Buchtipp: Zeit der Zauberer

Eilenberger, Wolfram, Zeit der Zauberer, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2018, 432S., Kindle-eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vier Philosophen, zehn Jahre und jede Menge Streit – das könnte leicht zu einem Krimi werden. Besonders dann, wenn sich auch noch einer der Moderatoren der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen darum kümmert, diese Zeit verständlich zu machen. „Zeit der Zauberer“ setzt sich mit der Sprachphilosophie in der Zeit von 1919 – 1929 auseinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Walter Benjamin sind die Protagonisten. Wolfram Eilenberger zieht den Vorhang auf und lässt seine vier Zauberer erscheinen. Bühne frei für ein spannendes Jahrzehnt der deutschsprachigen Philosophie!

Zunächst tritt Ludwig Wittgenstein auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dieser hatte 1911 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Cambridge unter Bertrand Russell studiert, im Krieg in der Gefangenschaft in Italien den „Tractatus logico-philosophicus“ beendet, in welchem er meinte, alle Probleme des Denkens im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Das Problem war nur, dass damals noch kaum einer verstand, was Wittgenstein in seinem Tractatus sagen wollte. Er hatte sein Vermögen der übrigen Verwandtschaft vermacht und die zehn spannenden Jahre als Grundschullehrer in der Provinz zugebracht.

Martin Heidegger hatte in dieser Zeit sein wichtigstes Buch geschrieben: „Sein und Zeit“. Als Höhepunkt seiner Karriere sieht Eilenberger die Rückkehr nach Freiburg, wo er den Lehrstuhl seines Vorgängers Edmund Husserl übernimmt und die „Davoser Hochschulkurse“ mit drei Vorträgen beehren darf. Dort ist ebenfalls der Dritte im Bunde: Ernst Cassirer, mit welchem Heidegger ein Streitgespräch führen sollte. Cassirer war ein origineller Vertreter des Neukantianismus, der in dieser besonderen Dekade seine drei Bände „Philosophie der symbolischen Formen“ zu Papier gebracht hatte.

Martin Heidegger, welcher die Welt von Kant und dessen Dualismus erlösen wollte, trifft auf einen Neukantianer, besser gesagt: Auf den damaligen Neukantianer schlechthin, den Herausgeber der Werke Kants und führenden Kantkenner dieser Zeit. Martin Heidegger ging es um das Ganzheitliche, um das eigentliche Leben, um den Moment, in welchem der Einzelne aufsteht und die Welt auf den Kopf stellt, um Revolution vom uneigentlichen Leben, also vom reinen Existieren des bürgerlichen Lebens zu jenem Umbruch, in welchem der Mensch ganz er selbst ist im praktischen Tun und Handeln. Seine kometenhafte Karriere ist geradezu Sinnbild für seine Philosophie. Dagegen steht Ernst Cassirer für das bürgerliche Leben, den langsamen Aufstieg, bei welchem er durch harte philosophische und schriftstellerische Arbeit Stufe um Stufe erklimmt. So sieht er auch die Kultur als etwas, was sich langsam Schritt für Schritt entwickeln und verändern soll.

Das vierte Kleeblatt ist ein besonderer Fall. Vor diesem Buch wusste ich noch nichts von Walter Benjamin. Die drei übrigen waren mir zumindest in groben Zügen bekannt, doch auch nach dem Buch blieben mir Zweifel, inwiefern Benjamin tatsächlich in den Kreis der drei übrigen gehört. Gewiss, er hatte seinen eigenen eigenständigen und durchaus auch sehr eigenwilligen Beitrag zur Sprachphilosophie geleistet (zumindest für jene, welche ihn und seine Gedanken kennen), doch ob das allein ausreichend ist, um ihn auf jene Ebene zu heben, für welche die drei Übrigen stehen, bleibt fraglich. Auch bei ihm steht das Leben für seine Philosophie, die Zerrissenheit zwischen den Extremen wird für Benjamin zum geradezu Erstrebenswerten der Philosophie.

