Philosophiegeschichte in Romanform

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das mich in ganz besonderer Weise geprägt hat. Ich bin damit vor 20 Jahren erstmals in Berührung gekommen. Damals war ich 9 Jahre alt und gerade bei meinen Großeltern zu Besuch. Damit mich damals ein Buch faszinieren konnte, musste es mindestens 300 Seiten haben – je dicker desto besser. Und so habe ich mich bei meinem Opa in sein kleines Lese- und Schreibstüble zurückgezogen und durchsuchte das Bücherregal nach interessanten Büchern. Dabei stieß ich auf eins, das mir dick genug erschien. Es trug den Titel: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. In meinen jungen Jahren habe ich noch nicht alles verstanden, was ich darin gefunden habe. Aber mein Interesse war geweckt. Inzwischen habe ich das Buch dreimal gelesen und hoffentlich etwas mehr davon kapiert. Was mich jedoch von den ersten Seiten des ersten frühen Lesedurchgangs geprägt hat, sind drei Dinge:
1. Geschichte ist wichtig. Man kann unsere Zeit und unser Leben nur verstehen, wenn man die Geschichte des menschlichen Lebens verfolgt.
2. Tiefes und scharfes Nachdenken darf nicht vernachlässigt werden. Ich bin von meiner Persönlichkeit her ein eher emotionaler Mensch, und ich denke, dass mir diese Liebe zum tiefen Nachdenken hilft, die Balance zu halten.
3. Es ist wichtig, dass man in allem erst einmal die verschiedenen Sichtweisen anschaut, bevor man sich einer Meinung anschließt.
Ok, soweit erst mal meine persönliche Reise zu und mit dem Buch Sofies Welt. Der Autor des Buches, Jostein Gaarder, hat Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft studiert und ist freier Schriftsteller und Autor zahlreicher Bücher in Norwegen. Er löste vor ein paar Jahren eine Kontroverse aus, weil er sich gegen Israel als Staat gewandt hatte. Da kann ich mit ihm nicht mitgehen. Auch das Buch Sofies Welt enthält manche Punkte, in denen ich mit Gaarder nach einigem Überlegen nicht einig bin. Aber auch hier gilt: Prüfet alles und das Gute behaltet. Und davon enthält der Roman eine ganze Menge.
Sofies Welt hat eine doppelte Rahmenerzählung, die ihrerseits auch wieder philosophisch ist. Das macht das Buch etwas kompliziert zu lesen. Bei meinem ersten Durchgang vor 20 Jahren bin ich manchmal an diesem doppelten Rahmen beinahe verzweifelt. Im äußeren Rahmen geht es um Hilde und ihren Vater Albert Knag. Doch diese werden erst später im Roman eingeführt. Zu Beginn findet sich der Leser gleich in der inneren Rahmenhandlung, wo Sofie Amundsen, nach welcher das Buch benannt ist, Briefe von einem Alberto Knox bekommt. Dieser gibt ihr einen Philosophiekurs, in dessen Verlauf deutlich wird, dass sie „nur“ Figuren in der Fantasie eines Majors (Hildes Vater) sind. Sie bemerken das auch und versuchen, sich zu verselbständigen. Gegen Ende des Buches verschwimmen die Grenzen der zwei Rahmenhandlungen – bis es Sofie und Alberto gelingt, zu fliehen.
Der eigentlich wichtige Inhalt sind jedoch die einzelnen Teile des Philosophiekurses, den Alberto Sofie gibt. Die Rahmenhandlungen haben vor allem zwei Aufgaben: Die Spannung aufrechterhalten – das Buch hat über 600 Seiten – und in sie sind auch immer wieder Beispiele eingeflochten, die dem Leser helfen, die eigentlichen Lektionen des Buches zu verinnerlichen. Sofie ist eine sehr neugierige Schülerin, sie stellt immer wieder Fragen und will Beispiele wissen, welche die gesamte Philosophiegeschichte sehr gut verständlich machen.
Gaarder beginnt mit der antiken Mythologie und arbeitet deren Weltbild heraus. Dann geht es weiter über die Vorsokratiker und die großen Philosophen der griechischen Antike. Jeder Philosoph wird vorgestellt, seine wichtigsten Gedanken zusammengefasst und mit vielen lebensnahen und leicht verständlichen Beispielen geschmückt. Die Reise führt weiter über das Mittelalter, unter anderen etwa Descartes und seine Zeit, die Aufklärung, wobei ich sagen muss, dass ich Kant und Hegel ganz besonders gut dargestellt finde. Das sind zwei Denker, die es ihren Lesern nicht gerade einfach machen. Mit Ch. Darwin und S. Freud hört die Darstellung der einzelnen Philosophen auf. Der Philosophiekurs endet mit einem kurzen Überblick über das 20. Jahrhundert aus der Vogelperspektive, bevor ganz am Ende die beiden Rahmenhandlungen zusammenfallen und den Leser etwas überrascht und unzufrieden zurücklassen.
Gaarder lädt ein zum Nachdenken, zum Hören auf frühere Stimmen, zum Lernen aus der Vergangenheit. Auch wenn man seiner Beurteilung der Philosophen nicht unbedingt in allen Fällen zustimmen muss, hat er ein sehr wertvolles Werk geschaffen, das ich gerne weiterempfehle.
Auch unsere Zeit ist nicht das Nonplusultra. Jede Zeit hat ihre Stärken, Schwächen und blinden Flecken. Wie C. S. Lewis einmal sinngemäß sagte: Wir können leider nicht auf die zukünftigen Stimmen hören, wie sie unsere Zeit eines Tages beurteilen werden. Deshalb brauchen wir die früheren Stimmen, die uns viel zu sagen haben.

