Zurück zur ersten Liebe

Dem Engel der Gemeinde von Ephesus schreibe: Das sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt: Ich kenne deine Werke und deine Bemühung und dein standhaftes Ausharren, und dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die behaupten, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erkannt; und du hast [Schweres] ertragen und hast standhaftes Ausharren, und um meines Namens willen hast du gearbeitet und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Sonst komme ich rasch über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegstoßen, wenn du nicht Buße tust! Aber dieses hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, die auch ich hasse. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist. (Offb 2:1-7)

Jesus Christus lässt zu Beginn der Offenbarung Johannes an sieben Gemeinden Briefe schreiben. Alle sieben Briefe sind für uns zum Lesen bestimmt. Sie gelten nicht nur einzelnen Gemeinden der damaligen Zeit, sondern sind vielmehr auch Worte an unsere Zeit. Sie beschreiben sieben geistliche Zustände, in denen wir uns befinden können. Dieser erste Brief an die Gemeinde von Ephesus enthält viel Lob. Als der Apostel Paulus in der Apostelgeschichte auf seiner Missionsreise unterwegs war und Abschied nahm von der Gemeindeleitung von Ephesus, warnte er sie mit drastischen Worten:

Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, bei denen ich umhergezogen bin und das Reich Gottes verkündigt habe. Darum bezeuge ich euch am heutigen Tag, dass ich rein bin von aller Blut. Denn ich habe nichts verschwiegen, sondern habe euch den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt. So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, jeden Einzelnen unter Tränen zu ermahnen. (Apg 20:25-31)

Räuberische Wölfe, verkehrte Männer aus der eigenen Gemeinde, das klingt schlimm. Der Herr Jesus bestätigt in der Offenbarung, dass die Gemeinde in Ephesus das richtig gemacht hat. Doch dann gibt es eine Wendung: Du hast deine erste Liebe verlassen. Interessant, was er nicht sagt: Er sagt nicht: Du hast deine erste Liebe verloren. Nein, es ist kein Zufall. Du hast sie verlassen. Du hast etwas getan, weshalb diese erste Liebe verschwunden ist. Sie sind Jesus treu geblieben. Sie haben gewacht und aufgepasst, dass keine falschen Lehrer und Propheten kommen konnten. Doch bei all dem Aufpassen ist ihnen die Begeisterung, die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie haben ihre Leidenschaft verloren. Sie waren bibeltreu, fromm, vorsichtig, alles gute Dinge. Dennoch sind sie auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Sie taten vieles richtig, aber nicht mehr aus Liebe, nicht mehr aus Leidenschaft heraus, sondern weil es für sie zur frommen Arbeit, zur Pflicht, zur Last, zur Tradition geworden ist.

Zwischen den Worten von Paulus und dem Brief von Jesus in der Offenbarung sind etwa 40 Jahre vergangen. Eine neue Generation von Leitern wird wohl inzwischen die Gemeinde übernommen haben. Menschen, die alles richtig gelernt haben, die um die Gefahren wussten. Doch sie haben selbst möglicherweise die Erweckung der ersten Zeit gar nicht miterlebt. Sie brauchten eine eigene Erweckung. Jede Generation braucht ihre eigene Erweckung. Jede Generation muss für ihre eigene Generation im Gebet einstehen und eigene Fürbitter auf die Mauern stellen. Deswegen sagt Jesus zu dieser Gemeinde: Tue die ersten Werke. Passe nicht nur auf. Tue nicht nur aus Tradition, was man früher auch schon tat. Tue es, weil du eine eigene, eine neu entfachte Leidenschaft entwickelst. Die Erweckung der Zeit von Paulus war von viel Gegenwind gekennzeichnet. Die Gemeinde war so voller Leidenschaft, dass die Silberschmiede der Stadt Angst hatten, dass ihnen die Kundschaft für ihre Silberstatuen der Göttin Artemis weglief. Sie fürchteten richtiggehend um ihre Existenz. Das war das Feuer der ersten Liebe.

Kann es sein, dass wir manchmal auch nur noch versuchen, die Asche der früheren Generation zu hüten? Kann es sein, dass wir das Feuer gar nicht mehr selbst kennengelernt haben, sondern nur vom Hörensagen? Dann ist es an der Zeit, dass wir unsere Stimmen erheben und zum Herrn und König des Universums schreien, dass Er uns diese erste Liebe wieder neu schenkt.

Buchtipp: Überrascht von Furcht

Natha, Überrascht von Furcht – Der Schlüssel um wirklich mit Gott zu leben, Crosspaint Medien, Druck via Amazon, 2021, Amazon-Link

Crosspaint – meine Entdeckung des Jahres. Irgendwie ärgert es mich ein wenig. Ich bin mir gewohnt, neue Bewegungen im Internet früh zu entdecken, ein wenig zu networken, Menschen miteinander zu verbinden, junge Blogger und Internetevangelisten zu unterstützen und bekannter zu machen, doch jetzt ist da was ganz Großes im Kommen – und ich bin vier Jahre zu spät dran. Ok, jetzt bin ich wieder am Boden angekommen, und das tat gut!

Natha ist sein ein paar Jahren mit einem ganzen Team dabei, die Bibel für junge Menschen verständlich zu erklären. Die Plattform Crosspaint.tv dient dazu, gute Inhalte in vielen sozialen Medien bekannt zu machen. YouTube, Instagram, Facebook, etc. Nun hat er ein Buch geschrieben. Überrascht von Furcht. Und ich war darauf gespannt. So sehr gespannt, dass ich gleich noch einmal etwas zugeben muss: Ich finde es eigentlich super, dass es das Buch nur in der Offline-Version gibt. Aber für mich selbst hätte ich mir dennoch eine eBook-Version gewünscht. Eine zum Kaufen und sofort downloaden. Sofort. Instant. Ohne nervige Wartezeit. Und gleich loslesen auf dem Tablet. Auf diesem digitalen Gerät, das unser ganzes Denken verändert und vor dem ich auch immer mal wieder warne.

Lasst euch eins gesagt sein: Das Buch ist wirklich richtig gut! Es ist so einfach geschrieben, dass es sich leicht lesen lässt und hat dennoch so viel Tiefgang, dass man immer mal wieder innehalten und das Gelesene verdauen muss. Das Buch besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil wird das Problem beschrieben (bzw. eine ganze Reihe von Problemen). Im zweiten Teil wird das Hauptproblem näher angeschaut, während der dritte Teil die Lösung präsentiert. Die zwei restlichen Teile sind zur Motivation gedacht und helfen bei der Umsetzung.

Besonders gefreut habe ich mich, als ich darauf achtete, welche Autoren und Prediger genannt werden. Jonathan Edwards (mehrfach), John Piper, Tony Reinke und manche mehr, die ich auch mit viel Gewinn gelesen habe. Ebenso fand ich es spannend, dass Natha sich im Buch auch mit der Dekonversion von Rhett und Link beschäftigt. Auch wenn wir nicht ganz dieselben Schlüsse aus den Videos von R&L ziehen, finde ich, dass sich das ganz gut ergänzt.

Wie ist das nun mit der Gottesfurcht? Müssen wir Gott fürchten? Ist Gottesfurcht eine Angst vor Gott? Wenn man das Buch von Natha liest, wird deutlich, dass er sich an eine junge Generation wendet. Ich selbst habe mir diese Frage 2002/03 gestellt, als ich kurz nach meiner Bekehrung die Apostelgeschichte las und feststellte, wie wenig unsere Zeit doch der damaligen glich. Ich durfte schon sehr früh eine Reihe von Erfahrungen machen die mich dazu brachten, diese Frage mit Ja zu beantworten: Gottesfurcht enthält auch eine Art Angst. In jener Zeit stieß ich glücklicherweise auf das Buch „Die Furcht des Herrn“ von John Bevere, wo dies auch wieder bestätigt wurde. Bevere bringt es auf den Punkt, wenn er erklärt, dass Gottesfurcht uns nicht von Gott weg fliehen lässt, sondern uns vielmehr zu Ihm hin zieht. Natha geht in seinem Buch in eine sehr ähnliche Richtung.

