Buchtipp: Verborgen

Verborgen von Anna Simons

Simons, Anna, Verborgen, Penguin Verlag München, 1. Aufl. Okt. 2018, 432S., Verlagslink, Amazon-Link

Was geschieht, wenn die neue Gefängnisärztin noch vor ihrem Dienstantritt am neuen Wohnort in einen Kriminalfall verwickelt wird, der einen ihrer zukünftigen Patienten betrifft? Richtig – sie hilft der Polizei, diesen zu lösen. Dr. Eva Korell war noch dabei, sich in München einzuleben, als sie Erste Hilfe leisten muss. Die Frau, der sie hilft, ist mit einem der Insassen des Gefängnisses verheiratet, in welchem sie als Ärztin arbeiten wird. Sie bittet Eva um Hilfe, die sie zunächst ablehnt. Doch gegen ihren Willen wird sie immer tiefer in dessen Geschichte verwickelt, was am Ende sogar zu ihrer Entführung führt. Mit Ehre, Leib und Leben versucht sie, die Opfer zu beschützen, doch die Falle schnappt zu, und wer weiß, was ohne das rechtzeitige Eintreffen der Polizei noch alles geschehen wäre…

Unter den gut 80 Büchern, die ich dieses Jahr bereits gelesen habe, ist dies ein ganz spezieller Leckerbissen für mich. Ich hätte nie gedacht, als ich die Beschreibung des Buches las, dass mich dieses so überzeugen würde, aber bislang ist das der beste Roman meiner diesjährigen Lesezeit. Ich habe noch selten einen Krimi gelesen, wo einfach alles gepasst hat: Der Spannungsbogen bleibt konstant erhalten, der Leser taucht in den ersten Seiten mitten ins Geschehen ein, und die Charaktere sind mit einer wirklich umwerfenden Echtheit – mit allen Ecken und Kanten menschlichen Lebens – entworfen und gestaltet. Gerade dieser letzte Punkt macht für mich viel aus. In den meisten Büchern klingen alle Figuren gleich, haben außer ihrer Biographie kaum ein echtes Eigenleben. Das ist mir bei früheren Autoren wie Charles Dickens oder William Shakespeare besonders bewusst geworden, weil diese Autoren sich immer viel Mühe gegeben haben, ihre Figuren sehr individuell und verschieden klingen zu lassen. Das ist mir auch im Roman von Anna Simons aufgefallen.

Der Spannungsbogen wird mit Gesprächen aus unterschiedlichen Sichtweisen aufrecht erhalten. Zwischendurch telefoniert der Bösewicht, aber der Leser hat keine Ahnung, um wen es sich handelt. Auch die Beschreibung der Gewalt hält sich wohltuend in Grenzen. Wer mich kennt, weiß, dass mir das wenig ausmacht, wenn es graphische Beschreibungen davon gibt, aber zu viele Autoren schwelgen dann geradezu darin. Das finde ich dann eher abstoßend. Zu einem Krimi gehört ein gewisses Maß an Kriminalität und Gewalt, aber mehr als dieses Maß ist überflüssig. Meines Erachtens hat die Autorin in diesem Buch genau das richtige Maß davon getroffen. Amüsant fand ich, dass sich im Buch bereits so etwas wie eine vorsichtige, zurückhaltende Beziehung anbahnt. Auch das lässt wohl so manchen Leser auf die Fortsetzung warten. Schließlich will man wissen, wie das weiter geht.

Wenn man das Buch, die Story insgesamt, befragt, was die Autorin der Welt mitteilen möchte, so sind das insbesondere zwei Dinge: Gerechtigkeit siegt. Wer Unrecht begeht, wird irgendwann davon eingeholt, macht Fehler, wird ungeduldig und süchtig nach mehr davon und manövriert sich irgendwann unvorsichtig in eine Situation, in welcher sein Unrecht bekannt wird. Und zweitens: Biographie prägt. Der Übeltäter – so verantwortlich er für sein Handeln ist – war in seiner Kindheit und Jugend selbst das Opfer anderer Menschen. Anna Simons versucht damit nicht, sein Unrecht herunterzuspielen oder zu relativieren, zu entschuldigen oder den Fehler anderen in die Schuhe zu schieben. Aber ihr Appell ist klar: Was wir tun, hat Folgen. Was wir anderen Menschen antun, wird sie ein Stück weit prägen. Lasst uns deshalb auf unsere Handlungen besser achtgeben!

