Vergötzung der Macht im metaphysischen Vakuum

Bereits Friedrich Nietzsche hat vom Tod Gottes geschrieben. Was hat er damit gemeint? Er hat in seiner Zeit und seinem Umfeld eine Stimmung wahrgenommen, die mit dem tiefen Nachdenken über Gott und die Welt abgeschlossen hatte. Er lebte in einer Zeit des Umbruchs, man könnte sagen einer Stimmung, die von vielen internen Widersprüchen und Inkohärenzen geprägt war. Diese Stimmung beinhaltete einerseits einen Glauben an den Fortschritt, der durch immer neue Erfindungen und Entdeckungen gespeist wurde. Gerade der Darwinismus hatte ein neues Gebiet eröffnet, in welchem der Mensch sich gottgleich fühlen konnte. Endlich war eine Möglichkeit gefunden, wie man die Welt ohne göttliches Eingreifen erklären zu können glaubte. In diese Allmachtsphantasie hinein schrie Nietzsche: Gott ist tot! Wir haben ihn getötet, ihr und ich! Wir haben die Erde von der Sonne losgekettet!
Tatsächlich – was bleibt uns noch übrig, nachdem wir Gott aus dem Leben und der Welt ausgeklammert haben? Der Mensch – so Nietzsche – ist ein „Heerdenthier“, ein Tier, das in der Herde lebt und von den Stärksten geführt werden muss. Das Christentum ist für ihn eine Religion mit einer „Sklavenmoral“, weil dort Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Vergebung statt eigenmächtiger Vergeltung und menschliche Rache gepredigt wird. Er sieht den Ursprung des Christentums im babylonischen Exil und im späteren römischen Reich, wo das jüdische Volk keine eigene Rechtsprechung hatte, sondern entweder als Sklaven der Babylonier deren Willkür ausgesetzt oder später als Bewohner des römischen Reichs der dortigen Rechtsprechung unterworfen war. In diesem Klima habe sich der Gedanke ausgeprägt, dass das Schwache durch die Schwachheit das Starke überwinden könne. Und dann sieht Nietzsche, wie dieses Denken im Laufe der Jahrhunderte ausgehöhlt worden war. Die Menschen sind selbständiger geworden, haben begonnen, autonom zu denken, haben sich gegen die herrschenden Klassen aufgelehnt, und plötzlich sind die Schwachen zu Starken geworden. Diese Umkehr hat das Fundament des Christentums aufgeweicht.
Verlassen wir einen Moment Nietzsche und werfen einen Blick in die Geschichte. René Descartes hat versucht, zur Wahrheit zu kommen, indem er alles angezweifelt hat. Am Ende gelangt er zum Schluss, dass alles bezweifelt werden kann, außer die Tatsache, dass er denkt. Zweifeln beinhaltet denken, somit ist seine Gewissheit: Ich denke, also bin ich. Auf diesem Wissen baut er dann seine ganze Argumentation auf, bis er am Schluss auf diesem Fundament sein Argument für Gott aufbaut. Mit diesem Schritt hat die Umkehr begonnen: Plötzlich ist nicht mehr der Mensch von Gott abhängig, sondern der Mensch steht im Zentrum und Gott wird nun ausgehend vom Menschen „verteidigt“. Dieser Schritt wurde in den darauffolgenden Jahrhunderten zementiert, bis hin zu Immanuel Kant, der ihn zugleich vervollständigt aber auch auf den Kopf gestellt hat. Kant hat sich gefragt: Was kann der menschliche Verstand leisten? Er ging davon aus, dass der Mensch alles, was er durch seine Sinne aufnimmt, nicht nur passiv wahrnimmt, sondern bereits aktiv verarbeitet. So sind Raum und Zeit nicht unbedingt etwas, was real außerhalb von uns stattfindet, sondern diese sind das Gerüst, in dem das Wahrgenommene verarbeitet werden. Mit anderen Worten: Für Kant ist es der Mensch selbst, der die Realität im Verstand schafft, und zwar ohne dass er das beeinflussen kann. Wahrnehmung ist somit relativ geworden.
Vermutlich ist es jetzt leichter, zu verstehen, was Nietzsche seiner Zeit sagen wollte: Die echte Philosophie hat uns jetzt nichts mehr zu sagen. Sie kann uns kein festes Fundament mehr geben, in welchem wir eine transzendente und allgemein gültige Ethik schaffen können. Unserer Vernunft sind Grenzen gesetzt. Seit Darwins Beobachtungen sind wir nun auch noch zu Tieren mutiert, zwar gut entwickelten Tieren, aber mehr auch nicht. Gott ist tot, unsere Denker und Wissenschaftler haben ihn getötet und wir sind ganz allein im endlosen Weltall zurückgeblieben, in einem kleinen Winkel im riesengroßen Nichts. Wir haben keine Menschenwürde, denn diese muss eine Erfindung des Christentums sein. Was uns jetzt noch bleibt, ist die Hoffnung auf die Evolution. Die Hoffnung, dass es eines Tages eine bessere Menschheit gibt. Für Nietzsche ist die jetzige Menschheit nur der Übergang zum Übermenschen und das Beste am jetzigen Menschen wird dann sein, wenn er nicht mehr ist, sondern ausgestorben und vom Übermenschen abgelöst sein wird. Die einzige Frage ist, wie man dorthin kommt. Und da fand er seine Lebensaufgabe. Es gab nämlich nur sehr wenige Menschen, die ihn darin verstehen konnten, deshalb schrieb er seine Bücher immer „für die Wenigen“. Er sah sich selbst als einen der wenigen, die ein solches Wissen hatten, das die Menschheit dorthin bringen konnte, über sich selbst hinauszuwachsen. Dazu mussten alle Werte im Leben überdacht und neu bewertet werden.
Nietzsche war auch ein erklärter Feind des demokratischen Gedankens. Das Denken, dass alle Menschen gleich seien, stammte für ihn auch aus der christlichen Sklavenmoral. Das führte nur dazu, dass die Schwachen und Dummen dieser Welt bestimmen könnten, wohin man geht. Man könnte ihn den ersten Postdemokraten nennen. Die Herdentiere der Menschheit brauchten ihm zufolge starke Führer, die ihre Völker autoritativ und ohne Widerspruch zu dulden ans Ziel führten. In unserer Zeit findet sich dieses Denken leider auch wieder. Politiker wie Putin, Erdogan oder auch Trump finden dort ihre Anhänger, weil sie sich in der Politik Leute wünschen, die auf den Tisch hauen können und sich durch verbale Lautstärke auszeichnen.
Auch der deutsche Philosoph Martin Heidegger war so ein Postdemokrat. Bei ihm gehörte die Unterstützung der Revolution gegen die demokratische Weimarer Republik zum Leben dazu. Er war einer der ganz frühen Unterstützer des Nationalsozialismus, und zwar weil für ihn dieses Revolutionäre im Leben das Leben erst lebenswert macht. Seiner Meinung nach war das echte philosophische Denken am Ende angelangt, weil die Wissenschaft nun diesen Teil übernommen hätten. Was blieb, war eine Lücke, die von einer starken Regierung gefüllt werden musste. Mit Heidegger und dem Ende der Philosophie habe ich mich hier (Link) etwas eingehender befasst. In einer Vorlesung sprach er 1930 davon, dass die Langeweile zur Grundstimmung der Republik geworden sei und man deshalb nach dem rufen müsse, der dem Dasein einen Schrecken einjagen könne.
Es ist klar, dass nun ein Vakuum herrscht. Über dieses Vakuum habe ich bereits vor ein paar Tagen hier geschrieben. Lautstärke, totalitäres Gehabe und Wutanfälle sind kein Substitut für ethisches Handeln oder Regieren. Was wir brauchen, ist tiefes Nachdenken über Gottes Wort und eine biblische Weltsicht mit einer bibeltreuen, klaren Ethik. Kein Jota der ganzen Bibel wird jemals hinfällig werden. Nietzsche sagte zwar, dass Gott tot sei, doch nun ist Nietzsche längst tot und viele Menschen bezeugen Gottes Eingreifen in ihrem täglichen Leben auf vielerlei Weise. Das ist einer von vielen Hinweisen, dass Gott dieses Vakuum ausfüllen kann und will. Was wir brauchen, ist eine weitere Reformation oder eine Erweckung. Eine Rückkehr zum einen, dreieinen Gott der Bibel. Eine Rückkehr zu Gottes Wort, der Bibel. Eine Rückkehr zum wörtlichen Verständnis der Bibel, bei welchem deren Ereignisse und Worte als historisch echt und von Gott vollkommen inspiriert betrachtet werden. Gott liebt uns und möchte, dass wir Ihn lieben. Von ganzem Herzen, mit all unserer Kraft und nicht zuletzt auch mit unserem ganzen Verstand.