Doch woher kommt unsere Abneigung gegen die Angst vor der Angst vor Gott? Ich glaube, das nur mit dem Dopamin und dem Zeitgeist erklären zu wollen, greift zu kurz. Gottesbilder haben viel mit unseren Vaterbildern zu tun. Die Abneigung gegen den Begriff der Gottesfurcht entstammt einer Zeit, in welcher viele junge Menschen das Leben und ihre Eltern nicht mehr begriffen: Nachdem die Eltern den 2. Weltkrieg überlebt hatten und häufig in großer Armut erst einmal wieder aufbauen mussten, was durch den Krieg zerstört war, erzogen sie ihre Kinder auch in der Zeit des wachsenden Wohlstands mit einer Strenge, wie sie im Krieg und der ersten Armut notwendig war. Die damals junge Generation wurde von vom Krieg gezeichneten, oft traumatisierten Eltern mit einer Unberechenbarkeit konfrontiert, die ihnen Angst machte. So war auch die frühe Studentenrevolution ein Aufbegehren gegen eine unnötige, unberechenbare Strenge, eine Angst vor der Angst, und wurde durch die antiautoritäre Erziehung wiederum an die nächste Generation weitervererbt. Für die heute junge Generation ist die Angst vor der Angst weniger verständlich und entsprechend ist es auch angemessen und notwendig, die biblische Lehre von der Gottesfurcht wieder neu zu betonen.

Ganz besonders in seinem Element ist Natha da, wo er über das Kreuz Jesu schreibt. Man merkt sogleich: Da ist ein Evangelist am Werk! Da schreibt einer, der das Kreuz von Golgatha zu seiner täglichen Leibspeise macht! Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Als Vorbereitung auf das Buch würde ich empfehlen, die YouTube-Serien über die Richter und den Römerbrief anzuschauen. Es gibt einzelne Aussagen, deren Tiefe man erst begreift, wenn man sich mit der jeweiligen Auslegung von Crosspaint vertraut gemacht hat.

Mein Fazit: „Überrascht von Furcht“ ist das Buch des Jahres und eines der wichtigsten, die je geschrieben wurden! Unbedingte Leseempfehlung!

Lektionen von Hiob – Teil 1

Das Buch Hiob habe ich schon schon immer sehr gemocht. Es ist ein Buch voller Menschlichkeit, ein Buch mit der Frage nach dem Leid und auch ein Buch voller Sarkasmus. Hiob hat vermutlich ungefähr zur selben Zeit wie Abraham gelebt. Mit dem Herrn Jesus und dem Heiligen Geist gehen wir davon aus, dass Hiob wirklich gelebt hat. In diesen Monaten genieße ich es gerade, mich immer wieder richtig in das Buch vertiefen zu dürfen. Ein paar Dinge aus meinen Notizen werde ich teilen, möglicherweise auch von anderen Büchern der Bibel. Heute geht es um fünf Lektionen, die ich aus dem Gesamtaufbau des Hiobbuches ziehe:

1. Wo Menschen sind, menschelt es.

Das Buch Hiob zeichnet ein erstaunlich ehrliches und realistisches Bild vom Menschsein. Das ist überhaupt etwas, was mich an der Bibel so fasziniert, schon seit ich sie zu lesen begonnen habe. In einer Zeit des eifrigen Hinterfragens und auf der Suche nach Gründen, den Glauben hinter mir zu lassen, war diese Ehrlichkeit und Realitätsnähe der Bibel ein Anker, der mich immer gehalten hat. Bei Hiob ist es auch so. Hiob hat drei Freunde, die ihn lange Zeit zutexten.Und dann noch einen vierten Freund, der ihn relativ kurz zutextet. Und jeder von ihnen hat ein Puzzleteil auf dem Weg zur Frage nach dem Leid. Jeder von ihnen hat ein bisschen recht. Elihu, der letzte, jüngere Freund, sogar noch ein bisschen rechter. Dennoch wird in diesem langen Gerede auch eine Menge Unsinn verbreitet. Wie das unter Menschen eben üblich ist.

2. Gott allein hat ganz recht.

Ist das so erstaunlich? Ich finde nicht. Vier Freunde haben ihre Weisheit zusammengetragen. Dazu auch noch Hiob und seine Frau. Was sie zusammen auf die Beine stellen konnten, ist doch schon ganz beachtlich. Eine ganze Reihe von möglichen Gründen für das Leid Hiobs. Eine ganze Reihe von möglichen Vorgehensweisen, was Hiob nun tun solle. Und dann bricht Gott herein. Und alles schweigt. Man könnte dieses Schweigen fast mit der Dunkelheit vergleichen, die sich über Jerusalem zusammenbraute, als der Herr Jesus starb. Gott spricht. Der Mensch kann nur noch mit Grabesstille antworten.

So ähnlich stelle ich mir das vor, wenn der Herr Jesus wiederkommt. Im Laufe der letzten 20 Jahre bin ich auf weit über 30 verschiedene Endzeitmodelle gestoßen. Ich habe natürlich auch eins, das ich am plausibelsten und am ehesten der ganzen Schrift entsprechend finde. Dennoch bin ich überzeugt, dass am Ende keiner vollständig recht hat. Überall gibt es Puzzleteile, die etwas Richtiges zur Diskussion hinzufügen. Am Ende wird Gott allein recht behalten. Und wir werden nur noch schweigen und anbeten.

3. Menschen sind Wegweiser zu Gott.

Was sollen wir nun sagen? Sollen wir etwa im Schweigen verharren, weil einzig Gott allein vollkommen recht hat? Das sei ferne! Denn wisst ihr nicht, dass ihr zu Wegweisern auf Gott hin berufen seid? Das nächste, was mich an Hiob fasziniert, ist die Gnade, die Gott einem jeden der vier Freunde schenkt. Jeder ist auf seine Art ein Wegweiser hin zu Gott. Jeder weiß etwas, jeder kann etwas beitragen. Klar, am Ende sieht es so aus, dass Elihu von den Vieren am nächsten liegt. Das Buch Hiob ermutigt uns, dass wir auch unsere begrenzte Weisheit nutzen dürfen, um einander auf Gottes Reden vorzubereiten. Darin liegt eine große Gnade, aber auch eine Verantwortung. Wir sehen bei Hiob, dass das Reden der Freunde nicht nur auf Gottes Reden vorbereitet, sondern auch persönlich kränken kann. Hin und wieder beschleicht den Leser der Gedanke: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Dennoch meinen sie es grundsätzlich ja gut und wollen ihm helfen.

4. Im Leid kann großer Segen verborgen liegen.

Dieser Punkt ist so etwas, was man nicht unbedingt jedem, der gerade leidet, unter die Nase reiben sollte. Aber oft sind wir vom Alltagsgeschäft dermaßen absorbiert, dass uns das Leid zum Anhalten, Innehalten und Nachdenken zwingt. Allein das kann oft schon wertvoll sein. Leid kann wie ein Schmelztopf sein, ein heißer Topf, in dem unser Leben wie Gold gereinigt wird. Das Leid ist die Hitze, das Unreinheiten an die Oberfläche steigen lässt und aufdeckt. Und dann ist die Frage, wie wir darauf reagieren. Lassen wir zu, dass unser Leben gereinigt wird, oder versuchen wir, alles zu verstecken und unter den Teppich zu kehren?

