Das Ende von Evangelisation?

Ist das Zeitalter von Evangelisation am Ende angelangt? Hier und da hört und liest man wehmütige Erinnerungen an gefüllte Zelte, Massenbekehrungen und vollen Glaubensgrundkursen. Ist diese Zeit nun zu Ende? Nein, ich bin überzeugt, dass es das alles weiterhin braucht. Was sich jedoch ziemlich klar geändert hat, ist die Tatsache, dass sich vieles nicht mehr einfach voraussetzen lässt. Vieles muss erklärt werden, was bis vor wenigen Jahren noch selbstverständlich war. Ebenso haben wir es mit einer immer geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne zu tun. Vielen Menschen fällt es zunehmend schwerer, eine längere Zeit am Stück aufmerksam zuzuhören und sich mit dem Gehörten aktiv auseinander zu setzen.

Wie gehen wir damit um? Müssen wir jetzt alles deswegen verändern? Müssen wir Evangelisation neu denken oder alles Bisherige über den Haufen werfen? Ist das Zeitalter der Evangelisation vorbei? Wir können den „guten alten Zeiten“ hinterher weinen, wenn wir das unbedingt wollen, aber das wird nicht viel ändern. Ich schlage vielmehr vor, dass wir in unseren Gemeinden immer mehr zweigleisig arbeiten: Es braucht weiterhin evangelistische Veranstaltungen, Predigten, die das Evangelium erklären, aber das Ganze braucht ein zweites Standbein: Wir brauchen eine riesige Armee von Mikro-Apologeten und Mikro-Evangelisten.

Was ist Mikro-Evangelisation?

Ich setze einen neuen Begriff zusammen: Mikro-Evangelisation. Was ich damit meine, ist folgendes: Wir brauchen viele Menschen, die allzeit bereit sind, im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und die Überzeugungen ihrer Mitmenschen konstruktiv zu hinterfragen. Weil viele Menschen inzwischen nur noch so wenig von den Grundlagen des christlichen Glaubens wissen, ist es notwendig, dass sie immer wieder kleine Bausteine davon mitbekommen. Alles auf einmal zu hören ist sehr viel an Infos, für viele Menschen ist es zu viel für eine erste Berührung mit dem Glauben. Sie brauchen eine ganze Reihe von kurzen Gesprächen im Alltag, die ihnen helfen, das Evangelium Schritt für Schritt zu verstehen.

Da es aber immer mehr Menschen betrifft, ist das eine riesige Aufgabe: Nur mal angenommen, der Mensch braucht im Durchschnitt etwa 20 solcher Gespräche, um genügend zu erfahren, damit er bereit wird, sich einer Gemeinde anzuschließen (vermutlich ist die Zahl noch deutlich höher), dann haben wir einen riesen Task vor uns. Zugleich ist das aber auch eine große Chance für unsere Gemeinden, weil es klar macht, dass dafür die Mitarbeit von jedem Einzelnen gefordert ist. Es geht nicht anders: Alle müssen mit ran!

Rückkehr zum allgemeinen Priestertum

Denken wir noch einen Schritt weiter: Evangelisation ist nicht mehr der Job einer kleinen Elite von gesalbten und begabten Evangelisten, sondern in diesem Rahmen kann plötzlich jede und jeder mitmachen. Ich finde das gut: Gerade da ich persönlich nicht wirklich evangelistisch begabt bin, kann ich trotzdem gebraucht werden. Auch wenn es mir schwer fällt, Menschen anzusprechen, auch wenn ich introvertiert, scheu, still und zurückhaltend bin, ist es meine Erfahrung geworden, dass solche Gespräche richtig wertvoll sind. Es ist die Rückkehr zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, denn alle können mit ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mitmachen.

Eine weitere Chance sehe ich darin, dass nun plötzlich auch klar ist, weshalb es so wichtig ist, dass wir uns alle noch mehr mit den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens auseinandersetzen: Es werden Fragen dazu kommen. Spannende Fragen. Fragen, auf die wir manchmal erst keine Antwort haben. Das ist nicht schlimm, das ist gut! Es hilft uns, noch mehr gute Fragen zu stellen und noch tiefer drüber nachzudenken.

