Buchtipp: Cat Person

Roupenian, Kristen, Cat Person, Aufbau Verlag Berlin, 2019, 276S., Verlagslink, Amazon-Link

Cat Person ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Lebensgefühl der heutigen Twens und bis etwa Mittdreißiger befasst. Das Buch besteht aus zwölf „short stories“, die zwar einerseits eine breite Palette an unterschiedlichen Personen und Lebensgeschichten enthält, die sich doch zugleich auf einem sehr engen, oberflächlichen Gefühlsparkett bewegen. Das macht es auch schwierig, über das Buch als Ganzes zu schreiben.

Wenn man sich „Cat Person“ ehrlich nähern will, kann dies nur mittels einer doppelten Strategie geschehen. Auf der einen Seite ist da eine Sammlung von Geschichten, die geradezu durch Abwesenheit jeglicher künstlerischer Schönheit glänzen. Es sind literarische Schnellschüsse, die am meisten durch exzessive Gewalt- und Sexorgien auffallen. Es gibt wenig Handlung, wenig Entwicklung, aber dafür viel Introspektion und Zynismus. Das Absurde, das Zufällige, das Abstoßende und das Scheitern wird gefeiert und vergötzt.

Zugleich ist es der Autorin gelungen, das Lebensgefühl vieler Menschen einzufangen. Ob man dabei tatsächlich von einer ganzen Generation sprechen kann, sei dahingestellt. Es ist die Gefangenschaft in der Spannung zwischen dem Machbarkeitswahn und dem Zwang zur Selbstkonstruktion, die den Menschen dazu verurteilt, sich ständig neu erfinden zu müssen. Es ist auf der einen Seite die vermeintliche Freiheit und Autonomie des Individuums, die – um nicht im ganzen Gewusel all der anderen autonomen Individuen unterzugehen – sich selbst beständig neue Identitäten erschaffen muss. Wer darin nicht extrem ist, fällt nicht auf. Wer nicht auffällt, existiert nicht. Und zugleich ist es eine Menschheit, die danach hungert und dürstet, sich selbst – authentisch – sein zu dürfen. Nur stellt sich dann wiederum die Frage: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich zum Menschen? Worin besteht das Menschsein an sich? Was ist mein Wert – auch dann, wenn ich niemandem auffalle?

Geld, Sex und Macht

Geld, Sex und Macht – bei Roupenian kommt das Dritte zumeist in Form von negativer Gewalt zum Vorschein – bestimmen die Welt in Cat Person. Vielleicht kommt man dem Kern noch näher mit der Frage: Was machen diese drei Dinge mit uns? Wie verändern sie unsere Psyche? Wie verändert sich unser Wohlbefinden, wenn wir uns unseren Begierden ganz hingeben? Die Autorin wirft mit ihren Geschichten all diese Fragen auf. Vermag sie jedoch auch eine Antwort zu geben? Ja und nein, denn im Sinne eines klassischen Relativismus löst sie die Fragen auf eine doppelte Weise auf: Egal, ob wir uns diesen Lebensmächten Geld, Sex und Macht hingeben oder nicht, das Ergebnis ist immer schlecht. Leider hat sie hier auch keine wirklichen Antworten zu bieten, außer einem zynischen Pragmatismus: Es kommt darauf an, was man erreichen will. Aber egal, was man erreichen will, jedes Ziel ist falsch.

Auf einer persönlichen Ebene spricht mich das Buch an, einerseits als jemand, der im selben Jahrzehnt geboren ist wie die Autorin, andererseits aber auch als Theologe, denn wir haben den Menschen unserer Zeit und Kultur das Evangelium von Jesus Christus verständlich zu übersetzen. Menschsein, Menschenwürde, Menschenrechte, Erlösung von realer Sünde und Schuld, Leitlinien für ethisches Verhalten, gerade auch im Umgang mit Geld, Sex und Macht sind alles Dinge, die dem jüdisch-christlichen Weltbild entstammen. Jesus Christus bringt echte Freiheit und Erlösung vom Zwang der Selbstkonstruktion. Er gibt echte Identität, mit der Gemeinde eine echte Familie, in der wir authentisch sein dürfen. Sein Tod am Kreuz und die Auferstehung geben uns einen unvorstellbaren Wert, den wir uns weder verdienen müssen noch können. Vielleicht wäre es an der Zeit für einen Antwortband mit Kurzgeschichten aus der biblischen Perspektive?

Fazit:

Cat Person von Kristen Roupenian ist eine schlecht geschriebene, von Sex und Gewalt durchzogene Kurzgeschichtensammlung, die zugleich in einer selten dagewesenen Schärfe das Lebensgefühl vieler junger Erwachsener zu beschreiben vermag. Ich gebe dem Buch 3 von 5 Sterne.

Wo bleiben die Apologetinnen und Apologeten unserer Zeit?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, lieber Leser, aber mich treibt eine Sache um, und zwar von Jahr zu Jahr stärker. Ich sehe Menschen, besonders junge Menschen, Teenager und junge Erwachsene, die wissen wollen. Sie wissen, dass Wissen wichtig ist. Dass auch die Ehrlichkeit wichtig ist. Dass Wahrheit wichtig ist. Sie wissen, dass es nicht nur ums gute Gefühl geht. Sie wissen, dass der Wissensunterschied die eigene Zukunft enorm verändern kann. Sie wollen wissen. Sie wollen das Wissen, das ihr Leben bestimmen soll. Und sie haben Fragen. Wertvolle Fragen. Weltbewegende Fragen. Ehrliche Fragen, die eine ehrliche Antwort verdienen.

Wo stehen viele Gemeinden unserer Zeit?

Und dann sehe ich gleichzeitig viele gleichgültige Gemeinden. Nicht total gleichgültig, aber in diesen Fragen gleichgültig. Ohne lebensverändernde Wahrheit, die das Leben von außen her in Frage stellt und von innen her verändern will. Gemeinden, die sich selbst zu wichtig nehmen. Gemeinden, die sich entweder abschotten oder verweltlichen. Beide haben diesen Menschen nichts mehr zu sagen. Die einen sehen sich als kleiner holy club, die letzten Heiligen der Endzeit, die so heilig sind, dass alle weniger Heiligen ausgestoßen bleiben. Es herrscht eine Angst davor, von der Welt kontaminiert zu werden und dadurch schlechter da zu stehen. Es herrscht aber auch eine Angst davor, durch Fragen und Zweifel kontaminiert zu werden, nicht alle Antworten zu kennen und mehr noch: Selbst von Zweifeln „angesteckt“ zu werden.

Und dann gibt es andere Gemeinden, die ähnlich egoistisch und selbstbezogen sind. Sie wagen es nicht, klare biblische Lehre und einen verbindlichen ethischen Maßstab zu bezeugen. Sie fürchten um ihr Image in der Welt. Sie sind lieber in der Ökumene am Diskutieren, mit welchem genauen Wort man möglichst inklusiv sein kann. Und im interreligiösen Dialog am Bezeugen, wie doch alle irgendwie etwas Ähnliches glauben. Auch hier finden diese Menschen keine Antworten. Wenn diese Christen ständig am Herumeiern sind und etwas mal so und dann wieder ganz anders erklären, finden sie den Halt nicht, den sie suchen. Sie werden vertröstet: Wahrheit sei kein Buch, sondern eine Person, und eine Person lasse sich nicht genau definieren und beantworten. Eine Person sei dynamisch, und deshalb sei Wahrheit dynamisch, undefinierbar, und Glaube kein Wissen. Zweifel werden nicht beantwortet, sondern der Zweifler gelobt und zur Spezies der Zukunft, sozusagen zum Übermenschen, erhoben.

Geistliche Väter und Mütter gesucht!