5. Viele scheinbar natürliche Dinge haben einen geistlichen Ursprung.

Das Buch Hiob schenkt uns einen Blick hinter die Kulissen. Der wahrhaftige Ursprung für Hiobs Leid liegt in einem geistlichen Kampf, der sich im Verborgenen abspielt. Unser Zeitalter der Technologisierung hat den Blick dafür verloren. Wenn wir den Dienst Jesu anschauen, sehen wir das gut. Jesus konnte sehr gut zwischen natürlichen Krankheiten und dämonischem Wirken unterscheiden – auch dann, wenn es rein äußerlich gleich aussah. In unserer Zeit wird das Geistliche vernatürlicht, und damit letztendlich praktisch unheilbar gemacht. Auch die Sünde, die in ihrem Ursprung geistlich ist, wird nur noch natürlich verstanden, als etwas, was man jemandem antut. Damit haben wir ein heilloses Zeitalter errichtet, in welchem man nur noch an den Symptomen herumdoktert, statt es an der Wurzel zu packen und auszurotten. Einzig das übernatürliche, direkte Eingreifen Gottes in unsere Zeit, die Anrede durch Gott, in einer Erweckung größeren Ausmaßes vermag noch unsere heillose Welt zu retten. Herr, hilf!

Philadelphia und die Synagoge Satans

 

Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine geöffnete Tür gegeben, und niemand kann sie schließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich gebe, dass solche aus der Synagoge des Satans, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern lügen, siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen und vor deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. (Offenbarung 3, 8 – 9)

Seit vielen Jahrhunderten ist es weit verbreitet, dass man die sieben Briefe Jesu an die sieben Gemeinden Kleinasiens, die in der Offenbarung in den Kapiteln 2 und 3 stehen, nicht nur als Briefe an die tatsächlichen damaligen Gemeinden, sondern auch als Botschaften an alle Gemeinden und alle Gläubigen, und zusätzlich auch als eine Beschreibung von sieben verschiedenen Zeitabschnitten der Kirchengeschichte betrachtet. Bei dieser letzten Betrachtungsweise legte man zumeist den Fokus auf Laodizäa, denn man sah sich (zu recht!) als Gemeinde der letzten Zeit der Endzeit. Die Offenbarung möchte bewusst, dass sich die Gemeinde in jedem Zeitabschnitt als die Gemeinde der allerletzten Zeit sieht. Da man von einem zeitlichen Ablauf entlang der Abfolge der sieben Sendschreiben ausging (und geht), ist dieser Fokus auf das letzte Sendschreiben nur allzu logisch. Dennoch bin ich überzeugt, dass keines der sieben Sendschreiben so perfekt auf unsere Zeit und die Christenheit der westlichen Welt zutrifft wie das an Philadelphia, das sechste der sieben Sendschreiben.

Quer durch die Christenheit, durch alle Denominationen und Gemeindebünde hindurch, geht ein Riss, und dies ist der Riss, welcher den Unterschied zwischen Philadelphia und der „Synagoge Satans“ ausmacht, wie der Herr Jesus das nennt. Philadelphia wird beschrieben als Gemeinde, die das Wort Gottes bewahrt und den Namen Jesu nicht verleugnet. Dem gegenüber steht eine Synagoge Satans, und damit ist keine „Church of Satan“ oder okkulte Praktiken und dergleichen mehr gemeint. Die Synagoge Satans ist in unserer Zeit viel subtiler, viel schlauer, viel besser versteckt. Satan hat sein erstes Auftreten in der Heiligen Schrift dort, wo er die erste Frau fragt: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ (1. Mose 3,1) Im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte lernen wir noch viele weitere Fallstricke Satans kennen. Sie kommen oft nicht von direkten Gegnern, sondern ebenso häufig mitten aus der Gemeinschaft derer, denen wir nahe stehen. Die Frau Hiobs, die ihn aufforderte: „Sage dich los von Gott und stirb!“ (Hiob 2,9) und so weiter, und so fort.

Philadelphia ist die Gemeinde der Bruderliebe. Da geht es um eine echte Liebe, die um den Nächsten besorgt ist und mit dem Heiligen Geist zusammen darum kämpft, dass das Wesen Jesu in den Geschwistern im Herrn immer besser sichtbar wird. Da geht es um Heiligung, um Gemeinschaft, um Veränderung. Echte Liebe ist immer um den Nächsten besorgt und scheut sich nicht davor, die Wahrheit auch dann zu sagen, wenn sie schmerzt. Doch in unserer Zeit gibt es eine andere Vorstellung von „Liebe“, die in Wirklichkeit vielmehr eine Form der eifrigen Gleichgültigkeit ist. In der Angst, man könne jemanden verletzen oder es könne sich jemand falsch behandelt und diskriminiert fühlen, wird eine situative Ethik betrieben, die zu oft alle möglichen Zugeständnisse an den Charakter macht.

Überall, wo die historisch-kritischen Methoden an Gottes Wort angelegt werden, wo Gottes Wort verspottet und mit neueren Erkenntnissen ausgetauscht wird, überall, wo die Bibel nicht mehr der oberste und ewig gültige, unfehlbare und allgenügsame Maßstab aller echten Wahrheit ist, da macht sich die Synagoge Satans breit. Überall dort kann nicht mehr der einzelne Gläubige und die Gemeinschaft der Gläubigen vor Gott stehen, sondern der Primat der historischen Kritik wird gleich einem unfehlbaren Papst zwischen Gott und die Menschen geschoben. Überall da ist es aus mit dem Priestertum aller Gläubigen, weil eben nur der geschulte Theologe – der sich in dem Fall zum Theolügner macht – sich anmaßen kann, die Bibel recht zu verstehen und auszulegen.

Wir leben in einer Zeit, in welcher Zweifel an Gottes Wort und das Abfallen vom Glauben an Jesus Christus nicht nur verharmlost – das wäre an sich schon schlimm genug -, sondern vielmehr zu einer Tugend erhoben werden. Es scheint, als wäre gerade der methodische Zweifel an allem in der Bibel wie eine Türe zu einem höheren, wertvolleren, besseren Verständnis. Dass am Ende dabei nur Denkverbote herauskommen, die einzig feststellen, man dürfe das nicht mehr so verstehen wie man es früher verstanden habe, lässt man dabei gern unter den Tisch fallen.

Gott hat uns die Offenbarung als Mutmacher gegeben. Der Herr Jesus stellt fest: Du hat eine kleine Kraft. Soll heißen: Du bist klein, du bist schwach, du kannst dir nichts auf dich selbst einbilden. ABER: ICH (der große, allmächtige Gott) habe dir eine Tür geöffnet, die niemand schließen kann. Und ICH (der große allmächtige Gott, in dessen Hand alle Herzen wie Wachs schmelzen) werde geben, dass solche aus der Synagoge Satans kommen und vor dir niederfallen und erkennen, dass ICH dich geliebt habe. Das ist der Liebesbrief Jesu an Seine Gemeinde in unserer Zeit. Wovon der Herr hier spricht, ist, dass eine Zeit der Erweckung kommen wird, in welcher wir als kleiner Überrest für viele da sein dürfen, die dann beginnen werden, Buße zu tun über ihren Hochmut des Zweifels und der Bibelkritik.

Sei gesegnet und bleibe IHM allein treu!

Das Ende von Evangelisation?

Ist das Zeitalter von Evangelisation am Ende angelangt? Hier und da hört und liest man wehmütige Erinnerungen an gefüllte Zelte, Massenbekehrungen und vollen Glaubensgrundkursen. Ist diese Zeit nun zu Ende? Nein, ich bin überzeugt, dass es das alles weiterhin braucht. Was sich jedoch ziemlich klar geändert hat, ist die Tatsache, dass sich vieles nicht mehr einfach voraussetzen lässt. Vieles muss erklärt werden, was bis vor wenigen Jahren noch selbstverständlich war. Ebenso haben wir es mit einer immer geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne zu tun. Vielen Menschen fällt es zunehmend schwerer, eine längere Zeit am Stück aufmerksam zuzuhören und sich mit dem Gehörten aktiv auseinander zu setzen.