Weltgeschichte – biblisch betrachtet

Nach dem biblischen Verständnis ist die Weltgeschichte die Geschichte von Gottes Handeln in der Welt. Für den Christen ist Jesus Christus – Sein Leiden und Sterben am Kreuz von Golgatha und Seine Auferstehung – das Zentrum der Geschichte. Deshalb ist die Geschichte nicht ein ständiger Fortschritt, je mehr die Vernunft vom Glauben getrennt wird. Vielmehr ist diese Trennung ein Rückschritt, denn sie führt vom Mittelpunkt der Geschichte weg. Wenn Jesus Christus die Mitte der Geschichte ist, dann kann nur dann von einem Fortschritt gesprochen werden, wenn immer mehr Menschen vom Herrn Jesus hören und beginnen, ihr Leben der Herrschaft Jesu unterzuordnen. Weltgeschichte ist deshalb die Geschichte, die auf ihr Zentrum hinläuft und von ihm herkommend darauf zeigt.
Ich möchte deshalb einige Linien der frühen Weltgeschichte verfolgen und zeigen, wie sie alle zusammen auf den einen Mittelpunkt, Jesus Christus, hingelaufen sind. Jede dieser Linien hat die Bühne unserer Welt dafür vorbereitet, dass das größte Spektakel der Weltgeschichte stattfinden konnte.
 

Selbstgezimmerte Geschichte

Dies ist der dritte Teil einer Serie. Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 4. In diesem Teil möchte ich der Frage nachgehen, wie Siegfried Zimmer in seinem Buch mit der Geschichte und insbesondere der Kirchengeschichte umgeht.
Was sind Glaubensbekenntnisse?
Interessant ist der Umgang von Zimmer mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen. Es scheint, als würde er diese durchaus über die Bibel stellen. Die Bibel darf kritisiert werden, das Apostolische Bekenntnis darf nicht einmal hinterfragt werden: „Glaubensbekenntnisse sind aber eine besondere Sorte von Texten. Es sind Basistexte, die das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie sind von vornherein in der Absicht geschrieben worden, vielen Menschen eine verbindliche Orientierung zu geben.“ (S. 50) Soweit gut und richtig, aber Zimmer verkennt damit grundsätzlich, dass diese Bekenntnisse aus einem Kontext und einer Zeit stammen. Sie sind – im Gegensatz zur Bibel – nicht inspiriert und somit auch nicht unfehlbar. Außerdem ist es nicht ganz korrekt, wenn Zimmer nur sagt, dass sie das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie wurden vielmehr in den Diskussionen der frühen Kirche um die richtige Lehre verfasst, das heißt, sie widerspiegeln immer auch die notwendigen Abgrenzungen gegen die Irrlehren der jeweiligen Zeit.
Warum also war die Bibel in den frühen Glaubensbekenntnissen nicht enthalten? Nach der frühen Kritik der Bibel durch den Marcionitismus (Marcion sagte, dass das AT und große Teile des NT, eigentlich alles, was judenfreundlich war, nicht vom Gott der Bibel stammen könne, weil der jüdische Gott der Widersacher des christlichen Gottes sei) und nachdem der Umfang der Bibel (Kanonisierung) von der ganzen frühen Kirche bestätigt war, gab es für viele Jahrhunderte keinen Zweifel mehr an der Bibel. Sie wurde als von Gott inspiriert, fehlerlos und oberste Autorität für Lehre und Leben betrachtet. Das änderte sich erst im Zuge der Aufklärung. Es gab somit keine Notwendigkeit, die Lehre von der Bibel in einem Glaubensbekenntnis unterzubringen, weil sie allgemein anerkannt war.
Worüber es hingegen längere Diskussionen gab, war die Lehre vom dreieinen Gott und besonders die Natur Jesu Christi: Dass Er gleichzeitig ganz Mensch und ganz Gott ist und dass diese zwei Naturen weder vermischt noch getrennt sind, und was das für den Glauben und die Erlösung genau bedeutet. Deshalb wurde die Person Jesu Christi in den Bekenntnissen so ausführlich behandelt. Wir sehen also: Das Glaubensbekenntnis ist nicht einfach nur eine Kurzfassung von allen wichtigen Punkten, sondern vor allem ein Dokument, aus dem man die jeweils wichtigen und zur jeweiligen Zeit diskutierten Themen erkennen kann. Deshalb liegt Zimmer auch mit seinem Argument falsch, dass die Bibel im Apostolikum absichtlich nicht erwähnt wurde (S. 50) Mit den Jahrhunderten kam es jedoch zu einer anderen Entwicklung: Innerhalb der katholischen Kirche bekam die Tradition und das päpstliche Lehramt dasselbe Gewicht wie die Bibel – mit anderen Worten: Es ging darum, dass theologische Laien die Bibel nicht selbst lesen durften oder konnten, weil sie sie ja falsch auslegen könnten. Im Zuge der Reformation kam deshalb wieder die Frage nach der Lehre von der Bibel auf, und Luther machte klar, dass die ganze Bibel Gottes Wort ist und sie alleingenügsam ist und jeder sie selbst lesen und verstehen kann.
Bei Zimmer findet sich übrigens eine ähnliche Entwicklung wie in der katholischen Kirche des Mittelalters: Um die Bibel richtig zu verstehen, bedarf es des Lehramts der historisch-kritischen Theologie. Kein Wunder, dass Zimmer und die übrigen Redner von Worthaus zu einer Art Papst für progressive Evangelikale werden. Das neue „Anathema“ heißt nun einfach „fundamentalistisch“ und „granatendoof“.
Martin Luther als Bibelkritiker
Die Lieblingsfigur Zimmers ist Martin Luther. Wie so manch ein anderer liberaler Theologe vor ihm findet er in den Schriften Luthers allerlei, was er nach eigenem Gusto gebrauchen kann. Die 120 Bände der Weimarer Ausgabe der Werke Luthers sind schließlich eine gute Fundgrube. Da darf man nicht vergessen, wie Luther von allen Seiten unter Angriffen stand und dass auch er eine Entwicklung durchgemacht hat (wie übrigens alle anderen Reformatoren auch). Luther musste an allen Fronten zugleich kämpfen: Spiritualistische Täufer, die meinten, sie bräuchten wegen dem Heiligen Geist keine Bibel mehr, skeptische Freunde wie Erasmus, Katholiken, die ihn wieder zurecht bringen wollten, Bilderstürmer, die am liebsten alles ausgerottet hätten, was sie irgendwie an die katholische Zeit erinnern konnte, und so weiter. Mit all diesen Problemen setzte Luther sich aktiv auseinander – und das findet sich nun in dieser Werksausgabe. Kein Wunder, dass sich da einiges findet, was sich zu Rechtfertigungszwecken aller möglichen Agenden eignet.
Martin Luther kannte zwei Kategorien der Bücher: Solche, die zum biblischen Kanon dazu gehören, und andere, die es nicht tun. Er schrieb zu den Apokryphen, dass sie wertvoll zu lesen seien, aber ganz klar von der Bibel zu unterscheiden sind. Ich gebrauche dazu gern den Vergleich: Die Apokryphen sind ungefähr so, wie wenn ich einige der Predigten von C. H. Spurgeon in der Bibel mitdrucken würde. Diese Predigten sind sehr erbaulich zu lesen, aber sie sind nicht Gottes inspiriertes Wort.
Innerhalb der Bibel hatte Martin Luther bestimmte Präferenzen, etwa für den Brief an die Römer. Diese Präferenz kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie ist bei Luther wie bei mir biographisch bedingt. Martin Luther wurde das Evangelium klar, als er Römer 1, 16 – 17 studierte und er begriff, dass Gottes Gerechtigkeit ihm durch Jesus Christus zugesprochen und juristisch übertragen wurde. Bei mir war es eine Predigt über Römer 6, 12, die mir den geistlichen Bankrott aufzeigte und ein paar Tage später Römer 10, 9 – 11, die der Heilige Geist nutzte, um mir neues Leben zu schenken. So darf es sein, dass man bestimmte Teile der Bibel einfach ganz besonders wertvoll findet. Trotzdem verbindet Martin Luther und mich auch die Haltung, dass innerhalb der Bibel Gottes Wort überall zu finden ist, und zwar ganz direkt, weil es Gott so wollte. Wenn nun Siegfried Zimmer versucht, Luther als Bibelkritiker zu missbrauchen, ist das sehr weit hergeholt.
In der Auseinandersetzung mit der katholischen Theologie der Scholastik, in welcher auch die Aussagen der Kirchenväter sehr viel Wert beigemessen bekamen, sagte Luther deshalb: „Oder sag, wenn du kannst, wer ist der Richter, der eine Frage abschließt, wenn doch der Väter Aussprüche miteinander kämpfen? Es ist nämlich nötig, dass hier nach dem Wort als Richter ein Urteil gefällt wird, und das kann nicht geschehen, wenn wir nicht der Schrift den obersten Platz geben in allen Dingen, die den Vätern zugeteilt wird, das bedeutet, dass sie selber durch sich selbst das Allergewisseste, Allerleichteste, am allerbesten Zugängliche, das, was sich selbst auslegt, allen alles prüft, beurteilt und erleuchtet.“(Weimarer Ausgabe Bd. VII, S. 97) Hier haben wir Martin Luthers hermeneutisches Prinzip: Die Bibel legt sich selbst aus und nicht irgend eine hysterisch-kritische Methode.
Die Geburt der Bibelkritik
Natürlich kann man einwenden, dass es bereits zur Zeit des Neuen Testaments eine Form der Bibelkritik gab. Die allererste Bibelkritik findet sich übrigens in 1. Mose 3: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ Marcion, den wir am Anfang erwähnten, war ein Bibelkritiker. Aber die eigentliche systematische Bibelkritik ist im 18. Jahrhundert entstanden – und zwar mitten in der pietistischen Erweckungsbewegung. Nachdem Martin Luther und die übrigen Reformatoren gestorben waren, kam die Frage auf: Wie weiter? Besonders im Luthertum wurde das Bekenntnis zur richtigen Lehre ins Zentrum gerückt. Das ist sehr wichtig und gut, aber es ist eben nicht alles. Das persönliche Leben wurde ausgeklammert, indem man der Lehre diesen Platz zuwies. Im Pietismus wurde das persönliche Element wieder entdeckt. Leider wurde ihm darin so einen prominenten Platz zugewiesen, dass plötzlich alles subjektiv wurde. In diesem Klima las jeder die Bibel für sich und nur mit der Frage: Was will Gott mir heute sagen? Ein Mann wuchs auch so auf im Pietismus. Er wurde Professor an der Universität in Halle. Sein Name war Johann Salomo Semler, und er vertrat die Ansicht, dass die Bibel zwar Gottes Wort enthält, aber dass Gottes Wort darin erst gesucht und gefunden werden müsse. Das war 1771.
1787 hielt Johann Philipp Gabler in Altdorf seine Antrittsvorlesung. Mit ihr begann eine weitere neue Bewegung, nämlich die sogenannte „Biblische Theologie“. Gabler forderte, dass man die Bibel für sich auslegen muss, ohne zuerst die Dogmatik (Systematische Theologie) benutzen zu müssen. In der Biblischen Theologie werden viele Grundfragen geklärt: Wie gehören das Alte und Neue Testament zusammen? Was ist der rote Faden durch die Bibel hindurch? Was bedeutet ein bestimmtes Wort genau an dieser einen Stelle und warum steht genau dieses Wort da? Und so weiter. Leider wurden die Anliegen der Herren Semler und Gabler miteinander vermischt und haben zusammen die historisch-kritischen Methoden begründet. Wer sich für die weitere Geschichte interessiert, findet hier (Link) ein Dokument, das ich dazu zusammengestellt habe. Meine Kritik an der Kritik möchte ich für den nächsten und abschließenden Teil dieser Blogserie aufheben.

