Jordan B. Peterson und die kulturelle Evolution

Hier (Link) geht es zu meiner Einführung zu dieser kurzen Serie zu Jordan B. Peterson und der evangelikalen Bewegung.

Es gibt zwei grundlegende Ideen oder Ideologien, welche die Weltanschauung von Jordan B. Peterson ausmachen. Eine Weltanschauung ist die Brille, durch welche ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen die Welt anschauen und alles, was sie erkennen, lernen, erfahren, wird durch diese Weltanschauung interpretiert. Die zwei Konstanten, welche die Weltanschauung von Peterson ausmachen, sind der Darwinismus und die Archetypen-Lehre von Carl Gustav Jung. Peterson ist ja selbst ein klinischer Psychologe und lehrt nebenher inzwischen an verschiedenen Universitäten, und viele hunderte von Stunden seiner Vorlesungen und Diskussionen finden sich auf YouTube. Das große Problem von Peterson und uns Evangelikalen ist, dass er und viele von uns trotz so unterschiedlicher Weltanschauung zu ähnlichen Meinungen kommt. Das ist gut und schlecht zugleich. Es ist gut, weil es zeigt, dass man auf unterschiedliche Wege zum selben Resultat kommen kann, aber es ist schlecht, wenn wir seine Argumente ungeprüft übernehmen, die auf einer Weltanschauung aufgebaut sind, die unserer Weltanschauung total konträr entgegen steht. Im heutigen Blogpost möchte ich die erste Prämisse der Weltanschauung von Jordan B. Peterson auseinandernehmen, die biologische und kulturelle Evolution, und im nächsten Beitrag wird es um die Archetypen-Lehre und sein Verhältnis zur Religion und besonders zum Christentum gehen.

Peterson baut sein ganzes Weltbild auf dem Darwinismus auf. Es ist für ihn natürlich total legitim, dies zu tun. Da er allerdings öffentlich lehrt, müssen seine Vorträge natürlich auch öffentlich geprüft und besprochen werden. Was der Umfang des Darwinismus ist, darüber gibt es ein ganz breites Spektrum von Meinungen. Grundsätzlich lehnen die meisten Spielarten des Darwinismus ein übernatürliches Eingreifen in die Entwicklung ab. Man kann die zwei Dogmen des Darwinismus mit den Begriffen Mutation und Selektion stark vereinfacht zusammenfassen. Da ich an dieser Stelle nicht vorhabe, ein Buch zu schreiben, möge mir der Leser die Vereinfachung verzeihen. Ich bin mir bewusst, dass man dazu noch viel mehr schreiben könnte oder gar sollte. Mutation und Selektion bedeutet: Das Leben möchte möglichst stabil sein. Es haben sich Mechanismen entwickelt, die einer möglichst langen Reihenfolge von Ahnen ein unverändert bestmögliches (Über-)Leben ermöglichen wollen. Ressourcenknappheit führt zur Auslöschung der schwächeren Arten, während die besser an die Umwelt und deren Veränderungen angepassten Arten überleben.

Und hier stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sieht es beim Menschen aus? Ist seine Kultur, seine Vernunft, sein Bewusstsein, seine Fähigkeit zum Planen und Vorbereiten, Prüfen und intellektuellen Lernen ein Teil der Evolution im positiven oder im negativen Sinne? Anders gefragt: Sind diese Fähigkeiten etwas, womit der Mensch seine biologische Herkunft (wenn man davon ausgehen will) fortsetzt oder überwindet? Der britische Biologe Richard Dawkins vertrat in seinem ersten Buch „Das egoistische Gen“ zum Beispiel die Meinung, dass der Mensch durch die kulturelle Evolution der „Meme“ (er erfand den Begriff des Mems analog zum Gen als Informationseinheit, die durch Lernen von Generation zu Generation weitergegeben wird) seine biologisch vererbten Instinkte hinterfragen und überwinden kann. Er meinte, dass es an der Zeit sei, die veralteten Ideen der Religionen hinter sich zu lassen und die Welt zu erlösen, indem alle aufeinander Rücksicht nehmen. Peterson hingegen – obwohl er eigentlich von einem sehr ähnlichen Modell der Welterklärung ausgeht – begründet gerade die Hierarchien und patriarchale Strukturen mit der kulturellen Evolution oder anders gesagt mit seinem Sozialdarwinismus.