Hier stehe ich nun und frage: Wo sind die geistlichen Väter und Mütter dieser Generation? Wo sind die Menschen, die sich mit den Fragern zusammensetzen und sich die Zeit nehmen, ihre Fragen zu durchdenken? Wo sind die Männer und Frauen, die den Zweiflern helfen, Antworten auf ihre Zweifel zu finden? Wo sind die Gemeinden, die vorleben, wie man mit Fragen und Zweifeln umgehen kann, wo und wie man Antworten findet? Wir leben in einer strategischen Schlüsselzeit, und der Teufel weiß um die Wichtigkeit dieser jungen Generation. Hier und jetzt wird sich entscheiden, ob der Westen zum neuen Heidenland wird. Ob Gemeinden an Überalterung aussterben werden, weil sie nicht mehr fähig sind, diese Fragen zu beantworten.

Es ist auch eine Schlüsselzeit, weil der Kampf der Ideologien und Weltbilder tobt wie selten zuvor. Es ist eine Zeit des geistigen Vakuums, eine Zeit, in der die Ansichten in der globalisierten Welt auseinander driften und immer extremer und lauter geäußert werden. Das kurze Zwischenspiel des Postmodernismus hat sich als Sackgasse erwiesen, doch in vielen Gemeinden wird ihr so hinterher getrauert, dass man sich noch in der Phase der Leugnung befindet. Es wird nach wie vor getan, als sei die Ideologie des Postmodernismus die Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Es gibt auch noch genügend Christen, die si8ch ebenfalls so verhalten, weshalb es innerhalb geschlossener Gemeindesysteme noch nicht so stark auffällt. Überhaupt war es schon immer so, dass die Gemeinden rund 25 – 30 Jahre brauchten, um die Zeit um sich herum wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Und es ist nicht das erste Mal, dass dabei Gemeinden so enorm selbstzentriert waren, dass die Menschen auf der Strecke blieben.

Brauchen wir eine Erweckung?

Immer wieder, wenn dies der Fall war, schenkte Gott eine Erweckung. So etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in den Berliner Kirchen die historisch-kritische Theologie weit verbreitet war und sich die Kirchen leerten. Durch Johannes Jänicke und Baron Hans Ernst von Kottwitz kam eine Erweckung über Berlin, die durch die Gründung der Evangelischen Haupt-Bibelgesellschaft weitere Verbreitung fand und noch mehrere Jahrzehnte lang positive Nachwirkungen hatte. Von Kottwitz gründete außerdem viele Betriebe, in welchen Menschen Arbeit fanden und dadurch auch ihr Umfeld zum Guten verändern konnten. Zudem war er mit Ernst Ludwig von Gerlach befreundet, der mit seinem Bruder Leopold und dem Unternehmer Friedrich Stahl die Kreuz-Zeitung gründete, eine Zeitung, die noch viele Jahre führend war in den Kreisen der Erweckungsbewegung. Diese Menschen haben Berlin und ganz Preußen mit Gottes Hilfe verändert, indem sie die eine, unveränderliche Wahrheit für ihre Zeit verständlich und kompromisslos predigten und sich für eine bessere Welt einsetzten, indem sie Gott nach bestem Wissen und Gewissen gehorchten und ein Leben vorlebten, das Gottes Willen zeigte. Keiner von ihnen war perfekt, sie alle hatten ihre Schattenseiten, aber Gott gebrauchte sie.

Wir leben in einer ähnlichen Zeit. Auch in immer mehr Freikirchen wandert die historisch-kritische Theologie ein und findet auf den Kanzeln einen Platz. Nur selten wird die liberale Theologie als das erkannt, was sie ist: Ein Kampfmittel des Teufels, um die Gemeinden zu lähmen und zu leeren. Statt der Lehre zieht die Leere ein. Junge Menschen finden hier keine Antworten, seit etwa 15 Jahren bekommen sie bessere Antworten von den „Neuen Atheisten“, die es verstehen, den uralten Atheismus in neue Worte zu kleiden und ihn in hippem Gewand zu präsentieren: Als Wissenschaft, die immerzu zunimmt und anpassbar ist und doch zugleich letztgültige Antworten auf die Fragen der Menschen zu liefern versucht. Es kommt zu einer Spaltung der Gesellschaft in politisch links und politisch rechts orientierte antichristliche Weltanschauungen, die versuchen, Menschen mit ihren Antworten zu gewinnen. Willkommen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten!

Und hier kommen wir ins Spiel: Wer ist bereit, in seinem Umfeld für die Fragen, Sorgen, Ängste, Nöte, Zweifel und Freuden der Menschen da zu sein, gut zuzuhören und ehrliche Antworten zu geben, die etwas von der Schönheit Gottes widerspiegeln? Nicht die alten, vereinfachten Antworten, mit denen viele von uns aufgewachsen sind, sondern echte, gut durchdachte Antworten, in ein persönliches Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus gekleidet. Aus einem Leben, das man sehen, fühlen, anfassen und hören kann. Das ist Apologetik, die unsere westliche Welt braucht. Bist Du bereit dazu?

7 Gefahren bei Diskussionen über den Glauben

Nachdem ich jetzt seit rund 16 Jahren sehr oft in Gespräche und Diskussionen über die Bibel, den Glauben und das Leben als Christen verwickelt war, wurde und noch immer bin, sind mir im Laufe der Jahre einige Gefahren bei mir und auch bei anderen Christen aufgefallen, denen wir immer wieder ausgesetzt sind. Heute möchte ich die meiner Meinung nach sieben wichtigsten davon aufzählen und mir Gedanken machen, was wir tun können, um besser damit umzugehen. Zugleich möchte ich uns alle ermutigen, dass wir uns noch mehr mit der Apologetik, also den Versuchen, den christlichen Glauben zu verstehen, zu erklären und zu verteidigen, beschäftigen mögen. Im Folgenden zähle ich einiges auf. Die Reihenfolge ist ohne tiefere Bedeutung, da wir alle unterschiedlich sind und deshalb auch nicht alle allen Gefahren in gleicher Stärke ausgesetzt sind.

1. Gefahr: Diskutieren um zu gewinnen.

Lange Zeit war mein größtes Problem, dass ich ein apologetisches Gespräch als Chance sah, eine Diskussion zu gewinnen. Das war wie ein schöner Kampf, ein Kräftemessen mit Worten, da ich beim Armdrücken oft den Kürzeren zog. Da kam mir das gerade recht, denn mit Worten lernte ich schon recht früh umgehen. Auch das Bilden und Zerlegen von Argumenten fiel mir leicht, und so konnte ich mich in vielen Gesprächen am Schluss als Sieger sehen. Doch war ich das wirklich? Manche Menschen sind am Ende verletzt von dannen gezogen und hatten nur noch eine größere Wut gegen Christen. Diskutieren ist gut und oft wertvoll, aber es ist nur ein Teil und es geht dabei mehr darum, den Menschen zu gewinnen und nicht die Diskussion.

2. Gefahr: Vorsicht – Trigger!

Ich habe festgestellt, dass es gerade unter uns bibeltreuen Christen eine ganze Menge an Triggerworten gibt, die uns geradezu blind machen für unser Gegenüber. Wenn wir bedenken, dass uns gegenüber ein Mensch mit einer bestimmten Biographie ist, der auch einen bestimmten Wortschatz hat, der durch diese Biographie begründet ist, dann gilt es, bei solchen Triggern erst mal auf den Mund zu sitzen und genauer nachzufragen. Zu oft haben wir eine Vorstellung, was der Andere meinen muss, wenn er ein bestimmtes Wort gebraucht. Wenn sich jemand als feministisch vorstellt, dann frage ich immer nach, was diese Person darunter versteht. Oder wenn jemand findet, dass die Freikirchen zu dogmatisch seien, dann braucht es eine Nachfrage danach. Oder wenn jemand mit der „Fundi-Keule“ kommt, lässt sich sehr gut erörtern, was damit eben gerade nicht gemeint ist. Und so weiter. Unsere eigenen Argumente haben erst dann einen Platz, wenn wir jene des Gegenübers richtig verstanden haben und sie auch in eigenen Worten nochmal definieren und wiedergeben können. Das braucht Zeit und Kraft, aber das ist es wert! Und wie oft habe ich selbst auch schon äußerst wertvolle Lektionen des Lebens gelernt, indem ich da zugehört und nachgefragt habe.

