Argumentationstraining mit Thomas von Aquin

Heute möchte ich einen Geheimtipp weitergeben: Wenn Du gerne lernen möchtest, noch besser über den Glauben reden und diskutieren zu können, dann empfehle ich Dir, die „Summe der Theologie“ von Thomas von Aquin zu studieren. Er gibt uns ein sehr schönes Beispiel, wie gute Argumentation aussehen kann und sollte. Thomas von Aquin hat dieses Werk in den Jahren von 1265 – 1273 geschrieben, natürlich auf Latein. Doch es gibt ja zum Glück Übersetzungen. Ich persönlich nutze die englische Übersetzung, die es auf der Seite CCEL kostenlos als PDF zum Download gibt. Eine Lateinisch-deutsche Parallel-Übersetzung gibt es auf der Seite der Universität Freiburg (CH) in der Bibliothek der Kirchenväter, die allerdings nur online durchsuchbar ist und leider nicht heruntergeladen werden kann.

Thomas von Aquin hat diese „Summe“ als eine Einführung in den Glauben für Neulinge im Glauben geschrieben, und sie besteht aus einer Vielzahl von Fragen. Bei jeder Frage beginnt er damit, dass er die Gegenposition beschreibt und die besten Argumente der Gegner aufzählt. Sodann stellt er seine eigene Position vor und begründet sie. Am Schluss widerlegt er jedes Argument der Gegenposition einzeln. Das ist die optimale Art und Weise, wie man richtig gut argumentiert. Deshalb empfehle ich dieses Werk, um die Kunst der Argumentation zu lernen und verbessern.

Die „Summe“ ist einschüchternd groß. Die englische Übersetzung zum Beispiel umfasst fast 7000 Seiten. Lass Dir davon keine Angst machen. Es sind hunderte von Fragen und Antworten, aber das ist erst einmal völlig egal. Schau Dich im Inhaltsverzeichnis um, und suche Dir mal 15 – 20 Fragen heraus, die Dich interessieren. Dann suche diese Fragen auf und studiere sie sorgfältig – indem Du die folgenden Fragen dazu für Dich beantwortest:

Fragen zum Studium:
  1. Wie geht Thomas vor, um die Position der Gegner möglichst fair und überzeugend darzustellen?

  2. Wüsstest Du noch ein besseres Argument für die Gegenposition als die von Thomas aufgezählten?

  3. Auf welche Quellen greift Thomas zurück, um im Hauptteil seine eigene Position zu stützen? Welches sind seine Autoritäten? (Bibel? Kirchenväter? Philosophen?)

  4. Bist Du mit Thomas’ Sichtweise und Argumentation einverstanden?

  5. Wenn ja, welches Argument findest Du besonders stark?

  6. Wenn nein, was wäre Deine Sichtweise? Formuliere sie möglichst schriftlich – oder zumindest ganz klar und deutlich im Kopf.

  7. Auf welche Quellen und Autoritäten greifst Du zurück, um Deine Sichtweise zu begründen?

  8. Jetzt bist Du an der Reihe. Nimm jede Widerlegung von Thomas’ Gegenpositionen und widerlege sie mit guter Begründung Deinerseits selbst.

Es dürfte eine Weile dauern, um die ersten 20 Fragen so zu studieren. Gib nicht auf, denn es ist ein wertvolles Training. Wie gesagt, lass Dich nicht von der schieren Menge an Fragen erschrecken und vom Weitermachen abhalten. Was Dich nicht interessiert, das überspringe einfach. Ich habe beim Lesen schon oft gestaunt, auf welche Fragen Aquin überhaupt gekommen ist – Fragen, die ich mir nie gestellt hätte, die aber sehr spannend sind, wenn man sich erst einmal damit beschäftigt.

Warum sollen wir überhaupt ein „Argumentationstraining“ machen? Es hilft uns, dass wir unsere Überzeugungen besser erkennen, prüfen und kommunizieren lernen. Es hilft uns auch, zu erkennen, wer unsere Überzeugungen prägt und wir lernen dabei, Diskussionen so zu führen, dass wir bei der Sache bleiben und um Inhalte ringen, statt falsche Argumente, Angriffe auf Personen, Strohmänner und Fehlschlüsse zu produzieren. Wenn mehr Menschen lernen, richtig und schlüssig zu argumentieren, würde uns viel Streit, Missverständnis und unnötiger Ärger erspart bleiben. Außerdem ist es auch im Gespräch mit Menschen hilfreich, denen wir die Liebe Jesu weitergeben wollen.

Auslegungspredigt: Wie ich Predigtserien vorbereite

Nachdem ich kürzlich über die besten Ressourcen zur Auslegungspredigt gebloggt und dort einige Bücher der Predigtlehre vorgestellt hatte, kam bald die Frage auf, wie man sich am besten auf das Predigen durch ganze Bibelbücher hindurch vorbereitet. Diese Sache ist natürlich sehr unterschiedlich von Prediger zu Prediger, weshalb es kein fixes Rezept für alle geben kann. Das will ich auch gar nicht. Aber ich möchte als ein Teil der Antwort auf diese Frage meine eigene Praxis vorstellen, die ich im Laufe der Jahre entwickelt und verfeinert habe, damit sie auf meinen persönlichen Stil und meine Gegebenheiten passt und werde manches auch so versuchen zu begründen, dass es möglichst anderen (jungen) Predigern Hilfe geben kann.

Meine Umstände sehen zur Zeit so aus, dass ich hauptberuflich in der Kunststoffindustrie tätig bin und daneben etwa alle 2-3 Wochen bei uns in der Gemeinde predige. Insgesamt kann ich pro Jahr ungefähr 18 – 20 Predigten innerhalb von Serien vorbereiten und dazu noch etwa zwei bis drei Einzelpredigten an Feiertagen oder zu anderen Anlässen. Hinzu kommen Einladungen in andere Gemeinden, wo ich als Gastredner predigen darf.

Beginn: Ein Jahr im Voraus

Meine Vorbereitung auf eine Predigtserie beginnt in der Regel ein Jahr bevor die erste Predigt der Serie gehalten wird. Ich beginne mit der Entscheidung unter Gebet, was nach der oder den den bereits vorbereiteten Serie/n als Nächstes drankommen wird. Immer wieder staune ich, wie perfekt diese Predigttexte auf die Situation der Welt und der Gemeinde passen, wenn ich dort angelangt bin. Gottes Treue wird dadurch immer wieder neu sichtbar. Ich muss nicht bis drei Tage vor dem Gottesdienst warten, um zu wissen, was gerade für die Gemeinde relevant ist (das Wort „relevant“ ist in unserer Zeit zu einem Götzen verkommen), sondern Gottes Wort, jeder Vers und jeder Abschnitt, ja geradezu jedes einzelne Wort der Bibel ist immer und zu jeder Zeit 100% relevant.

Ungefähr 10 Monate vor Beginn der jeweiligen Serie lese ich zehn bis 15 Mal die Texte, über die ich predigen werde und mache nebenbei eine ungefähre Einteilung in Predigten, die ich dazu halten will, jeweils zusammen mit einem vorläufigen Arbeitstitel. Im neunten und achten Monat davor lese ich Kommentare und zuweilen auch Predigten, die andere gute Prediger zu den Texten schon gehalten haben. Dazu mache ich mir pro Predigt etwa fünf bis sechs Stichworte oder notiere mir ein bis zwei Sätze, die mir wichtig geworden sind. Kommentare dienen mir vor allem dazu, um wichtige grammatikalische Spezialitäten zu finden und die wichtigsten Fragen an den Text und dessen Kontext zu formulieren. Das hilft mir später bei der eigentlichen Vorbereitung. Die restlichen Monate nutze ich, um hin und wieder die Notizen durchzusehen und mir Gedanken darüber zu machen, die ich auch im Gebet immer wieder besprechen kann.

