Gastbeitrag: Eine kurze Reise nach Mittelerde

Nachdem ich vor einiger Zeit einige Freunde angefragt hatte, ob sie mir ein paar Fragen zum „Herr der Ringe“ beantworten würden, hat Hannieldazu frei einen Text formuliert. Vielen Dank für den Gastbeitrag, Hanniel!
Eine kurze Reise nach Mittelerde
geschrieben unterwegs
Was soll man zum Klassiker „Herr der Ringe“ noch schreiben? Es gibt wenig, dass nicht gesagt worden wäre. Humphrey Carpenter legte die Biografie (J. R. R. Tolkien: A Biography) vor und editierte sein Briefwerk (The Letters of J. R. R. Tolkien). Lewis- und Tolkien-Forscher Duriez zeichnete u. a. die Geschichte der Freundschaft mit Lewis nach (Tolkien und C. S. Lewis – Das Geschenk der Freundschaft) und verfasste einen kompetenten Führer in die Welt von Mittelerde (A Guide to Middle Earth: Tolkien and The Lord of the Rings). Peter Kreeft handelte systematisch 50 Bereiche der dahinter liegenden Weltanschauung ab (The Philosophy of Tolkien: The Worldview Behind the Lord of the Rings). Louis Markos verfolgte die Spur der Tugendethik (On the Shoulders of Hobbits: The Road to Virtue with Tolkien and Lewis). Womit schon gesagt wäre, dass ich mit Sekundärliteratur gut versorgt auf die Reise nach Mittelerde startete.
Vielleicht könnte ein Blick in die leuchtenden Gesichter meiner Söhne – deren Zahl ist fünf – mehr sagen als alles andere. Dass mein Achtjähriger nach dem „Silmarillion“ (der von Christopher Tolkien definitiv zusammengestellten Sammlung der Geschichten aus dem ersten Zeitalter von Mittelerde) verlangte, erstaunte mich nicht. Für die Lektüre von „Herr der Ringe“ behalfen sie sich mit Hörbuch, bemächtigten sich der beiden roten Ausgaben von „Der Herr der Ringe“ (ich stockte infolge Interesse auf) und nahmen auf die Bahnfahrten ihren E-Reader mit, um dranzubleiben. Fragte ich in die Runde, was sie denn an dieser Welt faszinierte, kamen präzise Antworten in Form von einzelnen Szenen und vor allem Charakterbeschreibungen. Das heisst, sie konnten sich in die einzelnen Figuren und Szenen ein-fühlen, mitleiden und – was wirklich nicht selbstverständlich ist – auch wieder auf Selbstdistanzierung gehen und sagte, was sie bewunderten und was sie erschauern liess.
Ich nehme Sie mit in einige Impressionen meinerseits. Wenn man den Text auf den Begriff „Baum“ durchsucht, dann spuckt die Suchmaschine knapp 500 Stellen heraus. Es handelt sich nicht um endlos wiederholende Naturbeschreibungen im Stile Karl Mays, sondern um ein besorgtes Mit-Atmen mit den grünen Teilen der Erde. Tolkien bedauerte die Industrialisierung und Technisierung, die mit dem Verlust von vielen Grünflächen – u. a. seiner eigenen Jugend – Hand in Hand ging, zutiefst. Bäume haben in Mittelerde ein Eigenleben. Den Baumhirten (Ents) kommt in der Erzählung gar eine Heldenrolle zu. Die Baumszenen fand ich also richtig zum Eintauchen und Durchatmen.
Gehen wir zum Gegenteil des Durchatmens: Zum Bedrückenden. Auch hierin mag Tolkien voll zu überzeugen. Der schwer gehende Atem, die dunklen schweren Wolken, die Enge, die einem ans Herz greift: Die auf die Machenschaften Saurons zurückführenden Ereignisse und Manöver liessen auch mein Herz mit einem leisen Druck belegen. Das Auge, das dich (fast) immer sieht, dein Unheil will, und dessen Späher überall auftauchen, die Reiter schnell, die Schläge, die in der Regel tödlich sind, zeigen auf, was ich als Christ im Kopf schon weiss, mir aber viel zu wenig bewusst bin: Die Realität der unsichtbaren Welt und der Kampf des Fürsten der Finsternis gegen Den, der das Licht geschaffen hat und Menschen zum zweiten Mal neues Licht bringt.
Wie schon „Der Hobbit“ liest sich der Herr der Ringe als Reiseerzählung. Er reiht sich damit in die vielen Klassiker seit Homers „Odysseus“ oder der „Pilgerreise“ von Bunyan ein. Sie entspricht dem Charakter unseres Lebens: Wir leben immer in der Gegenwart und setzen einen Schritt vor den anderen. Gleichzeitig prägen Erinnerungen und Gewohnheiten unseres bisherigen Weges unser Denken und Handeln. Wir blicken auch in die Zukunft und nehmen sie vorweg. Wir hoffen und verzagen gleicherweise. Die Parallelwelt von Mittelerde lässt uns bewusster auf die vertrackte, an manchen Stellen unübersichtliche, von vielen Einzelsträngen durchzogene Lebensreise werfen: Den Start, die ersten Strapazen, unerwartete Lichtblicke, ersehnte Zwischenhalte, in Erinnerung bleibende Feste, Freundschaften und Verrat derselben, Etappen der Krankheit und des Verlustes. Bleibend sind einzelne Begegnungen, die Überraschungen und Enttäuschungen in sich bergen.
