Gebet für die postevangelikale Bewegung

Inspiriert hat mich zu diesem Artikel ein sehr starker Text, den der Postevangelikale Christoph Schmieding im Eule-Magazin gepostet hatte. Dieser Text hat mich bewegt, und es ist nicht der erste von diesem Autor, der mich umtreibt. Schmieding schreibt sehr ehrlich, wohl durchdacht und auch ästhetisch schön zu lesen. Was mich dieses Mal besonders berührt hat, ist seine Fähigkeit zum selbstkritischen Nachdenken. Er kann zu den Grenzen seiner selbst und seiner Bewegung stehen. Wenn ich unsere bibeltreue Szene betrachte, fehlt mir diese Reflexion. Selbstkritik, die weder beschwichtigend wird, noch in eine Art Weltuntergangsstimmung verfällt, gibt es viel zu selten. Ich merke auch an mir selbst, dass ich noch einiges mehr zu lernen habe, um diesen task zu managen. Deshalb versuche ich es gar (noch) nicht erst, sondern bete. Für die postevangelikale Bewegung und indirekt auch für uns Bibeltreue.

Die postevangelikale Bewegung besteht zu einem großen Teil aus Menschen, die früher einmal zur evangelikalen Bewegung gehörten und diese dann verlassen haben – um Gott auf eine andere Art zu finden. Viele sind desillusioniert, verletzt, enttäuscht. Und das zu recht. Viel zu oft wurden sie nicht ernst genommen, ihre Zweifel und Fragen viel zu billig abgetan und manchmal auch dämonisiert („Zweifel sind vom Teufel“). Viel zu oft haben sie Gemeinde als theologische und politische Machtkämpfe erlebt. Viel zu oft haben sie den Hang zur ästhetischen Mittelmäßigkeit gesehen, der in evangelikalen Kreisen unbewusst propagiert wird. Viel zu oft war (und ist) Gemeinde mehr Hierarchie als Familie. Viel zu oft wurden sie von der Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen (im Falle von Schmieding etwa der Künstler, die einen ganz eigenen Lebensstil haben) sensibilisiert. Viel zu oft sind sie mit ihren Ideen, Vorschlägen, Träumen und ihrer Leidenschaft in ihrem Umfeld angeeckt und auf taube Ohren gestoßen. So sind sie ausgezogen aus Evangelikalien und suchen etwas Neues, etwas Besseres. Manche von ihnen ganz ohne Gemeinschaft, andere gründen „Communities“, wieder andere wollen gar nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun haben. Ich möchte das kommende neue Jahr dazu nutzen, um noch viel mehr für diese Menschen zu beten.

Ich bete darum, dass Gott ihnen ganz neu begegnet. Ich bete nicht, dass sie sich wieder „zu uns zurück“ bekehren. Manche werden das zweifellos tun, aber bis dahin muss sich in evangelikalen Gemeinden noch sehr viel ändern. Ich bete, dass sie Gott auf eine ganz neue Art und Weise sehen und erleben mögen. Ich bete, dass sie die Liebe Gottes neu erkennen mögen, und sehen, dass diese ihr Verständnis von Gott noch viel mehr erweitert und prägt. Ich bete, dass sie gesegnet werden und ihre Gemeinschaften wachsen mögen, gerade auch indem sie neue Menschen erreichen, die in unseren Gemeinden links liegen gelassen werden.

Ich bete darum, dass sie lernen können, ihre Verletzungen, die sie sich in evangelikalen Kreisen zugezogen haben, hinter sich zu lassen und – wichtiger noch – uns zu vergeben. Ich bete damit auch darum, dass wir Bibeltreuen offene Augen bekommen für das, was an ihnen geschehen ist und dass wir anfangen, auf sie zuzugehen und um Vergebung zu bitten. Ich spreche auch mir selbst das zu, denn ich sehe auch immer wieder, wie leicht etwas ausgesprochen oder geschrieben ist, was andere verletzen und kränken kann. Ich bete, dass hier eine größere Sensibilität entsteht, was unsere Worte in anderen Menschen bewirken können.