Fazit:

Die Autorin, die ich auch unter anderen Namen bislang noch nicht kannte, ist eine echte Entdeckung für mich. Ich kann das Buch jedem Krimifan empfehlen und bin gespannt, wie die Serie in einem Jahr weitergeht. 5 von 5 Sternen.

Buchtipp: Die Entscheidung

Link, Charlotte, Die Entscheidung, Blanvalet, München, 3. Aufl., 2017, 575 S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Blanvalet-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Entscheidungen prägen unser Leben, und gerade in einer Zeit, in der man sich gar nicht gerne auf etwas festlegt, ist es wichtig, dass das betont wird. Wenn ein Roman, in dem es genau darum geht, zu einem Bestseller wird, so ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass sich immer mehr Menschen bewusst werden, wie wertvoll richtige und klare Entscheidungen sind.

Charlotte Link präsentiert in ihrem Buch „Die Entscheidung“ zwei parallele Erzählstränge, die sich mit der Zeit kreuzen. Einer spielt in Frankreich und einer in Bulgarien. Eine arme Familie in Sofia sieht als einzige Lösung, um aus ihren Schulden zu kommen, ihre Tochter mit eine Model-Agentur nach Rom zu schicken, damit das bildhübsche Mädchen dort eine Karriere aufbauen kann. In Frankreich begegnet der entscheidungsunfreudige Deutsche Simon einer jungen Frau, die auf einem fremden Grundstück gefasst wurde, aber nicht zur Polizei wollte. Sie brauchte Hilfe. Warum wollte sie nicht zur Polizei? „Ich glaube, ich habe einen Mann umgebracht!“ Sie war auf der Flucht. Simon musste sich entscheiden. Die Frau ist Nathalie, die Simon immer tiefer in eine mysteriöse Geschichte hineintreibt, die sie selbst nicht wirklich durchschaut. Jérôme, der Freund von Nathalie, hatte Selina, der Tochter einer anderen bulgarischen Familie zur Flucht verholfen, die durch den organisierten Menschenhandel nach Paris verschleppt worden war. Plötzlich sind alle auf der Flucht.

Die Autorin hat ein spannendes Werk vorgelegt, das wichtige Themen unserer Zeit behandelt. Prostitution, Menschenhandel, Armut, Schulden, Korruption, Entscheidungsfindung. Immer wieder die Frage, ob die Entscheidung richtig war. Simon bereut es bald, überhaupt jemals Nathalie geholfen zu haben. Sie bringt ihn in gefährliche Situationen. Doch mit der Zeit merkt er, dass es wichtig ist, dass er ihr helfen kann. Hinter der ganzen Geschichte steckt so viel Gewalt und Verbrechen, dass da irgendwer endlich mal aufräumen muss. Sehr schön ist es, immer wieder von Link in eine neue Falle geraten zu sein, weil jede neue Info das ganze Bild der Geschichte wieder umdreht. Man merkt, wie schnell man sich in falsche Vorstellungen verrennt und sich beeinflussen lässt. Auch wird die Spannung durch dieses Vorgehen erhöht, da man nie weiß, welche neue Wendung hinter der nächsten Buchseite wartet.

Wertvoll finde ich an „Die Entscheidung“, dass sich die Autorin an die Themen Prostitution und Menschenhandel wagt. Es ist etwas, was in unserer Zeit häufig verschwiegen wird. Prostitution ist in jedem Fall nichts anderes als eine durch Bezahlung „legalisierte“ Vergewaltigung, und Link zeigt deutlich, dass es in diesem Bereich häufig zwei zugedrückte Augen und Korruption von höchster Stelle gibt.

Was ich allerdings vermisst habe, war eine brauchbare Antwort auf die eigentlich größte Frage des Buches: Woran kann ich erkennen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist? Dieser Frage geht die Autorin aus dem Weg, indem sie sie immer wieder anschneidet, die Antwort dabei jedoch offenlässt. Irgendwann ist das Buch zu Ende, und der Leser bleibt fragend zurück. Oder er wird einfach wieder auf sich selbst zurückgeworfen und sagt sich: Dann muss ich halt doch mich selbst zum Maßstab für meine Entscheidungsfindung machen. Das wäre zwar enorm unweise, doch werden vermutlich die wenigsten Leser auf eine bessere Lösung kommen. Ebenfalls gestört hat mich der Wechsel der Schriftart, sobald Nathalie in der ersten Person von ihrem Erleben erzählt. Dieser Wechsel hat mich immer wieder vom Inhalt abgelenkt – wohlgemerkt: Nicht der Wechsel der Person, was ein schönes Stilmittel ist und häufiger genutzt werden dürfte, sondern der Wechsel der Schriftart im Layout des Buches. Insofern ist dies eine Kritik nicht an der Autorin, sondern am Verlag, der sich üblicherweise um das Layout kümmert. Insgesamt habe ich mich aber auch häufig gefragt, ob die Geschichte realistisch ist. Sie ist nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich, fast ein wenig in James-Bond-Manier, dem auch nie etwas Ernsthaftes zustößt, egal wie schlimm er dran ist.

