Buchtipp: Verborgen

Verborgen von Anna Simons

Simons, Anna, Verborgen, Penguin Verlag München, 1. Aufl. Okt. 2018, 432S., Verlagslink, Amazon-Link

Was geschieht, wenn die neue Gefängnisärztin noch vor ihrem Dienstantritt am neuen Wohnort in einen Kriminalfall verwickelt wird, der einen ihrer zukünftigen Patienten betrifft? Richtig – sie hilft der Polizei, diesen zu lösen. Dr. Eva Korell war noch dabei, sich in München einzuleben, als sie Erste Hilfe leisten muss. Die Frau, der sie hilft, ist mit einem der Insassen des Gefängnisses verheiratet, in welchem sie als Ärztin arbeiten wird. Sie bittet Eva um Hilfe, die sie zunächst ablehnt. Doch gegen ihren Willen wird sie immer tiefer in dessen Geschichte verwickelt, was am Ende sogar zu ihrer Entführung führt. Mit Ehre, Leib und Leben versucht sie, die Opfer zu beschützen, doch die Falle schnappt zu, und wer weiß, was ohne das rechtzeitige Eintreffen der Polizei noch alles geschehen wäre…

Unter den gut 80 Büchern, die ich dieses Jahr bereits gelesen habe, ist dies ein ganz spezieller Leckerbissen für mich. Ich hätte nie gedacht, als ich die Beschreibung des Buches las, dass mich dieses so überzeugen würde, aber bislang ist das der beste Roman meiner diesjährigen Lesezeit. Ich habe noch selten einen Krimi gelesen, wo einfach alles gepasst hat: Der Spannungsbogen bleibt konstant erhalten, der Leser taucht in den ersten Seiten mitten ins Geschehen ein, und die Charaktere sind mit einer wirklich umwerfenden Echtheit – mit allen Ecken und Kanten menschlichen Lebens – entworfen und gestaltet. Gerade dieser letzte Punkt macht für mich viel aus. In den meisten Büchern klingen alle Figuren gleich, haben außer ihrer Biographie kaum ein echtes Eigenleben. Das ist mir bei früheren Autoren wie Charles Dickens oder William Shakespeare besonders bewusst geworden, weil diese Autoren sich immer viel Mühe gegeben haben, ihre Figuren sehr individuell und verschieden klingen zu lassen. Das ist mir auch im Roman von Anna Simons aufgefallen.

Der Spannungsbogen wird mit Gesprächen aus unterschiedlichen Sichtweisen aufrecht erhalten. Zwischendurch telefoniert der Bösewicht, aber der Leser hat keine Ahnung, um wen es sich handelt. Auch die Beschreibung der Gewalt hält sich wohltuend in Grenzen. Wer mich kennt, weiß, dass mir das wenig ausmacht, wenn es graphische Beschreibungen davon gibt, aber zu viele Autoren schwelgen dann geradezu darin. Das finde ich dann eher abstoßend. Zu einem Krimi gehört ein gewisses Maß an Kriminalität und Gewalt, aber mehr als dieses Maß ist überflüssig. Meines Erachtens hat die Autorin in diesem Buch genau das richtige Maß davon getroffen. Amüsant fand ich, dass sich im Buch bereits so etwas wie eine vorsichtige, zurückhaltende Beziehung anbahnt. Auch das lässt wohl so manchen Leser auf die Fortsetzung warten. Schließlich will man wissen, wie das weiter geht.

Wenn man das Buch, die Story insgesamt, befragt, was die Autorin der Welt mitteilen möchte, so sind das insbesondere zwei Dinge: Gerechtigkeit siegt. Wer Unrecht begeht, wird irgendwann davon eingeholt, macht Fehler, wird ungeduldig und süchtig nach mehr davon und manövriert sich irgendwann unvorsichtig in eine Situation, in welcher sein Unrecht bekannt wird. Und zweitens: Biographie prägt. Der Übeltäter – so verantwortlich er für sein Handeln ist – war in seiner Kindheit und Jugend selbst das Opfer anderer Menschen. Anna Simons versucht damit nicht, sein Unrecht herunterzuspielen oder zu relativieren, zu entschuldigen oder den Fehler anderen in die Schuhe zu schieben. Aber ihr Appell ist klar: Was wir tun, hat Folgen. Was wir anderen Menschen antun, wird sie ein Stück weit prägen. Lasst uns deshalb auf unsere Handlungen besser achtgeben!

Fazit:

Die Autorin, die ich auch unter anderen Namen bislang noch nicht kannte, ist eine echte Entdeckung für mich. Ich kann das Buch jedem Krimifan empfehlen und bin gespannt, wie die Serie in einem Jahr weitergeht. 5 von 5 Sternen.

Wie suche ich mir das richtige nächste Buch aus?

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel, schnell und effektiv lese. Als Kind hatte ich die Idee, alles lesen zu wollen, was mir in die Finger kam, doch spätestens Mitte Gymnasium wurde mir klar, wie wertvoll meine Lesezeit ist und wie sehr ich mich noch werde beschränken müssen. Da entstand – und blieb bis heute – die Idee vom richtigen oder besten nächsten Buch. Lange Jahre der Erfahrung, Trial and Error, viele Enttäuschungen und weggelegte Bücher haben mich ein paar Grundregeln der Bücherauswahl gelehrt. Anhand von fünf Fragen möchte ich das einmal verdeutlichen:

1. Wer bin ich?

Die wichtigste Frage dabei ist: Wer bin ich? Ich sollte ja das nächste Buch lesen, und nicht irgendwer, nicht eine idealisierte oder sonstwie manipulierte Version meiner selbst. Das Lesen vieler Bücher zeigt uns immer mehr, wer und wie wir selber sind. Wir lernen uns so immer besser kennen. Ich möchte mich nicht zwingen, ein Buch gut finden zu müssen, nur weil die Person XY es gut gefunden hat. Da ist jeder einfach anders gestrickt, und nur wenn wir lernen, ehrlich zu uns selbst zu sein, können wir das Lesen auch so sehr genießen.

2. Wer ist mir ähnlich, wer überhaupt nicht?

Zu den meisten Themen ist die Auswahl an Büchern nahezu grenzenlos. Wir Menschen sind oft sehr unterschiedlich, und das ist gut so. Wir finden Menschen, die uns ähnlich sind und andere überhaupt nicht. Ich persönlich bin jemand, der dicke, umfassende Bücher bevorzugt. Ich lese lieber 1200 Seiten in einem Buch, welches versucht, das Thema, die Person oder die Geschichte möglichst umfassend zu beschreiben. Stattdessen sechs dünne Booklets à 200 Seiten zu unterschiedlichen Facetten desselben sind mir enorm unsympathisch. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich lieber den dicken Schinken. Und ich habe gelernt, in vielen Bereichen die Leser und Rezensenten in hilfreiche Schubladen zu packen, damit ich weiß, welcher Schreibstil mir mehr und welcher weniger zusagt.