Ich bete darum, dass die Gesprächsbereitschaft zwischen den verschiedenen Gruppen von Menschen wächst und auch jeder bereit wird, von anderen zu lernen. Aufeinander zu hören ist eine der wichtigsten Disziplinen unserer Zeit, aber ebenso auch, die eigene Sichtweise gründlich durchdenken und kommunizieren zu können. Ich bete, dass die Diskussionen noch weiter zunehmen, diese aber von einem Geist der gegenseitigen Liebe und Gnade durchdrungen wird, sodass die Wahrheit nicht einfach nur als Wahrheit gesagt wird, sondern auch als etwas, was für das Gegenüber annehmbar ist. Ich bete, dass wir alle lernen, noch besser zu kommunizieren und von niemandem mehr verlangen, den Verstand an der Garderobe abzugeben oder Fragen und Zweifel zu unterdrücken und zu verteufeln.

Ich bete darum, dass dieser Austausch für alle Beteiligten noch viel fruchtbarer wird. Ich bete, dass der postevangelikale Sinn für Ästhetik uns Evangelikale aufrüttelt, dass wir uns ganz offen mit unserem Hang für Mittelmäßigkeit beschäftigen. Wir leben allzu oft noch in der Vergangenheit. Viele Jahrhundserte lang wurde die Kunst und Kultur von christlichen Künstlern dominiert. Inzwischen hat sich das um 180° gedreht, und sehr viel der besseren Kunst stammt von säkularen Künstlern. Wer sich jetzt darauf beruft, dass das alles vom Teufel sei (von Metallica über Hollywood bis zu Stephen King), muss sich damit abfinden, dass die „noch erlaubte“ Kultur so sehr geschrumpft ist, dass sie kaum mehr als mittelmäßige Abklatsche säkularer Kultur hervorbringen kann. (Wenn ich dazu komme, möchte ich nächstes Jahr noch eine etwas längere Kulturkritik schreiben, wo ich auf diese Punkte im Detail eingehen kann)

Ich bete darum, dass die ehrliche Selbstkritik in allen Lagern weiterhin zunimmt. Hierin bin ich richtig dankbar für die postevangelikale Bewegung: Sie hilft uns, dass wir unsere blinden Flecke erkennen können und uns noch besser in das verändern lassen können, was Gott mit uns vorhat. Ich bete auch, dass wir Evangelikalen im selben Sinne den Postevangelikalen einen Spiegel vorhalten können. Es gibt einiges, was wir richtig gut können, und das dürfen wir auch weiterhin betonen. Wir haben relativ stabile Verbände von Gemeinden, die zusammen etwas bewegen können. Damit meine ich zum Beispiel die weltweite evangelische Allianz, aber auch die Gemeindebünde, die mehr erreichen können als einzelne Communities allein. Wir haben ein gemeinsames Fundament, nämlich die Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist, wir haben gemeinsame Bekenntnisse, die wir nicht erst diskutieren müssen, bevor wir uns einig werden können. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die in der Zeit der Apostel beginnt und bis in alle Ewigkeit weiter andauert. Wir haben eine riesige Auswahl an guter Literatur (mehr als je zuvor), und vieles davon ist online frei erhältlich. Wir haben Buchverlage und Ausbildungsstätten für theologisch Interessierte. Wir haben unzählige Gründe für Dankbarkeit! Lasst uns Frieden suchen und ihm hinterher jagen!

