Gastbeitrag: Eine kurze Reise nach Mittelerde

Nachdem ich vor einiger Zeit einige Freunde angefragt hatte, ob sie mir ein paar Fragen zum „Herr der Ringe“ beantworten würden, hat Hannieldazu frei einen Text formuliert. Vielen Dank für den Gastbeitrag, Hanniel!
Eine kurze Reise nach Mittelerde
geschrieben unterwegs
Was soll man zum Klassiker „Herr der Ringe“ noch schreiben? Es gibt wenig, dass nicht gesagt worden wäre. Humphrey Carpenter legte die Biografie (J. R. R. Tolkien: A Biography) vor und editierte sein Briefwerk (The Letters of J. R. R. Tolkien). Lewis- und Tolkien-Forscher Duriez zeichnete u. a. die Geschichte der Freundschaft mit Lewis nach (Tolkien und C. S. Lewis – Das Geschenk der Freundschaft) und verfasste einen kompetenten Führer in die Welt von Mittelerde (A Guide to Middle Earth: Tolkien and The Lord of the Rings). Peter Kreeft handelte systematisch 50 Bereiche der dahinter liegenden Weltanschauung ab (The Philosophy of Tolkien: The Worldview Behind the Lord of the Rings). Louis Markos verfolgte die Spur der Tugendethik (On the Shoulders of Hobbits: The Road to Virtue with Tolkien and Lewis). Womit schon gesagt wäre, dass ich mit Sekundärliteratur gut versorgt auf die Reise nach Mittelerde startete.
Vielleicht könnte ein Blick in die leuchtenden Gesichter meiner Söhne – deren Zahl ist fünf – mehr sagen als alles andere. Dass mein Achtjähriger nach dem „Silmarillion“ (der von Christopher Tolkien definitiv zusammengestellten Sammlung der Geschichten aus dem ersten Zeitalter von Mittelerde) verlangte, erstaunte mich nicht. Für die Lektüre von „Herr der Ringe“ behalfen sie sich mit Hörbuch, bemächtigten sich der beiden roten Ausgaben von „Der Herr der Ringe“ (ich stockte infolge Interesse auf) und nahmen auf die Bahnfahrten ihren E-Reader mit, um dranzubleiben. Fragte ich in die Runde, was sie denn an dieser Welt faszinierte, kamen präzise Antworten in Form von einzelnen Szenen und vor allem Charakterbeschreibungen. Das heisst, sie konnten sich in die einzelnen Figuren und Szenen ein-fühlen, mitleiden und – was wirklich nicht selbstverständlich ist – auch wieder auf Selbstdistanzierung gehen und sagte, was sie bewunderten und was sie erschauern liess.
Ich nehme Sie mit in einige Impressionen meinerseits. Wenn man den Text auf den Begriff „Baum“ durchsucht, dann spuckt die Suchmaschine knapp 500 Stellen heraus. Es handelt sich nicht um endlos wiederholende Naturbeschreibungen im Stile Karl Mays, sondern um ein besorgtes Mit-Atmen mit den grünen Teilen der Erde. Tolkien bedauerte die Industrialisierung und Technisierung, die mit dem Verlust von vielen Grünflächen – u. a. seiner eigenen Jugend – Hand in Hand ging, zutiefst. Bäume haben in Mittelerde ein Eigenleben. Den Baumhirten (Ents) kommt in der Erzählung gar eine Heldenrolle zu. Die Baumszenen fand ich also richtig zum Eintauchen und Durchatmen.
Gehen wir zum Gegenteil des Durchatmens: Zum Bedrückenden. Auch hierin mag Tolkien voll zu überzeugen. Der schwer gehende Atem, die dunklen schweren Wolken, die Enge, die einem ans Herz greift: Die auf die Machenschaften Saurons zurückführenden Ereignisse und Manöver liessen auch mein Herz mit einem leisen Druck belegen. Das Auge, das dich (fast) immer sieht, dein Unheil will, und dessen Späher überall auftauchen, die Reiter schnell, die Schläge, die in der Regel tödlich sind, zeigen auf, was ich als Christ im Kopf schon weiss, mir aber viel zu wenig bewusst bin: Die Realität der unsichtbaren Welt und der Kampf des Fürsten der Finsternis gegen Den, der das Licht geschaffen hat und Menschen zum zweiten Mal neues Licht bringt.