3. Was ist mein Ziel mit dem nächsten Buch?

Ein Ziel, das ich immer habe, ist, von allen Menschen zu lernen. Daneben braucht jedoch jedes Buch auch noch weitere Ziele. Was will ich mit dem Wissen aus dem Buch machen? Ich lese schon lange keine Bücher „nur zur Unterhaltung“. Dafür fehlt mir die Zeit. Somit gibt es Ziele wie etwa mein Wissen zu erweitern, indem ich eine ganze Weile zu einem ähnlichen Thema verschiedene Bücher lese. Oder ich möchte wissen, wie sich ein Autor im Laufe seines Lebens verändert hat. Dieses Ziel festzulegen hilft mir sehr dabei, die Auswahl der Bücher weiter einzuschränken. Nach den drei ersten Fragen sind selten mehr als drei Bücher vorhanden, zwischen welchen ich mich entscheiden muss.

4. Was hat dieses Buch bewirkt?

Bevor ich mich für ein Buch entscheide, befasse ich mich zumeist noch mit der Frage, was dieses Buch bewirkt hat. Welche Diskussionen hat es aufgeworfen? Welche Fragen sind bei anderen Lesern nach der Lektüre noch offen geblieben? Konnte es anderen Lesern die Fragen beantworten, die ich beantwortet haben möchte? Hat das Buch bestimmte Vorurteile zu festigen gesucht? Hat es Menschen zu einem bestimmten Verhalten gebracht? Je neuer ein Buch ist, desto weniger tief kann man in die Wirkungsgeschichte eintauchen.

5. Wer ist der Autor? Wann hat er es geschrieben?

Menschen durchlaufen vielfach Veränderungen im Laufe ihres Lebens. Wie hat sich der Autor verändert? In welcher Phase seines Lebens hat er dieses bestimmte Buch geschrieben? Hat er sich später noch einmal dazu geäußert? Wie stehe ich zu dem, was er dazu gesagt hat? Mag ich den Schreibstil des Autors? Ist er mir zu trocken oder zu emotional oder zu manipulativ oder ähnliches?

Das sind viele Fragen auf einmal. Zum Schluss noch zwei Gedanken dazu: Die meisten Fragen lassen sich mit etwas Übung in Sekundenbruchteilen unbewusst beantworten. Man entwickelt mit der Erfahrung eine Art Intuition, die viele dieser Fragen abhaken, ohne dass man sich die Fragen bewusst stellt. Und zweitens, was wohl aufgefallen sein wird: Ich misstraue der Amazon-Leser-Schwarmintelligenz zutiefst. Ich achte nicht einfach auf den Verkaufsrang oder die Bewertungen, sondern scrolle durch die Rezensionen, picke ein paar für mich persönlich wichtige davon heraus, und gewichte sie neu. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Um es kurz zu machen: Marcus-B. Hübner meinte kürzlich auf Twitter dazu: „Es geht nicht darum, viele Bücher zu lesen, sondern die richtigen. Aber je mehr du liest, desto sicherer findest du die.“ (Marcus-B. Hübner) Einfacher und treffender kann ich das auch nicht formulieren. Amen dazu!

Buchtipp: Die Mächtige

Die Magie der tausend WeltenDie Maechtige von Trudi Canavan

Canavan, Trudi, Die Magie der tausend Welten. Die Mächtige, Blanvalet Verlag München, 1. Aufl. Sept. 2018, 704S., Verlagslink, Amazon-Link

Die australische Autorin Trudi Canavan schreibt Fantasy-Bücher, und dies wirklich mit großer Phantasie. Das vorliegende Buch ist der dritte Band einer mehrteiligen Serie namens „Die Magie der tausend Welten“. Wenn man die übrigen Bände nicht kennt, ist etwas Zeit nötig, um sich in den tausend Welten zurechtzufinden. Doch nach den ersten 50 Seiten ist das Wichtigste bekannt. Die Geschichte ist in sich selbst abgeschlossen und kann deshalb auch gut für sich allein gelesen werden. Ob es auch eine weitere Geschichte hinter den Bänden gibt, kann ich nicht beurteilen, vermute es allerdings schon.

In den tausend Welten gab es für tausend Jahre einen Herrscher, den Valhan. Er war der mächtigste aller Magier, und um seine Macht zu sichern hat er sein Leben selbst beendet, in der Gewissheit, dass seine untergebenen Magier ihn wieder zu Leben und Macht erwecken würden. Die Thronfolgerin ist Rielle, die vor der Verantwortung des Herrschens zurückschreckt und sich weigert, in seine Fußstapfen zu treten. Nun gibt es verschiedene Gruppen, die eine unterschiedliche Vorstellung davon haben, was mit dem Machtvakuum geschehen soll. Ist es Rielles Aufgabe? Soll der Valhan auferweckt werden? Sollen die vom Valhan in seiner Hand gespeicherten Informationen auf eine andere Person übertragen werden? Oder soll es gar keinen Herrscher mehr geben? Um diese Fragen entbrennt der Streit, der in diesem Band geschildert wird.

Canavan hat wirklich eine große Phantasie. Sie erschafft viele verschiedene Welten und stellt dabei richtig gute Fragen an unsere Zeit. Für mich war der größte Teil des Buches ein Genuss, weil ich viel zum Nachdenken angeregt wurde. Es werden Überlegungen über verschiedene Regierungsformen und deren Abwesenheit angestellt, über Kriege und deren Notwendigkeit, und vieles mehr. Ein kleines Beispiel dazu: Tyen hatte mechanische „Insektoiden“ gebaut, die mit „mechanischer Magie“ (mehr dazu weiter unten) angetrieben werden. Andere hatten diese Erfindung weiter entwickelt und Kampfinsektoiden gebaut, die für Kriege eingesetzt werden können. Dies wollte Tyen jedoch überhaupt nie erreichen. Er überlegt sich, ob er solche Maschinen bauen kann, die feindliche Insektoiden abwehren und zerstören können. Sein Assistent Zeke meint dazu: „Es wird sehr schwer werden, eine Maschine zu bauen, die entscheiden kann, was sie zerstört und was sie nicht weiter beachtet.“ (S. 396) Hier haben wir das Problem, das sogenannte „künstliche Intelligenz“ immer haben wird. Es wird der KI nie möglich sein, tatsächlich zwischen gut und böse zu entscheiden.

Eine Sache fand ich sehr schwierig, nämlich dass die Autorin den Begriff „Magie“ so oft und mit so unterschiedlichen Vorstellungen parallel benutzt. Mindestens drei verschiedene Bedeutungen hat Magie in diesem Buch: 1. Magie ist Macht 2. Magie ist Energie 3. Magie ist übernatürliche Fähigkeit. Aber es geht noch weiter: Magie ist auch noch eine Substanz, undefinierbar, die in bestimmten Bereichen stärker vorhanden sein kann denn in anderen. Magie kann hergestellt, entzogen, an sich genommen und abgegeben werden. Gerade weil „Magie“ für so viele unterschiedliche Dinge benutzt wird, dass es etwa auch eine Art mechanischer Magie gibt, das macht die ganze Sache so unnötig kompliziert und – für mich zumindest – über manche Strecken schlicht und einfach langweilig. Das war auch der Grund, weshalb ich nach diesem Band – so interessant vieles ist – überhaupt kein Interesse habe, die übrigen Bände auch noch zu lesen. Das finde ich auch irgendwie schade, aber nicht zu ändern. Davon abgesehen ist das Buch spannend und leicht zu lesen.