Das Buch ist spannend geschrieben, enthält jedoch immer wieder Sprünge und Brüche, die sich zwar durchaus philosophisch deuten ließen, den Lesefluss jedoch beeinträchtigen und den Leser verwirren. Die Vergleiche sind interessant, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass immer wieder Dinge vereinfacht werden, damit sie einander noch besser gegenüber gestellt werden können. Die vier Philosophen sind eigentlich so verschieden, dass sie auch mit dem Begriff der Sprachphilosophie nicht auf einen Nenner gebracht werden können – schließlich hätten sie schon Mühe, sich auf eine gemeinsame Definition jener zu einigen. Und das wäre die Grundlage für jeden sinnvollen Vergleich.

Kleine Nebenbemerkung: Ende Februar diesen Jahres hat Eilenberger einen spannenden Essay zum Stand der deutschsprachigen Philosophie in unserer Zeit geschrieben: Wattiertes Denken (Link)

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, besonders wenn man die Protagonisten schon kennt. Leider manchmal zu verallgemeinernd und vereinfachend. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Das Mittelalter

Wickham, Chris, Das Mittelalter, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, dt. Ausg. 2018, 550S., eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im ersten Kapitel, der Einführung in das Buch, stellt Chris Wickham die These seines Buches auf, dass nämlich Geschichte nicht teleologisch (also auf ein Ziel hin) verläuft, sondern immer vom bereits Vergangenen ausgeht. Zugleich versucht er, in einem derart kurzen Buch einen Überblick über das Mittelalter im Gebiet des heutigen Europas zu bieten. Ich finde beides interessant und war entsprechend auch auf die Darstellung der Inhalte gespannt.

Zu Beginn gibt es eine kurze Diskussion, in welcher Wickham über die Begriffe „Mittelalter“ und „Europa“ schreibt und versucht, die historischen und geographischen Abgrenzungen zu rechtfertigen. Bereits bei dieser Diskussion fiel mir etwas auf, was sich auch später durch das Buch hindurch zieht: Wickham (oder liegt das an der Übersetzung?) benutzt eine Sprache, welche für mich als historisch interessierten Leser durchaus zugänglich ist, für den Einsteiger jedoch nicht selten zu anspruchsvoll ist. Inhaltlich ist das Buch trotzdem eher für Leser gedacht, welche sich noch nicht so ausführlich mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt haben. Es sei denn, es ginge dem Autor lediglich um die Begründung seiner These, doch dann hätte er das Buch auch um die Hälfte kürzen können. Es ist also ein Spagat zwischen einer kurzen Gesamtdarstellung des Mittelalters für interessierte Einsteiger und einer Begründung der These, dass die Geschichte des Mittelalters zeigt, dass Geschichte nicht auf ein bestimmtes Ziel hin verläuft, sondern immer nur von der Vergangenheit her, und das Ganze auf gerade mal 550 Seiten, wobei der Anhang fast ein Drittel des Buches ausmacht.

Etwas vom Wichtigsten der Zeit des Mittelalters wird mit einer kurzen Handbewegung weggewischt: Weil sich das Christentum in verschiedenen Teilen Europas (gemeint wird damit wohl das Schisma zwischen der West- und der Ostkirche sein) unterschiedlich entwickelt habe, könne man deshalb nicht von einer gemeinsamen religiösen Kultur sprechen. Danach gibt es nur noch wenige Erwähnungen des Christentums, welche sich im großen Ganzen darauf beschränken, die Entwicklung einzelner germanischer Völker zu beschreiben. Eine eigentlich zwingend notwendige Gesamtdarstellung der Ausbreitung des Christentums und die Bedeutung dessen für die weitere Entwicklung des Mittelalters in Klöstern, bei der Krankenhilfe, für die Akademie, und so weiter, aber ganz besonders auch das jüdisch-christliche Welt- und Menschenbild, das eine positive Sichtweise von Realität, Vernunft und von der menschlichen Gestaltungsmöglichkeit des Lebens mit sich brachte und damit letzten Endes eine Grundlage für die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften mit sich brachte, wird unter den Tisch gekehrt. Vermutlich deshalb, weil es die These des Autors wie ein Kartenhaus zum Einsturz brächte, denn das christliche Weltbild ist teleologisch auf die Ewigkeit als Ziel ausgerichtet.