Wozu so lange im Voraus beginnen?

Manche werden sich jetzt fragen: Wozu diese lange Vorlaufzeit? Ich bin ein Denker und ein denkender Wiederkäuer. Ich brauche das. Man mag mir das als Schwäche auslegen, damit habe ich überhaupt kein Problem. Immerhin ist es mir noch nie passiert, dass ich in der Woche vor einer Predigt noch nicht wusste, worüber ich predigen soll. In den sieben oder acht Monaten bis zur Predigt sind für mich Kommentare und Predigten anderer Prediger über jene Texte tabu. Ich habe das Wichtigste vom Wichtigsten in meinen Notizen, das muss mir reichen.

Etwa zwei Wochen vor dem jeweiligen Termin beginnt dann die eigentliche Vorbereitung: Noch einmal den Text durchlesen, dann die Arbeit im griechischen oder hebräischen Grundtext mit Überlegungen zur Textkritik, die Übersetzung der wichtigsten Passagen (so ungefähr zwei bis drei Verse gehören bei jeder Predigt mindestens dazu), Wortstudien (welche Bedeutungsbreite hat ein bestimmtes Wort, wie wird es bei welchen Autoren verwendet) und ein Blick in die Grammatik sind die Grundlage. Als Nächstes versuche ich, die Botschaft des Textes in einem Satz zusammenzufassen und nehme diesen Satz, um darauf die Gliederung der Predigt aufzubauen. Der schwierigste Teil ist das Wissen darum, was weggelassen werden soll, denn nach dieser Vorbereitung ist so viel Stoff vorhanden, um allein pro Abschnitt mehrere Sonntage zu füllen. Weniger ist mehr – und da habe ich noch viel Lernpotenzial.

Ich bin in den vergangenen Jahren immer mehr zum Schluss gekommen, dass mir Kommentare nur am Rande helfen. Viel mehr Zeit verbringe ich bei Autoren der so genannten „Biblischen Theologie“, da deren Horizont deutlich weiter reicht. Sehr gute Kommentare sind zugleich auch Werke der Biblischen Theologie, aber da muss man weit suchen, um das Richtige zu finden. Auch ein Blick in die Dogmatik (Systematische Theologie) ist sehr wertvoll, um einen erweiterten Blick auf das Thema des Predigttextes zu erlangen. Und dann ist da die Gemeinde, die einzelnen Menschen, die zuhören werden und auf die Predigt reagieren sollen. Wie kann der Bibeltext für sie möglichst eindringlich verständlich werden? Und nicht zuletzt: Wo im Text finde ich das Kreuz und die Auferstehung Jesu? Kein Mensch kann Gottes Gebote aus sich selbst halten. Immer und immer wieder brauchen wir das Evangelium, in welchem erst die Kraft steckt, um Gottes Willen zu tun.

Fragen, die mir bei der Vorbereitung helfen:
  • Wer hat den Text an wen gesprochen, geschrieben oder anderweitig kommuniziert?

  • In welchem Kontext steht er? Altes oder Neues Testament? Vor oder nach Ostern?

  • Welche Art von Text ist es? Ein Geschichtsbericht? Ein Brief? Ein biographischer Text? Ein Lied?

  • Wie wurde der Text im Laufe der Kirchengeschichte verstanden?

  • Was an dem Text überrascht mich?

  • Warum steht das so da wie es da steht? Wie hätte es anders geschrieben werden können und warum wurde es nicht anders geschrieben?

  • Wie ist der Text aufgebaut? Welche kleinen Wörter wie „und“, „aber“, „sondern“, „dennoch“, „denn“, „doch“, und so weiter machen den Fluss des Textes aus und wie machen sie das?

  • Wie ist der jeweilige Abschnitt in das ganze Buch eingebunden? In welcher Beziehung stehen die Teile der Serie zueinander? Wie lautet die ganze Argumentation, die über mehrere Teile der Serie hinweg verläuft?

  • Wo ist Christus in meinem Text? Wo hilft Er mir bei der täglichen Umsetzung?

  • Was könnte in unseren modernen Ohren anstößig sein? Wie antworten wir einem Skeptiker darauf?

  • Was bedeutet der Text für unsere Gemeinde, unser Zusammenleben in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz oder in der Familie?

  • Welche Lebenslügen spricht der Text an und durch welche Wahrheiten will er sie ersetzen?

Alle diese Fragen dienen zum besseren Verständnis des Textes. Welche davon am Ende in die Predigt einfließen, ist eine ganz andere Frage. Nicht alle Infos, die sich aus diesen Fragen ergeben, können tatsächlich erwähnt werden, sonst wird der Hörer mit too much an Wissen bombardiert und häufig überfordert. Ich versuche – passend zum jeweiligen Text – Abwechslung in die Arten der Infos zu bringen. Mal mehr apologetisch, mal mehr Infos zu den Einleitungsfragen, mal mehr Infos aus den Wortstudien, und so weiter.

Zum Schluss noch drei Hinweise:
  1. Ich habe das riesige Privileg, dass ich die Sprachen der Bibel lernen durfte. Es gibt aber auch gute Hilfsmittel, mit denen man auch ohne dieses Wissen die Bibel auslegen und verstehen kann. Verschiedene Bibelübersetzungen (möglichst auch in anderen Sprachen wie englisch, französisch, spanisch oder was auch immer man kann), Konkordanzen zu den Wörtern der Bibel, Interlinear-Übersetzungen, Lexika zur Bibel, und so weiter. Eine gute Dogmatik sollte keinesfalls fehlen.

  2. Ich möchte an der Stelle das Element der Freiheit betonen. Dass man eine Predigt vorbereitet und vielleicht auch schon ausgeschrieben hat, bedeutet noch nicht ganz zwingend, dass man sie auch genau so halten muss. Hier bin ich ein Verfechter der predigerlichen Freiheit. Es kann vorkommen, dass man alles bereit hat und sich dann doch vom Geist Gottes gedrängt fühlt, spontan etwas ganz anderes zu predigen. Oder dass man am Abend davor merkt, dass Gott doch noch was anderes sagen will. Oder dass im Gottesdienst etwas gebetet wird, worauf der Geist Gottes in der Predigt reagieren möchte. Oder dass eine Predigt im Laufe des Predigens plötzlich eine ganz andere Richtung nimmt und einen anderen Schwerpunkt erfordert. All das sind Beispiele aus dem Predigeralltag, die wohl dem Einen oder Anderen bekannt vorkommen werden. Und das ist gut so, denn der Geist weht, wo Er will. Das alles spricht nicht gegen eine sehr gute Vorbereitung, denn wer gut vorbereitet ist, kann improvisieren; wer schlecht vorbereitet ist, muss improvisieren.

  3. Was würde ich ändern, wenn ich jeden Sonntag predigen sollte? Ich würde noch früher mit der Vorbereitung anfangen. Vermutlich 18 statt zwölf Monate im Voraus. Wenn zwei oder drei Wochen verstreichen bis man die Gemeinde in der Serie wieder weiterführt, ist es wichtig, dass man den Rückblick auf das Bisherige, wenn man es noch weiter vertiefen will, nicht zu oberflächlich aber auch nicht zu langwierig macht. Das ist ein Spagat, zu dem man immer wieder herausgefordert ist.

Hast Du noch mehr Fragen, Anregungen oder eigene Tipps für die Vorbereitung von Predigtserien oder Serienpredigten?