Fazit:

Ein Buch mit vielen guten Gedanken und Fragestellungen, die auch unser heutiges Leben und Denken in Frage stellen und zum Nachdenken anregen. Alles auf eine unterhaltsame, leicht lesbare Weise verpackt. Mich persönlich hat der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Magie“ für eine Vielzahl unterschiedlicher und mitunter widersprüchlicher Inhalte abgeschreckt. Fantasy-Fans, denen dies nichts ausmacht, ist das Buch zu empfehlen. 4 von 5 Sternen.

Buchtipp: Macbeth

Macbeth von Jo Nesbo

Nesbø, Jo, Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt, Penguin Verlag München, 2018, 621S., Verlagslink, Amazon-Link

Das Hogarth Shakespeare Projekt versucht, mit zeitgenössischen Autoren die Werke von Shakespeare für unsere Zeit neu zu erzählen. Als kleine Auffrischung habe ich Macbeth im Original von Shakespeare direkt vor der Lektüre von Nesbø gelesen. Ich war gespannt, wie er die verschiedenen Details des Romans modern umsetzt. Die Geschichte ist deshalb auch schon weitgehend vorgegeben. Sie hat keinen Anspruch, etwas ganz Neues zu sein. Das sollte man sich bei solchen Projekten bewusst sein und nicht erwarten, dass dahinter so ein richtig typischer Nesbø stecken muss.

Inspektor Macbeth arbeitet bei der Polizei einer Stadt, die hauptsächlich noch von Drogen, Spielsucht und Korruption lebt. Der frühere Chief Commissioner Kenneth war ein Tyrann, der alles in seiner Hand hatte. Dann sind da noch die Norse Riders, ein krimineller Motorradclub, der die Stadt in Angst und Schrecken hält, Hecate, ein alter Mann, der die Drogen produzieren lässt und im Hintergrund alle möglichen Fäden zieht und Tourtell, der schwere Bürgermeister, der überall mitreden will, aber durch zahlreiche Abhängigkeiten gebunden ist. Und natürlich Lady, die Geliebte von Macbeth, die das beste Spielcasino der Stadt betreibt und versucht, Macbeth zu überzeugen, neuer Chief Commissioner zu werden. Banquo, sein Sohn Fleance. Angus, Lennox, Caithness und Duff, der bei Shakespeare Macduff heißt, sind weitere Personen, die ihre Namen und Rollen bereits im 400 Jahre alten Original erhielten.

Man kann unterschiedlicher Meinung über Sinn und Unsinn von Neuerzählungen älterer Geschichten sein. Ich sehe Vor- und Nachteile darin. Und natürlich muss sich jeder Autor, der eine solche Aufgabe übernimmt, auch die Frage stellen, was von der Geschichte gleich bleiben soll und was man davon modernisiert. Die Mordwaffe ist ungefähr dieselbe geblieben. Hat Shakespeare Macbeth noch seine Feinde mit dem Dolch erstechen lassen, nimmt der moderne Macbeth Messer, die er werfen kann. Da fand ich es unglaubwürdig, dass kaum jemandes Verdacht auf ihn fiel und er zumindest die längste Zeit des Buches fortfahren konnte. Nesbø hat versucht, möglichst nahe am Original zu bleiben, indem er Namen, Waffen und anderes mehr beibehielt. Das ist durchaus lobenswert, wenn er sich bloß dabei nicht in solche Widersprüche verstricken würde.

Richtig gut umgesetzt fand ich die Verwandlung von Macbeth vom unsicheren, einfachen Polizisten zum herrischen Tyrannen. In Macbeth geht es um die Gier, die Herrschsucht, den Machthunger, der mit der Zeit derart zunimmt, dass er zur totalen Verblendung führt. Macbeth will eigentlich nur das Beste für seine Stadt. Chief Commissioner Duncan war zu schwach, um die Stadt aus ihrem Elend zu führen, in das sein Vorgänger Kenneth sie geführt hatte. Zumindest aus der Sicht von Lady, dann auch von Macbeth. Ein Mord führte zum nächsten Mord, eine Lüge zu einer weiteren, und das Ringen um Macht hinterlässt eine breite Blutspur. Doch wer hat eigentlich das Sagen? Hecate, der die Menschen gut einzuschätzen weiß und überall Spione hat? Bürgermeister Tourtell? Oder der Chief Commissioner, der im Falle eines Notstandes die vollständige Immunität und Befehlsgewalt erhält? Der Autor nimmt seinen Leser in das Gewirr von Korruption, Erpressung, Kriminalität und Drogensucht hinein, ein Strudel, der sich verdichtet und erst ganz am Schluss entwirrt sich das Ganze.

Wie ein Tintenfisch umfängt die Gier den Protagonisten – mit allen Armen und Tentakeln reißt sie ihn in die äußerste Finsternis menschlichen Daseins. Macbeth wird sich selbst zum größten Feind, weil er sich so blind seiner eigenen Verderbtheit in den Rachen wirft. Hier wird aber auch die größte Stärke zur größten Schwäche des Buches. Es ist eine Adaptation einer 400 Jahre alten Geschichte und ist für eine Leserschaft des 21. Jahrhunderts geschrieben. Was Nesbø nicht gelingt, ist die Übersetzung des Shakespeare’schen Denkens – und ich bezweifle offen gesagt auch, dass sich der Autor dieses Denken tatsächlich verinnerlicht hat. Zu plump sind manche seiner Formulierungen am Original angelehnt. Der Leser, welcher Shakespeares Version kennt, fühlt sich zwischen den beiden Zeiten hin- und hergerissen. In keiner der beiden Zeiten scheint sich die Geschichte wirklich zu spielen. Für den Leser des 21. Jahrhunderts wäre entweder das Denken Shakespeares besser zu erklären (sei es im Vorwort, in Fußnoten oder einfach durch besser erklärende Formulierungen im Text), oder die Sprache und das Denken komplett an die heutige Zeit anzupassen (was ich persönlich schade fände, denn einen politisch korrekten Macbeth braucht keiner…). Ich kann die heutigen Leser, die vom Buch enttäuscht sind, verstehen, denn es braucht einiges an gedanklicher Vorbereitung, um im Leben und Denken des frühen 17. Jahrhunderts anzukommen. Dennoch möchte ich jene Leser herausfordern, den originalen Macbeth zu lesen und dann zu versuchen, Nesbø besser zu verstehen. Ich glaube, das ist es wert.