Wie gehen wir damit um? Müssen wir jetzt alles deswegen verändern? Müssen wir Evangelisation neu denken oder alles Bisherige über den Haufen werfen? Ist das Zeitalter der Evangelisation vorbei? Wir können den „guten alten Zeiten“ hinterher weinen, wenn wir das unbedingt wollen, aber das wird nicht viel ändern. Ich schlage vielmehr vor, dass wir in unseren Gemeinden immer mehr zweigleisig arbeiten: Es braucht weiterhin evangelistische Veranstaltungen, Predigten, die das Evangelium erklären, aber das Ganze braucht ein zweites Standbein: Wir brauchen eine riesige Armee von Mikro-Apologeten und Mikro-Evangelisten.

Was ist Mikro-Evangelisation?

Ich setze einen neuen Begriff zusammen: Mikro-Evangelisation. Was ich damit meine, ist folgendes: Wir brauchen viele Menschen, die allzeit bereit sind, im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und die Überzeugungen ihrer Mitmenschen konstruktiv zu hinterfragen. Weil viele Menschen inzwischen nur noch so wenig von den Grundlagen des christlichen Glaubens wissen, ist es notwendig, dass sie immer wieder kleine Bausteine davon mitbekommen. Alles auf einmal zu hören ist sehr viel an Infos, für viele Menschen ist es zu viel für eine erste Berührung mit dem Glauben. Sie brauchen eine ganze Reihe von kurzen Gesprächen im Alltag, die ihnen helfen, das Evangelium Schritt für Schritt zu verstehen.

Da es aber immer mehr Menschen betrifft, ist das eine riesige Aufgabe: Nur mal angenommen, der Mensch braucht im Durchschnitt etwa 20 solcher Gespräche, um genügend zu erfahren, damit er bereit wird, sich einer Gemeinde anzuschließen (vermutlich ist die Zahl noch deutlich höher), dann haben wir einen riesen Task vor uns. Zugleich ist das aber auch eine große Chance für unsere Gemeinden, weil es klar macht, dass dafür die Mitarbeit von jedem Einzelnen gefordert ist. Es geht nicht anders: Alle müssen mit ran!

Rückkehr zum allgemeinen Priestertum

Denken wir noch einen Schritt weiter: Evangelisation ist nicht mehr der Job einer kleinen Elite von gesalbten und begabten Evangelisten, sondern in diesem Rahmen kann plötzlich jede und jeder mitmachen. Ich finde das gut: Gerade da ich persönlich nicht wirklich evangelistisch begabt bin, kann ich trotzdem gebraucht werden. Auch wenn es mir schwer fällt, Menschen anzusprechen, auch wenn ich introvertiert, scheu, still und zurückhaltend bin, ist es meine Erfahrung geworden, dass solche Gespräche richtig wertvoll sind. Es ist die Rückkehr zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, denn alle können mit ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mitmachen.

Eine weitere Chance sehe ich darin, dass nun plötzlich auch klar ist, weshalb es so wichtig ist, dass wir uns alle noch mehr mit den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens auseinandersetzen: Es werden Fragen dazu kommen. Spannende Fragen. Fragen, auf die wir manchmal erst keine Antwort haben. Das ist nicht schlimm, das ist gut! Es hilft uns, noch mehr gute Fragen zu stellen und noch tiefer drüber nachzudenken.

Im Mittelpunkt stehen Liebe und Interesse

Es gibt Menschen, die sind so extravertiert und offen, dass sie auf Mitmenschen zugehen können, um ihnen direkt vom christlichen Glauben zu erzählen, und da wirkt das Ganze auch noch frisch und fröhlich. Ich gehöre definitiv nicht zu dieser Gruppe. Wenn Du dazu gehörst, dann herzliche Gratulation! Für den Rest von uns gibt es eine Reihe von hilfreichen Überlegungen und durchaus auch Vorbereitungen, die uns dazu besser ausrüsten können. Ich werde im Laufe der kommenden Monate dazu eine Reihe von Möglichkeiten, die ich im Laufe von gut eineinhalb Jahrzehnten gesammelt habe, weitergeben.

Das Wichtigste ist: Es geht um persönliches Interesse für mein Gegenüber. Es geht nicht um Zahlen und primär auch nicht um abgeschlossene Bekehrungen. Diesen Druck möchte ich uns allen nehmen. Ich habe auch lange gedacht, dass das Ziel eines solchen Gesprächs die Bekehrung sein soll. Sie kommt vor, wenn sie dran ist. Wenn aber – wie oben geschrieben – eine ganze Reihe von Gesprächen ein solides Fundament legen müssen, bevor ein Mensch dazu bereit ist, dann wird sie plötzlich zweitrangig. Das Ziel ist es, dem Mitmenschen zum Segen zu werden, ihm zuzuhören und ihm mit guten Fragen zu helfen, seine Überzeugungen zu überdenken. Im Zentrum steht die Liebe zum Mitmenschen – zu genau diesem einen Menschen, mit dem ich im Gespräch bin.

Ok, wie kriegt man diese Liebe? Zunächst einmal ist es immer wieder nötig, dass wir über unsere Gleichgültigkeit und unseren Egoismus Buße tun. Wenn ich nicht von der Liebe dazu angetrieben werde, dann hab ich ein Problem. Ein gewaltiges Problem mit Gott. Ich darf den Heiligen Geist bitten, mich mit der Liebe zu erfüllen. Gott hat es versprochen, in Römer 5,5 steht das. Ein zweiter heißer Tipp von mir ist, sich mit der Person zu beschäftigen. In Gedanken fragen: Was sehe ich an der Person? Was ist ihr wichtig? Welche Dinge hält sie für wertvoll? Oft ergeben genau die Sachen, die wir am Gegenüber sehen können, einen super Einstieg ins Gespräch. Eine Tätowierung, ein Schmuckstück, irgend etwas Auffälliges, was ins Auge sticht. Macht die Person ein Foto mit der Handykamera von etwas Bestimmtem? Alles Hinweise darauf, dass der Person etwas wichtig oder wertvoll ist.

Frag mich was!

Die meisten Menschen mögen es, wenn man ihnen Fragen stellt. Ich werde in einem späteren Blogpost noch auf Gesprächsführung durch Fragen eingehen. Fürs Erste ist es wichtig, zu wissen, dass Menschen sich grundsätzlich angenommen fühlen, wenn man sie auf etwas anspricht und Fragen stellt, was ihnen wichtig oder wertvoll ist. Außerdem ist es meine persönliche Erfahrung, dass Menschen viel lieber sich selbst von etwas überzeugt werden als wenn wir sie von etwas überzeugen. Überzeugen wollen übt einen gewissen Druck aus. Fragen können zum Nachdenken anregen, und immer wieder dazu, dass Menschen anfangen, ihre eigenen Ansichten zu überdenken und sich auch von ihren neu gewonnenen Erkenntnissen überzeugen lassen.

Ebenfalls ist es wertvoll, für die Person zu beten. Das Gebet bedeutet eine innere Verbindung mit der Person, die über Gott führt. Er allein ist es, der Herzen verändern kann. Wir können das nicht. Und wir müssen es auch nicht. Ich habe immer wieder erlebt, wie das Gebet hilft, mein Interesse am Mitmenschen zu intensivieren.

Am Ende bleibt zu sagen: Es wird weiterhin beides wichtig sein. Das, was ich Mikro-Evangelisation nenne, wird nicht alles abdecken können. Wir brauchen weiterhin vollmächtige Evangelisten und Veranstaltungen, die diesem Zweck dienen, dass Menschen sich bekehren. Diese jedoch müssen wir ergänzen durch Gemeinden, deren Gemeindeglieder zugerüstet sind, um im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und gute Fragen zu stellen, die ihre Mitmenschen zum Nachdenken bringen.

Buchtipp: Demokratie, Freiheit und christliche Werte

Stückelberger, Hansjürg, Demokratie, Freiheit und christliche Werte – Liebe heilt die Gesellschaft, Esras.net GmbH, Niederbüren, 2020, Verlagslink, Amazon-Link

Eins vorweg: Der Titel des Buches hat mich fasziniert. Große Worte, die mir viel bedeuten. Ich war gespannt, wie überzeugend der Autor in den gerade mal gut 200 Seiten sein Verständnis davon darlegen kann. Ganz besonders trieb mich auch die Frage um, für welches Zielpublikum das Buch wohl geschrieben wurde.

