Warum das stellvertretende Sühnopfer zentral ist

Wenn wir über den Tod und die Auferstehung Jesu Christi nachdenken, gibt es in unserer Zeit immer wieder Versuche, die Deutung als stellvertretendes Sühnopfer beiseite zu schieben und stattdessen andere Deutungen in den Mittelpunkt zu rücken. Steve Chalke etwa, ein britischer Postmodernist, nannte die Rede vom stellvertretenden Sühnopfer einen „kosmischen Kindesmissbrauch“ und andere schlagen seither in dieselbe Kerbe. Fakt ist und bleibt, dass die Bibel mehrere Deutungen des Todes Jesu kennt, diese jedoch einander ergänzen. Wir können uns nicht einfach für eine davon entscheiden und sagen: Das gefällt mir am besten, auf den Rest pfeife ich. Vielmehr ergeben nur die Deutungen gemeinsam ein großes Gesamtbild und zeigen die Schönheit der Liebe Gottes. In diesem biblischen Gesamtbild steht die Deutung als ein stellvertretendes Sühnopfer jedoch im Mittelpunkt. Sie ist und bleibt zentral, denn sie zieht sich von Anfang bis zum Schluss wie ein roter Faden durch alle Gattungen und nahezu alle Bücher der Bibel.

Die fünf Mosebücher

Aus den Schriften des Alten Bundes sind die fünf Mosebücher besonders wichtig, weil sie dem Judentum Identität geben. Die wöchentliche Lesung enthält immer einen Abschnitt aus diesem Fünfbuch. Deshalb möchte ich mich zunächst einmal darauf konzentrieren. Die „vorderen Propheten“ (Josua bis Nehemia oder in der jüdischen Reihenfolge bis zu den Chronik-Büchern) erzählen die Geschichte Israels weiter. Die Weisheitsbücher (Hiob bis Hoheslied) enthalten die Weisheit und die Lieder, und die „hinteren Propheten“ Jesaja bis Maleachi sind immer wieder die Erinnerung, zu dem zurückzukehren, was Gott Mose offenbart hat. Insofern gibt es in der jüdischen Bibelauslegung – anders als bei uns – eine gewisse Rangordnung der Bücher, bei welcher die Mosebücher an wichtigster Stelle stehen.

Wenn wir an den Anfang zurückgehen, finden wir das erste stellvertretende Sühnopfer in 1. Mose 3: Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fell und bekleidete sie. (1. Mose 3,21). Der Begriff „katnot ‘or“ bezeichnet Kleidung aus der Haut und keineswegs gewobene Kleidung aus den Haaren. Gott hat die ersten Tiere getötet, um den Menschen eine Bedeckung für die Folgen ihrer Sünde zu geben. Der Sündenfall war auch der Moment, in welchem der Tod erstmals in die Welt gekommen ist. Bereits im nächsten Kapitel finden wir Gottes Bewertung der verschiedenen Opfer der beiden Brüder Kain und Abel. Das Tieropfer wird angenommen, während das Opfer aus dem biologischen Anbau nicht angenommen wird. Es gibt bei Gott eine klare Präferenz, dass ein Tieropfer, das später auch immer wieder als stellvertretendes Sühnopfer im Sinne eines Vor-Bilds auf das Sühnopfer Jesu Christi am Kreuz von Golgatha verlangt wird.

Einen besonderen Stellenwert muss auch 1. Mose 22 bekommen. Abraham ist gehorsam und geht mit Isaak zur Opferstätte. Im letzten Moment kommt der Widder zum Vorschein, der stellvertretend an Isaaks Stelle geopfert wird. Hier ist ganz klar der Bezug zum Tod Jesu Christi zu sehen, der auch an unserer Stelle gestorben ist. Ebenso ist auch das Passalamm in 2. Mose 12. Hier ist interessant, dass schon längst vor der Zeit am Sinai, also bevor die ganzen Opfervorschriften kamen, die Bedingungen für die Lämmer, die geschlachtet werden sollten, dieselben waren wie für das spätere Opfertier für das Sündopfer: Männlich, einjährig und ohne Fehler (vergleiche 2. Mose 12,5 mit 3. Mose 9,3) Somit war bereits das Passalamm ein vorbereitendes stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden des Volkes Israel.

2. – 4. Mose

Zu den fünf Büchern Mose gibt es schon eine Weile Diskussionen, ob sie ursprünglich als ein einzelnes Buch, drei Bücher, fünf Bücher oder gar zusammen mit Josua und / oder noch weiteren Büchern als eine Einheit angelegt wurden. Im Anschluss an Gordon J. Wenham hat Prof. Hendrik Koorevaar in einem Aufsatz einleuchtend und überzeugend dargelegt, weshalb die fünf Bücher Mose wie eine Art Triptychon angelegt sind: 1. Mose als linke und 5. Mose als rechte Tafel und dazwischen 2. – 4. Mose als mittleres Bild in einer Einheit. Der Aufsatz kann hier (Link) online gelesen oder heruntergeladen werden. In den weiteren Ausführungen werde ich eine kurze Zusammenfassung einiger Punkte geben, die Prof. Koorevaar in diesem Aufsatz macht und diese noch etwas ausführen.