Lasst mich hier einhängen – bei den Begegnungen. Tolkien hat, geschickt wie kein Zweiter, mannigfaltige Charakteren eingebaut. Man mag kaum mit einer Person gänzlich mitgehen. Am ehesten vielleicht noch mit Sam, dem treuen Freund. Aragorn heischt Bewunderung. Mit Frodo leiden wir mit. Gandalf taucht zeitig zu Unzeiten auf. Doch keine Figur ist vollkommen. Die Grundspannung zwischen dunklen Kräften und edlem Mut bleibt. Es gibt zahlreiche Tugenden, die uns das Buch so treffend darstellt: Natürlich den hohen Wert der Freundschaft. Alleine kommt letztlich niemand ans Ziel. Tapferkeit ist gefragt, oft auch überraschend für die Person selbst, oder nach Momenten der kompletten Verzagtheit. Uneigennützigkeit kontrastiert mit Begierde und Eigennutz. Das beherzte Zugreifen folgt Strecken der minimalen Versorgung. Körperliche Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung rücken ins Zentrum. Nicht im (post)modernen Sinne, als ob unser Körper das Zentrum der Welt wäre. Doch eine gesunde Körperwahrnehmung und das Spüren der eigenen körperlichen und psychischen Grenzen gehören in eine gesunde Lebensschule. Wie kommt sie zu kurz in unserem Zeitalter der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung!
Etwas hätte ich fast vergessen. Es gibt Schätze, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt. Die einen Schätze muss die Freundestruppe loswerden. Der Ring, vom Feinde heiss begehrt, gehört ins Feuer der Vernichtung. Nicht mehr der Goldschatz der Hobbits, sondern die Rückführung der gefährlichen Begierden ist gefragt. Auffällig ist die Anfälligkeit der Ringträger. Sie widerstehen kaum der drückenden Last, ebenso wenig dem gedanklichen Sog, den der Ring entwickelt. Hohe Opfer, ja der Tod, wird eingefordert und bezahlt. Überhaupt ist dies meinen Söhnen aufgefallen: Der Weg zum Schicksalsberg ist ein Weg der Kämpfe, der Schlachten und der Opfer. Zu meiner Frau meinten sie: „Wenn du das liest, musst du dich auf viele grauenvolle Szenen vorbereiten.“ Damit meinten sie nicht abscheuliche Szenen der zeitgenössischen Bildgebung, die dazu aufgebaut werden, um die Bildsüchtigen in ihren Bann zu ziehen. Vielmehr geht es um heimtückische Überfälle und tapfere Abwehr von Mann zu Mann. Einzelne Helden exponieren sich. Es wird mit Schwert, Lanze und Bogen gekämpft, nicht mit ferngesteuerten Raketen.
Vieles in dieser Welt entspricht einem christlichen Weltbild und steht damit dem Bild unserer Zeit entgegen: Ja, es gibt zwei Mächte, die einander bekämpfen, jedoch nie in einer Gleichwertigkeit bzw. Gleichrangigkeit. Ja, es gibt persönliche Tugenden und ihr Gegenteil: Die Laster. Unser Leben ist eine Reise, die unabänderlich auf ein Ziel angelegt ist. Ohne Hilfe von aussen würden wir es nie erreichen. Freundschaft ist ein teures Gut. Unsere Feinde sind real. Es will wohl überlegt sein, welche Nahrung wir zu uns nehmen. Unsere Kräfte sind begrenzt. Tolkien sprach von einem vor-christlichen Universum. Er, der die Welt der nordischen Mythen wie seine Hosentaschen kannte und seine Sprachen beherrschte, sah ab von einer eintönigen Kopie (wie sein Weggefährte C. S. Lewis übrigens auch).
Die Reise nach Mittelerde prägt mich, weil sie mir einen geschärften Blick auf die von Gott geschaffene Wirklichkeit zur Verfügung stellt. Sie lässt mich in eine neue Art von Dialog mit meinen Söhnen treten. Denn Mittelerde vermittelt Bilder und Bewertungen, die wir gemeinsam teilen können.

Biblische Weltanschauung im „Herr der Ringe“

1. Was ist Dein persönlicher Hintergrund zum Buch oder Film? Wie bist Du darauf gestoßen? Was hast Du davon erwartet?
Jonas Erne: Ich habe Tolkien erst kennengelernt, als „Herr der Ringe“ im Kino erschienen war. Das war mein erstes Mal, wo ich seinen Namen las und hörte. Als jemand, der verfilmten Büchern seit Kindheit sehr kritisch entgegensteht, wollte ich eigentlich nur die Bücher lesen. Diese haben mir gefallen; von den Filme war ich dafür erwartungsgemäß ziemlich enttäuscht. Beim ersten Lesedurchgang ist mir noch nicht besonders viel von der christlichen Weltanschauung dahinter aufgefallen. Wohl auch deshalb, weil ich nicht danach Ausschau gehalten habe.
2. John R. R. Tolkien wollte keine „biblische Geschichte“ schreiben, sondern einfach eine unterhaltsame Geschichte. Dennoch finden sich viele Bezüge dazu. Was denkst Du, woher das kommt?
