Wie suche ich mir das richtige nächste Buch aus?

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel, schnell und effektiv lese. Als Kind hatte ich die Idee, alles lesen zu wollen, was mir in die Finger kam, doch spätestens Mitte Gymnasium wurde mir klar, wie wertvoll meine Lesezeit ist und wie sehr ich mich noch werde beschränken müssen. Da entstand – und blieb bis heute – die Idee vom richtigen oder besten nächsten Buch. Lange Jahre der Erfahrung, Trial and Error, viele Enttäuschungen und weggelegte Bücher haben mich ein paar Grundregeln der Bücherauswahl gelehrt. Anhand von fünf Fragen möchte ich das einmal verdeutlichen:

1. Wer bin ich?

Die wichtigste Frage dabei ist: Wer bin ich? Ich sollte ja das nächste Buch lesen, und nicht irgendwer, nicht eine idealisierte oder sonstwie manipulierte Version meiner selbst. Das Lesen vieler Bücher zeigt uns immer mehr, wer und wie wir selber sind. Wir lernen uns so immer besser kennen. Ich möchte mich nicht zwingen, ein Buch gut finden zu müssen, nur weil die Person XY es gut gefunden hat. Da ist jeder einfach anders gestrickt, und nur wenn wir lernen, ehrlich zu uns selbst zu sein, können wir das Lesen auch so sehr genießen.

2. Wer ist mir ähnlich, wer überhaupt nicht?

Zu den meisten Themen ist die Auswahl an Büchern nahezu grenzenlos. Wir Menschen sind oft sehr unterschiedlich, und das ist gut so. Wir finden Menschen, die uns ähnlich sind und andere überhaupt nicht. Ich persönlich bin jemand, der dicke, umfassende Bücher bevorzugt. Ich lese lieber 1200 Seiten in einem Buch, welches versucht, das Thema, die Person oder die Geschichte möglichst umfassend zu beschreiben. Stattdessen sechs dünne Booklets à 200 Seiten zu unterschiedlichen Facetten desselben sind mir enorm unsympathisch. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich lieber den dicken Schinken. Und ich habe gelernt, in vielen Bereichen die Leser und Rezensenten in hilfreiche Schubladen zu packen, damit ich weiß, welcher Schreibstil mir mehr und welcher weniger zusagt.

3. Was ist mein Ziel mit dem nächsten Buch?

Ein Ziel, das ich immer habe, ist, von allen Menschen zu lernen. Daneben braucht jedoch jedes Buch auch noch weitere Ziele. Was will ich mit dem Wissen aus dem Buch machen? Ich lese schon lange keine Bücher „nur zur Unterhaltung“. Dafür fehlt mir die Zeit. Somit gibt es Ziele wie etwa mein Wissen zu erweitern, indem ich eine ganze Weile zu einem ähnlichen Thema verschiedene Bücher lese. Oder ich möchte wissen, wie sich ein Autor im Laufe seines Lebens verändert hat. Dieses Ziel festzulegen hilft mir sehr dabei, die Auswahl der Bücher weiter einzuschränken. Nach den drei ersten Fragen sind selten mehr als drei Bücher vorhanden, zwischen welchen ich mich entscheiden muss.

4. Was hat dieses Buch bewirkt?

Bevor ich mich für ein Buch entscheide, befasse ich mich zumeist noch mit der Frage, was dieses Buch bewirkt hat. Welche Diskussionen hat es aufgeworfen? Welche Fragen sind bei anderen Lesern nach der Lektüre noch offen geblieben? Konnte es anderen Lesern die Fragen beantworten, die ich beantwortet haben möchte? Hat das Buch bestimmte Vorurteile zu festigen gesucht? Hat es Menschen zu einem bestimmten Verhalten gebracht? Je neuer ein Buch ist, desto weniger tief kann man in die Wirkungsgeschichte eintauchen.

5. Wer ist der Autor? Wann hat er es geschrieben?

Menschen durchlaufen vielfach Veränderungen im Laufe ihres Lebens. Wie hat sich der Autor verändert? In welcher Phase seines Lebens hat er dieses bestimmte Buch geschrieben? Hat er sich später noch einmal dazu geäußert? Wie stehe ich zu dem, was er dazu gesagt hat? Mag ich den Schreibstil des Autors? Ist er mir zu trocken oder zu emotional oder zu manipulativ oder ähnliches?

Das sind viele Fragen auf einmal. Zum Schluss noch zwei Gedanken dazu: Die meisten Fragen lassen sich mit etwas Übung in Sekundenbruchteilen unbewusst beantworten. Man entwickelt mit der Erfahrung eine Art Intuition, die viele dieser Fragen abhaken, ohne dass man sich die Fragen bewusst stellt. Und zweitens, was wohl aufgefallen sein wird: Ich misstraue der Amazon-Leser-Schwarmintelligenz zutiefst. Ich achte nicht einfach auf den Verkaufsrang oder die Bewertungen, sondern scrolle durch die Rezensionen, picke ein paar für mich persönlich wichtige davon heraus, und gewichte sie neu. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Um es kurz zu machen: Marcus-B. Hübner meinte kürzlich auf Twitter dazu: „Es geht nicht darum, viele Bücher zu lesen, sondern die richtigen. Aber je mehr du liest, desto sicherer findest du die.“ (Marcus-B. Hübner) Einfacher und treffender kann ich das auch nicht formulieren. Amen dazu!

Charles Dickens lesen: Leben und Denken

Wie können wir uns einem Autoren nähern, der in einer anderen Zeit lebte? Können wir das überhaupt? Können wir gewissermaßen in seine Schuhe steigen, um möglichst viel von ihm lernen zu können? Ich meine, dass dies zu einem guten Stück weit möglich ist, und möchte am Beispiel von Charles Dickens zeigen, wie ich persönlich dies mache. Vielleicht fragt sich mancher, warum ausgerechnet Dickens? Es war ein schneller, kurzer Impuls, der mich dazu brachte. Im Dezember letzten Jahres stieß ich zweimal auf seinen Namen. Zunächst in einem online Artikel – ich weiß nicht mehr, welcher es war, er hatte etwas mit der französischen Revolution zu tun, mit welcher ich mich damals immer wieder beschäftigte – fand ich den Titel seines Buches „A Tale of Two Cities“. Da wurde mir etwas schmerzlich bewusst, dass das Einzige, was ich von Dickens bislang kannte, „A Christmas Carol“ war. Diese kurze Weihnachtsgeschichte las ich dann um die Feiertage herum erneut, und wurde wieder stark berührt davon. Der zweite Grund lag darin, dass ich wusste, dass Dickens in vielen Themen ganz andere Meinungen vertrat als ich. Und da es heilsam ist, sich immer wieder von gegensätzlichen Meinungen konfrontieren zu lassen, entschloss ich mich kurzerhand, dass für Jahresanfang und Frühjahr 2018 Dickens zu meinem persönlichen Leseprojekt werden sollte. In den Monaten Januar bis Mai 2018 las ich insgesamt gut 8400 Seiten in 13 Büchern von ihm, sowie einer Dickens-Biographie von einem Zeitgenossen und Freund von Charles Dickens, John Forster. Alle 14 Bücher (und noch mehr) sind kostenlos als Kindle-Downloads auf englisch und / oder deutsch bei Amazon.de erhältlich.