Fazit:

Jo Nesbø ist mit Macbeth ein Werk gelungen, das dem Original in einem modernen Setting sehr nahe kommt. Es ist spannend geschrieben, orientiert sich jedoch vom Denken und mancher Formulierung ebenso am Original, sodass es dem Autor nicht gelingt, die Brücke ins Denken des westlichen 21. Jahrhundert zu schlagen. Der Leser müsste sich zunächst in die Weltanschauung Shakespeares einarbeiten, um das Buch richtig einordnen zu können. Ich gebe 4 von 5 Sternen.

Buchtipp: Der Outsider

Der Outsider von Stephen King

King, Stephen, Der Outsider, Heyne Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 748S., Verlagslink, Amazon-Link

Nachdem ich von „Sleeping Beauties“ nicht wirklich überzeugt wurde, ist „Der Outsider“ endlich wieder ein King-Roman, der tatsächlich an den „Meister des Horrors“ erinnert, von dem ich in meiner Teenager-Zeit einige Bände gelesen hatte. „Der Outsider“ ist ein Buch, das zwischen den Genres Kriminalroman und Horror wechselt. Vordergründig geht es um ein schreckliches Verbrechen, das in der Kleinstadt Flint City geschah. Verdächtigt wurde der allseits beliebte Baseball-Trainer und Englischlehrer Terry Maitland. Doch er wurde an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen: Kurz vor und nach dem Verbrechen in Flint City, aber ebenfalls mit vielen Augenzeugen bei einer Lehrerkonferenz, weit entfernt von der Kleinstadt. Kann sich der Verdächtige zugleich an zwei Orten aufhalten? Beide Orte weisen sichtbare Spuren von Maitland auf. Die DNA an der Leiche stimmt mit seiner überein, aber an der Konferenz wird er gefilmt und hat unbewusst einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Auf der Suche nach der Wahrheit finden Ralph Anderson und sein Team noch weitere ähnlich mysteriöse Fälle, bei welchen der Täter zugleich auch an einem anderen Ort gewesen war. Die Spur führt letzten Endes zum „Outsider“, einem Monster, das von der Trauer und dem Schmerz seiner Opfer lebt. Als sie es stellen, bleibt am Ende nichts als ein Haufen weißer Maden übrig, gleich denen, die Ralph einstens beim Aufschneiden einer Melone fand.

Der Leser ist beim Einstieg gleich mitten im Geschehen: Eine schrecklich zugerichtete Leiche wurde gefunden. Mehrere Einwohner der Kleinstadt haben den Verdächtigen an besagtem Tage gesehen. Bei den Zeugenvernehmungen zieht sich alles in die Länge. Der Verdächtige wird im großen Stil während des wichtigsten Baseballspiels der Saison festgenommen. Gegen Ende des Buches – ungefähr im letzten Viertel – steigt die Spannung noch einmal richtig an. Dazwischen schwankt sie über weite Strecken, doch auch hier sorgt King dafür, dass sie immer so weit erhalten bleibt, wie es nötig ist. Wenn ich an frühere Bücher des Autors denke, etwa an „ES“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „In einer kleinen Stadt (Needful Things)“, so ist die Spannung im Outsider in den Spitzen weniger ausgeprägt, aber konstanter vorhanden. In manchen früheren Büchern war es so, dass bestimmte Szenen so richtig aufs Gänsehautfeeling abzielten. Dazwischen gibt es dort jedoch richtige Spannungsflauten. Beim Outsider ist der Spannungsbogen besser ausgewogen, man könnte von einem reiferen Werk sprechen.

Interessant finde ich den Roman auch deshalb, weil sich King hier – wie auch sonst oft – mit dem Bösen auseinandersetzt. Das Böse lebt mitten unter uns, aber wir erkennen es nicht, weil es jede Maske annehmen kann. Allein das gibt einiges an Stoff zum weiteren Nachdenken. Gut fand ich dabei, dass das Böse nicht einfach nur ein Teil aller Menschen ist, sondern eine externe Größe, eine Art eigene Persönlichkeit. Dass King dann eine Figur aus Volkslegenden aufnehmen musste, fand ich überflüssig. Ebenso die schlussendliche Auflösung des Ganzen. Das Böse ist bei King so leicht besiegbar, dass es ausreicht, wenn sich Menschen darum kümmern. Das ist mir zu billig, da fängt die Verführung zur Selbsterlösungsreligion an. Auch die Erstellung und Charakterisierung von übersinnlichen Figuren, die das Böse darstellen sollen konnte er schon deutlich origineller und besser. Der „Outsider“ ist meines Erachtens aus Verlegenheit des Autors entstanden und passt in das Setting des Romans nicht wirklich hinein. Die übrigen Figuren sind jedoch sehr lebendig und natürlich entworfen und ausgeführt. Ganz wie man sich das bei King gewohnt ist.

Sehr schön fand ich aber den inneren Kampf in Ralph Anderson, der sich fragte, ob die Wahrheit es wert ist, dass man sie sucht, verfolgt und findet. Er könnte es auch auf sich beruhen lassen. Es sind genügend Beweise gegen Maitand vorhanden. Der Verdächtige ist tot. Ist er es wert, dass man sich alles noch einmal ganz genau anschaut und seine Unschuld vermutet? Doch am Ende siegen die Neugier und das Verantwortungsgefühl in Ralph und er ist bereit, die Wahrheit zu finden, koste es was es wolle. Selbst wenn es sein gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen sollte. Was ja dann auch geschieht. Hier können sich noch viele Menschen unserer Zeit von der Figur des Ralph Anderson eine Scheibe abschneiden.

Es ist ja schon lange bekannt, dass Stephen King viele Bezüge in seinen Büchern der Bibel entnimmt, besonders das Alte Testament fasziniert ihn. Solche Bezüge habe ich hier weniger gefunden, aber aufgefallen ist mir dennoch, dass gerade in den neueren Werken von King die Suche nach der Wahrheit eine wichtige Rolle spielt. Im „Outsider“ finden wir den Kampf zwischen einem reinen Naturalismus, der nur glauben will, was dem bisher Gewohnten entsprach, und einem Volksglauben an Monster und aus diesen beiden wird zum Schluss als Synthese eine Art kritischer Realismus, der zwar die sichtbare Realität als wahrnehmbar betrachtet, jedoch auch ernst nimmt, dass es auch Dinge geben kann, die uns Menschen anders erscheinen als die der äußeren Realität entsprechen. So ist der „Outsider“ ein Wesen, das nur fremde Formen annehmen kann, aber wenn er an und für sich – ohne diese äußere Gestalt – gesehen wird, so können die Personen im Roman nur noch einen Haufen Maden erkennen. Im Vergleich zu früheren Büchern, in welchen King oft einen Relativismus oder einen Irrationalismus vertrat, ist dieser Band ein echter Fortschritt.