Lesen als Herausforderung

Als langjähriger Bücherfreund habe ich schon immer sehr gerne gelesen. Bücher waren für mich seit jeher neue Welten, in die ich mit meiner Phantasie abtauchen konnte. Und das gilt nicht nur für Romane und Biographien, sondern in ähnlicher Weise für Sachbücher und Abhandlungen aller Art.
Vor ein paar Tagen bin ich über eine wunderbare Beschreibung gestolpert. Hanniel Strebel bezeichnete ein Buch, das er gelesen hatte, als „steile Bergtour“. Ja, auch ich kenne diese Bücher, die eine steile Bergtour sind. Im Rückblick würde ich sagen, dass das vierbändige Hauptwerk Immanuel Kants über die Möglichkeiten und Grenzen der Vernunft, das ich im Zuge meines Theologiestudiums (freiwillig) gelesen habe, die vermutlich steilste Bergtour meines bisherigen Leselebens war.
Für mich ist Lesen eine Sache, die mich in vielen Bereichen meines Lebens wachsen lässt. Was mache ich, um vom Lesen möglichst viel profitieren zu können?
1.) Ich lese regelmäßig und viel
Im Durchschnitt lese ich pro Jahr um die 50 Bücher. Um ein „Buch“ zu sein, muss es nicht unbedingt sehr dick sein. Rein gefühlsmäßig fängt für mich ein Buch bei etwa 30 Seiten an, wobei eine Zeitschrift dennoch kein Buch ist, auch wenn sie häufig mehr als 30 Seiten hat. Alles in allem lese ich so ungefähr 1500 Seiten an Bücher im Monat. Einen Teil davon macht selbstverständlich meine tägliche Ration Bibel in der nicht sehr stillen „Stillen Zeit“ aus. Dies mache ich seit einem halben Jahr nach der Methode von James Martin Gray, die ich hiervorgestellt habe.
2.) Ich lese in die Breite und Tiefe
Manchmal lese ich nur ein einzelnes Buch von einem Autor, manchmal auch eine ganze Reihe von Büchern, die zusammengehören. Manche Bücher sind aus der neusten Zeit und manche sind älter. Manche lese ich zum ersten Mal, andere frische ich wieder auf. Bei jedem Buch lerne ich die Welt des Autors kennen, versuche, mit seinen Augen zu sehen und in seine Schuhe zu schlüpfen. Ich will nicht nur Bücher lesen, bei denen ich zu allem „Ja“ und „Amen“ sagen kann, sondern möchte auch herausgefordert werden, neue Blicke auf die Welt zu bekommen. Meine Faustregel ist dabei ungefähr die, welche ich von C. S. Lewis übernommen habe und die ich hierzitiere: Pro Buch der neusten Zeit (bei mir heißt das: Das Buch wurde in der ersten Auflage innerhalb der letzten 30 Jahre verfasst) lese ich eines, welches davor geschrieben wurde. Das muss nicht immer 1:1 abwechseln in der Zeit, es kann auch eine neue Buchserie sein, die durch eine ältere Buchserie abgelöst wird.
3. Ich lese Bücher analog und digital
Wenn ich ein unbegrenztes Bücherbudget und unbegrenzt Platz im Bücherregal hätte, würde ich am allerliebsten jedes Buch „in echt“ kaufen. Echte Bücher sind für mich nur die analogen Bücher, die man in den Händen halten, richtige Seiten umblättern und das Papier riechen kann. Leider ist bei mir beides nicht zutreffend, somit lese ich halt – etwas grummelnd – auch digitale Bücher. Vor allem ältere Bücher gibt es immer mehr kostenlos in einem digitalen Format. Als PDF oder auch im Kindle-Format, für den mein Laptop auch einen Reader installiert hat. Hier ist meine Faustregel: Mindestens die Hälfte der Bücher will ich analog lesen. Von vielen Büchern gibt es in Online-Antiquariaten günstige Ausgaben, bei denen man fast nur das Porto bezahlen muss. Der Artikel hier (englisch) gibt mir übrigens recht, wenn ich vor zu vielen digitalen Büchern warne.
4. Ich lese ganz bewusst schwierige Bücher
Was ein schwieriges Buch ausmacht, ist natürlich individuell verschieden. Ich persönlich empfinde es als wichtig, meine intellektuellen Fähigkeiten durch das Lesen schwieriger Bücher immer wieder zu trainieren. Wir haben als Christen die Aufgabe, Gott nicht nur mit unseren Gefühlen und nicht nur mit unserem Tun, sondern auch mit dem Verstand zu lieben. Und natürlich andererseits nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit unseren Gefühlen. Dieser ganze Befehl gilt nicht nur für Einzelne, die halt „besonders intellektuell“ oder „besonders gefühlsmäßig“ veranlagt sind, sondern der gesamte Befehl gilt jedem einzelnen Christen. Und eine Art, wie man Gott mit dem Verstand lieben kann, besteht nun eben darin, sein intellektuelles Vermögen zu erweitern.
Ich vergleiche das gern mit meinem momentanen Lieblingssport: Dem Ausdauerlaufen. Wenn jemand auf einen Wettlauf hin trainiert, so ist es so, dass jeder Mensch eine individuelle äußerste Belastungsgrenze hat. Also eine Grenze, die durch seinen Körper vorgegeben ist. Aber bis zu dieser absoluten Grenze kann jeder ziemlich viel trainieren und sich mit dem entsprechenden Training sehr stark verbessern. Natürlich gesetzt den Fall, dass man bereit ist, die nötige Zeit und Kraft in dieses Training zu investieren. Wenn jemand auf einen Wettlauf trainieren will, so schreibt Hubert Beck in „Das große Buch vom Marathon“ folgendes: „Joggen kann fast jederzeit und überall ausgeübt werden. Mit relativ niedrigen Kosten kann das Hobby Marathon und Fitness von jedermann realisiert werden, der gesund ist und dafür durchschnittlich 1,5 Stunden pro Tag investiert.“ (S. 12)
Für das Hobby Marathon muss man also im Schnitt 1,5 Stunden pro Tag investieren. Das ist ungefähr so viel Zeit, wie ich mir persönlich an einem durchschnittlichen Tag fürs Lesen nehme. Ungefähr eineinhalb bis maximal zwei Stunden. Viel mehr Zeit bleibt mir dafür auch nicht. Vereinzelt auch noch an den Wochenenden etwas mehr, aber das ist eher die Ausnahme. Ich würde aber sagen, dass auch eine Dreiviertelstunde Lesen pro Tag sehr viel bringen würde, um die intellektuelle Fähigkeit weiterzuentwickeln.
5. Ich bereite mich auf das Lesen vor
Normalerweise bereite ich mich auf ein neues Buch vor, indem ich drei Dinge tue:
1. Ich lese auf Wikipedia den Eintrag zum Autor des Buches nach, wenn er genügend bekannt ist. Interessant sind für mich Informationen über die Zeit, in welcher der Autor lebte, den familiären Hintergrund und ein kurzer Lebenslauf, wo ich erfahre, in welchem Lebensabschnitt das jeweilige Buch geschrieben wurde.
2. Ich erstelle in OpenOffice eine neue Datei zum Buch. Dort kommen zuerst zwei bis vier der wichtigsten Stichwörter zum Autor rein.
3. Ich schaue mir das Inhaltsverzeichnis an und übertrage es ins OpenOffice-Dokument. Das Inhaltsverzeichnis sagt viel über das Buch aus: Wie wird es aufgebaut? Wie verläuft der Gedanke und die Folge der Argumente des Autors? Ich frage mich dabei: Würde ich auch so vorgehen? Was finde ich an der Herangehensweise interessant? Was will ich beim Lesen genauer wissen? Wo hat der Aufbau seine Schwächen?
Und dann beginnt der Leseprozess. Kapitelweise übertrage ich die wichtigsten Zitate in meine OpenOffice-Datei und gebe jeweils die Seitenzahl mit dazu an. Wenn ich am Ende das Gefühl habe, dass ich zum Buch eine Rezension veröffentlichen möchte, steht dann mein Gerüst bereits, es braucht nur noch etwas „Fleisch auf den Knochen“.
Dieses Jahr nehme ich mir als meine persönliche Herausforderung vor, Martin Heideggers Buch „Sein und Zeit“ zu lesen. Bisher hatte ich mir davon erst einzelne kurze Abschnitte zu Gemüte geführt. Und mit Hilfe der Trainingspläne im oben erwähnten Buch zum Marathon möchte ich versuchen, eine gute Zeit über 10km zu erreichen und vielleicht auch schon eine Halbmarathonstrecke am Stück abzujoggen (zweiteres wohl eher ohne Wettkampf).
Und was ist Deine persönliche „Challenge“ für 2015? Was war bisher Deine „steilste Bergtour“?