Viele Exkurse fand ich spannend und habe durchaus das Eine oder Andere dazugelernt, etwa über Katharina von Siena und Margery Kempe. Dass die Übersetzerin im Buch das Wort „Gender“ durchweg unübersetzt stehen ließ hat mich allerdings irritiert, da aus dem Kontext hervorgeht, dass das biologische Geschlecht gemeint ist und damit etwas anderes als was sich hinter dem verdeutschten Fremdwort üblicherweise verbirgt. Auch der Kurzüberblick war interessant, wenn auch – um der Buchlänge willen – extrem kurz und damit zwangsläufig auch einseitig. Pro umrissenen Zeitraum beschränkte sich der Autor auf jene Gegenden innerhalb Europas, in welchen die Veränderungen am stärksten zutage traten. Damit ist jedoch sofort wieder viel anderes zu kurz gekommen. Man könnte sagen: Der Autor hat sich jeweils um die Gebiete gekümmert, welche seine These am besten unterstützen. Im Falle dieses Buches hätte ich es besser gefunden, wenn der Autor seine zwei selbstgestellten Aufgaben in zwei Bänden veröffentlicht hätte. Einen als kurzen Überblick über das Mittelalter für Laien, dafür aber auch so formuliert, dass es jeder leicht versteht, und noch etwas ausgewogener die verschiedenen Gebiete Europas beleuchtend. Und dann in einem zweiten Band die Verteidigung seiner These, die dann ihrerseits auch wieder etwas ausführlicher sein darf.

Fazit:

Es ist viel Interessantes im Buch enthalten, der Autor schenkt lebendig geschriebene Einblicke in das Leben im Mittelalter. Um seine These stützen zu können, wird jedoch vieles einseitig beschrieben oder Wichtiges weggelassen. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

Datenschutz: Warum mir meine Daten in den Händen privater Unternehmen lieber sind

DSGVO ist in aller Munde. Dieses neue Gesetz soll meine Daten davor schützen, dass sie von privaten Unternehmen missbraucht werden. Zahlreiche Blogger haben ihre Blogs stillgelegt, weil sie zu unsicher sind, mit welchen Mitteln sie diesem neuen Gesetz entsprechen können. Kleinere und mittlere Unternehmen, besonders jene mit Online-Dienstleistungen, sind am stärksten betroffen. Dann auch Fotografen, Vereine, und so weiter. Ich wage es nun mal, etwas weiter zu denken und erkläre, weshalb es mir lieber ist, wenn meine Daten in den Händen privater Unternehmen sind als in den Händen des Staates.

Als ich in der Schule zum ersten Mal Informatik-Unterricht hatte, war ich bis dahin immer offline. Am Familien-Computer habe ich geschrieben, ausgedruckt, und per Post versandt. Ein paar Male habe ich bei Freunden zugesehen, wie diese ihr Internet nutzten. Es waren noch andere Zeiten, jene von Windows 95, welches gerade relativ frisch die Heim-PCs eroberte. Auf den Schulcomputern war Mac OS 7 installiert. Die erste Frage im Unterricht war: Wer hat noch keinen eMail-Account? Das war meine erste Erfahrung mit Datenschutz und dem Austausch von Daten. Ohne eMail-Adresse lässt sich inzwischen (und das war schon damals nicht so viel anders) nur sehr wenig online und in vielen Fällen auch offline machen.

Meine meistgenutzten eMail-Adressen laufen bei GMX. Es gibt verschiedene Optionen, zwischen welchen jeder von uns wählen kann, wenn es um die Frage einer Mailadresse geht. Es gibt Angebote für werbefreie Adressen, für welche man einen monatlichen Betrag zahlt. Oder jeder der Internetspeicher (Webspace) und eine Domain mietet, kann sich eine Mailadresse generieren. Auch da entstehen regelmäßige Kosten. Die meisten Menschen nutzen eine Variante, bei welcher sie (wie ich auch beim „kostenlosen“ GMX-Account) mit ihren Daten bezahlen. Wer dieses Angebot nutzt, gibt dem Anbieter das Recht, seine Daten an andere Firmen zu verkaufen, um damit die Kosten wieder reinzuholen, die für die Bereitstellung von eMail-Speicher, Wartung, Personal und vielem mehr entstehen. Von nichts kommt nichts, deshalb ist das vollkommen legitim, und jeder einzelne von uns hat die Freiheit, sich für eine andere Variante zu entscheiden.