Belle Gibson, ein Shitstorm und eine Lehre für Evangelikale

Ein kompliziertes Leben, ganz authentisch, ganz menschlich wie du und ich, ein Leben mit Schmerzen, Krankheit und allem, was dazugehört. Ihr Wunsch und Ziel: Nur noch kurz die Welt retten.
Wenn der Zweck das Mittel heiligt
2013 wurde die australische Bloggerin über Nacht berühmt, weil sie behauptete, sie habe sich selbst von einem Hirntumor und einer ganzen Liste anderen unheilbaren Krebsarten geheilt – und zwar mit einer Diät und alternativen Heilmethoden. Sie wollte andere dazu bringen, etwa darauf zu achten, glutenfreie Nahrungsmittel zu kaufen und auf andere Dinge wie Koffein zu verzichten.
Mit einer Smartphone-App und einem dazugehörigen Kochbuch konnte sie ein ganzes Wellness-Imperium aufbauen. Sie behauptete mehrmals, dass sie 300’000$ für einen gemeinnützigen Zweck gespendet habe (das Geld kam jedoch bei den genannten Organisationen nie an).
Einige Leute haben sich an ihre Tipps gehalten, um ihre eigenen Krebserkrankungen zu bekämpfen. Sie ließen sich nicht bestrahlen, sondern machten die Diät nach Gibson und dazu ihre alternativen Heilmethoden. Im Februar diesen Jahres erlag eine Patientin ihrer Krankheit, weil sie sich der üblichen Krebsbekämpfung verweigerte und sich stattdessen an Gibsons Empfehlungen hielt.
Nach einigem Hin und Her, zahlreichen gelöschten Blogposts und manchem Hickhack mehr stellte sich nun heraus: Belle Gibson war niemals an Krebs erkrankt, noch hatte sie eine Ahnung, was Krebs bewirkt. Aber sie hatte es ja nur gut gemeint, sie war so voller Leidenschaft für die gesunde Ernährung. Sie war so sehr von ihrem guten Ziel überzeugt, dass sie das Erfinden einer falschen Geschichte für gerechtfertigt sah.
Ein Shitstorm, für den ich dankbar bin
Was sich darauf ereignete, ist schnell gesagt: Es gab in den sozialen Medien einen recht großen Shitstorm. So bezeichnet man ein Sturm der Entrüstung, der online und sehr unberechenbar über jemanden oder etwas heraufzieht. Solche Shitstorms sind etwas Zwiespältiges, denn die User, die mitmachen, schaukeln sich gegenseitig hoch und sehr häufig ist da viel Hass zu spüren. Auch ist der Shitstorm eine neue Art der Selbstjustiz, die eine Person vor ihrer tatsächlichen Verurteilung schon wirtschaftlich und sozial ruinieren kann.
Aber was sagt uns dieser Shitstorm im Fall von Belle Gibson? Wir haben es mit einer Generation zu tun, der die Wahrheit wichtig ist. Die junge Generation ist nicht einfach gleichgültig der Wahrheit gegenüber. Sie will sich nicht verarschen lassen nach dem Motto „Wahrheit ist immer subjektiv“. Und weil ich diese neue Suche nach der Wahrheit schon länger feststellen kann, bin ich auch diesmal wieder dankbar für die Erinnerung daran.
Was lerne ich als Evangelikaler daraus?
Zum Schluss möchte ich noch etwas mitnehmen für mich als einfacher, evangelikaler Christ. Als erste Überschrift habe ich das Schlagwort gewählt „Wenn der Zweck das Mittel heiligt“. Belle Gibson hatte ein Anliegen, und zwar eines, das ich in Grundzügen gut finde. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen lernen, sich gesünder zu ernähren. Dabei lehne ich einige Inhalte ihrer Lehre ab, etwa ihre Glutenophobie und Laktosephobie oder auch die ayurvedischen Praktiken, die aus der traditionellen hinduistischen „Medizin“ stammen. Aber grundsätzlich finde ich es gut, dass sie sich für ihr Anliegen, nämlich die gesunde Ernährung, einsetzt.
Ihr Problem ist jetzt, dass für sie bei so einem guten Zweck die historische Wahrheit plötzlich zur Nebensache wird. Ihr Sendungsbewusstsein erlaubt ihr plötzlich, Geschichten zu erfinden, die die Menschen bewegen. Und hier sehe ich eine Parallele zu einem Phänomen, das ich im Evangelikalismus schon häufig beobachtet habe. Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten, die gerne erzählt und per Mail verschickt oder auf Facebook gepostet werden, die historisch gesehen nicht nachweisbar sind. Es sind viele frei erfundene Geschichten, meist tragen sie am Ende „Autor unbekannt“. Wo „Autor unbekannt“ steht, bin ich immer sofort skeptisch. Warum soll ich eine Geschichte lesen, die historisch nicht verifizierbar ist? Besonders beliebt sind etwa „Geschichten“ von John Wesley. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was ihm nicht hätte passiert sein sollen.
Ich lese gerne gute Romane. Etwa von George Orwell „1984“ und andere. Dort steht vorne drauf nicht nur der Autor, sondern noch ein weiteres Wort, nämlich „Roman“. Dann weiß ich: Das Buch ist frei erfunden. Es erhebt nicht den Anspruch, wahr zu sein. Wo das aber nicht drauf steht, sondern von realen Menschen erzählt, sollte man davon ausgehen können, dass die Sache stimmt und sich deshalb auch nachprüfen lässt. Doch häufig sind es solche Romane, die nicht als Romane gekennzeichnet werden, die uns da wieder und wieder vorgesetzt werden.
Mir tut da die junge Generation leid. Sie sucht die Wahrheit, will wissen und verstehen können, was tatsächlich passiert ist. Die Bibel ist historisch wahr, nicht nur auf irgendeine „geistlich-mystische“ Art. Sie lässt sich nachprüfen und verstehen. Leider werden unserer neuen Generation heutzutage häufig mehr Romane und Belle-Gibson-Märchen aufgetischt als die eine, reine, historisch verifizierbare Wahrheit der Bibel.