Die Bibel „meistern“ – eine Idee für die „Stille Zeit“

Gegen Ende des letzten Jahres habe ich mir folgende Frage gestellt: Die letzten 12 Jahre habe ich die Bibel jedes Jahr einmal ganz durchgelesen in meiner (oft nicht grad allzu stillen) „Stillen Zeit“. Verschiedene Versionen von Bibelleseplänen habe ich dazu genutzt, aber irgendwie habe ich mal nach was ganz Neuem gesucht. Beim Googeln bin ich dann auf einen englischen Artikel von Fred Sanders auf Patheos gestoßen, der das Buch von James Gray „Mastering The English Bible“ vorstellt (inzwischen scheint der Artikel bereits im Nirvana angelangt zu sein – allerdings lässt er sich über die „Wayback Machine“ noch abrufen). Die Idee dahinter fand ich sehr spannend, so habe ich mir das Buch von Gray gleich mal als PDF (Link) heruntergeladen und gelesen.
Wer war James Gray?
James Martin Gray (1851 – 1935) war Pastor, Bibellehrer, Autor, Dozent und Präsident des Moody Bible Institute in Amerika. Nebst den 25 Büchern, die er schrieb, hat er auch einige Kirchenlieder verfasst. Er arbeitete lange Zeit mit dem Evangelisten Dwight L. Moody zusammen. Über die Entdeckung „seiner“ Methode des Bibellesens schreibt er:
Die erste praktische Hilfestellung, die ich je bekommen habe, um die englische Bibel zu meistern, stammt von einem [theologischen] Laien. Wir waren gemeinsam Besucher einer bestimmten christlichen Konferenz oder Zusammenkunft und für ein paar Tage zusammengewürfelt, und ich sah in seinem Leben als Christ etwas, was für mich vergleichsweise fremd war: Ein Frieden, eine Ruhe, eine Freude, ein geistliches Gleichgewicht, womit ich nur wenig Erfahrung hatte. Eines Tages wagte ich ihn zu fragen, wie er denn zu dieser Erfahrung gekommen sei. Er antwortete: „Indem ich den Brief an die Epheser gelesen habe.“ Ich war erstaunt, denn ich hatte ihn gelesen, ohne zu diesem Resultat zu kommen, und deshalb bat ich ihn, mir die Art und Weise, wie er ihn gelesen habe, zu erklären, als er folgendes berichtete: Er war dann und wann aufs Land gegangen, um dort den Samstag mit seiner Familie zu verbringen, als er eine Taschenausgabe des Epheserbriefs dabei hatte, und am Nachmittag, als er in den Wald ging und unter einen Baum lag, begann er zu lesen; er las ihn in einem Zug durch und fand sein Interesse erwacht, und las ihn gleich noch einmal auf dieselbe Art, und unter zunehmendem Interesse wieder und wieder. Ich glaube er fügte hinzu, dass er ihn etwa 12 oder 15 Mal durchlas: „Und als ich aufstand, um ins Haus zu gehen“, sagte er, „war ich im Besitz des Ephesebriefs, oder, besser gesagt, er war im Besitz von mir, und ich war ‘hochgehoben um an himmlischen Örtern zu sitzen in Christus Jesus’ in einer Weise, die auf Erfahrung gegründet war, wie das zuvor noch nicht so mit mir war, und es wird nie wieder aufhören, so zu sein.“ Ich gebe zu, dass mein Herz voll Dankbarkeit zu Gott war für das erhörte Gebet, als ich diesem einfachen Vortrag zuhörte, ein Gebet seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, dass ich erfahren möge, wie man Sein Wort meistern kann. Und doch, gleichzeitig zu dieser Dankbarkeit kam auch die Demütigung hinzu, dass ich ein so einfaches Prinzip zuvor noch nicht entdeckt hatte, welches ein Junge von zehn oder zwölf Jahren hätte kennen können. Und daran zu denken, dass ein „ordinierter“ Pfarrer zu den Füßen eines [theologischen] Laien sitzen muss, um das wichtigste Geheimnis seines Handwerks zu lernen!“ (James M. Gray, How To Master The English Bible, S. 17ff, Übersetzung von mir)
Worum geht es bei seiner Methode?
Das Wichtigste der Methode ist damit erklärt. Normalerweise wird man dazu angeleitet, die Bibel Buch für Buch durchzulesen und dann wieder vorne anzufangen. Gray schlägt jetzt auch vor, vorne anzufangen, aber das erste Buch der Bibel nicht nur einmal, sondern gleich 20 Mal zu lesen, bevor das zweite Buch dran kommt. Gray gibt ein paar Regeln zu diesem Lesen:
1. Fang vorne an, beginne dort zu lesen, wo Gott mit Schreiben begonnen hat.
2. Lies das Buch. Es kommt nicht auf unsere Geschwindigkeit an, sondern einfach darauf, es zu lesen.
3. Lies das Buch fortlaufend. Immer weiter. Manche Bücher können auch in einzelne Abschnitte geteilt werden, die das Lesen erleichtern.
4. Lies das Buch immer und immer wieder. Gray schlägt 20 Wiederholungen vor. Dies scheint mir sinnvoll zu sein.
5. Lies das Buch unabhängig von Kommentaren, Erklärungen und Ähnlichem. Fremde Hilfe ist in dem Fall immer nur wie eine Krücke, die uns von anderen abhängig macht.
6. Lies das Buch unter Gebet. Das ist die wichtigste Regel für Gray. Das ernnsthafte Suchen Gottes im Gebet hilft uns, das jeweilige Buch der Bibel vom Heiligen Geist erleuchtet zu lesen.
Was sind meine bisherigen Erfahrungen damit?
Auch wenn ich eine absolute Leseratte und ein großer Bibelfreak bin, hat mich eine Sache daran etwas erschreckt, und ich denke, dass dies für die meisten Menschen das größte Hindernis ist: Ganz vorne anzufangen, mit einem Buch, das 50 Kapitel lang ist. Bei 20 Wiederholungen macht das alles insgesamt 1000 Kapitel, was bedeutet, dass man bei einem Durchschnitt von 3 Kapiteln pro Tag fast ein ganzes Jahr im 1. Buch Mose verweilt. Bevor ich mich an ein solch großes Unternehmen wagte, wollte ich die Sache erst mal in Ruhe testen. So habe ich das erste Halbjahr von 2014 damit verbracht, kurze Bücher der Bibel nach dieser Methode zu lesen. Aus dem Neuen Testament die Johannes- und Petrusbriefe sowie Titus und die zwei an Timotheus, aus dem Alten Testament Ruth und einige der 12 „kleinen Propheten“, immer abwechselnd eines aus dem Alten und eines aus dem Neuen Testament.
Wer sich also auch fragt, ob sich das lohnen würde, dem empfehle ich, das Projekt so anzugehen. Welche Bücher man sich zu „Testzwecken“ aussucht, ist eine persönliche Geschmackssache. Für den Anfang lohnt es sich, mit kürzeren zu beginnen, da man die Schwierigkeiten auf diese Weise schneller ausfindig machen kann.
Was sind die Schwierigkeiten? Es ist ein großes Projekt, für das man sich einige Jahre (ich rechne bei mir als jemand, der schnell, gerne und viel liest, 15 Jahre für das gesamte Projekt. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, da dies im Durchschnitt 4 Kapitel pro Tag zu lesen bedeutet. Wer langsamer liest, sollte wohl eher mit 20 – 25 Jahren rechnen. Ebenso kommt man immer wieder an einen Punkt, an dem das Lesen schwierig wird. Es wird anstrengend. Man fragt sich: „Wie oft denn noch?“ In diesen Momenten ist es wichtig, dran zu bleiben und weiter zu lesen. Wieder und wieder und noch einmal. Hier ist Disziplin und ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung nötig.
Mein persönliches Fazit
Meine bisherigen Erfahrungen damit sind sehr gut. Es ist sehr hilfreich, über längere Zeit in ein und demselben Buch der Bibel zu „wohnen“ und zu bleiben. Ich werde das Projekt ab dem Juli diesen Jahres starten. Ich bin gespannt, wie es laufen wird und was dabei herauskommt. Das 1. Buch Mose werde ich in folgenden Teilen lesen: 1. Mose 1–11 (Urgeschichte), 1. Mose 12–25 (Abraham), 1. Mose 26-35 (Isaak und Jakob) und 1. Mose 36-50 (Joseph). Ich werde mir für das „Zählen“ der Leserunden eine Tabelle zum Abhaken / Ankreuzen machen. Falls Interesse besteht, kann ich diese auch zum Download bereitstellen.
Was hältst Du nach dem Lesen diesen Beitrags von der Idee? Wenn es die (momentan eher knappe) Zeit erlaubt, werde ich ab und zu mal wieder von den Ergebnissen berichten.