Wie schon „Der Hobbit“ liest sich der Herr der Ringe als Reiseerzählung. Er reiht sich damit in die vielen Klassiker seit Homers „Odysseus“ oder der „Pilgerreise“ von Bunyan ein. Sie entspricht dem Charakter unseres Lebens: Wir leben immer in der Gegenwart und setzen einen Schritt vor den anderen. Gleichzeitig prägen Erinnerungen und Gewohnheiten unseres bisherigen Weges unser Denken und Handeln. Wir blicken auch in die Zukunft und nehmen sie vorweg. Wir hoffen und verzagen gleicherweise. Die Parallelwelt von Mittelerde lässt uns bewusster auf die vertrackte, an manchen Stellen unübersichtliche, von vielen Einzelsträngen durchzogene Lebensreise werfen: Den Start, die ersten Strapazen, unerwartete Lichtblicke, ersehnte Zwischenhalte, in Erinnerung bleibende Feste, Freundschaften und Verrat derselben, Etappen der Krankheit und des Verlustes. Bleibend sind einzelne Begegnungen, die Überraschungen und Enttäuschungen in sich bergen.
Lasst mich hier einhängen – bei den Begegnungen. Tolkien hat, geschickt wie kein Zweiter, mannigfaltige Charakteren eingebaut. Man mag kaum mit einer Person gänzlich mitgehen. Am ehesten vielleicht noch mit Sam, dem treuen Freund. Aragorn heischt Bewunderung. Mit Frodo leiden wir mit. Gandalf taucht zeitig zu Unzeiten auf. Doch keine Figur ist vollkommen. Die Grundspannung zwischen dunklen Kräften und edlem Mut bleibt. Es gibt zahlreiche Tugenden, die uns das Buch so treffend darstellt: Natürlich den hohen Wert der Freundschaft. Alleine kommt letztlich niemand ans Ziel. Tapferkeit ist gefragt, oft auch überraschend für die Person selbst, oder nach Momenten der kompletten Verzagtheit. Uneigennützigkeit kontrastiert mit Begierde und Eigennutz. Das beherzte Zugreifen folgt Strecken der minimalen Versorgung. Körperliche Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung rücken ins Zentrum. Nicht im (post)modernen Sinne, als ob unser Körper das Zentrum der Welt wäre. Doch eine gesunde Körperwahrnehmung und das Spüren der eigenen körperlichen und psychischen Grenzen gehören in eine gesunde Lebensschule. Wie kommt sie zu kurz in unserem Zeitalter der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung!
Etwas hätte ich fast vergessen. Es gibt Schätze, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt. Die einen Schätze muss die Freundestruppe loswerden. Der Ring, vom Feinde heiss begehrt, gehört ins Feuer der Vernichtung. Nicht mehr der Goldschatz der Hobbits, sondern die Rückführung der gefährlichen Begierden ist gefragt. Auffällig ist die Anfälligkeit der Ringträger. Sie widerstehen kaum der drückenden Last, ebenso wenig dem gedanklichen Sog, den der Ring entwickelt. Hohe Opfer, ja der Tod, wird eingefordert und bezahlt. Überhaupt ist dies meinen Söhnen aufgefallen: Der Weg zum Schicksalsberg ist ein Weg der Kämpfe, der Schlachten und der Opfer. Zu meiner Frau meinten sie: „Wenn du das liest, musst du dich auf viele grauenvolle Szenen vorbereiten.“ Damit meinten sie nicht abscheuliche Szenen der zeitgenössischen Bildgebung, die dazu aufgebaut werden, um die Bildsüchtigen in ihren Bann zu ziehen. Vielmehr geht es um heimtückische Überfälle und tapfere Abwehr von Mann zu Mann. Einzelne Helden exponieren sich. Es wird mit Schwert, Lanze und Bogen gekämpft, nicht mit ferngesteuerten Raketen.