Die Schönheit Gottes – erste Gedanken

In einem früheren Blogpost habe ich uns Evangelikale aufgerufen, eine neue Vision von der Schönheit Gottes zu erhalten. Dort schrieb ich:
Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender Schönheit.Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo, Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll. Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.
Ich möchte hier ein paar Gedanken von Jonathan Edwards zusammentragen und sie für unsere Generation verständlich machen, indem ich ihn nicht wörtlich zitiere, sondern seine Gedanken in eigene Worte fasse und mit Beispielen zu erklären versuche.
Objektive Schönheit?
In unserer Zeit ist es leider auch unter Christen üblich geworden, zu sagen, dass die Schönheit eine Sache des Geschmacks sei. Nun ist es ja tatsächlich so, dass man sich den Geschmack derart verderben und pervertieren kann, dass man Dinge schön finden kann, die es eigentlich nicht sind. Als Christen ist der Fall klar: Die Bibel kennt objektive Schönheit. Zum Beispiel ist die Stiftshütte und all ihre Geräte und Teile in wunderschöner Weise angeordnet und angefertigt. Aber auch die Natur ist voll objektiver, wunderbarer Schönheit. Deshalb die nächste Frage:
Was ist Schönheit?
Jonathan Edwards definierte Schönheit als Harmonie und Einheit verschiedener Dinge. In anderen Worten: Einheit in Vielfalt und Vielfalt in Einheit. Nehmen wir zum Beispiel ein Bild. Ein schönes Bild beinhaltet eine Vielfalt an Farben und Formen; aber es ist nicht die Vielfalt, die Schönheit ausmacht, sondern die Harmonie und Einheit dieser Vielfalt. In einem Kunstmuseum habe ich einmal eine ganze Leinwand gesehen, die in einem einzigen Rotton bemalt wurde. Einem Maler für Wandanstriche hätte das alle Ehre gemacht, aber als Kunst ist es ganz schön fragwürdig. Hingegen ein Bild von einem Sonnenaufgang ist schön, weil es eine Harmonie und Einheit verschiedener Farben und Formen ist.
Gottes Schönheit: Drei in eins
Wenn wir nun weiter auf Jonathan Edwards hören, so ist es Gottes Schönheit, die Gott zu Gott macht. Für ihn sind alle anderen Eigenschaften Gottes aus Seiner Schönheit abgeleitet. Ich möchte darauf ein anderes Mal zurückkommen, was das genau bedeutet. Für heute ist die folgende Aussage wichtig: Gottes Schönheit ist Gottes Einheit in Gottes Vielfalt, nämlich weil Er ein Gott in drei Personen ist: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Drei Personen, die zusammen der eine Gott sind. Das ist geheimnisvoll, und wird es wohl auch noch bleiben, solange wir hier auf dieser Erde leben. Wir werden danach noch die ganze Ewigkeit lang Zeit haben, diese Geheimnisse Gottes zu ergründen.
Die Perfektion der Schönheit: LIEBE
Für Edwards stellt sich die Frage, was die höchste Form der Schönheit ist. Wenn die Schönheit eine Einheit und Harmonie von unterschiedlichen Personen ist, dann ist die Liebe deren höchste Form. Die Liebe ist also die höchste Form der Einheit und Harmonie zwischen Personen. Das wusste bereits David, der diesen Gedanken in einen Psalm goss: Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder in Eintracht beisammen sind!(Ps. 133, 1)
Einheit und Sprache