Gepredigt: Jona und die Lektion von Gottes Gnade

“[…] Ich saß vor etwa eineinhalb Wochen auf dem Zahnarztstuhl, weil da etwas Fräsen und eine neue Füllung nötig war. Als ich noch auf die Zahnärztin wartete, kam mir plötzlich Jakobus 5,16 in den Sinn, wo es heißt: Bekennt einander die Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet! Das Gebet eines Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Als langjähriger Kariespatient bin ich mir bewusst, dass der Zahnarztbesuch etwas Wichtiges ist, aber nicht unbedingt etwas Schönes. So ähnlich ist es auch, wenn wir einander unsere Sünden bekennen. Beides geht mit Schmerzen einher, beides ist unangenehm, aber beides verhindert auch, dass sich in uns etwas Schlimmeres einnistet und sich hindurchfrisst. Wenn wir unsere Sünden nicht immer wieder bekennen, frisst sich die Sünde immer tiefer in uns hinein und es wird immer schwieriger und unangenehmer, irgendwann doch noch was davon zu sagen. Wenn wir uns an das perfekte Deckmäntelchen des Christseins gewöhnt haben, wenn das zu unserer zweiten Natur geworden ist, dass wir niemanden zu tief in unser Leben blicken lassen, dann ist es richtig schwierig geworden, uns von Gott verändern zu lassen. Dann haben wir uns schon so daran gewöhnt, den Heiligen Geist zu ignorieren, dass wir fast unansprechbar für Gott geworden sind.

Gottes Gnade ist immer noch jeden Tag für uns da – aber nicht nur für uns, sondern auch für all die Menschen um uns herum. Die Menschen von Ninive hatten 40 Tage Zeit, wenn sie in der Zeit keine Buße getan hätten, wäre die Stadt wohl zerstört worden und unser Prophet hätte sein Spektakel gehabt. Noch ist Gnadenzeit. Noch haben wir Zeit, um unsere Mitmenschen mit dem Evangelium zu erreichen. Noch haben wir Zeit, in der es Umkehr geben kann. Irgendwann wird der Herr Jesus wiederkommen – sei es heute Nachmittag oder in 200 Jahren, das weiß keiner – und dann wird es zu spät sein. Wenn Gottes Heute zu früh ist, um Buße zu tun, könnte dein Morgen zu spät sein dafür. Wenn Gott dir heute sagt, dass du etwas in Ordnung bringen sollst, dann tue es gleich. Manchmal werden Menschen innerlich so verhärtet wie Jona, dass es erst einen Wurm braucht, um sie zum Aufwachen zu bringen. Dann muss erst etwas in Brüche gehen, bevor sie bereit sind, auf den Heiligen Geist zu hören und zu tun, was sie sollen. Gott hat Mitleid mit Ninive und Mitleid mit dem Schwarzwald. Auch hier gibt es viele Menschen, die es nötig hätten, von Jesus zu erfahren. Auch der Schwarzwald ist voller Sünde und Rebellion! […]”

Predigt über Jona 4:

Warum das stellvertretende Sühnopfer zentral ist

Wenn wir über den Tod und die Auferstehung Jesu Christi nachdenken, gibt es in unserer Zeit immer wieder Versuche, die Deutung als stellvertretendes Sühnopfer beiseite zu schieben und stattdessen andere Deutungen in den Mittelpunkt zu rücken. Steve Chalke etwa, ein britischer Postmodernist, nannte die Rede vom stellvertretenden Sühnopfer einen „kosmischen Kindesmissbrauch“ und andere schlagen seither in dieselbe Kerbe. Fakt ist und bleibt, dass die Bibel mehrere Deutungen des Todes Jesu kennt, diese jedoch einander ergänzen. Wir können uns nicht einfach für eine davon entscheiden und sagen: Das gefällt mir am besten, auf den Rest pfeife ich. Vielmehr ergeben nur die Deutungen gemeinsam ein großes Gesamtbild und zeigen die Schönheit der Liebe Gottes. In diesem biblischen Gesamtbild steht die Deutung als ein stellvertretendes Sühnopfer jedoch im Mittelpunkt. Sie ist und bleibt zentral, denn sie zieht sich von Anfang bis zum Schluss wie ein roter Faden durch alle Gattungen und nahezu alle Bücher der Bibel.

Die fünf Mosebücher

Aus den Schriften des Alten Bundes sind die fünf Mosebücher besonders wichtig, weil sie dem Judentum Identität geben. Die wöchentliche Lesung enthält immer einen Abschnitt aus diesem Fünfbuch. Deshalb möchte ich mich zunächst einmal darauf konzentrieren. Die „vorderen Propheten“ (Josua bis Nehemia oder in der jüdischen Reihenfolge bis zu den Chronik-Büchern) erzählen die Geschichte Israels weiter. Die Weisheitsbücher (Hiob bis Hoheslied) enthalten die Weisheit und die Lieder, und die „hinteren Propheten“ Jesaja bis Maleachi sind immer wieder die Erinnerung, zu dem zurückzukehren, was Gott Mose offenbart hat. Insofern gibt es in der jüdischen Bibelauslegung – anders als bei uns – eine gewisse Rangordnung der Bücher, bei welcher die Mosebücher an wichtigster Stelle stehen.

Wenn wir an den Anfang zurückgehen, finden wir das erste stellvertretende Sühnopfer in 1. Mose 3: Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fell und bekleidete sie. (1. Mose 3,21). Der Begriff „katnot ‘or“ bezeichnet Kleidung aus der Haut und keineswegs gewobene Kleidung aus den Haaren. Gott hat die ersten Tiere getötet, um den Menschen eine Bedeckung für die Folgen ihrer Sünde zu geben. Der Sündenfall war auch der Moment, in welchem der Tod erstmals in die Welt gekommen ist. Bereits im nächsten Kapitel finden wir Gottes Bewertung der verschiedenen Opfer der beiden Brüder Kain und Abel. Das Tieropfer wird angenommen, während das Opfer aus dem biologischen Anbau nicht angenommen wird. Es gibt bei Gott eine klare Präferenz, dass ein Tieropfer, das später auch immer wieder als stellvertretendes Sühnopfer im Sinne eines Vor-Bilds auf das Sühnopfer Jesu Christi am Kreuz von Golgatha verlangt wird.

Einen besonderen Stellenwert muss auch 1. Mose 22 bekommen. Abraham ist gehorsam und geht mit Isaak zur Opferstätte. Im letzten Moment kommt der Widder zum Vorschein, der stellvertretend an Isaaks Stelle geopfert wird. Hier ist ganz klar der Bezug zum Tod Jesu Christi zu sehen, der auch an unserer Stelle gestorben ist. Ebenso ist auch das Passalamm in 2. Mose 12. Hier ist interessant, dass schon längst vor der Zeit am Sinai, also bevor die ganzen Opfervorschriften kamen, die Bedingungen für die Lämmer, die geschlachtet werden sollten, dieselben waren wie für das spätere Opfertier für das Sündopfer: Männlich, einjährig und ohne Fehler (vergleiche 2. Mose 12,5 mit 3. Mose 9,3) Somit war bereits das Passalamm ein vorbereitendes stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden des Volkes Israel.