Fazit: Ein gutes Buch für Krimi-Freunde, die auch gerne über die großen Themen unserer Zeit nachdenken und sich gerne überraschen lassen, das jedoch auch ein paar kleinere Mängel beinhaltet und sich vor allem vor der großen Frage des Buches drückt. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen. 

Glaube Liebe Tod

Gallert, Peter, Reiter, Jörg, Glaube Liebe Tod, Ullstein Verlag 2017, Kindle-Version, 384S., Amazon-Link
Der Polizeiseelsorger Martin Bauer versucht, einen Polizisten zu retten, der gerade dabei ist, sich von einer Brücke zu stürzen. Der Versuch gelingt – für vier Stunden. Dann wird der Polizist tot aufgefunden. Er hatte sich von einem Parkhaus gestürzt. Doch irgend etwas stimmt da nicht. Bauer schöpft Verdacht, denn Keunert, der Polizist, wollte sich ja gerade deshalb ins Wasser stürzen, damit er nicht so eine Sauerei hinterlässt. Nun gibt es sie doch. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus und Bauer macht sich selbst auf die Suche. Er findet heraus, dass Keunert bereits eine interne Ermittlung wegen Bestechlichkeit gegen sich laufen hatte und die Spur führt ins Rotlichtmilieu. Dort überschlagen sich die Ereignisse, es kommt Drogenhandel ins Spiel und am Ende gelingt es der Polizei dank Bauers Mithilfe und Hartnäckigkeit, den Fall aufzuklären.
Der Einstieg in das Buch ist sehr gut gelungen. Die Leseprobe hat mich gleich gefesselt und ein sehr spannendes Buch versprochen. Besonders hat mich auch interessiert, wie die Autoren theologisch mit der Hauptfigur des Polizeiseelsorgers Martin Bauer umgehen. Das Buch ist leicht lesbar, ich habe es gerne gelesen, aber meiner Meinung nach wurde das Versprechen der ersten Seiten nicht eingehalten. Je länger man las, desto leichter ließ sich vorhersagen, welche Wendung als nächstes eintreffen musste. Vielleicht liegt dies auch daran, dass die Autoren als Drehbuchautoren schon zuviel Routine besitzen und deshalb besser für Filme schreiben sollten, wo sich das Vorhersehbare durch visuelle Effekte leichter überraschend darstellen lässt.
Gut gefallen hat mir, dass die Autoren das Leben im Rotlichtmilieu sehr anschaulich und realistisch beschrieben haben: Die Gewalt und Herabwürdigung, die den Frauen dort täglich begegnet; die Tatsache, dass das kaum jemand freiwillig macht. Auch die fortwährenden Schwierigkeiten der jungen Hauptkommissarin Verena Dohr, an deren Stuhl beständig gesägt wurde, da andere auf ihren Posten neidisch waren, wird sehr schön und natürlich nachgezeichnet. Sie ist die weibliche Nebenheldin, da sie sich am Ende trotz aller Gefahren des Falles annimmt und Bauer auf der Suche nach dem Jungen Tilo, der als Keunerts Sohn aufwuchs, unterstützt. Dass Tilo natürlich ein uneheliches Kind sein muss, wird dem Leser ähnlich aufgebauter Krimis schon längst klar sein, wenn dann endlich diese Bombe platzt.