Fazit:

Stephen King hat mit „Der Outsider“ ein spannendes Werk geschaffen, das an an frühere Bücher von ihm erinnert. Der Spannungsbogen ist gut gelungen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen dürfte allerdings eher irreführend denn fürs Leben hilfreich sein. King beschreibt allerdings sehr schön die ehrliche Suche nach der Wahrheit, und das gefällt mir gut. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Warum Glaube großartig ist

Warum Glaube grossartig ist von Daniel Boecking

Böcking, Daniel, Warum Glaube großartig ist. Mein Glück mit Jesus, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2018, 221 S., Verlagslink, Amazon-Link

Daniel Böcking is back – mit einem neuen Buch. Eigentlich war er ja nie weg, immer wieder gab es Texte von ihm auf BILD.de und in den sozialen Medien. Aber auf dieses Buch habe ich mich schon eine Weile gefreut – seit jenem Moment, in welchem ich lesen konnte, dass es diesen Sommer veröffentlicht würde. Woher diese Vorfreude? Ich wusste eines: Wenn dieser Mann, der dazu auch noch stellvertretender Chefredakteur von BILD online ist, ein Buch schreibt, dann wird es von Jesus übersprudeln. Er hat eine Freude und eine Einfachheit des Glaubens, die ich mir in christlichen Büchern häufiger wünschte. Ich war gespannt, ob ich in allen Aussagen mit ihm mitgehen könnte (dazu später noch mehr), aber in erster Linie freute ich mich darauf, von ihm und seinem Glaubensweg zu lesen. Und das war echt wohltuend. Immer wieder fühlte ich mich in die Zeiten vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als ich so manches Erlebnis hatte, das in eine ähnliche Richtung ging.

Man kann das Buch in drei Teile gliedern: Eine Einführung, einen Hauptteil und einen Schluss. In der Einführung erzählt Böcking nach einem ausgeschriebenen Gebet ein wenig von ihm. Wer sein erstes Buch gelesen hat, dem wird manches schon bekannt sein. Er geht darauf ein, welche Vorurteile er vor seiner Bekehrung den Christen gegenüber hatte und stellt insbesondere sechs Überraschungen vor, welche er kennen lernte, als er sich mit dem christlichen Glauben und den christlichen Gemeinden und Menschen befasste. Diese sechs Überraschungen bestimmen dann auch die Gliederung seines Hauptteils, in welchem er viel von seinen Erlebnissen berichtet, die er in diesen Jahren seit seiner Bekehrung hatte. Der Schluss ist eine 10-Wochen-Challenge, mit welcher er versuchen möchte, Menschen dazu zu bringen, den christlichen Glauben besser kennen zu lernen.

Schön finde ich, wie der Autor nicht davor zurückschreckt, den Glauben als vernünftig und nachvollziehbar zu beschreiben. Der Leser wird geradezu herausgefordert, die Gründe dafür zu prüfen und sich selbst auf die Suche zu machen. Besonders ist dafür auch die Challenge am Schluss zu empfehlen. Die Einladung dazu ist geradezu entwaffnend simpel und authentisch. Das Buch besteht aus sehr vielen persönlichen Berichten und versucht auch, die Unterschiede der verschiedenen Denominationen zu erklären. Das fand ich sehr gut.

Auf der anderen Seite gibt es zwei Punkte, die ich eher schwierig fand. Der erste hat mit der Sprache zu tun, und zwar versucht Böcking, so einladend und allgemein, positiv und beliebig zu bleiben, dass am Ende vieles gleichgültig wird. Die Unterschiede werden nur noch wahrgenommen, aber es findet keine klare Beurteilung statt. Ich kann verstehen, dass man gern so happy-clappy in Friede-Freude-Eierkuchen bleibt, aber es geht dabei die Ernsthaftigkeit der Unterschiede verloren. Wer mit allen nur gut stehen will – um jeden Preis – wird am Ende mit niemandem gut stehen. Allerdings muss ich zu diesem Punkt auch hinzufügen, dass dies vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor noch zu wenig lange Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass die Zeit und die Erfahrung, sowie das weitere ernsthafte Bibelstudium, ihn auch in diesem Punkt noch weiter bringen wird.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und betrifft die Empfehlung eines Buches sowie jene bestimmter Gebetspraktiken. An einer Stelle wird ein Buch des Autors Anselm Grün positiv erwähnt, dessen Schriften bei mir nach wie vor nur zwischen Rudolf Bultmanns entmythologisierender „Theologie des Neuen Testaments“ und Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ zu finden sein werden. Auch meditative Gebetspraktiken, die fernöstliche Meditation zu verchristlichen suchen, kann ich nicht guten Herzens empfehlen. Doch auch hier bin ich der Überzeugung, dass weitere Recherchen mit Bibel und Gebet Böcking eine weitere Erkenntnis schenken werden.

Fazit:

Daniel Böcking schreibt in seinem Buch „Warum Glaube großartig ist“ sehr viel Schönes und Gutes. Es macht viel Freude, seine – oft auch selbstkritischen – Berichte von seinen Abenteuern in der deutschen Gemeindelandschaft zu lesen. Bis auf zwei oben erwähnte Punkte möchte ich „Warum Glaube großartig ist“ jedem Interessierten sehr empfehlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sterne.

Buchtipp: Eiskalte Freundschaft

Eiskalte FreundschaftIch werde nie vergessen von Laura Marshall

Marshall, Laura, Eiskalte Freundschaft – Ich werde nie vergessen, blanvalet Verlag München, 2018, 448S., Verlagslink, Amazon-Link

Zickenterror hoch drei! Seit Jahren versucht Louise zu verdrängen, was damals an der Schule passiert war. Zickenterror, Mobbing, am Ende gar ein Todesfall. Und dann kommt mitten im Alltag der Alleinerziehenden Louise plötzlich auf Facebook eine Freundschaftsanfrage. Von dem Mädchen, das damals bei der Abschlussparty verschollen ist und für tot erklärt wurde. Ist Maria tatsächlich noch am Leben? Oder ist es jemand anderes, der sie rächen will? Ihr großer Bruder, der damals immer als ihr Bodyguard auftrat? Ungefähr zur selben Zeit wird in ihrer damaligen Schule ein Klassentreffen organisiert. In der Hoffnung, dass sich dann alles aufklären würde, fährt Louise zum Treffen. Doch dort geschieht ein Mord, und dann überstürzen sich die Ereignisse. Und die Wahrheit ist am Ende – wie so oft – ganz anders als gedacht.

Der Einstieg in das Buch ist gelungen, man ist gleich mitten im Geschehen und wartet mit Interesse der Dinge, die da kommen. Das Buch ist auf zwei Zeitschienen angelegt, welche oft abrupt wechseln: Die Gegenwart und die Zeit, als sich die Mädchen in der Schule befanden. Nach dem spannenden Anfang zieht sich das Buch ziemlich in die Länge wie Kaugummi, und leider gelingt es der Autorin häufig nicht, durch die Zeitwechsel wiederum neue Spannung aufzubauen. Es steckt eine gute Idee dahinter, und immer mal wieder ist diese gut umgesetzt, aber der Kontrast zwischen den richtig spannenden Teilen und den vorhersehbaren Ereignissen ist zu krass, um die Story zu einem wirklich spannenden Thriller zu machen. Nicht selten gibt es seitenlange Beschreibungen von Zickenterror und Schulstreichen, die mich eher an Teenieromanzen erinnerten, und das hatte ich nicht erwartet. Gegen Ende des Buches nimmt die Spannung noch einmal rapide zu, und die Begegnung mit der Person hinter dem Profil von Maria ist richtig lebhaft geschildert. Das fand ich gut, und es hat mir einen besseren Eindruck hinterlassen als ich ihn noch kurz davor hatte.

