Der kanonische Ansatz einer Biblischen Theologie

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde immer mehr die Frage nach einem Ansatz der Biblischen Theologie, welche für möglichst viele Theologen annehmbar sein sollte, laut. Auf der einen Seite gab es da eine Reihe von historisch-kritisch arbeitenden Theologen, welche eine Vielzahl an neuen Ansätzen der Interpretation hervorbrachten. Manche stellten die Überlieferungsgeschichte eines Textes in den Mittelpunkt und fragten danach, wie der Text zu seinem jetzigen Inhalt gekommen ist. Sie gingen davon aus, dass jeder Text zuerst nur mündlich überliefert worden sei und bei jeder Weitererzählung noch Neues hinzugedichtet worden sei. Davon versuchten sie, die ursprüngliche Version zu rekonstruieren. Andere dachten sich, dass die Texte nach ihrer Niederschrift noch mehrmals überarbeitet sein müssten, und versuchten auch hier, durch die Zerlegung der Texte in eine Vielzahl von einzelnen „Theologien“ (also dem, was der jeweilige Autor und die den Text überarbeitenden Redaktoren von Gott dachten), das zu rekonstruieren, was ursprünglich sei. Wieder andere hielten die Texte für wilde Durchmischungen von mehreren früheren Texten, wo die Redaktoren mal einen Vers vom einen und dann wieder vom anderen Text genommen haben sollten. Zahlreiche Theologen mischten diese Vorgehensweisen auch nach Belieben durcheinander, und so kann es nicht verwundern, dass eine nicht enden wollende Zahl an Ansätzen und Resultaten den Büchermarkt überflutete. Auf der anderen Seite hielten einige der evangelikalen Theologen an der Irrtumslosigkeit der Bibel fest und lehnten jede Suche nach dem „Text hinter dem Text“ ab. In dieser Zeit hielt Henning Graf Reventlow fest:

Eine „Biblische Theologie“ ist noch nicht geschrieben. Der Weg zu diesem Ziel ist nicht nur von Hoffnung, sondern auch von vielerlei Skepsis begleitet. Sie zu überwinden wird nur möglich sein, wenn auf vorschnelle Lösungen verzichtet wird und alle Perspektiven umfassend und mit der nötigen Sorgfalt ins Auge gefasst werden. „Biblische Theologie“ ist ein in weitestem Sinne exegetisches und systematisches Arbeitsgebiet.“1

Seit dem Erscheinen der Biblical Theology von Brevard S. Childs 1992 hat sich das – zumindest aus Sicht vieler liberaler Bibelwissenschaftler – geändert.

Die Bibel als Kanon verstehen

Der sogenannte „Canonical Approach“ von B. S. Childs macht einen neuen Versuch, die Ergebnisse der historisch-kritischen Erforschung der Bibel in Einklang zu bringen mit einer Annahme der biblischen Texte in ihrer kanonischen Form. Damit wird der Versuch gestartet, eine Lücke zu schließen zwischen der bibelkritischen und der evangelikalen Forschung, die insbesondere in den Vereinigten Staaten seit langer Zeit in der Luft liegt. Childs geht nun davon aus, dass „das Material weitergegeben wurde durch seine verschiedenen mündlichen, literarischen und redaktionellen Stufen von vielen verschiedenen Gruppen bis zu einem theologischen Ziel. Weil die Traditionen als glaubensmäßig autoritativ empfangen wurden, wurden sie so weitergegeben, dass sie eine normative Funktion für nachfolgende Generationen von Gläubigen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft erhalten konnten. Dieser Prozess, das Material theologisch wiederzugeben, beinhaltete unzählige verschiedene Techniken des Zusammenstellens, durch welche die Tradition realisiert wurde.“2

So wird nun endgültig klar, dass Childs keinesfalls die historisch-kritische Arbeitsweise aufgegeben hat. Sie ist ihm wichtig, mehr noch, er meint, dass man ohne sie die Bibel gar nicht erst verstehen könne. Was bei Childs neu ins Zentrum rückt, ist das Element der gläubigen Versammlung, welche dem Kanon seine Autorität verleiht. Er kennt keine dem Kanon innewohnende Autorisierung, sondern einzig die Tatsache, dass der Kanon von der glaubenden Gemeinde – wie auch immer – zusammengestellt, redigiert, verändert und neu zusammengestellt wurde, kann dem Kanon als solchem eine externe Autorität geben. Es muss also gefragt werden, wie ein Text in der Bibel entstanden ist, warum er wie redigiert und wie er rezipiert (in anderen Stellen wiedergegeben, gedeutet oder ausgeführt) wird. Die Frage, was ein Text bedeutet, tritt in den Hintergrund, während man viel Wert auf den Vorgang der Entstehung eines Textes bis zu seiner Form im heutigen Kanon gelegt wird.

Wichtige Vertreter des Konzepts

An erster Stelle muss hier natürlich B. S. Childs genannt werden. Er hat dieses Konzept entwickelt und bekannt gemacht. Nach ihm haben es zahlreiche andere Theologen aufgenommen und auf je ihre Art und Weise weiter entwickelt. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem Rolf Rendtorff bekannt geworden. Er nennt seine Theologie des Alten Testaments im Untertitel „Ein kanonischer Entwurf“. In der Tat hat er einen Entwurf einer Theologie des Alten Testaments hinterlassen, den man als solchen so bezeichnen kann. Zu seiner Methodologie beschreibt Rendtorff sein Anliegen wie folgt:

Die erste und primäre Aufgabe einer theologisch motivierten Exegese ist die Auslegung des vorliegenden Textes. Diese Veränderung der Fragestellung impliziert eine grundlegende Veränderung des Auslegungsinteresses. Die vorherrschende literarkritische Betrachtungsweise ist per definitionem an den Vorstadien des jetzigen Textes und damit zugleich an seiner Entstehungsgeschichte interessiert. Sie ist darin „historisch-kritisch“, dass sie nach der Geschichte fragt, die zur Entstehung des jetzigen Textes geführt hat und sich in den verschiedenen Stadien der Textentstehung widerspiegelt. […] Die Umkehrung der Fragestellung, die mir notwendig erscheint, geht davon aus, dass jeder biblische Text in der Gestalt, in der er uns vorliegt, seine eigene Aussage zu machen hat. […] Das bedeutet nicht, wie gesagt, die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu verwerfen. Es geht vielmehr um ihre Zuordnung und ihren Stellen-wert im Rahmen einer Theologie des Alten Testaments. Hierbei spielt u.a. die Frage der Datierung der Texte und der daraus gezogenen Folgerungen eine wichtige Rolle. Deshalb ist es in diesem Zusam-menhang nicht unwichtig, den hypothetischen Charakter und die damit verbundene Unsicherheit und Wandelbarkeit vieler Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu bedenken.“3

Vorteile des Konzepts

Hans Hübner zeigt in den Prolegomena zu seiner Biblischen Theologie des Neuen Testaments auf, dass Childs – obgleich er hierin nicht mit Childs mitgehen kann – mit diesem Ansatz die Möglichkeit hat, „ein Maximum an Kontinuität vom Alten Testament zu Neuen hin herauszustellen.“4 Er fährt fort:

Entscheidend ist die ekklesiologische Dimension: Gottes Bundesbeziehung zu Israel ist im Neuen Testament bestätigt („confirmed“). […] Vielleicht ist dies die wichtigste Antwort Child’s [sic!] auf die von ihm selbst gestellte Frage, wie das Neue Testament im Lichte des Alten zu interpretieren sei. Auf die in die entgegengesetzte Richtung zielende Frage, wie das Alte Testament im Lichte des Neuen zu interpretieren sei, gibt er vor allem die Antwort: ‘There is no body of Old Testament teaching that stands by itself and is untouched by the revelation of the Son.’“5

So lässt sich durchaus eine Biblische Theologie aufbauen, die versucht, die Kontinuität der Testamente zu betonen. Inwieweit dies aber erstens tatsächlich gelingt und zweitens ob diese Vorgehensweise dem Inhalt der Bibel gerecht wird, soll an dieser Stelle bezweifelt werden.