Mortimer Adler – Wie man ein Buch liest

Nachdem ich mich bereits Ende letzten Jahres mit dem Lesen von Büchern befasst habe (siehe hier: http://jonaserne.blogspot.de/2013/12/gedanken-zum-lesen.html), war ich sehr interessiert daran, auch mal einen echten Profi dazu zu lesen. Über den amerikanischen Pastor und Theologen John Piperbin ich auf das Buch „How to read a book“ von Mortimer Adler gestoßen. Mehr als einmal empfiehlt Piper das Buch von Adler, so zum Beispiel, wo er in seinem relativ neuen Buch „Think!“ (kostenloser Download als PDF) schreibt:My most moving introduction to the exciting world of serious reading came from Mortimer Adler’s classic, How to Read a Book, which is still in print (and doing nicely at Amazon) seventy years after first being published in 1939.“ (S. 43).
Zunächst unterscheidet Adler zwischen zwei – besser gesagt drei – Arten von Lesen. Es gibt das Lesen rein zum Vergnügen, auf das er im Buch nicht weiter eingeht. Und dann gibt es zwei Arten von Lesen, die er klar unterscheidet: Das Lesen zum Gewinn neuer Information und das Lesen zum Gewinn neuer Erkenntnis. Der Unterschied – so könnte man ihn nennen – besteht zwischen dem passiven und dem aktiven Lesen. Wer passiv liest, meint schon von vornherein, dass er das Gelesene verstehen würde, in Wirklichkeit gewinnt er aber nur neue Information. Er kann nicht wirklich verstehen, was der Autor nun eigentlich sagen wollte und warum er das sagt.
Adler betont sehr zu Recht die Wichtigkeit der Bücher früherer Generationen. Er bedauert, dass dies nicht mehr als so wichtig betrachtet wird und nur noch den Historikern überlassen wird. Wer wissen will, wer wir sind und wie wir zu diesem jetzigen Dasein gekommen sind, wird nicht um die alten Bücher herumkommen. So kritisiert er auch das Schulsystem. Das Bildungssystem, so sagt Adler, und die Kultur erhalten sich gegenseitig aufrecht.
Nach den einführenden Kapiteln kommt Adler auf drei Wege des aktiven Lesens zu sprechen. Wer das aktive Lesen lernen wolle, müsse die drei Wege des Lesens zuerst separat lernen und üben, mit der Zeit würden sie aber leichter zusammenfallen. Dies sind die drei „Wege“:
1. der analytische Weg (der Weg vom Gesamten zu den einzelnen Teilen)
2. der synthetische Weg (der Weg von den Teilen zum Ganzen)
3. der evaluative oder kritische Weg (dabei wird der Autor und sein Bemühen im Buch kritisch unter die Lupe genommen)
Nun gibt es viele Regeln für diese drei Lesewege. Ich versuche sie möglichst kurz und einfach zusammenzufassen.
Für den ersten Weg des Lesens (analytisch) sind vier Fragen wichtig:
1. Worum handelt das Buch? Was ist das Hauptthema oder die Hauptthemen?
2. Was möchte das Buch als Ganzes über dieses Thema aussagen? (in einer kurzen Aussage)
3. Aus welchen Teilen besteht das Buch? Wie gehören diese Teile zusammen?
4. Welches Problem (oder welche Probleme) versucht es zu lösen?
Dazu kommt noch die Schwierigkeit, dass viele Bücher nur dann verständlich sind, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Büchern gelesen werden. So zum Beispiel bei Immanuel Kant sein Hauptwerk über die Vernunft, welches aus viel Bänden besteht, die nur im Zusammenhang mit einander verständlich werden. Oder es gibt Bücher, die als Antwort und Entgegnung auf andere Bücher geschrieben wurden. Und dazu kommt, dass Autoren oft dasselbe mit unterschiedlichen Worten beschreiben und verschiedene Dinge mit ähnlichen Worten. Das muss man dabei alles bedenken.
Für den zweiten Weg des Lesens (synthetisch) sind auch wieder vier Fragen wichtig:
1. Welches sind die wichtigen Worte und was bedeuten sie in diesem Buch?
2. Welches sind die wichtigen Sätze und was sagen diese aus? (jeweils in eigene Worte fassen)
3. Welche Argumente gebraucht der Autor, indem er diese wichtigen Sätze zusammensetzt?
4. Von all den Problemen, die der Autor lösen wollte, welche hat er denn nun tatsächlich erfolgreich gelöst?
Dann kommt der dritte Weg (kritisches Lesen):
Bei diesem Lesen geht es darum, dass man bei jedem Buch, das man liest, ein persönliches Urteil abgeben muss. Stimme ich dem Autor zu in seinen Schlussfolgerungen? Falls nicht, sind folgende Fragen hilfreich:
1. Habe ich verstanden, was der Autor nun tatsächlich sagen wollte? Falls nein, habe ich tatsächlich mit all meinen Möglichkeiten versucht, das Beste aus dem Buch zu holen?
2. Bin ich mir sicher, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich den Bereich, den das Buch abdeckt, so gut kenne, dass ich mir erlauben kann, den Autor zu kritisieren?
3. Bin ich mir bewusst, dass eigentlich alle Unstimmigkeiten gelöst werden können? Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.
Wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmt, so gibt es nach Adler nur vier mögliche Kritikpunkte:
1. Der Autor ist uninformiert, das heißt, ihm fehlen bestimmte Bestandteile, die zur Lösung seiner Probleme nötig wären.
2. Der Autor ist falsch informiert, das heißt, er geht von falschen Voraussetzungen aus und behauptet, Wissen zu besitzen, das er nicht besitzt.
3. Der Autor ist unlogisch, das heißt, er zieht aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse.
4. Die Analyse des Autors ist unvollständig, das heißt nicht, dass man das Thema noch beliebig erweitern könnte, sondern es bezieht sich darauf, dass für die Lösung seiner Probleme noch mehr Analysen gemacht werden müssten.
Das Buch schließt mit einem Überblick über das Lesen von guten Büchern und der Einführung in die Sammlung der „Great Books of theWestern World“, die unter anderem auch von Adler und Robert M. Hutchins zusammengestellt wurde. Diese Sammlung umfasst 54 Bände – in einer späteren Auflage wurde sie auf 60 Bände erweitert – und sollte meines Erachtens wirklich zu jeder guten gymnasialen Bildung dazu gehören.
Auch wenn mir manche der Regeln nicht ganz neu waren, habe ich dennoch enorm viel Neues dazulernen können. Insbesondere der Aufbau mit den drei Lesewegen finde ich hilfreich – und wünschte, man hätte mir dies schon an der Schule beigebracht. Ich möchte jedem, der gerne liest, dieses hilfreiche Buch ans Herz legen. Ich habe es auf englisch gelesen – kurz bevor ich damit zu Ende war, habe ich gesehen, dass man es auch auf deutsch kaufen kann. 
Übrigens hat vor Kurzem Hanniel Strebel im Blog von Josia – Truth for Youth – auch sehr hilfreiche Tipps zum gewinnbringenden Lesen gegeben. 