Als Theologe habe ich zu guter Letzt auch noch ein paar Gedanken zur Theologie des ehemaligen Pfarrers und inzwischen Polizeiseelsorgers Martin Bauer. Wie geht er mit der Bibel um? Zwei Zitate: „Es genügte, die Bibel in der Hand zu halten. Dabei war es egal, um welche Ausgabe in welcher Fassung oder Sprache es sich handelte. Das Buch zu halten gab ihm Kraft. Nur mit der digitalen Bibel auf seinem iPad funktionierte das nicht.“ (Pos. 787) „Bei seinem Bibelroulette war Bauer im Alten Testament gelandet, in den Büchern der Kleinen Propheten. Beim Gerichtstag des Herrn.“ (Pos. 4492) Beide Zitate zeugen von einem magischen Bibelverständnis. Ob er nun Bibelroulette spielt oder aus dem mechanischen Halten der geschlossenen Bibel „Kraft“ beziehen will, immer steckt der Gedanke dahinter: „Die Bibel muss magisch an mir wirken, auch wenn ich mich nicht systematisch mit ihr beschäftige.“
Gottes Plan für unser Leben? Fehlanzeige! „Wieder unterbrach Nicole seine Gedanken. ‘Glauben Sie, Gott hat so etwas wie einen Plan für uns?’ Bauer schüttelte langsam den Kopf. ‘Ich glaube, er gibt uns eine Idee. Wenn wir Glück haben, erkennen wir sie. Den Plan machen wir selbst.’“ (Pos. 4780) Oder auch interessant, ziemlich am Anfang: „Er hatte auf Gott vertraut. Das hatte einem Menschen das Leben gekostet.“ (Pos. 1291)
Und dann muss natürlich auch noch eine Buddhistin erscheinen, um Bauer wieder auf die richtige Spur zu bringen: „’Buddhistische Prinzipien … Ist die Wahrheit so ein Prinzip? Spielt sie eine wichtige Rolle im Buddhismus? Was ist mit ihrer heilenden Kraft?’ Sie wurde ernst. ‘Im Umgang mit Menschen geht es meiner Ansicht nach weniger um Wahrheit als um Weisheit. […] Buddhismus ist keine Religion. Buddhisten können an Gott glauben.’“ (Pos. 6321) „Zuerst hatte er dem Geräusch ihres gleichmäßigen Atems gelauscht. Dann hatte er gebetet. Irgendwann verwandelte sich die Kraft, die er in sein Gebet legte, in reine Konzentration, der Fokus weitete sich, bis er alles umfasste. Er wusste nicht, was dieses Alles war, aber das machte nichts. Seine Zweifel und Fragen waren darin verschwunden.“ (Pos. 6367) Nun ist der ehemalige Pfarrer gänzlich in die Esoterik abgesunken. Wahrheit ist plötzlich nicht mehr so wichtig, Antworten sind es nicht, nur das Gefühl, mit dem „Allen“ verbunden zu sein. Das erinnert enorm an fernöstliche Meditation, die leider auch in der Kirche immer weitere Kreise zieht.
Fazit: Ein spannender Anfang, viele gute Gedanken und Beschreibungen, die es wert sind, weiter darüber nachzudenken. Die Handlung ist leider häufig zu leicht vorhersehbar, und theologisch bleibt am Ende auch nur noch die Religionsvermischung übrig. Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.