Hansjürg Stückelberger ist ein Schweizer Pfarrer im Ruhestand, wurde letztes Jahr 90 Jahre alt und gründete mehrere Missions- und Hilfswerke, sowie die Stiftung Zukunft CH. Seit vielen Jahren sind ihm die Menschenrechte und die biblischen Werte sehr wichtig.

Das Buch selbst ist in zehn Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden negative Beispiele genannt – Staaten, welche sich demokratisch nennen, aber von Korruption geprägt sind. Bereits hier fällt auf, dass für das Lesen eine gewisse Bildung nötig ist. Begriffe wie „Rechtsstaat“ (S. 11) werden nicht definiert oder beschrieben, sondern als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Auch im zweiten Kapitel, welches sich mit der Bedeutung der Religion für eine erfolgreiche Kultur befasst, werden viele Beispiele genannt – positive und negative. Viele Unterkapitel sind mit Geschichten aus dem persönlichen Leben des Autors gewürzt, da er viel gereist ist und Kontakt mit Menschen rund um den Erdball hat. Das zweite Kapitel schließt mit fünf Schlussfolgerungen (S. 40 – 42), in diesem Fall fünf Hypothesen, die der Autor aus dem zuvor Geschilderten schließt. Mehr dazu weiter unten.

Im dritten Kapitel kommt die Weltgeschichte bis zur französischen Revolution in den Blick. Es beginnt mit dem frühen Christentum und zeichnet den Weg auf der Suche nach echter Freiheit und Menschenwürde nach. Dieses Kapitel kann ich wirklich jedem zu lesen empfehlen. Das vierte Kapitel ist eine theologische Überlegung zur Heilsgeschichte, der Autor kehrt an den Anfang der Bibel zurück und erklärt den Beginn der Heilsgeschichte, also Gottes Geschichte mit der Welt, den Sündenfall der ersten Menschen und die Person Satans. Sodann wird im fünften Kapitel die Frage nach der Ordnung in der Welt, dem Verhältnis von Recht und Freiheit nach dem biblischen Weltbild erörtert. Im sechsten Kapitel kehrt der Leser wieder an das Ende des dritten zurück: Aufbauend auf den zwei eingeschobenen Kapiteln wird gezeigt, wie das Denken der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zusammen mit dem biblischen Weltbild zur Demokratie in den USA führte. Die abschließenden vier Kapitel versuchen aufzuzeigen, wie das Ganze in unserer heutigen Zeit, im Alltag umgesetzt werden sollte, welche Auswirkungen das biblische Weltbild auf die Gesellschaft haben will und welches die biblischen Werte sind, welche unser Leben, Denken und Handeln bestimmen wollen.

Ich persönlich finde das Buch gut geschrieben, es entspricht meinem theologisch konservativen Weltbild, es zeigt vieles recht gut auf, wobei ich ihm zustimmen kann. Dennoch: Wirklich viel Neues habe ich nicht gelernt. Ich finde es wertvoll, wie der Autor versucht, die Geschichte der westlichen Demokratie mit der Heilsgeschichte zu verbinden. Für einen schnellen, sehr kurzen Überblick ist das Buch gut geeignet. Wer jedoch dabei weiter denken möchte, ist auf sich selbst gestellt.

Leider muss ich dem Buch auch verschiedene Schwächen attestieren. Zunächst einmal kann ich die Frage nach dem Zielpublikum bloß schwer beantworten. Es wird eine Menge Grundwissen vorausgesetzt, da – wie oben bemerkt – oft Erklärungen und Definitionen fehlen. Zugleich ist es nicht an eine akademisch geschulte Leserschaft gerichtet. Die Endnoten sind dafür zu leichtfertig angefertigt. Ein Beispiel: Wer bereits vom Gründervater und US-Präsidenten Thomas Jefferson gelesen hat, wird genauer wissen wollen, in welchem Zusammenhang er so positiv von der Bibel gesprochen hat. Die Endnote 142 mit Hinweis auf ein factum-Magazin ist hier nicht ausreichend als Beleg. Schade finde auch, dass die ganze Auseinandersetzung um die Gründung des US-Demokratie nicht näher ausgeführt wird. Es gäbe enorm viel zu lernen, wenn man sich mit den Dokumenten der Gründerväter und ihren Diskussionen noch weiter beschäftigen würde. Stückelberger handelt diese ganze Diskussion so ab, als hätte es darin schon immer einen großen Konsens gegeben.

Ähnliches gilt für die fünf Schlussfolgerungen des zweiten Kapitels. Wer – wie ich – von einem theologisch konservativen, bibeltreuen Weltbild ausgeht, kann diese durchaus als Fazit betrachten. Sie sind eine von zahlreichen Möglichkeiten, wie man die vielen Beispiele des Kapitels deuten kann – jedoch keineswegs zwingend. Und hier sehe ich eine der größten Schwächen des Buchs. Es ist für den Inhalt, den es beackern möchte, schlichtweg zu kurz. Wer Menschen, die von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen, überzeugen möchte, würde den Rest des Platzes im Buch benötigen, um dies schlüssig darzulegen.

Was vermag dieses Buch also zu leisten? Es ist eine Art Manifest, das die theologischen, politischen und sozialen Überzeugungen des Autors wiedergibt. Es eignet sich für konservative Christen, die sich in ihren Überzeugungen stärken möchten, für Christen, welche die christlichen Werte noch besser kennenlernen möchten, und für alle, die gern über die Geschichte nachdenken. Ein weiterführendes Werk zu den Themen fehlt in deutscher Sprache meines Wissens leider weiterhin. In englischer Sprache wäre „Politics according to the Bible“ von Wayne A. Grudem zu nennen.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Gepredigt: Zur Jahreslosung 2021

2021 ist ein spannendes neues Jahr mit einer spannenden Jahreslosung: Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Luk. 6, 36)

Am 3. Januar habe ich darüber gepredigt, hier ein kurzer Auszug, in welchem es um unser inneres Fundament geht, welches nötig ist, damit ein Mensch barmherzig sein kann:

“Was ist nötig, damit irgend jemand sagen kann: Ich bin mit Gott versöhnt? Dazu ist nötig, dass ich zunächst mal verstehe, dass ich Gott nicht gefallen kann. Dass ich von Natur aus Gottes Feind bin. Dass ich aus mir selbst nichts anderes tun kann, als ein Leben lang Sünde auf Sünde und Schuld auf Schuld bei Gott anzuhäufen. Das führt zur Verzweiflung an mir selbst. Dann muss ich erkennen, dass Jesus alles Nötige am Kreuz getan hat, um mich zu retten und von dieser Schuld zu befreien. Meine ganze Schuld war auf Ihn geladen, Er hat den ganzen Becher von Gottes Zorn über mein Leben am Kreuz ausgetrunken. Dann zeigt mir der Heilige Geist, dass all das für mich gilt, Er schenkt mir den Glauben. Dadurch kann ich Buße tun, ich kann mein ganzes Elend spüren und Gott mein verkorkstes Leben geben mit der Bitte, dass Er es nimmt und daraus etwas macht, was Ihm gefällt. In dem Moment beginnt ein neues Leben, ein Leben der Veränderung, ein Leben der Barmherzigkeit, weil ich nun erkenne, dass meine Schuld, die Jesus am Kreuz für mich bezahlt hat, unendlich viel größer ist als jede Schuld, die mir jemand anderes zufügen kann. Wenn ich gelernt habe, dass ich aus mir selbst nur Schlechtes, nur Sünde auf Sünde, hervorbringen kann, bin ich plötzlich frei, den Menschen zu vergeben, die mir schaden wollen oder auch ungewollt schaden. Und hier in diesem Punkt braucht unsere heutige Christenheit noch sehr viel Veränderung. Es ist ein unbequemes Thema, man wird sich damit nicht sonderlich beliebt machen, aber weil wir Gott und Seiner Wahrheit verpflichtet sind, dürfen wir das nicht unterschlagen, sonst gehören wir zu den blinden Blindenführern unserer Zeit.