Vieles in dieser Welt entspricht einem christlichen Weltbild und steht damit dem Bild unserer Zeit entgegen: Ja, es gibt zwei Mächte, die einander bekämpfen, jedoch nie in einer Gleichwertigkeit bzw. Gleichrangigkeit. Ja, es gibt persönliche Tugenden und ihr Gegenteil: Die Laster. Unser Leben ist eine Reise, die unabänderlich auf ein Ziel angelegt ist. Ohne Hilfe von aussen würden wir es nie erreichen. Freundschaft ist ein teures Gut. Unsere Feinde sind real. Es will wohl überlegt sein, welche Nahrung wir zu uns nehmen. Unsere Kräfte sind begrenzt. Tolkien sprach von einem vor-christlichen Universum. Er, der die Welt der nordischen Mythen wie seine Hosentaschen kannte und seine Sprachen beherrschte, sah ab von einer eintönigen Kopie (wie sein Weggefährte C. S. Lewis übrigens auch).
Die Reise nach Mittelerde prägt mich, weil sie mir einen geschärften Blick auf die von Gott geschaffene Wirklichkeit zur Verfügung stellt. Sie lässt mich in eine neue Art von Dialog mit meinen Söhnen treten. Denn Mittelerde vermittelt Bilder und Bewertungen, die wir gemeinsam teilen können.

Die Schönheit einer besonderen Freundschaft

Taunton, Larry Alex, The Faith of Christopher Hitchens. The Restless Soul of the World’s Most Notorious Atheist. 224S. Kindle-Ausgabe. Link zu Amazon
Christopher Hitchens war einer der sogenannten „vier apokalyptischen Reiter der Nicht-Apokalypse“, also einer der bekanntesten vier „Neuen Atheisten“, zusammen mit Richard Dawkins, Daniel Dennett und Sam Harris. Larry Alex Taunton ist Autor und Direktor der Organisation „Fixed Point Foundation“ (ungefähr „Stiftung des festen Punkts“), welche den christlichen Glauben vertritt und dazu Debatten organisiert und weltweit reist, um an anderen Orten an solchen Debatten teilzunehmen. Eine spezielle Zusammensetzung ist in dieser Freundschaft zu finden, und genau darum geht es in dem Buch. Taunton möchte uns ermutigen, solche speziellen Freundschaften zu suchen und zu wertschätzen. Gleich zu Beginn schreibt er dazu: “I speak exclusively to Christians when I say this: how are we to proclaim our faith if we cannot even build bridges with those who do not share it?”(Kindle-Position 100)Taunton beschreibt diese Freundschaft, aber er sieht auch, dass es Christen gibt, welche ihm diese Freundschaft nehmen möchten, und behaupten, ein Christ könne nicht mit einem Atheisten befreundet sein.
Zuerst beschreibt Taunton das Leben Hitchens’. Dieser war in eine Familie hineingeboren, die gerade am Aufsteigen war. Der Vater war ein einfacher Mann, aber er war im Krieg bei der Armee tätig. Die Mutter wollte unbedingt ihren Kindern einen weiteren sozialen Aufstieg ermöglichen und sparte an allen Ecken und Enden, damit die beiden Söhne eine anständige Privatschule und danach die Universität besuchen konnten. Die Schule war streng religiös, sodass Hitchens einen Hass auf Gott entwickelte. Taunton schreibt: “Every despot in history has claimed to be a man of principle, a champion of the people, but their principles were carefully chosen to match a seething hatred, be it hatred for one’s neighbor, the ruling class, or the Jews. Christopher hated God and was determined that he should master and tyrannize him. To do so, however, he now needed the tools of warfare. In atheism he had found a principle that corresponded to his grievance. Now he had to weaponize it.”(Kindle-Pos. 412) Worte haben Macht, und Christopher entdeckte diese Macht früh. In diesen Schulen war Sport etwas sehr Wichtiges, aber da der junge Christopher eher schwächlich und „mädchenhaft“ (er nennt sich selbst „girlish“) war, trug seine Abneigung zum Sport zusätzlich dazu bei, stattdessen die Macht der Worte in Debatten und in schriftlichen Auseinandersetzungen zu schulen. Er wurde ein extremer Linker, der als Journalist und politischer Agitator rund um den Erdball reiste. Wer seine Artikel liest, sieht auf den ersten Blick einen sehr weit belesenen Mann. Doch der erste Blick trügt: “Words as weapons. Reeling bullies. Turning the tide of public opinion. This must all be remembered when we watch Christopher Hitchens in debate. The danger here—and Christopher fell wholeheartedly into its snares—was developing a love of words insofar as they were weapons for attack and defense of his position, rather than loving words insofar as they lead to truth. This, I believe, resulted in Christopher’s wide but not deep reading. […] Rather than submitting to his professors’ systematic teaching and training of his mind, his reading was defined by predetermined goals: he looked for supportive assertions, witty repartee, and selective facts for ammunition. He remembered only what he could use. Consequently, he never really studied the great books and the great questions in real depth.”(Pos. 490) Was ihm fehlte, war die systematische Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Nur wenige Autoren kannte er wirklich, da er meist nur las, um Munition für seine Meinung zu finden. Was nicht seiner Ansicht entsprach, wurde geflissentlich überlesen.