Alle diese Unternehmen sind Konkurrenten, jede versucht, mit den Daten und allen ihren Dienstleistungen den größtmöglichen Profit zu machen. Das ist genau richtig so, denn auf diese Art können alle Kunden (die User und Nutzer dieser Dienstleistungen) mitbestimmen was in Zukunft wichtig sein soll. Es ist die demokratischste Art überhaupt, weil Kunden da König sind und mit ihrem Kauf- oder Nutzverhalten das zukünftige Produkt bestimmen können. Wenn jeder von uns oder eine große Mehrheit von uns anfangen würde, die AGBs der Anbieter genauer zu lesen und nur Angebote der Anbieter mit den strengsten Datenschutzregeln nutzen würde, dann wäre DSGVO rei8ne Makulatur, weil dann jedes Unternehmen gefordert wäre, die anderen mit noch strengerem Datenschutz zu überbieten. Vermutlich bleibt dies ein Traum, aber es wäre letztendlich die einzig sinnvolle Möglichkeit, um alle Unternehmen dazu zu bringen, sich um den Datenschutz richtig zu kümmern. Solange unser Nutzerverhalten signalisiert, dass uns unsere Daten egal sind, solange wir nur alles möglichst kostenlos nutzen und profitieren können, wird sich da nichts ändern – und die Regierungen werden weiterhin das Gefühl haben, dass es ihre Aufgabe sei, sich Gesetze dafür zu überlegen, welche in der Praxis jedoch nur den kleinen Unternehmen schaden werden.

Viel kritischer sehe ich jedoch, dass die staatlichen Ämter weiterhin beliebig Daten sammeln und verarbeiten dürfen – und dazu noch nicht einmal meine Erlaubnis brauchen. Warum müssen wir dem Staat misstrauen? Es geht nicht um ein zwingendes Misstrauen gegen jede Regierung, sondern auch um die Frage: Was passiert, wenn eines Tages Menschen ans Regieren kommen, die es nicht mehr gut mit dem Bürger meinen? Was ist, wenn eine nationalistische, kommunistische, ökofaschistische oder sonstwie totalitäre Regierung den Gang durch die Institutionen antritt und Verantwortung bekommt? In ihrem Roman „Leere Herzen“ (Link) beschreibt Juli Zeh auf erschütternde Weise das mögliche Leben unter der „Besorgte Bürger Bewegung“. In Romanen von Aldous Huxley und George Orwell sind ähnliche Beschreibungen des Lebens in sozialistischen Regimes zu finden.

Demokratie ist immer etwas Zerbrechliches, etwas, was gehütet und zuweilen auch neu erkämpft werden muss. Wer die weltweit immer wieder zu hörenden Rufe nach starken Regierungen, mehr Eingriffen oder auch nach dem „starken Mann“ wahrnimmt, und sich die Entwicklungen etwa in Russland, der Türkei, den USA oder auch Ungarn oder Polen (das zur Zeit mit der Errichtung der Einparteienregierung die Grenzen der Belastungsfähigkeit der EU testet) etwas näher ansieht, wird den Eindruck nicht los, dass neben dem Postfaktizismus auch die Postdemokratie auf der Weltbühne zunehmen könnte. Auch Bestrebungen, der EU mehr Macht über die einzelnen Staaten zu geben, sind in der Hinsicht kritisch zu sehen.  Wo die Demokratie überwunden wird, ist es mit der Freiheit nicht mehr besonders weit her. Und so gesehen: einer möglichen totalitären künftigen Regierung, die von ihren Vorgängern meine Daten erbt, möchte ich auch jetzt schon nicht über den Weg trauen. Deshalb wäre ich vor allem für mehr und transparenteren Datenschutz durch den Staat, während ich gerne selbst aussuche und es als Privileg erachte, meine Daten in Freiheit den Unternehmen anzuvertrauen, von welchen ich überzeugt bin, dass sie größtmöglich verantwortlich damit umgeht. Keiner muss Facebook, WhatsApp, Twitter, Google oder was auch immer für Unternehmen vertrauen. Jeder hat die völlige Freiheit, sich dort überall nicht anzumelden oder mit Anmeldung nur gerade das preiszugeben was jeder wissen darf. Auch per eMail sollte man – egal welche Art von Adresse man nutzt – immer nur das schreiben, was man auch hinten auf eine Postkarte schreiben und per Post versenden würde. Ungefähr so sicher sind eMails. Anderenfalls sollte man auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung achten, was wiederum mit einigem Aufwand verbunden ist.

