Buchtipp: Der Outsider

Der Outsider von Stephen King

King, Stephen, Der Outsider, Heyne Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 748S., Verlagslink, Amazon-Link

Nachdem ich von „Sleeping Beauties“ nicht wirklich überzeugt wurde, ist „Der Outsider“ endlich wieder ein King-Roman, der tatsächlich an den „Meister des Horrors“ erinnert, von dem ich in meiner Teenager-Zeit einige Bände gelesen hatte. „Der Outsider“ ist ein Buch, das zwischen den Genres Kriminalroman und Horror wechselt. Vordergründig geht es um ein schreckliches Verbrechen, das in der Kleinstadt Flint City geschah. Verdächtigt wurde der allseits beliebte Baseball-Trainer und Englischlehrer Terry Maitland. Doch er wurde an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen: Kurz vor und nach dem Verbrechen in Flint City, aber ebenfalls mit vielen Augenzeugen bei einer Lehrerkonferenz, weit entfernt von der Kleinstadt. Kann sich der Verdächtige zugleich an zwei Orten aufhalten? Beide Orte weisen sichtbare Spuren von Maitland auf. Die DNA an der Leiche stimmt mit seiner überein, aber an der Konferenz wird er gefilmt und hat unbewusst einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Auf der Suche nach der Wahrheit finden Ralph Anderson und sein Team noch weitere ähnlich mysteriöse Fälle, bei welchen der Täter zugleich auch an einem anderen Ort gewesen war. Die Spur führt letzten Endes zum „Outsider“, einem Monster, das von der Trauer und dem Schmerz seiner Opfer lebt. Als sie es stellen, bleibt am Ende nichts als ein Haufen weißer Maden übrig, gleich denen, die Ralph einstens beim Aufschneiden einer Melone fand.

Der Leser ist beim Einstieg gleich mitten im Geschehen: Eine schrecklich zugerichtete Leiche wurde gefunden. Mehrere Einwohner der Kleinstadt haben den Verdächtigen an besagtem Tage gesehen. Bei den Zeugenvernehmungen zieht sich alles in die Länge. Der Verdächtige wird im großen Stil während des wichtigsten Baseballspiels der Saison festgenommen. Gegen Ende des Buches – ungefähr im letzten Viertel – steigt die Spannung noch einmal richtig an. Dazwischen schwankt sie über weite Strecken, doch auch hier sorgt King dafür, dass sie immer so weit erhalten bleibt, wie es nötig ist. Wenn ich an frühere Bücher des Autors denke, etwa an „ES“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „In einer kleinen Stadt (Needful Things)“, so ist die Spannung im Outsider in den Spitzen weniger ausgeprägt, aber konstanter vorhanden. In manchen früheren Büchern war es so, dass bestimmte Szenen so richtig aufs Gänsehautfeeling abzielten. Dazwischen gibt es dort jedoch richtige Spannungsflauten. Beim Outsider ist der Spannungsbogen besser ausgewogen, man könnte von einem reiferen Werk sprechen.

Interessant finde ich den Roman auch deshalb, weil sich King hier – wie auch sonst oft – mit dem Bösen auseinandersetzt. Das Böse lebt mitten unter uns, aber wir erkennen es nicht, weil es jede Maske annehmen kann. Allein das gibt einiges an Stoff zum weiteren Nachdenken. Gut fand ich dabei, dass das Böse nicht einfach nur ein Teil aller Menschen ist, sondern eine externe Größe, eine Art eigene Persönlichkeit. Dass King dann eine Figur aus Volkslegenden aufnehmen musste, fand ich überflüssig. Ebenso die schlussendliche Auflösung des Ganzen. Das Böse ist bei King so leicht besiegbar, dass es ausreicht, wenn sich Menschen darum kümmern. Das ist mir zu billig, da fängt die Verführung zur Selbsterlösungsreligion an. Auch die Erstellung und Charakterisierung von übersinnlichen Figuren, die das Böse darstellen sollen konnte er schon deutlich origineller und besser. Der „Outsider“ ist meines Erachtens aus Verlegenheit des Autors entstanden und passt in das Setting des Romans nicht wirklich hinein. Die übrigen Figuren sind jedoch sehr lebendig und natürlich entworfen und ausgeführt. Ganz wie man sich das bei King gewohnt ist.

Sehr schön fand ich aber den inneren Kampf in Ralph Anderson, der sich fragte, ob die Wahrheit es wert ist, dass man sie sucht, verfolgt und findet. Er könnte es auch auf sich beruhen lassen. Es sind genügend Beweise gegen Maitand vorhanden. Der Verdächtige ist tot. Ist er es wert, dass man sich alles noch einmal ganz genau anschaut und seine Unschuld vermutet? Doch am Ende siegen die Neugier und das Verantwortungsgefühl in Ralph und er ist bereit, die Wahrheit zu finden, koste es was es wolle. Selbst wenn es sein gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen sollte. Was ja dann auch geschieht. Hier können sich noch viele Menschen unserer Zeit von der Figur des Ralph Anderson eine Scheibe abschneiden.