Lange Zeit war sein Leben von diesen zwei Dingen beherrscht: linksextreme Politik und Journalismus. Doch dann kam die Wende – und zwar eine Wende, bei welcher ich mich selbst wiedergefunden habe. Der 11.9.2001 markiert die Wende in Hitchens’ Leben. Nun wurde er zu einem Suchenden. So ähnlich ist es mir auch ergangen – nur dass sich die Antworten in entgegengesetzter Richtung ergeben haben. Vom Linksextremen wurde Hitchens zum Unterstützer der Anti-Terror-Politik George W. Bushs und zugleich zum militanten Atheisten. Gehörte der Atheismus bei ihm bisher einfach zu seinem Leben dazu, wurde er nun ein bestimmendes Element. 2007 gab Hitchens ein Buch heraus mit dem Titel „god is not great“ (die dt. Übersetzung bekam den Titel „Der Herr ist kein Hirte“) und damit wurde er zugleich auch als New Atheist bekannt. Dieses Buch war der erste Moment, in welchem Larry Alex Taunton auf Hitchens aufmerksam wurde. Er organisierte mit seiner Fixed Point Foundation eine Debatte zwischen Hitchens und John Lennox. Dies wurde der Beginn dieser ganz besonderen Freundschaft, welche im Rest des Buches geschildert wird.
In dieser Freundschaft entdeckte Taunton einen ganz anderen Hitchens als derjenige, der auf der Bühne zu brillieren wusste. Einen Hitchens, der eigentlich auf der Suche ist. Einen Hitchens, dessen Atheismus Teil seiner Selbstdarstellung ist, der sich in seinem Innersten aber nicht vollständig bewusst ist, was das bedeutet. Taunton hat auch mit Richard Dawkins, Michael Shermer und Peter Singer Debatten organisiert und kannte sich deshalb ziemlich gut aus, was die Positionen dieses Mainstream-Atheismus sind. So beschreibt er, wie Hitchens auf diese Auseinandersetzungen reagierte: “I recall once asking Christopher [Hitchens] if man was, in his view, born good or bad. His answer was emphatic: “Man is unquestionably evil.” I had asked that question of other atheists. Richard Dawkins spoke of genetic predispositions. Michael Shermer referred to social conditions. Peter Singer rejected the idea of such moral constructs. None of them had answered the way Hitchens did. They couldn’t. At least they couldn’t and remain consistent in their atheism. Christopher readily accepted that this was in contradiction to his atheism. He was then midstream of his philosophical transition and hadn’t yet worked out the details.”(Pos. 1200)
“Christopher was not the atheist ideologue I had supposed him to be from reading god Is Not Great and listening to his lectures and debates. An ideologue will adhere to his given dogma, no matter what. He places ideas above people because he deems them more important than people. In this he really thinks he is morally courageous because he subordinates his feeling for what he believes is the greater good.” (Pos. 1661)
“Christopher Hitchens was a searcher. In search of a unifying philosophy of life, atheism offered nothing. In more honest moments, Christopher would acknowledge this “joylessly, humorlessly, gloomily, pessimistically.” Patriotism, at least, was something. In it were virtues that appealed to the elder Christopher Hitchens if not the younger—tradition, honor, loyalty, and commitment to a cause beyond oneself—and, yet, it was an uncomfortable compromise. Patriotism alone was not a system of thought. It could not provide the answers he wanted to the larger questions of life. It was, he knew, a half measure. Hence, he considered accessorizing it with science on the one hand and religion on the other. His approaches to religion, Christianity really, were what Nicodemus’s might have been had he come to see Jesus by day rather than by night: as that of reporter or critic rather than as a would-be disciple. Hitchens was not as certain about his atheism, whatever his public professions to the contrary.”(Pos. 2563)