Mein Traum wäre, dass der mündige Internetnutzer lernt, verantwortlich mit seinen Daten und Inhalten umzugehen, so verantwortlich, dass gar kein gesetzlicher Datenschutz nötig wäre. Ob der realistisch ist oder nicht, sei vorerst mal dahingestellt. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn noch mehr Menschen mit mir mitträumen würden. Und irgendwann, wenn wir genügend Träumer sind, könnte es sein, dass wir aufwachen und feststellen, dass genau das geschehen ist. Who knows?

Marina Weisband, ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschlands, hat den ersten Beitrag zur DSGVO geschrieben, den ich wirklich treffend fand. Hier geht es zum Artikel (Link). Allgemein gesehen sind Datenschutz, Verschlüsselung und Sicherheit im Internet Themen, bei welchen wir von den Piraten lernen können.

Buchtipp: The Innovators

The Innovators von Walter Isaacson

Isaacson, Walter, The Innovators: Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs, C. Bertelsmann Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 638S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Walter Isaacson ist ein begnadeter Erzähler. Er vermag es, den Leser direkt ins Geschehen hineinzunehmen. Das ist mir auch schon beim ersten Buch aufgefallen, das ich von ihm gelesen habe – der Biographie von Benjamin Franklin. In „The Innovators“ geht es um die Biographie der digitalen Revolution und Isaacson präsentiert darin viele kurz gefasste Biographien wichtiger Persönlichkeiten. Da mich Technik, Philosophie und Geschichte gleicherweise sehr interessieren, war ich auf das Buch gespannt.

Isaacson beginnt mit Ada Lovelace, die Tochter von Lord Byron. Sie hatte mit Charles Babbage Kontakt, welcher versuchte, eine universelle Rechenmaschine zu bauen. Aus Mangel an Kenntnissen wurde daraus nie wirklich etwas, aber er hatte einige erstaunliche Ideen, welche Lovelace zum Nachdenken brachte. Sie half Babbage beim Erstellen von Erläuterungen zu seiner „Analytischen Maschine“ und hielt dabei einige bemerkenswerte Erkenntnisse fest. Vieles, was Ada 100 Jahre vor den ersten moderneren Rechnern schrieb, wurde inzwischen umgesetzt. Sie sah, dass eine solche Maschine mit den nötigen Programmen zu einer Allzweckmaschine werden konnte, mit welcher sich problemlos alles festhalten und berechnen lässt, was sich in Zeichen ausdrücken lässt. Als Beispiel schrieb sie das allererste Computerprogramm – lange bevor es überhaupt eingesetzt werden konnte.

Im großen Ganzen ist die Geschichte der digitalen Revolution ein Grund, weshalb wir für zwei Dinge dankbar sein sollten: Für freie Marktwirtschaft und für das Militär insbesondere in den USA. Es war die Zusammenarbeit von Militär, Forschung und privater Firmen, die diesen Fortschritt gebracht haben. Nur der Wunsch, anderen Firmen einen Schritt voraus zu sein – oder wie im kalten Krieg dem anderen Land, insbesondere was die Raumfahrt betraf, welche immer genauere Berechnungen benötigte – kann ein solches Wachstum bringen.