Im Mittelpunkt stehen Liebe und Interesse

Es gibt Menschen, die sind so extravertiert und offen, dass sie auf Mitmenschen zugehen können, um ihnen direkt vom christlichen Glauben zu erzählen, und da wirkt das Ganze auch noch frisch und fröhlich. Ich gehöre definitiv nicht zu dieser Gruppe. Wenn Du dazu gehörst, dann herzliche Gratulation! Für den Rest von uns gibt es eine Reihe von hilfreichen Überlegungen und durchaus auch Vorbereitungen, die uns dazu besser ausrüsten können. Ich werde im Laufe der kommenden Monate dazu eine Reihe von Möglichkeiten, die ich im Laufe von gut eineinhalb Jahrzehnten gesammelt habe, weitergeben.

Das Wichtigste ist: Es geht um persönliches Interesse für mein Gegenüber. Es geht nicht um Zahlen und primär auch nicht um abgeschlossene Bekehrungen. Diesen Druck möchte ich uns allen nehmen. Ich habe auch lange gedacht, dass das Ziel eines solchen Gesprächs die Bekehrung sein soll. Sie kommt vor, wenn sie dran ist. Wenn aber – wie oben geschrieben – eine ganze Reihe von Gesprächen ein solides Fundament legen müssen, bevor ein Mensch dazu bereit ist, dann wird sie plötzlich zweitrangig. Das Ziel ist es, dem Mitmenschen zum Segen zu werden, ihm zuzuhören und ihm mit guten Fragen zu helfen, seine Überzeugungen zu überdenken. Im Zentrum steht die Liebe zum Mitmenschen – zu genau diesem einen Menschen, mit dem ich im Gespräch bin.

Ok, wie kriegt man diese Liebe? Zunächst einmal ist es immer wieder nötig, dass wir über unsere Gleichgültigkeit und unseren Egoismus Buße tun. Wenn ich nicht von der Liebe dazu angetrieben werde, dann hab ich ein Problem. Ein gewaltiges Problem mit Gott. Ich darf den Heiligen Geist bitten, mich mit der Liebe zu erfüllen. Gott hat es versprochen, in Römer 5,5 steht das. Ein zweiter heißer Tipp von mir ist, sich mit der Person zu beschäftigen. In Gedanken fragen: Was sehe ich an der Person? Was ist ihr wichtig? Welche Dinge hält sie für wertvoll? Oft ergeben genau die Sachen, die wir am Gegenüber sehen können, einen super Einstieg ins Gespräch. Eine Tätowierung, ein Schmuckstück, irgend etwas Auffälliges, was ins Auge sticht. Macht die Person ein Foto mit der Handykamera von etwas Bestimmtem? Alles Hinweise darauf, dass der Person etwas wichtig oder wertvoll ist.

Frag mich was!

Die meisten Menschen mögen es, wenn man ihnen Fragen stellt. Ich werde in einem späteren Blogpost noch auf Gesprächsführung durch Fragen eingehen. Fürs Erste ist es wichtig, zu wissen, dass Menschen sich grundsätzlich angenommen fühlen, wenn man sie auf etwas anspricht und Fragen stellt, was ihnen wichtig oder wertvoll ist. Außerdem ist es meine persönliche Erfahrung, dass Menschen viel lieber sich selbst von etwas überzeugt werden als wenn wir sie von etwas überzeugen. Überzeugen wollen übt einen gewissen Druck aus. Fragen können zum Nachdenken anregen, und immer wieder dazu, dass Menschen anfangen, ihre eigenen Ansichten zu überdenken und sich auch von ihren neu gewonnenen Erkenntnissen überzeugen lassen.

Ebenfalls ist es wertvoll, für die Person zu beten. Das Gebet bedeutet eine innere Verbindung mit der Person, die über Gott führt. Er allein ist es, der Herzen verändern kann. Wir können das nicht. Und wir müssen es auch nicht. Ich habe immer wieder erlebt, wie das Gebet hilft, mein Interesse am Mitmenschen zu intensivieren.

Am Ende bleibt zu sagen: Es wird weiterhin beides wichtig sein. Das, was ich Mikro-Evangelisation nenne, wird nicht alles abdecken können. Wir brauchen weiterhin vollmächtige Evangelisten und Veranstaltungen, die diesem Zweck dienen, dass Menschen sich bekehren. Diese jedoch müssen wir ergänzen durch Gemeinden, deren Gemeindeglieder zugerüstet sind, um im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und gute Fragen zu stellen, die ihre Mitmenschen zum Nachdenken bringen.