Peterson argumentiert, dass die Strukturen der menschlichen Gesellschaft nach all den vielen Millionen Jahren der Entwicklung so verdrahtet seien, dass der Mensch nur in den alten Hierarchien denken, leben und Ordnung schaffen kann. Wenn man diese Ordnung auflöse, so entstehe dadurch Chaos. Dawkins und Peterson – zwei Vertreter eines kulturellen Darwinismus – kommen zu so gegensätzlichen Schlüssen. Wie kann das sein und wie gehen wir damit um?

Ich bin überzeugt, dass beide Menschen, Dawkins und Peterson, mit bestem Wissen und Gewissen gelernt, geforscht, nachgedacht und geschrieben haben. Beide gehen von den selben Quellen und Ideen aus. Doch beide haben unterschiedliche Biographien und ganz verschiedene Erfahrungen in ihrem Leben. Dawkins hat viele Probleme mit Vertretern von Kirchen und Gemeinden (und ja, ich kann ihm das nachfühlen und verstehe seine Verbitterung ein Stück weit), er macht mit friedfertigen Agnostikern und Atheisten bessere Erfahrungen (das ist ebenfalls ein Stück weit nachvollziehbar), deshalb glaubt er an eine Erlösung dieser Welt durch den Fortschritt und die Abschaffung der alten Religionen. Peterson hingegen bekommt auf seine Couch vor allem die Menschen, welche ein Leben voll Chaos haben und hilft ihnen, Struktur in ihr Leben zu bringen, indem er ihnen die Welt vereinfacht und sie lehrt, ihren Platz in einem einfachen Leben von klaren Gegensätzen und einer klaren Ordnung zu finden. Dawkins ist somit eher progressiv, Peterson eher konservativ.

Dieser letzte Gedankengang führt uns zur nächsten Frage: Was will Peterson erhalten oder konservieren? Das sagt er so nicht wirklich. Ich bezweifle überdies, dass er sich tatsächlich bewusst ist, was er konservieren will. Man kann es nur aus dem gesamten Buch heraus zu destillieren versuchen, und ich bin nach einigem Nachdenken und dem mehrfachen Lesen einiger Absätze zum Schluss gekommen, dass Peterson versucht, das Ideal der oberen bürgerlichen Mittelschicht von Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederherzustellen. Er möchte einen liberalen (freiheitlichen), aufgeklärten und autonomen Menschen, der an klare Unterscheidung von Gut und Böse glaubt und der bereit ist, für diese Freiheit zu kämpfen. Für ihn ist das 20. und 21. Jahrhundert ein einziges Trauerspiel, das es zu überwinden gilt, indem man auf die Ideale, Werte und Tugenden der Zeit davor zurückgreift. Man sollte dabei nicht vergessen, dass dieses Ideal genauso widersprüchlich ist wie der nietzscheanische Übermensch oder der freie Bürger des kommunistischen Weltstaats. Entweder der Mensch ist frei und autonom, das heißt, er ist sich selbst Gesetz, und damit sind Gut und Böse, Richtig und Falsch, Tugend und Untugend aufgelöst, oder er ist dem Urteil eines Höheren unterworfen, der ihm die Werte und Tugenden vorschreibt. In diesem Spannungsfeld von Autonomie und universellen Werten lebt der Mensch schon seit Jahrtausenden. Das Buch der Richter in der Bibel lässt grüßen.

An dieser Stelle müssen wir evangelikalen Christen uns die Frage gefallen lassen: Was ist unser Ideal? Leider haben sich viele von uns auch auf die „guten alten Zeiten“ des bürgerlichen Lebens im 19. Jahrhundert eingeschossen. Viele von uns versuchen, so gut wie möglich nach der Bibel zu leben, aber unsere heutige Vorstellung davon, wie das im täglichen Leben aussehen soll, wurde erst vor etwa 150 Jahren geprägt. Es war die Zeit, in welcher der Wohlstand zunahm, die negativen Folgen der Industrialisierung durch die positiven Folgen wieder wett gemacht wurden, und die Übergänge zwischen den Gesellschaftsschichten immer durchlässiger wurden. Das Ziel der Familien war, mal in der oberen Mittelschicht anzukommen, dort, wo ein Einkommen für die ganze Kleinfamilie ausgereicht hat. Die Hausfrau und Mutter, die sich um die drei „K“ (Kinder, Küche, Kirche) kümmerte, war das Ideal. Wer als Familie dort ankam, hatte es geschafft, in der oberen Mittelschicht anzukommen, und dieses Ideal treibt auch heute noch viele in unserer Bewegung an. Ob dieses Ideal, das in der Bibel nirgends vorkommt, tatsächlich so biblisch ist, das sollte sich jeder Leser selbst fragen.