Einen ganz neuen Blick habe ich auf Linus Torvalds und die Bewegung um die sogenannt „freie Software“ bekommen. Dies ist wohl auch manchem Vorurteil meinerseits geschuldet. Bisher dachte ich, dass es Torvalds mit seinem freien Betriebssystem vor allem darum gegangen sei, die Vorherrschaft der bezahlten Betriebssysteme zu durchbrechen, aber nun habe ich gelernt, dass Linux aus sehr egoistischen Gründen unter der Lizenz der freien Software angeboten wurde: Er wollte Feedback der User, um das Betriebssystem verbessern zu können, und Anerkennung. Beides bekam er. Eine wachsende Community begleitet seitdem das Betriebssystem, das heute in zahlreichen Versionen zur Verfügung steht.

Besonders zum Beginn der digitalen Revolution und wie gesagt zur freien Software habe ich viel Neues gelernt. Einiges anderes war mir auch schon bekannt, aber als Einführung ist das Buch sehr zu empfehlen. Isaacson erzählt auf seine grandiose Art die Geschichte der digitalen Revolution. Insgesamt gibt es vor allem einen Punkt, den ich anders sehe. Der Autor geht davon aus, dass der technologische Fortschritt per se gut sei und hält es für möglich, dass eines Tages echte künstliche Intelligenz geschaffen werde. Über die moralische oder ethische Bedeutung diesen Fortschritts lässt sich durchaus streiten, und auch zur künstlichen Intelligenz ist es wichtig, dass wir darüber ganz genau nachdenken, was Intelligenz ausmacht und woran man sie eben auch gerade nicht festmachen kann. Hierin muss ich dem Autor ganz entschieden widersprechen. An der Stelle noch einmal ein Hinweis auf auf die nächsten großen Fragen unserer Zeit.

Fazit:

Walter Isaacson legt hier ein sehr wertvolles Buch vor, das die Geschichte der digitalen Revolution und ihrer Vordenker in einem sehr schönen und spannend erzählten Überblick nachzeichnet. Besonders für interessierte Einsteiger in das Thema sei das Buch sehr empfohlen. Trotz zweier größerer Fragezeichen gebe ich dem Buch fünf von fünf Sternen.

In dieser Zwischenzeit

Dietrich Bonhoeffer sprach vom Letzten und vom Vorletzten. Das Letzte sind die Dinge, die die Ewigkeit betreffen. Über diese wissen wir eine ganze Menge. Und zuweilen gibt es auch im Vorletzten, in unserer Zeit auf Erden hier, einen kleinen Vorgeschmack vom Letzten. Der Balanceakt der Zwischenzeit ist derjenige, dass wir uns von keinem der zwei Extreme gefangen nehmen lassen. Weder von der Weltflucht noch von der Verweltlichung. Wenn sich manche Christen heutzutage wünschen, dass sich Institutionen des Staates, wie etwa Armee oder Polizei, entwaffnen lassen sollen, damit nur noch die Feinde der Demokratie Macht ausüben können, so ist dieser verlogene Pazifismus eine Möglichkeit der Weltflucht, eine Realitätsverweigerung, dass es eben auch noch Unrecht gibt in dieser Zwischenzeit, und dass diese Institutionen dafür geschaffen sind, um rechtschaffene Bürger vor Willkür zu schützen. Oder wenn versucht wird, gesellschaftliche Phänomene wie Vegetarismus oder auch Ideologien wie der Kommunismus mit biblischen Argumenten zu untermauern, so handelt es sich um Verweltlichung, denn das weltliche Denken wird in die Bibel hineingelesen, statt dass diese aus sich selbst heraus ausgelegt wird. Beide Extreme sind gleichermaßen trügerisch, denn sie versuchen, die Spannung in dieser Zwischenzeit aufzulösen, indem beide parallelen Wahrheiten des „schon – noch nicht“ auf dieselbe Linie heruntergebrochen wird. Entweder indem man versucht, auf der Erde wie im Himmel zu leben – oder indem man den Himmel irdisch definiert.