Die Charaktere sind unscharf entworfen und häufig in sich selbst widersprüchlich. Das mag man vielleicht als authentisch empfinden, aber es stört den Lesefluss und hält den Leser mit Nachdenken auf. Louise ist der typische labile Mitläufertyp, stets um ihr eigenes Image besorgt, und deshalb auch bereit, um dessentwillen immer wieder die Fronten zu wechseln und am Ende auch an Mobbingaktionen teilzunehmen. Irgendwie dreht sich die ganze Welt für sie zu Schulzeiten gerade mal um eine Handvoll Leute, gerade so, als gäbe es nur die ganz Beliebten und auf der anderen Seite die Abgeschriebenen, die zwar ihr Mitleid zu erregen vermögen, um des guten Images willen jedoch auch verkauft und verraten werden. Dass die Realität anders gewesen sein muss, zeigt die Größe des Klassentreffens. Irgendwie scheint die Autorin auch in Hinblick auf die Protagonistin zwischen Mitleid und Entrüstung hin- und hergerissen gewesen zu sein, denn die Wortwahl schwankt beständig zwischen diesen Kategorien hin und her.

Fazit:

Eiskalte Freundschaft ist Buch mit einem sehr spannenden Einstieg und einem gut durchdachten und richtig spannenden Schluss, während sich dazwischen alles recht ruhig entwickelt und sich meines Erachtens zu sehr in die Länge zieht. Die Charaktere sind unscharf gezeichnet und wenig sympathisch. Die Zeitsprünge hätten noch besser durchdacht und bewusst als spannungserzeugendes Stilmittel eingesetzt werden können. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sterne.

Buchtipp: Panterra Nova: Die Suche

Farina Eden - Panterra Nova: Die SucheEden, Farina, Panterra Nova: Die Suche, Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart, 2018, 334S., Verlagslink, Amazon-Link

Chris ist ein Wunschdenker. Wunschdenker können mit ihren Gedanken Menschen manipulieren und sie dazu bringen, gegen ihren Willen Dinge zu tun, die sich der Wunschdenker wünscht. Bis zu seinem 17. Geburtstag wusste Chris noch nicht einmal, dass es so etwas gibt. Erst mit diesem Geburtstag wird die Gabe aktiviert. Jeder Wunschdenker hat einen Hüter oder eine Hüterin, weil Wunschdenker wegen ihrer Gabe gejagt werden. Chris möchte endlich wissen, wer sein Vater ist, besonders nachdem er erfährt, dass er diese Gabe von ihm geerbt haben muss. Was er nicht weiß: Sein Vater war durch diese Gabe inzwischen dabei, die Welt ins Unglück zu stürzen und die Erde in seinem Drang, sie zu erhalten, zu zerstören. Ein Wettlauf beginnt: Kann es Chris und den Hütern gelingen, die Maschinen rechtzeitig auszuschalten, bevor die Erde ganz zerstört ist?

Panterra Nova ist eine Dystopie, und zugleich eine Geschichte über eine erwachende Liebe, eine Roman über die Selbstfindung, die Frage: Wer bin ich? Was macht mich aus? Insgesamt ist das Buch wohl eher für ein jüngeres Publikum geschrieben (Mensch, bin ich schon so alt????), aber ich denke, dass zumindest manche Fragen auch ein Leben lang gestellt werden können. Etwa: Machen wir die Umwelt kaputt, indem wir sie retten wollen? Wie viel Eingriff und wie viel planmäßiger Wiederaufbau von bereits genutzten Flächen macht überhaupt Sinn und ist verantwortbar? Mit der Gabe des Wunschdenkers begibt sich Eden auch in den Bereich der Fantasy. Das fand ich etwas zu viel Vermischung der verschiedenen Genres, denn letzten Endes spielte das Ganze hier, in Deutschland, der Schweiz, dem Europa dieser Erde.

Der Anfang ist wirklich gut gelungen. Ein schöner Einstieg, der den Leser gleich ins Leben von Chris hineinnimmt. Mit der Zeit überstürzen sich die Ereignisse, und hier wird dann zugleich auch deutlich, dass das Buch mit verschiedenen Genres und Fragestellungen deutlich überladen ist. Es gibt viele Fäden, die nur kurz aufgegriffen werden und am Ende zu keinem Ergebnis führen. Das hätte vielleicht mit einer ausführlicheren Testleserunde bereits im Voraus festgestellt und behoben werden können. Davon abgesehen hat mir das Buch gut gefallen, besonders auch, weil es einen zeitgenössischen Trend zum extremen Ökofanatismus sehr schön widerspiegelt, der sich möglicherweise auch eines Tages in sein Gegenteil verkehren und lebensfeindlich werden kann. „Die Suche“ ist der erste von insgesamt drei geplanten Bänden zu Panterra Nova.

Fazit:

Farina Eden legt mit „Panterra Nova: Die Suche“ einen Roman vor, der sich leicht lesen lässt, wenngleich er ein düsteres Szenario von der Zukunft zeichnet. Viele gute Fragen regen zum Nachdenken an. Manches bleibt am Ende leider ungeklärt. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Evangelikale und Jordan B. Peterson – ein Tanz am Abgrund

Seit Monaten sehe ich mit wachsenden Bedenken, wie es immer wieder Evangelikale gibt, die unhinterfragt Inhalte (insbesondere YouTube-Videos) von Jordan B. Peterson teilen, liken und positiv kommentieren. Ich habe mir mehrere davon angeschaut und wusste doch ziemlich bald, was hier vorgeht. Peterson ist ein konservativer Intellektueller, ein wirklich bewundernswert belesener Mann mit einem großen Herzen für Religionen und besonders für die jüdisch-christliche Kultur, während er zugleich Säkularist bleibt und damit auch die konservativen Atheisten und Agnostiker anzusprechen vermag. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern lässt jenseits der Maulkörbe aller „political correctness“ auch Sätze heraus, die sich manch einer schon länger zu hören gewünscht hätte.