3. Gefahr: Das Ende verpassen

Was ist eigentlich das Ziel solcher Gespräche? Das letztendliche Ziel ist es, dass Menschen erkennen, dass der christliche Glaube die eine und absolute Wahrheit ist und dass sie selbst zum Glauben an den Herrn Jesus kommen. Das ist jedoch eine ganze Menge und braucht richtig viel Zeit und viele Infos. Ein einzelnes Gespräch kann nur einen Baustein dieses Ganzen liefern. Allzu schnell vergessen wir das und geben uns richtig viel Mühe, um das ganze Bauwerk möglichst naturgetreu zu vermitteln. Das überfordert jedoch viele Menschen. Lieber ein einzelner Baustein, und dann braucht es Zeit, um diesen Stein an den richtigen Ort zu bringen. Und später, vielleicht auch durch andere Personen, der nächste Baustein. Das bringt mehr als wenn durch Überforderung und rauchenden Kopf alles verloren geht.

4. Gefahr: Alles (besser) wissen

Ich habe noch viele offene Fragen und eine große Neugier, die mir mit jeder Antwort, die ich finde, neue Fragen eröffnet. Doch oft machen apologetische Gespräche den Eindruck, als hätten Christen die Lizenz für Antworten auf alle Fragen. Eins der wertvollsten Tools ist die Rückmeldung: „Das ist eine gute Frage! Ist es ok, wenn ich mir die aufschreibe und dem nachgehe (oder: darüber nachdenke)? Möglicherweise kann ich mehr sagen, wenn wir uns wieder sehen.“ Damit gebe ich zu, dass man nicht alle Fragen beantwortet haben muss, wenn man Christ ist, und gebe meinem Gegenüber auch eine besondere Wertschätzung, indem ich die Frage lobe und etwas von meiner Zeit und Kapazität anbiete um dem nachzugehen.

5. Gefahr: Ablenkungen zulassen

Manche Menschen haben die Gewohnheit, von einem Thema zum nächsten zu springen, um keine Antwort zu bekommen, die sie zum Nachdenken zwingen müsste. Das ist eine Art Selbstschutz des Menschen. Im Rahmen der Gesprächsführung müssen wir lernen, da konsequent zu sein. Das Gegenüber hat das Recht auf diesen Selbstschutz, aber dann lässt sich nicht reden. Entweder lässt sich das Gegenüber auf ein ernsthaftes Gespräch ein und ist bereit, einem Gedanken nachzugehen, oder sonst müssen wir lernen, das Gespräch höflich aber bestimmt abzubrechen. Gerade dann, wenn keine Bereitschaft da ist, einen Begriff näher zu definieren oder zu erklären, macht das Ganze keinen Sinn mehr.

6. Gefahr: Öffentliches und Privates mischen

Hier lehne ich mich etwas aus dem Fenster. Ich muss erst erklären, was ich damit meine. Es gibt öffentliche Gespräche, die etwa online oder an der Supermarktkasse oder in der Bahn stattfinden. Und es gibt private Gespräche, die unter vier Augen stattfinden. Häufig gibt es Menschen, die anfangen, in einer solchen Diskussion ihr ganzes Privatleben auszubreiten und meinen, sie könnten aus ihrem Erleben allgemeine Lehren ableiten, die deshalb für alle Menschen gälten, weil sie bei ihnen funktioniert haben. Gerade bei den Menschen, die viel Ablehnung und Verletzungen von Christen erfahren haben, brauchen hier viel Fingerspitzengefühl und Anteilnahme. Andere Menschen sind einfach gerne rebellisch und wollen ihren Kopf durchsetzen. Sie beide brauchen gleichermaßen das Evangelium, aber mit anderen Worten. Ein solch „privates“ Gespräch öffentlich zu führen, bedeutet, dass auch Menschen mitlesen oder mithören, die etwas ganz anderes brauchen und die sich durch ein solches Gespräch in ihrem falschen Verhalten bestätigt fühlen können. Da die Grenze nicht ganz leicht zu ziehen ist, füge ich diesen Punkt mit einigem Zögern und mehrmaligem Bearbeiten an und hoffe, dass er richtig verstanden wird. Im Zweifel bitte immer nachfragen.

7. Gefahr: Aus Angst vor all den Gefahren zu schweigen

Der wohl größte Fehler, den man machen kann, besteht darin, aus Angst vor dem Fehler machen gar nichts zu tun. Ebenso ist eines der größten Probleme der Apologetik, dass es viele Christen gibt, die solche Gespräche nicht führen möchten, sondern meinen, das sei Aufgabe von Fachleuten. Wer mit Jesus Christus unterwegs ist und Ihm nachfolgt, ist damit schon Fachperson für das Leben mit Jesus geworden. Ich bin auch ein eher scheuer, zurückhaltender, ruhiger, introvertierter Mensch, aber das hält mich nicht ab, immer wieder nach Gelegenheiten zu suchen, um andere Menschen auf den Glauben aufmerksam zu machen. Lasst uns nicht schweigen, sondern einander ermutigen, im kommenden Jahr noch mehr von Jesus Christus zu erzählen und Menschen zu Seinen Jüngern zu machen!

Buchtipp: Warum Glaube großartig ist

Warum Glaube grossartig ist von Daniel Boecking

Böcking, Daniel, Warum Glaube großartig ist. Mein Glück mit Jesus, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2018, 221 S., Verlagslink, Amazon-Link

Daniel Böcking is back – mit einem neuen Buch. Eigentlich war er ja nie weg, immer wieder gab es Texte von ihm auf BILD.de und in den sozialen Medien. Aber auf dieses Buch habe ich mich schon eine Weile gefreut – seit jenem Moment, in welchem ich lesen konnte, dass es diesen Sommer veröffentlicht würde. Woher diese Vorfreude? Ich wusste eines: Wenn dieser Mann, der dazu auch noch stellvertretender Chefredakteur von BILD online ist, ein Buch schreibt, dann wird es von Jesus übersprudeln. Er hat eine Freude und eine Einfachheit des Glaubens, die ich mir in christlichen Büchern häufiger wünschte. Ich war gespannt, ob ich in allen Aussagen mit ihm mitgehen könnte (dazu später noch mehr), aber in erster Linie freute ich mich darauf, von ihm und seinem Glaubensweg zu lesen. Und das war echt wohltuend. Immer wieder fühlte ich mich in die Zeiten vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als ich so manches Erlebnis hatte, das in eine ähnliche Richtung ging.

Man kann das Buch in drei Teile gliedern: Eine Einführung, einen Hauptteil und einen Schluss. In der Einführung erzählt Böcking nach einem ausgeschriebenen Gebet ein wenig von ihm. Wer sein erstes Buch gelesen hat, dem wird manches schon bekannt sein. Er geht darauf ein, welche Vorurteile er vor seiner Bekehrung den Christen gegenüber hatte und stellt insbesondere sechs Überraschungen vor, welche er kennen lernte, als er sich mit dem christlichen Glauben und den christlichen Gemeinden und Menschen befasste. Diese sechs Überraschungen bestimmen dann auch die Gliederung seines Hauptteils, in welchem er viel von seinen Erlebnissen berichtet, die er in diesen Jahren seit seiner Bekehrung hatte. Der Schluss ist eine 10-Wochen-Challenge, mit welcher er versuchen möchte, Menschen dazu zu bringen, den christlichen Glauben besser kennen zu lernen.