Charles Dickens wurde 1812 in Portsmouth geboren. Seine frühe Kindheit war unstet, da sein Vater wegen immer wieder wechselnder Anstellungen mehrmals umziehen musste. Als Charles 12 war, musste sein Vater ins Schuldgefängnis, und Charles musste für seine Familie arbeiten gehen. Er wuchs also in ärmlichen Verhältnissen auf und besuchte die Schule nur sporadisch. Mit 15 Jahren wurde er Schreiber eines Rechtsanwalts und zwei Jahre später wurde er Stenograf beim britischen Parlament. Wiederum zwei Jahre später – inzwischen 19 Jahre alt geworden – wurde er Journalist, und mit 24 Jahren schrieb er den ersten Roman – „Pickwick Papers“ -, welcher in monatlichen Sonderheften zur Zeitung erschien. Von diesem Zeitpunkt an verlief sein Leben relativ gleichmäßig. Er schrieb seine Romane, welche als Monatsbeiträge erschienen, und immer mehr an Einfluss gewannen.

Für mich persönlich ist besonders dieser erste Teil des Lebens interessant, welcher sein Schreiben sehr stark prägten. Das ist auch der Grund, weshalb ich gerne vor den Werken eine Biographie lese. Die soziale Herkunft und Biographie helfen sehr, die Werke besser verstehen und einordnen zu können. Dickens lebte in einer Zeit, in welcher besonders oft Bücher geschrieben wurden, deren Handlungen in der Aristokratie und unter Reichen spielte. Doch er traf einen Nerv der Zeit, indem er gerade Geschichten aus dem einfachen Volk erfand, Geschichten, in welchen sich jeder wiederfinden konnte, und ganz besonders auch Geschichten, die eine moralische Botschaft trugen. Diese Botschaft wurde jedoch nicht von oben herab mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen, sondern sehr satirisch und mit viel Witz, was ich als angenehm empfunden habe. Auch wenn man – wie ich – der moralischen Botschaft nicht unbedingt zustimmen kann, sind die Geschichten auf jeden Fall sehr unterhaltsam zu lesen und bringen den Leser immer wieder zum Nachdenken und zur Selbstprüfung. Das finde ich wertvoll an diesem Autor, und kann seine Bücher mit gutem Gewissen zum Lesen, Schmunzeln und Prüfen weiter empfehlen.

Aufgefallen ist mir jedoch, dass ich andere Romane von ihm als besonders wertvoll empfinde als die Literaturgeschichte mit ihren Dickens-Bestsellern. So konnte ich etwa „Oliver Twist“ ziemlich wenig abgewinnen, während mir „Martin Chuzzlewit“ viel besser gefiel, obwohl dieser Roman kaum bekannt ist (außer unter richtigen Dickens-Kennern natürlich). Auch die „Pickwick-Papers“ habe ich gerne gelesen und immer wieder gestaunt, mit welcher Reife und Weitsicht der 24jährige Dickens das Leben beschreibt, aber auch wie in sich geschlossen sein Werk ist, obwohl es über Monate hinweg Stück für Stück geschrieben wurde. Es gibt keine inneren Widersprüche oder Brüche, die dem Leser in die Augen springen würden, auch wenn man das Buch am Stück liest. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass Schriftsteller in der prädigitalen Zeit einfach gezwungen waren, sich besser an das früher Geschehene zu erinnern, weil die Suche noch deutlich umständlicher war. Oder vielleicht konnten damals auch durch natürliche Auslese nur die allerbesten Schriftsteller ihre Werke veröffentlichen. Wie dem auch immer sei, ich fand Dickens’ Schreibstil total klasse, gerade auch weil er es voll gut drauf hat, bestimmten Charakteren ihre eigenen Dialekte zuzuordnen – und auch das bis zum „bitteren Ende“ durchhalten konnte.

Wo ich hingegen Mühe habe, ihm zu folgen, da geht es um seine Vorstellungen zur Verbesserung der Welt. Er propagiert Lösungen, um soziale Missstände zu beheben, die mehr Eingriffe durch den Staat in die Wirtschaft bedeuten würden. Jeder Interventionismus führt zur gesellschaftlichen Verarmung. Eins ist klar: Es gab viel Armut und Kinderarbeit zur Zeit als Dickens lebte. Das ist eine traurige Tatsache, die sich dadurch ergab, dass die industrielle Revolution einiges veränderte und zu jener Zeit immer noch am Verändern war. Insgesamt hat sich das Wohlergehen der Gesellschaft jedoch gerade durch freie Marktwirtschaften deutlich erhöht. Für Dickens wird der Staat zum Messias, während die freie Gesellschaft den Einzelnen unterdrückt und zur Kriminalität zwingt, wie dies etwa bei Oliver Twist gezeigt wird. Der Mensch wird so durch die Gesellschaft geprägt, dass nur mit Gesetzen diese allzu freie und böse Gesellschaft in die Schranken gewiesen werden kann. Der einzelne Mensch hingegen ist – in geradezu Voltaire’scher Naturverehrung – an und für sich gut, solange er nicht durch die verdorbene Gesellschaft auch gleich mit verdorben wird. Manche der Romane Dickens’ gehören deshalb auch dem Genre des Bildungsromans an, so etwa auch „Great Expectations“, die Geschichte von Philip „Pip“, der als Waisenjunge aufgezogen wird, später in aristokratischer Manier erzogen wird und so Stück für Stück die Welt kennenlernt. Häufig arbeitet sich Dickens mit seinen Romanen an der eigenen Vergangenheit ab, in der er sich aus der Armut hocharbeiten musste.

2018: Ein neues Lesejahr

Nachdem ich 2017 mit 95 Büchern und rund 40000 Seiten deutlich mehr zum Lesen kam als ich erst dachte, wird es vermutlich 2018 etwas weniger. Ich möchte mehr selbst zum Schreiben kommen, und ich werde auch nach wie vor in der nichtvirtuellen Welt zeitlich und kräftemäßig beansprucht, was wirklich sehr gut ist.