2010 wurde bei Hitchens Speiseröhrenkrebs diagnostiziert, und Taunton war einer der ersten, die es erfahren durften. In der darauffolgenden Zeit unternahmen Taunton und Hitchens zwei längere Autofahrten, bei welchen sie zusammen im Johannesevangelium lasen und darüber miteinander sprachen. Kurz vor dem Tod Hitchens’ wurde noch einmal eine Debatte organisiert, in welcher sich die beiden Freunde gegenüberstehen durften. Kurz danach starb Hitchens. Man weiß nichts darüber, was aus den Worten geworden war, die Taunton mit ihm teilte. Es gibt kein Zeugnis davon, dass er sich bekehrt hätte. Aber es gab auch nicht das Gegenteil davon – so sehr es sich die anderen Atheisten auch gewünscht hätten: “The atheist side wanted a saint, a man who would endure to the very last, courageously facing death in a way that—if he could just hold out—would show them that it could be done, quieting their own doubts about the hereafter. And, at first, Hitchens seems to be assuming that role. But he began introducing doubts, rather than hoped-for verities. In the same interview with Jeffrey Goldberg, Christopher leaves the door not simply cracked, but wide open to “a Prime Mover or a higher intelligence.” Much more than attacking the idea that there is a god, Christopher attacks the “man-made” notion that anyone speaks on that entity’s behalf. This is hardly the stuff of a public conversion, but neither is it the conventional atheist dogma he usually spouted.”(Pos. 2731)
Es ist ein Buch, das mich enorm mitgenommen hat in die Welt dieser Freundschaft. Zwei so unterschiedliche Männer mit so unterschiedlichen Ansichten, die sich dennoch mit sehr viel Respekt begegnen können. Eine echte Männerfreundschaft, die so tief geht, dass man sich nicht ständig sehen muss, und trotzdem einander zuerst Mitteilung macht, wenn man eine einschneidende Erfahrung im Leben macht, wie etwa die Krebsdiagnose. Lassen wir uns von Taunton zu solchen Freundschaften ermutigen!

Gesucht: Treue Mitarbeiter und gute Freunde!

Gesucht: Treue Mitarbeiter und gute Freunde!

Du weißt ja, dass sich von mir alle abgewandt haben, die in [der Provinz] Asia sind, unter ihnen auch Phygellus und Hermogenes. Der Herr erweise dem Haus des Onesiphorus Barmherzigkeit, weil er mich oft erquickt und sich meiner Ketten nicht geschämt hat; sondern als er in Rom war, suchte er mich umso eifriger und fand mich auch. Der Herr gebe ihm, dass er Barmherzigkeit erlange vom Herrn an jenem Tag! Und wie viel er mir in Ephesus gedient hat, weißt du am besten.(2. Timotheus 1, 15 – 18)
Es ist eine bittere Erfahrung, wenn Menschen, die lange Zeit unseren Weg mitgegangen sind, denen wir vertraut haben, sich plötzlich von uns abwenden. Diese Erfahrung müssen wir vermutlich alle irgendwann in unserem Leben machen. Menschen, die wir unsere Freunde nannten, drehen sich um, wenden sich ab, und manchmal schlimmer noch: Sie fangen an, gegen uns zu arbeiten.
Paulus, der hier aus der Todeszelle in Rom schreibt, hat dies wohl ganz besonders bitter erleben müssen. Er schreibt hier von zwei Personen, die ihn in dieser Weise verlassen haben. Zuerst schreibt er davon, dass ihn alle aus der Provinz Asia verlassen hätten. Wie wir wissen, war Timotheus auch in dieser Provinz, und zwar in ihrer Hauptstadt Ephesus als Leiter der Gemeinde tätig. Die Aussage davon ist klar: Timotheus, diese Menschen haben mich alle verlassen, bitte zeige mir, dass doch wenigstens du noch auf meiner Seite stehst, indem du standhaft und mutig bleibst und an meiner Stelle in Ephesus das Wort Gottes verkündigst.