Schön finde ich, wie der Autor nicht davor zurückschreckt, den Glauben als vernünftig und nachvollziehbar zu beschreiben. Der Leser wird geradezu herausgefordert, die Gründe dafür zu prüfen und sich selbst auf die Suche zu machen. Besonders ist dafür auch die Challenge am Schluss zu empfehlen. Die Einladung dazu ist geradezu entwaffnend simpel und authentisch. Das Buch besteht aus sehr vielen persönlichen Berichten und versucht auch, die Unterschiede der verschiedenen Denominationen zu erklären. Das fand ich sehr gut.

Auf der anderen Seite gibt es zwei Punkte, die ich eher schwierig fand. Der erste hat mit der Sprache zu tun, und zwar versucht Böcking, so einladend und allgemein, positiv und beliebig zu bleiben, dass am Ende vieles gleichgültig wird. Die Unterschiede werden nur noch wahrgenommen, aber es findet keine klare Beurteilung statt. Ich kann verstehen, dass man gern so happy-clappy in Friede-Freude-Eierkuchen bleibt, aber es geht dabei die Ernsthaftigkeit der Unterschiede verloren. Wer mit allen nur gut stehen will – um jeden Preis – wird am Ende mit niemandem gut stehen. Allerdings muss ich zu diesem Punkt auch hinzufügen, dass dies vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor noch zu wenig lange Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass die Zeit und die Erfahrung, sowie das weitere ernsthafte Bibelstudium, ihn auch in diesem Punkt noch weiter bringen wird.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und betrifft die Empfehlung eines Buches sowie jene bestimmter Gebetspraktiken. An einer Stelle wird ein Buch des Autors Anselm Grün positiv erwähnt, dessen Schriften bei mir nach wie vor nur zwischen Rudolf Bultmanns entmythologisierender „Theologie des Neuen Testaments“ und Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ zu finden sein werden. Auch meditative Gebetspraktiken, die fernöstliche Meditation zu verchristlichen suchen, kann ich nicht guten Herzens empfehlen. Doch auch hier bin ich der Überzeugung, dass weitere Recherchen mit Bibel und Gebet Böcking eine weitere Erkenntnis schenken werden.

Fazit:

Daniel Böcking schreibt in seinem Buch „Warum Glaube großartig ist“ sehr viel Schönes und Gutes. Es macht viel Freude, seine – oft auch selbstkritischen – Berichte von seinen Abenteuern in der deutschen Gemeindelandschaft zu lesen. Bis auf zwei oben erwähnte Punkte möchte ich „Warum Glaube großartig ist“ jedem Interessierten sehr empfehlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sterne.

In dieser Zwischenzeit

Dietrich Bonhoeffer sprach vom Letzten und vom Vorletzten. Das Letzte sind die Dinge, die die Ewigkeit betreffen. Über diese wissen wir eine ganze Menge. Und zuweilen gibt es auch im Vorletzten, in unserer Zeit auf Erden hier, einen kleinen Vorgeschmack vom Letzten. Der Balanceakt der Zwischenzeit ist derjenige, dass wir uns von keinem der zwei Extreme gefangen nehmen lassen. Weder von der Weltflucht noch von der Verweltlichung. Wenn sich manche Christen heutzutage wünschen, dass sich Institutionen des Staates, wie etwa Armee oder Polizei, entwaffnen lassen sollen, damit nur noch die Feinde der Demokratie Macht ausüben können, so ist dieser verlogene Pazifismus eine Möglichkeit der Weltflucht, eine Realitätsverweigerung, dass es eben auch noch Unrecht gibt in dieser Zwischenzeit, und dass diese Institutionen dafür geschaffen sind, um rechtschaffene Bürger vor Willkür zu schützen. Oder wenn versucht wird, gesellschaftliche Phänomene wie Vegetarismus oder auch Ideologien wie der Kommunismus mit biblischen Argumenten zu untermauern, so handelt es sich um Verweltlichung, denn das weltliche Denken wird in die Bibel hineingelesen, statt dass diese aus sich selbst heraus ausgelegt wird. Beide Extreme sind gleichermaßen trügerisch, denn sie versuchen, die Spannung in dieser Zwischenzeit aufzulösen, indem beide parallelen Wahrheiten des „schon – noch nicht“ auf dieselbe Linie heruntergebrochen wird. Entweder indem man versucht, auf der Erde wie im Himmel zu leben – oder indem man den Himmel irdisch definiert.

In der Spannung leben – das ist oft anstrengend. Aber jeder Mensch lebt in bestimmten Spannungsfeldern, und gerade diese Spannung ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch eigentlich nicht (nur) für diese Zeit hier auf Erden geschaffen ist. Diese Zwischenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, der Besinnung, der Sehnsucht, damit wir für die Ewigkeit bereit werden. Es gibt in dieser Zwischenzeit kein anhaltender Extremzustand. Nach dem durch Alkohol erzeugten Höhenflug folgt der Absturz und der Kater. In der Freude ist immer auch ein bittersüßer Beigeschmack, der uns daran erinnert, dass dies hier noch nicht das Letzte ist, sondern das Vorletzte und die Vorfreude auf die eigentliche Freude. Auch im Frieden ist oft schon latent die nächste Verstimmung angelegt, denn oft müssen beide Seiten um zu einem Kompromiss zu gelangen, auf wichtige Dinge verzichten, die ihrerseits wiederum zur Eifersucht anstacheln. Die Schönheit eines Regenbogens wird durch den Zwiespalt von Regen und Sonne erzielt, es ist das Zusammenfallen von angenehmen und wichtigem aber weniger angenehmem Wetter. Ähnliches gilt für den Sonnenuntergang. Auch dieser ist – zum Glück – nicht von Dauer, sondern gerade auf der Spitze der untergehenden Sonne zu finden. Das farbenfrohe Schauspiel wird durch stetige Veränderung der Farben hervorgerufen. Deshalb ist auch das live-Erlebnis um ein Vielfaches beeindruckender als das statische Festhalten eines einzelnen Moments durch ein Foto oder Bild. Gute Musik lebt von Disharmonien, welche Spannung erzeugen und im just richtigen Moment wieder aufgelöst werden. Ungewissheit, düstere, zwielichtige Momente können auch in einem Buch eine Spannung erzeugen, und diese Spannung kann gerade den Unterschied zwischen besonders interessanten und weniger interessanten Leseerlebnissen ausmachen. Dasselbe gilt auch für den abendlichen Spaziergang im Wald. Das Spiel von Licht und Schatten, verschiedenen Grautönen, das Rascheln im nahen Gebüsch, der Wind im Blätterdickicht, all das zusammen erzeugt ein wohliges Gespanntsein, das sich durch das Ende des Dunkels im vollen Licht oder im Schein der Straßenlampe wieder auflöst und das Erlebte länger im Gedächtnis behalten lässt. Der wohlige Schauer eines warmen Bades oder einer Rückenmassage am Ende eines anstrengenden Arbeitstages schenkt ein Ende des Ver-Spannt-Seins und sorgt für einen besonderen Moment, den man ohne die Anstrengung und Anspannung davor nicht gleichermaßen genießen könnte.