Trotzdem bin und bleibe ich ein Vielleser. Für 2018 habe ich mir zum Ziel gesetzt, bei den älteren Büchern Shakespeares Werke zu lesen und mich so weit wie möglich mit den wichtigsten Werken von Charles Dickens befassen. Ob es von diesen beiden etwas zu bloggen gibt, werde ich spontan entscheiden. Ein anderer Schwerpunkt werden die neuen Romane sein, die schnell mal zu Bestsellern werden. Hier habe ich mir zum Ziel gesetzt, einige zu lesen und rezensieren – immer mit dem biblischen Welt- und Menschenbild im Hinterkopf.

Warum gerade Bestseller? Bestseller sagen viel über die jeweilige Zeit aus, in welcher sie zu Bestsellern werden. Bestseller sind Bücher, die besonders häufig gekauft und gelesen werden. Wenn ein Autor erst mal etabliert, das heißt bekannt, ist, so sind es die Leser, die entscheiden, ob ein Buch dem Denken seiner Zeit entspricht oder nicht.

Wer möchte, kann auch dieses Jahr mein Lesejahr auf Goodreads verfolgen. Allerdings werde ich wohl kaum täglich diese Seite updaten, aber vermutlich so 1 – 2x die Woche, was dann bedeutet, dass umso mehr gelesen wurde. Ich lese durchschnittlich 110 Seiten pro Tag, was schätzungsweise 2,5 Stunden entspricht. Das bedeutet aber tatsächlich: Es gibt Tage, da lese ich deutlich länger und andere Tage deutlich weniger. Ich würde sagen eine halbe Stunde pro Tag im Minimum, und somit etwa 30 Seiten mindestens pro Tag. Das ist für mich eine Art, wie ich mich entspannen, zurücklehnen und mich auf eine Sache konzentrieren kann. Die meiste Zeit des Tages muss ich Multitasking betreiben, deshalb ist das Monotasking des Lesens einfach so entspannend und wohltuend. Viel besser als Schlafen 😉 Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.
1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.
2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.
3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.
4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.
5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.

Ein neues Lesejahr beginnen

Ich habe das letzte Jahr beendet, indem ich ein paar der Bücher aufgezählt habe, die mich letztes Jahr besonders beschäftigt haben. Für dieses Jahr habe ich auch schon einige Ideen, die allerdings mehr Ideen sind und an die ich mich nicht sklavisch binden werde. Aber ich möchte mal kurz ein paar Rubriken aufzählen, in denen ich Ideen habe und damit auch auf die letztjährigen Rubriken eingehen. Welche Rubriken man nimmt und wie man die Bücher darin einteilt, ist eine Geschmackssache. Ebenso natürlich, was man überhaupt lesen will. Wobei es meiner Meinung nach ein paar gute Tipps gibt, die helfen, dass man ein wenig über den Tellerrand blicken kann. Was lese ich für Rubriken?
1. Ich lese die Bibel.
Regelmäßig. Täglich. Vor allem anderen. Sie ist das Erste, was ich lese, wenn mein Tag beginnt. Meist zu einer Tasse Kaffee, wenn unser Sohn gerade ein wenig für sich am Spielen ist. Manchmal auch erst im Laufe des Vormittags, wenn der Tagesstart etwas schwierig war. Aber vor jeder eMail und vor jedem anderen Buch – sei es digital oder analog. Seit 2,5 Jahren lese ich sie nach dem Vorschlag von James Gray. Das ist sehr herausfordernd und oft nicht einfach. Nicht jeden Tag schaffe ich meine geplanten vier Kapitel. Aber langsam und sicher geht es voran.
2. Ich lese Bücher zum Predigen.
Seit ich 2007 zum ersten Mal in einer Gemeinde „so richtig“ gepredigt habe (vorher waren es Andachten, Kinderstunden und manches mehr), lese ich jedes Jahr ein- bis zweimal das Buch von D. Martyn Lloyd-Jones, „Die Predigt und der Prediger“. Zusätzlich schaue ich, dass ich jedes Jahr ein bis zwei andere Homiletiken lese. Leider gibt es in dem Bereich entweder eher wenig Gutes, oder ich bin durch Lloyd-Jones derart verwöhnt, dass mir alles andere zu wenig hilfreich erscheint. Die m.E. Immer noch besten Bücher sind in diesem Blogpost vorgestellt. Wer noch mehr Empfehlungen hat, darf gerne einen Kommentar hinterlassen.
3. Ich lese Romane.
Ich muss zugeben, dass ich diese Sparte zu lange vernachlässigt habe. Lange habe ich weniger als eine Handvoll Romane pro Jahr gelesen; die meisten davon nur für die theologische Auseinandersetzung, da sie als „christlich“ angepriesen wurden. Das war ein Fehler, denn Romane sind viel mehr als nur das. Letztes Jahr habe ich einige „klassische“, also „ältere“ Romane gelesen; so nebst Tolkiens „Herr der Ringe“ etwa die Lord-Peter-Wimsey-Serie von Dorothy L. Sayers (ein wunderbares Werk übrigens; jeder Band darin erzählt eine eigene Geschichte; und doch ist alles zusammen in eine große Meta-Geschichte eingepackt, die sehr berührt) und die großen Romane von Fyodor Dostojewski. Für dieses Jahr plane ich, mit Jane Austen und Lew Tolstoj fortzufahren; suche aber noch ein paar neuere Romane. Gerne lese ich Bücher von Stephen King, dem Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein oder John Grisham. Daneben dürfen auch andere Autoren und vor allem Romane von diesen vorgeschlagen werden, die in den letzten etwa 10 Jahren verfasst wurden. Bei Romanen bitte immer eine gute Begründung, warum ich genau dieses Buch lesen solle. Ohne (sinnvolle) Begründung kann ich damit nichts anfangen.
4. Ich lese Biographien.
Hierzu gehören gerade auch Biographien christlicher Prediger, Evangelisten, Missionare, etc. dazu, aber nicht nur. Auch Politiker, Philosophen und Wissenschaftler finde ich total spannend. Dieses Jahr werde ich die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson lesen; dazu jene von Tim Jeal über den Gründer der Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell (BiPi). Weitere über deutsche und amerikanische Politiker habe ich in Planung, werde mich dafür aber kurzfristig entscheiden. Ein langjähriger Wunsch ist die zweibändige Biographie George Whitefields, die Arnold Dallimore geschrieben hat. Bisher hat mich der Preis immer abgeschreckt. Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich mir auch mal eine Biographie von Donald Gee, dem Bibellehrer frühen Pfingstbewegung, beschaffen.
5. Ich lese wissenschaftliche Bücher.
Mein „großes“ wissenschaftliches Thema letztes Jahr war von meinem Wunsch geprägt, Albert Einstein und dessen Theorien besser zu verstehen. Hierzu habe ich zuerst die Einstein-Biographie von Albrecht Fölsing gelesen. Bald wurde mir klar, dass das ein guter Einstieg ist, aber noch nicht ausreicht, um die Materie zu stemmen. Deshalb habe ich dann „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking und „Gott und die Gesetze des Universums“ von Kitty Ferguson gelesen. Beide Bücher sind sehr spannend, wobei man gleich sagen muss, dass man da nicht allem zustimmen muss, was sie schreiben. Für dieses Jahr plane ich mit großer Sicherheit, Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ zu lesen. Vielleicht gibt es dazu auch mal noch einen Blogpost. Am Rande möchte ich übrigens noch einen Verweis auf Vern Sheridan Poythress’ kostenlos als PDFs herunterladbare Bücher anbringen: Hierist enorm viel wertvoller Lesestoff zu finden. „Logic“, „Redeeming Science“, „Redeeming Sociology“ und „In the beginning was the Word“ habe ich letztes Jahr sehr zu lesen genossen. Hier wird wohl das eine oder andere weitere auch noch auf meine Leseliste wandern.
6. Ich lese philosophische Bücher.
Wie schon am Anfang bemerkt, ist das mit den Rubriken so eine Sache. Biographien, Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie haben alle so überlappende Themen und Bücher. Deshalb fällt es mir auch oft schwer, Bücher genau dort einzuordnen und nicht gleichzeitig in zwei oder drei Rubriken. Letztes Jahr hat mich ein Philosoph begleitet, der mich schon seit vielen Jahren fasziniert hat: Friedrich Nietzsche. Ich habe seine wichtigsten Werke in der kostenlosen Kindle-Ausgabe gelesen. Besonders angetan hat es mir mal wieder die fröhliche Wissenschaft. Auch der Zarathustra ist sehr bewegend geschrieben. Dieses Jahr werde ich mich mal wieder an Immanuel Kant versuchen; das ist zumindest mal so geplant. Wie weit ich damit komme, ist nicht gesagt; es ist mir nicht einmal so wichtig, weil es mir mehr darum geht, mich in das Denken anderer Menschen hineinversetzen zu können und zugleich auch, weil es Literatur ist, die mich herausfordert.
7. Ich lese theologische Bücher.
Das ist vermutlich für die meisten Leser meines Blogs am selbstverständlichsten. Letztes Jahr war meine größte Herausforderung die vier Bände der „systematischen Theologie“ von David F. Wells. Es ist keine ST im herkömmlichen Sinn, sondern sie wird anhand der Veränderungen in der Kultur erarbeitet. Diese Bände sind eigentlich ziemlich kurz (zumal im Vergleich mit anderen Bänden, die ich gelesen habe), aber so herausfordernd geschrieben, dass ich das Buch manchmal nach wenigen Minuten des Lesens zur Seite legen musste um darüber nachzudenken und nicht selten auch zu beten. Für dieses Jahr plane ich, die Biblische Dogmatik von Wayne Grudem mal wieder zu lesen (mit einem Kapitel pro Woche kommt man in einem Jahr fast hindurch). Eventuell kommt John Frame noch dazu oder etwa von Don Carson. Und dann muss natürlich auch noch ein Buch zur Apologetik in die Liste, eventuell von Richard Swinburne oder William Lane Craig. Aber auch hier werde ich mich eher kurzfristig festlegen.
Und jetzt bin ich auf Deine Leseliste und Empfehlungen gespannt.

