Buchtipp: Eisige Tage

Pohl, Alex, Eisige Tage, Penguin Verlag München, 2019, 432S., Verlagslink, Amazon-Link

Winter in Leipzig. Ein Toter wird gefunden. Reine Routineuntersuchung oder steckt da mehr dahinter? Die erste Spur führt zum Chef der Leipziger „Unterwelt“. Doch zunächst scheint dieser nichts damit zu tun zu haben. Weitere Ermittlungen zeigen, dass es um Kinderprostitution geht, deren Auswüchse bis nach Moskau führen. Wichtige Personen haben ihre Finger im Spiel und versuchen die Sache zu vertuschen. Das Ermittler-Duo Seiler und Novic haben alle Hände voll zu tun, um weitere Verbrechen zu verhindern. Eine junge Teenagerin sollte das nächste Opfer werden – sie hatte sich in einen der Entführer verliebt und wird ihrer Lage erst gewahr, als es zu spät ist. Doch wer ist eigentlich der Mörder des Toten vom Anfang des Buches? Wird es jemand noch rechtzeitig schaffen, die verliebte Teenagerin zu befreien?

Alex Pohl hat sich als Thriller-Autor unter seinem Pseudonym auch schon einen Namen gemacht. Nun versucht er sich zum ersten Mal an einem Krimi. Man merkt ihm an, in welcher Richtung er sich bisher zu schreiben gewohnt war. Auch hier befasst er sich sehr eingehend mit dem Innenleben der Romanfiguren. Die Handlung verläuft zu einem großen Teil in den Köpfen der Personen. Das gibt dem Autor einen dreifachen Vorteil: Erstens kann er seine Figuren dadurch eine innere Veränderung, eine Entwicklung, durchgehen lassen. Wenn die aktive Handlung dominiert, fällt diese Entwicklung sehr oft unter den Tisch. Zweitens gibt es ihm die Möglichkeit, die Persönlichkeiten farbiger zu zeichnen als dies sonst meist geschieht. Pohl mag keine schwarz-weiß gezeichneten Figuren. Er sieht immer das Licht und Dunkel zugleich. Und drittens braucht er dadurch auch viel deutlich grafische Beschreibungen aktiver Gewalt zu geben. Er beherrscht die Imagination seiner Leser so weit, dass ein halber Nebensatz ein ganzes Kopfkino in Gang bringt. Man sollte sich dabei aber bewusst bleiben: Es kommt Gewalt vor, teilweise auch über längere Passagen. Es gibt brutale Szenen, obwohl insgesamt der größere Teil davon mehr angedeutet denn beschrieben wird.

Man könnte somit sagen, dass Pohl durchaus genreübergreifend schreibt. Das ist zugleich auch eine der Schwächen des Buches: Es sind Charaktere, die für einen Thriller herausgearbeitet wurden, die nun in einem Krimi aufeinander treffen. Da im Kriminalroman nun mal die Ermittlung im Zentrum steht, wirken diese Personen in ihrer ganzen inneren Befindlichkeit irgendwie komisch. Sie sind nicht wirklich sympathisch, sie sind nicht ganz rund und in sich abgeschlossen, sondern eher formlos, hilflos und dem Zufall unterworfen. Besonders für das Ermittler-Duo gilt dies in spezieller Weise. Es gibt immer wieder Szenen, in welchen der Leser fast peinlich berührt ist, mit welcher Blindheit Seiler und Novic durch die Weltgeschichte laufen und mit den Nasen schon fast auf die sichtbaren Umstände gestoßen werden müssen. Dadurch wird zwar ein anderes Element hervorgehoben, nämlich die Notwendigkeit der inneren Entwicklung, die dann auf das Ende hin auch stattfindet, doch gerade dieser Aspekt lässt den Leser mit der Frage zurück, was der Autor eigentlich schreiben wollte.

Fazit:

Ein spannender Roman, bei dem es nicht leicht fällt, ihn in eine genrespezifische Schublade zu stecken. Der Autor gibt sich viel Mühe, die Charaktere differenziert zu entwerfen und entwickeln, was sie im Setting eines Krimis etwas unpassend macht. Alles in allem jedoch schlüssig geschrieben und für Krimi-Fans, die nicht vor brutalen Szenen und Kopfkino zurückschrecken, durchaus zu empfehlen. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sterne.

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