Weil Gott Vater barmherzig ist, sind auch wir barmherzig. Gott kennt unsere Schuld, aber Er kehrt sie nicht unter den Teppich oder schaut darüber hinweg. Er geht sie an und schafft uns Versöhnung durch Seinen Sohn. Deshalb, sagt Jesus, deshalb seid barmherzig, wenn ihr Kinder des Höchsten seid. Noch etwas verändert sich, wenn wir das wirklich erkannt haben: Wir sehen unsere Mitmenschen plötzlich mit anderen Augen. Sie sind nicht mehr unsere direkten Feinde, sondern sie sind Menschen, die durch Lebenslügen betrogen wurden, die selbst auch Leid erfahren haben, die vom Teufel versucht wurden, die alles Mögliche durchgemacht haben. Sie sind Menschen, mit denen ich Mitleid haben kann, und denen ich helfen möchte, auf den richtigen Weg zu kommen. Menschen, die ich nicht segnen muss weil Gott das so will, sondern Menschen, die ich segnen will und denen ich Gutes tun will, weil sie mir plötzlich wichtig werden. Irgendwann können wir dann auch mit dem Herrn Jesus sagen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind in die Irre gegangen wie Schafe ohne Hirten. Sie sind auf der Suche nach dem Wasser des Lebens und finden es überall nur in vergifteten Gefäßen. Sie sind bemitleidenswert, sie treiben mich dazu an, sie leidenschaftlich zu segnen und ihnen Gutes zu tun.”
Die ganze Predigt lässt sich hier anhören oder herunterladen:

Gemeinsam in der Bibel lesen

Die momentane Lage, in welcher Kirchen und Gemeinden geschlossen bleiben müssen, zeigt uns mal wieder, wie wichtig es ist, dass wir geistlich zu mündigen Menschen werden, die in der Lage sind, die Bibel auch selbst und in ihren Familien lesen und verstehen zu können. Hierzu habe ich eine Reihe von Fragen notiert, die uns dabei helfen. Wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, die Bibel jeden Tag mit guten Fragen zu bombardieren, so werden wir nach einiger Zeit ein zunehmendes geistliches Wachstum feststellen können.

Durchlesen:

Zwei- bis dreimal mit unterschiedlichen Übersetzungen durchlesen. Davon einmal mit einer genauen Übersetzung (Luther, Elberfelder, Schlachter, …) und einmal mit einer kommunikativen Übersetzung (Gute Nachricht, Hoffnung für Alle, Volxbibel, …)

Wirken lassen:

Was hat euch überrascht, begeistert oder ist euch neu aufgefallen?

Was ist noch unklar geblieben? → vorerst nur sammeln und aufschreiben!

Wie kann man den Abschnitt in einem kurzen Satz zusammenfassen? → aufschreiben!

Einordnen:

Wer schreibt an wen? Was wissen wir über den Autor und über den oder die Empfänger?

Um welche Art von Text handelt es sich? Ist es ein historischer Bericht, eine Predigt, ein Psalm, ein Evangelium, ein Gleichnis, eine Prophetie? Steht der Text im Alten oder im Neuen Testament?

Um welche biblischen Hauptlehren geht es in dem Abschnitt? Ist es die Lehre von der Bibel, von Gott, von der Schöpfung (Natur, Engel, Dämonen, etc.), vom Menschen, von der Sünde, von der Person Jesu (Menschheit und Gottheit Jesu, Leben Jesu, Wirken Jesu, Tod und Auferstehung Jesu), von der Erlösung, vom Heiligen Geist und den Geistesgaben, von der Gemeinde, von der Endzeit, vom Leben als Christen (Ethik, Heiligung, Gebet, Lobpreis,…)

Stellt euch vor, der Abschnitt ist wie ein Stück von einem Telefonat, bei welchem man nur einer Seite zuhören kann. Welche Fragen will der Text beantworten?

Was ging dem Text voran? Worum ging es im Abschnitt davor? Gibt es einen Zusammenhang? Mit welchen Worten wird der Abschnitt eingeleitet? Ist es eine Überleitung, eine Erklärung des Vorigen? Gibt es ein gemeinsames Thema oder ein Wort, das die Abschnitte verbindet?

Verstehen:

Schaut euch noch einmal eure Zusammenfassung des Abschnitts an. Würdet ihr inzwischen etwas daran ändern? Gab es neue Erkenntnisse?

Überlegt euch, welche 3 – 5 wichtigsten Worte oder Ausdrücke den Fluss des Textes ausmachen. Sucht zu diesen Worten oder Ausdrücken, was die Bibel an anderen Stellen dazu lehrt. Gibt es im gesamtbiblischen Befund dazu Spannungen? Wenn ja, was bedeuten sie für uns? Wie gehen wir damit um? Werden bei diesen Worten oder Ausdrücken bestimmte biblische Prinzipien angesprochen?

Überlegt euch, ob es in der Bibel Begebenheiten gibt, die uns helfen, das besser zu verstehen. Gibt es Ereignisse, die ein Licht darauf werfen? Hattet ihr schon persönliche Erlebnisse oder kennt ihr Szenen in einem Film oder einem Buch, die das noch verständlicher machen?

Werft noch einen Blick auf die „kleinen Wörtchen“ im Text: und, aber, jedoch, wenn, dann, so, darauf, sondern, und so weiter. Überlegt euch, ob sie noch eine neue Erkenntnis bringen zu dem, was ihr bereits besprochen hattet.

Jetzt nehmt die Sammlung der Unklarheiten und besprecht diese. Haben sich inzwischen neue ergeben? Sind die aufgeschriebenen alle schon beantwortet? Gibt es welche, die ihr nicht selbst beantworten könnt?

Anwenden:

Was bedeutet der Text für unser Leben als Gemeinde, als Familien, als Ehepaare, als Nachbarn, als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, als Freunde, als Bürger unseres Landes? Wie können wir das ganz praktisch umsetzen?

Jesus Christus im Text:

Jeder einzelne Vers der Bibel erzählt uns etwas über Jesus Christus. Was will uns dieser spezielle Text über Jesus Christus sagen?

Wir können Gottes Wort auch nicht auf uns allein gestellt anwenden. Wir brauchen die Kraft Gottes dazu, die Kraft des Kreuzes, der Auferstehung, um unseren Egoismus und die menschliche Faulheit zu besiegen. Überlegt euch, wie uns das Evangelium im konkreten Fall hilft, das umzusetzen. Es demütigt uns und macht uns das Kreuz Jesu groß. Es zeigt uns, wie der Herr Jesus gelitten hat und arm wurde, um uns zu erlösen und Kraft zu geben und zu verändern. Das Ziel von jedem Abschnitt der ganzen Bibel ist es, uns Jesus ähnlicher zu machen.

Die Bibel beten:

Betet konkret miteinander und füreinander, dass ihr das eben Gelernte in eurem Leben in der kommenden Woche umsetzen könnt. Verwendet dabei auch Formulierungen des Abschnittes, das hilft, dass wir uns das noch besser merken können und dadurch verändert werden. Betet für unser Land, für die Gemeinde, die momentane Situation, bestimmte Mitmenschen und auch für weitere persönliche Anliegen.

Rhett & Link – oder: Wenn der Glaube zerfällt

Immer wieder erreichen uns zur Zeit Berichte von bekannten Menschen, die den Glauben hinter sich gelassen haben. Ich habe in den letzten Tagen etwa sechs Stunden Material von Rhett & Link  (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) durchgeschaut, in welchem sie von ihrer Entkehrung berichten. Warum das? Weil es eines der Themen ist, die uns noch eine Weile begleiten werden. Ich bin der Meinung, dass wir erst am Anfang davon sind. Rhett & Link sind ein YouTuber-Duo, das vor Jahren für Campus Crusade for Christ (heute „Cru“) arbeitete. Die zwei haben Filme gedreht und als christliche Comedians evangelisiert. Ich fand ihre Darstellung gerade deshalb so faszinierend, weil die beiden sich echt Mühe geben, die Gründe für ihre Entscheidung ehrlich darzulegen, darin aber grandios scheitern, und doch in zahlreichen Nebensätzen – unbewusst – sehr vieles zu erwähnen, was ihre eigentlichen Probleme sind.