Philosophiegeschichte in Romanform

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das mich in ganz besonderer Weise geprägt hat. Ich bin damit vor 20 Jahren erstmals in Berührung gekommen. Damals war ich 9 Jahre alt und gerade bei meinen Großeltern zu Besuch. Damit mich damals ein Buch faszinieren konnte, musste es mindestens 300 Seiten haben – je dicker desto besser. Und so habe ich mich bei meinem Opa in sein kleines Lese- und Schreibstüble zurückgezogen und durchsuchte das Bücherregal nach interessanten Büchern. Dabei stieß ich auf eins, das mir dick genug erschien. Es trug den Titel: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. In meinen jungen Jahren habe ich noch nicht alles verstanden, was ich darin gefunden habe. Aber mein Interesse war geweckt. Inzwischen habe ich das Buch dreimal gelesen und hoffentlich etwas mehr davon kapiert. Was mich jedoch von den ersten Seiten des ersten frühen Lesedurchgangs geprägt hat, sind drei Dinge:
1. Geschichte ist wichtig. Man kann unsere Zeit und unser Leben nur verstehen, wenn man die Geschichte des menschlichen Lebens verfolgt.
2. Tiefes und scharfes Nachdenken darf nicht vernachlässigt werden. Ich bin von meiner Persönlichkeit her ein eher emotionaler Mensch, und ich denke, dass mir diese Liebe zum tiefen Nachdenken hilft, die Balance zu halten.
3. Es ist wichtig, dass man in allem erst einmal die verschiedenen Sichtweisen anschaut, bevor man sich einer Meinung anschließt.
Ok, soweit erst mal meine persönliche Reise zu und mit dem Buch Sofies Welt. Der Autor des Buches, Jostein Gaarder, hat Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft studiert und ist freier Schriftsteller und Autor zahlreicher Bücher in Norwegen. Er löste vor ein paar Jahren eine Kontroverse aus, weil er sich gegen Israel als Staat gewandt hatte. Da kann ich mit ihm nicht mitgehen. Auch das Buch Sofies Welt enthält manche Punkte, in denen ich mit Gaarder nach einigem Überlegen nicht einig bin. Aber auch hier gilt: Prüfet alles und das Gute behaltet. Und davon enthält der Roman eine ganze Menge.
Sofies Welt hat eine doppelte Rahmenerzählung, die ihrerseits auch wieder philosophisch ist. Das macht das Buch etwas kompliziert zu lesen. Bei meinem ersten Durchgang vor 20 Jahren bin ich manchmal an diesem doppelten Rahmen beinahe verzweifelt. Im äußeren Rahmen geht es um Hilde und ihren Vater Albert Knag. Doch diese werden erst später im Roman eingeführt. Zu Beginn findet sich der Leser gleich in der inneren Rahmenhandlung, wo Sofie Amundsen, nach welcher das Buch benannt ist, Briefe von einem Alberto Knox bekommt. Dieser gibt ihr einen Philosophiekurs, in dessen Verlauf deutlich wird, dass sie „nur“ Figuren in der Fantasie eines Majors (Hildes Vater) sind. Sie bemerken das auch und versuchen, sich zu verselbständigen. Gegen Ende des Buches verschwimmen die Grenzen der zwei Rahmenhandlungen – bis es Sofie und Alberto gelingt, zu fliehen.
Der eigentlich wichtige Inhalt sind jedoch die einzelnen Teile des Philosophiekurses, den Alberto Sofie gibt. Die Rahmenhandlungen haben vor allem zwei Aufgaben: Die Spannung aufrechterhalten – das Buch hat über 600 Seiten – und in sie sind auch immer wieder Beispiele eingeflochten, die dem Leser helfen, die eigentlichen Lektionen des Buches zu verinnerlichen. Sofie ist eine sehr neugierige Schülerin, sie stellt immer wieder Fragen und will Beispiele wissen, welche die gesamte Philosophiegeschichte sehr gut verständlich machen.
Gaarder beginnt mit der antiken Mythologie und arbeitet deren Weltbild heraus. Dann geht es weiter über die Vorsokratiker und die großen Philosophen der griechischen Antike. Jeder Philosoph wird vorgestellt, seine wichtigsten Gedanken zusammengefasst und mit vielen lebensnahen und leicht verständlichen Beispielen geschmückt. Die Reise führt weiter über das Mittelalter, unter anderen etwa Descartes und seine Zeit, die Aufklärung, wobei ich sagen muss, dass ich Kant und Hegel ganz besonders gut dargestellt finde. Das sind zwei Denker, die es ihren Lesern nicht gerade einfach machen. Mit Ch. Darwin und S. Freud hört die Darstellung der einzelnen Philosophen auf. Der Philosophiekurs endet mit einem kurzen Überblick über das 20. Jahrhundert aus der Vogelperspektive, bevor ganz am Ende die beiden Rahmenhandlungen zusammenfallen und den Leser etwas überrascht und unzufrieden zurücklassen.
Gaarder lädt ein zum Nachdenken, zum Hören auf frühere Stimmen, zum Lernen aus der Vergangenheit. Auch wenn man seiner Beurteilung der Philosophen nicht unbedingt in allen Fällen zustimmen muss, hat er ein sehr wertvolles Werk geschaffen, das ich gerne weiterempfehle.
Auch unsere Zeit ist nicht das Nonplusultra. Jede Zeit hat ihre Stärken, Schwächen und blinden Flecken. Wie C. S. Lewis einmal sinngemäß sagte: Wir können leider nicht auf die zukünftigen Stimmen hören, wie sie unsere Zeit eines Tages beurteilen werden. Deshalb brauchen wir die früheren Stimmen, die uns viel zu sagen haben.