Kurz – in dieser Zwischenzeit sind wir Zwischenwesen, die den steten Wandel, die stete Abwechslung benötigen, um gesund auf unsere Umgebung reagieren zu können. Diese Abwechslung im Vorletzten bereitet uns für die Ewigkeit im Letzten vor. Ewige Freude. Ewige Liebe. Ewiger Frieden. Ewige Gemeinschaft mit Gott. Ewiges Lob Gottes. Ewige Feier der Erlösung. Ond etz sag amol, werd des denn niamols fad? Als Zwischenwesen leben wir im Raum-Zeit-Kontinuum, einfacher gesagt in der Raumzeit. Wir können alles immer nur als eine aufeinanderfolgende Reihe von einzelnen Ereignissen wahrnehmen. Immanuel Kant hat etwa bezweifelt, ob man die Tatsache von Raum und Zeit tatsächlich beweisen könne; er meinte, dass einfach unser Gehirn so gestrickt sei, dass wir alles als räumlich und zeitlich in unserem Denken einordnen würden. Aber stellen wir uns mal vor, wir befinden uns bei Gott – also außerhalb der Raumzeit. Plötzlich können wir alles auf einmal wahrnehmen. Nicht mehr nacheinander. Alles gleichzeitig, und dann erst noch so ohne Ende. Die Unendlichkeit von Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung, alles auf einmal. Stell Dir den einen, schönsten Moment Deines Lebens vor. Freude hat in unserem zwischenzeitlichen Leben mit der Auflösung einer Spannung zu tun. Und dann stell Dir vor, dieser eine Moment inklusive der Freude, inklusive der Erinnerung an die Spannung, inklusive allem was zu diesem Moment gehört, alles zusammen wird für immer konserviert, und zugleich sind wir nicht mehr Raumzeitwesen, sondern Ewigkeitswesen, die nicht mehr auf all das Irdische angewiesen sind.

Ich weiß nicht, ob diese Vorstellung mit der Zukunft übereinstimmt. Vermutlich ist sie viel zu irdisch, viel zu klein, viel zu zwischenzeitlich. Aber es ist eine der möglichen denkbaren Vorstellungen, die wir uns machen können, um unsere Vorfreude auf die Ewigkeit zu stärken. Und ich denke, dass es diese Vorfreude wert ist, dass wir dafür auch versuchen, uns dies vorzustellen. Es ist nicht immer einfach, aber es ist einfach immer wertvoll, über die Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes nachzudenken. Diese Gedanken über das Letzte helfen uns, dass wir uns im Vorletzten auf die vorletzten Dinge konzentrieren. Sie helfen uns, uns darauf zu fokussieren, damit möglichst viele Menschen noch mit in diese Ewigkeit bei Gott kommen können. Ewigkeit ohne Gott ist höllisch schrecklich, die wünschte ich niemandem.

Buchtipp: Francis Schaeffer – An Authentic Life

Duriez, Colin, Francis Schaeffer – An Authentic Life, Inter-Varsity Press, Nottingham England, 2008, 240S., Amazon-Link

Colin Duriez ist Literaturwissenschaftler und hat selbst mal eine Zeit lang in L’Abri bei Edith und Francis Schaeffer gelebt. Er hat sich viel mit C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien befasst, und 2008 hat er eine Biographie über Francis August Schaeffer herausgegeben. Es gibt einiges an Literatur über Schaeffer, aber ein solches Werk hat bis dato noch gefehlt, eine Biographie, welche versucht, den gesamten Lebensweg von Schaeffer von seiner Kindheit bis ins Alter nachzuzeichnen. Viele Bücher und Aufsätze haben sich mit vielen Bereichen von Schaeffers Werk befasst, sein Geschichtsverständnis, seine Philosophie, seine apologetische Methode, etc. Aber irgendwie fehlt da sehr oft der Mensch dahinter; seine Geschichte, die ihn zu genau dem machte, der er war. Deshalb bin ich für Duriez’ Werk sehr dankbar.

Wer einen kurzen Abriss von Schaeffers Leben und Werk lesen möchte, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich dazu mal geschrieben habe. Besonders wichtig finde ich im Werk von Duriez die Schilderung der geistlichen Krise, die Francis Schaeffer durchmachte, als er zum ersten Mal in den Schweizer Alpen lebte. Es war eine der prägenden Zeiten seines Lebens. Mich beeindruckt es sehr, wie Schaeffer ehrlich und kompromisslos mit seinen Zweifeln umging. Es war eine der schwersten Zeiten seines Lebens, vielleicht noch schwerer als die Entscheidung, auch gegen den Willen seines Vaters Theologie studieren zu wollen. In der Krisenzeit lernte Schaeffer eine Tatsache, die er später unzählige Male in verschiedenen Versionen wiederholte: Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb ein Mensch Christ werden soll, und der ist, dass das Christentum wahr ist. Deshalb konnte er von der true truth, der wahren Wahrheit, sprechen.

Colin Duriez tut einen super Job, das Leben und die Herausforderungen der Familie Schaeffer zu beschreiben. Das Buch eignet sich sehr gut als Ergänzung zum Bericht „L’Abri“ (Link) von Edith Schaeffer. Einen Nachteil hat das Buch allerdings: Die 240 Seiten sind viel zu schnell vorbei. Es reicht nicht, um weiter in die Tiefe zu gehen; vieles wird nur ein wenig gestreift. Ich würde gern mehr über andere Schülerinnen und Schüler wie etwa Nancy Pearcey und viele andere erfahren, wie sie ihre Zeit dort erlebt haben. Mir ist das Buch insgesamt zu kurz: Gerne hätte ich drei bis vier Mal so viele Seiten, die in derselben hohen Qualität beschrieben sind. Vielleicht wird noch jemand ein solches Werk schreiben. Ich gebe dem Buch von Colin Duriez fünf von fünf Sternen und empfehle es gerne jedem weiter, der sich für Schaeffer interessiert. 

Buchtipp: L’Abri von Edith Schaeffer

Schaeffer, Edith, L’Abri, Oncken Verlag Wuppertal / Kassel, 5. Aufl. 1977, 205 S., Amazon-Link

Inzwischen zum vierten Mal habe ich nun Edith Schaeffers Buch „L’Abri“ gelesen. Jedes Mal berührt es mich wieder erneut zutiefst, zu lesen, wie eine Familie aus den Staaten in die Schweizer Alpen zieht, in ein kleines, abgelegenes Dorf, und plötzlich aus der ganzen Welt junge Menschen anzieht. Was für diese Menschen so attraktiv ist, sind zwei Dinge zugleich: Da waren Menschen, die sie ernst nahmen, mit all ihren Fragen, Zweifeln, Gedanken, sie einlud, alles zu sagen und ihnen half, den christlichen Glauben zu verstehen. Und dann war dieselbe Familie da, die ganz ohne Bettelbriefe, ganz ohne Spendenaufrufe, einfach Tag für Tag das Notwendige aus Gottes Hand erbat. Und bekam. Da wurde Gottes Größe für sie plötzlich lebendig. In diesem Leben und im Lieben. Auch mit dem ganzen Verstand.

Die Familie Schaeffer hat Mission mal ganz anders gemacht. Zunächst einmal haben sie sich nicht hingesetzt und geplant. Nein, sie haben sich auf den Weg gemacht und sich von Gottes Vorsehung Schritt für Schritt führen lassen. Nicht immer ganz einfach, denn es gibt da auch Widerstände. Am ersten Ort in den Schweizer Alpen bekehren sich zu viele populäre Katholiken, da kam plötzlich ein Bescheid, dass sie die Schweiz innerhalb von sechs Wochen zu verlassen hätten. So öffnet ihnen Gott – sozusagen im letzten Moment vor der Ausweisung – eine neue Türe in einem kleinen Dorf, weit abgelegen von jeglicher Stadtnähe. Dann ist es also ein Missionswerk, das nicht „zu den Menschen“ geht, sondern die Menschen zu sich kommen lässt. Und sie sind gekommen. Im Laufe der Jahre sind tausende von jungen Menschen nach L’Abri gekommen, haben am Familienleben teilgenommen und sich in abendlichen Diskussionen mit dem biblischen Weltbild befasst. Und nicht zuletzt haben sie auch nicht auf Zahlen gesetzt. Der einzelne Mensch zählt, nicht die Masse an Menschen, die kommen. Es waren immer nur gerade so viele aufs Mal da, dass alle zu Wort kommen konnten, und gerade das war auch so wichtig. Es war ein Missionswerk für junge denkende Menschen, von denen viele schon längst mit dem christlichen Glauben abgeschlossen hatten. Wer kann denn sowas heute noch glauben? Edith und Francis Schaeffer konnten – und wussten es auch sehr anschaulich zu erklären. Außerdem war ihr ganzes Leben eine große Erklärung des Christentums.