2. – 4. Mose

Zu den fünf Büchern Mose gibt es schon eine Weile Diskussionen, ob sie ursprünglich als ein einzelnes Buch, drei Bücher, fünf Bücher oder gar zusammen mit Josua und / oder noch weiteren Büchern als eine Einheit angelegt wurden. Im Anschluss an Gordon J. Wenham hat Prof. Hendrik Koorevaar in einem Aufsatz einleuchtend und überzeugend dargelegt, weshalb die fünf Bücher Mose wie eine Art Triptychon angelegt sind: 1. Mose als linke und 5. Mose als rechte Tafel und dazwischen 2. – 4. Mose als mittleres Bild in einer Einheit. Der Aufsatz kann hier (Link) online gelesen oder heruntergeladen werden. In den weiteren Ausführungen werde ich eine kurze Zusammenfassung einiger Punkte geben, die Prof. Koorevaar in diesem Aufsatz macht und diese noch etwas ausführen.

Zunächst zeigt Prof. Koorevaar, dass die Innengrenzen zwischen 2. und 3. Mose sowie 3. und 4. Mose nicht wirklich vorhanden oder wenn, dann sehr schwach sind. Das ist etwas, was mir auch schon früher beim Bibellesen aufgefallen ist: Wie bitte kann man ein Buch damit beenden, dass die Priester wegen der Herrlichkeit Gottes nicht in die Stiftshütte gehen konnten? Erst durch diesen Ansatz, den ich im Studium der Theologie in Riehen kennengelernt habe, hat dies einen Sinn ergeben. Und wenn man nun davon ausgeht, dass 2. – 4. Mose als ein einziges großes Buch zu betrachten ist, so fragte sich Herr Koorevaar weiter, was ist dann der Mittelpunkt dieses Buches? Wie ist dann der Aufbau zu verstehen? Plötzlich macht vieles mehr Sinn. Das Buch ist um ein Zentrum herum aufgebaut, und dieses Zentrum ist 3. Mose 16, das Kapitel vom Yom Kippur, dem großen, jährlichen Versöhnungstag. Es ist der Tag des stellvertretenden Sühnopfers für alle Sünden des ganzen Volkes Israel.

Ausblick ins Neue Testament

Wenn wir nun damit ins Neue Testament gehen und nach der theologischen Reflektion dieses Tages durch den Herrn Jesus und die Apostel fragen, so finden wir eine Vielzahl von Hinweisen, die immer wieder Golgatha damit verbinden. Etwa bei Johannes dem Täufer: Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! (Johannes 1,29) oder auch in der Offenbarung: Und ich sah, und siehe, in der Mitte des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten stand ein Lamm, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, welche die sieben Geister Gottes sind, die ausgesandt sind über die ganze Erde. (Offenbarung 5,6) und im Hebräerbrief: Als aber der Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen [Heils-] Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Denn wenn das Blut von Stieren und Böcken und die Besprengung mit der Asche der jungen Kuh die Verunreinigten heiligt zur Reinheit des Fleisches, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dienen könnt. Darum ist er auch der Mittler eines neuen Bundes, damit — da sein Tod geschehen ist zur Erlösung von den unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen — die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. (Hebräer 9, 11-15)

All diese (und es gibt noch unzählige weitere) Hinweise können wir nicht außer Acht lassen. Von Anfang an hat Gott die Autoren der Bibel dazu inspiriert, uns auf das Kommen des Erlösers vorzubereiten, der stellvertretend unsere Schuld bei Gott bezahlt und uns dadurch erlöst. Ich plane eine Fortsetzung zu schreiben, in welcher weitere Teile der Bibel untersucht werden sollen, wie sie uns auf die Erlösung durch den stellvertretenden Tod und die Auferstehung Jesu Christi vorbereiten. Weitere Hinweise finden sich übrigens auch in meinem PDF „Als die Zeit erfüllt war“ (Link)

Der Baum

In Theologistan lebte ein Baum. Viele Jahre blühte er prächtig und brachte Frucht. Immer wieder spendete er Menschen Schatten, die auf der Flucht waren. Er machte ihnen Mut und sie lernten von seiner Standfestigkeit für ihr eigenes Leben. Sie sahen: Der Baum ist nicht einfach nur irgendwie gewachsen, wie es ihm gerade passte. Er hat sich am Licht ausgerichtet, er wurde durch Stürme stark.

Mit der Zeit kamen immer weniger Menschen. Bald wurde ein Zaun um den Baum gemacht, weil nur die ausgebildeten Gärtner von Theologistan den Baum von Nahem sehen und pflegen durften. Gärtnern durfte nur lernen, wer alle Pflanzen gut kannte, und so wurde unser Baum immer einsamer. Alle sprachen von ihm, jeder berief sich gern auf ihn, doch immer aus dem sicheren Abstand von jenseits des Zaunes.

Plötzlich fehlte auf einer Seite der Zaun. Nun gab es zwei Parteien in Theologistan, die Hinterzäuner und die Vorderzäuner. Die Hinterzäuner hielten weiterhin Abstand und blieben hinter dem Zaun. Die Vorderzäuner näherten sich von der anderen Seite, wo sich kein Zaun mehr befand. Die Vorderzäuner fanden es wichtig, dass jeder Mensch freien Zugang zum Baum haben soll.

Eines Tages kam ein Vorderzäuner auf die Idee, den Baum nicht nur anzuschauen, er wollte auch wissen, woraus der Baum besteht. Er brachte ein Messer mit und hatte eine Schrift verfasst „Abhandlung von freier Untersuchung des Baumes“. Er forderte, dass der Baum ganz genau seziert und untersucht werden muss. Mit der Zeit gibt es immer mehr Universitäten, die davon leben konnten. Die Hinterzäuner fühlten sich bestätigt und fanden, sie hätten recht damit, dass sie niemanden zu nahe an den Baum heranlassen würden.

Ein Professor der Baumologie wollte die Jahresringe des Baumes untersuchen. Er schnitt ein Stück vom Stamm des Baumes auf und je mehr er sich in die Jahresringe vertiefte, je mehr er die frühe Zeit des Baumes betrachtete, desto mehr sah er Unterschiede zu seiner Zeit und sprach von einem unüberbrückbaren garstigen Graben zwischen der Frühzeit des Baumes und seiner Zeit.

Ein anderer Baumologe wollte über das Leben des Baumsamens schreiben. Er brachte eine ganze Forschungsrichtung hervor, die sich damit beschäftigten, was man über den Baumsamen herausfinden kann, wenn man alle Veränderungen, die sich in den Jahresringen niederschlugen, entfernt. Nach hundert Jahren Baumsamenforschung kam man zum Schluss, dass jeder Forscher am Ende immer genau das herausfinden wird, was er zu Beginn schon voraussetzte.

Wieder ein anderer Baumforscher wollte die Methoden der Forschung wissenschaftlicher gestalten. Er fand, dass man alles am Baum in Frage stellen müsse, und dann dürfe nur das übrigbleiben, was wissenschaftlichen Erklärungen entspricht: Nur das, was sich durch das Prinzip von Ursache und Wirkung erklären lässt, und nur das, was auch in der jetzigen Zeit festgestellt werden kann, darf als wahr betrachtet werden.

Schon lange gab es Bestrebungen, den Baum als Pflanze zu betrachten, die von vielen Generationen von Gärtnern immer wieder manipuliert, verfälscht und mit Fehlern behaftet worden war. Viele Erklärungsmodelle für alle möglichen Verästelungen waren publiziert worden. Und irgendwann fanden auch die Hinterzäuner, dass sie nicht mehr um den Gebrauch dieser zahllosen Methoden herum kämen.