 

Schuld und Sühne

Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 573 Seiten, kostenloses Kindle-Buch. https://www.amazon.de/Schuld-S%C3%BChne-Fjodr-Michailowitsch-Dostojewski-ebook/dp/B004UBCWK6/
Vor 150 Jahren (1866) veröffentlichte Fjodor M. Dostojewski sein Buch „Schuld und Sühne“, das von Thomas Mann als „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Es ist wirklich ein faszinierendes Werk der russischen Weltliteratur, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Dostojewski lotet die Grenzen der Moral aus, und zwar in gekonnter Weise, psychologisch und schriftstellerisch exzellent.
Ich bin lange vor den großen russischen Schriftstellern zurückgeschreckt und habe diese immer noch etwas weiter hinausgeschoben. Der Stil ist etwas eigen und Gewöhnung ist vonnöten. Als Marcus Hübner auf seinem Blog die Serie „Dostojewski lesen“ begonnen hat, fand ich das spontan eine gute Idee. Er bespricht wochenweise Kapitel der „Brüder Karamasow“. Hier muss ich zugeben, die ersten 100 Seiten fand ich schwierig, weil mir der Schreibstil Dostojewskis fremd war. Doch dranbleiben lohnt sich – das Buch hat mich gepackt und ich hatte es in zwei Monaten komplett durch. Vielleicht werde ich dazu auch noch mehr schreiben.
In „Schuld und Sühne“ geht es um einen Studenten, Rodion Raskolnikow, der sehr klug ist, aber leider auch sehr arm, und deshalb sein Studium nicht zu Ende finanzieren konnte. Nun lebt er in St. Petersburg, häuft sich einen Schuldenberg an, den er nicht bezahlen kann, und hofft auf finanzielle Unterstützung von zu Hause.
Ziemlich am Anfang des Buches lernt er einen ehemaligen Beamten kennen, der durch seine Trunksucht ebenfalls verarmt war, so sehr verarmt, dass seine Tochter Sonja auf den Strich gehen muss, sich zu prostituieren, um so die Familie über Wasser halten zu können. Kurz darauf erhält er einen Brief von seiner Mutter, in dem sie ihm berichtet, dass seine Schwester Dunja einen deutlich älteren aber vermögenden Mann heiraten wolle. Rodion vermutet, dass sie diesen hauptsächlich deshalb heiraten wolle, um ihn, Rodion, finanziell besser unterstützen zu können. Er empfindet diesen Schritt als demjenigen Sonjas sehr ähnlich.
Die Haupthandlung des Buches betrifft jedoch etwas anderes. Rodion hat eine fixe Idee, welche er in einem Zeitschriftenartikel dargelegt hatte: Wenn jemand, der ein seltenes Genie ist, in seinem Tun und seiner Zukunft bedrängt würde, so habe dieser ein Recht, so zu handeln, dass er das umsetzen kann, wozu er gemacht sei. So hätte etwa ein Napoleon das Recht gehabt, Menschen aus dem Weg zu schaffen, die versucht haben wollten, seine Zukunft zu verhindern. Da Rodion sich selbst für ein solches Genie hält, will er wissen, zu welcher Sorte Mensch er gehört. Er sieht da zwei Sorten: Die Menschen, also diese seltenen Genies, und den Rest der Menschheit nennt er „Läuse“. Um herauszufinden, was er ist, will er einen Mord begehen. Diesen verübt er an einer alten Frau, namentlich seiner Pfandleiherin, bei welcher er schon zweimal Pfand für Gegenstände bekommen hatte. Da die Schwester der Pfandleiherin im falschen Moment zu ihr kommt, nämlich kurz nach dem Mord, aber noch bevor Rodion das Haus verlassen konnte, muss auch sie dran glauben.
Dieser Mord lässt ihn nicht mehr los, das Gewissen meldet sich, eine Krankheit bricht aus, Rodion ist mehrere Tage bewusstlos, in den Zeiten, in welchen er wach ist, ist er immer unruhig. In der Zwischenzeit waren seine Mutter und Schwester zu Besuch gekommen. Es stellt sich heraus, dass der Zukünftige seiner Schwester ein ungehobelter Rüpel ist, der die Armut der Familie ausnutzen wollte, um eine demütige, ihn bewundernde Frau zu bekommen. Die Sache eskaliert schnell und die Verlobung wird aufgelöst.
Rodion ist sich nun beständig unsicher: Wieviel weiß die Polizei? Könnte sein Artikel in der Zeitschrift ihn verraten? Wie kann er den Verdacht von sich ablenken? Über diesem ständigen Grübeln wird er immer sehr schnell aufgebracht und lenkt auch öfter mal den Verdacht auf sich. Nach einigem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass er tatsächlich verdächtigt wird. Auf viel Zureden von verschiedenen Seiten meldet er sich am Schluss freiwillig und gesteht die Tat. Einsichtig wird er nicht, dass er dadurch schuldig geworden ist.
Das Happy End zeichnet sich im Arbeitslager in Sibirien ab. Die treue Sonja, die ihn dorthin begleitet, wird ihm zur besten Freundin und mit der Zeit auch zur Geliebten. Eine große Frage bleibt offen: Wird er am Ende doch noch gläubig?
Ich meine, dass dies eine Schwäche des Buches ist. Dostojewski liebt es, sich in den finsteren Abgründen der menschlichen Seele aufzuhalten. Der Glaube ist etwas Wichtiges bei ihm, aber am Ende der Geschichte(n) bleibt häufig ein schaler Geschmack zurück – es fehlt etwas. Die Auflösung der größten und wichtigsten Frage im Leben eines jeden Menschen.
Davon abgesehen ist es ein großartiger Roman – Thomas Mann ist wohl zuzustimmen: Es ist zumindest einer der größten und besten Kriminalromane.