Nach außen hin erzählen sie – und das sind so die total typischen Stichworte für sehr viele Entkehrungsstories unserer Zeit – von Zweifeln, der Beschäftigung mit Wissenschaft und dem biblischen Schöpfungsbericht, der Unglaubwürdigkeit der Apologeten unserer Zeit, von Problemen mit der christlichen Sexualethik, Problemen mit dem richtenden Wesen Gottes, von den vielen Regeln und Gesetzen ihres christlichen Umfelds, und am Ende von der Schönheit des Ungewissen, in welchem sie sich nun befinden.

Aufwachsen im christlichen Ghetto

Einer der wichtigsten Gründe, die oftmals übersehen werden, ist die Tatsache, dass viele junge Menschen in einer Art „christlichen Ghetto“ aufwachsen. Sie umgeben sich mit gläubigen Gleichaltrigen, mit welchen sie zusammen groß werden. Man bestätigt sich gegenseitig im Glauben (eine wichtige und wertvolle Sache), aber zugleich fehlt eine Möglichkeit, andere Sichtweisen zu sehen und sich damit auseinandersetzen zu müssen. Es ist in vielen Gemeinden möglich, die ganze Freizeit in der Kindheit und Jugendzeit nahezu nur mit anderen Gläubigen zu verbringen. Oftmals ist dieser Freundeskreis dann sogar nur auf dieselbe Denomination beschränkt, und jeder Andersdenkende wird als ein „Spinner“ gesehen, der „da draußen“ lebt. Junge Christen brauchen Bekanntschaften mit den unterschiedlichsten Überzeugungen und müssen lernen, Weltanschauungen zu erkennen, zu prüfen und kritisch zu diskutieren.

Bei Rhett & Link wird das mehrmals deutlich. Durch ihr volles Programm von Gemeinde, Kaffeestubenbesuch, wo sie Musik gemacht haben, und so weiter, war ihre Zeit gefüllt. Was hier auch in diese Kategorie hinein gehört, ist die Beschäftigung mit Evolution und Kreationismus. Viele junge Christen in bibeltreuen Gemeinden hören nur eine Sammlung von schwächeren Argumente zum Evolutionismus, dann lacht man kurz gemeinsam über diese (zum Beispiel Stichwort „Affe mit Schreibmaschine“) und hofft, dass damit die Bildung über das Thema abgeschlossen sei. In der Schule werden sie dann aber mit den tatsächlich guten und starken Argumenten konfrontiert und fühlen sich – zu Recht – von ihren Gemeinden verarscht und verlassen. Ich bin der Meinung, dass die heutigen gläubigen Teenager die besten Argumente für die Evolution kennen müssen. Sie sollten die am besten ausgebildeten Schüler ihrer Klassen sein.

Wir leben in einer Zeit, in welcher niemand mehr darum herumkommen wird, früher oder später Andersdenkenden zu begegnen. Die Frage ist die, ob wir das dann als eine Art „Kulturschock“ erleben werden, oder ob wir darauf genügend vorbereitet sind. Irgendwann werden wir mit guten Argumenten konfrontiert, die unseren Überzeugungen widersprechen und uns herausfordern, Stellung zu beziehen, wie wir das sehen. Davor gibt es keinen Schutz. Zum Glück! Dieser Blick über den Tellerrand ist sehr wertvoll! Dennoch kann er eine ganze Menge erschüttern, wenn wir nicht darauf vorbereitet sind. Ich persönlich bin ja sehr dankbar dafür – rückblickend – dass ich nie dazu gekommen bin, mich in einer bestimmten Gemeindekultur gänzlich niederzulassen und im „Ghetto“ zu bleiben. Auch wenn das immer wieder mit schmerzhaften Erlebnissen begleitet ist.

Das Zeitalter der Einsamkeit

Gott hat uns Menschen als Gemeinschaftswesen geschaffen. Schon ganz früh hieß es, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein ist. Wir leben heute in einem Zeitsalter der gemeinschaftlichen Einsamkeit. Gemeinsam einsam. Die jungen Leute, die sich bei McDonald’s treffen, und jeder für sich in den Bildschirm starrt, um von Zeit zu Zeit den anderen das neuste coole „Meme“ zu zeigen, sind in Wirklichkeit enorm einsam. Sie können nicht mehr längere Zeit über ein Thema reden und sich darüber wirklich austauschen. Es gibt in dieser Einsamkeit nur noch ein oberflächliches Von-Thema-zu-Thema-Hüpfen, damit die unerträgliche Stille unterbrochen wird.

Im geistlichen Bereich sieht das ähnlich aus: Rhett und Link sind aus ihrer Gemeinde „herausgewachsen“, so ähnlich fühlen sie das jedenfalls, sie sind keiner Gemeinde mehr Rechenschaft schuldig (und so sehen das auch viele andere Christen, die keinen solchen Dienst im Reich Gottes haben). Sie verändern sich in eine andere Richtung als die Gemeinde. Besser gesagt: Das Wachstum stagniert, während die Gemeinde weiter wächst. R&L werden zu professionellen Solo-Christen, denen man aus Ehrfurcht freie Hand lässt, bei denen die Gaben wichtiger sind als der Charakter.

Professionelle und andere Solochristen bekommen bald Probleme mit ihrem Glauben, weil sie anders leben als sie geschaffen wurden. Hier sind aber auch Gemeindebünde gefragt, wie man damit umgehen will, wenn Pastoren am Glauben zweifeln oder diesen verlieren. Es bräuchte viel mehr Seelsorgestellen für geistliche Leiter, da sich dieses Problem noch deutlich weiter zuspitzen wird. Pastoren sind einem enormen Druck ausgesetzt, nicht zweifeln zu dürfen, weil sonst ihr Beruf (oft ohne Ausweichmöglichkeit auf eine andere Arbeit) in Frage gestellt wird.

Es ist für jeden Christen notwendig, immer wieder unter das Wort zu kommen und ermahnt, getröstet, ermutigt und herausgefordert zu werden, die Bibel in ihrem Alltag umzusetzen und

Zweifel und der Umgang mit ihnen

Das Zweifel kommen können, sollte uns weder erschrecken noch erstaunen. Wichtiger ist hier der Umgang mit ihnen. Rhett und Link meinen, dass Menschen mit Zweifeln für ihre Gemeinde eine Belastung seien. Und leider – da haben sie recht – erleben Menschen mit Zweifeln auch immer wieder eine Ablehnung durch Gemeinden. Viele Entscheidungen, die Menschen treffen, hängen stark von ihrer persönlichen Biographie ab. Wenn jemand sich immer wieder abgelehnt fühlt, ist der Schritt, seinem Zweifel nachzugeben, viel leichter. Dabei spielt die Stärke der Argumente, die man hat, eine untergeordnete Rolle. Wir müssen uns dessen einfach bewusst sein. Auch Menschen, die sich nach außen hin als „vernünftig“ und „vom Verstand geleitet“ geben, sind viel stärker von ihrer Vergangenheit geprägt als sie sich bewusst sein wollen.

Deshalb müssen wir uns Zeit nehmen für Menschen mit Zweifeln. Uns mit ihnen nicht nur auf eine intellektuelle Weise nähern, sondern vor allem dadurch, dass wir uns die Zeit nehmen, mit ihnen durch die Zweifel hindurch zu gehen. Es braucht keine schnellen Antworten, sondern vor allem viel Verständnis und Einfühlungsvermögen. Gute Antworten sind wertvoll, wichtig, aber eben nicht alles.