Erst spät bemerkten die Theologistaner, dass der Baum immer weniger Blätter und Frucht trug. Nur wenige kamen auf die Idee, dass dies am ständigen Zerlegen des Baumes liegen könnte. Es gab viele Versuche, dem Baum zu helfen. Einige dachten, es gehe dem Baum so schlecht, weil es noch so viel zu tun gab, um die Ungerechtigkeit in der Welt zu beseitigen. Manche nehmen die Frucht des Baumes und pflanzen sie anderswo wieder in den Boden. Daraus wachsen schnell weitere Pflanzen, die ihrerseits Frucht tragen. Doch auch dort sammeln sich bald wieder Gelehrte, die auch diese Bäume sezieren wollen. Sie sind der Meinung, dass es zu viel Streit um die Baumologie gebe. Man müsse den Gegensatz zwischen den Sezierern und den Nichtsezierern aufheben, indem man immer nur ein wenig aufs Mal seziert. Wie diese Geschichte weiter geht, wird sich noch zeigen. Manches davon liegt nun auch in unser aller Händen. 

Buchtipp: Cat Person

Roupenian, Kristen, Cat Person, Aufbau Verlag Berlin, 2019, 276S., Verlagslink, Amazon-Link

Cat Person ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Lebensgefühl der heutigen Twens und bis etwa Mittdreißiger befasst. Das Buch besteht aus zwölf „short stories“, die zwar einerseits eine breite Palette an unterschiedlichen Personen und Lebensgeschichten enthält, die sich doch zugleich auf einem sehr engen, oberflächlichen Gefühlsparkett bewegen. Das macht es auch schwierig, über das Buch als Ganzes zu schreiben.

Wenn man sich „Cat Person“ ehrlich nähern will, kann dies nur mittels einer doppelten Strategie geschehen. Auf der einen Seite ist da eine Sammlung von Geschichten, die geradezu durch Abwesenheit jeglicher künstlerischer Schönheit glänzen. Es sind literarische Schnellschüsse, die am meisten durch exzessive Gewalt- und Sexorgien auffallen. Es gibt wenig Handlung, wenig Entwicklung, aber dafür viel Introspektion und Zynismus. Das Absurde, das Zufällige, das Abstoßende und das Scheitern wird gefeiert und vergötzt.

Zugleich ist es der Autorin gelungen, das Lebensgefühl vieler Menschen einzufangen. Ob man dabei tatsächlich von einer ganzen Generation sprechen kann, sei dahingestellt. Es ist die Gefangenschaft in der Spannung zwischen dem Machbarkeitswahn und dem Zwang zur Selbstkonstruktion, die den Menschen dazu verurteilt, sich ständig neu erfinden zu müssen. Es ist auf der einen Seite die vermeintliche Freiheit und Autonomie des Individuums, die – um nicht im ganzen Gewusel all der anderen autonomen Individuen unterzugehen – sich selbst beständig neue Identitäten erschaffen muss. Wer darin nicht extrem ist, fällt nicht auf. Wer nicht auffällt, existiert nicht. Und zugleich ist es eine Menschheit, die danach hungert und dürstet, sich selbst – authentisch – sein zu dürfen. Nur stellt sich dann wiederum die Frage: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich zum Menschen? Worin besteht das Menschsein an sich? Was ist mein Wert – auch dann, wenn ich niemandem auffalle?

Geld, Sex und Macht

Geld, Sex und Macht – bei Roupenian kommt das Dritte zumeist in Form von negativer Gewalt zum Vorschein – bestimmen die Welt in Cat Person. Vielleicht kommt man dem Kern noch näher mit der Frage: Was machen diese drei Dinge mit uns? Wie verändern sie unsere Psyche? Wie verändert sich unser Wohlbefinden, wenn wir uns unseren Begierden ganz hingeben? Die Autorin wirft mit ihren Geschichten all diese Fragen auf. Vermag sie jedoch auch eine Antwort zu geben? Ja und nein, denn im Sinne eines klassischen Relativismus löst sie die Fragen auf eine doppelte Weise auf: Egal, ob wir uns diesen Lebensmächten Geld, Sex und Macht hingeben oder nicht, das Ergebnis ist immer schlecht. Leider hat sie hier auch keine wirklichen Antworten zu bieten, außer einem zynischen Pragmatismus: Es kommt darauf an, was man erreichen will. Aber egal, was man erreichen will, jedes Ziel ist falsch.

Auf einer persönlichen Ebene spricht mich das Buch an, einerseits als jemand, der im selben Jahrzehnt geboren ist wie die Autorin, andererseits aber auch als Theologe, denn wir haben den Menschen unserer Zeit und Kultur das Evangelium von Jesus Christus verständlich zu übersetzen. Menschsein, Menschenwürde, Menschenrechte, Erlösung von realer Sünde und Schuld, Leitlinien für ethisches Verhalten, gerade auch im Umgang mit Geld, Sex und Macht sind alles Dinge, die dem jüdisch-christlichen Weltbild entstammen. Jesus Christus bringt echte Freiheit und Erlösung vom Zwang der Selbstkonstruktion. Er gibt echte Identität, mit der Gemeinde eine echte Familie, in der wir authentisch sein dürfen. Sein Tod am Kreuz und die Auferstehung geben uns einen unvorstellbaren Wert, den wir uns weder verdienen müssen noch können. Vielleicht wäre es an der Zeit für einen Antwortband mit Kurzgeschichten aus der biblischen Perspektive?

Fazit:

Cat Person von Kristen Roupenian ist eine schlecht geschriebene, von Sex und Gewalt durchzogene Kurzgeschichtensammlung, die zugleich in einer selten dagewesenen Schärfe das Lebensgefühl vieler junger Erwachsener zu beschreiben vermag. Ich gebe dem Buch 3 von 5 Sterne.

Wo bleiben die Apologetinnen und Apologeten unserer Zeit?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, lieber Leser, aber mich treibt eine Sache um, und zwar von Jahr zu Jahr stärker. Ich sehe Menschen, besonders junge Menschen, Teenager und junge Erwachsene, die wissen wollen. Sie wissen, dass Wissen wichtig ist. Dass auch die Ehrlichkeit wichtig ist. Dass Wahrheit wichtig ist. Sie wissen, dass es nicht nur ums gute Gefühl geht. Sie wissen, dass der Wissensunterschied die eigene Zukunft enorm verändern kann. Sie wollen wissen. Sie wollen das Wissen, das ihr Leben bestimmen soll. Und sie haben Fragen. Wertvolle Fragen. Weltbewegende Fragen. Ehrliche Fragen, die eine ehrliche Antwort verdienen.

Wo stehen viele Gemeinden unserer Zeit?

Und dann sehe ich gleichzeitig viele gleichgültige Gemeinden. Nicht total gleichgültig, aber in diesen Fragen gleichgültig. Ohne lebensverändernde Wahrheit, die das Leben von außen her in Frage stellt und von innen her verändern will. Gemeinden, die sich selbst zu wichtig nehmen. Gemeinden, die sich entweder abschotten oder verweltlichen. Beide haben diesen Menschen nichts mehr zu sagen. Die einen sehen sich als kleiner holy club, die letzten Heiligen der Endzeit, die so heilig sind, dass alle weniger Heiligen ausgestoßen bleiben. Es herrscht eine Angst davor, von der Welt kontaminiert zu werden und dadurch schlechter da zu stehen. Es herrscht aber auch eine Angst davor, durch Fragen und Zweifel kontaminiert zu werden, nicht alle Antworten zu kennen und mehr noch: Selbst von Zweifeln „angesteckt“ zu werden.