Wenn ein Autor ein gläubiger Christ ist, wird dies in seinen Büchern immer auf irgendeine Art sichtbar werden. Ein Buch ist etwas, worin ein Autor sich und seine Phantasie ausgießt und deshalb auch immer ein Stück seiner selbst. Jeder Autor macht seine Weltanschauung in seinen Büchern sichtbar – wenn denn der Leser danach sucht.
3. Was ist überhaupt eine Weltanschauung? Was sind die Grundpfeiler der biblischen Weltanschauung?
Die Weltanschauung ist die „Brille“, durch die wir die Welt anschauen. Es sind persönliche Überzeugungen, die man mitbringt und die man (meist unbewusst) gebraucht, um die Realität zu bewerten und zu interpretieren. Ganz einfach gesagt sind die Grundpfeiler der biblischen Weltanschauung Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Wiederherstellung. Gott hat die Welt gut geschaffen, der Mensch ist durch den Sündenfall an Gott und der ganzen Welt schuldig geworden und hat sie ins Chaos gestürzt. Jesus Christus ist gekommen, um die bösen Mächte zu besiegen, den Menschen zu erlösen und die göttliche Ordnung wiederherzustellen.
4. In „Herr der Ringe“ finden sich viele Bezüge auf diese biblische Weltanschauung. Welche davon sind Dir beim Lesen oder Ansehen besonders wichtig geworden?
Wichtig geworden ist mir zum Beispiel das Prinzip der Verantwortung. Wir Menschen sind füreinander und für die ganze Schöpfung verantwortlich (das meint der Befehl zum Herrschen über die ganze Schöpfung im biblischen Schöpfungsbericht). Die Gefährten im Buch übernehmen Verantwortung füreinander und sind auch um die Natur besorgt. Oder Gollum, der am Ende (ungewollt?) Selbstmord begeht, um den Ring zu bekommen; dazu analog hat in der Bibel Satan Selbstmord begangen, indem er dafür gesorgt hat, dass die Bühne der Weltgeschichte so vorbereitet wurde, dass Jesus Christus – als Höhepunkt und Selbstzerstörung der Bosheit – ans Kreuz genagelt wurde.
5. Im „Herr der Ringe“ findet sich nicht eine einzelne Erlöser-Figur wie das Jesus Christus in der Bibel ist, vielmehr handelt es sich um eine ganze Reihe von Helden, die gemeinsam Mittelerde erlösen. Welche Personen machen welche Aspekte der „Erlösung“ aus?
Meiner Meinung nach ist die jesusähnlichste Person im Herr der Ringe Sam Gamdschie. Ja, genau, dieser unscheinbare Hobbit, der oft mehr ein Anhängsel ist. Aber wenn es mal wirklich drauf ankommt, ist er der zuverläßige Freund. Alle anderen Personen werden vom Ring entweder verführt oder sie trauen sich nicht, ihn anzufassen. Sam ist dazu bereit, als es nötig wurde. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, er weiß nur, dass es jetzt keine andere Möglichkeit gibt. Er opfert sich sozusagen selbst und durch dieses Opfer wird die Geschichte letztendlich ein Happy-End finden.
6. Gibt es Punkte an „Herr der Ringe“, die dem biblischen Weltbild widersprechen und die Du kritisieren würdest?
Was ich etwas schwierig finde, ist der Umgang mit der Magie im Herr der Ringe. Es kann der Eindruck entstehen, dass es so etwas wie „weiße Magie“ gibt, obwohl die Bibel jede Form der Magie eindeutig verbietet. In Wirklichkeit gibt es keine „weiße Magie“, egal was damit erreicht wird. Magie ist immer und in jeder Form dämonisch.
7. Wenn junge Autoren heute von Tolkien lernen wollen, was würdest Du ihnen empfehlen, aus dem „Herr der Ringe“ zu lernen, wenn sie auch eine unterhaltsame Geschichte auf der Basis der biblischen Weltanschauung schreiben möchten?
Lass dich von der Phantasie leiten, aber behalte immer die ganze Geschichte im Hinterkopf, um dich vor inneren Widersprüchen zu schützen.
8. Welche anderen Bücher kannst Du empfehlen, die auch unterhaltsame Geschichten auf der Basis der biblischen Weltanschauung sind?
Die Geschichten von C. S. Lewis, die Pilgerreise von John Bunyan, die Romane von G. K. Chesterton, aber auch von Dorothy L. Sayers.

Fragen zum „Herr der Ringe“

1. Was ist Dein persönlicher Hintergrund zum Buch oder Film? Wie bist Du darauf gestoßen? Was hast Du davon erwartet?
Zum ersten Mal bin ich drauf aufmerksam geworden, als die Verfilmung von dem Herr der Ringe in die Kinos kam. Einer meiner Kollegen in der Ausbildung damals war ein begeisterter Fan von Mittelerde. Er riet mir auch dazu das Buch zu lesen (und zwar die Übersetzung von Margeret Carroux). Irgendwann habe ich dann eine antiquarische Ausgabe bei einem Buchhändler gefunden und ohne zu zögern zugegriffen. Die Filme gefielen mir außerordentlich gut, aber die Bücher sind mir noch lieber. Ich hatte erwartet, dass das Buch recht nah an den Filmen angesiedelt ist. Im nachhinein wurde meine Erwartung übertroffen, da nach meinem Empfinden, die Bücher noch mehr Tiefe enthalten, als es der Film wiedergeben kann. Doch ich bin mir bewusst, dass es sich dabei um zwei unterschiedliche Medien handelt und man schwerlich beide eins zu eins vergleichen kann.