Es ist ja schon lange bekannt, dass Stephen King viele Bezüge in seinen Büchern der Bibel entnimmt, besonders das Alte Testament fasziniert ihn. Solche Bezüge habe ich hier weniger gefunden, aber aufgefallen ist mir dennoch, dass gerade in den neueren Werken von King die Suche nach der Wahrheit eine wichtige Rolle spielt. Im „Outsider“ finden wir den Kampf zwischen einem reinen Naturalismus, der nur glauben will, was dem bisher Gewohnten entsprach, und einem Volksglauben an Monster und aus diesen beiden wird zum Schluss als Synthese eine Art kritischer Realismus, der zwar die sichtbare Realität als wahrnehmbar betrachtet, jedoch auch ernst nimmt, dass es auch Dinge geben kann, die uns Menschen anders erscheinen als die der äußeren Realität entsprechen. So ist der „Outsider“ ein Wesen, das nur fremde Formen annehmen kann, aber wenn er an und für sich – ohne diese äußere Gestalt – gesehen wird, so können die Personen im Roman nur noch einen Haufen Maden erkennen. Im Vergleich zu früheren Büchern, in welchen King oft einen Relativismus oder einen Irrationalismus vertrat, ist dieser Band ein echter Fortschritt.

Fazit:

Stephen King hat mit „Der Outsider“ ein spannendes Werk geschaffen, das an an frühere Bücher von ihm erinnert. Der Spannungsbogen ist gut gelungen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen dürfte allerdings eher irreführend denn fürs Leben hilfreich sein. King beschreibt allerdings sehr schön die ehrliche Suche nach der Wahrheit, und das gefällt mir gut. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Schlafende Schönheiten

King, Stephen, King, Owen, Sleeping Beauties, Heyne-Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Heyne-Verlag für das zugesandte Rezensionsexemplar!

Wer oder was ist Evie? Was passiert in einer Welt, in welcher nur noch Männer wach sind? Wie würde es den Frauen ergehen, wenn sie an einem neuen Ort eine neue Existenz unter sich aufbauen könnten? Lauter spannende Fragen, die Vater und Sohn King gemeinsam aufwerfen und in ihrem Roman nach Antworten suchen.

Vor 20 Jahren bin ich nach einer ganzen Reihe von Fantasy-Bänden von Wolfgang Hohlbein irgendwann beim ersten Buch von Stephen King gelandet. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ES, das Buch, welches inzwischen erneut verfilmt und vor Kurzem in die Kinos gekommen ist. Darauf folgten einige weitere von King, dessen Bücher mich über die Jahre hinweg immer wieder begleitet haben. So war ich gespannt auf das Neuste von ihm und begann gleich zu lesen, als das Paket kam.


Die Geschichte spielt in Dooling, einer von den Kings für diesen Roman erfundenen Stadt in den Appalachen, ein kleines Städtchen mit einem Frauengefängnis, das eine wichtige Rolle spielt. Im ersten Kapitel werden ein paar für beschauliche Städtchen typische Szenen geschildert. Eine Unterhaltung im Frauengefängnis, die Gedanken eines frisch ausgebildeten Psychiaters zu seinem ersten Patienten, das Gespräch dieses Psychiaters mit seiner Frau, die zufällig auch noch Sheriff des Städtchens ist.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes: Weltweit tritt eine Schlafkrankheit, Aurora genannt, auf. Sie befällt nur Frauen, und zwar ausnahmslos alle, die ab dem bestimmten Tag einschlafen oder bereits in diesen Tag hinein schlafen. Bei all diesen schlafenden Frauen wächst ein Kokon, ein spinnwebenartiges, immer dichter werdendes Netz aus den Körperöffnungen des Kopfes heraus, der mit der Zeit den ganzen Körper umschließt. Ein Wettrennen mit der Zeit beginnt. Viele Frauen versuchen mit allen Mitteln wach zu bleiben. Sie nehmen Drogen, Medikamente, Kaffee oder laufen ständig im Kreis, bis sie halbwegs vor Müdigkeit den Verstand verlieren.

All dies geschieht weltweit, doch eine Sensation gibt es bei den Frauen von Dooling: Sie sind die einzigen, welche stellvertretend für alle anderen Frauen wieder aufwachen – aber zu einer späteren Zeit, in welcher sie alleine Dooling und die Umgebung bewohnen. Sie bekommen die Chance, das Leben ohne Männer auszuprobieren. In dieser neuen Welt, die sie Unser Ort nennen, vergeht die Zeit viel schneller. In wenigen Tagen in der normalen Welt sind am neuen Ort bereits Monate vergangen. So können sie sich in kurzer Zeit ein Bild darüber machen, wie ein solches Leben aussehen würde. Natürlich gefällt es ihnen gut.

