibe gerne viel von Hand auf Papier.

Papier ist geduldig.
Papier wartet, bis ich zu Ende gedacht habe.
Papier schaltet nicht in den Standby-Modus.
Papier will mir nicht nach drei Buchstaben das nächste Wort vorgeben.
Papier will mich nicht bei jedem zweiten Wort automatisch korrigieren.

Papier ist geduldig.
Papier lässt sich zerknüllen.
Papier lässt sich zertreten.
Papier lässt sich in die Tonne kloppen.
Papier lässt sich mit Tränen netzen und verschmiert dabei die Schrift.

Papier ist geduldig.
Papier nimmt meine Emotionen auf.
Meine gehetzte Schnellschreibschrift.
Meine behutsame Schönschreibschrift.
Und meine durchgestrichenen Korrekturen.

Papier ist geduldig.
Papier lässt sich nicht per Knopfdruck veröffentlichen.
Papier lässt mir Zeit, das Geschriebene zu überdenken.
Papier lässt mir die Wahl, es nie loszuschicken.
Papier übergibt mir die Verantwortung für alles Weitere.

Papier ist geduldig.
Papier lässt mich in codierter Kurzform schreiben.
Papier lässt sich nicht hacken.
Papier lässt sich nur äußerst schwer überwachen.
Papier hilft mir, das Geschriebene zu verarbeiten.

Ich schreibe gerne viel von Hand auf Papier.
Ich schreibe gerne viel von Hand.
Ich schreibe gerne viel.
Ich schreibe gerne.
Ich schreibe, also bin ich.

04.12.2020, Jonas Erne

60 Jahre nach dem Aufstand in der DDR

Heute vor 60 Jahren – am 17. 06. 1953 – war der große Aufstand in der DDR. Ein Aufstand, der in erster Linie ein Kampf um die Freiheit war. Ein Aufstand gegen das Mehr an Staat, gegen die Zentralisierung der Bestimmungen und gegen die Einschränkungen der freien Marktwirtschaft, welche unter anderem durch Steuererhöhungen darauf abzielte, dass möglichst viele Selbständige wegen Armut ihre Selbständigkeit aufgeben mussten. 60 Jahre später werden die Aufständischen als Helden gefeiert. Sie sind es auch. Sie haben den Mut gehabt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um für die Freiheit zu kämpfen. Einige haben ihr Leben gelassen bei diesen Demonstrationen. Andere sind mit Verletzungen davongekommen. Der damaligen Regierung hat der Aufstand vor allem eines gezeigt: Dass das System der Überwachung noch deutlich weiter ausgebaut werden muss.
Heute, 60 Jahre später, braucht es kein Ministerium für Staatssicherheit mehr. Heute ist die Überwachung der Bürger durch computergesteuerte Algorithmen perfektioniert. Datenkraken sammeln online zu Millionen ihr Futter und werten es aus. Und der Bürger? Der sitzt vor dem Bildschirm und feiert die Helden von 1953. Und vergisst natürlich keineswegs, sich über die sozialen Netzwerke anzumelden und so die modernen Akten der Staatssicherheit 2.0 möglichst ausführlich up to date zu halten.