In der Spannung leben – das ist oft anstrengend. Aber jeder Mensch lebt in bestimmten Spannungsfeldern, und gerade diese Spannung ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch eigentlich nicht (nur) für diese Zeit hier auf Erden geschaffen ist. Diese Zwischenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, der Besinnung, der Sehnsucht, damit wir für die Ewigkeit bereit werden. Es gibt in dieser Zwischenzeit kein anhaltender Extremzustand. Nach dem durch Alkohol erzeugten Höhenflug folgt der Absturz und der Kater. In der Freude ist immer auch ein bittersüßer Beigeschmack, der uns daran erinnert, dass dies hier noch nicht das Letzte ist, sondern das Vorletzte und die Vorfreude auf die eigentliche Freude. Auch im Frieden ist oft schon latent die nächste Verstimmung angelegt, denn oft müssen beide Seiten um zu einem Kompromiss zu gelangen, auf wichtige Dinge verzichten, die ihrerseits wiederum zur Eifersucht anstacheln. Die Schönheit eines Regenbogens wird durch den Zwiespalt von Regen und Sonne erzielt, es ist das Zusammenfallen von angenehmen und wichtigem aber weniger angenehmem Wetter. Ähnliches gilt für den Sonnenuntergang. Auch dieser ist – zum Glück – nicht von Dauer, sondern gerade auf der Spitze der untergehenden Sonne zu finden. Das farbenfrohe Schauspiel wird durch stetige Veränderung der Farben hervorgerufen. Deshalb ist auch das live-Erlebnis um ein Vielfaches beeindruckender als das statische Festhalten eines einzelnen Moments durch ein Foto oder Bild. Gute Musik lebt von Disharmonien, welche Spannung erzeugen und im just richtigen Moment wieder aufgelöst werden. Ungewissheit, düstere, zwielichtige Momente können auch in einem Buch eine Spannung erzeugen, und diese Spannung kann gerade den Unterschied zwischen besonders interessanten und weniger interessanten Leseerlebnissen ausmachen. Dasselbe gilt auch für den abendlichen Spaziergang im Wald. Das Spiel von Licht und Schatten, verschiedenen Grautönen, das Rascheln im nahen Gebüsch, der Wind im Blätterdickicht, all das zusammen erzeugt ein wohliges Gespanntsein, das sich durch das Ende des Dunkels im vollen Licht oder im Schein der Straßenlampe wieder auflöst und das Erlebte länger im Gedächtnis behalten lässt. Der wohlige Schauer eines warmen Bades oder einer Rückenmassage am Ende eines anstrengenden Arbeitstages schenkt ein Ende des Ver-Spannt-Seins und sorgt für einen besonderen Moment, den man ohne die Anstrengung und Anspannung davor nicht gleichermaßen genießen könnte.

Kurz – in dieser Zwischenzeit sind wir Zwischenwesen, die den steten Wandel, die stete Abwechslung benötigen, um gesund auf unsere Umgebung reagieren zu können. Diese Abwechslung im Vorletzten bereitet uns für die Ewigkeit im Letzten vor. Ewige Freude. Ewige Liebe. Ewiger Frieden. Ewige Gemeinschaft mit Gott. Ewiges Lob Gottes. Ewige Feier der Erlösung. Ond etz sag amol, werd des denn niamols fad? Als Zwischenwesen leben wir im Raum-Zeit-Kontinuum, einfacher gesagt in der Raumzeit. Wir können alles immer nur als eine aufeinanderfolgende Reihe von einzelnen Ereignissen wahrnehmen. Immanuel Kant hat etwa bezweifelt, ob man die Tatsache von Raum und Zeit tatsächlich beweisen könne; er meinte, dass einfach unser Gehirn so gestrickt sei, dass wir alles als räumlich und zeitlich in unserem Denken einordnen würden. Aber stellen wir uns mal vor, wir befinden uns bei Gott – also außerhalb der Raumzeit. Plötzlich können wir alles auf einmal wahrnehmen. Nicht mehr nacheinander. Alles gleichzeitig, und dann erst noch so ohne Ende. Die Unendlichkeit von Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung, alles auf einmal. Stell Dir den einen, schönsten Moment Deines Lebens vor. Freude hat in unserem zwischenzeitlichen Leben mit der Auflösung einer Spannung zu tun. Und dann stell Dir vor, dieser eine Moment inklusive der Freude, inklusive der Erinnerung an die Spannung, inklusive allem was zu diesem Moment gehört, alles zusammen wird für immer konserviert, und zugleich sind wir nicht mehr Raumzeitwesen, sondern Ewigkeitswesen, die nicht mehr auf all das Irdische angewiesen sind.