Fundamente des christlichen Glaubens für jedermann

Das Gemeinsam-Lesen-Projekt

Der amerikanische Theologe Wayne A. Grudem hat 1994 eine biblische Glaubenslehre (der Fachbegriff dafür ist „Systematische Theologie“ oder „Biblische Dogmatik“) herausgegeben, die nicht nur sehr gut geschrieben und dadurch leicht verständlich ist, sondern die auch geradezu auf den Gebrauch in Gemeinden, Bibelstunden und Hauskreisen zugeschnitten ist. Sie ist exakt, schaut immer verschiedene Auslegungsmöglichkeiten an, die im Laufe der Kirchengeschichte propagiert wurden, und zieht Schlussfolgerungen direkt aus dem gesamten Zeugnis der Bibel.

Er definiert die „Systematische Theologie“ folgendermaßen: „Systematische Theologie ist jedes Studium, das die Frage beantwortet: ‘Was lehrt die Bibel uns heute über jedes denkbare Thema?’“ (S. 27). Daraus schlussfolgert er: „Tatsächlich betreibt ein Christ jedes Mal, wenn er etwas über die Lehraussage der ganzen Bibel sagt, nach unserer Definition in gewissem Sinne ‘systematische Theologie’ – indem er über verschiedene Themen nachdenkt und die Frage beantwortet: ‘Was lehrt die Bibel uns heute?’“ (S. 30)
Nachdem nun 2013 endlich die deutsche Übersetzung dieses genialen Werks erschienen ist, haben wir, Waldemar Justus, Pastor und Blogger von www.jesus24.deund Jonas Erne, Vikar und Blogger von http://jonaserne.blogspot.de, die Idee entwickelt, dass man dieses Buch von Grudem auch als größeres Leseprojekt gemeinsam lesen kann. Dazu ist jeder, der dies möchte, aufgefordert, nach jeweiliger Möglichkeit jede Woche ein Kapitel zu lesen. Dieses wird dann in unserer dazugehörigen Facebook-Gruppe (Link) kurz vorgestellt und dann darf jede und jeder über den Inhalt dieses Kapitels mitdiskutieren, Fragen stellen, andere Fragen beantworten, und so weiter. Jede Woche wird nur ein neues Kapitel zur Diskussion freigegeben.
Das Leseprojekt beginnt in der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres, in dem Fall also am 30.12.2013. Jeder, der interessiert ist, kann sich den gesamten Leseplan ab sofort in unserer Facebook-Gruppe herunterladen. Die Teilnahme ist völlig unverbindlich, wir würden uns jedoch über rege Diskussion bis zum Ende des Buches wünschen. Durch dieses Projekt des gemeinsamen Lesens können wir uns gegenseitig dazu motivieren, beim Lesen dran zu bleiben und haben zugleich auch immer die Möglichkeit zum regen Austausch darüber.
Wer das Buch von Grudem noch kaufen möchte, kann dies auf deutsch oder englisch bei Amazon.