Ich komme nun auf eine Sache zu sprechen, die Jonathan Edwards noch nicht kannte. Für ihn und seine Zeit war klar, dass die Sprache die Aufgabe hat, Inhalte in einer verständlichen Form zu transportieren. Seit der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts ist dies nun anders. Sprache wird „dekonstruiert“ und „rekonstruiert“. Ich bin auch mit dem Denken aufgewachsen, dass die Sprache ein Mittel sei, um Macht zu bekommen und zu sichern und deshalb die Sprache mit neuem Inhalt gefüllt werden müsse. Das Problem dabei ist, dass man damit keine Einheit schaffen kann. Der falsche Gedanke dahinter ist, dass man alles so formulieren müsse, dass jeder sich der Formulierung anschließen kann. Das führt zu einem nichtssagenden, verwässerten Wörterbrei, der niemals Einheit schaffen kann. Vielmehr führt diese Vorgehensweise längerfristig zu Missverständnissen, weil jeder denken kann, dass sein Verständnis des Textes richtig war. So wird es am Ende mehr Unfrieden geben. Wenn wir tatsächliche Einheit wollen, müssen wir uns über Inhalte unterhalten. Biblische Einheit wird es nur da geben, wo wir uns darüber einig werden, was das Evangelium tatsächlich genau ist (und was nicht). 
Einheit und Vielfalt
Wohin man sieht, wird Einheit und Vielfalt als Gegensatz gesehen. Im dreieinen Gott der Bibel sind diese Gegensätze vereint. Der christliche Glaube ist deshalb die Antwort auf alle dringenden Fragen und Probleme unserer Zeit. Die Moderne hat versucht, alles in eine Einheit zu zwängen und in eine Weltformel zu bringen. Als Antwort darauf schwang das Pendel in die entgegengesetzte Richtung; für einen kurzen Moment war das Denken der sogenannten „Postmoderne“ vorherrschend: Vielfalt ohne Einheit. Bloß kein Metanarrativ. Jede Kultur und jede Gruppe hat in ihrem Kontext ihre eigene Wahrheit. Auch dieses Weltbild konnte sich nicht lange halten. Inzwischen ist mit dem Neuen Atheismus wieder eine neue Bewegung unterwegs, die versucht, auf die dringende Frage nach der Wahrheit eine Antwort zu geben. Deren Antwort: Ohne Religion sei alles besser.
Ein Überblick über die viele der verbreiteten Religionen zeigt, dass auch deren Antworten nicht imstande sind, Einheit und Vielfalt unter einen Hut zu bringen. Im Islam dominiert die Einheit. Allah darf nur einer, nur eine Person sein. Die Ummah, das heißt die weltweite islamische Gesellschaft oder Gemeinschaft, soll immer gleichartiger werden. Unterschiede sind per se schlecht, je ähnlicher die Menschen sich sind, desto besser. Im Fernen Osten ist es gerade umgekehrt. Im Hinduismus und im Buddhismus gibt es so viele Erlösungswege wie es Menschen gibt. Da muss jeder seine eigene Erleuchtung suchen und finden, und zwar auf teilweise ganz gegensätzliche Art und Weise. Das Problem dabei ist nur, dass jeder sehr unter Druck gesetzt ist, diese Erlösung zu finden. Es gibt keine Heilsgewissheit. Niemand kann einem tatsächlich sagen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Das macht die Gesellschaft sehr egoistisch. Jeder sucht nur nach dem Seinen.
Deshalb ist der dreieine Gott der Bibel die Antwort. Hier müssen wir noch eines klarstellen: Die Bibel kennt nicht „die goldene Mitte“, so als ob es um 50% Einheit und 50% Vielfalt geht. Wenn man eine Skala macht, wo auf der einen Seite das Extrem Einheit und auf der anderen Seite das Extrem Vielfalt steht, so ist das Christentum nicht in der Mitte dieser Skala, sondern außerhalb. Es geht Gott nämlich nicht um 50/50 oder so etwas, sondern um 100% Vielfalt und 100% Einheit. Gott hat uns Menschen nach Seinem Bild geschaffen, in all unserer Vielfalt und Einheit, und das dürfen wir feiern.