Nachteile des Konzepts

Auf der einen Seite ist zunächst einmal zu bezweifeln, ob die hier übliche historisch-kritische Vorgehensweise in der Exegese dem entspricht, was die Heilige Schrift sein möchte. Nämlich genau das: Heilige Schrift. Auch ist der Versuch, historisch-kritische Bibelwissenschaft mit dem Selbstverständnis der Bibel zu versöhnen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit das Ausblenden der geschichtlichen Dimension zu einer objektiven Findung von Antworten der Biblischen Theologie zu führen vermag.

Fazit

Das kanonische Konzept war ein Versuch der Biblischen Theologie, über die Gegensätze der bibeltreuen und der historisch-kritischen Exegese hinauszukommen. Letztlich muss dieser Versuch als gescheitert betrachtet werden, da sich die Vertreter zu Verfechtern der historisch-kritischen Methoden machen. Er wird zu einem trojanischen Pferd, das unter dem Deckmantel des gesamten biblischen Kanons versucht, Bibelkritik in die evangelikale Bewegung einzuführen. Deshalb ist dieses Konzept nicht weiter zu empfehlen – so interessant es auch auf den ersten Blick aussieht. Es gibt – gerade im englischsprachigen Raum – eine Reihe deutlich besserer Ansätze, die heilsgeschichtlich, thematisch, systematisch und literarisch arbeiten.

Fußnoten:

1Reventlow, Henning Graf, Hauptprobleme der Biblischen Theologie im 20. Jahrhundert, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1. Aufl. 1983, S. VII

2Childs, Brevard S., Biblical Theology of the Old and New Testament, Fortress Publication Augsburg, 1993, S. 70, Übersetzung: JE

3Rendtorff, Rolf, Theologie des Alten Testaments – ein kanonischer Entwurf, 2 Bde., Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn, 1999, Bd. 2, S. 283f

4Hübner, Hans, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Prolegomena, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1. Aufl. 1990, S. 72

5Ebd.

Abenteuer Bibeltreue

Das Leben mit Gott, wenn man die Bibel in ihrer Gesamtheit als Gottes vollkommen inspiriertes, unfehlbares und fehlerloses Wort betrachtet, ist ein wunderbares Abenteuer. Gott lädt mich ein, mich jeden Tag ganz entspannt und voller Freude mit Seinem Wort zu befassen, es immer wieder von Neuem zu lesen, daraus zu lernen und es umzusetzen in meinem täglichen Leben. Ich muss mich nicht ständig fragen, ob das, was ich gerade lese, tatsächlich voll und ganz Gottes Wort ist oder ob es nur ein Bericht darüber ist, wie ein Mensch früher Gott gesehen und erlebt hat. Das gibt mir einen Ruhepol, einen festen Anker, einen Felsen in der Brandung des täglichen Lebens. Gott lädt mich dazu ein, Ihn beim Wort zu nehmen. Jedes Versprechen innerhalb der Bibel darf ich analysieren, den Kontext genauer anschauen, um es richtig zu verstehen, und dann auf mein Leben anwenden.

Gott gebraucht auch die Fülle Seines Wortes, um mich in Frage zu stellen. Hier finde ich ein großes Problem unserer Zeit, dass viele Menschen versuchen, Gottes Wort so zu verbiegen, dass sie sich selbst gut dargestellt finden, weil sie kein Interesse daran haben, sich von Gottes Wort in Frage stellen und verändern zu lassen. Lieber bleiben sie so wie sie sind. Das ist angenehmer und mit weniger Aufwand und Schmerzen verbunden. Ja, die Erkenntnis seiner selbst kann manchmal ganz schön hart sein. Aber sie tut gut und will das Leben zum Besseren verändern.

Unter dem Wort Gottes bleiben befreit mich von meinen eigenen Vernüfteleien und hilft mir, demütig zu bleiben. Es ist keine Demut, die Bibel mit dem Verstand oder einem bestimmten bibelfremden Jesusbild in Gotteswort und Menschenwort einteilen zu wollen. Das ist Hochmut und führt zu einer Überschätzung des heutigen Lesers. Es führt auch zu einer Überschätzung unserer Zeit, weil man somit davon ausgehen kann, dass unsere Zeit und Kultur um Längen besser und verständiger sei als die Zeiten, in welchen die Autoren der Bibel lebten. So viel sollten wir uns nicht anmaßen – schließlich hat ein äußerst blutiges und grausames 20. Jahrhundert zur Genüge gezeigt, wohin der menschliche Verstand, der sich über Gott stellt, kommen wird.

Unter dem Wort Gottes bleiben ist immer ein Abenteuer, weil ich in der Bibel immer wieder ganz neu überrascht werde. Wer mit manchen Methoden der Bibelkritik arbeitet, wird am Ende immer genau das bekommen, was er zuerst vorausgesetzt hat. Aus diesem Grund werden heutzutage auch oft Glaubensbekenntnisse wie etwa das Apostolikum zu einem neuen Maßstab, mit welchem man die Bibel messen will. Diese Bekenntnisse sind kein Teil der Bibel – sie müssen durch die Bibel geprüft werden. Das wird nun oft auf den Kopf gestellt und stattdessen das Bekenntnis zum Prüfen der Bibel missbraucht. Aber wenn ich unter dem Wort bleibe und die Bibel lese, dann überrascht mich Gott immer wieder von Neuem, denn so viel Inhalt steckt da drin, dass es für viele Leben des Entdeckens und Ausgrabens reicht, bis man nur mal die größten Schätze geborgen hat. Ich bin dadurch frei, ganz auf Gott zu hören und von Ihm zu lernen ohne die Brillen der Bibelkritik, die nach allen möglichen natürlichen Einflüssen auf die Bibelautoren ausgehen. Ich darf stattdessen von einer übernatürlichen Inspiration durch den Heiligen Geist ausgehen, der in jedem Wort, in jedem Buchstaben zu mir sprechen will – und das macht das Leben abenteuerlich.

Man kommt natürlich mit Hilfe der Bibelkritik auf alle möglichen abenteuerlichen Auslegungen, aber zu guter Letzt ist das langweilig, weil jeder immer nur auf sich selbst zurückgeworfen wird. Jeder findet damit in der Bibel das, was er eh schon vorausgesetzt hat; das, was in ihm schon vorhanden war. Da ist mir das Abenteuer der Bibeltreue viel wertvoller. Übrigens sollten wir uns zwei Sachverhalte gut auf der Zunge zergehen lassen, die Peter Stuhlmacher bereits 1975 im Rahmen eines Vortrags in Augsburg über den Siegeszug der historisch-kritischen Bibelauslegung erwähnte:

Gleichwohl gilt es, zwei weitere Sachverhalte ebenso aufmerksam zu registrieren. Der erste von beiden wird gegenwärtig einem breiten Publikum auch schon von ausgesprochenen Kritikern der Kirche und des Christentums wie Joachim Kahl oder Rudolf Augstein zum Bewusstsein gebracht, dass nämlich die z. Z. in der Diskussion stehenden Spitzenergebnisse der protestantischen (und ich darf jetzt hinzufügen: auch der neueren katholischen) Bibelkritik in der Öffentlichkeit zu einem enormen Substanzverlust geführt haben. Der zweite Tatbestand ist weniger offenkundig, drängt sich aber in internen Gesprächen mit Pfarrern, Katecheten und christlich engagierten Studenten belastend auf. Die historische Kritik hat gerade die in dieser Kritik ausgebildete Theologenschaft stark in ihrem Schriftgebrauch verunsichert und ist zugleich zu kompliziert geworden, um in der theologischen Ausbildung wirklich angeeignet und dann auch einleuchtend praktiziert werden zu können.“ (Stuhlmacher, Peter, Schriftauslegung auf dem Wege zur biblischen Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1975, S. 167f)

Mit anderen Worten: Die Bibelkritik ist untauglich für die gemeindliche Praxis und führt zum Verlust zentraler Inhalte des christlichen Glaubens. Da ist mir eine bibeltreue Hermeneutik viel wertvoller, denn diese führt ebenso zu den positiven Ergebnissen der Bibelwissenschaft und das deutlich einfacher und schneller. Für bibelkritische Predigten, die zu „abenteuerlichen“ Aussagen kommen, gibt es immer wieder Beispiele, siehe etwa hier (Link).