Gedanken zum Lesen

Gedanken zum Lesen
Wir leben in einer Zeit, in der wir mit einer zunehmenden Flut von Büchern, eBooks, PDFs, Zeitschriften, Zeitungen, aber auch vielen anderen Medien überflutet werden, die durch ihr Auftreten allesamt den Wunsch äußern, von uns gelesen, gehört, oder sonst wie wahrgenommen zu werden. Ich bin eine Leseratte, ein Bücherwurm. Schon als kleiner Junge hat es mich fast „magisch“ zu den Bücherregalen hingezogen. In den letzten Tagen habe ich mir vermehrt Zeit genommen, um meine Lesegewohnheiten unter die Lupe zu nehmen, und möchte dazu ein paar Gedanken weitergeben.
1. Lesen mit einem Ziel
Wenn wir lesen, dann geht es zunächst einmal um uns selbst. Auch wenn es inzwischen schon den Nebenjob des Rezensenten gibt, werden wohl doch nur wenige so viel Zeit haben, um einfach nach Lust und Laune querfeldein zu lesen. Davon abgesehen ist das auch nicht besonders sinnvoll, denn dadurch gewöhnen wir uns ein Muster an, nach welchem wir bald dazu tendieren werden, Bücher nur anzufangen und zum nächsten zu springen, bevor wir überhaupt das erste beendet haben. Wir lesen also nicht für den Autor, auch nicht für den Verlag, sondern für uns selbst. Und jeder von uns steht an seinem individuellen Platz im Leben, hat seine individuellen Stärken und Schwächen, sein bisheriges Wachstum, seine aktuellen Fragen und blinden Flecke im Leben. Um Bücher so zu nutzen, dass sie uns tatsächlich das größtmögliche weitere Wachstum geben, tun wir gut daran, die Bücher nach diesen Themen auszusuchen. Dazu hilft es, vielleicht auch mit Hilfe von Menschen, die uns gut kennen, diese Themen zu finden und aufzuschreiben. Und dann nach entsprechender Literatur zu suchen.
TL;DR: Es ist gut, wenn wir die Bücher, die wir lesen, nach den Themen auswählen, die für uns gerade wichtig sind.
2. Lesen mit klarem Verstand
Jeder Autor kann immer nur eine Art Stückwerk bieten. Niemand hat in allem die Wahrheit voll erfasst. Jeder ist noch unterwegs dazu. Deshalb wird auch niemand in einem Buch alles korrekt schreiben können. Jedes Buch nebst der Bibel bedarf der Prüfung an Gottes ewig gültigem, ein für alle Mal überlieferten Wort. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch da alles prüfen und das Gute behalten. Gerade bei Büchern mit Lebensberichten und sogenannten Zeugnissen ist große Vorsicht geboten. Immer wieder kommen zum Beispiel Berichte von Menschen, die behaupten, sie seien schon in der Hölle gewesen und danach – aus welchem Grund auch immer – wieder zurückgekehrt seien. Es gibt auf jeden Fall Visionen der Hölle, es gibt Nahtoderlebnisse, aber die Bibel schließt von Grund auf aus, dass jemand in unserer Zeit tatsächlich die Hölle besuchen und von dort wieder zurückkommen kann. Wir brauchen bei jedem Buch die Möglichkeit, es am Maßstab der Bibel zu messen und unter Umständen falsche Dinge klar zurückzuweisen.
TL;DR: Beim Lesen brauchen wir klaren Verstand und immer den Maßstab der Heiligen Schrift, um alles Gelesene auf den Prüfstand zu stellen.
3. Lesen von neuen und alten Texten
Ich habe hier auf einen sehr guten Text von C. S. Lewis hingewiesen, der herausstellte, wie wichtig es sei, dass wir nicht nur neue Bücher lesen, sondern auch alte. Mit neuen Büchern meine ich jetzt nicht nur diejenigen ab 2010, sondern ich würde den Beginn unserer momentanen Zeit ab etwa 1980 rechnen. Wir tun also gut daran, Bücher zu lesen, die vor dieser Zeit geschrieben wurden, und zwar auch welche, deren Autoren einige Zeit davor lebten. Die Schriften und Bücher der Reformation und anschließend der englischen und amerikanischen Puritaner, diejenigen der frühen Methodisten, des deutschen Pietismus und der Heiligungsbewegung, aber auch der frühen Jahre unserer Pfingstbewegung sind nicht nur lehrreich, sondern sehr stärkend. Ich bin für mich persönlich stark von den Puritanern beeinflusst. Die Bücher ihrer Zeit haben eine Tiefe, eine Klarheit und ein Verständnis, das heute vielfach fehlt.
TL;DR: Wir brauchen nicht nur (post)moderne Bücher, sondern tun gut daran, auch ältere zu lesen.
4. Lesen zur Selbsterbauung
Bücher sollen uns helfen, im Glauben zu wachsen, im täglichen Leben Probleme zu lösen und auf unsere zahlreichen Fragen Antworten zu geben. Daneben gibt es aber auch Bücher, die uns helfen wollen, dass wir uns entspannen können. Dazu dienen zum Beispiel Romane oder andere klassische Literatur. Dazu ist es gut, wenn wir uns zweierlei Dinge bewusst sind: Auf der einen Seite können wir nicht sagen, dass es Romane gibt, die dem Gläubigen verboten sind. Auf der anderen Seite sollten wir aber auch unserer Grenzen bewusst sein. Jeder „Input“, dem wir ausgesetzt sind, wird uns in irgend einer Weise verändern. Gerade für die erbauliche Literatur ist es wertvoll, auf ältere Bücher zurückzugreifen. Diese haben bereits den Test der Zeit überstanden. Sie sind von Generationen von Menschen gelesen worden und haben trotz allem überlebt. So wurde zum Beispiel John Bunyans Roman „Die Pilgerreise“ zum am zweithäufigsten verkauften Buch – direkt nach der Bibel.
TL;DR: Lesen zur Entspannung und Erbauung ist gut – dabei ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, welchen Einflüssen wir uns aussetzen wollen.
5. Lesen mit dem Notizblock
Um den größtmöglichen Gewinn aus dem Lesen herausholen zu können, braucht es etwas Arbeit. Die wichtigste Regel für gewinnbringendes Lesen ist Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Solange wir mit dem Inhalt nur einverstanden sind und ihn abnicken, bleiben wir auf unserem Level stehen. Meine Empfehlung wäre, beim Lesen immer einen Notizblock dabei zu haben und wichtige Sätze und Gedanken daraus zu notieren. Was es zumindest braucht, ist aktive Reflektion des Gelesenen, also aktiv darüber nachdenken, weiterdenken, vergleichen, an der Bibel prüfen, nach Analogien (Vergleichen) suchen, und – ganz wichtig – nach Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung Ausschau halten. Erst durch diese aktive Auseinandersetzung macht unser Gehirn etwas wirklich Bleibendes: Es lernt. Deshalb ist es auch gut, ab und an mal wieder ein Buch zu lesen, in welchem das Gegenteil behauptet wird. So lernt man noch klarer zu prüfen und sich mit der Materie auseinanderzusetzen.
TL;DR: Die aktive Auseinandersetzung mit dem Gelesenen ist wichtig, deshalb ist es hilfreich, sich zum Gelesenen Notizen zu machen und immer wieder darüber nachzudenken.
6. Das Lesen der Bibel ist unersetzlich
Manche Bücher können tatsächlich eine Hilfe zum Verstehen der Bibel sein, aber sie können niemals das Lesen der Bibel ersetzen. Dies gilt übrigens auch Losungs- und Andachtsbücher. Dort werden häufig nur einzelne Verse aufgelistet und im Falle von Andachtsbüchern auch erklärt. Dabei fehlt jedoch etwas: Man verpasst dabei, die Bibel in ihrer Gesamtheit kennenzulernen. In diesen Büchern wird immer nur ein sehr kleines Spektrum der Bibel abgedeckt, eine ganze Menge geht verloren. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, in jedem Jahr einmal die Bibel ganz durchzulesen. Dies ist bei drei Kapiteln pro Tag möglich. Wem dies zuviel ist, kann es mit einem Kapitel pro Tag auch in drei Jahren machen. Es ist einfach wichtig, dass wir auf diese Weise lernen, was die Bibel alles zu sagen hat.
TL;DR: Die Bibel zu lesen und zu kennen ist das Wichtigste. Wir sollten Andachtsbücher nur als Mittel dazu nutzen, die Bibel jedoch in ihrer Gesamtheit immer wieder von vorne bis hinten durchlesen.
7. Lesen, wenn zu wenig Zeit ist
Was, wenn nun zu wenig Zeit ist? Was wir mit unserer Zeit machen, ist immer eine Frage der Priorität. Wenn es uns wichtig ist, unseren Verstand so zu schulen, dass auch er zur Ehre Gottes genutzt werden kann, werden wir nicht darum herum kommen, immer wieder zu lesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut machbar ist, pro Tag eine bestimmte Zeit – etwa eine halbe Stunde – für solches aktives Lesen einzuteilen – und dann auch dafür zu nutzen. Auf diese Weise kann man zwar nicht innerhalb weniger Tage dicke Schmöker durchlesen, aber auf längere Zeit verteilt kommt man so auch ans Ziel. Manchmal lohnt es sich auch, die Prioritäten unserer Aktivitäten zu überdenken und neu auszurichten. Dabei kann man sich etwa die Frage stellen, welchen Stellenwert die sozialen Medien, der Fernseher oder das neue Computerspiel haben sollen.
TL;DR: Um zum Lesen Zeit zu finden, kann es nötig sein, Prioritäten neu zu ordnen. Bücher können auch mit wenig Zeitaufwand pro Tag über längere Zeit hinweg gelesen werden.
Was denkst Du zu diesen Gedanken, lieber Leser? Welche der Tipps gefallen Dir gut, welche vermisst Du? Gibt es Themen, zu welchen Bücher gesucht werden? Auf Wunsch kann ich gerne mal mein stetig wachsendes Bücherregal durchsuchen. Ich freue mich über jeden konstruktiven Kommentar!