Selbstgezimmerte Bibelwissenschaft

Dies ist der vierte und letzte Teil einer Blogserie über Siegfried Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.
Fehlende Definitionen
Was ist für S. Zimmer die „Bibelwissenschaft“? Eine der größten Schwächen (oder aus seiner Sicht vielleicht eher Stärken) Zimmers besteht darin, dass seine Begriffe sehr unklar, schwammig und undefiniert sind. Erst gegen Ende des Buches lässt Zimmer dann entsprechend die Katze aus dem Sack: „Weil die diesbezüglichen Missverständnisse fast unüberwindlich sind, sollte man das Wort ‘Bibelkritik’ im (nichtwissenschaftlichen) Gespräch unter Christen nach Möglichkeit vermeiden. Man kann es durch das Wort ‘Bibelwissenschaft’ ersetzen. Beide Worte meinen das Gleiche.“(Zimmer, S. 153)
Ein anderes Beispiel ist ganz am Anfang zu finden: „Die Kirche darf nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. In diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für den Glauben, die Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14) Das klingt – wie bereits gesagt – gut. Die Frage ist nur: Was ist für Zimmer das Evangelium? Die Rede vom Evangelium klingt für Christen immer gut. Aber davon gibt es so viele und dabei ganz unterschiedliche Vorstellungen, was man unter diesem Schlagwort verstehen kann.
Zimmer meint, er könne mit seinem Buch etwas für die Einheit unter Christen tun, wenn er dabei ganz unklar und schwammig bleibt, damit sich jeder selbst etwas darunter vorstellen kann. Und das ist ein grundlegendes Problem unter Christen unserer Zeit. Es ist kaum noch Bereitschaft vorhanden, über Inhalte zu diskutieren. Lieber diskutiert man darüber, mit welcher leeren Worthülse möglichst viele Christen leben können – und nennt das Ganze dann „Einheit“. Das Problem ist jedoch, dass es echte Einheit nur bei den jeweiligen Inhalten geben kann und nicht bei den Worthülsen. Sonst gibt es nur noch eine undefinierte Pseudo-Einheit, die niemandem etwas bringt.
Was das Evangelium betrifft, lässt Zimmer seine Leser im Dunkeln. Der Leser bleibt am Schluss mit seinen Fragen zurück: Darf Jesus Christus an der Stelle der Gläubigen am Kreuz gestorben sein, oder ist das dann ein „kosmischer Kindesmissbrauch“ (Steve Chalke)? Darf Jesus Christus echte Dämonen ausgetrieben haben oder sind das nur Symbole für das Böse im Menschen? Darf Jesus Christus die Wunder tatsächlich getan haben? Darf Jesus Christus tatsächlich, echt, historisch und körperlich auferstanden sein? Darf Jesus Christus sich selbst als Messias bezeichnet haben oder ist das nur ein Titel, den ihm die nachösterliche Gemeinde verliehen hat? Fragen über Fragen – und der Leser bleibt in all diesen Fällen ohne Antwort. Auf schwäbisch gesagt: “Guad gmoant isch ned emmer guad gmacht” (Gut gemeint ist nicht immer gleichbedeutend mit gut gemacht).
Überhaupt stellt sich die Frage, welchen Jesus Christus Zimmer meint, wenn er schreibt: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ (Zimmer, S. 96) Also eine Aussage darf Jesus Christus schon mal getroffen haben (also wenigstens mal eine Festlegung. Immerhin.): Die Sache mit der Feindesliebe. So. Punkt. Und dann nehmen wir diese Feindesliebe und argumentieren damit einfach so mal gegen alles Mögliche im Alten Testament. Etwa gegen den Todesengel, der in 2. Mose 11 die Erstgeborenen der Ägypter holt. Knallbumm, und weg ist dieser böse Gott. Da sind wir schon fast bei Marcion (vgl. dritter Teil dieser Serie), nur dass es jetzt nicht gegen den Demiurgen geht, sondern mit Jesus Christus und der Feindesliebe argumentiert wird.
Wie funktioniert diese Bibelwissenschaft?
Ganz genau erklärt das Zimmer nicht. Er geht auf die Untersuchung der Religionen des Orients ein, aber auch da ist er zu schlau und zu vorsichtig, um zuviel darüber zu sagen. Ich möchte an einem anderen Beispiel versuchen zu skizzieren, wie das geschehen kann. Ab etwa 1835 gab es in der deutschen Theologie eine ganze Bewegung von Theologen, die versucht haben, herauszufinden, wer dieser Jesus von Nazareth tatsächlich war. Man wollte alles eliminieren, was diesem Jesus von den Evangelisten später angedichtet wurde, also alle Wunder, alle „Hoheitstitel“, alle Predigtinhalte, die womöglich von jemand anderem stammen könnten. Und irgendwann merkten sie: Am Schluss bleibt von diesem Jesus immer genau das übrig, was man am Anfang von ihm dachte. Der Theologe wird am Schluss auf sich selbst zurückgeworfen.
Der Theologe Albert Schweitzer hat etwa 70 Jahre nach der Entstehung dieser Bewegung die Geschichte derselben aufgeschrieben und kam zum Schluss: „Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück.“ (Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, S. 397)
Das Problem bei all diesen Zugangsweisen der historisch-kritischen Methoden ist dabei immer dasselbe, das sich bei der Leben-Jesu-Forschung gezeigt hat: Am Ende bleibt der Mensch, der sich über die Bibel stellt, immer an sich selbst hängen. Er muss von gewissen Prämissen ausgehen, also etwas voraussetzen. Und am Ende bleibt immer genau das übrig, was er zuerst vorausgesetzt hat.
Der Bankrott der Bibelkritik