Robert Letham – Die heilige Dreieinigkeit

Letham, Robert, The Holy Trinity, P&R Publishing Company, Phillipsburg, 2004, 551 Seiten
Wer mich kennt, weiß, dass ich ein begeisterter Leser bin, der an Büchern so ziemlich alles verschlingt, was ihm in die Hände gerät. Doch um dieses Buch zu beschreiben, sind wohl so ziemlich alle Superlative zu klein. Ich möchte es vergleichen mit Jostein Gaarders „Sofies Welt“, das mir vor 20 Jahren den Blick für die interessanten Fragen der Philosophie und die Wichtigkeit der Kulturgeschichte geöffnet hat, oder mit Stephen Kings „Es“, welches ich vor etwa 15 Jahren kaum aus den Händen legen konnte. Doch dieses Buch von Letham ist anders. Es ist kein Roman, sondern eigentlich ein Lehrbuch. Es geht um die biblische Lehre von der göttlichen Dreieinigkeit. In vier Teilen und insgesamt 20 Kapiteln wird dargelegt, was die Bibel dazu sagt, wie sich die Lehre in der frühen Theologiegeschichte entwickelt hat, was wichtige Theologen des 20. Jahrhunderts dazu geschrieben haben und welche praktischen Auswirkungen diese Lehre für unser tägliches Leben haben. Eins ist das Buch allerdings nicht – es ist keine trockene Abhandlung von Lehrsätzen, sondern ein fesselndes Werk, das ich trotz der Länge von über 500 Seiten in wenigen Tagen verschlungen habe.
Zu Beginn – noch in der Einleitung – kommt Letham zum Schluss, dass die Dreieinigkeit nicht nur lange Zeit stark vernachlässigt wurde, sondern auch in der heutigen Zeit häufig zu falschen Lehren führt. Er zeigt auf, dass die Dreieinigkeit – ein Gott in drei Personen und drei Personen in einem Gott – wie eine Schaukel ist, auf der man auf zwei Seiten kippen kann. Wenn man die Einheit Gottes zu stark betont, lehrt man sehr schnell drei Personen, die lediglich verschiedene Erscheinungsformen desselben Gottes sind, und dabei die ewigen Unterschiede zwischen den drei Personen verwischt. Das nennt man „Modalismus“ (von lateinisch „modus“ für „Erscheinungsform“). Auf der anderen Seite steht man in Gefahr, die Unterschiede der drei Personen zu stark zu betonen, was dazu führt, dass man Gott Sohn (Jesus) und den Heiligen Geist zu niedrigeren Personen macht als Gott Vater. Das nennt man „Subordinationismus“, weil man damit den Sohn und den Geist dem Vater unterordnet. Letham zeigt auf, dass die meisten Christen in unserer westlichen Gesellschaft in der Praxis Modalisten sind.
Darauf folgt in den ersten drei Kapiteln ein relativ schneller Durchgang durch die Bibel. Im ersten Kapitel geht es um das Alte Testament, in welchem vor allem der eine Gott betont wird. Israel lebte unter fremden Völkern, die allesamt polytheistisch geprägt waren, also an viele Götter glaubten. Deshalb musste der eine Gott betont werden. Und trotzdem gab es implizit immer wieder Hinweise auf die Mehrzahl der Personen der Dreieinigkeit. Im zweiten Kapitel geht es um die Menschwerdung Jesu und die Beziehung Jesu zum Vater, während sich das dritte Kapitel speziell mit dem Heiligen Geist und mit den Abschnitten befasst, in welchen alle drei Personen genannt werden. An das dritte Kapitel ist ein Exkurs angehängt, der sich noch im Detail mit der Dreieinigkeit im Epheserbrief befasst. Damit ist der erste Teil „Scripture“ abgeschlossen. Mit 88 Seiten ist der Platz recht knapp bemessen, aber Letham schafft das Erstaunliche, so ziemlich alles total Wichtige in diese Seiten hineinzulegen. Die Fußnoten sind auch immer einen Blick wert und haben mir manch ein weiteres Buch schmackhaft gemacht. So ähnlich geht es mir beim Lesen von guten Büchern oft: Ein Buch ist abgehakt, dafür ein gutes Dutzend neue auf der Liste.
Der zweite Teil besteht aus den Kapiteln vier bis zwölf. In diesen wird die Auseinandersetzung um die Lehre von der Dreieinigkeit behandelt. Letham zeigt, dass die biblische Idee von der Dreieinigkeit, die ja bereits im Neuen Testament deutlich angelegt war, von Anfang an in der frühen Kirche anerkannt war. Der Begriff selbst kam jedoch erst auf, als eine erste Bewegung diese Lehre verwerfen wollte und man sie daher begründen musste. So befasst sich das vierte Kapitel mit den ersten Christen, das fünfte mit dieser ersten Gegenbewegung, mit der arianischen Kontroverse. Im sechsten Kapitel wird uns Athanasius vorgestellt, der als Erster eine extensive Abhandlung über den Heiligen Geist geschrieben hat. Das siebte Kapitel berichtet von den drei „kappadozischen Vätern“, die aus der Gegend von Kappadozien stammten, weshalb man sie so nannte. Diese drei, Basilius der Große, sein Bruder Gregor von Nyssa und deren beider Freund Gregor von Nazianz, haben sich alle drei sehr stark mit den Fragen um die Dreieinigkeit befasst. Die Beschlüsse des Konzils von Konstantinopel 381 n. Chr gehen in großen Teilen auf diese drei zurück. Das Konzil selbst und das Glaubensbekenntnis, das dort geschrieben wurde, wird im achten Kapitel angesprochen. Das neunte Kapitel zeigt den Einfluss von Augustinus auf. Dann kommt eine längere Zeit, in der wenig geschehen ist. Die Sicht von Augustinus war für den westlichen Teil der Kirche wichtig, die Arbeit der kappadozischen Väter für den östlichen Teil der Kirche, doch zunehmend wurden die Differenzen größer. Die Ostkirche betonte immer mehr die Unterschiede der drei Personen, die Westkirche immer mehr die Einheit. Was daraus folgte, war 1054 n. Chr die Trennung der beiden Kirchen in die katholische und die orthodoxe Kirche. Letham zeigt diese Entwicklung und die Spaltung in den Kapiteln zehn und elf auf, und widmet das zwölfte Kapitel dem Reformator Johannes Calvin.
Im dritten Teil geht es in den Kapiteln 13 – 16 um die wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Zuerst um Karl Barth. Dieser hat die Dreieinigkeit als Zentrum der Theologie aufgestellt. Seine Schwäche ist jedoch, dass er den Heiligen Geist nicht als Person, sondern vielmehr als eine Kraft betrachtet. Im Kapitel 14 geht Letham auf die drei westlichen Theologen Karl Rahner, Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg ein. Alle drei neigen zu einer Art Panentheismus (der Lehre, dass Gott zwar von der Schöpfung zu unterscheiden ist, aber dass Gott in der Schöpfung und die Schöpfung in Gott ist und deshalb Gott von der Schöpfung oder vom Menschen in gewisser Weise abhängig ist). Letham beschreibt dies natürlich weitaus ausführlicher, ich empfehle jedem, der dies anders sieht, das Kapitel bei Letham selbst zu lesen. Drei Theologen der Ostkirche werden im Kapitel 14 beschrieben: Sergius Bulgakov, Vladimir Lossky und Dumitru Staniloae. Wie bereits gesehen, ist die Gefahr im Osten groß, dass man die drei Personen zu stark betont, was auf Kosten der Einheit des einen Gottes zu drei einzelnen Göttern führt. Das 16. Kapitel stellt den Theologen Thomas F. Torrance vor, dessen Auseinandersetzung mit der Dreieinigkeit laut Letham die stärkste ist unter den wichtigen zeitgenössischen Beiträgen. Torrance hat unter Karl Barth studiert, ist aber kein typischer Barthianer, sondern versucht auf kreative Weise zu zeigen, dass sich die östliche und die westliche Kirche im Prinzip eben doch nicht so sehr unterscheiden. Er möchte mehr Einheit unter den Kirchen erreichen. Er geht deshalb hinter Augustinus zurück, dorthin, wo sich alle noch einig waren über das Wesen der Lehre von der Dreieinigkeit.
Der vermutlich wichtigste Teil für unsere Zeit ist der krönende Abschluss des Buches. In den Kapiteln 17 – 20 geht es um die Praxis. Letham zeigt, welche Konsequenzen die Lehre von der Dreieinigkeit für unser Leben im Alltag und in der Gemeinde hat. Hierzu ein paar wichtige Zitate:
We worship the Father, who chose us in Christ before the foundation of the world, who planned our salvation from eternity, who sent his Son into the world and gave him up for us. We worship the Son, in filial relation to the Father, who willingly “for us and our salvation” was made flesh, who submitted himself to a life in a fallen world, who trod a path of lowliness, temptation, and suffering, leading to the cruel death of the cross. […] We worship the Holy Spirit, who gives life and breath to all, who grants us the gift of faith, who sustains us through the difficulties of life as Christians in a world set in hostility to God, and who testifies the Son.“ (S. 419)
There is a need to refocus Western hymnody. We need more Trinitarian hymns. There was an outpouring of such hymns following the Trinitarian crisis, but by the high Middle Ages this had slowed to a trickle, eventually to dry up altogether.“ (S. 422)
Chief of all, the Trinity must be preached and must shape our preaching. Preaching is the high point of worship. Not only must the Trinity be preached, but all preaching must be shaped by the active recognition that the God who is proclaimed is triune. A Trinitarian mind-set must become as integral to the preacher as the air we breathe.“ (S. 423)
Who can listen to [Beethoven’s] Piano Trio in B-flat, Op. 97 (the “Archduke”), especially the third movement – the andante cantabile – and not be led behind the mundane? The question of Beethoven’s beliefs is beside the point. It is irrelevant. He was a man, made in God’s image, the master of a creative medium that God himself has made for our good and as a vehicle to glorify him. He was working with a genre that owed its development to the Christian faith. The whole notion of developing a theme, of moving progressively and purposefully to a goal, of returning after a myriad of complex modulations to a resolution, of a variety of instruments playing different notes that are all part of a single score, is based on the matrix of realities found in the created order, which the Holy Trinity put there in the work of creation itself, and reflects who he is. The turbulent rationalist Beethoven, the angst-ridden Mahler, the syphilitic Schubert, the scatological Mozart, as well as the pious Bruckner and Johann Sebastian Bach, all testify – whether deliberately, as in the case of the last two, or unwittingly – to the triune God who made them and the world around them, to his unity in diversity, purpose, structure, and beauty, which such human creativity mirrors.“ (S. 438f)
The two major challenges to the Christian faith today – the postmodern thinking of our own culture and Islam – are both deviations from the created order of unity in diversity and diversity in unity that the Holy Trinity has embedded in the world.“ (S. 442)
Postmodernism asks us to accept for itself what it denies to everything and everyone else. It denies and deconstructs absolute truth claims, yet its own claims are absolute, excluded from the relativism that it foists on the assertions of others. It claims that all human language refers only to itself. This is an absolute claim, applying to all human discourse, spoken or written. It is also reductionistic, reducing the whole of reality to one form, in this case a particular theory of language. Such reductionism is not a claim about language so much as a philosophy, a worldview, a fundamentally religious worldview.“ (S. 453)
Since God himself is love (1 John 4:16), and we have fellowship and communion with him, love is the acid test of our discipleship. If we love others, we belong to Jesus Christ. If we lack love, we are not his at all. God is a triune communion of persons. Love is intrinsic to who he is. Attributes like grace, mercy, justice, and even holiness are all relative to creatures. His wrath is relative to sinners, as the expression of his holiness in response to human sin. Love, however, belongs to who he is in himself in the undivided communion of the three persons.“ (S. 477)
Das Buch ist ein echter Genuss. Es ist leicht verständlich geschrieben, wenn auch mit einigen theologischen Fachausdrücken. Diese werden jedoch bei der Einführung des jeweiligen Begriffs sehr gut, anschaulich und verständlich erklärt. Wer also einigermaßen geübt ist im Lesen von englischen Texten und die Angst vor den Fremdwörtern überwinden kann, wird das Buch auch ohne theologische Vorbildung verstehen. Außerdem ist nach den zwei Appendizes (Anhängen) auch ein Glossar angehängt, in welchem die Fremdwörter auf insgesamt 7 Seiten noch einmal erklärt werden. Auch hier wieder verständlich und einfach. Auch ist das ganze Buch von Bibelzitaten geradezu durchtränkt und hat mich immer wieder in Lobpreis geführt beim Lesen. Es ist auch wohltuend, wie Letham sich konstruktiv-kritisch mit den Beiträgen auseinandersetzt. Es geht ihm nicht um das Abkanzeln bestimmter Autoren, sondern er sucht das Gespräch mit den Büchern der einzelnen Autoren und setzt sich wirklich konstruktiv mit ihnen auseinander. Davon will ich mir noch eine Scheibe abschneiden.
Zwei kleine Mängel sind mir dennoch aufgefallen. Zunächst gibt es Abschnitte im Buch, die mehrmals mehr oder weniger eins zu eins identisch übernommen werden. So etwa wichtige Zitate von den kappadozischen Vätern. Eins davon erscheint in der Einleitung, dann im Kapitel über die Kappadozier und im letzten Teil des Buches, bei der praktischen Anwendung gleich noch ein drittes Mal. Mit einzelnen anderen Abschnitten verfährt Letham ähnlich. Das fand ich etwas schade. Auch die Auswahl der Theologen – gerade was Mittelalter und Reformation, sowie die Zeit danach betrifft, empfand ich als etwas dürftig. Warum bei der Behandlung der Reformation etwa Martin Luther, Huldrych Zwingli oder Heinrich Bullinger gänzlich außen vor gelassen wurden, konnte ich nicht verstehen. Ebensowenig die Aussage, dass John Owen und Jonathan Edwards keine nennenswerten neuen Beiträge zur Lehre von der Dreieinigkeit beigetragen hätten (vgl. S. X im Vorwort), kann ich nicht unterschreiben.
Davon abgesehen möchte ich das Buch sehr empfehlen. Es wäre außerdem zu wünschen, dass das Buch auf Deutsch übersetzt und herausgegeben werden könnte.