C. S. Lewis – Vom Lesen der alten Bücher

Vor einigen Jahrzehnten hat C. S. Lewis, besonders durch seine Chroniken von Narnia bekannt geworden, einen wertvollen Aufsatz über das Lesen der alten Bücher geschrieben. Er ist im Band “God in the Dock” zu finden. Hier ein Auszug von diesem Aufsatz:

“Es gibt eine merkwürdige, weit verbreitete Idee, dass zu allen Themen die alten Bücher nur von den Fachleuten gelesen werden sollen, und der Laie sich mit den modernen Büchern begnügen soll. So habe ich als Tutor für englische Literatur empfunden, dass wenn der durchschnittliche Student etwas über den Platonismus herausfinden wollte, es das Letzte ist, was er tun würde, dass er eine Übersetzung von Plato aus dem Regal der Bibliothek nehmen würde und das Symposium lesen. Viel eher würde er ein paar langweilige moderne Bücher lesen, die zehn mal so lang sind, mit vielen „-Ismen“ drin und wer davon beeinflusst wurde, und sich gerade mal zwölf Seiten mit dem befassen, was Plato tatsächlich sagte. Der Fehler ist eigentlich eher ein liebenswerter, denn er entspringt der Demut. Der Student ist nun halbwegs verängstigt, einen von den Philosophen von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Er fühlt sich unzulänglich und denkt, er würde ihn nicht verstehen. Doch wenn er nur wüsste, dass der große Mann gerade wegen seiner Größe viel besser verständlich ist als der moderne Kommentator. Der einfachste Student wird fähig sein, wenn nicht alles, so doch einen sehr großen Teil von dem zu verstehen, was Plato sagte; aber schwerlich wird irgendwer fähig sein, manche der modernen Bücher über den Platonismus zu verstehen. Als Lehrer war es deshalb immer einer meiner größten Bestrebung, die jungen Leute zu überzeugen, dass das Wissen aus erster Hand zu erwerben nicht nur mehr Wert hat als Wissen aus zweiter Hand, sondern dass es normalerweise auch viel einfacher und angenehmer zu erwerben ist.

Dieser irrtümliche Vorzug für die modernen Bücher und die Scheu vor den alten ist nirgendwo zügelloser als in der Theologie. Wo immer man einen kleinen Studienkreis von christlichen Laien findet, kann man sich fast gewiss sein, dass sie nicht die Apostel Lukas oder Paulus oder den Kirchenvater Augustinus oder Thomas von Aquin oder Hooker oder Butler lesen, sondern M. Berdyaev oder M. Maritain oder M. Niebuhr oder Miss Sayers oder gar mich.

Nun, dies erscheint mir auf den Kopf gestellt. Natürlich, da ich selbst ein Autor bin, wünsche ich nun nicht, dass der durchschnittliche Leserkeine modernen Bücher mehr liest. Aber wenn er sich entscheiden müsste, entweder nur die neuen oder nur die alten Bücher zu lesen, so würde ich ihm den Rat geben, die alten zu lesen. Und ich würde ihm diesen Ratschlag genau deshalb geben, weil er ein Laie ist und deshalb viel weniger gut geschützt vor den Gefahren einer exklusiv modernen Diät als der Experte. Ein neues Buch ist immer noch auf dem Prüfstand und der Amateur ist nicht in der Position, um das zu beurteilen. Es muss getestet werden im Licht der Gesamtheit des christlichen Denkens durch all die Jahrhunderte hindurch, und all seine verborgenen Auswirkungen (die ja oft vom Autor selbst gar nicht gewollt sind) müssen zuerst ans Licht kommen. Oft kann es gar nicht ganz verstanden werden, ohne dass man eine ganze Reihe anderer moderner Bücher kennt. Wenn du um elf Uhr zu einem Gespräch hinzustößt, welches um acht Uhr begonnen hat, wirst du oft gar nicht die ganze Tragweite dessen sehen, was gesagt wurde. Bemerkungen, die dir sehr normal erscheinen, werden Gelächter oder Verwirrung hervorbringen, ohne dass du verstehst, warum – der Grund liegt natürlich darin, dass die vorangehenden Stationen der Diskussion diesen einen besonderen Punkt gegeben hat. In derselben Weise ist es möglich, dass Aussagen in einem modernen Buch, die total normal aussehen, an ein anderes Buch gerichtet sind; auf diese Weise kann es geschehen, dass du dazu geführt wirst, etwas zu akzeptieren, was du sonst empört abgelehnt hättest, wenn du seine tatsächliche Bedeutung kennen würdest. Die einzige Sicherheit, die wir haben können, besteht darin, dass wir einen Standard des klaren, zentralen christlichen Glaubens haben („bloßes Christentum“, wie Baxter es nannte), welcher die Kontroversen der eigenen Zeit in ihre richtige Perspektive bringt. Es ist eine gute Regel, nachdem man ein neues Buch gelesen hat, sich nie zu erlauben, schon wieder ein neues Buch zu lesen, bis man zwischendurch ein altes Buch gelesen hat. Wenn dir das zu viel ist, solltest du mindestens pro drei neue Bücher ein altes lesen.