Bei jedem erneuten Lesen dieses Buches beginne ich zu beten: Herr, schenke uns heute noch mehr L’Abris! Noch mehr Schaeffers! Und noch mehr Türen und Gelegenheiten, um der jungen Generation so klar und deutlich die wahre Wahrheit nahe zu bringen. Um es mit Francis Schaeffer zu sagen: Der einzige Grund, weshalb jemand Christ werden soll, ist der, dass das Christentum wahr ist. Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter und gebe ihm fünf von fünf möglichen Sternen.

Wer sich noch näher für die Familie Schaeffer interessiert, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich zu Leben und Werk von Francis August Schaeffer geschrieben habe. In den nächsten Wochen werden noch ein paar weitere Blogposts zu Büchern von und über Schaeffers und vielleicht auch mehr folgen.

5 Gründe, warum mich die junge Generation hoffen lässt

1. Weil Gottes Gnade groß ist

Ich bin enorm dankbar für die junge Generation, die Menschen, welche jetzt Kinder und Teenies sind. Sie machen mir große Hoffnung. Doch der wichtigste Grund, der mich für die junge Generation hoffen lässt, liegt nicht in den Menschen, sondern in Gottes mächtiger Gnade, die groß ist und mehr zu tun vermag als wir je zu erdenken, erhoffen oder zu erbitten vermögen. Paulus ermutigt den jungen Timotheus: Niemand verachte dich wegen deiner Jugend, sondern sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit. (1Tim 4,12) Und ich darf mir viele junge Menschen zum Vorbild nehmen, von denen ich unglaublich viel lernen kann. Das ist ein riesiges Vorrecht.

2. Mehr Kinder als lange Zeit davor

Es werden zur Zeit in Deutschland mehr Kinder geboren als viele Jahre davor. Zuweilen spricht man sogar von einem „kleinen Babyboom“, der zwar noch lange nicht mit jenem der Nachkriegszeit verglichen werden kann, aber seit 2011 werden jedes Jahr mehr Kinder geboren als im jeweiligen Jahr davor. Viele Menschen haben gemerkt, dass Kinder ein echter Segen sind, und sind bereit, für die kommende Generation Verantwortung zu übernehmen. Das macht mir Hoffnung. Außerdem ist die Anzahl der pränatalen Kindsmorde seit einigen Jahren rückläufig. Das bedeutet leider immer noch unermesslich viel Leid und schreckliche Folgen, aber immerhin geht der Trend langsam in die richtige Richtung. Hier müssen wir dran bleiben und uns weiter für das Recht auf Leben für die Schwächsten und Hilflosesten einsetzen.

3. Die Suche nach der EINEN Wahrheit

Die junge Generation weiß wieder um die Tatsache, dass es nur eine Wahrheit geben kann – und dass diese gesucht und gefunden werden will. Das ist eine phantastische Ausgangslage für die Gemeinde Jesu Christi, um hier den Weg, die Wahrheit und das Leben zu zeigen. Natürlich gibt es nach wie vor einige „Konkurrenz“ auf dem Marktplatz der Wahrheitsanbieter, aber unsere jungen Menschen werden langfristig bemerken, dass einzig die Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist, mit der Realität übereinstimmt; auch und gerade da, wo es um Dinge geht, die unser Leben auf den Kopf stellen und uns zum Neu-Denken herausfordern.

4. Logik und Argumente werden wieder salonfähig

Aus der jungen Generation werden wieder große Denker, Philosophen, Theologen und Künstler aufstehen, die um den Wert von Denken, Logik und Argumenten wissen. Es wird nicht mehr „Deine Logik und meine Logik“ oder „Deine Wahrheit und meine Wahrheit“ geben, sondern Argumente werden auf allen Seiten ausgetauscht, um der einen, gemeinsamen absoluten Wahrheit näher zu kommen. Es ist der perfekte Nährboden für Apologetik in den Gemeinden. Wohl den Menschen, die sich rechtzeitig darauf einstellen, bevor die jungen Menschen mit einem Wischi-Waschi-Friede-Freude-Eierkuchen-Wir-ham-uns-alle-lieb-und-sind-grenzenlos-tolerant-Anti-Evangelium aus den Gemeinden vergrault worden sind.

5. Charakter zählt wieder mehr

Die Zeit des zerstückelten, fragmentierten Menschen ist vorbei. Die junge Generation will sich als Einheit sehen, als ganze Menschen, wo es nicht mehr nur um gute „Werte“ geht, sondern um den Charakter. Sie sucht nach den Helden des Alltags und möchte Vorbilder haben, um selbst wieder anderen zum Vorbild werden zu können. Das gibt mir Hoffnung und lässt mich immer wieder erneut dankbar von den jungen Menschen lernen.