Geschichtsepochen und ihre Auswirkungen Teil 1: Industrialisierung

Ich bin für viele Dinge dankbar, die uns unsere Kultur durch die Technik schenkt. Zugleich finde ich es aber auch wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass die Technik nicht nur von uns benutzt wird, sondern uns zugleich verändert. Das ist an sich auch nicht unbedingt etwas Schlechtes. Erfinden und entdecken gehört zu unserem Schöpfungsauftrag dazu: Wir dürfen die Schöpfung gebrauchen, sind aber auch für sie verantwortlich, um sie zu pflegen und für ihr Bestes zu sorgen. Doch es ist wichtig, dass wir uns bewusst werden, was dadurch mit uns geschieht. Deshalb möchte ich verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte und ihre Auswirkungen auf die Menschheit und die Schöpfung in loser Folge betrachten. 
Die Industrialisierung
Ein besonders schwerwiegender Umbruch fand durch die Industrialisierung statt. Darunter versteht man die Zeit ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie fand zunächst in England statt, wo 1712 von Thomas Newcomen die erste Dampfmaschine erfunden und in Betrieb genommen wurde. Die Dampfkraft war erstmals eine Form der Energie, die in einer Weise gelenkt werden konnte, dass sie alles übertraf, was der Mensch mit Muskelkraft leisten konnte. Die Industrialisierung ist geprägt von zahlreichen Folgen für die Menschheit:
1. Die Arbeit in der Fabrik. Viele Menschen mussten plötzlich ihre Arbeit in der Fabrik erledigen. Dort wurde sie schneller und oft auch exakter gemacht. Der Familienbetrieb musste häufig dichtmachen, weil die Preise von den Produkten aus der Fabrik günstiger waren.
2. Dadurch wurde die Familie getrennt. Der Vater arbeitete in der Fabrik, der Rest der Familie blieb zu Hause. Das Umfeld, in welchem die Kinder bisher für ihr Leben lernen konnten, ging damit verloren. Auch heute ist der Vater in vielen Fällen nur noch derjenige, der „den Müll rausträgt“, weil er viel zu wenig Zeit zu Hause mit der Familie verbringen kann.
3. Es kam zu einer Entfremdung zwischen Arbeit und Familie. Der Arbeitsplatz war von nun an die öffentliche Sphäre, während die Familie immer weiter zum Rückzug in die Privatsphäre gezwungen wurde. Durch diese Veränderung wurde die Familie auch immer weniger als wertvoll betrachtet, weshalb sich zunehmend Frauen benachteiligt fühlten. Die Auswirkungen führten zur ersten Welle der Frauenrechtsbewegung, die damals durchaus berechtigt war und für die ich dankbar bin.
4. Durch die Aufteilung der Arbeit in der Fabrik kam es zu einer Entfremdung zwischen dem Arbeiter und seinem Produkt. War bisher der Arbeiter verantwortlich, dass das Endprodukt qualitativ hochwertig war, so übernahm dies nun ein Anderer. Der Einzelne war nur noch ein kleines Rädchen im ganzen Getriebe der Fabrik.
5. Durch diese Entfremdung wird der Mensch von einer Person mit der Fähigkeit zur Verantwortung und Beurteilung zu einer Sache degradiert. Er wird zu einem Teil der Maschine, die er bedienen und überwachen muss – in Wirklichkeit wird er von ihr überwacht, kontrolliert und beherrscht. Der Mensch wird zum Sklaven der Maschine, er braucht sie zu seinem Überleben, er ist von ihr abhängig.
6. Durch den Verlust des Lernumfelds im familiären Umfeld einerseits und der stets zunehmenden Notwendigkeit der Spezialisierung wurden die Bildungsstätten immer mehr ausgelagert. Die Schulen übernahmen diese Aufgabe immer stärker und so wurden Kinder der Familie entrissen. Natürlich gab es schon immer externe Schulen, wie zum Beispiel im mittelalterlichen Kloster und an den dortigen Universitäten, aber die eigentliche Wende wurde erst mit der Industrialisierung eingeleitet.
7. All diese Veränderungen wurden in einer weiteren Entwicklungsphase noch deutlich verstärkt, als erstmals elektrischer Strom als Energieform gewonnen werden konnte, die sich beliebig in andere Energieformen umwandeln lässt. Waren es vorerst nur die Telegrafie und etwas später die Glühbirne, so kann man sich heute das Leben ohne diese Technik kaum noch vorstellen.
8. Durch diese rasante Entwicklung der Technologisierung wächst auch beständig die Kluft zwischen den Generationen. Die Entdeckung des fließenden Stroms als Energieform und die Erfindung der Computerchips sind zwei revolutionäre Meilensteine auf dem Weg der Technologisierung. Hier liegt eine große Herausforderung für die Familie in der heutigen Zeit. Es lässt sich also feststellen, dass mit dem Zeitalter der Industrialisierung ein Umbruch in der Gesellschaft stattgefunden hat, der sie in ihren Grundfesten erschüttert hat. Die Familie wurde zertrennt und seither hat der Zerfall all dessen stattgefunden, was zu den vorigen Zeiten die Gesellschaft zusammengehalten hatte.