Bibelkritik: Was ist eigentlich historisch-kritisch und was nicht?

Nachdem ich vor ein paar Tagen Gründe gesucht habe, warum Menschen zu Bibelkritikern werden, möchte ich heute fragen, was eigentlich die historisch-kritische Bibelauslegung ausmacht, ob man sie definieren und von anderen Methoden abgrenzen kann, die nicht zur historisch-kritischen Methode gehören. In meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Biblischen Theologie habe ich einzelne Abstecher in die Geschichte der historisch-kritischen Methode gemacht, da diese beiden Bereiche in manchen Fällen sehr nahe beisammen liegen. Im oben verlinkten PDF kann deshalb dazu noch mehr gelesen werden. Im Weiteren zitiere ich zum Teil aus diesem Dokument und kommentiere diese Zitate.
Die Geburt der historisch-kritischen Methode
Die historisch-kritische Methode ist innerhalb der Kirchengeschichte sehr jung, während die Auslegung der Bibel schon so alt ist wie die Bibel selbst. Innerhalb der Bibel finden sich viele Auslegungspredigten und Hinweise auf solche, die gehalten wurden. Die Geburt der historisch-kritischen Methode ereignete sich vor noch nicht einmal 250 Jahren, nämlich 1771, als der Halle’sche Pietist Johann Salomo Semler seine Schrift „Abhandlung von freier Untersuchung des Canons“ veröffentlichte.
Dazu muss ich zwei Bemerkungen anfügen. Erstens macht sich jeder, der seither die historisch-kritischen Methoden als alternativlos bezeichnet, des Vorwurfs schuldig, das Christentum hätte über 1700 Jahre lang die Bibel nicht richtig verstehen können und habe deshalb einen minderwertigeren Glauben gehabt.
Zweitens müssen wir deshalb klar festhalten, dass alle Methoden der Bibelauslegung, die bereits vor 1771 vorhanden waren, keinesfalls als Teile der historisch-kritischen Methode bezeichnet werden dürfen. Selbstverständlich darf sich jeder auch dieser früheren Vorgehensweisen bedienen, allerdings ist es unzulässig, sie als Methoden der HKM zu vereinnahmen. Leider wird dies allzu gerne getan, damit man zu besseren Argumenten für die HKM kommt, indem man zuerst legitime, auch bei Bibeltreuen beliebte Methoden vorstellt, sie dann zum Arsenal der HKM zählt, und im Anschluss argumentiert, wer jene Methoden gut finde, müsse für den Rest auch offen sein. Diese Vorgehensweise ist enorm unehrlich, besonders auch deshalb, weil jeder, der sich noch nicht so ausführlich mit der Theologiegeschichte auseinandergesetzt hat, solcher Propaganda leicht auf den Leim geht.
Bibelauslegung vor 1771
Vor 1771 wurde die Bibel schon viele Jahrhunderte lang ausgelegt. In der Zeit der Urgemeinde und der Kirchenväter bis weit ins späte Mittelalter war die Rede vom vierfachen Schriftsinn:
1. Wörtlich-geschichtliches Verständnis („Was hat das für den ersten Leser bedeutet?“)
2. Allegorisch-typologisches Verständnis („Auf was kann man es sonst noch übertragen?“)
3. Moralisch-ethisches Verständnis („Wie kann ich das leben?“)
4. Anagogisch-eschatologisches Verständnis („Was sagt das über die Ewigkeit aus?“)
Diese Auslegungspraktiken haben zum Teil durchaus ganz interessante Blüten getrieben. In der Zeit der Reformation kam man zum Schluss, dass vor allem der erste Punkt und darunter untergeordnet auch der dritte wichtig ist. Man hat die Bibel wörtlich verstanden, sah ihre Inhalte als geschichtlich so wahr und tatsächlich geschehen an, und begnügte sich mit einem einfachen, kindlichen Vertrauen in Gott und Sein Wort.
1516 erschien das griechische Neue Testament erstmals gedruckt, und zwar von Erasmus von Rotterdam in Basel ediert. Er hat das mit den damals vorhandenen Manuskripten textkritisch bearbeitet. Insofern ist es falsch, die Textkritik, also den Vergleich mehrerer Handschriften für die möglichst genaue Erarbeitung des Textes, als Teil der historisch-kritischen Methode zu bezeichnen. Leider waren Erasmus erst wenige Handschriften zugänglich, da noch nicht so viele gefunden worden waren.
Die Auslegung der Reformation und der Zeit danach kann man als grammatisch-historische Auslegung bezeichnen. Es wurde auf die genauen Worte im Urtext, die Formen der Grammatik, die Geschichte und Bräuche der damaligen Zeit, soweit bekannt, geachtet. Auch die verschiedenen Gattungen wurden genau beachtet, ob es sich um einen Brief, einen Psalm, ein Geschichtswerk, eine Prophetie, etc. handelte, wurde ernst genommen. All diese Vorgehensweisen können somit nicht original zu den historisch-kritischen Methoden gezählt werden. Wer etwa die Kommentare und Predigten von Johannes Calvin liest, wird eine meisterhafte Darbietung dieser Methoden vorfinden, auch wenn man natürlich nicht in allen Fragen mit ihm einverstanden sein muss.
Ernst Troeltsch und die Definition der HKM
Ernst Troeltsch untersuchte die bisherige historisch-kritische Methode und suchte nach einer Definition und Methodik, die der Theologie helfen sollte, auf diese Art und Weise zu arbeiten. Er stellte auf diese Weise ein dreifaches Werkzeug her, das er in seinem Buch Über historische und dogmatische Methode in der Theologie ausführte:
a. Kritik:
Alles muss zunächst einmal angezweifelt werden. Nichts darf per se als wahr betrachtet werden, wenn seine Wahrheit nicht zuerst nachgewiesen werden konnte. Die menschliche Vernunft (und damit der Subjektivismus) wird über jede Aussage der Bibel gestellt und muss sie in allem radikal hinterfragen.
b. Analogie:
Diese Kritik geschieht zunächst durch das Prinzip der Analogie. Das bedeutet: Man sucht nach ähnlichen Berichten und bewertet anhand derer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben könne. Hierdurch wird die Tatsache von Wundern komplett in den Bereich der Mythen verschoben. Auch Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung Jesu streitet man mit dieser Vorgehensweise ab.
c. Korrelation:
Die zweite Methode der Kritik ist die Korrelation. Es darf keine Zufälle geben, deshalb beruht alles auf Wechselwirkungen und die müssen gefunden werden. Es wird also gefragt, woher es komme, dass die biblischen Autoren genau jenes geschrieben haben, also: woher könnten sie ihre religiösen Vorstellungen haben? Von wem sind die „geklaut“? Auf welche Ursache sind die biblischen Texte zurückzuführen? Diese historisch-kritischen Werkzeuge haben seit Troeltsch den Verlauf der evangelischen Theologiegeschichte zutiefst geprägt.
Schlussbemerkungen
Es ist eine traurige Tatsache, dass die Bibelkritik in der englischen Sprache als „German higher criticism“, also „deutsche höhere Kritik“ in bewusster Abgrenzung zur Textkritik bezeichnet wird. Wir haben feststellen können, dass es schon lange vor den Erfindungen der historisch-kritischen Methoden sehr viele zuverlässige und wertvolle Hilfsmittel und Methoden gab, mit welchen die Bibel schriftgetreu und damit jesusgetreu ausgelegt werden konnte. In einem späteren Beitrag werde ich mich mit verschiedenen der historisch-kritischen Methoden auseinandersetzen. Jeder, der die bibelkritischen Methoden gut findet, darf mir gerne eine Liste von positiven Erkenntnissen zusenden, die nur dank der (echten) historisch-kritischen Methoden gewonnen werden konnten. Dabei zählen alle oben genannten (und weiteren) Methoden nicht, die schon vor J. S. Semler bekannt waren. Ich bin gespannt, ob sich irgendwer traut, diese Herausforderung anzunehmen. Bitte keine Buchvorschläge, sondern nur in eigene Worte gefasste Erkenntnisse.