Zwischendurch versucht sich Peterson auch mal in frauenverachtenden Formulierungen, von denen sich jeder Nachfolger Jesu sogleich distanzieren sollte. Jesus war ein Freund der Frauen, der die Vorstellungen der damaligen Kultur deutlich in Schranken wies. Wenn nun Peterson mit Hilfe von Yin und Yang versucht, die gute Ordnung mit dem Männlichen und das böse Chaos mit dem Weiblichen zu verknüpfen, dann haben wir ein Problem. Leider ist auch in der christlichen Subkultur oft eine Angst vor der Frauenbewegung und dem Feminismus da, die zuweilen ähnliche Blüten tragen. Da müssten alle Alarmglocken schrillen. Einerseits wirbt Peterson dafür, dass man sich nicht dem totalitären Stolz hingeben solle, der Unterdrückung hervorbringen würde, aber zugleich schafft er Argumente, mit welchen diese dann wiederum gerechtfertigt werden kann. Dieser Spagat ist typisch für Peterson und findet sich an vielen Stellen im Buch.

Was sollen wir als Evangelikale also mit Peterson machen? Zunächst einmal müssen wir uns fragen und uns darüber klar werden, was unser Ideal ist. Als Christen wissen wir, dass wir in Gottes Bild geschaffen wurden. Hier fängt unsere Weltanschauung an: Wir sind von Gott erschaffen, haben durch Ihn unendlich großen Wert, haben die Erlösung, sind teuer erkauft durch das Blut Jesu Christi, der an unserer Stelle für unsere Schuld und Sünde am Kreuz gestorben ist und uns durch Glauben allein Seine Gerechtigkeit überträgt. Unser Ideal ist nicht im 19. Jahrhundert. Unser Ideal ist Jesus Christus, und ER gibt uns enorm viel Freiheit. Er macht uns wirklich und wahrhaftig frei, damit wir – statt uns um uns selbst herum zu kreisen – unseren Mitmenschen dienen können und sie mit der Wahrheit von Jesus Christus konfrontieren. Wir dürfen für Jordan B. Peterson beten und dürfen uns von ihm zum Nachdenken bringen lassen. Wenn wir aber keine besseren Argumente haben als jene eines sozialdarwinistischen Jungianers, dann müssen wir uns ernsthaft prüfen, ob unsere Sichtweise nicht doch von einem falschen Ideal kontaminiert ist.

Evangelikale und Jordan B. Peterson – ein Tanz am Abgrund

Seit Monaten sehe ich mit wachsenden Bedenken, wie es immer wieder Evangelikale gibt, die unhinterfragt Inhalte (insbesondere YouTube-Videos) von Jordan B. Peterson teilen, liken und positiv kommentieren. Ich habe mir mehrere davon angeschaut und wusste doch ziemlich bald, was hier vorgeht. Peterson ist ein konservativer Intellektueller, ein wirklich bewundernswert belesener Mann mit einem großen Herzen für Religionen und besonders für die jüdisch-christliche Kultur, während er zugleich Säkularist bleibt und damit auch die konservativen Atheisten und Agnostiker anzusprechen vermag. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern lässt jenseits der Maulkörbe aller „political correctness“ auch Sätze heraus, die sich manch einer schon länger zu hören gewünscht hätte.

Da mir schnell die explosive Mischung dieses Ganzen klar wurde, suchte ich nach klugen Bibellehrern und Theologen, die sich kritisch mit dem Phänomen dieses Mannes auseinandersetzten, bin aber nicht wirklich weit gekommen. Gerne hätte ich diese Kritik jemand anderem überlassen, denn ich kritisiere nicht gerne. Ich mag lieber Einheit und Harmonie. Da ich unter bibeltreuen Stimmen nicht wirklich gefunden habe, was ich suchte, dachte ich schon seit einem halben Jahr darüber nach, selbst etwas zu schreiben, konnte mich allerdings aus Zeitgründen nicht dazu aufraffen. Ok, ja, der innere Schweinehund hat auch eine Rolle gespielt. Und dann habe ich gesehen, dass Greg Boyd (http://reknew.org/blog/) eine 15-teilige Serie zu Peterson begonnen hatte. Wenn wir theologisch Konservativen, Bibeltreuen nicht bereit sind, die Geister selbst zu prüfen, dann bin ich dankbar, wenn Progressive wie Boyd (dem ich in ziemlich vielen Fragen widerspreche) den Finger in die Wunde legen und uns auf unsere Schwächen hinweisen. Es kann letztendlich nicht nur darum gehen, wer recht behält, sondern es geht einzig und allein darum, dass wir Jesus Christus ähnlicher werden und dass Menschen zum Glauben kommen. Und wenn es Gott gefällt, dafür Menschen zu gebrauchen, denen ich einiges zu widersprechen habe, dann will ich Ihm dafür danken. Und ja, das habe ich schon oft genug erlebt.