Es gibt heutzutage zwei falsche Antworten auf Zweifel: „Zweifel sind vom Teufel“, Zweifel möglichst verdrängen, Angst schüren, Ablehnung, oder eine ungesunde Ehrfurcht vor den Zweifeln, die diese als gesunden, normalen Teil des Lebens sieht. So wird etwa gesagt, die Wissenschaft würde auf dem Zweifel aufbauen. Das ist nicht korrekt, denn sie baut auf Beobachtung und Messung auf. Zweifel helfen lediglich beim abschließenden Überprüfen des Beobachteten. Zweifel haben keinen grundsätzlichen Wert, sondern nur insofern als sie zu neuen Ergebnissen führen. Zweifel ohne neue Ergebnisse sind wertlos. Deshalb kann die von Rhett & Link propagierte neue Offenheit und Ungewissheit auch keinen Wert in sich besitzen. Der richtige Umgang mit Zweifeln wäre die Auseinandersetzung mit ihnen, das Zulassen der Zweifel und die Suche nach Lösungen. Ein Glaube, der durch Zweifel hindurch gegangen ist, wird danach stärker sein. Das ist etwas Gutes.

Personenkult und soziale Medien

Solche Entkehrungsgeschichten haben in unserer Zeit leider immer wieder eine große Wirkung. Wir leben in einem Zeitalter des Personenkultes, und YouTuber wie Rhett & Link sind Menschen mit einer großen Wirkung. Die sozialen Medien geben einem das Gefühl, dass die Menschen hinter dem Profil authentisch seien. Immerhin lassen sie sich bei vielen Dingen im Alltag zuschauen. Doch das trügt. Rhett und Link drucksen am Anfang eine ganze Weile herum, bis sie sich zu sagen trauen, dass ihr ganzes YouTube-Leben in Wirklichkeit eine große Lücke aufweist, nämlich ihre geistliche Entwicklung. Profile in den sozialen Medien werden poliert und gepflegt, um den echten Menschen dahinter verbergen zu können.

Leider schafft Rhett es, einen riesigen Stapel guter Literatur auf einen Schlag als wertlos zu erklären. Wer von den Zuschauern, die mit den Namen noch nichts anfangen können, würden sich jetzt noch die Bücher von Tim Keller, Josh McDowell und anderen mehr lesen, nachdem sie gesehen haben, wie ihr YouTube-Held die alle mit einem Schwung in die Tonne gekloppt hat?

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb mich die Videos (und auch die Erklärungen anderer Ex-christlicher Stars, Leiter, etc.) traurig stimmen. Sie setzen sich selbst unter Druck, dass sie nicht mehr zurück können. Ich meine, wer würde ihnen schon abnehmen, dass sie plötzlich doch wieder an Gott glauben, nachdem sie sich so medienwirksam vom Glauben distanziert haben? Vermutlich würden viele von ihnen einfach mal eine Auszeit und eine gute seelsorgerliche Betreuung brauchen. Wenn man so über Jahre unter dem Druck der christlichen Subkultur steht, ist es nicht einfach, dem zu widerstehen. Lasst euch doch einfach Zeit, nehmt Hilfe in Anspruch, saniert euren Glauben, und dann können wir weiter sehen. Aber macht euch nicht zusätzlich noch mehr Druck, indem ihr euch die Rückkehr verbaut! Hier spielt leider auch die christliche Kultur der Veröffentlichungen eine Rolle. Solche Bücher verkaufen sich gut, solche Meldungen erhöhen die Bekanntheit. Aber gesund ist das nicht.

Argumentationstraining mit Thomas von Aquin

Heute möchte ich einen Geheimtipp weitergeben: Wenn Du gerne lernen möchtest, noch besser über den Glauben reden und diskutieren zu können, dann empfehle ich Dir, die „Summe der Theologie“ von Thomas von Aquin zu studieren. Er gibt uns ein sehr schönes Beispiel, wie gute Argumentation aussehen kann und sollte. Thomas von Aquin hat dieses Werk in den Jahren von 1265 – 1273 geschrieben, natürlich auf Latein. Doch es gibt ja zum Glück Übersetzungen. Ich persönlich nutze die englische Übersetzung, die es auf der Seite CCEL kostenlos als PDF zum Download gibt. Eine Lateinisch-deutsche Parallel-Übersetzung gibt es auf der Seite der Universität Freiburg (CH) in der Bibliothek der Kirchenväter, die allerdings nur online durchsuchbar ist und leider nicht heruntergeladen werden kann.

Thomas von Aquin hat diese „Summe“ als eine Einführung in den Glauben für Neulinge im Glauben geschrieben, und sie besteht aus einer Vielzahl von Fragen. Bei jeder Frage beginnt er damit, dass er die Gegenposition beschreibt und die besten Argumente der Gegner aufzählt. Sodann stellt er seine eigene Position vor und begründet sie. Am Schluss widerlegt er jedes Argument der Gegenposition einzeln. Das ist die optimale Art und Weise, wie man richtig gut argumentiert. Deshalb empfehle ich dieses Werk, um die Kunst der Argumentation zu lernen und verbessern.

Die „Summe“ ist einschüchternd groß. Die englische Übersetzung zum Beispiel umfasst fast 7000 Seiten. Lass Dir davon keine Angst machen. Es sind hunderte von Fragen und Antworten, aber das ist erst einmal völlig egal. Schau Dich im Inhaltsverzeichnis um, und suche Dir mal 15 – 20 Fragen heraus, die Dich interessieren. Dann suche diese Fragen auf und studiere sie sorgfältig – indem Du die folgenden Fragen dazu für Dich beantwortest:

Fragen zum Studium:
  1. Wie geht Thomas vor, um die Position der Gegner möglichst fair und überzeugend darzustellen?

  2. Wüsstest Du noch ein besseres Argument für die Gegenposition als die von Thomas aufgezählten?

  3. Auf welche Quellen greift Thomas zurück, um im Hauptteil seine eigene Position zu stützen? Welches sind seine Autoritäten? (Bibel? Kirchenväter? Philosophen?)

  4. Bist Du mit Thomas’ Sichtweise und Argumentation einverstanden?

  5. Wenn ja, welches Argument findest Du besonders stark?

  6. Wenn nein, was wäre Deine Sichtweise? Formuliere sie möglichst schriftlich – oder zumindest ganz klar und deutlich im Kopf.

  7. Auf welche Quellen und Autoritäten greifst Du zurück, um Deine Sichtweise zu begründen?

  8. Jetzt bist Du an der Reihe. Nimm jede Widerlegung von Thomas’ Gegenpositionen und widerlege sie mit guter Begründung Deinerseits selbst.

Es dürfte eine Weile dauern, um die ersten 20 Fragen so zu studieren. Gib nicht auf, denn es ist ein wertvolles Training. Wie gesagt, lass Dich nicht von der schieren Menge an Fragen erschrecken und vom Weitermachen abhalten. Was Dich nicht interessiert, das überspringe einfach. Ich habe beim Lesen schon oft gestaunt, auf welche Fragen Aquin überhaupt gekommen ist – Fragen, die ich mir nie gestellt hätte, die aber sehr spannend sind, wenn man sich erst einmal damit beschäftigt.

Warum sollen wir überhaupt ein „Argumentationstraining“ machen? Es hilft uns, dass wir unsere Überzeugungen besser erkennen, prüfen und kommunizieren lernen. Es hilft uns auch, zu erkennen, wer unsere Überzeugungen prägt und wir lernen dabei, Diskussionen so zu führen, dass wir bei der Sache bleiben und um Inhalte ringen, statt falsche Argumente, Angriffe auf Personen, Strohmänner und Fehlschlüsse zu produzieren. Wenn mehr Menschen lernen, richtig und schlüssig zu argumentieren, würde uns viel Streit, Missverständnis und unnötiger Ärger erspart bleiben. Außerdem ist es auch im Gespräch mit Menschen hilfreich, denen wir die Liebe Jesu weitergeben wollen.