Ich habe nicht mitgezählt, aber in den letzten Jahren habe ich das Buch mindestens 1-mal pro Jahr durchgelesen und werde diese Tradition beibehalten.
2. John R. R. Tolkien wollte keine „biblische Geschichte“ schreiben, sondern einfach eine unterhaltsame Geschichte. Dennoch finden sich viele Bezüge dazu. Was denkst Du, woher das kommt?
Ich denke das war für jemanden wie Tolkien unvermeidbar. Tolkien selbst bezeichnete sich als (katholischer) Christ. Seinen Briefen und Biografien ist zu entnehmen, dass er daran glaubte, dass es ein Eden in dieser Welt gab, dass durch den Sündenfall verloren gegangen ist, aber dieses Echo aus Eden immer noch in jedem Menschen zu vernehmen ist. Jeder Geschichte liegt eine gewisse Weltanschauung zugrunde. Tolkien schrieb auf dem Hintergrund seiner christlichen Weltanschauung und webte dadurch das grundlegende Konzept von Schöpfung-Fall-Wiederherstellung in seine fiktiven Geschichten ein.
3. Was ist überhaupt eine Weltanschauung? Was sind die Grundpfeiler der biblischen Weltanschauung?
Unter Weltanschauung verstehe ich die Antworten, die sich jemand auf die grundlegenden Fragen der Menschheit stellt: Wer bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich hin? Daraus ergeben sich natürlich noch eine Menge weiterer Fragen, die wir uns stellen, um unsere Existenz zu erklären. Grundpfeiler einer biblischen Weltanschauung sind für mich, dass es einen Schöpfergott gibt, der alles Leben schuf und dem wir gegenüber verantwortlich; dass wir Menschen gegen unseren Schöpfer rebellierten und die Sünde dadurch Einzug in diese Welt erhielt, dass aber Gott sich uns Menschen offenbarte um uns Seine Heilsabsichten in Jesus Christus deutlich zu machen.
4. In „Herr der Ringe“ finden sich viele Bezüge auf diese biblische Weltanschauung. Welche davon sind Dir beim Lesen oder Ansehen besonders wichtig geworden?
Wer sich einmal „Das Silmarillion“ durchgelesen hat, der wird sofort an den biblischen Schöpfungsbericht und Sündenfall denken (sofern er die Bibel gelesen hat). Tolkiens Schöpfungsmythos folgt den Schilderungen der Bibel insoweit, dass es einen Schöpfergott am Anfang gab, und das eines seiner Geschöpfe „abfiel“ und danach trachtete die gute Schöpfung Gottes zu zerstören. Ein weiteres Merkmal ist die Tatsache, dass eine geistliche Welt hinter der natürlichen Welt steckt und eng mit dieser verbunden ist.
5. Im „Herr der Ringe“ findet sich nicht eine einzelne Erlöser-Figur wie das Jesus Christus in der Bibel ist, vielmehr handelt es sich um eine ganze Reihe von Helden, die gemeinsam Mittelerde erlösen. Welche Personen machen welche Aspekte der „Erlösung“ aus?
Ich sehe verschiedene „Anklänge“. Bei Gandalf denken wir sofort an die Rückkehr von den Toten, der in neuer Herrlichkeit erscheint. Aragorn ist der rechtmäßige König Gondors, der aus dem Exil zurückkehrt um die Herrschaft anzutreten und die Welt der Menschen zu ordnen. Frodo ist der demütige Held, der den Weg des Leidens geht (notfalls bis in den Tod) um das Böse endgültig zu vernichten. Alle diese Aspekte finden wir im Erlösungswerk Jesu vereint: Jesus ist der Gesandte, der starb und zu neuer Herrlichkeit auferstand; Er ist der rechtmäßige König aus der Linie Davids der die Herrschaft antritt, um alle Dinge in Ordnung zu bringen (endzeitlich betrachtet) und Er ist der leidende Gottesknecht, der den Weg der Schmerzen ging. Der Unterschied zwischen Mittelerde und der biblischen Botschaft ist, dass bei Tolkien es nicht den einen Erlöser gibt, es sich also nicht auf eine Person konzentriert, wobei im Christentum Jesus Christus der zentrale Erlöser ist – und der einzige und endgültige Weg zur Erlösung von der Macht der Sünde.