Und dann gibt es andere Gemeinden, die ähnlich egoistisch und selbstbezogen sind. Sie wagen es nicht, klare biblische Lehre und einen verbindlichen ethischen Maßstab zu bezeugen. Sie fürchten um ihr Image in der Welt. Sie sind lieber in der Ökumene am Diskutieren, mit welchem genauen Wort man möglichst inklusiv sein kann. Und im interreligiösen Dialog am Bezeugen, wie doch alle irgendwie etwas Ähnliches glauben. Auch hier finden diese Menschen keine Antworten. Wenn diese Christen ständig am Herumeiern sind und etwas mal so und dann wieder ganz anders erklären, finden sie den Halt nicht, den sie suchen. Sie werden vertröstet: Wahrheit sei kein Buch, sondern eine Person, und eine Person lasse sich nicht genau definieren und beantworten. Eine Person sei dynamisch, und deshalb sei Wahrheit dynamisch, undefinierbar, und Glaube kein Wissen. Zweifel werden nicht beantwortet, sondern der Zweifler gelobt und zur Spezies der Zukunft, sozusagen zum Übermenschen, erhoben.

Geistliche Väter und Mütter gesucht!

Hier stehe ich nun und frage: Wo sind die geistlichen Väter und Mütter dieser Generation? Wo sind die Menschen, die sich mit den Fragern zusammensetzen und sich die Zeit nehmen, ihre Fragen zu durchdenken? Wo sind die Männer und Frauen, die den Zweiflern helfen, Antworten auf ihre Zweifel zu finden? Wo sind die Gemeinden, die vorleben, wie man mit Fragen und Zweifeln umgehen kann, wo und wie man Antworten findet? Wir leben in einer strategischen Schlüsselzeit, und der Teufel weiß um die Wichtigkeit dieser jungen Generation. Hier und jetzt wird sich entscheiden, ob der Westen zum neuen Heidenland wird. Ob Gemeinden an Überalterung aussterben werden, weil sie nicht mehr fähig sind, diese Fragen zu beantworten.

Es ist auch eine Schlüsselzeit, weil der Kampf der Ideologien und Weltbilder tobt wie selten zuvor. Es ist eine Zeit des geistigen Vakuums, eine Zeit, in der die Ansichten in der globalisierten Welt auseinander driften und immer extremer und lauter geäußert werden. Das kurze Zwischenspiel des Postmodernismus hat sich als Sackgasse erwiesen, doch in vielen Gemeinden wird ihr so hinterher getrauert, dass man sich noch in der Phase der Leugnung befindet. Es wird nach wie vor getan, als sei die Ideologie des Postmodernismus die Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Es gibt auch noch genügend Christen, die si8ch ebenfalls so verhalten, weshalb es innerhalb geschlossener Gemeindesysteme noch nicht so stark auffällt. Überhaupt war es schon immer so, dass die Gemeinden rund 25 – 30 Jahre brauchten, um die Zeit um sich herum wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Und es ist nicht das erste Mal, dass dabei Gemeinden so enorm selbstzentriert waren, dass die Menschen auf der Strecke blieben.

Brauchen wir eine Erweckung?

Immer wieder, wenn dies der Fall war, schenkte Gott eine Erweckung. So etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in den Berliner Kirchen die historisch-kritische Theologie weit verbreitet war und sich die Kirchen leerten. Durch Johannes Jänicke und Baron Hans Ernst von Kottwitz kam eine Erweckung über Berlin, die durch die Gründung der Evangelischen Haupt-Bibelgesellschaft weitere Verbreitung fand und noch mehrere Jahrzehnte lang positive Nachwirkungen hatte. Von Kottwitz gründete außerdem viele Betriebe, in welchen Menschen Arbeit fanden und dadurch auch ihr Umfeld zum Guten verändern konnten. Zudem war er mit Ernst Ludwig von Gerlach befreundet, der mit seinem Bruder Leopold und dem Unternehmer Friedrich Stahl die Kreuz-Zeitung gründete, eine Zeitung, die noch viele Jahre führend war in den Kreisen der Erweckungsbewegung. Diese Menschen haben Berlin und ganz Preußen mit Gottes Hilfe verändert, indem sie die eine, unveränderliche Wahrheit für ihre Zeit verständlich und kompromisslos predigten und sich für eine bessere Welt einsetzten, indem sie Gott nach bestem Wissen und Gewissen gehorchten und ein Leben vorlebten, das Gottes Willen zeigte. Keiner von ihnen war perfekt, sie alle hatten ihre Schattenseiten, aber Gott gebrauchte sie.

Wir leben in einer ähnlichen Zeit. Auch in immer mehr Freikirchen wandert die historisch-kritische Theologie ein und findet auf den Kanzeln einen Platz. Nur selten wird die liberale Theologie als das erkannt, was sie ist: Ein Kampfmittel des Teufels, um die Gemeinden zu lähmen und zu leeren. Statt der Lehre zieht die Leere ein. Junge Menschen finden hier keine Antworten, seit etwa 15 Jahren bekommen sie bessere Antworten von den „Neuen Atheisten“, die es verstehen, den uralten Atheismus in neue Worte zu kleiden und ihn in hippem Gewand zu präsentieren: Als Wissenschaft, die immerzu zunimmt und anpassbar ist und doch zugleich letztgültige Antworten auf die Fragen der Menschen zu liefern versucht. Es kommt zu einer Spaltung der Gesellschaft in politisch links und politisch rechts orientierte antichristliche Weltanschauungen, die versuchen, Menschen mit ihren Antworten zu gewinnen. Willkommen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten!

Und hier kommen wir ins Spiel: Wer ist bereit, in seinem Umfeld für die Fragen, Sorgen, Ängste, Nöte, Zweifel und Freuden der Menschen da zu sein, gut zuzuhören und ehrliche Antworten zu geben, die etwas von der Schönheit Gottes widerspiegeln? Nicht die alten, vereinfachten Antworten, mit denen viele von uns aufgewachsen sind, sondern echte, gut durchdachte Antworten, in ein persönliches Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus gekleidet. Aus einem Leben, das man sehen, fühlen, anfassen und hören kann. Das ist Apologetik, die unsere westliche Welt braucht. Bist Du bereit dazu?

Predigtarchiv wieder online!

Da ich immer wieder Nachfragen bekommen habe, steht nun endlich mein Predigtarchiv wieder online. Bei manchen Predigten habe ich festgestellt, dass ich die MP3-Dateien nicht gleich zur Hand habe, weshalb diese nach und nach noch ergänzt werden. Hier das Archiv in drei Teilen:

Predigten von 2007 – 2011

Predigten von 2012 – 2015

Predigten ab 2016 – dato

Fragen oder Anregungen dazu sind natürlich jederzeit willkommen.

Gebet für die postevangelikale Bewegung

Inspiriert hat mich zu diesem Artikel ein sehr starker Text, den der Postevangelikale Christoph Schmieding im Eule-Magazin gepostet hatte. Dieser Text hat mich bewegt, und es ist nicht der erste von diesem Autor, der mich umtreibt. Schmieding schreibt sehr ehrlich, wohl durchdacht und auch ästhetisch schön zu lesen. Was mich dieses Mal besonders berührt hat, ist seine Fähigkeit zum selbstkritischen Nachdenken. Er kann zu den Grenzen seiner selbst und seiner Bewegung stehen. Wenn ich unsere bibeltreue Szene betrachte, fehlt mir diese Reflexion. Selbstkritik, die weder beschwichtigend wird, noch in eine Art Weltuntergangsstimmung verfällt, gibt es viel zu selten. Ich merke auch an mir selbst, dass ich noch einiges mehr zu lernen habe, um diesen task zu managen. Deshalb versuche ich es gar (noch) nicht erst, sondern bete. Für die postevangelikale Bewegung und indirekt auch für uns Bibeltreue.