Monday Humor: Schweden verlangt schriftliche Einverständnis zu Glaubensgesprächen

Nachdem das Gesetz zur Einverständniserklärung für den Geschlechtsverkehr zum großen Erfolg wurde, doppeln die Skandinavier nun nach: Das schwedische Ministerium für geistige Gesundheit unter Leitung von Björn Agurkeri will ein Gesetz einführen, dass Menschen, die mit anderen über ihren Glauben sprechen möchten, zuvor eine schriftliche Einverständnis dazu erhalten müssen, aus welcher die Evangelisierungsabsicht klar hervorgeht. Am 30. Februar soll im schwedischen Parlament darüber abgestimmt werden, und es ist vorauszusehen, dass das Gesetz mit einer großen Mehrheit beschlossen wird. Die schwedischen Kirchen haben sich bislang nicht dazu geäußert. Agurkeri plant, falls das Gesetz angenommen werde, Vorlagen für eine solche schriftliche Einverständniserklärung im Internet bereitzustellen. Auch soll es eine Version für diejenigen geben, welche gar nicht erst in solche Gespräche verwickelt werden möchten.

Jay und Gofi verklären die Welt – Johannes klärt auf

Oops I did it – nun habe ich mir doch tatsächlich zum ersten Mal eine Folge des Podcasts HossaTalk reingezogen. Folge Nr. 88 (mein erster Gedanke: Müsste diese Nummer nicht ein No-Go in der linksevangelikalen Szene sein?) mit Johannes Müller, dem Bruder von Gottfried „Gofi“ Müller. Spätestens nachdem mich zwei Freunde darauf aufmerksam gemacht hatten, dass es darin um Straßenevangelisation gehe, war mein Interesse geweckt. So widme ich meinen 500. Blogpost der 88. Folge von HossaTalk. Und ja, einige Stellen musste ich mir mehrmals anhören, weil teilweise sehr schnell gesprochen wurde und manche Sätze im wiehernden Gelächter untergingen. Aber insgesamt war es eine ganz interessante Folge, zumindest jedenfalls, sobald man es mal hinter die ersten siebeneinhalb Minuten Vorankündigungen und Werbung geschafft hatte.

Nun aber zur Frage der Podcast-Folge: Was tut Gott in Bremen? Es gibt blühende Straßenevangelisation. In der Nähe von London. In Bremen. Und in vielen anderen Orten auch. Ich bin ein ganz großer Freund der Straßenevangelisation. Ich finde, dass der Glaube auf den Marktplatz, in den Bus, in die Bahn und in die Supermarktkassenschlange gehört. Und ich freue mich außerordentlich, dass Johannes Müller so viel Großartiges erleben darf. Und das sage ich als jemand, der oft und penetrant die Praxis eines Übergabegebets kritisiert, nicht zuletzt, weil es auf den Gedanken zurückgeht, dass Erweckung von Menschen machbar sei, sondern auch weil es ein falsches Verständnis von Bekehrung und Wiedergeburt enthält und weil es in der gemeindlichen Praxis dazu führen kann, dass Menschen auf die Kraft ihres Gebets zurückgeworfen werden, statt auf die erlösende Kraft Jesu. Dies aber nur mal am Rande.

Johannes Müller erzählt verschiedene Beispiele aus seinen Erfahrungen mit der Straßenevangelisation, und schnell wird klar, dass das bei seinen progressiven Mit-Talkern auf Widerstand stoßen muss. Der Widerstand ist allerdings überraschend schwach. Es werden sogar echt gute Fragen gestellt, wie etwa diese (Min. 35 – 36): “Wenn wir die Theologie haben, dass Jesus der Weg und der Retter ist, so … dann ist für mich die Frage, wie transferieren wir das in den Alltag hinein?” Natürlich dürfen auch manche kritischen Fragen nicht fehlen, sonst würde sich ja bestimmt keiner mehr die nächsten Folgen anhören wollen. Die offene und ehrliche Begeisterung von Johannes bringt die gewohnte progressive Rhetorik immer wieder aus dem Gleichgewicht. Aber überwiegend zeichnet sich das Bild ab, das ich auch sonst weit verbreitet finde: In der Theorie ist das progressive Denken wunderschön, für die Praxis taugt es nicht. So sind auch Jay und Gofi ins Nachdenken gekommen und wissen am Ende auch nicht mehr, ob sie das, was der Johannes macht, nun eigentlich gut oder schlecht finden sollen. By the way: Ich finde es richtig klasse, dass Jay und Gofi in dieser Folge Johannes so viel Freiraum geben, so interessiert sind (trotz manchen Vorbehalte) und so viele gute Fragen stellen. Darüber freue ich mich enorm.