 

Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.
1. Der Wunsch, die Bibel besser zu verstehen
Ich glaube, dass der häufigste Grund derjenige ist, dass Menschen die Bibel noch besser verstehen möchten. Sie meinen, dass die Methoden der Naturwissenschaft auch bei der Bibel zu besserem Verständnis führen können. Wenn man den Lauf der Sterne besser erklären kann, indem man jede übernatürliche Beeinflussung ausschließt, dann könnte dasselbe ja auch für die menschliche Geschichte und das Verständnis der Bibel gelten. Der Wunsch führt leider oft so weit, dass man die Bibel besser verstehen will, als Jesus Christus sie verstanden hat. Jesus Christus hat das ganze Alte Testament als von Ihm persönlich durch Seinen Geist inspiriert und unfehlbar betrachtet. Wer mit Jesus gegen die Bibel argumentieren will, argumentiert mit Jesus gegen Jesus.
2. Der Wunsch, ein positives Gottesbild zu bekommen
Es gibt Menschen, die verzweifeln an ihrem Gottesbild, das sie angeblich aus der Bibel haben wollen, bei welchem sie aber manche biographischen Erlebnisse in bestimmte Begriffe der Bibel hineininterpretieren. Und nun meinen sie, dass die historisch-kritische Bibelauslegung ihnen helfen kann, mit ihren Gottesbildern klarzukommen. Zumeist sind diese sehr einseitig – und werden dann durch wiederum andere sehr einseitige, aber nun ins Gegenteil pervertierte Gottesbilder ersetzt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei nun mal dahingestellt.
3. Der Wunsch, die eigenen Zweifel zu rechtfertigen
Häufig studieren Menschen Theologie, die von ihrem Charakter her schon immer alles gut überdacht und hinterfragt haben. Nun wird ihnen im Studium eine Reihe von Methoden geliefert, die ihnen helfen, ihren Zweifel nicht mehr als etwas Negatives, sondern als eine notwendige Voraussetzung für das theologische Arbeiten zu sehen. Damit wird der Zweifel vergötzt und zu einem falschen Zweck instrumentalisiert. Leider wird in vielen Gemeinden und Jugendkreisen auch heute noch vor dem Zweifel gewarnt. Hier sehe ich eine zum Teil berechtigte Komponente der universitären Theologie, dass sie versucht, den Studenten die Angst vor dem Zweifel zu nehmen. Leider fällt sie damit jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie den Zweifel zur Methode macht (darüber wird in einem späteren Blogpost noch die Rede sein).
4. Der Wunsch, Menschen zu Jesus zu führen
Vielfach sind junge Menschen auch vom Wunsch beseelt, viele Menschen zu Jesus führen zu wollen, und das ist ein enorm wertvoller Wunsch. Doch dieser Wunsch kann auch dazu führen, dass Menschen versucht sind, die enge Pforte und den schmalen Weg breiter zu machen als Jesus sie gemacht hat. Das führt zu einer Umdeutung oder Vernachlässigung von echter Buße, Bekehrung und Wiedergeburt. Es wird zu einer billigen Gnade und einem verdrehten Evangelium, das psychologisch statt soteriologisch (die Erlösung betreffend) gedeutet wird. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.
5. Der Wunsch nach Anerkennung
Das Streben nach Anerkennung sitzt in jedem Menschen. Deshalb ist es auch so leicht, dem Druck der sogenannten „Wissenschaftlichkeit“ nachzugeben. Wer publizieren will, ist diesem Druck sehr schnell ausgesetzt. Wer lehren will, wird auch auf die Vorgaben der gerade herrschenden Vorstellung von Wissenschaftlichkeit geprüft. Da hier auf der universitären Ebene nun mal die historisch-kritische Methodik gehört, ergibt sich ein Teufelskreis von Lehrenden und Lernenden, der immer tiefer in den Strudel bibelkritischer Methodik hineinführt.
6. Der Wunsch, es sich nicht zu einfach zu machen
Das Leben ist kompliziert. Oder zumindest scheint es vielen Menschen kompliziert zu sein. (Mal Hand aufs Herz: Könnte es nicht sein, dass wir es uns oft selbst zu kompliziert machen?) Deshalb darf es im Leben auch keine einfachen Antworten geben. Alles muss mit einem „Ja, aber…“ versehen werden. Die historisch-kritische Methodik ist ein Arsenal an Möglichkeiten, wie man dabei vorgehen kann, um sich das Leben schwer zu machen. An die Stelle des einfachen, kindlichen Vertrauens in Gott und Sein Wort tritt ein neues, geradezu päpstlich-unfehlbares Lehramt der Bibelkritik, das für jedes Wehen des Zeitgeistes eine individuelle, diesen gleichsam aufnehmende, Antwort zu bieten hat. Das kostet viel Kraft, viel Zeit und viel Geld für Leerstellen – pardon: Lehrstellen – im universitären Bereich. Aber zumindest muss sich dann niemand den Vorwurf gefallen lassen, man würde es sich zu einfach machen.
7. Der Wunsch, selbständig denken zu wollen
Das wird man ja wohl noch denken dürfen!“ „Die Gedanken sind frei!“ „Wir sind zur Freiheit unseres Denkens berufen!“ Die Vergötzung des menschlichen Verstandes, der sich selbst das Gesetz sein will, autonom, unabhängig von jeder äußeren Vorgabe, nimmt viele Züge an. Die historisch-kritischen Methoden bieten viele Werkzeuge, die dem Menschen helfen, in der Bibel zu finden, was sie von ihr zu finden erwarten. Überraschung hält sich in Grenzen, ist doch der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er sich zum Maßstab für das macht, was er finden will. Natürlich gibt es hin und wieder kleinere Überraschungen, die dann frenetisch gefeiert werden, als würden sie eine neue Reformation bedeuten. Doch nicht selten stellt sich nach etwas Nachdenken heraus, dass es sich lediglich um eine leicht abgeänderte Form eines Gedankens handelt, der schon vor Jahrhunderten geäußert, damals aber vor der Kirche abgelehnt wurde. Entsprechend ergeben sich dann Forderungen, man müsse diese früheren Personen rehabilitieren.
8. Der Wunsch, alles besser zu machen als frühere Generationen
Es ist gut, wenn Menschen aus früheren Fehlern zu lernen versuchen. Doch ist nicht alles ein Fehler, was heute als Fehler gesehen wird. Häufig ist der Wunsch nach Rebellion gegen alles Frühere Vater des Gedankens. Doch die Bibel macht klar, dass Rebellion eine Zaubereisünde ist (1Sam. 15:23). Die Idee, man sei besser als frühere Generationen führt zu Stolz und dem Denken, man sei besser als das Frühere. Hier wäre deutlich mehr Demut und eine bessere Kenntnis des Früheren vonnöten. Eng damit verbunden ist auch das Denken, man lebe heute in einer nie zuvor dagewesenen Zeit, die nach neuen Ideen und einer neuen Theologie verlange, die für die Menschen unserer Zeit annehmbar sei. Was dabei unter den Teppich gekehrt wird, ist die Tatsache, dass die echte, biblische, einzig und ewig gültige Wahrheit noch nie für die Menschen irgend einer Zeit annehmbar war. Sie war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Anstoß. Das wird heute nicht anders sein. Den Modernen eine Torheit und den Postmodernen ein Anstoß. Davor müssen wir keine Angst haben, Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Buchtipp: Was nun, Kirche?

Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler, Holzgerlingen, 2017, Verlagslink, Amazon-Link
Vielen Dank an den Hänssler-Verlag für das Rezensionsexemplar.
“Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist. Darüber zu sprechen, scheint in den Kirchen ein Tabu zu sein.”(S. 41)
Der Evangelist und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany stellt fest, dass zwischen dem Personal der Kirchen und den Gottesdienstbesuchern eine immer größer werdende Kluft besteht. Die Entfremdung nimmt zu, die Gottesdienste werden leerer und weniger besucht. In seinem neuen Buch macht er sich auf die Suche nach den Hintergründen dieser Entfremdung und deckt auf, wie wenig tatsächlich über die eigentlichen Inhalte der Theologie gesprochen wird.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: Wer und was ist die christliche Kirche? Was sind deren Kennzeichen? Was ist ihre (und Gottes) Mission? Parzany kommt zum Schluss, dass weltweit die Feindschaft gegenüber der christlichen Kirche gewachsen ist, und sie gerade dort erweckliche Aufbrüche erlebt, wo der Glaube an Jesus Christus verfolgt wird.
Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, woran die evangelischen Kirchen kranken. Anders gesagt: Wo liegt das Problem, warum sie eher schrumpfen, anstatt – wie es ganz natürlich wäre – zu wachsen. Das Zitat, welches ich an den Beginn der Rezension gestellt habe, bringt dieses Problem sehr schön auf den Punkt: Es ist eine Krise der Verkündigung, die durch eine Glaubenskrise entstanden ist – weil zunehmend mehr Prediger Gottes Wort kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Sehr treffend bezeichnet Parzany auf S. 49 die Bibelkritik als „Krebsschaden der Kirche“. Er zeichnet die Geschichte der Bibelkritik in wenigen Absätzen nach, und zeigt auf, wie diese die heutige evangelische Kirche nicht nur unterwandert hat, sondern geradezu beherrscht.
An der Stelle möchte ich einen Kritikpunkt am Buch anbringen. Parzany beschreibt sehr vieles korrekt – und doch hat man zuweilen das Gefühl, das Buch sei zu schnell geschrieben worden. Das Unterkapitel ist wunderschön mit „Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche“ überschrieben, doch dann geht der Autor nicht weiter auf dieses treffende Bild ein. Er überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang zu erkennen. So gibt es immer wieder korrekte, aber im Buch nicht ausreichend erklärte, Schlagworte, die es leider seinen Gegnern leicht machen, ihn als polemisch und unbegründet zu diskreditieren. Auch hätte ich mir das vorliegende Kapitel mit der Geschichte der Bibelkritik etwas ausführlicher gewünscht, da es manche – für Kenner der Geschichte natürlich selbstverständliche – Gedankensprünge enthält, die für manche Leser einfach besser begründet werden sollten.
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden noch mehr Kontroversen angesprochen – wie etwa jene um den interreligiösen Dialog, den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die „Ehe für Alle“ und die Taufpraxis. Bei all diesen Themen fasst sich Parzany sehr kurz – vermutlich zu kurz, um jemanden überzeugen zu können, der anderer Meinung ist. Vielleicht ist dies beim vorliegenden Buch aber auch nicht so wichtig.
Das dritte und vierte Kapitel finde ich superspannend. Hier beschreibt der Autor, warum er trotz allem immer noch in der evangelischen Kirche ist. Er versucht, ein „Baugerüst“ zusammen zu stellen, auf das kommende Generationen wieder Gottes Kirche bauen können. Man muss es erst mal selber lesen, denn Parzany ist ein Mann, der keineswegs pessimistisch ist, vielmehr ist er voller Hoffnung für die Zukunft. Und deshalb muss ich zum Schluss noch ein Wort an die zahlreichen Spötter und Kritiker richten, die ihm vorwerfen, die Kirche spalten zu wollen. Nicht Parzany ist es, der die Kirche spaltet, sondern Bibelkritiker spalten die weltweite christliche Kirche, indem sie die Grundlage des Glaubens, nämlich die Bibel als Gottes Wort, verlassen und sich eigene Bibeln basteln. Der Glaube an Jesus Christus, den wir nur aus der Bibel in ihrer Ganzheit haben können, ist es, was alle Christen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet. Deshalb wünsche ich jedem Gemeindebund einen Ulrich Parzany, der hoffnungsvoll und mit großer Klarheit zu einer neuen Reformation ruft – zu einer Rückkehr zum Jesus Christus der Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist.
Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sternen / Punkten

 

Zusammenfassung: Es ist ein lesenswertes Buch, das sehr viele gute Kritikpunkte enthält und zugleich Mut für eine erneute Reformation macht. Es hätte aber ruhig in manchen Abschnitten ausführlicher und exakter begründet geschrieben werden dürfen. 

Zum Reformationsjahr #1: Was machen wir mit Martin Luther?

Von der Lutherphobie bis zur Lutherphilie finden sich in der medialen Welt viele Extreme, wie mit dem Leben und Werk Martin Luthers umgegangen wird. Besonders das Reformationsjahr und die ganze Lutherdekade bietet viel Stoff und viel Gelegenheit, um den Reformator für alle möglichen und unmöglichen Zwecke zu vereinnahmen. Es ließe sich bestimmt eine ganze Menge grüner Energie produzieren durch die Drehbewegung, die Luther machen müsste, wenn er sich noch im Grabe befände, ob all des Unsinns, der heutzutage über ihn oder in seinem Namen verbreitet wird. Aber wie kann man objektiv und unaufgeregt mit dem umgehen, was Luther gesagt und geschrieben hat?
1. Context is King!
Wenn man Luthers Werk ansieht, wird man von der Menge schier erschlagen. Die größte Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 127 Bände, die sogenannte Weimarer Ausgabe. Ebenso viele Jahre hat die Fertigstellung dieser umfassenden Ausgabe in Anspruch genommen. Sein Leben war von vielen Kontroversen geprägt, wodurch er sich nach allen Seiten hin gegen eine fälschliche Vereinnahmung wehren musste. Gegen die Papisten Roms, die ihn zurück in den Mutterschoß der Kirche führen wollten, gegen den Humanisten Erasmus von Rotterdam, gegen die Vertreter der Bauernaufstände, die mit der christlichen Freiheit argumentierten, um ihr gewalttätiges Treiben gegen die Grundbesitzer zu rechtfertigen, gegen die sogenannten „Schwärmer“, die schon eine Art frühe Vertreter der Bibelkritiker waren, oder auch gegen andere Reformatoren wie Huldrych Zwingli, dessen Verständnis vom Abendmahl Luther zu symbolisch war. Hier wird jeder irgendwo Sätze finden, denen er – aus dem Kontext gerissen – zustimmen kann. Deshalb ist es enorm wichtig, immer genau darauf zu achten, wann, an wen und unter welchen Umständen was geschrieben wurde. Es ist deshalb auch schwierig, Luther späte Veränderungen seines Charakters oder seiner Ansichten unterzuschieben. Wer sich etwa mit der frühen Römerbrief-Vorlesung von 1515 – 1516 befasst, wird erstaunt, wie sehr Luther dann schon Reformator ist.
2. Semper reformanda!
Einer der Grundsätze der Reformation ist, dass die Kirche oder Gemeinde ständig erneut reformiert werden muss. Dabei bedeutet „reformieren“ immer: Zurückbringen zur Bibel als Gottes Wort! Zurück zu den Quellen! Dass alle menschlichen Aussagen und Bekenntnisse Stückwerk sind und deshalb auch immer neu an der Schrift gemessen werden müssen, ist dem Reformator nur allzu sehr klar. Doch er weiß: Der Mensch braucht zwingend den festen Boden der Heiligen Schrift, der ganzen Bibel, weil er sonst dazu verdammt ist, sich selbst und den jeweiligen Zeitgeist zum Prüfstein zu machen. Wie das herauskommt, zeigt die Geschichte des 3. Reiches mit den „Deutschen Christen“ nur allzu gut. Davor schützt einzig und allein das Ernstnehmen der Offenbarung Gottes in der gesamten Bibel. Diese muss nicht herausgearbeitet werden, sondern ist in jedem Buch, jedem Satz, jedem Wort und jedem Buchstaben der Bibel zu finden. Wir müssen deshalb keineswegs in allem mit Martin Luther einverstanden sein. Die Frage ist einzig: Was sagt Gottes Wort, die Bibel, dazu? Luther würde selbst auch gar nicht wollen, dass wir seine Worte zur „norma normans“ machen, also zum Maßstab, um daran die Wahrheit zu messen. Er sagt nur: In allem, worin Ihr mich überzeugen wollt, gilt allein die Heilige Schrift, und diese, indem sie sich selbst auslegt.
3. Dankbarkeit!
Nicht zuletzt dürfen wir einfach dankbar sein. Dankbar für Martin Luther, der standhaft blieb und sich von Gott gebrauchen ließ. Mit allen Ecken und Kanten. Mit allem, was er in seinem Leben erlebt und erreicht hat. Und ich möchte auch hinzufügen: Dankbar, dass er nicht perfekt war. Denn das macht Hoffnung. Es macht Hoffnung, dass Gott auch weitere unperfekte Gefäße gebrauchen kann und will. Es macht Hoffnung, dass wir nicht erst ewig warten müssen, bis ein zweiter Martin Luther geboren wird. Egal wie dunkel die Zeit erscheinen mag, Gott hat Menschen vorbereitet, die Seine Botschaft treu weitergeben. Unter allen Umständen und zu jedem Preis.