7 Gründe für das Lesen von Biographien

Etwa 10 – 15% aller Bücher, die ich pro Jahr lese, sind Biographien. Zur Zeit bin ich an Manfred Kühns Kant-Biographie. Biographien stehen bei mir häufig am Anfang einer Zeit, in welcher ich mich mit dem Werk oder der Zeit der jeweiligen Person befassen will.
In der Einleitung zur Kant-Biographie stellt Kühn eine interessante Frage, die mich einmal mehr zur Reflexion über meine Gründe zum Studium von Biographien angeregt hat. Hier das Zitat von Kühn:
Ich weiß nicht wirklich, was Biographien für so viele Leser eine derartige Faszination verleiht. Ist es einfach die Neugier zu wissen, wie die ‘Berühmten’ gelebt haben? Ist es Voyeurismus, ein unschöner Drang, einen Einblick in die schmutzigen kleinen Geheimnisse der ‘Großen’ zu bekommen? Ist es Eskapismus, ein Versuch eines stellvertretenden Lebens, eine Art Romanze für Menschen mit eher intellektuellen Neigungen? Oder ist es eine Art Versuch, in unserem eigenen Leben Sinn zu finden? Zahlreiche Selbsthilfebücher sind Zeugnis dafür, dass das Bedürfnis nach einem ‘erfolgreichen’ Leben weit verbreitet ist. Von erfolgreichen Menschen könnte man meinen, sie hätten dieses flüchtige Ziel erreicht – und erfolgreiche Philosophen, also Menschen, die darüber nachgedacht haben, was zum Erfolg führt, könnten mehr zu bieten haben als die meisten.“(S. 38)
Ich habe mir Gedanken gemacht, warum ich Biographien lese. Unter anderem aus den folgenden sieben Gründen:
1. Biographien erweitern meinen Horizont.
Wenn ich eine Biographie lese, so muss ich über meinen Tellerrand hinausschauen. Ich darf die Welt mit fremden Augen sehen und erkennen, wie andere Menschen zu anderen Zeiten gelebt, geliebt, gelacht und gearbeitet haben. Meist bin ich dann so richtig dankbar, heute leben zu dürfen. Sehr viel Armut ist inzwischen erfolgreich bekämpft worden. Es gibt dafür andere Sachen anzupacken.
2. Biographien bewahren mich vor dem „chronologischen Snobismus“.
Beim Lesen einer Biographie darf ich aber auch erkennen, dass weder ich noch meine Zeit der Nabel der Welt sind. C. S. Lewis sprach davon, dass es leider nicht möglich sei, in die Zukunft zu reisen, um zu sehen, wie unsere Zeit und unser Handeln dereinst gesehen würden. Deshalb brauchen wir den Blick früherer Zeiten, der uns eine etwas objektivere Sichtweise auf unsere Zeit schenkt. Jedes Zeitalter hat eine ganze Menge blinder Flecken, und deshalb gibt uns die Kenntnis des eigenen plus mehrere anderer Zeitalter so etwas wie ein mehrdimensionales Bild der Realität.
3. Biographien zeigen mir den Denkweg auf.
Jeder Mensch verändert sich im Laufe seines Lebens. Das ist ganz normal und gesund so. Wenn ich eine Biographie lese, möchte ich etwas über das Erleben der Person erfahren, welches zu diesen Veränderungen geführt hat. Das hilft mir, sowohl dessen Werk zu verstehen, als auch zugleich meine eigene persönliche Biographie zu reflektieren.
4. Biographien erweitern meinen Geschichtshorizont.
Ich habe anderswo geschrieben, warum die Auseinandersetzung mit Geschichte (und da nicht nur mit den letzten 80 Jahren) so immens wichtig ist. Durch eine Biographie lerne ich diese Zeiten noch besser und persönlicher kennen, weil ich Personen kennenlerne, welche in dieser Zeit gelebt und gewirkt haben. Das hilft mir, die Geschichte noch besser zu kennen.
5. Biographien helfen mir, richtig und falsch zu unterscheiden.
Bei diesem Punkt muss ich natürlich ein wenig aufpassen, dass das nicht falsch verstanden wird. Was ich damit meine, ist folgendes: Wenn ich die Biographien mit einer biblischen Weltanschauung im Hinterkopf lese; besser noch: Wenn ich gleichzeitig in der Bibel blättere, während ich die Biographie lese und die Biographie anhand der Heiligen Schrift beurteile, dann erweitert die Biographie mein Unterscheidungsvermögen von gut und böse, richtig und falsch. Anders gesagt: Mein Gewissen wird sensibilisiert und hilft mir dadurch auch im Alltag.
6. Biographien ermutigen mich.
Wenn eine Biographie nicht gerade eine realitätsferne Hagiographie ist (und solche versuche ich nach Möglichkeit zu vermeiden), dann lerne ich einen einfachen Menschen kennen, der mit seinem Leben etwas erreicht hat. Ich lerne seine Schwierigkeiten, Trauer, Freude, alltäglichen Gewohnheiten kennen und sehe, wie einfache Menschen gebraucht werden, um Großes zu erreichen. Jeder von uns ist in einem Netzwerk von Menschen eingegliedert, wo wir Tag für Tag einen Unterschied machen können. Wenn wir das tun, dann haben wir Großes erreicht. Das lehren mich die meisten Biographien.
7. Biographien führen mich in die Anbetung Gottes.
Ob ich der Person zustimme oder nicht, über welche die Biographie geschrieben wurde, aber jede Biographie führt mich dazu, Gott anzubeten. Manche dieser Menschen haben uns viel Verständnis von der Welt gegeben, indem sie geforscht und nachgedacht haben. Andere haben eine Menge für Gottes Reich getan. Und dann gibt es auch noch jene Biographien, die mich dankbar machen, dass ich nicht so viel Macht bekommen habe wie andere, weil diese Macht so schnell einen Menschen betrügt und seine schlimmsten Seiten zeigt.
Und was sind Deine Gründe, um Biographien zu lesen?