Richard Dawkins und das Argument gegen Gott

Im letzten Teil haben wir gesehen, dass Dawkins versucht, sich mit den Gottesbeweisen zu befassen, aber auch, dass es bei ihm beim Versuch bleibt. Im vierten Kapitel präsentiert er sein Argument gegen Gott – und wir werden sehen: Wenn dies das beste Argument gegen Gott sein soll, so müsste es schon lange eine riesige weltweite Erweckung gegeben haben. Am Ende des vierten Kapitel fasst Dawkins sein Argument folgendermaßen zusammen (ich habe es um der Lesbarkeit willen ein wenig gekürzt, ohne jedoch den Wortlaut zu ändern und ohne etwas für das Argument Wichtiges wegzulassen):
1. Eine der größten Herausforderungen für den menschlichen Geist war über viele Jahrhunderte hinweg die Frage, wie im Universum der komplexe, unwahrscheinliche Anschein von gezielter Gestaltung entstehen konnte.
2. Es ist eine natürliche Versuchung, den Anschein von Gestaltung auf tatsächliche Gestaltung zurückzuführen.
3. Diese Versuchung führt in die Irre, denn die Gestalterhypothese wirft sofort die umfassendere Frage auf, wer den Gestalter gestaltet hat. […] Wir brauchen keinen „Himmelshaken“, sondern eine „Kran-Konstruktion“, denn nur der Kran kann die Aufgabe erfüllen, von etwas Einfachem auszugehen und dann allmählich und auf plausible Weise eine ansonsten unwahrscheinliche Komplexität aufzubauen.
4. Der genialste und leistungsfähigste „Kran“, den man bisher entdeckt hat, ist die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion.
5. Einen entsprechenden „Kran“ für die Physik kennen wir nicht.
6. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in der Physik noch ein besserer „Kran“ gefunden wird, der ebenso leistungsfähig ist wie der Darwinismus in der Biologie.
Schlussfolgerung: „Wenn man die Argumentation dieses Kapitels anerkennt, ist die Grundvoraussetzung der Religion – die Gotteshypothese – nicht mehr haltbar. Gott existiert mit ziemlicher Sicherheit nicht.“
(Zitate aus „Gotteswahn“, S. 265 – 266)
Fragen wir uns zunächst: Was macht ein gutes Argument aus? Ein Argument besteht aus mindestens zwei Prämissen, die zu einer Schlussfolgerung führen, die sich zwingend aus diesen ergibt. Bei einem korrekten Argument muss man dann nicht mehr den Schluss prüfen, sondern lediglich die Prämissen. Wenn diese korrekt sind, muss es der Schluss auch sein. Ein Beispiel für ein solches Argument:
P1. Alle Menschen sind sterblich.
P2. Ich bin ein Mensch.
S: Somit bin ich sterblich.
Wie sieht es bei der Schlussfolgerung von Dawkins aus? Ergibt sich der Schluss – nämlich dass Gott mit „ziemlicher Sicherheit“ nicht existiert – aus den Prämissen? Mal anders gefragt: Wenn alle Prämissen wahr wären, wäre dann die Schlussfolgerung zwingend notwendig? Nein – denn selbst wenn es einen „Kran“ für die Physik gäbe und selbst wenn es auf die Frage, woher der Gestalter kommt, keine Antwort gäbe, und so weiter, so würde das alles trotzdem nicht gegen die Existenz Gottes sprechen. Selbst wenn das gesamte Universum nicht nach Design aussehen würde, wäre das kein Argument gegen Gott. Man sieht also, dass Dawkins seine Schlussfolgerung sehr an den Haaren herbeigezogen hat. Es handelt sich somit um ein ungültiges Argument.
Dann können wir uns auch noch die Prämissen ansehen:
In Prämisse 1 behauptet Dawkins, es sei eine Herausforderung gewesen, herauszufinden, warum im Universum so viel nach gezielter Gestaltung aussehen würde. Daran ist eine ganze Menge falsch. In der Wissenschaft gibt es ein wichtiges Prinzip, das uns hilft, unter verschiedenen Theorien die wahrscheinlichste zu finden. Das ist das Prinzip der Einfachheit. Wenn ich unterschiedliche Theorien habe, die alle dasselbe erklären, dann suche ich jene aus, die am wenigsten verschiedene Einheiten, Teile, oder Variablen hat. Dasselbe macht man in der Mathematik auch: Den Ausdruck 25/5 (fünfundzwanzig Fünftel) schreibt man in der einfachsten Form auf, nämlich 5. Oder 5/25 schreibt man als 1/5. In unserem Fall wäre die einfachste Theorie: Wenn das ganze Universum so sehr nach Gestaltung aussieht, dann haben wir sehr gute Gründe, anzunehmen, dass es auch gestaltet ist. Und dann müssen schon extrem starke Gründe dagegen aufkommen. Wörter sind ja auch nichts anderes als Töne. Töne könnten schon rein zufällig entstehen, aber wenn ich irgendwo den genauen Wortlaut von Schillers „Glocke“ höre, dann ist das ein guter Grund zur Annahme, dass es einen Rezitierer oder Vorleser gibt. Prämisse 2 ist damit auch widerlegt.
In Prämisse 3 stellt Dawkins die Behauptung auf, dass ein Gestalter zwangsläufig die Frage aufstelle, wer den Gestalter geschaffen habe. Dasselbe kann man auch bei Schillers „Glocke“ fragen: Wer hat denn den Autor, nämlich Friedrich Schiller, geschaffen? Dawkins würde natürlich auf die Vorgänge von Mutation und Selektion verweisen, was wiederum die Frage aufwirft, wer denn diese Vorgänge geschaffen habe. Um nun diese Frage zu beantworten, muss Dawkins auf die Physik Bezug nehmen, welche laut Prämisse 5 keine Erklärung hat. Letztendlich bleibt es also eine Sache des Glaubens, auf welche Herkunft man schlussendlich vertraut. Der „Kran“ von Dawkins entpuppt sich also mindestens ebenso sehr als ein „Siemens Lufthaken“.
Prämisse 4 ist nicht ganz schlecht, hat aber durchaus auch so ihre Löcher. Dawkins meint, dass der Darwinismus alles erklären könne. Nun gibt es zwar einige interessante Modelle, die manche Veränderungen erläutern können. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Anfragen an diese Modelle, weil sie eben genau das sind: Modelle. In der Schule lernt man in wunderbarer Regelmäßigkeit das Atommodell, obwohl seit zig Jahrzehnten klar ist, wie falsch dieses Modell ist. Für einen Schüler erklärt das Modell gut und einfach, wie die Stoffe aufgebaut sind. Dennoch sind es lediglich Modelle, die einzelne Aspekte korrekt und viele andere inkorrekt wiedergeben.
Prämisse 5 zerstört im Grunde genommen das gesamte Argument von Dawkins; sie ist nämlich korrekt. Eine einzige falsche Prämisse reicht in einem korrekten Argument aus, um das gesamte Argument zu entkräften.
Prämisse 6 ist keine Prämisse im strengen Sinn – es ist der Ausdruck einer Hoffnung. Der Autor des Buches hofft, dass es eines Tages eine Erklärung für die Entstehung der Physik geben würde. Es gibt eine – nur ist Dawkins leider zu verblendet, um diese anerkennen zu können. Mit der einfachsten aller Erklärungen und jener, welche die Realität am besten abbildet, könnte sich Dawkins zufriedengeben. Doch nichts da, lieber alles abstreiten und am Ende hoffen, dass es irgendwann noch eine Erklärung gibt.
Dawkins ist dem “Atheismus-Wahn” verfallen. In diesem Zustand lässt man keine guten Argumente gelten, sondern lehnt alle ab, die von einem Gestalter ausgehen. Nicht aus einem guten Grund, sondern einfach weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Er ist zum Missionar für einen aggressiven Atheismus geworden, der versucht, alles andere platt zu walzen. Dawkins fehlt nicht nur das theologische und philosophische Wissen, um sich mit den Themen seines Buches auseinanderzusetzen, sondern auch die Argumente. Wenn es nur um diese Argumente gingen, also wenn Dawkins mit diesem Buch die besten Argumente für den Atheismus präsentieren würde, dann müsste es schon längst weltweit einen riesigen Aufbruch von Atheisten zum Theismus geben. Dawkins ist ein exzellenter Biologe und sehr begabt darin, mit viel Phantasie komplexe Thesen einfach zu erklären, aber hier überschreitet er seine Kompetenzen bei weitem. Schuster, bleib bei deinen Leisten!
Die Blindheit in dieser atheistischen Blase hat einen anderen Grund als Argumente. Sie stammt zumeist aus der Biographie. Menschen, die enttäuscht oder verletzt wurden von anderen Menschen, die an Gott glauben, sind leichter dafür anfällig, sich zum Atheismus zu bekehren und in diesem das Heil zu suchen. Es braucht viel Gebet für diese Menschen, damit sie wieder offener werden für die zahlreichen guten Gründe, die dafür sprechen, dem Herrn Jesus ernsthaft nachzufolgen.