Jordan B. Peterson hat eine zutiefst antichristliche Weltanschauung. Das muss ich hier mal ganz klar festhalten. Ich werde mehrere Blogposts benötigen, um das auszuführen. Allerdings keine 15 😉 Das Buch „12 Rules For Life“ ist ein interessanter Einblick in das Innenleben von Peterson. Während man bei den Videos üblicherweise nur ein bestimmtes Thema serviert bekommt, wird beim Buch sehr schnell deutlich, wie sehr der Autor seine Weltanschauung zusammenbastelt. Auf den ersten Blick scheint es logisch, durchdacht und zusammenhängend zu sein, aber in Wirklichkeit ist es voll von inneren Widersprüchen und weltanschaulichen Schwächen. Bei den Videos muss man da deutlich besser aufpassen, um diese so mitzukriegen. Was es auch beim Buch zusätzlich schwierig macht, ist einerseits die zusammenhangslose Art, auf die sein Buch aufgebaut ist. Die zehn Regeln sind nicht aufeinander aufgebaut, sondern könnten in jeder beliebigen Reihenfolge aufgezählt werden. Das führt dazu, dass manche inneren Widersprüche besser verschleiert werden können. Andererseits hat es mir aber auch die sympathische Art zu schreiben schwerer gemacht, ihm zu widersprechen. Er beschreibt vieles aus seinem Alltag, aus der Praxis als klinischer Psychologe, aus der Familie, und so weiter. Wer seine Videos kennt, wird seine raue Art kennen, mit der er über andere herzieht. Das fällt im Buch größtenteils weg. Bei den Videos ist es einfach, ihn entweder zu hassen oder zu lieben. Im Buch ist der Text geglättet und überarbeitet. Das macht einen großen Unterschied. Es gibt vieles an seinem Buch, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Mein Ziel war es, auch von ihm zu lernen. Und wenn jemand von der Bibel über Milton, Tolstoy, Dostojewski bis hin zu Nietzsche und Heidegger zitiert, und das auch noch in kluger Weise, so hat er meinen Respekt. Es gäbe vieles aufzuzählen, wo man ihm durchaus zustimmen kann. Vielleicht werde ich dazu auch mal noch gesondert schreiben. Was mich im Moment jedoch mehr umtreibt, ist die Begeisterung für ihn, die unter uns konservativen Bibeltreuen umgeht, und deshalb werde ich nun einige kritische Punkte ansprechen müssen.

Ich sagte vorhin bereits, dass seine Weltanschauung zutiefst antichristlich ist. Und das ist schon mal ein hartes Statement für jemanden, der versucht, die jüdisch-christliche Kultur zu propagieren. Das grundlegendste Problem ist das, dass Peterson seine Philosophie als messianische, als erlösende, Wahrheit ansieht, mit welcher die Welt gerettet werden kann. Er hält sich dabei nicht für den Erfinder, sondern zitiert extensiv von vielen Philosophen, Schriften der alten Religionen, legt Märchen psychologisch aus, und so weiter, weil er der Überzeugung ist, er habe die Quintessenz (oder zumindest einen Teil derjenigen) der Weisheit aller Zeiten gefunden, die uns behilflich sein soll, um dem irdischen Leid zu begegnen und die Welt zu verbessern. Damit wir das verstehen, hilft ein Blick in seine Beschreibung, wie er zu seinen Überzeugungen gekommen ist. Er hat sich geschichtlich längere Zeit mit dem 20. Jahrhundert befasst und mit den Nürnberger Prozessen, und da hat er gemerkt, dass es gut und böse, Chaos und Ordnung, geben muss.