Schuld und Sühne

Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 573 Seiten, kostenloses Kindle-Buch. https://www.amazon.de/Schuld-S%C3%BChne-Fjodr-Michailowitsch-Dostojewski-ebook/dp/B004UBCWK6/
Vor 150 Jahren (1866) veröffentlichte Fjodor M. Dostojewski sein Buch „Schuld und Sühne“, das von Thomas Mann als „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Es ist wirklich ein faszinierendes Werk der russischen Weltliteratur, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Dostojewski lotet die Grenzen der Moral aus, und zwar in gekonnter Weise, psychologisch und schriftstellerisch exzellent.
Ich bin lange vor den großen russischen Schriftstellern zurückgeschreckt und habe diese immer noch etwas weiter hinausgeschoben. Der Stil ist etwas eigen und Gewöhnung ist vonnöten. Als Marcus Hübner auf seinem Blog die Serie „Dostojewski lesen“ begonnen hat, fand ich das spontan eine gute Idee. Er bespricht wochenweise Kapitel der „Brüder Karamasow“. Hier muss ich zugeben, die ersten 100 Seiten fand ich schwierig, weil mir der Schreibstil Dostojewskis fremd war. Doch dranbleiben lohnt sich – das Buch hat mich gepackt und ich hatte es in zwei Monaten komplett durch. Vielleicht werde ich dazu auch noch mehr schreiben.
In „Schuld und Sühne“ geht es um einen Studenten, Rodion Raskolnikow, der sehr klug ist, aber leider auch sehr arm, und deshalb sein Studium nicht zu Ende finanzieren konnte. Nun lebt er in St. Petersburg, häuft sich einen Schuldenberg an, den er nicht bezahlen kann, und hofft auf finanzielle Unterstützung von zu Hause.
Ziemlich am Anfang des Buches lernt er einen ehemaligen Beamten kennen, der durch seine Trunksucht ebenfalls verarmt war, so sehr verarmt, dass seine Tochter Sonja auf den Strich gehen muss, sich zu prostituieren, um so die Familie über Wasser halten zu können. Kurz darauf erhält er einen Brief von seiner Mutter, in dem sie ihm berichtet, dass seine Schwester Dunja einen deutlich älteren aber vermögenden Mann heiraten wolle. Rodion vermutet, dass sie diesen hauptsächlich deshalb heiraten wolle, um ihn, Rodion, finanziell besser unterstützen zu können. Er empfindet diesen Schritt als demjenigen Sonjas sehr ähnlich.
Die Haupthandlung des Buches betrifft jedoch etwas anderes. Rodion hat eine fixe Idee, welche er in einem Zeitschriftenartikel dargelegt hatte: Wenn jemand, der ein seltenes Genie ist, in seinem Tun und seiner Zukunft bedrängt würde, so habe dieser ein Recht, so zu handeln, dass er das umsetzen kann, wozu er gemacht sei. So hätte etwa ein Napoleon das Recht gehabt, Menschen aus dem Weg zu schaffen, die versucht haben wollten, seine Zukunft zu verhindern. Da Rodion sich selbst für ein solches Genie hält, will er wissen, zu welcher Sorte Mensch er gehört. Er sieht da zwei Sorten: Die Menschen, also diese seltenen Genies, und den Rest der Menschheit nennt er „Läuse“. Um herauszufinden, was er ist, will er einen Mord begehen. Diesen verübt er an einer alten Frau, namentlich seiner Pfandleiherin, bei welcher er schon zweimal Pfand für Gegenstände bekommen hatte. Da die Schwester der Pfandleiherin im falschen Moment zu ihr kommt, nämlich kurz nach dem Mord, aber noch bevor Rodion das Haus verlassen konnte, muss auch sie dran glauben.
Dieser Mord lässt ihn nicht mehr los, das Gewissen meldet sich, eine Krankheit bricht aus, Rodion ist mehrere Tage bewusstlos, in den Zeiten, in welchen er wach ist, ist er immer unruhig. In der Zwischenzeit waren seine Mutter und Schwester zu Besuch gekommen. Es stellt sich heraus, dass der Zukünftige seiner Schwester ein ungehobelter Rüpel ist, der die Armut der Familie ausnutzen wollte, um eine demütige, ihn bewundernde Frau zu bekommen. Die Sache eskaliert schnell und die Verlobung wird aufgelöst.
Rodion ist sich nun beständig unsicher: Wieviel weiß die Polizei? Könnte sein Artikel in der Zeitschrift ihn verraten? Wie kann er den Verdacht von sich ablenken? Über diesem ständigen Grübeln wird er immer sehr schnell aufgebracht und lenkt auch öfter mal den Verdacht auf sich. Nach einigem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass er tatsächlich verdächtigt wird. Auf viel Zureden von verschiedenen Seiten meldet er sich am Schluss freiwillig und gesteht die Tat. Einsichtig wird er nicht, dass er dadurch schuldig geworden ist.
Das Happy End zeichnet sich im Arbeitslager in Sibirien ab. Die treue Sonja, die ihn dorthin begleitet, wird ihm zur besten Freundin und mit der Zeit auch zur Geliebten. Eine große Frage bleibt offen: Wird er am Ende doch noch gläubig?
Ich meine, dass dies eine Schwäche des Buches ist. Dostojewski liebt es, sich in den finsteren Abgründen der menschlichen Seele aufzuhalten. Der Glaube ist etwas Wichtiges bei ihm, aber am Ende der Geschichte(n) bleibt häufig ein schaler Geschmack zurück – es fehlt etwas. Die Auflösung der größten und wichtigsten Frage im Leben eines jeden Menschen.
Davon abgesehen ist es ein großartiger Roman – Thomas Mann ist wohl zuzustimmen: Es ist zumindest einer der größten und besten Kriminalromane.

