Auslegungspredigt ist… eine Herzenshaltung!

Ich habe zur Auslegungspredigt bisher eine Minimaldefinitionund eine “negative Definition” gegeben. Heute möchte ich einen weiteren Gedanken dazu äußern, was ich unter der Auslegungspredigt verstehe. Auslegungspredigt ist zunächst nicht so sehr eine Methode der Predigtvorbereitung, sondern eine Herzenshaltung, WIE ich an die Predigtvorbereitung herangehe.
Ganz einfach gesagt, geht es um den Unterschied, was ich von der vorzubereitenden Predigt im Kopf habe, bevor ich mit der Vorbereitung des Predigttextes anfange. Wenn ich in diesem Moment schon eine Vorstellung davon habe, was ich der Gemeinde sagen möchte, dann bin ich unfähig zur Auslegungspredigt geworden. Es geht also nicht nur darum, Sprungbrett-Predigten zu vermeiden, sondern auch darum, bei der Vorbereitung vom Text auszugehen und nicht von meinen Gedanken, die ich davor habe.
Anders gesagt: Auslegungspredigt stellt den Bibeltext an den Anfang, in den Mittelpunkt und an das Ende der Predigtvorbereitung. Der Bibeltext bestimmt, was ich am Ende in der Predigt sagen werde. Sobald ich nämlich schon meine eigenen Gedanken und Themen an den Bibeltext herantrage, bin ich voller Vorurteile, was der Text sagen soll. Und genau das gilt es zu vermeiden. Ein zweiter Grund ist damit verknüpft: Jeder von uns hat so seine bestimmten Themen und Gebiete, wo er sich zu Hause fühlt. Vorurteilsloses Herangehen an den Bibeltext führt dazu, dass wir über diesen Tellerrand hinausschauen müssen. Es bereichert auch unser eigenes Leben enorm. Drittens ist es so, dass ich andere nur mit dem zum Brennen bringen kann, wovon ich selbst schon brenne. Diese Herangehensweise führt dazu, dass man sich ganz intensiv mit dem Bibeltext beschäftigen muss, und diese Reibung am Bibeltext bewirkt, dass man immer wieder von Neuem von Gottes Wort in Brand gesetzt wird.
Des Weiteren ist es die Herzenshaltung, die Gott zeigt, dass wir Seinem Wort vertrauen. Es geht dabei nicht so sehr um unser Können und Wissen, Tun und Lassen (obgleich wir innerhalb des Bibeltextes natürlich unser Bestes geben), sondern es ist die Wirkung, die Gottes Wort zuerst an uns als Predigern und danach am Hörer hat. Deshalb ist es auch die einzige Herangehensweise, welche sicherstellen kann, dass wir Gottes Wort und nicht unsere eigenen Gedanken verkünden. Wenn jemand predigt, so ist es Gott, der durch den Prediger zum Hörer reden will. Durch die Auslegungspredigt stellen wir sicher, dass unsere Predigt tatsächlich dem Wort Gottes entspricht, das Er heute durch die Predigt an die Hörer richten will. Gottes Wort kommt niemals leer zurück, das hat Gott uns ganz fest versprochen. Und dafür bin ich immer wieder sehr dankbar.

Auslegungspredigt im Alten Testament

Schon im Alten Testament finden sich zahlreiche Auslegungspredigten. Prediger haben das genommen, was Gott davor gesprochen hat und für ihre Zuhörer ausgelegt und auf sie angewandt. So ist etwa der größte Teil des 5. Mosebuchs eine lange Predigt, in der Mose vom Volk Israel Abschied nimmt und noch einmal das Gesetz, insbesondere die 10 Gebote, ausführlich auslegt (Kapitel 5 – 28) und am Schluss auf das Volk Israel anwendet (Kapitel 29 – 30).
Viele Psalmen sind Auslegungen verschiedener Texte aus den fünf Büchern Mose. Auch die Schriften Salomos (Sprüche, Prediger, Hoheslied) enthalten an einigen Stellen solche Auslegungspredigten. Besonders deutlich wird es aber auch bei Nehemia. Dort las der Priester Esra das Gesetz (vermutlich das 5. Buch Mose) vor und die Leviten legten das Gelesene aus, sodass das Volk das Gesetz verstand und kapierte, dass es gegen Gott rebelliert hatte und zu weinen begann. Diese Auslegungspredigt brachte eine Veränderung in die Herzen. Als Antwort darauf feierten sie das Laubhüttenfest, wie Gott es ihnen befahl (Nehemia 8).
Besonders deutlich wird die Auslegungspredigt bei den Propheten. Diese hatten in erster Linie nicht den Auftrag, die Zukunft vorherzusagen (das taten sie zwar auch) sondern in erster Linie sollten sie Gottes Volk immer wieder zu Gott und Seinem Wort zurückrufen. Deshalb sind viele Kapitel in den Prophetenbüchern der Auslegung und der praktischen Anwendung des Gesetzes gewidmet.