In der normalen Welt bricht unterdessen Panik aus. Fake-News werden verbreitet, dass Aurora ansteckend sei und ganze Brenner-Brigaden zündeln an den schlafenden Frauen herum. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass Evie Black als einzige Frau einschlafen und ganz normal wieder aufwachen kann. Da mittlerweile auch Lila Norcross, die Sheriff des Ortes, eingeschlafen ist, hat eine Gruppe von Männern den Vorsitz der Polizei übernommen und versucht, Evie aus dem Frauengefängnis zu bekommen. Clint Norcross, der Psychiater des Gefängnisses, versucht Evie zu beschützen, während die Polizisten inzwischen glauben, dass Evie getötet werden muss, um der Aurora ein Ende zu setzen. So kommt es in beiden Welten zu einem sehr unterschiedlichen Showdown: Wird Evie, deren Tod das Tor zwischen den beiden Welten verschließen würde, lange genug am Leben bleiben? In der Welt der Frauen Doolings stellt sich die Frage anders: Ist die Frauenheit bereit, sich geschlossen und demokratisch für eine Rückkehr in die normale Welt zu entscheiden?

Das Buch wirft spannende Fragen auf. Überhaupt ist das eine große Stärke von Stephen King, in seinen Romanen Fragen zu stellen und immer wieder neu zu beantworten. Doch in diesem Fall sind die Antworten mehr als dürftig. Insgesamt hat mich das Buch enttäuscht, da ich mir von King Besseres gewohnt bin. Seine Antworten auf die tiefen Fragen, die er aufwirft, werden mit einem billigen Steinzeit-Feminismus beantwortet: Am weiblichen Wesen wird die Welt genesen. Die Frauen von Dooling opfern sich buchstäblich, weil sie aus einer nahezu perfekten weiblichen Welt freiwillig wieder in die normale Welt zurückkehren, und damit retten sie diese Welt. Die Männer hingegen kennen im Roman der Kings nur Krieg, Streit, Habsucht, Machtgeilheit.

Da haben wir das alte Märchen der Feministinnen von Simone de Beauvoir bis hin zu einem inzwischen kleineren Strang der postmodern-feministischen Bewegung: Männer sind böse, oder besser gesagt: Sie sind das Böse schlechthin, und sie brauchen eine Evie, die sie dazu zwingt, mal untätig warten zu müssen und die richtige Entscheidung den Frauen zu überlassen. Wir Menschen sind als Frauen und Männer geschaffen, die einander gegenseitig ergänzen, aber erlösen können sie einander nicht. Das kann nur der stellvertretende Opfertod von Jesus Christus und Seine nach drei Tagen erfolgte Auferstehung aus den Toten. Der letztendliche Versuch der Kings, den Steinzeitfeminismus abzuschwächen, indem Evie am Schluss über die Entscheidung der Frauen, wieder zurückkehren zu wollen, weinen muss, misslingt vollständig. Es wirkt einfach nicht mehr glaubwürdig. Es handelt sich um ein derart absurdes Ende, dass damit die ganze vorige Geschichte zerstört wird. Schließlich gibt es auch keine zusätzliche Auflösung in dem Sinne, dass eigentlich etwas ganz anderes gemeint sei. Es ist einfach ein weiterer Bruch innerhalb einer sowieso schon von Brüchen durchzogenen Story, der den Leser am Ende fragend und enttäuscht zurücklässt.

Daneben gibt es aber auch weitere Fragen, die aufgeworfen und gut beantwortet werden. Etwa die Herkunft und Verbreitung von Fake-News. Die Verbreitung geschieht nämlich kaum gewollt, sondern durch Unwissenheit und Bequemlichkeit, weil man zu faul ist, um die Fakten zu prüfen. Was mir auch gut gefiel, ist die Art, wie herausgearbeitet wird, dass wir oft das Gewohnte als so normal empfinden, dass wir den Wert davon erst bemerken, wenn es uns fehlt. Doch insgesamt kommt das Buch um Längen nicht an die früheren, wirklich spannenden Romane wie ES heran. Wie weit das auf die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Owen zurückzuführen ist, kann ich nicht sagen, da ich dessen Short Stories einfach nicht kenne. Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass King langsam die Ideen ausgehen und er deshalb längst ausgetretene Pfade vertiefen muss. Ich weiß es nicht und werde ihm auch in Zukunft weitere Chancen geben, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die Länge fand ich jedenfalls angenehm; die über 950 Seiten der deutschen Ausgabe geben einem genügend Zeit und Gelegenheit, um in der Geschichte anzukommen und sich hineinzufinden.

Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.