6. Gibt es Punkte an „Herr der Ringe“, die dem biblischen Weltbild widersprechen und die Du kritisieren würdest?
Das ist schwierig, da Tolkien sich darüber im Klaren war, dass er keine „christliche“ Welt mit Mittelerde entwarf. Eine Sache, die immer wieder von Kritikern hervorgebracht wird, betrifft den Gebrauch von Magie im Buch. Gandalf tritt als Zauberer auf, was für viele Christen problematisch ist, da es nach der biblischen Darstellung keine „guten“ Zauberer gibt. Wenn man sich jedoch die weitere Biografie von Gandalf anschaut, dann wird deutlich, dass er ein Gesandter der göttlichen Mächte, die unter der Herrschaft des einen Gottes stehen, ist, um im Krieg gegen Sauron zu helfen. Gandalf ist kein autonomer Zauberer, der alles zu tun vermag, sondern er ist in seiner Macht begrenzt und hat einen bestimmten Auftrag. In dieser Hinsicht erinnert er mich an einen Propheten des AT: Ein von Gott gesandter Bote, der dazu befähigt werden konnte Wunder zu tun. Nach meiner Sicht jedoch ist auch die Verwendung von Magie im Herrn der Ringe bei weitem nicht so vorherrschend, wie man es vielleicht erwarten würde. Zumindest im Buch wird die Geschichte fast ausschließlich aus der Sicht der Hobbits erzählt, die wiederum wenig oder nichts mit Magie am Hut haben, aber auf ihrer Wanderung damit in Berührung kommen.
7. Wenn junge Autoren heute von Tolkien lernen wollen, was würdest Du ihnen empfehlen, aus dem „Herr der Ringe“ zu lernen, wenn sie auch eine unterhaltsame Geschichte auf der Basis der biblischen Weltanschauung schreiben möchten?
Schreibe eine Geschichte, die du gerne lesen würdest! Denn das hat Tolkien (und C.S.Lewis) erst dazu gebracht Romane zu schreiben. Schreibe zunächst einmal für dich selbst und nicht für den Büchermarkt. Des Weiteren halte ich es für unabdingbar, dass Autoren eine christliche Weltanschauung einverleibt haben müssen. Das bedeutet, dass ihr ganzes Denken von einer christlichen Weltanschauung geprägt sein muss. Wenn das der Fall ist, dann wird die Geschichte automatisch christliche Züge annehmen. Mein Rat ist: Regelmäßig die Bibel lesen (ca. 1-mal im Jahr) und sich mal die Zeit nehmen eine der großen biblischen Theologien zu lesen und zu studieren (wie z.B. die Institutio von Johannes Calvin).
8. Welche anderen Bücher kannst Du empfehlen, die auch unterhaltsame Geschichten auf der Basis der biblischen Weltanschauung sind?
Zum einen natürlich die Narnia-Chroniken von C.S.Lewis. Gefallen hat mir ebenfalls die Trilogie „Das Lied von Albion“ von Stephen Lawhead.
Über mich: Andreas Münch (Jahrgang 1984) ist glücklich verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes. Als Pastor und Autor ist er unterwegs in den Fußstapfen Calvins und Tolkiens. Weitere Infos unter: www.andreas-muench.com

Fragen zur Biblischen Weltanschauung in „Herr der Ringe“

Dies ist eine erste Antwort auf die Fragen zur biblischen Weltanschauung im “Herr der Ringe”. Vielen Dank!
Über mich:
Ich bin im Juli 1984 in eine christliche Familie geboren worden und habe mich mit 16 Jahren zum Glauben an Jesus Christus bekehrt und 3 Jahre später auch taufen lassen um diese Entscheidung nochmals zu bekräftigen. Ich würde mich selbst nicht als Philosoph und schon gar nicht als weise bezeichnen, jedoch denke ich dass ich mich als Denker und Kritiker bezeichnen darf. Um das kurz zu erläutern: Ich bin ein Mensch der gerne und viel über Dinge nachdenkt oft über eigene Umstände, Gott, Wahrheit, das Leben und nicht zuletzt auch um mit meiner Bildhaften Fantasie „Luftschlösser“ zu bauen. Vor dem Aufkommen von Handys und von Gratiszeitungen habe ich mich gerne damit beschäftigt, mich selbst in Welten von Büchern oder von selbst kreierten Universen zu versetzen. Womit ich nicht sagen will dass diese Form der “Beschäftigung“ seither nicht mehr existiert. Als Kritiker bezeichne ich mich deshalb, weil ich Dinge gerne hinterfrage. Seinen Ursprung hat diese Angewohnheit einerseits in einem seit frühester Kindheit existenten Wissensdurst, in der Erziehung (mein Vater hat viele Dinge die wir Kinder getan und gesagt haben hinterfragt um uns zum Nachdenken anzuregen) und vor allem auch durch Erlebnisse mit Gott (Ich wurde in meinem Leben von Gott immer wieder mit Dingen und Umständen konfrontiert die meine Welt auf den Kopf gestellt haben und mich dazu gezwungen haben die Dinge in einem anderen Licht anzuschauen).
In Bezug auf dieses Interview werde ich also die Fragen selbst auch kritisch betrachten und gegebenenfalls Kommentare dazu abgeben.
Frage 1: Was ist Dein persönlicher Hintergrund zum Buch oder Film?
Ich habe das Buch empfohlen bekommen und nach anfänglichen Schwierigkeiten, der Start ist sehr zäh, das Buch regelrecht verschlungen. Ich habe das Buch 17 – 20mal komplett gelesen und auch die Beiwerke „Silmarillion“, „Nachrichten aus Mittelerde“ und „Das Tolkien Lesebuch“ mindestens je einmal gelesen. Die von Tolkien erschaffene Welt hat mich erstmals dazu inspiriert eine eigene Geschichte zu schreiben, weit bin ich damit bis jetzt allerdings noch nicht gekommen, allerdings komme ich nach 10 Jahren fantasieren langsam zu einer schreibbaren Geschichte.