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Standpunkt. Es ist besonders gut darin, bestimmte Wahrheiten zu sehen und neigt besonders zu bestimmten Fehlern. Wir alle brauchen die Bücher, welche die charakteristischen Fehler unserer Zeit korrigieren. Und das bedeutet: Die alten Bücher. Alle zeitgenössischen Autoren haben ein Stück weit den zeitgenössischen Standpunkt – sogar jene, wie ich selbst, welche ihm am meisten zu opponieren zu scheinen. Nichts macht mich mehr betroffen, wenn ich die Kontroversen der vergangenen Jahrhunderte lese, als die Tatsache, dass beide Seiten normalerweise Dinge voraussetzten, ohne sie in Frage zu stellen, von denen wir einiges absolut ablehnen müssen. Sie dachten, sie wären einander derart entgegengesetzt, wie es nur geht, aber in Wahrheit waren sie im Geheimen Verbündete – verbündet miteinander gegen frühere und spätere Zeiten – durch eine gute Menge an gemeinsamen Annahmen. Wir können uns sicher sein, dass die charakteristische Blindheit des 20. Jahrhunderts – die Blindheit, von der die Nachkommenschaft fragen wird: „Aber wie konnten sie nur so etwas gedacht haben?“ – genau dort liegt, wo wir sie nie vermutet hätten, und das betrifft etwas, worüber sich ungetrübte Übereinstimmung zwischen Hitler und Präsident Roosevelt oder zwischen H. G. Wells und Karl Barth ist. Niemand von uns kann dieser Blindheit vollkommen entgehen, aber wenn wir nur moderne Bücher lesen, werden wir sie mit Sicherheit vergrößern und unsere Wachsamkeit davor schwächen. Wo sie wahr sind, da werden sie uns Wahrheiten geben, die wir zum Teil schon kennen. Wo sie falsch sind, da werden sie den Fehler verstärken, an dem wir schon gefährlich erkrankt sind. Das einzige Mittel zur Linderung ist es, die saubere Meeresbrise der Jahrhunderte durch unseren Verstand wehen zu lassen, und dies kann nur durch das Lesen alter Bücher geschehen. Natürlich gibt es keine Magie des Vergangenen. Die Menschen waren dann nicht klüger als als sie es jetzt sind; sie machten etwa gleich viele Fehler wie wir. Aber nicht dieselben Fehler. Sie werden uns nicht in unseren Fehlern schmeicheln, die wir bereits begehen, und ihre eigenen Fehler, die jetzt offensichtlich und greifbar sind, werden uns nicht in Gefahr bringen. Zwei Köpfe sind besser als einer, nicht weil einer unfehlbar wäre, sondern weil es unwahrscheinlich ist, dass beide in dieselbe Richtung falsch gehen. Um sicher zu gehen, wären die Bücher der Zukunft eine ebenso gute Möglichkeit zur Korrektur wie die Bücher der Vergangenheit, aber leider können wir nicht an sie gelangen.”

(aus: C. S. Lewis – Vom Lesen der alten Bücher, in: God in the Dock; eigene Übersetzung)

Vom Hören der Predigt und vom Lesen

Im Jahre 1960 hat D. Martyn Lloyd-Jones eine bemerkenswerte Lektion über das Erlangen von echter und falscher Erkenntnis gehalten. Im Zeitalter von Internet und freier Verfügung von so viel Wissen ist die Gefahr, die er anspricht, noch viel größer geworden. Ein lesenswerter Auszug aus diesem Vortrag:
„Aber wir müssen dem dritten Grund mehr Aufmerksamkeit widmen, welcher etwas kontroverser sein könnte. Ich bin der Meinung, dass es eine ganz spezielle Gefahr gibt an diesem Punkt und in dieser Beziehung der Diskussion, wo es um das Ausspielen von Lesen gegen Predigen geht. Vielleicht ist das eine der größten aller Gefahren in der Zeit, in der wir leben. Ich stelle fest, dass das Lesen viel gefährlicher ist als das Hören der Predigt, und ich weise darauf hin, dass eine wirklich echte Gefahr entsteht, wenn jemand seine Zeit nur mit Lesen verbringt und nicht unter die Kraft der Predigt kommt. Was will ich damit sagen? Ich will damit ungefähr folgendes sagen: Wenn jemand ein Buch liest, so hat er in einem gewissen Sinne die gesamte Kontrolle. Es hängt zwar teilweise vom Buch ab, ich weiß, aber sobald er beginnt, sich unwohl zu fühlen, kann er es zumachen und einen Spaziergang machen, oder – er kann viele Dinge tun. Aber all das kannst du nicht tun, während du eine Predigt hörst. Natürlich, es könnte sein, dass du so unhöflich bist, um aufzustehen und hinauszugehen, und manche Leute tun das ja auch, aber aufs Ganze gesehen ist das nicht üblich.

Das Predigen schützt uns deshalb in gewisser Weise vor diesen besonderen Gefahren, die aus dem Lesen allein resultieren, natürlich vorausgesetzt, es handelt sich um echtes Predigen. Denn wenn jemand echtes Predigen hört, so kommt er unter die Macht der Wahrheit, und zwar in einer Weise, in die er beim Lesen allein nicht kommt. Ob du jetzt die Definition des Predigens von Phillips Brooks magst oder nicht, der sagte, es sei „Wahrheit vermittelt durch Persönlichkeit“, aber sie beinhaltet eine Menge Wahrheit, und die Bibel gibt uns viele Beispiele dafür. Gott gebraucht die menschliche Persönlichkeit. Nicht nur das, sondern der Prediger erklärt nicht nur die Bibel, sondern er macht auch Anwendungen und sorgt dadurch dafür, dass die Anwendung auch ihr Ziel findet. Wenn jemand ein Buch liest, so kann es sein, dass er nie zu einer Anwendung kommt. Er kann sich dazu entscheiden, das Buch zu schließen und aufzuhören, wann immer er möchte; es gibt kein Beharren auf die Anwendung. Ich fürchte, dass in unserer Zeit, wo die Menschen dazu tendieren, immer weniger und weniger Predigten zu hören, und Predigten immer kürzer und kürzer werden, und unser Vertrauen in das Lesen immer größer wird, dass wir deshalb dieser Gefahr noch viel mehr ausgesetzt sind als unsere Vorfahren. Natürlich verurteile ich keinesfalls das Lesen an und für sich oder sage, dass es keine Veröffentlichungen mehr geben solle! Aber keinesfalls! Ich versuche lediglich die gefährliche Tendenz zu zeigen und halte an der Wichtigkeit und am Vorrang, sowie an der Überlegenheit des Predigens fest. Wir müssen unter die Kraft der Wahrheit gebracht werden. Wir mögen das nicht, aber das ist die Aufgabe eines Predigers, und wenn er dies verfehlt, so ist er ein armseliger Prediger. Wir versuchen immer, diesen Schlussfolgerungen und Anwendungen zu entkommen, aber der Prediger bringt diese ans Ziel. Er hält uns fest, sorgt dafür, dass wir ihnen ins Gesicht sehen müssen, und dadurch beschützt er uns vor bestimmten Gefahren. Eine Zeit, in welcher dem Lesen mehr Wichtigkeit beigemessen wird als dem Hören der Predigt ist immer eine gefährliche Lage. (D. M. Lloyd-Jones, The Puritans: Their Origins and Successors, S. 29 – 30, Übersetzung von mir)