Sollte Gott wirklich gesagt haben…?

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte; und sie sprach zum Theologiestudenten: Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr die Bibel auf keine Art und Weise interpretieren dürft? Da sprach der Theologiestudent zu der Schlange: Auf alle möglichen Arten dürfen wir die Bibel interpretieren, nur bei der einen Art, bei welcher die Bibel nicht wortwörtlich als Gottes Wort betrachtet wird, hat Gott gesagt: Übt euch nicht darin, sonst werdet ihr ins Zweifeln kommen und Mein Wort verfälschen! Da sprach die Schlange zum Theologiestudenten: Keineswegs werdet ihr sie damit verfälschen! Sondern Gott weiß: An dem Tag, da ihr euch ihr hingebt, werden euch die Augen geöffnet und ihr werdet sein wie Gott und werdet erkennen, was in der Bibel Gottes Wort und was nur Menschenwort ist! Ihr werdet erkennen, dass die Bibel mit der Literarkritik und der Redaktionskritik, mit der vergleichenden Religionsgeschichte und Überlieferungsgeschichte im Hinterkopf gelesen viel spannender sein wird – und das Ergebnis wird euch besser gefallen! Und der Theologiestudent sah, dass diese Methoden ganz nach seinem Geschmack waren, dass sie eine Freude für seinen unabhängigen Intellekt wären, weil sie weise machen, und er nahm sie auf, lieferte sich ihnen aus und gab seiner Gemeinde, damit diese dasselbe täte, und sie tat es. 

Kompletter Text zur Verzimmerung

Heute gibt es noch den gesamten Text zum Buch von Siegfried Zimmer als PDF. Hier geht es zum Text

 Hier noch einmal die Links auf die vier Teile als Blogposts: 
Teil 1 (Einführendes und Zusammenfassung des Buches)
Teil 2 (Hat Zimmer mit seinem “Fundamentalisten-Bashing” recht?)
Teil 3 (Wie geht Zimmer mit der Geschichte um?)
Teil 4 (Was versteht Zimmer und der “Bibelwissenschaft”?) 