Wie bist Du darauf gestossen?
Ich habe das Buch von einem meiner besten Freunde empfohlen gekriegt, als dieser mein Interesse für Fantasy bemerkt hat.
Was hast Du davon erwartet?
Nichts mehr als eine spannende Geschichte, und meine Erwartungen wurden übertroffen!
Frage 2: J.R.R. Tolkien wollte keine “biblische Geschichte“ schreiben, sondern einfach eine unterhaltsame Geschichte. Dennoch finden sich viele Bezüge dazu. Was denkst du woher das kommt?
Ich denke, dass jeder, der eine Geschichte schreibt, bewusst und/oder unbewusst persönliche Überzeugungen und Weltansichten darin verarbeitet. Für mich zum Beispiel ist es undenkbar eine Welt ohne einen Schöpfer zu erschaffen, selbst wenn dieser Schöpfer am Ende ich selbst bin. Eine Welt ohne Schöpfer ist für mich nicht denkbar. Ich denke, dass Tolkien sich bei der Erschaffung von Mittelerde ähnliche Gedanken gemacht hat. Was in meinen Augen der auch der Grund ist wieso er im „Silmarillion“ bzw. im Vorwerk „Ainulindale“ den „Allvater“ Ilúvatar und die Ainur/Valar Mittelerde erschaffen liess, und von welchen später Melkor ähnlich wie Luzifer machthungrig wurde und nach mehr gierte als ihm zustand.
Eigentlich reicht es sogar Tolkien diese Frage selbst beantworten zu lassen.
In einem Brief an seine amerikanischen Verleger schrieb er (betreffend seines Werkes „Herr der Ringe“:
… “Es geht ‚um‘ gar nichts als um es selbst, Mit Sicherheit hat es keine allegorischen Absichten allgemeiner oder besonderer, aktueller, moralischer religiöser oder politischer Art. Die einzige Kritik, die mich geärgert hat, war eine, dass es ‚keine Religion enthalte‘“…
… “Es ist eine monotheistische Welt von ‚natürlicher Theologie‘. Der Merkwürdige Umstand, dass darin keine Kirchen, Tempel, religiösen Riten und Zeremonien gibt, gehört schlicht zu dem geschilderten historischen Klima.“…
… “Ich selbst bin jedenfalls Christ; aber das ‚Dritte Zeitalter‘ (das Zeitalter in welcher „Herr der Ringe“ spielt, Anmerkung meinerseits) war keine christliche Welt.“… 1
An eine neugierige Leserin schrieb Tolkien unter anderem:
… “Theologisch (wenn dieser Terminus nicht zu grossspurig ist) denke ich mir, dass das Bild nicht so weit von dem abweicht, wovon manche (darunter auch ich) glauben, dass es die Wahrheit sei. Aber da ich wohlweislich eine Erzählung geschrieben habe, die zwar auf bestimmten „religiösen“ Ideen aufbaut oder aus ihnen gebildet ist, aber keineAllegorie dieser Ideen (oder von irgendetwas anderem) ist und sie gar nicht offen erwähnt, geschweige denn predigt, will ich von dieser Form auch jetzt nicht abgehen und eine theologische Abhandlung schreiben, wozu ich nicht geeignet bin.“…2
Ich denke dass diese beiden Auszüge die biblische Inspiration ganz gut belegen, aber auch verdeutlichen, dass Tolkien keine biblische Geschichte schreiben wollte, oder dies zumindest nicht seine Absicht war.
Frage 3. Was ist überhaupt eine Weltanschauung?
Ich könnte hier jetzt Wikipedia zitieren, aber ich glaube das ist nicht Zweck der Sache. In meinen Augen (somit gehört das schon zu meinerWeltanschauung :D)ist die Weltanschauung die Art und Weise wie wir die Welt um uns herum anschauen, empfinden, wahrnehmen, aber auch beurteilen und bewerten. Sie bestimmt unseren Glauben gleichermassen wie unser ganzes Leben. Im Prinzip kann man sagen, dass jeder Mensch seine Individuelle Weltanschauung hat, und die Überschneidungen mit ähnlichen Ansichten anderer Menschen dann Religions- oder Interessensgemeinschaften bilden welche eine übergeordnete vereinheitlichte Weltanschauung besitzen welche die Individuelle Sicht entweder bestätigt, unterstützt und fördert oder aber unterdrückt, entwertet oder gar verbietet. Einfach gesagt die „Brille“ durch welche wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen.
Was sind die Grundpfeiler der der biblischen Weltanschauung?