Bibel lesen? Aber sicher, das hab ich nötig!

In einem kürzlichen Gespräch ging es um das Lesen der Bibel. Im Nachhinein habe ich noch weiter darüber nachdenken müssen, weil mir ein paar Dinge dazu ganz neu wichtig geworden sind. Ich könnte mir jetzt sagen: Du hast bis jetzt jedes Buch, jedes Kapitel und jeden Vers der Bibel mindestens 12x gelesen, die meisten davon schon deutlich öfter. Irgendwann reicht das doch. Ruh dich doch mal darauf aus. Du hast Theologie studiert und dabei viele Verse auswendig gelernt, eine ganze Zahl Texte aus dem Griechischen oder Hebräischen übersetzt. Reicht das nicht? Zugegebenermaßen hatte ich solche Gedanken auch schon. Aber noch jedes Mal bin ich beim Weiterdenken ganz eindeutig zum Schluss gekommen: Nein, das reicht noch lange nicht! Warum? Weil ich es nötig habe!
1. Ich habe es nötig, jeden Morgen in meinem Denken verändert zu werden. Ich bin jeden Tag ganz vielen Einflüssen ausgesetzt, die versuchen, mein Denken zu vergiften. Werbung versucht, sich in mein Denken einzuschleichen. Filme versuchen, mir ein falsches Weltbild einzutrichtern. Die Zeitungen und Zeitschriften strotzen von Artikeln und Berichten, die meine Aufmerksamkeit wollen. Jeden Morgen soll mein Denken weg von mir und weg von der Welt auf Gott ausgerichtet werden.
2. Ich habe es nötig, jeden Morgen etwas zu lesen, was ich nicht beurteilen muss. Dieser Punkt hängt mit dem ersten zusammen, geht aber noch mehr in die Tiefe. Alles, was sich außerhalb der Bibel befindet, ist fehlbar und muss deshalb beurteilt werden. Die Bibel ist da wohltuend anders. Sie muss nicht beurteilt werden, sondern ich darf mich von ihr beurteilen lassen. Das ist das Vorrecht aller Gläubigen: Das Wort dürfen wir „lassen stahn“, wie Martin Luther so treffend dichtete. Es muss nicht verändert werden, sondern es soll mich verändern. Die Bibel ist der fixe Punkt, mit dem wir das Universum aus den Angeln heben können.
3. Ich habe es nötig, mir jeden Morgen das Evangelium zu predigen.Ich liebe es, in einer Evangelisationsveranstaltung zu sitzen. Da kommen mir regelmäßig die Tränen, weil mir bewusst wird, wieviel der Herr Jesus für mich getan hat. Eigentlich weiß ich das schon, aber – ach! – wie schnell geht das wieder vergessen in der Eile des Alltags. Und wie gern würde ich da jeden Morgen in so einer Veranstaltung sitzen. Da das leider nicht möglich ist, habe ich es nötig, mir das selbst jeden Morgen zuzusprechen. Ich habe es nötig, mir wieder neu der Gnade und Größe Gottes bewusst zu werden.
4. Ich habe es nötig, dass Gott jeden Morgen neu zu mir spricht.So, und jetzt schreibe ich das als Pfingstler, der sich darüber freut, dass alle Gaben des Geistes im Hier und Jetzt für uns vorhanden und in Gebrauch sind. Die Gabe der Prophetie ist mir nichts Fremdes, und ich freue mich sehr darüber, von Gott immer wieder damit gebraucht zu werden. Und dennoch (oder gerade deshalb?) bestehe ich darauf, dass sich die Gabe der Prophetie nur dort gut und gesund entwickelt, wo wir Menschen des Wortes Gottes sind. Wenn wir wollen, dass Gott zu uns redet, dann wenden wir uns der Bibel zu. Dort redet Gott so zu uns, dass Sein Wort keine Überprüfung und keine Korrektur braucht. Paulus macht klar, dass dort, wo Menschen in der Gemeinde prophetisch reden, immer andere da sein müssen, die das Gesagte beurteilen. Die Bibel braucht das nicht, sie ist Gottes reines und unveränderliches Wort.
5. Ich habe es nötig, jeden Morgen für den Tag ausgerüstet zu werden.Jeden Morgen bekomme ich von Gott ganz bestimmte Dinge gezeigt, die mich durch den Tag begleiten und meine Augen für bestimmte Menschen und Situationen öffnen. Häufig werde ich so sensibel für Versuchungen, die mich an diesem Tag versuchen wollen. Dann kommt mir in den Sinn: Mensch, das haste ja heute früh gelesen! Finger weg davon! All das habe ich Tag für Tag von Neuem nötig, und deshalb lese ich auch sehr gerne und mit großer Freude, geradezu „gierig“ darin.
Und warum liest Du die Bibel (oder nicht)?

Die Bibel lesen – ja, aber wie?