Warum ich Geschichte wichtig finde

Nichts ist mehr, wie es war.“ Hinter diesem Gedanken kann sich eine wehmütige Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“ verbergen. Ob es diese „guten alten Zeiten“ tatsächlich jemals gegeben hat, ist eine andere Frage. Der Mensch neigt schnell dazu, andere Zeiten zu idealisieren. Doch leider ist nie alles ideal – so sehr man sich das auch wünschte. Wenn also jede Zeit mit ihren eigenen Problemen fertig werden muss, wozu sich dann mit der Geschichte beschäftigen? Hier drei ausgewählte Gründe (es gibt noch einige weitere), weshalb die Geschichte wichtig ist:
1. Zur Findung der Identität. Der Mensch ist, was seine Biographie, also seine ganz persönliche Geschichte, aus ihm gemacht hat. Und die heutige westliche Gesellschaft ist ebenfalls das Produkt ihrer Geschichte. Wenn man wissen möchte, warum bestimmte Dinge heute so gesehen werden und nicht anders, braucht man Kenntnis der Geschichte.
2. Um aus der Geschichte zu lernen. Das Leben ist zu kurz, um jeden Fehler selbst zu machen. Wer weiß, welche Fehler andere vor ihm schon begangen haben, oder auch wie sie ihre Probleme gelöst haben, kann Neues dazulernen, ohne immer und überall selbst Fehler machen zu müssen.
3. Um Alternativen aufzuzeigen. Es muss nicht jeder das Rad neu erfinden. Viele Generationen haben schon mit ähnlichen Fragen zu tun gehabt. Und verschiedene Generationen haben dieselben Fragen unterschiedlich beantwortet. Warum nicht einmal über den Tellerrand unserer postmodernen Gesellschaft hinausblicken und sich mit den Antworten früherer Generationen befassen? Es ist eine Haltung der Arroganz, zu meinen, dass die heutige Gesellschaft ihre Probleme nur auf heutige Art und Weise lösen kann. 
Und was sind Deine Gründe für (oder gegen) die Beschäftigung mit der Geschichte? 

Postmoderne Geschichtenerzähler und die Veränderung des Denkens

Postmoderne Geschichtenerzähler und die Veränderung des Denkens
Und paßt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern laßt euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. (Römer 12, 2)
Wir Menschen der Postmoderne lieben Geschichten. Wir lieben sie so sehr, dass viele Prediger inzwischen auf den Zug des Geschichtenerzählens aufgesprungen sind, sodass manche Predigten zu einer Art Geschichtenmarathon geworden sind. Ich möchte zuerst aufzeigen, warum wir Geschichten so sehr lieben, danach diese Gründe auf den Vers von Paulus aus dem Römerbrief beziehen und zum Schluss aufzeigen, wie in der Bibel Geschichte und Geschichten erzählt werden und was wir daraus lernen können für unser eigenes Leben.
1. Warum wir Geschichten lieben
Die Gründe hierfür kann man in bewusste und unbewusste, bzw. in vordergründige und hintergründige Arten von Gründen einteilen. Die bewussten und damit vordergründigen hören sich in der Regel sehr positiv an:
– Diese Geschichten kommen direkt aus dem Leben.
– Diese Geschichten bewirken etwas in mir.
– Diese Geschichten kann ich mir gut einprägen.
Nichtsdestotrotz muss man festhalten, dass durch diese Geschichten sehr wenig wirkliche, bleibende Veränderung (die Bibel nennt das „Frucht“) festzustellen ist. Deshalb müssen wir uns auch mit den unbewussten, hintergründigen und plötzlich nicht mehr so positiven Gründen unserer Kultur der Geschichten befassen:
– Die Geschichten wühlen unsere Gefühle auf und vernebeln damit das klare Denken.Wir haben uns in unserer Gesellschaft (auch als Christen) angewöhnt, die Gefühle als Maßstab für unsere Situation zu betrachten. Auch wenn wir das abstreiten oder uns nicht bewusst sind, es ist dennoch so. Wir werden von Kindesbeinen dazu erzogen, nach unseren Gefühlen zu urteilen und zu handeln. Weil uns keine absoluten Maßstäbe mehr beigebracht werden, müssen wir subjektive Maßstäbe suchen; und sobald wir mit dem Willen nicht festen Maßstäben folgen, setzen sich automatisch immer die Gefühle durch und bestimmen unser Handeln. Wir müssen hier aufpassen, dass wir die Gefühle nicht gänzlich beiseite schieben, denn auch sie sind uns von Gott gegeben und haben ihre bestimmte Funktion, aber innerhalb fester Grenzen des durch Gottes Wort veränderten Denkens. Zurück zu den Geschichten: Sie sind heutzutage immer so aufgebaut, dass sie einem Drama gleichen mit einem Höhe- (besser gesagt Tief-)punkt und dem darauf folgenden Happy-End. Dies lässt den Hörer innerlich mitgehen, er identifiziert sich für die Dauer der Geschichte mit der Hauptperson und das wirkt sich natürlich automatisch auf die Gefühle aus. Der Hörer „fühlt“ sich verändert, während lediglich seine Gefühle mitgegangen sind. Und dies vernebelt sein ganzes Denken, denn einerseits werden die Hormone in Wallung gebracht und andererseits bildet er sich gleich darauf ein, richtig verändert worden zu sein.
– Die Geschichten sind zu persönlich und zu detailreich. Während der Hörer sich bei der Erzählung dieser Geschichte mit der Hauptperson identifiziert, hört dies nach dem Ende der Geschichte plötzlich auf. Man realisiert: ich bin nicht die Person, sondern es ist die andere Person, die das subjektiv und persönlich so erlebt hat. Im Sinne von: Was Gott mit der anderen Person vorhat, wird bestimmt nicht bei mir der Fall sein. Wir werden noch sehen, wie Jesus in den Gleichnissen sehr weise mit diesem Problem umgegangen ist.
– Die Geschichten „müssen“ nicht beurteilt werden. Wir haben als Kinder unserer Zeit eine panische Angst davor, zu urteilen, sehr oft gepaart mit einer Faulheit, die das noch verstärkt. Jesus befahl uns, alles zu prüfen und wachsam zu sein. Bei Geschichten haben wir das Problem, dass sie subjektiv erlebt wurden und deshalb schon als solche „echte Erlebnisse“ gar nicht erst an der Bibel geprüft werden „dürfen“. Denn es ist ja das Erleben jener Person, also „muss“ es echt sein. Alles bewusst in Anführungszeichen, denn das Denken ist falsch. Auch das Erlebte (genauso wie alle unsere Gefühle) müssen an der Bibel ganz klar und bewusst geprüft werden. Mit Geschichten kann man das Problem „Lehre trennt, Liebe eint“ (so ein typisches falsches postmodernes Denken) elegant umgehen.
2. Die Erneuerung eures Sinnes
Unsere Welt liebt Geschichten, weil sie ein schnelles Ergebnis bringen (Stichwort: Konsumgesellschaft), denn sie sorgen für schnelle, schöne Gefühle. Geschichten werden so zu einer Art Droge, was auch in unserer evangelikalen Welt zu einer Art Event-Christentum geführt hat. Um dies wirksam zu bekämpfen, werden nun diese Gefühls-Events durch das Geschichten-Predigen in die einzelnen Ortsgemeinden hineingetragen.
Und genau hier greift das Wort von Paulus: Passt euch nicht dem Weltlauf an. Besser übersetzt: Lasst euch nicht der Welt gleichförmig machen. Wir sollen als Christen nicht gleich sein wie die Welt, sondern uns verändern lassen. Die Schwierigkeit ist folgende: Veränderung hat ihren Preis. Der Welt gleichförmig wird man automatisch. Veränderung kostet Zeit, Kraft, die Bereitschaft, auch weniger beliebt zu sein in der Welt, und so weiter. Wenn wir bei Paulus weiter lesen, wird uns bewusst, was genau verändert werden muss: Nicht die Gefühle, sondern unser Denken. Gefühle sind wie der Wind, sie kommen und gehen wie immer sie gerade wollen. Sie können leicht beeinflusst werden, aber sind sehr unstet. Unser Denken besitzt eine gewisse Konstante, die sich durchaus verändern lässt, aber durch diese Konstante ist diese Veränderung des Denkens mit deutlich mehr Aufwand verbunden. Echte Veränderung des Denkens findet dort statt, wo der Mensch sich und sein bisheriges Denken von Gottes Wort beurteilen und verurteilen lässt und aus dieser Verurteilung dazu geführt wird, das falsche Denken durch richtiges Denken zu ersetzen. Aus dem richtigen Denken gespeist können dann auch erst die richtigen Worte und Handlungen kommen.
Und dann kommt Paulus zum eigentlichen Grund, weshalb wir unser Denken überhaupt verändern lassen sollen: Damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. Ohne das veränderte Denken sind wir also nicht imstande, Gottes Willen zu erkennen! Ich denke schon, dass der Großteil der Christen wissen möchte, was Gottes Wille für sein Leben ist. Wo wir also unsicher sind, was Gottes Wille ist, da liegt es sehr oft an unserer Unfähigkeit, zu prüfen, was der Wille Gottes ist. Es liegt daran, dass wir am Anfang des Christenlebens stehen bleiben, uns von Events und Geschichtchen hin- und hertreiben lassen, uns dabei zwar für kurze Zeit gut fühlen, aber nicht wirklich im Glauben voran gehen können. Wir stehen uns selbst im Weg. Und das ist eine Katastrophe, die uns tief, tief bestürzen und ins Gebet treiben sollte.
3. Trotzdem Geschichten erzählen?
Mit dem bisher Gesagten wurde über unsere heutige Art, Geschichten zu erzählen, ein vernichtendes Urteil ausgesprochen. Nun mag der Leser einwenden: Das mag ja alles stimmen, aber man hat doch zu allen Zeiten Geschichten erzählt und Jesus war auch ein großer Geschichtenerzähler. In der Tat stimmt dies. Deshalb möchte ich zum Abschluss einen kurzen Exkurs anfügen, wie dennoch Geschichten nach dem Vorbild der Gleichnisse Jesu erzählt werden können.
Wenn man die Gleichnisse Jesu aus der Vogelperspektive überfliegt, so fällt auf, dass sie alle Konstrukte sind, die der Verdeutlichung eines bestimmten Umstands dienen. Sie gleichen einem Strichmännchen beim „Sonntagsmaler“, das eine bestimmte Tätigkeit zeigen soll. Sie sind auf das Wesentliche gekürzt, es sind keine Wendungen darin enthalten, die Anlass geben, sich mit der Person auf emotionaler Ebene zu identifizieren. Es sind keine unnötigen Details enthalten, jedes Detail, jeder Nebensatz dient lediglich der Verdeutlichung der Hauptaussage des Gleichnisses. Abgesehen von Lazarus wird keine Person mit Namen genannt, und auch dort nur, um aufzuzeigen, dass im Himmel die Namen der Gläubigen bekannt sind und um dies in den Gegensatz zum „unbekannten“ reichen Mann zu setzen. Ansonsten geht es immer um einen Sämann, einen König, ein Ackerfeld, ein Knecht, und so weiter. Deshalb fällt die Anwendung auf die eigene Person auch viel leichter. Und genau das bezwecken diese Geschichten Jesu auch. Es geht um die Anwendung, also um die Veränderung des Denkens und dadurch des Handelns.
Wenn wir also Geschichten erzählen wollen, so ist es wichtig, dass danach der Zusammenhang auf jeden einzelnen Hörer ganz deutlich herausgearbeitet wird. Geschichten verändern nicht von sich aus, es ist die aus ihr gewonnene Lehre, die, auf den Hörer angewandt, zu einer Veränderung führt. Jesus gibt uns als ein wunderbares Beispiel die Deutung vom Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. Er wendet es Schritt für Schritt auf seine Zuhörer an. Nach diesem Vorbild können auch wir vorgehen. Aber wir dürfen niemals bei der Geschichte stehen bleiben und den Rest dem Hörer überlassen. Die Hauptaufgabe bei jeder dieser Geschichten ist die Auslegung und Anwendung auf den einzelnen Hörer. Ebenso müssen wir lernen, sie so zu beschränken, dass jedes Detail dann tatsächlich auch angewandt werden kann. Und dies ist eine ganz große Herausforderung in einer Zeit, von der Paulus sagte, dass die Menschen „immerzu lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2. Tim. 3, 7) und den Fabeln hinterherjagen und dem, was in den Ohren kitzelt (also dem, was sich gut anfühlt).
Hier ist unsere große Verantwortung, zur Gleichförmigkeit mit der postmodernen Welt ein klares „Nein“ zu haben und uns gegen diese falsche Kultur des Geschichten Erzählens zur Wehr zu setzen. Sei gesegnet mit der Kraft Gottes dazu!