Die Bibel (insbesondere die zehn Gebote), Jesus, Gott, und der Heilige Geist (der dreieinige Gott) und in begrenztem Masse der historische Konsens. Um die Bibel richtig verstehen und lesen zu können muss man sie mit Gott und Jesus als Mitte und geführt vom Heiligen Geist lesen. Lässt man das Wesen Gottes und das Wesen Jesu, welche beide in der Bibel ersichtlich sind, ausser Acht wird man früher oder später die falschen Schlüsse ziehen. Wenn man aus der Bibel allgemeingültige Regeln herausbilden möchte muss die Bibel auch historisch begutachtet werden, denn ohne Verständnis für die damalige Zeit können wir schlecht nachvollziehen wie das Wesen bestimmter Schriftstellen zur damaligen Zeit war. Das Alte Testament wird nicht umsonst „Wort Gottes“ genannt. Es ist in der Tat das lebendige Wort Gottes an uns Menschen und ist gerade deshalb so mächtig (und auch gefährlich) weil es durch den Heiligen Geist in der Lage ist uns persönlich und individuell anzusprechen. Die Bibel ist also für den Christen die persönliche individuelle Weltanschauung während die zehn Gebote, Jesus und Gott die Grundlage für die ergänzende und übergeordnete Weltanschauung aller Christen bilden. Für den lehrenden Teil der Weltanschauung kommt dann die historische Komponente dazu, welche uns hilft die Texte in ihrer vollen Tiefe zu verstehen. Wichtig ist es meiner Meinung, dass die biblische Weltanschauung nicht als starr und unveränderbar betrachtet wird, sondern als „lebendiges Wesen“.
4. In „Herr der Ringe sind viele Bezüge auf diese biblische Weltanschauung. Welche davon sind Dir beim Lesen oder Ansehen besonders wichtig geworden?
Bereits im „Silmarillion“, genauer gesagt bei der Schilderung der Erschaffung der Zwerge, wird klar dass die Liebe zum Leben ein durchgehendes Thema dieser Welt ist. Das zeigt sich in „Herr der Ringe“ besonders in Gandalf welcher dem Leben aller Lebewesen unglaublich zugeneigt ist. Auf der anderen Seite zieht sich aber auch durch die ganze Geschichte von Mittelerde die Aussage das Macht, Gier, Stolz und selbst Furcht unglaublich viel Schaden anrichten können. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist in meinen Augen Sméagol/Gollum der sich von der Gier nach dem Ring so verzerren lässt, dass er schlussendlich zusammen mit diesem stirbt. Generell wirkt „der Eine Ring“ auf alle die mit ihm in Kontakt kommen und Stellt die Versuchung bildlich perfekt dar. Alle die der Versuchung des Rings widerstehen behalten ihre Stärke oder werden sogar für ihre Willenskraft belohnt (Faramir/Aragorn) während die die seiner Macht verfallen, oder ihn sogar tragen alle dafür büssen. (Selbst Frodo büsst einen Finger dafür ein und Bilbo wird bis zum Verlassen von Mittelerde von der Sehnsucht nach dem Ring geplagt).
5. Im „Herr der Ringe“ findet sich nicht eine einzelne Erlöser-Figur wie das Jesus Christus in der Bibel ist, vielmehr handelst es sich um eine ganze Reihe von Helden, die gemeinsam Mittelerde erlösen. Welche Personen machen welche Aspekte der „Erlösung“ aus?
Ich kann in „Herr der Ringe“ nur Bruchteile von Jesus erkennen. Gandalf steht mit seiner Verwandlung von Gandalf dem Grauen zu Gandalf dem Weissen sicher ein bisschen für die Auferstehung von Christus, jedoch darf man nicht übersehen das Gandalf vermutlich niemals tot war. Ausserdem ist er als lebensbejahender Gegenpart zu Sauron welcher die Welt zu unterjochen versucht sicher auch ein Beispiel für den Sieg von Jesus über den Tod. Jedoch darf man nicht ausser Acht lassen das sowohl Gandalf als auch Sauron lediglich Maiar oder anders gesagt „Unterengel“ sind. Der biblische Teufel findet sein Ebenbild in „Herr der Ringe“ nicht in Sauron, sondern in Melkor/Morgoth welcher fast ausschliesslich im „Silmarillion“ erwähnt wird.
Als weiteres „Bruchstück von Jesus“ wäre sicher noch Aragorn welcher am Ende des Buches die Rolle des gerechten und Gütigen Königs einnimmt was als Anspielung auf Jesus in der neuen Schöpfung verstanden werden kann.
Der dritte und in meinen Augen letzte Aspekt von Jesus ist in meinen Augen Frodo, der das Martyrium auf sich nimmt um den Ring zu vernichten er geht dabei fast durch die Hölle und erleidet Qualen die eigentlich nicht ihm gelten. Frodo hat ähnlich wie Jesus in seinem Tod Qualen und Probleme anderer auf sich genommen um damit die Welt von einem furchtbaren Feind zu erlösen.
Diese Personen mit Jesus zu vergleichen finde ich allerdings problematisch, da ihnen allen entscheidende Aspekte fehlen, welche sie auf eine Stufe mit Jesus heben würden.
6. Gibt es Punkte an „Herr der Ringe“ die dem biblischen Weltbild widersprechen und die Du kritisieren würdest?
Der grösste Unterschied zur biblischen Weltanschauung besteht meiner Meinung nach im Umgang mit dem Tod. Während Gott in den Zehn Geboten das Töten ausdrücklich untersagt gehört es in Herr der Ringe zum Alltag und wird auch selten geahndet. Der einzige der für einen Mord büssen muss ist Beregond der in die Grabstätten mit Blut besudelt und deswegen zur Verantwortung gezogen wird, jedoch spielt hier die Verunreinigung der Stätte und nicht der Mord eine Rolle. Und die „Strafe“ dafür fällt sehr milde aus. Insgesamt kann man also sagen das in Mittelerde Morde geduldet sind solange sie aus gutem Grund geschehen.