A. Zwei Wege, jemanden zu verlassen
Und dann nennt Paulus zwei einzelne Personen von diesem großen Kreis derer, die ihn verlassen haben. Diese zwei Personen stehen für zwei Arten, wie man jemanden verlassen kann. Phygellus und Hermogenes.
1. Phygellus
Phygellus ist ein griechischer Name und bedeutet „Flüchtling“. Das war also ein Mann, der sich sagte: Wenn dieser Paulus für seinen Glauben zur Todesstrafe verurteilt wird, dann wird mir das zu heiß, dann sehe ich mich lieber nach einem anderen Glauben um, der nicht so lebensgefährlich ist. Oder vielleicht finde ich ja einen anderen christlichen Missionar, der es mit seinem Glauben nicht so ernst nimmt und deshalb von den Römern in Ruhe gelassen wird. Wenn ich dann so einen finde, dann kann ich ja dem helfen. Ihm wurde es um Paulus herum zu gefährlich. Wer natürlich mit jemandem unter-wegs ist, der ein gesuchter Verbrecher ist, da wird es halt schnell mal heiß. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Und das wollte er sich natürlich ersparen. Man denkt dabei auch schnell an den Herrn Jesus, der auch von allen verlassen war bei der Gefangennahme, den Verhören und auch ziemlich einsam am Kreuz von Golgatha hing. So, wie die Jünger Jesu recht schnell Reißaus nahmen, als ihr Herr plötzlich weg war, so war auch Phygellus ein Mann, der nur so lange dabei war, wie es ihm Vorteile brachte. Als die Nachteile plötzlich Überhand zu nehmen schienen, war er weg vom Fenster.
2. Hermogenes
Den Namen Hermogenes kann man auf zwei Arten ableiten. Auf der einen Seite bedeutet er „Nachkomme von Hermes“ (Hermes ist der griechische Gott der Kaufleute und der Diebe), andererseits kann man ihn auch als „der geborene Redner“ übersetzen. Wenn wir diese zwei Bedeutungen zusammensetzen, so können wir uns ein Bild von diesem Mann machen. Er war auf jeden Fall ein Mann, der gut reden konnte, der die Hörer in seinen Bann zog. Paulus hingegen erzählt uns in vielen Briefen, dass er kein guter Redner ist. Er musste seine Rede aus der Kraft Gottes nehmen. Er konnte sich nicht auf seine gute Begabung verlassen, die die Leute mitreißt und umhaut. Dieser Hermogenes war da anders. Ihm fiel es wohl sehr leicht, zu reden und zu überzeugen. Nun hat er sich aber nicht nur von Paulus hinweg abgewandt, sondern man übersetzt den Text hier wohl noch genauer mit „er hat sich weg und gegen mich gewandt“. Im Griechischen ist es so, dass zwei, die zusammen arbeiten, die sind so, als ob sie in die gleiche Richtung schauen. Wegdrehen bedeutet dann auch, dass man sich gegen den anderen dreht und gegen ihn arbeitet. Dieser Mann also, der wortgewandte Hermogenes, der hat seine natürliche Gabe der guten Rede gebraucht, um gegen Paulus zu arbeiten und dadurch Menschen von Paulus und seiner gesunden Lehre abzubringen. Wenn man die Reihenfolge betrachtet, wie Paulus das Ganze beschreibt, so kommt man auch auf den Gedanken, dass dieser wunderbare Redner die Gelegenheit genutzt hat, um die übrigen von der Provinz Asia hinter sich her abzuziehen. Er wird wohl gesagt haben: „Seht mal, der Paulus, mit dem wir lange zusammengearbeitet haben, der ist jetzt gefangen, wie ein Schwerverbrecher. Der muss von Gott bestraft worden sein. Also nehmen wir lieber eine andere Lehre, die den Menschen besser gefällt. Und verschwand aus der Sichtweite.
Menschen wie Phygellus und Hermogenes kennen wir wohl alle. Sie sind ein Teil unseres Lebens, vielleicht Teil der Gemeinde, aber eines Tages passt es ihnen nicht mehr, und sie wenden sich ab. Manche verschwinden einfach wie ein Phygellus, und werden nicht mehr gesehen. Andere fangen an mit Intrigen und machen einem das Leben schwer.