Anders gesagt: Peterson ist ein säkularer Humanist, der die Bibel und die jüdisch-christliche Tradition dazu missbraucht, um eine Selbsterlösungsreligion zu erfinden. Er ist durch und durch Humanist, denn er hält den Menschen für das höchste Geschöpf und das Maß aller Dinge. Für einen bibeltreuen Christen ist klar, dass Sünde in erster Linie immer gegen Gott persönlich gerichtet ist und dass jede Erlösung nur von außerhalb des Menschen selbst kommen kann. Der Christ ist deshalb weder Humanist noch Materialist, sondern eben Christ, weil er von Jesus Christus erlöst wurde. Des Weiteren ist Peterson auch ein Darwinist, dazu noch ein Sozialdarwinist, der auch das Entstehen der Kultur unter Menschen für eine kulturelle Evolution hält. Er sieht den Schrecken der Sozialismen im 20. Jahrhundert und versucht, Regeln aufzustellen, die helfen sollen, weiteren Terror zu verhindern. Peterson ist ein klinischer Psychologe und Professor der Psychologie, und als solcher auch besonders am Innenleben des Menschen interessiert. Er ist Eklektiker, der sein Weltbild aus vielen widersprüchlichen Quellen zusammensetzt und dabei zu politisch konservativen Schlüssen kommt.

In Anbetracht seines säkularen Humanismus sind die Regeln ganz schön aus der Luft gegriffen. Er hat kein wirklich tragendes Fundament, um seine Regeln darauf aufzubauen. Seine Ethik entbehrt jeglicher objektiven Grundlage. Peterson ist ein antipostmoderner Postmoderner, also jemand, der die Methoden des Postmodernismus nutzt, um den Postmodernismus zu bekämpfen. Es gibt ein Video von ihm, in welchem er ziemlich lange argumentiert, der Postmodernismus sei lediglich ein Substitut für den unbeliebt gewordenen Namen des Kommunismus. Während er durchaus treffend einige Gedanken des Postmodernismus im Kommunismus finden kann, bleibt er auf halber Strecke stehen und weigert sich, einzusehen, wie sehr er selbst vom Postmodernismus und dessen Methoden geprägt ist. Seine Regeln sind nicht viel anderes als was er seinen Gegnern vorwirft, welche die „political correctness“ voranbringen wollen. Beider Regeln sind einem Relativismus entnommen. Peterson lässt etwa die Bibel nur insofern sprechen, wie sie seiner Überzeugung entspricht. Er blendet den Absolutheitsanspruch Jesu aus und nutzt gerne Resultate der historisch-kritischen Methoden, um seine Regeln zu untermauern und zugleich die Nähe zum Christentum zu zeigen. Im Grunde genommen ist Peterson damit ebenso weit vom Christentum entfernt wie die Theologen, die meinen, sie müssten „mit Jesus gegen die Bibel“ argumentieren. Was Peterson in erster Linie fehlt, ist ein objektiver Maßstab, aus welchem sich die Regeln ableiten lassen. Er versucht, so etwas wie einen „Common Sense“ zu erarbeiten, also eine Anzahl von Prinzipien, denen alle denkenden und ehrlichen Menschen zustimmen müssen.Er findet heraus, dass er unter seinen Studenten mit diesen Meinungen gut ankommt und propagiert sie. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt viele Menschen, die sich in dieser komplexen und fragmentierten Welt nach klaren Regeln sehnen. Regeln geben Sicherheit. Und dann versucht er, seine Prinzipien im Nachhinein zu rechtfertigen, indem er argumentiert, er würde unter seinen Studenten viel Zustimmung erhalten. Das nennt man dann wohl zirkuläre Argumentation.

Was ist denn für Peterson überhaupt das Ziel des Menschseins? Unser Ziel soll sein, die bestmögliche Version unserer selbst zu werden, also uns beständig zu verbessern und die Welt möglichst besser zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Doch wer bestimmt, was die bestmögliche Version unserer selbst ist? Wer sagt, wie die Welt besser aussieht? Für Jordan B. Peterson geht es um einen Fortschrittsglauben, eine Art kultureller Evolution ohne ein wirkliches Ziel. Eine Teleologie ohne „telos“. In zwei weiteren Blogposts, die ich in den nächsten Wochen noch zu veröffentlichen plane, wird es darum gehen, Petersons Sozialdarwinismus und sein Verhältnis zu Religion allgemein und insbesondere dem christlichen Glauben zu beleuchten. Ich möchte insgesamt zeigen, dass wir Evangelikale – obwohl wir in manchen Fragen durchaus von Peterson lernen können – keinen Grund haben, besonders Werbung für seine Ansichten zu machen.