Ein weiterer Punkt der sicher nicht dem der Bibel entspricht ist die Beziehung der Menschen, Zwerge und Elben zu ihrem Erschaffer. Die Zwerge verehren ihre Vorfahren während die Elben allenfalls zu den Valar aufsehen, und die Menschen anerkennen überhaupt keine grössere Macht. Von einer persönlichen Beziehung zu ihrem Erschaffer ist in sämtlichen Büchern über Mittelerde nichts zu finden. Das entspricht sicher nicht dem was die Bibel vermittelt und dem was sich Gott von uns wünscht.
Es gibt bestimmt weitere Punkte (wie der Umgang mit dem Tod), aber die alle zu besprechen würde den Rahmen sprengen.
Kritisieren möchte ich keine dieser Punkte, da J.R.R. Tolkien sich bei der Erschaffung von Mittelerde auch an nordische Sagen gehalten hat und die ganze Welt entworfen hat, um einen geschichtlichen Hintergrund für das von ihm erfundene Elbisch zu haben. Er hat wie weiter oben erwähnt, immer wieder betont, dass seine Geschichte keine Allegorie ist und darf deswegen auch nicht als eine Solche bewertet werden. Ich betrachte „Herr der Ringe“ als eine fiktive Geschichte, und die kann hauptsächlich in ihrer Qualität beurteilt werden. Der einzig andere zu beurteilende Aspekt ist, welche Werte die Geschichte vermittelt. Und auch hier muss man sehen, dass ihre Hauptaufgabe die Unterhaltung und nicht die Belehrung ist. Anders als zum Beispiel „Game of Thrones“ ist „Herr der Ringe“ weder unnötig brutal oder übermässig bildhaft beim Beschreiben von Sexszenen noch ist sie in irgendeiner Weise okkult. Im Gegenteil: Die Geschichte vermittelt Werte wie Gnade, Mitgefühl für Schwächere und den Wert des Lebens. Und daran kann man nichts kritisieren.
7. Wenn junge Autoren heute von Tolkien lernen wollen, was würdest Du ihnen empfehlen aus dem „Herr der Ringe“ zu lernen, wenn sie auch eine unterhaltsame Geschichte auf der Basis der biblischen Weltanschauung schreiben möchten?
Ganz einfach. Wenn sie nicht ein Buch schreiben wollen welches wie Narnia ganz klar Jesus als Zentrum hat und über grosse Stücke auch als Allegorie dienen soll, dann sollten sie es ganz klar so machen wie J.R.R. Tolkien. Sie sollten kucken dass ihre Überzeugungen und die christliche Weltanschauung nicht zu sehr durchdrücken. Gerade wenn es um Fantasy oder Science Fiction geht, ist es wichtig dass die Geschichte eine Solche bleibt und nicht plötzlich zur Predigt wird. Die Biblische Weltanschauung kann ein Fundament sein, oder lediglich eine Inspiration, wenn die Story unterhalten soll darf die Weltanschauung des Autors nicht die Hauptsache sein, sonst wirkt die Story schnell künstlich. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten Überzeugungen und erlebtes in einem Buch durchblicken zu lassen, aber so wie ein Buch nur Bruchstücke einer Welt zeigt, sollte die Geschichte nur Bruchstücke einer Weltanschauung zeigen. Um das noch an einem Beispiel zu verdeutlichen, wenn ich von einer Person erzähle die beim Reden auf einen Haufen komischer Wörter zurückgreift, und ich diese Wörter die ganze Zeit benutze dann wird das ganze schnell schräg und ermüdend zu lesen. Anders ist es natürlich wenn die Geschichte sehr an unsere Realität angelehnt ist, dann kann es durchaus mal sein, dass eine Person ein Gebet spricht, oder in die Kirche geht um Antworten zu bekommen oder dort Gott zu begegnen.
Generell kann ich jedem der ein Buch schreiben will empfehlen ein Buch übers schrieben zu lesen. Meist wird hier auch erklärt wie man sich von grossen Autoren wie Tolkien inspirieren lassen kann. Empfehlenswert hierzu ist das Buch „Romane und Kurzgeschichten schreiben“ von Alexander Steele.
Als letzter Tipp: darüber beten, das Buch unter Umständen auch anderen Christen zeigen, während des Schreibens Worship hören. Wenn man Gott in die Geschichte mitnimmt, wird er am Ende auch darin spürbar sein.
8. Welche anderen Bücher kannst du empfehlen die auch unterhaltsame Geschichten auf der Basis der biblischen Weltanschauung sind?
Sämtliche Geschichten von C.S.Lewis, besonders die Perelandra-Trilogie und die Narnia-Bände. Und wenn man gerne Krimis hat dann sollte man sich auf jeden Fall die Bücher von Randy Singer antun (besonders die, die ähnliche Titel haben wie John Grisham-Romane, zum Beispiel: „Die Vision“, „Das Spiel“ usw.)
1 Das Tolkien Lesebuch, 3. Auflage November 2003, Seite 176
2 Das Tolkien Lesebuch, 3. Auflage November 2003, Seite 289