Erweckung beginnt bei mir selbst

Erweckung beginnt bei mir selbst
Ich liebe die Erweckungsgeschichte. Ich liebe es, zu lesen, wie es zu riesigen Aufbrüchen kam. Und regelmäßig frage ich mich, warum wir heute bei uns so wenig davon sehen. Es liegt nicht an Gott. Er liebt Erweckung mindestens ebenso wie wir. Und Er hat Sich nicht verändert. Auch die Menschen um uns herum haben sich nicht verändert. Sie brauchen das Evangelium immer noch genauso, um gerettet zu werden. Und sie sind nicht weniger hungrig nach dem Sinn des Lebens. Keine von all den Umständen ist das Problem. Das Problem, das sind wir. Wir Gläubigen sind es, die mit unserer Selbstgenügsamkeit, Leidensscheu und dem Mangel an Erkenntnis die Erweckung verhindern. Drei Dinge, die wir überwinden lernen sollten, um dem Wirken Gottes freie Bahn zu bereiten.
Selbstgenügsamkeit haben wir dann, wenn wir entweder zufrieden sind mit dem, was wir haben, oder uns zufrieden geben mit dem, was wir haben. In unserem Falle ist es meist das Zweitere. Man hat vieles versucht auf die Beine zu stellen, nichts davon hat wirklich eingeschlagen, also muss es ja wohl der Wille Gottes sein, dass es so bleibt wie es ist. Die Folge davon ist, dass man das Verlangen nach mehr von Gottes Wirken aufgibt. Es ist eine Art Fatalismus: Der Herr hat es ja so gewollt. Und dieser Fatalismus verhindert Erweckung. Der zweite Schritt nach dem Beginn dieses Fatalismus ist der Rückgang des Gebets. Das Gebet dient ja gerade dazu, um uns zu verändern, sodass wir fähiger werden, die Menschen mit Gottes Augen zu sehen und ihnen in Klarheit Gottes Willen weiter zu geben. Das Gebet öffnet den Himmel und bricht in die Weltgeschichte ein. Oft nicht sehr schnell, aber es bewirkt viel!
Das Zweite ist die Leidensscheu. Sie bezeichnet eine Haltung, die von Angst vor Veränderung geprägt ist. Es ist klar, dass sich vieles verändern wird, wenn Gottes Wirken beginnt. Und niemand von uns wird dann so bleiben können wie er ist. Zu einer Erweckung gehört auch Widerstand dazu, denn sie ist ein direkter Angriff auf die Herrschaft Satans. Dieser wird sich das nicht einfach gefallen lassen, sondern seinerseits mit Angriffen antworten. So müssen wir jederzeit mit Angriffen von innen (Irrlehre, Sünde, Verführung) und von außen (Spott, Unbeliebtheit bei den Menschen, wachsenden Widerstand in Gesellschaft, Medien und Politik) rechnen. Wenn wir Erweckung wollen, so kommen wir nicht darum herum, uns mit diesen Tatsachen zu beschäftigen. Sind wir dennoch bereit?
Zuletzt hängt es auch mit einem mangelnden Verständnis der Wahrheit zusammen. Es ist dies eine Unsicherheit, ob die Bibel wirklich in jedem Fall zuverlässig ist. Wir müssen erkennen, warum die Welt unser Evangelium braucht. Wir müssen begreifen, was es bedeutet, dass ein Mensch verloren ist. Dass der Zorn Gottes über ihm schwebt wie das Schwert des Damokles, bis dieser Mensch die Rettung in Christus gefunden und angenommen hat. Wir müssen die Schrift studieren und aus ihr lernen, was sie zum Gericht und zur ewigen Verdammnis im Feuersee sagt. Vermutlich kommt der größte Anteil der fehlenden Erweckung einfach aus der Tatsache, dass wir selbst Gott und Seinem Wort zu wenig Vertrauen schenken. Denn wer dieses Gottes Wort wirklich liest und ernst nimmt, kann nicht anders als zum Herrn zu schreien, dass Er diese Erweckung schenken möge. Wenn der Spätregen kommt, werden wir es erleben. Dieser wird alles übertreffen, was es an Erweckung gab bis auf den heutigen Tag. Lasst uns beten, dass dies bald geschieht. Unsere Mitmenschen von heute haben ihn nötig!