Wenn wir Gott beim Wort nehmen wollen, so ist es wichtig, dass wir dieses Sein Wort auch gut kennen. Deshalb möchte ich das Thema Bibellesen ansprechen und dabei einige gute Tipps dazu geben. Häufig hört man die Frage nach der richtigen Übersetzung. Es ist bei der Bibel wie bei jedem anderen Text so, dass man dasselbe auf verschiedene Arten übersetzen kann. Und bei jeder Übersetzung gibt es gewisse Schwierigkeiten: Wie genau soll sie sich an den Wortlaut halten? Wie frei darf sie sein? Mein Dozent für Bibelgriechisch sagte dazu immer: So genau wie möglich, so frei wie nötig. Das ist ein guter Grundsatz, aber auch er enthält wieder einen subjektiven Spielraum. Ich denke der wichtigste Grundsatz sollte der sein: Eine gelesene Bibel ist immer besser als eine, die verstaubt.

Häufig ist es noch besser, wenn man mehrere Übersetzungen verwendet. Seit meiner Zeit als Teenie habe ich mir angewöhnt, die Bibel jedes Jahr von vorne nach hinten zu lesen. Dabei habe ich etwa alle zwei Jahre die Übersetzung gewechselt. Zuerst eine Hoffnung für Alle, dann eine Luther1984, dann die Neue Elberfelder, dann kamen auch noch die hebräischen und griechischen Ausgaben der Bibel dazu, und seit mehreren Jahren bin ich jetzt bei der Schlachter2000 gelandet. Es macht Sinn, zuerst mit einer einfachen und damit nicht so ganz genauen Übersetzung anzufangen. So kann man das Niveau steigern und sich langsam an die wörtlicheren herantasten. Ebenfalls kann ich für den Einstieg die Gute Nachricht oder die Neue evangelistische Übersetzung empfehlen.

Wichtig ist, dass wir einen Termin haben, um die Bibel zu lesen. Eine feste Uhrzeit, bei mir ist das am besten am frühen Morgen gleich nach dem Aufwachen. Dann habe ich eine ganz wichtige Audienz beim König der Könige. Natürlich kann ich auch den ganzen Tag noch mit was anderem kommen, aber dieser eine Termin, der ist fix. Da darf mir nichts anderes dazwischen kommen, weil es nichts Wichtigeres gibt. Meine Erfahrung ist, dass es ohne einen solchen Termin einfach ständig hinausgeschoben wird und am Ende im Nirvana versandet. Aber wenn ich fähig sein soll, einen ganzen Tag in dieser Welt zu überstehen, dann brauche ich meine Supernahrung, meinen Zaubertrank. Es fängt also mit der Planung an. Ohne Planung geht es nicht.

Und dann kommt noch die Frage, wie man liest. Ich persönlich lese gern nach Plan. Dann muss ich mich nicht erst mit der Frage herumplagen „was ist denn heute dran“, sondern ich weiß einfach, dass genau das dran ist, was laut Plan eben heute dran ist. Bis Ende 2013 habe ich so jedes Jahr mit einem Jahresplan gelesen. Wenn man jeden Tag 3 – 4 Kapitel liest, so ist man in einem Jahr durch. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung. So lässt sich auch leichter zusehen, dass man eben alles liest und nicht nur ständig wieder dieselben Rosinen herauspickt. Hier gibt es eine ganze Auswahl von verschiedenen Bibelleseplänen. Seit dem letzten Sommer habe ich etwas Neues versucht: Jedes Buch der Bibel 20x am Stück lesen. Hier habe ich mehr dazu geschrieben.

Wir tun gut daran, das Lesen mit Gebet zu beginnen. Da bitten wir Gott darum, unser Herz für das vorzubereiten, was wir lesen werden. Wir tun es auch deshalb, weil wir wissen, dass Derselbe, welcher der eigentliche Hauptautor der Bibel ist, uns die Augen für den Inhalt öffnen kann. Genial ist: Der Inhalt der Bibel ist so tief, dass wir auch nach dem zweihundertsten Mal Lesen noch immer Neues entdecken können. Das ermutigt mich immer wieder, weiterzumachen und noch tiefer zu graben.

Mit dem Lesen ist es aber nicht vorbei. Gottes Wort will nicht nur gelesen werden, Gott will unsere Antwort auf das Gelesene. Er spricht zu uns ganz persönlich – mit jedem einzelnen Vers, den wir in Seinem Wort lesen. Wir dürfen über das Gelesene nachdenken und es für uns ganz persönlich nehmen. Ideal ist, wenn wir Gottes Wort Fragen stellen:

-Wer hat das gesagt?

-Zu wem hat er es gesagt?

-Was ist sein Ziel mit den Worten?

-Warum sagt er es genau so und nicht etwa ganz anders?

-Wie passt die Stelle, die ich grad lese, in das Kapitel und das Kapitel ins ganze Buch?

Nach diesen grundlegenden Fragen kommen im zweiten Schritt persönliche Fragen:

-Welche Situation kenne ich, die mit der gelesenen Stelle vergleichbar wäre?

-Wie hätte ich an der Stelle der Person gehandelt?

-Was wäre der richtige – von Gott gewollte – Umgang mit der Situation gewesen?

-Was kann ich machen, um mich bei der nächsten vergleichbaren Situation an das Gelesene zu erinnern?

Wenn wir den ersten Schritt überspringen und sofort nur nach der persönlichen Bedeutung fragen, dann haben wir ein Problem, nämlich dasjenige, dass wir ganz an Gott vorbei gehen. Zuerst müssen wir wissen, was damals passiert ist und in welcher Zeit es geschah, und erst dann können wir danach fragen, was Gottes Wort für unser Leben zu sagen hat.

Und auch damit ist der Prozess von Gottes Wort noch nicht abgeschlossen. Wir haben jetzt zwar verstanden, worum es geht, aber jetzt wird es richtig praktisch. Jetzt geht es nämlich darum, ein neues Verhalten zu lernen. Wir haben gesehen, in welcher Situation wir wie handeln sollten. Wir haben aber auch gesehen, dass wir häufig an dem vorbeileben, wie es eigentlich sein sollte. Jetzt kommt aber noch was ins Spiel. Jetzt bin ich nämlich mit meiner Sündhaftigkeit konfrontiert. Ich tue Dinge, die Gott nicht gefallen. Ich sündige. Ich brauche Vergebung. Ich bekenne Gott meine Sünden, und deshalb darf ich wissen, dass sie mir vergeben sind. Wo Gottes Wort zu uns spricht, da spricht es uns immer zuerst schuldig. Nicht nur einmal im Jahr. Nicht nur, wenn ein Evangelist predigt. Sondern immer, wenn wir es lesen. Es spricht uns schuldig. Es verlangt, dass wir Buße tun. Dass wir unsere Sünden bekennen:

Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, daß Gott Licht ist und in ihm gar keine Finsternis ist. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und doch in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit; wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde. Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1, 5 – 9)