Was am Ende vom Nutzen dieser Methoden bleibt, ist sehr mager. Man hat jede Menge Zeit investiert, um einen Bibeltext mit allen möglichen Methoden zu erarbeiten, und findet am Ende doch immer nur sich selbst und seine eigenen Gedanken darin. Etwas wirklich Neues, Wertvolles wird sich dadurch nicht ergeben. Wer Zimmers Buch sensibel und mit offenen Augen liest, wird bemerken, dass auch Zimmer den Bankrott der Bibelkritik anmeldet, allerdings mit sehr leiser, zaghafter Stimme. Am Schluss des Kapitels über die Bibelkritik bemerkt er, dass diese Wissenschaft eine Kluft zwischen „der universitären Bibelwissenschaft und dem Leben der Christen bzw. der christlichen Gemeinde“ (S. 166) schafft. Die weiteren Ausführungen zeigen, dass diese Methoden in der Praxis am Ende angelangt sind: „Auch die nichtwissenschaftlichen Zugangsweisen zur Bibel verdienen Beachtung und Anerkennung. Man kann in die biblische Botschaft sehr intensiv verstrickt werden, indem man sich den biblischen Texten betend, meditierend, singend, musizierend, malend, tanzend und spielend zuwendet.“ (S. 167)
Vielleicht sollte man sich doch langsam wieder auf die wörtlicheExegese einlassen, die schon die Reformatoren betrieben haben? Aber vermutlich ist das dann wieder zu fundamentalistisch. Ein Glanzstück der historisch-kritischen Bibelwissenschaft habe ich vor Jahren in einer evangelischen Kirche erlebt: Bei der Speisung der 5000 soll es nicht darum gegangen sein, dass Jesus das Brot durch ein Wunder vermehrt habe, sondern jeder Anwesende soll sich (durch ein Wunder) erinnert haben, dass er auch noch etwas zu Essen in der Tasche stecken habe, und als dann alle mit allen geteilt haben, sei auch noch etwas mehr übrig geblieben. Einmal mehr zeigt sich da, dass am Ende der Mensch immer auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn er die Autorität Gottes verlässt. Aber leider muss man nicht einmal so weit suchen gehen, um Meisterleistungen der Eisegese (Hineinlesen eigener Gedanken in den Bibeltext) zu finden. Leider findet sich solches auch oft genug in Gemeinden, die formal die Autorität und Irrtumslosigkeit von Gottes Wort bezeugt wird.
Zimmers Ruf an die alternativen Herangehensweisen an den Bibeltext ist ein Hilfeschrei. Hier wird seine Verletzlichkeit plötzlich sichtbar. Seine Methoden bringen Distanz zum Leben, und das ist ein Problem. Doch Jesus ist größer als alle Bibelkritik; das Beispiel der historisch-kritischen Theologin und Schülerin Rudolf Bultmanns Prof. Eta Linnemann zeigt, dass Jesus größer ist und über der Bibelkritik steht. Ich werde weiterhin für Prof. Zimmer beten, dass der Herr Jesus ihm ganz persönlich begegnet und ihn von der tatsächlichen göttlichen Autorität und Fehlerlosigkeit der Bibel überzeugt. Das kann niemand von uns, es ist Seine Sache.
Zum Schluss noch eine Prise Selbstkritik
Es ist einfach, ein Buch wie das von Zimmer zu zerlegen, zumal die Argumente nicht besonders überzeugend sind und sich mit etwas Hintergrundwissen relativ gut widerlegen lassen. Eine andere Frage bleibt aber bestehen: Viele Menschen finden die Vorträge von Zimmer gut und befreiend. Kann man dafür jetzt einfach nur den „Zeitgeist“ verantwortlich machen? Eins ist klar: Zimmer möchte den Zuhörern helfen, sich von furchteinflößenden Gottesbildern zu lösen. Das macht seine Vorträge befreiend. Er möchte aber auch ein anderes Gottesbild präsentieren, und zwar eines, mit dem möglichst viele Menschen etwas anfangen können. Bei ihm geht es nicht mehr um die Frage: Was muss ich tun, damit Gott mich annehmen kann? Sondern: Wie muss dein Gott sein, damit du ihn annehmen kannst? So ähnlich hat bereits Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher auf die kritischen Fragen seiner Zeitgenossen reagiert. Und seine Antwort war: Religion (heute würde man sagen „Der Glaube an Gott“) ist das Gefühl der schlechthinnigen (=absoluten) Abhängigkeit. Es geht letztlich um das Gefühl. Der Glaube soll uns ein gutes Gefühl geben. Da haben Schleiermacher und Zimmer durchaus einen Nerv ihrer Zeiten getroffen.
Aber ich will fragen: Kann es sein, dass es im Evangelikalismus unserer Zeit ein Vakuum gibt, das die Vorträge von Zimmer füllen können? Ich meine ja, und möchte drei mögliche Antworten kurz skizzieren.
1. Wir brauchen mehr tiefgehende biblische Lehre. Wer in der biblischen Lehre gut informiert ist und nicht nur ein seichtes Wohlfühlevangelium kennt, wird auf Zimmers Versuche nicht hereinfallen. Wir brauchen mehr Apologetik und tiefes Nachdenken über Gottes Wort und die ethischen Herausforderungen unserer Zeit.
2. Wir brauchen den Mut, Lücken und Schwächen zuzugeben. Was viele Menschen an Zimmer fasziniert, ist sein Mut, nicht auf alles eine fertige Antwort zu haben. Er kann sehr gut auf die Menschen hören und sie verstehen und hat nicht einfach immer auf alles eine fertige Antwort. Authentizität und Mut zur Lücke sind hier gefragt. Im Wissenschaftsbetrieb ist es übrigens ganz normal und gesund, auf viele Fragen (noch) keine Antwort zu haben.
3. Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender Schönheit. Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo, Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll. Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.