Richard Dawkins und die Gottesbeweise

Wir kommen nun zum dritten Kapitel von Richard Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“. In diesem Kapitel versucht Dawkins auf die sogenannten Gottesbeweise einzugehen. Einmal mehr beweist er jedoch seine vollkommene Unfähigkeit, sich mit der Materie erst einmal auseinanderzusetzen, bevor er sie beurteilen kann. Es ist nicht ganz einfach, sich in einem einzelnen Post mit der ganzen Thematik der Gottesbeweise auseinanderzusetzen, deshalb werde ich mich auf allgemeine Hinweise beschränken. Ich habe vor, hier im Blog noch eine ganze Serie zu den Gottesbeweisen zu veröffentlichen, und kann dann auch auf die Argumente von Dawkins (und anderen) im Einzelnen eingehen.
Zunächst zeigt Dawkins, dass er den Sinn von Gottesbeweisen nicht versteht. Wer sich etwas tiefer in die Literatur zu diesen einliest, wird bald sehen, dass die Gottesbeweise etwas anderes sind als wissenschaftliche Beweise. Es wurde deshalb auch schon oft die Frage gestellt (und unterschiedlich beantwortet), ob man diese Art von Argumenten nicht besser anders benennen sollte. Dawkins schreibt: Die fünf »Beweise«, die Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert formulierte, beweisen überhaupt nichts.“(S. 127) Was Dawkins in diesem Satz unter „beweisen“ versteht, ist eine sehr beschränkte Definition eines Beweises. Was er meint, ist, dass ein Beweis nach seiner Definition unter denselben Umständen (wie etwa Druck, Wärme, etc.) beliebig oft wiederholt werden können. Er will nur das als Beweis gelten lassen, was experimentell beliebig oft wieder zum selben Resultat führen wird. Doch auch in der Wissenschaft gibt es eine Menge Annahmen, die nicht beliebig wiederholt werden können. Das beginnt zum Beispiel damit, dass manche Experimente sehr teuer und aufwendig sind. Für manche davon gibt es nur einen einzigen Ort, an welchem sie durchgeführt werden können, weil die Instrumente dazu bisher nur an einem Ort existieren. Andere Experimente wie man sie machen müsste, um die Entstehung des Weltalls oder des Lebens zu beweisen sind nicht möglich, weil es diese bereits gibt und für ein entsprechendes Experiment wohl länger als ein Menschenleben geforscht werden müsste. Und dann gibt es auch noch Dinge, welche in der Natur nur sehr selten vorkommen, zum Beispiel bestimmte Konstellationen der Himmelskörper. Diese kann man zwar in Computermodellen berechnen, was aber keinerlei Beweis ist, sondern eben nur eine Rekonstruktion oder ein Modell, welches eben durch Beobachtung zuerst erhärtet werden müsste. Und dann gibt es auch noch viele Experimente, die bisher noch gar nicht durchführbar sind, weil die Technik Grenzen hat oder weil die notwendigen Geräte dazu noch nicht erfunden worden sind.
Was hat das nun mit Gottesbeweisen zu tun? Damit Gottesbeweise in sich stimmig sind, muss man zunächst einmal überhaupt die Möglichkeit zulassen, dass Gott existieren „darf“. Natürlich existiert Gott auch dann, wenn niemand diese Möglichkeit zulassen will. Aber der Mensch, der von vornherein ablehnt, dass Gott existiert, nimmt sich selbst die Möglichkeit, Gott erkennen zu können. Man könnte sagen: Gottesbeweise machen dann Sinn, wenn man sich innerhalb des biblischen Weltbilds bewegt. Die biblische Weltanschauung ist ein großes Ganzes, in welchem jeder Teil der Realität einen Platz hat. Wissenschaftliche Weltbilder, die versuchen, ohne Gott klarzukommen, zerfallen in zig kleine Teilgebiete, in denen überall einzelne Ergebnisse erzielt werden können, aber das große Ganze passt nicht mehr zusammen. Damit man Gottesbeweise neutral bewerten kann, muss man sich zuerst ins Innere der christlichen Weltanschauung begeben, und genau das ist der Fehler von Dawkins: Er ist nicht bereit dazu. Er bleibt lieber auf seinem vermeintlich sichereren „Außenposten“ und versucht, in die „christliche Blase“ zu schauen. In Wirklichkeit ist er aber in einer atheistischen Blase gefangen und hat keinerlei Bezug zu einem biblischen Weltbild. Er kann nur von seiner atheistischen Denkweise ausgehen und verfehlt dadurch komplett, was er tun möchte.
Viele Philosophen sind da tatsächlich viel weiter gekommen als Dawkins. Etwa Bradley Monton, ein Wissenschaftsphilosoph, hat sich in seinem Buch „Seeking God in Science“ mit denselben Argumenten auseinandergesetzt. Er bleibt am Ende des Buches Atheist, aber er gibt zu, dass ihn die Argumente der Gottesbeweise in seinem Atheismus weniger sicher machen. Er hat sich auf dieser Suche Mühe gegeben, die Argumente möglichst neutral und unter der Annahme der Möglichkeit, dass Gott eben doch existieren könnte, zu untersuchen. Seine Gegenargumente sind auf jeden Fall deutlich besser als die von Dawkins – wenngleich auch sie nicht überzeugen. Auch das ist wieder ein Fall für eine mehrteilige Serie zum Thema, weshalb ich hier nicht weiter darauf eingehe.
Besonders amüsant ist Dawkins’ Auseinandersetzung mit dem Argument der Schönheit: „Natürlich sind Beethovens späte Streichquartette erhabene Kunstwerke. Das Gleiche gilt für die Sonette von Shakespeare. Sie sind erhaben, wenn es einen Gott gibt, und sie sind auch erhaben, wenn es ihn nicht gibt. Sie beweisen nicht die Existenz Gottes, sondern die Existenz Beethovens oder Shakespeares.“ (S. 142) Damit geht er aber gar nicht auf das eigentliche Argument ein. Er kann nicht zeigen, warum so gut wie alle Menschen einen Sonnenaufgang schön finden. Genau das müsste er können, wenn er das Argument entkräften wollte.
Auffällig ist, dass Dawkins für jedes Argument jeweils eher schwache Argumentatoren aussucht. Gerade am Schluss, wenn er sich mit der Zusammenfassung der Argumente befasst und das Gesamt-Argument der Gottesbeweise kritisiert. Hierbei geht es um den Versuch, die verschiedenen Argumente für Gott in eine Beziehung zueinander zu setzen und eine Wahrscheinlichkeit zu „berechnen“ oder besser gesagt, abzuschätzen. Einer der großen christlichen Philosophen, Richard Swinburne, der dies in seinem Buch „The Existence of God“ sehr ausführlich, selbstkritisch und vorsichtig getan hat, könnte Dawkins noch eine Menge lehren, wenn sich dieser mit dem Buch von Swinburne etwas genauer auseinandergesetzt hätte. Leider ist die atheistische Überheblichkeit größer als der Wille, etwas zu lernen, was dem eigenen Weltbild widerspricht.
Interessant ist aber auch, welche Argumente Dawkins auslässt. Entweder weil er sie für so wenig überzeugend hält – oder aber, was wahrscheinlicher ist – weil er zu wenig gute Gegenargumente hat. Wenn man die Auseinandersetzungen von Dawkins mit denen von Bradley Monton im oben erwähnten Buch vergleicht, fällt dies besonders auf. Monton muss ziemlich tief in die Trickkiste der neueren wissenschaftlichen Thesen greifen, um auf die Argumente zu antworten. Es ist natürlich ok, dass Monton das tut, aber es zwingt ihn, diese Argumente ziemlich ausführlich zu erklären, damit sie für den durchschnittlichen Leser verständlich werden. Genau darauf möchte Dawkins im „Gotteswahn“ verzichten, weil er auch dem wissenschaftlich und philosophisch weniger gebildeten Leser die Möglichkeit geben will, das Buch leicht und schnell zu verstehen und die Argumente darin selbst anzuwenden. Dass dies zu Lasten der tiefergehenden und ehrlicheren Auseinandersetzung geht, scheint ihm eine Bagatelle zu sein. So wird der von mir früher sehr geschätzte populärwissenschaftliche Autor Richard Dawkins zu einem populärunwissenschaftlichen Autoren, was übrigens auch vielen anderen Wissenschaftlern sauer aufgestoßen ist. Michael Ruse etwa, ein bekannter Wissenschaftsphilosoph, der sich auf die Philosophie der Biologie spezialisiert hat und an der Universität von Florida lehrt, nennt das Buch einen Bärendienst an der Wissenschaft, und genau das ist es leider auch.