Interessant ist auch, wie Gofi auf die progressivere Kritik in den Kommentaren auf der HossaTalk-Seite antwortet. Wer genau liest, findet den Abschied vom progressiven Denken in der Praxis relativ schnell: Bitte lass uns doch noch mal auf die Fakten schauen: Zwei vor Angst schlotternde Omas gehen auf wildfremde Menschen zu und sagen: Ich habe einen wunderbare Nachricht für sie: Gott liebt sie und hat einen wunderbaren Plan für ihr Leben. Mal abgesehen davon, dass das Außerirdischenjargon ist, den normale Menschen nicht verstehen, wissen du und ich ganz genau, dass diese ‘Masche’ unter normalen Umständen niemals funktionieren kann. In Bremen funktioniert sie aber plötzlich. Und in Redding, Southampton, Liverpool … Warum? Liegt das etwa an dem genialen und manipulativen Gesprächsfahrplan? Are you fucking kidding me? (Link)

Jeder, auch Jay und Gofi, werden sich irgendwann in den nächsten wenigen Jahren entscheiden müssen, auf welcher Seite er steht. Ich bete mit, dass es auch bei ihnen beiden die richtige Seite sein wird. Immer wieder wird ein tiefer Riss, der quer durch alle Kirchen und Denominationen geht, notdürftig übertüncht und versteckt. Doch ein Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann keinen Bestand haben, und hier gibt es nun mal keine Einigkeit. Doch nun hat ein spannendes Jahr begonnen: Ein neues bibeltreu-evangelikales Bloggernetzwerk, eine Gebetskonferenz in Augsburg, in welcher das alt-rauhe Kreuz gepredigt wurde, und jetzt auch noch eine Folge HossaTalk, in welcher es um eine Erweckung geht, die sich von Bremen aus in weitere Städte unseres Landes ausbreitet. Und der erste Monat des neuen Jahres ist noch immer nicht ganz rum. The times are a-changing!

Predigtdauer auf Tweetlänge beschränkt

Auf ganze 150 Zeichen wurde die maximale Länge einer Predigt in der evangelikal-freikirchlichen Gemeinde Neudorf am Bernstein festgelegt. Dieser radikale Schritt habe in dieser Gemeinde eine ganze Erweckung ausgelöst: Nicht nur, dass jetzt niemand mehr Zeit hat, während der Predigt einzuschlafen, auch sind nun viele neue Besucher in den Gottesdienst dieser Gemeinde gekommen, welche diesen neuen Trend bewundern wollen. Und das Schönste daran sei, dass die Bibel bei dieser Länge nur noch gezeigt, aber nicht mehr zitiert werden müsse.
Thomas Kornblume, der Pastor dieser Gemeinde, hat schon erste Einladungen bekommen, wo er Seminare zur Homiletik von Twitterpredigten halten darf. Auf die Frage, wie er auf diesen Schritt gekommen sei, erzählt er: „Am Anfang hatten wir eine ältere Dame, die wegen ihrer Augen und Ohren häufig ins Krankenhaus musste. Damit sie den Gottesdienst live miterleben konnte, haben wir ihr beigebracht, Twitter vom Krankenhausbett aus zu benutzen. Ein Mitarbeiter unserer Gemeinde hat dann die wichtigsten Punkte der Predigt via Twitter in die Welt geschickt, wo sie es live lesen konnte. Doch als er nach der vierten Predigt einen Zusammenbruch hatte, wussten wir: So kann es nicht weitergehen. Wir mussten eine neue Lösung finden.“
So sei man Schritt für Schritt bei der Predigtlänge von maximal 150 Zeichen angelangt. Das Schöne dabei ist: Der Pastor stellt seine Predigten nach jedem Gottesdienst auf Twitter zum Nachlesen bereit. Das mutige Gemeindemitglied muss jetzt nur noch auf „Gefällt mir“ oder „Retweet“ drücken, um evangelistisch tätig zu sein. Nie war es einfacher, die gute Nachricht vom Pastor ins Universum hinauszubrüllen.