Was ist Auslegungspredigt nicht?

1. Es ist kein laufender Kommentar, der zu jedem Vers oder Wort ein paar verstreute Fundstücke enthält.
2. Es ist keine Rede, die mit einem Bibelvers beginnt, und dann wahllos andere Bibelverse aufzählt, in denen es möglicherweise um etwas Ähnliches geht.
3. Es ist keine Predigt, für die zu einem Thema ein Vers oder Abschnitt herausgesucht wurde, worauf eine Themenpredigt aufgebaut wird.
4. Es ist keine Rede über einen Predigttext, der herausgesucht wurde, damit der Prediger seine Gedanken dazu äußern kann.
5. Es ist keine Ansammlung von grammatikalischen Funden und Wortstudien, die zu einem Vers oder Abschnitt der Bibel gemacht wurde.
6. Es ist nicht das Ergebnis einer einfachen Suche nach dem Inhalt, was ein Bibeltext uns heute zu sagen hätte.
7. Es ist keine Geschichtsstunde zu den Ereignissen, die im vorangesetzten Bibeltext geschehen sind.
8. Es ist keine interessante oder inspirierende Andacht zu einem gerade aktuellen Thema, die zwar mit einem Bibelvers beginnt, diesen aber nur als Sprungbrett nutzt.
9. Es ist keine Wahlkampfrede für eine Partei oder politische Richtung oder sonstwie eine politische Rede, die sich nicht ganz direkt aus dem Text ergibt.
10. Es ist keine psychologische Selbsthilfestunde, die dem Zuhörer ein möglichst gutes Gefühl geben soll und ihm hilft, sich selbst noch mehr zu vergöttern.

Auslegungspredigt – eine Minimaldefinition

Ich bin ein großer Freund der uralten und jederzeit aktuellen Tradition der auslegenden Predigt. Da ich gerne und viel lese, was andere Prediger darüber schreiben, will ich versuchen, das Thema in einer Blogserie anzugehen. Es wird eine unregelmäßig fortgeführte, lose Serie werden, in der ich versuche, irgendwann alle wichtigen Aspekte zu besprechen. Heute möchte ich eine Minimaldefinition davon geben, damit danach jederzeit klar ist, wovon überhaupt die Rede ist.
Eine Auslegungspredigt ist eine Predigt, die einen Bibeltext auslegt, das heißt, der Prediger führt eine exakte Exegese des Bibeltextes aus, in welcher der Kontext, die Gattung, die Theologie, die einzelnen Worte, der Aufbau und die Grammatik abgedeckt wird, und baut seine Predigt entlang des Bibeltextes auf. Die Botschaft des Bibeltexts wird zur Botschaft der Predigt. Die Predigt erklärt, was der Autor sagen wollte, wie der Hörer es verstanden hatte, was er bewirken wollte und führt die Predigt in die Anwendung über, in welcher er überzeugend erklärt, was Gott als Autor des Textes heute von uns möchte.
Das ist wie gesagt (m)eine Minimaldefinition, das heißt, sie ist längst nicht umfassend. Aber ich meine, dass damit die wichtigsten Aspekte genannt wurden. Auslegende Predigten sind das Nahrungsmittel von Gottes Volk. Sie sind notwendig, damit die Gläubigen nicht verhungern. Da aber viele Missverständnisse darüber bestehen, ist es in jeder Generation wichtig, wieder neu darüber zu schreiben, sprechen und lesen.
Wenn es Fragen dazu gibt, bitte jederzeit einen Kommentar hinterlassen. Ich werde alle Fragen ernst nehmen und versuchen, irgendwann darauf einzugehen. Hast Du Anmerkungen zu meiner Minimaldefinition?