Die postevangelikale Bewegung besteht zu einem großen Teil aus Menschen, die früher einmal zur evangelikalen Bewegung gehörten und diese dann verlassen haben – um Gott auf eine andere Art zu finden. Viele sind desillusioniert, verletzt, enttäuscht. Und das zu recht. Viel zu oft wurden sie nicht ernst genommen, ihre Zweifel und Fragen viel zu billig abgetan und manchmal auch dämonisiert („Zweifel sind vom Teufel“). Viel zu oft haben sie Gemeinde als theologische und politische Machtkämpfe erlebt. Viel zu oft haben sie den Hang zur ästhetischen Mittelmäßigkeit gesehen, der in evangelikalen Kreisen unbewusst propagiert wird. Viel zu oft war (und ist) Gemeinde mehr Hierarchie als Familie. Viel zu oft wurden sie von der Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen (im Falle von Schmieding etwa der Künstler, die einen ganz eigenen Lebensstil haben) sensibilisiert. Viel zu oft sind sie mit ihren Ideen, Vorschlägen, Träumen und ihrer Leidenschaft in ihrem Umfeld angeeckt und auf taube Ohren gestoßen. So sind sie ausgezogen aus Evangelikalien und suchen etwas Neues, etwas Besseres. Manche von ihnen ganz ohne Gemeinschaft, andere gründen „Communities“, wieder andere wollen gar nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun haben. Ich möchte das kommende neue Jahr dazu nutzen, um noch viel mehr für diese Menschen zu beten.

Ich bete darum, dass Gott ihnen ganz neu begegnet. Ich bete nicht, dass sie sich wieder „zu uns zurück“ bekehren. Manche werden das zweifellos tun, aber bis dahin muss sich in evangelikalen Gemeinden noch sehr viel ändern. Ich bete, dass sie Gott auf eine ganz neue Art und Weise sehen und erleben mögen. Ich bete, dass sie die Liebe Gottes neu erkennen mögen, und sehen, dass diese ihr Verständnis von Gott noch viel mehr erweitert und prägt. Ich bete, dass sie gesegnet werden und ihre Gemeinschaften wachsen mögen, gerade auch indem sie neue Menschen erreichen, die in unseren Gemeinden links liegen gelassen werden.

Ich bete darum, dass sie lernen können, ihre Verletzungen, die sie sich in evangelikalen Kreisen zugezogen haben, hinter sich zu lassen und – wichtiger noch – uns zu vergeben. Ich bete damit auch darum, dass wir Bibeltreuen offene Augen bekommen für das, was an ihnen geschehen ist und dass wir anfangen, auf sie zuzugehen und um Vergebung zu bitten. Ich spreche auch mir selbst das zu, denn ich sehe auch immer wieder, wie leicht etwas ausgesprochen oder geschrieben ist, was andere verletzen und kränken kann. Ich bete, dass hier eine größere Sensibilität entsteht, was unsere Worte in anderen Menschen bewirken können.

Ich bete darum, dass die Gesprächsbereitschaft zwischen den verschiedenen Gruppen von Menschen wächst und auch jeder bereit wird, von anderen zu lernen. Aufeinander zu hören ist eine der wichtigsten Disziplinen unserer Zeit, aber ebenso auch, die eigene Sichtweise gründlich durchdenken und kommunizieren zu können. Ich bete, dass die Diskussionen noch weiter zunehmen, diese aber von einem Geist der gegenseitigen Liebe und Gnade durchdrungen wird, sodass die Wahrheit nicht einfach nur als Wahrheit gesagt wird, sondern auch als etwas, was für das Gegenüber annehmbar ist. Ich bete, dass wir alle lernen, noch besser zu kommunizieren und von niemandem mehr verlangen, den Verstand an der Garderobe abzugeben oder Fragen und Zweifel zu unterdrücken und zu verteufeln.

Ich bete darum, dass dieser Austausch für alle Beteiligten noch viel fruchtbarer wird. Ich bete, dass der postevangelikale Sinn für Ästhetik uns Evangelikale aufrüttelt, dass wir uns ganz offen mit unserem Hang für Mittelmäßigkeit beschäftigen. Wir leben allzu oft noch in der Vergangenheit. Viele Jahrhundserte lang wurde die Kunst und Kultur von christlichen Künstlern dominiert. Inzwischen hat sich das um 180° gedreht, und sehr viel der besseren Kunst stammt von säkularen Künstlern. Wer sich jetzt darauf beruft, dass das alles vom Teufel sei (von Metallica über Hollywood bis zu Stephen King), muss sich damit abfinden, dass die „noch erlaubte“ Kultur so sehr geschrumpft ist, dass sie kaum mehr als mittelmäßige Abklatsche säkularer Kultur hervorbringen kann. (Wenn ich dazu komme, möchte ich nächstes Jahr noch eine etwas längere Kulturkritik schreiben, wo ich auf diese Punkte im Detail eingehen kann)

Ich bete darum, dass die ehrliche Selbstkritik in allen Lagern weiterhin zunimmt. Hierin bin ich richtig dankbar für die postevangelikale Bewegung: Sie hilft uns, dass wir unsere blinden Flecke erkennen können und uns noch besser in das verändern lassen können, was Gott mit uns vorhat. Ich bete auch, dass wir Evangelikalen im selben Sinne den Postevangelikalen einen Spiegel vorhalten können. Es gibt einiges, was wir richtig gut können, und das dürfen wir auch weiterhin betonen. Wir haben relativ stabile Verbände von Gemeinden, die zusammen etwas bewegen können. Damit meine ich zum Beispiel die weltweite evangelische Allianz, aber auch die Gemeindebünde, die mehr erreichen können als einzelne Communities allein. Wir haben ein gemeinsames Fundament, nämlich die Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist, wir haben gemeinsame Bekenntnisse, die wir nicht erst diskutieren müssen, bevor wir uns einig werden können. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die in der Zeit der Apostel beginnt und bis in alle Ewigkeit weiter andauert. Wir haben eine riesige Auswahl an guter Literatur (mehr als je zuvor), und vieles davon ist online frei erhältlich. Wir haben Buchverlage und Ausbildungsstätten für theologisch Interessierte. Wir haben unzählige Gründe für Dankbarkeit! Lasst uns Frieden suchen und ihm hinterher jagen!

… und wie ist das eigentlich mit der Bekehrung?

Wie „funktioniert“ das überhaupt mit der Bekehrung, von der man immer wieder hört und liest? Was ist das? Wann findet das statt? Wir leben in einer Zeit, in welcher es sehr viele Missverständnisse dazu gibt. Ich möchte ein paar davon ausräumen und versuchen, mehr Licht in die Sache zu bringen.

1. Bekehrung ist etwas ganz Persönliches.

Ja, das ist wirklich so. Und weil Bekehrung so etwas Wertvolles und Intimes ist, tendieren wir schnell dazu, unsere eigene Bekehrung zu idealisieren. So haben wir das erlebt, dann muss es jeder gleich oder zumindest sehr ähnlich erleben, damit es eine echte Bekehrung sein kann. Gleichzeitig empfinden wir das als so etwas Intimes, dass es niemand in Frage stellen darf, was auch wieder nicht so optimal ist. Es ist etwas, worüber sich zu reden lohnt. Im Bus, an der ALDI-Warteschlange und auf dem Marktplatz. Oder auch in der Gemeinde. Es ist so wertvoll, darüber reden zu können und auch Feedback dazu zu bekommen.