Wenn wir das tun, so dürfen wir wissen: Er hat nicht mit uns gehandelt nach unseren Sünden und uns nicht vergolten nach unseren Missetaten. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten; so fern der Osten ist vom Westen, hat er unsere Übertretungen von uns entfernt. (Psalm 103, 10 – 12)

So können wir Gottes Wort lesen, uns selbst dabei besser kennenlernen und uns jeden Tag neu das wunderbare Evangelium von Jesus Christus predigen. Und Stück für Stück werden wir sehen, dass wir durch Gottes Gnade verändert werden. Wir werden feststellen, dass es nicht nötig ist, Gottes Wort als Moralin zu nehmen. Gottes Wort ist nicht dazu da, um das Gute, was in uns ist, zu verbessern und zu veredeln. Vom Guten ist nämlich nichts da. Es gibt nichts, was veredelt werden kann. Es kann nur die Sünde ausgerissen, ausgerottet, verbannt, weggeworfen werden. Deshalb dürfen wir jeden Tag Gottes Wort nehmen, lesen, betend darüber nachdenken, uns selbst das Evangelium predigen und uns durch Gottes gnädiges Handeln an uns verändern lassen.

Philosophiegeschichte in Romanform

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das mich in ganz besonderer Weise geprägt hat. Ich bin damit vor 20 Jahren erstmals in Berührung gekommen. Damals war ich 9 Jahre alt und gerade bei meinen Großeltern zu Besuch. Damit mich damals ein Buch faszinieren konnte, musste es mindestens 300 Seiten haben – je dicker desto besser. Und so habe ich mich bei meinem Opa in sein kleines Lese- und Schreibstüble zurückgezogen und durchsuchte das Bücherregal nach interessanten Büchern. Dabei stieß ich auf eins, das mir dick genug erschien. Es trug den Titel: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. In meinen jungen Jahren habe ich noch nicht alles verstanden, was ich darin gefunden habe. Aber mein Interesse war geweckt. Inzwischen habe ich das Buch dreimal gelesen und hoffentlich etwas mehr davon kapiert. Was mich jedoch von den ersten Seiten des ersten frühen Lesedurchgangs geprägt hat, sind drei Dinge:
1. Geschichte ist wichtig. Man kann unsere Zeit und unser Leben nur verstehen, wenn man die Geschichte des menschlichen Lebens verfolgt.
2. Tiefes und scharfes Nachdenken darf nicht vernachlässigt werden. Ich bin von meiner Persönlichkeit her ein eher emotionaler Mensch, und ich denke, dass mir diese Liebe zum tiefen Nachdenken hilft, die Balance zu halten.
3. Es ist wichtig, dass man in allem erst einmal die verschiedenen Sichtweisen anschaut, bevor man sich einer Meinung anschließt.
Ok, soweit erst mal meine persönliche Reise zu und mit dem Buch Sofies Welt. Der Autor des Buches, Jostein Gaarder, hat Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft studiert und ist freier Schriftsteller und Autor zahlreicher Bücher in Norwegen. Er löste vor ein paar Jahren eine Kontroverse aus, weil er sich gegen Israel als Staat gewandt hatte. Da kann ich mit ihm nicht mitgehen. Auch das Buch Sofies Welt enthält manche Punkte, in denen ich mit Gaarder nach einigem Überlegen nicht einig bin. Aber auch hier gilt: Prüfet alles und das Gute behaltet. Und davon enthält der Roman eine ganze Menge.
Sofies Welt hat eine doppelte Rahmenerzählung, die ihrerseits auch wieder philosophisch ist. Das macht das Buch etwas kompliziert zu lesen. Bei meinem ersten Durchgang vor 20 Jahren bin ich manchmal an diesem doppelten Rahmen beinahe verzweifelt. Im äußeren Rahmen geht es um Hilde und ihren Vater Albert Knag. Doch diese werden erst später im Roman eingeführt. Zu Beginn findet sich der Leser gleich in der inneren Rahmenhandlung, wo Sofie Amundsen, nach welcher das Buch benannt ist, Briefe von einem Alberto Knox bekommt. Dieser gibt ihr einen Philosophiekurs, in dessen Verlauf deutlich wird, dass sie „nur“ Figuren in der Fantasie eines Majors (Hildes Vater) sind. Sie bemerken das auch und versuchen, sich zu verselbständigen. Gegen Ende des Buches verschwimmen die Grenzen der zwei Rahmenhandlungen – bis es Sofie und Alberto gelingt, zu fliehen.
Der eigentlich wichtige Inhalt sind jedoch die einzelnen Teile des Philosophiekurses, den Alberto Sofie gibt. Die Rahmenhandlungen haben vor allem zwei Aufgaben: Die Spannung aufrechterhalten – das Buch hat über 600 Seiten – und in sie sind auch immer wieder Beispiele eingeflochten, die dem Leser helfen, die eigentlichen Lektionen des Buches zu verinnerlichen. Sofie ist eine sehr neugierige Schülerin, sie stellt immer wieder Fragen und will Beispiele wissen, welche die gesamte Philosophiegeschichte sehr gut verständlich machen.
Gaarder beginnt mit der antiken Mythologie und arbeitet deren Weltbild heraus. Dann geht es weiter über die Vorsokratiker und die großen Philosophen der griechischen Antike. Jeder Philosoph wird vorgestellt, seine wichtigsten Gedanken zusammengefasst und mit vielen lebensnahen und leicht verständlichen Beispielen geschmückt. Die Reise führt weiter über das Mittelalter, unter anderen etwa Descartes und seine Zeit, die Aufklärung, wobei ich sagen muss, dass ich Kant und Hegel ganz besonders gut dargestellt finde. Das sind zwei Denker, die es ihren Lesern nicht gerade einfach machen. Mit Ch. Darwin und S. Freud hört die Darstellung der einzelnen Philosophen auf. Der Philosophiekurs endet mit einem kurzen Überblick über das 20. Jahrhundert aus der Vogelperspektive, bevor ganz am Ende die beiden Rahmenhandlungen zusammenfallen und den Leser etwas überrascht und unzufrieden zurücklassen.
Gaarder lädt ein zum Nachdenken, zum Hören auf frühere Stimmen, zum Lernen aus der Vergangenheit. Auch wenn man seiner Beurteilung der Philosophen nicht unbedingt in allen Fällen zustimmen muss, hat er ein sehr wertvolles Werk geschaffen, das ich gerne weiterempfehle.
Auch unsere Zeit ist nicht das Nonplusultra. Jede Zeit hat ihre Stärken, Schwächen und blinden Flecken. Wie C. S. Lewis einmal sinngemäß sagte: Wir können leider nicht auf die zukünftigen Stimmen hören, wie sie unsere Zeit eines Tages beurteilen werden. Deshalb brauchen wir die früheren Stimmen, die uns viel zu sagen haben.