Selbstgezimmerte Bibelwissenschaft

Dies ist der vierte und letzte Teil einer Blogserie über Siegfried Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.
Fehlende Definitionen
Was ist für S. Zimmer die „Bibelwissenschaft“? Eine der größten Schwächen (oder aus seiner Sicht vielleicht eher Stärken) Zimmers besteht darin, dass seine Begriffe sehr unklar, schwammig und undefiniert sind. Erst gegen Ende des Buches lässt Zimmer dann entsprechend die Katze aus dem Sack: „Weil die diesbezüglichen Missverständnisse fast unüberwindlich sind, sollte man das Wort ‘Bibelkritik’ im (nichtwissenschaftlichen) Gespräch unter Christen nach Möglichkeit vermeiden. Man kann es durch das Wort ‘Bibelwissenschaft’ ersetzen. Beide Worte meinen das Gleiche.“(Zimmer, S. 153)
Ein anderes Beispiel ist ganz am Anfang zu finden: „Die Kirche darf nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. In diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für den Glauben, die Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14) Das klingt – wie bereits gesagt – gut. Die Frage ist nur: Was ist für Zimmer das Evangelium? Die Rede vom Evangelium klingt für Christen immer gut. Aber davon gibt es so viele und dabei ganz unterschiedliche Vorstellungen, was man unter diesem Schlagwort verstehen kann.
Zimmer meint, er könne mit seinem Buch etwas für die Einheit unter Christen tun, wenn er dabei ganz unklar und schwammig bleibt, damit sich jeder selbst etwas darunter vorstellen kann. Und das ist ein grundlegendes Problem unter Christen unserer Zeit. Es ist kaum noch Bereitschaft vorhanden, über Inhalte zu diskutieren. Lieber diskutiert man darüber, mit welcher leeren Worthülse möglichst viele Christen leben können – und nennt das Ganze dann „Einheit“. Das Problem ist jedoch, dass es echte Einheit nur bei den jeweiligen Inhalten geben kann und nicht bei den Worthülsen. Sonst gibt es nur noch eine undefinierte Pseudo-Einheit, die niemandem etwas bringt.
Was das Evangelium betrifft, lässt Zimmer seine Leser im Dunkeln. Der Leser bleibt am Schluss mit seinen Fragen zurück: Darf Jesus Christus an der Stelle der Gläubigen am Kreuz gestorben sein, oder ist das dann ein „kosmischer Kindesmissbrauch“ (Steve Chalke)? Darf Jesus Christus echte Dämonen ausgetrieben haben oder sind das nur Symbole für das Böse im Menschen? Darf Jesus Christus die Wunder tatsächlich getan haben? Darf Jesus Christus tatsächlich, echt, historisch und körperlich auferstanden sein? Darf Jesus Christus sich selbst als Messias bezeichnet haben oder ist das nur ein Titel, den ihm die nachösterliche Gemeinde verliehen hat? Fragen über Fragen – und der Leser bleibt in all diesen Fällen ohne Antwort. Auf schwäbisch gesagt: “Guad gmoant isch ned emmer guad gmacht” (Gut gemeint ist nicht immer gleichbedeutend mit gut gemacht).
Überhaupt stellt sich die Frage, welchen Jesus Christus Zimmer meint, wenn er schreibt: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ (Zimmer, S. 96) Also eine Aussage darf Jesus Christus schon mal getroffen haben (also wenigstens mal eine Festlegung. Immerhin.): Die Sache mit der Feindesliebe. So. Punkt. Und dann nehmen wir diese Feindesliebe und argumentieren damit einfach so mal gegen alles Mögliche im Alten Testament. Etwa gegen den Todesengel, der in 2. Mose 11 die Erstgeborenen der Ägypter holt. Knallbumm, und weg ist dieser böse Gott. Da sind wir schon fast bei Marcion (vgl. dritter Teil dieser Serie), nur dass es jetzt nicht gegen den Demiurgen geht, sondern mit Jesus Christus und der Feindesliebe argumentiert wird.
Wie funktioniert diese Bibelwissenschaft?
Ganz genau erklärt das Zimmer nicht. Er geht auf die Untersuchung der Religionen des Orients ein, aber auch da ist er zu schlau und zu vorsichtig, um zuviel darüber zu sagen. Ich möchte an einem anderen Beispiel versuchen zu skizzieren, wie das geschehen kann. Ab etwa 1835 gab es in der deutschen Theologie eine ganze Bewegung von Theologen, die versucht haben, herauszufinden, wer dieser Jesus von Nazareth tatsächlich war. Man wollte alles eliminieren, was diesem Jesus von den Evangelisten später angedichtet wurde, also alle Wunder, alle „Hoheitstitel“, alle Predigtinhalte, die womöglich von jemand anderem stammen könnten. Und irgendwann merkten sie: Am Schluss bleibt von diesem Jesus immer genau das übrig, was man am Anfang von ihm dachte. Der Theologe wird am Schluss auf sich selbst zurückgeworfen.
Der Theologe Albert Schweitzer hat etwa 70 Jahre nach der Entstehung dieser Bewegung die Geschichte derselben aufgeschrieben und kam zum Schluss: „Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück.“ (Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, S. 397)
Das Problem bei all diesen Zugangsweisen der historisch-kritischen Methoden ist dabei immer dasselbe, das sich bei der Leben-Jesu-Forschung gezeigt hat: Am Ende bleibt der Mensch, der sich über die Bibel stellt, immer an sich selbst hängen. Er muss von gewissen Prämissen ausgehen, also etwas voraussetzen. Und am Ende bleibt immer genau das übrig, was er zuerst vorausgesetzt hat.
Der Bankrott der Bibelkritik
Was am Ende vom Nutzen dieser Methoden bleibt, ist sehr mager. Man hat jede Menge Zeit investiert, um einen Bibeltext mit allen möglichen Methoden zu erarbeiten, und findet am Ende doch immer nur sich selbst und seine eigenen Gedanken darin. Etwas wirklich Neues, Wertvolles wird sich dadurch nicht ergeben. Wer Zimmers Buch sensibel und mit offenen Augen liest, wird bemerken, dass auch Zimmer den Bankrott der Bibelkritik anmeldet, allerdings mit sehr leiser, zaghafter Stimme. Am Schluss des Kapitels über die Bibelkritik bemerkt er, dass diese Wissenschaft eine Kluft zwischen „der universitären Bibelwissenschaft und dem Leben der Christen bzw. der christlichen Gemeinde“ (S. 166) schafft. Die weiteren Ausführungen zeigen, dass diese Methoden in der Praxis am Ende angelangt sind: „Auch die nichtwissenschaftlichen Zugangsweisen zur Bibel verdienen Beachtung und Anerkennung. Man kann in die biblische Botschaft sehr intensiv verstrickt werden, indem man sich den biblischen Texten betend, meditierend, singend, musizierend, malend, tanzend und spielend zuwendet.“ (S. 167)
Vielleicht sollte man sich doch langsam wieder auf die wörtlicheExegese einlassen, die schon die Reformatoren betrieben haben? Aber vermutlich ist das dann wieder zu fundamentalistisch. Ein Glanzstück der historisch-kritischen Bibelwissenschaft habe ich vor Jahren in einer evangelischen Kirche erlebt: Bei der Speisung der 5000 soll es nicht darum gegangen sein, dass Jesus das Brot durch ein Wunder vermehrt habe, sondern jeder Anwesende soll sich (durch ein Wunder) erinnert haben, dass er auch noch etwas zu Essen in der Tasche stecken habe, und als dann alle mit allen geteilt haben, sei auch noch etwas mehr übrig geblieben. Einmal mehr zeigt sich da, dass am Ende der Mensch immer auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn er die Autorität Gottes verlässt. Aber leider muss man nicht einmal so weit suchen gehen, um Meisterleistungen der Eisegese (Hineinlesen eigener Gedanken in den Bibeltext) zu finden. Leider findet sich solches auch oft genug in Gemeinden, die formal die Autorität und Irrtumslosigkeit von Gottes Wort bezeugt wird.
Zimmers Ruf an die alternativen Herangehensweisen an den Bibeltext ist ein Hilfeschrei. Hier wird seine Verletzlichkeit plötzlich sichtbar. Seine Methoden bringen Distanz zum Leben, und das ist ein Problem. Doch Jesus ist größer als alle Bibelkritik; das Beispiel der historisch-kritischen Theologin und Schülerin Rudolf Bultmanns Prof. Eta Linnemann zeigt, dass Jesus größer ist und über der Bibelkritik steht. Ich werde weiterhin für Prof. Zimmer beten, dass der Herr Jesus ihm ganz persönlich begegnet und ihn von der tatsächlichen göttlichen Autorität und Fehlerlosigkeit der Bibel überzeugt. Das kann niemand von uns, es ist Seine Sache.
Zum Schluss noch eine Prise Selbstkritik
Es ist einfach, ein Buch wie das von Zimmer zu zerlegen, zumal die Argumente nicht besonders überzeugend sind und sich mit etwas Hintergrundwissen relativ gut widerlegen lassen. Eine andere Frage bleibt aber bestehen: Viele Menschen finden die Vorträge von Zimmer gut und befreiend. Kann man dafür jetzt einfach nur den „Zeitgeist“ verantwortlich machen? Eins ist klar: Zimmer möchte den Zuhörern helfen, sich von furchteinflößenden Gottesbildern zu lösen. Das macht seine Vorträge befreiend. Er möchte aber auch ein anderes Gottesbild präsentieren, und zwar eines, mit dem möglichst viele Menschen etwas anfangen können. Bei ihm geht es nicht mehr um die Frage: Was muss ich tun, damit Gott mich annehmen kann? Sondern: Wie muss dein Gott sein, damit du ihn annehmen kannst? So ähnlich hat bereits Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher auf die kritischen Fragen seiner Zeitgenossen reagiert. Und seine Antwort war: Religion (heute würde man sagen „Der Glaube an Gott“) ist das Gefühl der schlechthinnigen (=absoluten) Abhängigkeit. Es geht letztlich um das Gefühl. Der Glaube soll uns ein gutes Gefühl geben. Da haben Schleiermacher und Zimmer durchaus einen Nerv ihrer Zeiten getroffen.
Aber ich will fragen: Kann es sein, dass es im Evangelikalismus unserer Zeit ein Vakuum gibt, das die Vorträge von Zimmer füllen können? Ich meine ja, und möchte drei mögliche Antworten kurz skizzieren.
1. Wir brauchen mehr tiefgehende biblische Lehre. Wer in der biblischen Lehre gut informiert ist und nicht nur ein seichtes Wohlfühlevangelium kennt, wird auf Zimmers Versuche nicht hereinfallen. Wir brauchen mehr Apologetik und tiefes Nachdenken über Gottes Wort und die ethischen Herausforderungen unserer Zeit.
2. Wir brauchen den Mut, Lücken und Schwächen zuzugeben. Was viele Menschen an Zimmer fasziniert, ist sein Mut, nicht auf alles eine fertige Antwort zu haben. Er kann sehr gut auf die Menschen hören und sie verstehen und hat nicht einfach immer auf alles eine fertige Antwort. Authentizität und Mut zur Lücke sind hier gefragt. Im Wissenschaftsbetrieb ist es übrigens ganz normal und gesund, auf viele Fragen (noch) keine Antwort zu haben.
3. Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender Schönheit. Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo, Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll. Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.