Diesen Leuten wird in unserem Text eine andere gegenübergestellt. Das ist Onesiphorus, ein Mitarbeiter von Paulus aus Ephesus. Sein Name bedeutet „der Nutzbringende“, und wie wir sehen werden, beschreibt Paulus an ihm die wichtigen Qualitäten eines treuen Mitarbeiters und guten Freundes.
B. Der Charakter eines guten Freundes
1. Ihm geht es um seinen Freund Paulus
Zuerst merkt man, dass Paulus durch den Gedanken an den Freund, der ihn als Einziger in diesem Moment nicht verlassen hatte, gestärkt wird. Wenn man den Text im Original liest, so kommt es einem vor, als ob hier die Sprache beginnt zu sprudeln und sich kaum noch halten kann. Die Verse 16 – 18 sind alle ein einziger Satz, der mit einem kurzen Gebet für die Familie seines Freundes beginnt und mit einem zweiten kurzen Gebet für ihn persönlich aufhört. Dazwischen finden wir vier besondere Eigenheiten, die eine treue Hilfe und einen guten Freund ausmachen.
Das Erste, wie wir sehen, ist die Tatsache, dass Onesiphorus seinen Freund stärkt. Ein Freund stärkt und ermutigt schon dadurch, dass er sich Zeit nimmt und für den Freund da ist. Ein Freund nimmt sich Zeit und ist bereit, diese Zeit ohne dafür etwas zu erwarten in den Anderen zu investieren. Man könnte sich jetzt fragen, was es denn bringt, noch in jemanden zu investieren, dessen Tage so sehr gezählt sind, dass er jeden Tag den Tod erwarten könnte. Aber eine echte Freundschaft fragt nicht danach, was der Nutzen ist. Sie fragt nicht danach, was mir der Andere noch geben kann als Gegenleistung für meine Freundschaft und Hilfe, sondern sie tut es, weil sie es als richtig erkennt und die Person als wertvoll erachtet.
Ein Freund ist aber nicht nur da, um passiv zuzuhören und einfach nur Zeit zu verbringen, sondern er hilft auch und ermutigt. Das sehen wir hier, wie Paulus den Onesiphorus beschreibt. „Er hat mich erquickt“, wörtlich übersetzt: „Er hat meine Seele erneuert“. Also: Er hat mich gestärkt, hat mich ermutigt, hat mich auch mal ermahnt, dran zu bleiben und nicht zu verzweifeln und aufzugeben. Er hat dafür gesorgt, dass ich zur Ruhe kommen konnte. Er hat mich so angenommen, wie ich bin. Er hat mir nicht vorgeschrieben, wie ich sein müsse, um es wert zu sein, dass er mein Freund ist.
2. Er ist treu
Als Zweites fällt auf, dass Onesiphorus sich nicht nur hin und wieder als Freund verhält, sondern wir lesen, dass er das oft tat. Er blieb seinem Freund treu. Da haben wir die zweite Charaktereigenschaft: Die Treue. Treue bedeutet, dass man nicht auf die Umstände schaut, sondern sich gleich verhält, egal, was sich gerade entwickelt. Dem guten Onesiphorus wird es bestimmt nicht gefallen haben, dass sein Freund Paulus plötzlich in der Todeszelle sitzt. Aber es hat an seiner Freundschaft nichts geändert. Er tat das, was er zuvor getan hatte, auch weiterhin.
Das Risiko, das Onesiphorus auf sich nimmt, um Paulus zu dienen, ist hier ganz besonders bemerkenswert. Er nimmt das Risiko in Kauf, als Komplize mitgefangen zu werden. In der Zeit war niemand mehr sicher, denn Rom hatte gebrannt, die Christen waren des Brandes beschuldigt worden und ziemlich viele von ihnen sind gefangen und hingerichtet worden.