Da mir schnell die explosive Mischung dieses Ganzen klar wurde, suchte ich nach klugen Bibellehrern und Theologen, die sich kritisch mit dem Phänomen dieses Mannes auseinandersetzten, bin aber nicht wirklich weit gekommen. Gerne hätte ich diese Kritik jemand anderem überlassen, denn ich kritisiere nicht gerne. Ich mag lieber Einheit und Harmonie. Da ich unter bibeltreuen Stimmen nicht wirklich gefunden habe, was ich suchte, dachte ich schon seit einem halben Jahr darüber nach, selbst etwas zu schreiben, konnte mich allerdings aus Zeitgründen nicht dazu aufraffen. Ok, ja, der innere Schweinehund hat auch eine Rolle gespielt. Und dann habe ich gesehen, dass Greg Boyd (http://reknew.org/blog/) eine 15-teilige Serie zu Peterson begonnen hatte. Wenn wir theologisch Konservativen, Bibeltreuen nicht bereit sind, die Geister selbst zu prüfen, dann bin ich dankbar, wenn Progressive wie Boyd (dem ich in ziemlich vielen Fragen widerspreche) den Finger in die Wunde legen und uns auf unsere Schwächen hinweisen. Es kann letztendlich nicht nur darum gehen, wer recht behält, sondern es geht einzig und allein darum, dass wir Jesus Christus ähnlicher werden und dass Menschen zum Glauben kommen. Und wenn es Gott gefällt, dafür Menschen zu gebrauchen, denen ich einiges zu widersprechen habe, dann will ich Ihm dafür danken. Und ja, das habe ich schon oft genug erlebt.

Jordan B. Peterson hat eine zutiefst antichristliche Weltanschauung. Das muss ich hier mal ganz klar festhalten. Ich werde mehrere Blogposts benötigen, um das auszuführen. Allerdings keine 15 😉 Das Buch „12 Rules For Life“ ist ein interessanter Einblick in das Innenleben von Peterson. Während man bei den Videos üblicherweise nur ein bestimmtes Thema serviert bekommt, wird beim Buch sehr schnell deutlich, wie sehr der Autor seine Weltanschauung zusammenbastelt. Auf den ersten Blick scheint es logisch, durchdacht und zusammenhängend zu sein, aber in Wirklichkeit ist es voll von inneren Widersprüchen und weltanschaulichen Schwächen. Bei den Videos muss man da deutlich besser aufpassen, um diese so mitzukriegen. Was es auch beim Buch zusätzlich schwierig macht, ist einerseits die zusammenhangslose Art, auf die sein Buch aufgebaut ist. Die zehn Regeln sind nicht aufeinander aufgebaut, sondern könnten in jeder beliebigen Reihenfolge aufgezählt werden. Das führt dazu, dass manche inneren Widersprüche besser verschleiert werden können. Andererseits hat es mir aber auch die sympathische Art zu schreiben schwerer gemacht, ihm zu widersprechen. Er beschreibt vieles aus seinem Alltag, aus der Praxis als klinischer Psychologe, aus der Familie, und so weiter. Wer seine Videos kennt, wird seine raue Art kennen, mit der er über andere herzieht. Das fällt im Buch größtenteils weg. Bei den Videos ist es einfach, ihn entweder zu hassen oder zu lieben. Im Buch ist der Text geglättet und überarbeitet. Das macht einen großen Unterschied. Es gibt vieles an seinem Buch, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Mein Ziel war es, auch von ihm zu lernen. Und wenn jemand von der Bibel über Milton, Tolstoy, Dostojewski bis hin zu Nietzsche und Heidegger zitiert, und das auch noch in kluger Weise, so hat er meinen Respekt. Es gäbe vieles aufzuzählen, wo man ihm durchaus zustimmen kann. Vielleicht werde ich dazu auch mal noch gesondert schreiben. Was mich im Moment jedoch mehr umtreibt, ist die Begeisterung für ihn, die unter uns konservativen Bibeltreuen umgeht, und deshalb werde ich nun einige kritische Punkte ansprechen müssen.

Ich sagte vorhin bereits, dass seine Weltanschauung zutiefst antichristlich ist. Und das ist schon mal ein hartes Statement für jemanden, der versucht, die jüdisch-christliche Kultur zu propagieren. Das grundlegendste Problem ist das, dass Peterson seine Philosophie als messianische, als erlösende, Wahrheit ansieht, mit welcher die Welt gerettet werden kann. Er hält sich dabei nicht für den Erfinder, sondern zitiert extensiv von vielen Philosophen, Schriften der alten Religionen, legt Märchen psychologisch aus, und so weiter, weil er der Überzeugung ist, er habe die Quintessenz (oder zumindest einen Teil derjenigen) der Weisheit aller Zeiten gefunden, die uns behilflich sein soll, um dem irdischen Leid zu begegnen und die Welt zu verbessern. Damit wir das verstehen, hilft ein Blick in seine Beschreibung, wie er zu seinen Überzeugungen gekommen ist. Er hat sich geschichtlich längere Zeit mit dem 20. Jahrhundert befasst und mit den Nürnberger Prozessen, und da hat er gemerkt, dass es gut und böse, Chaos und Ordnung, geben muss.

Anders gesagt: Peterson ist ein säkularer Humanist, der die Bibel und die jüdisch-christliche Tradition dazu missbraucht, um eine Selbsterlösungsreligion zu erfinden. Er ist durch und durch Humanist, denn er hält den Menschen für das höchste Geschöpf und das Maß aller Dinge. Für einen bibeltreuen Christen ist klar, dass Sünde in erster Linie immer gegen Gott persönlich gerichtet ist und dass jede Erlösung nur von außerhalb des Menschen selbst kommen kann. Der Christ ist deshalb weder Humanist noch Materialist, sondern eben Christ, weil er von Jesus Christus erlöst wurde. Des Weiteren ist Peterson auch ein Darwinist, dazu noch ein Sozialdarwinist, der auch das Entstehen der Kultur unter Menschen für eine kulturelle Evolution hält. Er sieht den Schrecken der Sozialismen im 20. Jahrhundert und versucht, Regeln aufzustellen, die helfen sollen, weiteren Terror zu verhindern. Peterson ist ein klinischer Psychologe und Professor der Psychologie, und als solcher auch besonders am Innenleben des Menschen interessiert. Er ist Eklektiker, der sein Weltbild aus vielen widersprüchlichen Quellen zusammensetzt und dabei zu politisch konservativen Schlüssen kommt.