Selbstgezimmerte Geschichte

Dies ist der dritte Teil einer Serie. Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 4. In diesem Teil möchte ich der Frage nachgehen, wie Siegfried Zimmer in seinem Buch mit der Geschichte und insbesondere der Kirchengeschichte umgeht.
Was sind Glaubensbekenntnisse?
Interessant ist der Umgang von Zimmer mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen. Es scheint, als würde er diese durchaus über die Bibel stellen. Die Bibel darf kritisiert werden, das Apostolische Bekenntnis darf nicht einmal hinterfragt werden: „Glaubensbekenntnisse sind aber eine besondere Sorte von Texten. Es sind Basistexte, die das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie sind von vornherein in der Absicht geschrieben worden, vielen Menschen eine verbindliche Orientierung zu geben.“ (S. 50) Soweit gut und richtig, aber Zimmer verkennt damit grundsätzlich, dass diese Bekenntnisse aus einem Kontext und einer Zeit stammen. Sie sind – im Gegensatz zur Bibel – nicht inspiriert und somit auch nicht unfehlbar. Außerdem ist es nicht ganz korrekt, wenn Zimmer nur sagt, dass sie das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie wurden vielmehr in den Diskussionen der frühen Kirche um die richtige Lehre verfasst, das heißt, sie widerspiegeln immer auch die notwendigen Abgrenzungen gegen die Irrlehren der jeweiligen Zeit.
Warum also war die Bibel in den frühen Glaubensbekenntnissen nicht enthalten? Nach der frühen Kritik der Bibel durch den Marcionitismus (Marcion sagte, dass das AT und große Teile des NT, eigentlich alles, was judenfreundlich war, nicht vom Gott der Bibel stammen könne, weil der jüdische Gott der Widersacher des christlichen Gottes sei) und nachdem der Umfang der Bibel (Kanonisierung) von der ganzen frühen Kirche bestätigt war, gab es für viele Jahrhunderte keinen Zweifel mehr an der Bibel. Sie wurde als von Gott inspiriert, fehlerlos und oberste Autorität für Lehre und Leben betrachtet. Das änderte sich erst im Zuge der Aufklärung. Es gab somit keine Notwendigkeit, die Lehre von der Bibel in einem Glaubensbekenntnis unterzubringen, weil sie allgemein anerkannt war.
Worüber es hingegen längere Diskussionen gab, war die Lehre vom dreieinen Gott und besonders die Natur Jesu Christi: Dass Er gleichzeitig ganz Mensch und ganz Gott ist und dass diese zwei Naturen weder vermischt noch getrennt sind, und was das für den Glauben und die Erlösung genau bedeutet. Deshalb wurde die Person Jesu Christi in den Bekenntnissen so ausführlich behandelt. Wir sehen also: Das Glaubensbekenntnis ist nicht einfach nur eine Kurzfassung von allen wichtigen Punkten, sondern vor allem ein Dokument, aus dem man die jeweils wichtigen und zur jeweiligen Zeit diskutierten Themen erkennen kann. Deshalb liegt Zimmer auch mit seinem Argument falsch, dass die Bibel im Apostolikum absichtlich nicht erwähnt wurde (S. 50) Mit den Jahrhunderten kam es jedoch zu einer anderen Entwicklung: Innerhalb der katholischen Kirche bekam die Tradition und das päpstliche Lehramt dasselbe Gewicht wie die Bibel – mit anderen Worten: Es ging darum, dass theologische Laien die Bibel nicht selbst lesen durften oder konnten, weil sie sie ja falsch auslegen könnten. Im Zuge der Reformation kam deshalb wieder die Frage nach der Lehre von der Bibel auf, und Luther machte klar, dass die ganze Bibel Gottes Wort ist und sie alleingenügsam ist und jeder sie selbst lesen und verstehen kann.
Bei Zimmer findet sich übrigens eine ähnliche Entwicklung wie in der katholischen Kirche des Mittelalters: Um die Bibel richtig zu verstehen, bedarf es des Lehramts der historisch-kritischen Theologie. Kein Wunder, dass Zimmer und die übrigen Redner von Worthaus zu einer Art Papst für progressive Evangelikale werden. Das neue „Anathema“ heißt nun einfach „fundamentalistisch“ und „granatendoof“.
Martin Luther als Bibelkritiker
Die Lieblingsfigur Zimmers ist Martin Luther. Wie so manch ein anderer liberaler Theologe vor ihm findet er in den Schriften Luthers allerlei, was er nach eigenem Gusto gebrauchen kann. Die 120 Bände der Weimarer Ausgabe der Werke Luthers sind schließlich eine gute Fundgrube. Da darf man nicht vergessen, wie Luther von allen Seiten unter Angriffen stand und dass auch er eine Entwicklung durchgemacht hat (wie übrigens alle anderen Reformatoren auch). Luther musste an allen Fronten zugleich kämpfen: Spiritualistische Täufer, die meinten, sie bräuchten wegen dem Heiligen Geist keine Bibel mehr, skeptische Freunde wie Erasmus, Katholiken, die ihn wieder zurecht bringen wollten, Bilderstürmer, die am liebsten alles ausgerottet hätten, was sie irgendwie an die katholische Zeit erinnern konnte, und so weiter. Mit all diesen Problemen setzte Luther sich aktiv auseinander – und das findet sich nun in dieser Werksausgabe. Kein Wunder, dass sich da einiges findet, was sich zu Rechtfertigungszwecken aller möglichen Agenden eignet.
Martin Luther kannte zwei Kategorien der Bücher: Solche, die zum biblischen Kanon dazu gehören, und andere, die es nicht tun. Er schrieb zu den Apokryphen, dass sie wertvoll zu lesen seien, aber ganz klar von der Bibel zu unterscheiden sind. Ich gebrauche dazu gern den Vergleich: Die Apokryphen sind ungefähr so, wie wenn ich einige der Predigten von C. H. Spurgeon in der Bibel mitdrucken würde. Diese Predigten sind sehr erbaulich zu lesen, aber sie sind nicht Gottes inspiriertes Wort.
Innerhalb der Bibel hatte Martin Luther bestimmte Präferenzen, etwa für den Brief an die Römer. Diese Präferenz kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie ist bei Luther wie bei mir biographisch bedingt. Martin Luther wurde das Evangelium klar, als er Römer 1, 16 – 17 studierte und er begriff, dass Gottes Gerechtigkeit ihm durch Jesus Christus zugesprochen und juristisch übertragen wurde. Bei mir war es eine Predigt über Römer 6, 12, die mir den geistlichen Bankrott aufzeigte und ein paar Tage später Römer 10, 9 – 11, die der Heilige Geist nutzte, um mir neues Leben zu schenken. So darf es sein, dass man bestimmte Teile der Bibel einfach ganz besonders wertvoll findet. Trotzdem verbindet Martin Luther und mich auch die Haltung, dass innerhalb der Bibel Gottes Wort überall zu finden ist, und zwar ganz direkt, weil es Gott so wollte. Wenn nun Siegfried Zimmer versucht, Luther als Bibelkritiker zu missbrauchen, ist das sehr weit hergeholt.
In der Auseinandersetzung mit der katholischen Theologie der Scholastik, in welcher auch die Aussagen der Kirchenväter sehr viel Wert beigemessen bekamen, sagte Luther deshalb: „Oder sag, wenn du kannst, wer ist der Richter, der eine Frage abschließt, wenn doch der Väter Aussprüche miteinander kämpfen? Es ist nämlich nötig, dass hier nach dem Wort als Richter ein Urteil gefällt wird, und das kann nicht geschehen, wenn wir nicht der Schrift den obersten Platz geben in allen Dingen, die den Vätern zugeteilt wird, das bedeutet, dass sie selber durch sich selbst das Allergewisseste, Allerleichteste, am allerbesten Zugängliche, das, was sich selbst auslegt, allen alles prüft, beurteilt und erleuchtet.“(Weimarer Ausgabe Bd. VII, S. 97) Hier haben wir Martin Luthers hermeneutisches Prinzip: Die Bibel legt sich selbst aus und nicht irgend eine hysterisch-kritische Methode.
Die Geburt der Bibelkritik
Natürlich kann man einwenden, dass es bereits zur Zeit des Neuen Testaments eine Form der Bibelkritik gab. Die allererste Bibelkritik findet sich übrigens in 1. Mose 3: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ Marcion, den wir am Anfang erwähnten, war ein Bibelkritiker. Aber die eigentliche systematische Bibelkritik ist im 18. Jahrhundert entstanden – und zwar mitten in der pietistischen Erweckungsbewegung. Nachdem Martin Luther und die übrigen Reformatoren gestorben waren, kam die Frage auf: Wie weiter? Besonders im Luthertum wurde das Bekenntnis zur richtigen Lehre ins Zentrum gerückt. Das ist sehr wichtig und gut, aber es ist eben nicht alles. Das persönliche Leben wurde ausgeklammert, indem man der Lehre diesen Platz zuwies. Im Pietismus wurde das persönliche Element wieder entdeckt. Leider wurde ihm darin so einen prominenten Platz zugewiesen, dass plötzlich alles subjektiv wurde. In diesem Klima las jeder die Bibel für sich und nur mit der Frage: Was will Gott mir heute sagen? Ein Mann wuchs auch so auf im Pietismus. Er wurde Professor an der Universität in Halle. Sein Name war Johann Salomo Semler, und er vertrat die Ansicht, dass die Bibel zwar Gottes Wort enthält, aber dass Gottes Wort darin erst gesucht und gefunden werden müsse. Das war 1771.
1787 hielt Johann Philipp Gabler in Altdorf seine Antrittsvorlesung. Mit ihr begann eine weitere neue Bewegung, nämlich die sogenannte „Biblische Theologie“. Gabler forderte, dass man die Bibel für sich auslegen muss, ohne zuerst die Dogmatik (Systematische Theologie) benutzen zu müssen. In der Biblischen Theologie werden viele Grundfragen geklärt: Wie gehören das Alte und Neue Testament zusammen? Was ist der rote Faden durch die Bibel hindurch? Was bedeutet ein bestimmtes Wort genau an dieser einen Stelle und warum steht genau dieses Wort da? Und so weiter. Leider wurden die Anliegen der Herren Semler und Gabler miteinander vermischt und haben zusammen die historisch-kritischen Methoden begründet. Wer sich für die weitere Geschichte interessiert, findet hier (Link) ein Dokument, das ich dazu zusammengestellt habe. Meine Kritik an der Kritik möchte ich für den nächsten und abschließenden Teil dieser Blogserie aufheben.