2. Nicht jeder kann sich daran erinnern.

Gerade weil es so etwas Persönliches ist, darf es auch so sein, dass sich manche Leute gar nicht daran erinnern können. Das ist aber ebenso wertvoll wie die großen Erlebnisse von Umgekrempelten wie Paulus und anderen mehr. Manche Menschen bekehren sich schon als Kinder und bleiben dem Glauben treu bis ins hohe Alter. Manche Menschen „wachsen“ in den Glauben hinein und merken plötzlich, dass sie irgendwann im Laufe einer bestimmten Zeit zu neuen Menschen geworden sind. Es muss nicht immer ein Knall und Blitzeffekte sein.

3. Es gibt keinen Bekehrungsautomatismus.

In meiner Teeniezeit war das „Übergabegebet“ das A und O des Christenlebens. Das ist in manchen Kreisen meines Wissens noch immer so. Das große Problem dabei: Das Nachsprechen eines Gebets bewirkt an und für sich nichts. Auch dann nicht, wenn es unter starken Gefühlsausbrüchen stattfindet. Ich habe in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten immer mal wieder Menschen getroffen, die mich fragten, warum das so nicht „funktioniert“. Manche gehen jedes Jahr nach vorne und beten nach, und doch bleiben sie die alten Menschen. Die Übergabegebetitis unserer Gemeinden richtet da viel Schaden an.

4. Es gibt eine falsche Sicherheit.

Im Zusammenhang mit der Übergabegebetitis (Punkt 3) fällt mir aber auch auf, dass es immer wieder Menschen gibt, die meinen, dass das einmalig nachgesprochene Gebet alles sei, was nötig ist. Danach könne man einfach tun und lassen was man will, Gott wird es schon richten. Das Ticket ist gebucht, alles ist in bester Ordnung, nun kann man leben wie es einem gerade passt. Dieser Antinomismus (die Haltung, dass es für Christen keine Regeln oder Gebote gibt) entspringt einem Neuplatonismus, der den Gegensatz zwischen Körper und Seele auf die Spitze treibt und meint, was der Körper tut, sei egal, solange es der Seele gut gehe.

5. Es gibt eine falsche Gesetzlichkeit.

Zugleich geistert auch eine falsche Gesetzlichkeit in den Gemeinden herum, nicht nur die neuen judaisierenden Strömungen, die den Sabbat am Samstag und die jüdischen Feste wiederaufleben lassen wollen, sondern auch Vegetarismus und ähnliches propagieren. Überhaupt kann auch die Übergabegebetitis zu einer Gesetzlichkeit werden, wenn von jedem erwartet wird, dass man sagen kann, man hätte irgendwann einmal ein solches Gebet nachgesprochen.

Obwohl die Bekehrung etwas sehr Persönliches, Intimes ist, gibt es Elemente, die einfach dazu gehören. Und es gibt Folgen, an welchen man im Rückblick sehen kann, dass da etwas geschehen ist.

A. ELEMENTE der Bekehrung

  • Hören des Evangeliums

Als Gemeinden haben wir die Aufgabe, das Evangelium so zu predigen, dass es alle Menschen klar verstehen können. Wo das Evangelium verwässert oder verfälscht wird, werden wir an Gott und den Zuhörern schuldig. Der Glaube kommt aus der Predigt des Wortes Gottes.

  • Erkenntnis der Sünde im eigenen Leben

Die Folge der treuen Predigt des Evangeliums ist, dass Menschen beginnen, in ihrem Leben die Sünde zu erkennen. Das ist etwas Abstoßendes, etwas Erschreckendes, was jedem Menschen einiges zu denken gibt. Es ist unangenehm, wenn man sich plötzlich so erkennen muss. Doch daran führt kein Weg vorbei.

  • Buße (Umkehr)

Die Buße findet statt, wenn ein Mensch von seiner Sünde so erschreckt und abgestoßen sich umdreht und ob der Abscheulichkeit seiner Schuld vor Gott keinen Ausweg mehr sieht als sich an den Herrn Jesus zu wenden und Ihn um Hilfe und Gnade bittet. Buße ist die Abkehr vom alten Leben und die Hinwendung zum Herrn Jesus.

  • Echter, rettender Glaube (Vertrauen in den stellvertretenden Sühnetod Jesu)

Zugleich mit der Buße kommt auch der rettende Glaube, nämlich daran, dass Jesus für ihn persönlich am Kreuz stellvertretend gestorben ist, um die abscheuliche Schuld und Sünde zu bezahlen. Es ist die Erkenntnis der Liebe Gottes, die sich im Kreuz auf Golgatha und in der Auferstehung Jesu von den Toten zeigt.

  • Erkenntnis der Rechtfertigung durch das Sühnewerk Jesu

Damit geht auch einher, dass der Bekehrte erkennt, dass er durch dieses Sühnewerk Jesu vollkommen gerecht gemacht wurde. Er erkennt, dass ihm – trotz aller fehlenden Perfektion – die Gerechtigkeit Jesu wie ein weißes Kleid angezogen wurde und dass Gott ihn von nun an als Gerechtfertigten ansieht. Menschlich gesehen bleibt er auf der Erde unvollkommen, Gott sieht ihn schon mit den Augen des himmlischen ewigen Lebens an.

Dies ist ein passender Moment für ein Gebet der Hingabe und des Dankes an Gott, sofern dabei keine falschen Vorstellungen von einem solchen Übergabegebet vermittelt werden.

B. FOLGEN der Bekehrung

  • Liebe zu Gott und Gottes Wort

Wer bekehrt ist, liebt Gott, die Zeit im Gespräch mit Gott und das Hören auf Gottes Stimme in der Bibel. Er nimmt Gottes Wort ernst, versteht es wörtlich und lieber etwas zu wörtlich als zu wenig wörtlich. Er bleibt unter dem Wort und lässt die Bibel ein Urteil über sein Leben sprechen, statt mit seinen Gefühlen und seiner Biographie die Bibel beurteilen zu wollen.

  • Liebe zu den Mitmenschen

Er gewinnt eine neue Liebe zu seinen Mitmenschen, weil er merkt, wie gut und schön Gott alle Menschen geschaffen hat. Er versucht sie für den Glauben zu gewinnen und führt immer wieder Gespräche mit ihnen, die sie überzeugen sollen. Das bleibt hoffentlich ein ganzes Leben lang so!

  • Liebe zur Gemeinde

Er beginnt sich nach der Gemeinschaft mit anderen Bekehrten zu sehnen und besucht die Gemeinde, um auch dort Gottes Stimme durch die Predigt zu hören. Er wird in Gemeinden immer wieder Verletzungen erfahren (wie überall im Leben – wo Menschen sind, da menschelt es), und sieht das als Chance, um praktisch Vergebung zu lernen und zu leben.

  • Brennendes Verlangen nach der Heiligung

Verletzungen sind auch Chancen, um verändert zu werden. Wer bekehrt ist, hat sein altes Leben erkannt, verabscheut es und sehnt sich nach einem neuen Charakter, der dem von Gott gleicht. Er beginnt mit der Hilfe des Heiligen Geistes immer mehr seine alten Sünden zu erkennen, zu bekennen, zu hassen und zu lassen, und findet zugleich, dass der Heilige Geist auch gute Früchte in ihm wachsen lässt und ihm geistliche Gaben gibt, mit denen er seinen Mitmenschen dienen kann.

  • Wachsende Erkenntnis der Zeit, in der wir leben

Er beginnt sich mit der Zeit in der Welt umzusehen und gewinnt eine gewisse Erkenntnis von der Zeit, in der er lebt. Er beginnt zu entdecken, welche Veränderungen seiner Zeit gut sind und welche weniger gut. Das hilft ihm, sein Leben immer mehr nach Gottes Willen auszurichten, weil er auch seine Zeit und sein Umfeld durch die Augen von Gottes Wort, der Bibel zu beurteilen beginnt.