Buchtipp: Der Tyrann

Der Tyrann von Stephen Greenblatt

Greenblatt, Stephen, Der Tyrann: Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert, Siedler Verlag München, 1. Aufl. Sept. 2018, 220S., Verlagslink, Amazon-Link

Da ich diesen Herbst / Winter dabei bin, die wichtigsten Werke von Shakespeare zu lesen, fand ich es ganz passend, dieses neu erschienene Buch zu lesen. Zumindest der Einband versprach durchaus auch neue Sichten auf unsere Zeit, so war ich gespannt darauf, was uns Greenblatt zu berichten hat.

Stephen Greenblatt ist einer der wichtigsten Shakespeare-Forscher unserer Zeit, und das zeigt er im Buch auch immer wieder. Er stellt unter Beweis, wie geläufig ihm die Werke des großen Künstlers sind, der vor 400 Jahren erstaunlich viele Stücke geschrieben hat. Als Shakespeare-Forscher ist Greenblatt wirklich in einer sehr guten Position um ein Buch zum Thema zu schreiben. Der Klappentext verspricht neue Einsichten darüber, was uns Shakespeare „über Trump, Putin & Co.“ zu sagen hat.

Gut gefallen haben mir die Ausführungen des Autors, als er die innere Entwicklung von Shakespeare nachzeichnet, die sich in den Stücken nach und nach niederschlägt. Auch gibt es viele Hinweise auf die Zeit, in welcher er lebte. Geschichtliche Hintergründe finde ich oft hilfreich, um die Person im Mittelpunkt des Buches besser zu verstehen. In diesem Fall ist jedoch vieles eigentlich allgemein bekannt, sodass es eher eine kurze, knackige Wiederholung des Geschichtsunterrichts ist.

Doch auf Trump, Putin & Co. habe ich vergeblich gewartet. Das war der eigentliche Grund, weshalb mich das Buch besonders interessiert hat: Eine Auseinandersetzung mit den Argumenten Shakespeares, inwieweit sich seine Machtkunde als richtig erwiesen hat. Eine Evaluation seiner Stücke im Hinblick auf Tyrannen, die nach dem Tode Shakespeares tatsächlich durch diese Methoden, die er beschrieben hatte, zur Macht gekommen sind. Mit einigem Goodwill lässt sich da das Eine oder Andere schon so hinbiegen. Der Leser muss sich halt selbst damit beschäftigen. Doch damit fehlt mir die eigentliche Aufgabe, die sich das Buch laut Klappentext selbst gestellt hat.

Wenn ich einen Kommentar zu den Werken Shakespeares lesen möchte, würde ich nicht zu einem dünnen, etwas mehr als 200-seitigen Büchlein greifen. Da gibt es genügend andere Literatur, die sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte an den Meister des Theaters gewagt hat. Greenblatt arbeitet zwar durchaus manche Mechanismen heraus, die es einem Tyrannen erleichtern, an die Macht zu kommen. Aber auch davon gibt es bei Shakespeare eine ganze Menge. Es wäre hilfreich, wenn sich der Autor etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen wagte und zu verschiedenen späteren Tyrannen des 20. und 21. Jahrhunderts aufzählen könnte, wann und wo welche dieser Mechanismen angewandt wurden.

Fazit:

Ein kurz gehaltenes Buch mit einer guten zeitgeschichtlichen Einführung zu Shakespeare und einigen guten Gedanken zu seinen unterschiedlichen Protagonisten, die zu Tyrannen wurden. Leider geht der Autor gar nicht – wie im Klappentext versprochen wird – auf die Machterlangung in unserer Zeit ein. Er bleibt die ganze Zeit bei Shakespeares Werken und seiner Zeit. Ich gebe dem Buch 3 von 5 Sternen.

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