In Anbetracht seines säkularen Humanismus sind die Regeln ganz schön aus der Luft gegriffen. Er hat kein wirklich tragendes Fundament, um seine Regeln darauf aufzubauen. Seine Ethik entbehrt jeglicher objektiven Grundlage. Peterson ist ein antipostmoderner Postmoderner, also jemand, der die Methoden des Postmodernismus nutzt, um den Postmodernismus zu bekämpfen. Es gibt ein Video von ihm, in welchem er ziemlich lange argumentiert, der Postmodernismus sei lediglich ein Substitut für den unbeliebt gewordenen Namen des Kommunismus. Während er durchaus treffend einige Gedanken des Postmodernismus im Kommunismus finden kann, bleibt er auf halber Strecke stehen und weigert sich, einzusehen, wie sehr er selbst vom Postmodernismus und dessen Methoden geprägt ist. Seine Regeln sind nicht viel anderes als was er seinen Gegnern vorwirft, welche die „political correctness“ voranbringen wollen. Beider Regeln sind einem Relativismus entnommen. Peterson lässt etwa die Bibel nur insofern sprechen, wie sie seiner Überzeugung entspricht. Er blendet den Absolutheitsanspruch Jesu aus und nutzt gerne Resultate der historisch-kritischen Methoden, um seine Regeln zu untermauern und zugleich die Nähe zum Christentum zu zeigen. Im Grunde genommen ist Peterson damit ebenso weit vom Christentum entfernt wie die Theologen, die meinen, sie müssten „mit Jesus gegen die Bibel“ argumentieren. Was Peterson in erster Linie fehlt, ist ein objektiver Maßstab, aus welchem sich die Regeln ableiten lassen. Er versucht, so etwas wie einen „Common Sense“ zu erarbeiten, also eine Anzahl von Prinzipien, denen alle denkenden und ehrlichen Menschen zustimmen müssen.Er findet heraus, dass er unter seinen Studenten mit diesen Meinungen gut ankommt und propagiert sie. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt viele Menschen, die sich in dieser komplexen und fragmentierten Welt nach klaren Regeln sehnen. Regeln geben Sicherheit. Und dann versucht er, seine Prinzipien im Nachhinein zu rechtfertigen, indem er argumentiert, er würde unter seinen Studenten viel Zustimmung erhalten. Das nennt man dann wohl zirkuläre Argumentation.

Was ist denn für Peterson überhaupt das Ziel des Menschseins? Unser Ziel soll sein, die bestmögliche Version unserer selbst zu werden, also uns beständig zu verbessern und die Welt möglichst besser zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Doch wer bestimmt, was die bestmögliche Version unserer selbst ist? Wer sagt, wie die Welt besser aussieht? Für Jordan B. Peterson geht es um einen Fortschrittsglauben, eine Art kultureller Evolution ohne ein wirkliches Ziel. Eine Teleologie ohne „telos“. In zwei weiteren Blogposts, die ich in den nächsten Wochen noch zu veröffentlichen plane, wird es darum gehen, Petersons Sozialdarwinismus und sein Verhältnis zu Religion allgemein und insbesondere dem christlichen Glauben zu beleuchten. Ich möchte insgesamt zeigen, dass wir Evangelikale – obwohl wir in manchen Fragen durchaus von Peterson lernen können – keinen Grund haben, besonders Werbung für seine Ansichten zu machen.

Buchtipp: Ein Teil von ihr

Slaughter, Karin, Ein Teil von ihr, HarperCollins Germany GmbH, 2018, 544S., Verlagslink Amazon-Link

Wie gut kennt man die eigene Mutter? Eigentlich dachte Andrea (Andy) Oliver, sie würde ihre Mutter doch ziemlich gut kennen. Bis zu jenem Tag, ihrem Geburtstag, als etwas geschah, was alles ins Wanken brachte. Mutter Laura rettet das Leben ihrer Tochter, indem sie den Angreifer tötet. Und der Blick ihrer Mutter, dieser ausdruckslose, mit sich selbst vollkommen im Reinen scheinende Gesichtsausdruck, während sie dem Angreifer den Hals aufschlitzt, ändert alles. Für Andy beginnt eine Suche nach der Vergangenheit ihrer Mutter, welche sie durch einige Bundesstaaten der USA führt und sie in Kontakt mit einigen Personen bringt, die ihr gefährlich werden. Auf ihrer Reise findet Andy immer mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter und auch über sich selbst heraus. Sie merkt auch, dass sie selbst in ihrem Selbstbild und Charakter durch diese Erkenntnisse gestärkt wird – obwohl oder gerade deshalb weil es doch einiges Schockierendes ist, was sie da hört und sieht. Es wird deshalb auch eine Reise zu sich selbst.

Man mag sich streiten, ob es sich um einen „klassischen Slaughter-Thriller“ handelt, denn die sonst eher typischen Schock-Gewaltszenen halten sich schwer in Grenzen. Mir hat das gerade deshalb auch gut gefallen, denn die Story wurde dadurch nicht so von diesen Thrill-Momenten unterbrochen. Es ist eher eine Art Kriminalroman von einer Tochter, die etwas herausfinden will und sich deshalb auf die Suche nach den Indizien dafür macht. Mir hat auch gefallen, dass die Story wirklich stark rüberkommt und weitgehend eine in sich geschlossene Einheit ist. Die Charaktere sind gut entwickelt und sympathisch, besonders Andy. Aus Laura wird man lange Zeit nicht schlau, aber es ist klar, dass das gerade die Absicht ist, um die Spannung bis zum Schluss zu halten. Der Roman pendelt beständig zwischen den zwei Zeitschienen 2018 und 1986. Auch dies ist gut gewählt, denn es gibt der Autorin die Möglichkeit, die Spannung zusätzlich zu steigern, indem sie immer dann, wenn die Protagonistin kurz vor einer weiteren Entdeckung steht, die Zeitschiene wechselt.

Doch leider kommt die Autorin auch diesmal nicht darum herum, ihren Relativismus zu predigen. Besonders deutlich wird dies durch die Person von Gordon Oliver, den Exmann von Laura und Adoptivvater von Andrea. Typisch ist zum Beispiel folgende Ansage: „’Detective Palazzolo.’ Gordon klang endlich wieder wie er selbst. ‘Wir sind beide lange genug auf dieser Welt, um zu wissen, dass Wahrheit Interpretationssache ist.’“ (Kindle-Position 732) Damit macht die Autorin aber auch etwas von der an sich gelungenen Story kaputt. Andy ist auf der Suche nach der Wahrheit. Sie möchte erfahren, wer ihre Mutter ist, und wer sie selbst ist. Doch immer wieder macht Slaughter klar, dass sie Wahrheit für ein gesellschaftliches Konstrukt hält. Das führt zu einer Spannung innerhalb des Romans, die sich durch alles hindurchzieht. Andy erfährt von einigen der Begebenheiten von damals, aber auch nicht von allen eigentlich wichtigen. Ihr Bild von ihrer Mutter wird etwas klarer, aber immer noch verschwommen genug, um alle möglichen Interpretationen zuzulassen. Dennoch hat mich das Buch viel zum Nachdenken gebracht. Der Titel ist passend: Ein Teil von ihr, das lässt sich auch mehrfach deuten. Einerseits geht es um einen Teil von der Geschichte ihrer Mutter, dann auch um einen Teil der gemeinsamen Geschichte, denn in gewisser Weise ist die Tochter ein Teil der Mutter; sie erbt genetisch und durch Nachahmung eine Menge. Und schließlich wird das frühere Leben der Mutter zu einem Teil des Leben des Tochter, indem sich Andy aufmacht und mit dem Vor-Leben Lauras in direkten Kontakt kommt. Beider Leben sind also mehrfach miteinander verflochten und verknüpft.

Fazit:

Ein spannender Roman, wenngleich nicht unbedingt ein typischer Slaughter-Thriller. Eine interessante Story mit überzeugenden Charakteren, doch leider auch wieder vom Relativismus der Autorin durchzogen. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.