Wie würden wir damit umgehen? Mit dem Wissen, dass uns unsere Freundschaften ins Gefängnis und sogar ums Leben bringen können? Lieben wir unsere Freunde? Jesus definierte Liebe so: „Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Johannes 15, 13) So ist der Herr Jesus unser Vorbild für einen guten Freund, denn Er hat Sich Selbst hingegeben, bis zum Tod am Kreuz. In Seinem Tod ist unsere Schuld vor Gott bezahlt und in Seiner leiblichen Auferstehung erhalten wir das ewige Leben in der Gemeinschaft mit Gott.
3. Er schämt sich nicht wegen der Ketten
Was noch hinzu kommt, ist der Umstand, dass Paulus als Verbrecher und Staatsgefangener einen schlechten Ruf bekommen hatte. Auch er als sein Freund wird von diesem schlechten Ruf abbekommen haben. Aber das stört ihn nicht. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig. Viel wichtiger ist ihm, dass es seinem Freund gut geht. So nimmt er den schlechten Ruf in Kauf und ist bereit, trotz allem da zu sein und den Paulus zu unterstützen.
Wie gehen wir mit der Herausforderung um, dass es Freundschaften gibt, die uns unseren guten Ruf kosten? Manchmal werden auch bei uns in unserem Umfeld Menschen zum Gespött, werden gemobbt, wie verhalten wir uns da? Wenden wir uns ab wie ein Phygellus, und tun, als ob wir die Person nicht kennen? Oder machen wir sogar mit bei dem Gespött und wenden uns – gleich einem Hermogenes – gegen die Person? Oder sind wir bereit, Seite an Seite mit der Person, die es betrifft, den Spott, die Scham, das Leid zu ertragen?
4. Er nimmt die Herausforderung an, Paulus zu suchen
Das vierte, was Paulus über Onesiphorus sagt, ist, dass er die Reise nach Rom auf sich genommen hatte, um ihm zu helfen, aber zuerst hatte er ja gar nicht gewusst, wo Paulus sich befand. Es gab mehrere von diesen unterirdischen Löchern, den Todeszellen, denn zu der Zeit war ja die Todesstrafe auch recht verbreitet. So musste nun der arme Onesiphorus eine recht ausgedehnte Suche auf sich nehmen. Um den Aufwand dieser Suche zu beschreiben, verwendet Paulus zwei Worte, die man am besten mit „unter Anstrengung mit Eifer suchen“ übersetzt.
Ein Freund ist also bereit, Zeit, Kraft und Eifer zu investieren, um den Anderen zu suchen. In unserer Epoche von Handy und Smartphone ist das eine seltene Angelegenheit geworden. Aber nehmen wir uns wirklich noch die Zeit und die Mühe, uns in den Anderen hineinzuversetzen und ihn dort „abzuholen“, wo er ist?
C. Der Lohn eines treuen Mitarbeiters und guten Freundes
So kommen wir nun an den Punkt, wo wir uns fragen müssen: Was bin ich für ein Freund? Bin ich ein Freund wie Phygellus, der seine Fahne in den Wind hängt und mal da und mal dort mithilft, aber nie so richtig weiß, wo er dazu gehört? Oder bin ich ein Freund wie der Hermogenes, der überall seine Vorteile sucht? Der so lange ein guter Freund ist, wie es ihm den Vorteil bringt, der aber genauso schnell beginnen kann, sich gegen den vorigen Freund zu wenden, wenn ihm das mehr Vorteile bringt? Oder bin ich ein Freund wie Onesiphorus, der nicht auf die äußeren Umstände schaut, sondern treu bleibt, für andere da ist, hilft und auch bereit ist, für diese Freundschaft schwere Zeiten zu ertragen? Zweite Frage: Was möchte ich für ein Freund sein?
Ein echter Freund und treuer Mitarbeiter zu sein, kostet. Aber der Segen, den das bringt, ist ebenso sehr groß. Gott sieht, was wir für unsere Mitmenschen tun. So kann Paulus beten: Gott schenke ihm Barmherzigkeit. Gott segne ihn, diesen wunderbaren Freund, meinen Onesiphorus, und seine ganze Familie. Sein Lohn wird groß sein.
Schlusszitat:
Wenn ein Mensch ein weites, liebendes Herz hat, kommen die Menschen zu ihm wie die Schiffe in den Hafen und fühlen sich wohl, wenn sie unter dem Schutz seiner Freundschaft vor Anker liegen.“ Charles Haddon Spurgeon