Zunächst zeigt Prof. Koorevaar, dass die Innengrenzen zwischen 2. und 3. Mose sowie 3. und 4. Mose nicht wirklich vorhanden oder wenn, dann sehr schwach sind. Das ist etwas, was mir auch schon früher beim Bibellesen aufgefallen ist: Wie bitte kann man ein Buch damit beenden, dass die Priester wegen der Herrlichkeit Gottes nicht in die Stiftshütte gehen konnten? Erst durch diesen Ansatz, den ich im Studium der Theologie in Riehen kennengelernt habe, hat dies einen Sinn ergeben. Und wenn man nun davon ausgeht, dass 2. – 4. Mose als ein einziges großes Buch zu betrachten ist, so fragte sich Herr Koorevaar weiter, was ist dann der Mittelpunkt dieses Buches? Wie ist dann der Aufbau zu verstehen? Plötzlich macht vieles mehr Sinn. Das Buch ist um ein Zentrum herum aufgebaut, und dieses Zentrum ist 3. Mose 16, das Kapitel vom Yom Kippur, dem großen, jährlichen Versöhnungstag. Es ist der Tag des stellvertretenden Sühnopfers für alle Sünden des ganzen Volkes Israel.

Ausblick ins Neue Testament

Wenn wir nun damit ins Neue Testament gehen und nach der theologischen Reflektion dieses Tages durch den Herrn Jesus und die Apostel fragen, so finden wir eine Vielzahl von Hinweisen, die immer wieder Golgatha damit verbinden. Etwa bei Johannes dem Täufer: Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! (Johannes 1,29) oder auch in der Offenbarung: Und ich sah, und siehe, in der Mitte des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten stand ein Lamm, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, welche die sieben Geister Gottes sind, die ausgesandt sind über die ganze Erde. (Offenbarung 5,6) und im Hebräerbrief: Als aber der Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen [Heils-] Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Denn wenn das Blut von Stieren und Böcken und die Besprengung mit der Asche der jungen Kuh die Verunreinigten heiligt zur Reinheit des Fleisches, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dienen könnt. Darum ist er auch der Mittler eines neuen Bundes, damit — da sein Tod geschehen ist zur Erlösung von den unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen — die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. (Hebräer 9, 11-15)

All diese (und es gibt noch unzählige weitere) Hinweise können wir nicht außer Acht lassen. Von Anfang an hat Gott die Autoren der Bibel dazu inspiriert, uns auf das Kommen des Erlösers vorzubereiten, der stellvertretend unsere Schuld bei Gott bezahlt und uns dadurch erlöst. Ich plane eine Fortsetzung zu schreiben, in welcher weitere Teile der Bibel untersucht werden sollen, wie sie uns auf die Erlösung durch den stellvertretenden Tod und die Auferstehung Jesu Christi vorbereiten. Weitere Hinweise finden sich übrigens auch in meinem PDF „Als die Zeit erfüllt war“ (Link)

Weltgeschichte – biblisch betrachtet

Nach dem biblischen Verständnis ist die Weltgeschichte die Geschichte von Gottes Handeln in der Welt. Für den Christen ist Jesus Christus – Sein Leiden und Sterben am Kreuz von Golgatha und Seine Auferstehung – das Zentrum der Geschichte. Deshalb ist die Geschichte nicht ein ständiger Fortschritt, je mehr die Vernunft vom Glauben getrennt wird. Vielmehr ist diese Trennung ein Rückschritt, denn sie führt vom Mittelpunkt der Geschichte weg. Wenn Jesus Christus die Mitte der Geschichte ist, dann kann nur dann von einem Fortschritt gesprochen werden, wenn immer mehr Menschen vom Herrn Jesus hören und beginnen, ihr Leben der Herrschaft Jesu unterzuordnen. Weltgeschichte ist deshalb die Geschichte, die auf ihr Zentrum hinläuft und von ihm herkommend darauf zeigt.
Ich möchte deshalb einige Linien der frühen Weltgeschichte verfolgen und zeigen, wie sie alle zusammen auf den einen Mittelpunkt, Jesus Christus, hingelaufen sind. Jede dieser Linien hat die Bühne unserer Welt dafür vorbereitet, dass das größte Spektakel der Weltgeschichte stattfinden konnte.