Ich weiß nicht, ob diese Vorstellung mit der Zukunft übereinstimmt. Vermutlich ist sie viel zu irdisch, viel zu klein, viel zu zwischenzeitlich. Aber es ist eine der möglichen denkbaren Vorstellungen, die wir uns machen können, um unsere Vorfreude auf die Ewigkeit zu stärken. Und ich denke, dass es diese Vorfreude wert ist, dass wir dafür auch versuchen, uns dies vorzustellen. Es ist nicht immer einfach, aber es ist einfach immer wertvoll, über die Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes nachzudenken. Diese Gedanken über das Letzte helfen uns, dass wir uns im Vorletzten auf die vorletzten Dinge konzentrieren. Sie helfen uns, uns darauf zu fokussieren, damit möglichst viele Menschen noch mit in diese Ewigkeit bei Gott kommen können. Ewigkeit ohne Gott ist höllisch schrecklich, die wünschte ich niemandem.

Buchtipp: Die RAF hat Euch lieb

Die RAF hat euch lieb von Bettina Roehl

Röhl, Bettina, Die RAF hat Euch lieb, Wilhelm Heyne Verlag München, 2018, 640 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar dieses Buches.

50 Jahre Ausnahmezustand, 50 Jahre Protestiererei und kein Ende in Sicht. Dies ist das Fazit, das Bettina Röhl in ihrem Buch aus ihrer Beschäftigung mit der RAF zieht. Wie schon der erste Band „So macht Kommunismus Spaß“ ist auch dieses Buch nicht so leicht einem Genre zuzuordnen. Es ist wieder eine Mischung aus Biographie, Autobiographie, Geschichtsschreibung und journalistischen Beiträgen. Negativ aufgefallen ist mir vor allem eine gewisse Anzahl von Flüchtigkeitsfehlern was die Rechtschreibung betrifft. Da hätte eine weitere Durchsicht durch ein Lektorat nicht geschadet.

Die Autorin beleuchtet mit vielen originalen Quellen und auch zahlreichen Transkriptionen von Interviews, die sie mit Beteiligten von damals führte, die Zeit von 1967 bis 1972. Es gibt am Ende noch einen kurzen Abstecher in 1974 und wenige Sätze zum Tod ihrer Mutter 1976, aber diese Zeit wird wohl im dritten Band ausführlicher abgedeckt werden, wenn es um die Zeit bis zur Bundeskanzlerwahl Helmut Kohls gehen soll. Auch hier wird wieder schnell sichtbar, dass es sich unter anderem auch um eine Suche nach sich selbst geht, es ist eine Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und deren Umfeld im Zuge der 68er-Bewegung in Deutschland.

Es ist ein wichtiges Buch, vor allem deshalb, weil es mit vielen sich hartnäckig haltenden Legenden aufräumt. Bis heute versuchen viele Menschen, den Zustand des Protests als notwendig und richtig vorauszusetzen. Protestler werden zu Helden stilisiert, dabei handelt es sich lediglich um kriminelle Terrorbanden, die gegenüber der Polizei keinerlei moralische Rechtfertigung für ihr Handeln erbringen können. Röhl fragt sehr treffend dazu: „Warum wollte diese im Wohlstand aufgewachsene Generation das System, den Kapitalismus, die Bundesrepublik zerstören und den Menschen, die ihr Glück in dieser Bundesrepublik machen wollten, das Paradies rauben und einen nebulösen ‘neuen Menschen’ kreieren, der sie selber in keiner Weise waren?“ (S. 37)

Im Laufe des Buches werden einige Gründe genannt, und ich bin der Meinung, dass Röhl auch hier nicht alle Gründe erkennt, die zu diesem Phänomen des Protestismus geführt haben. In einem behält sie jedoch absolut recht: Protest um jeden Preis kam irgendwann in den Sechzigerjahren in Mode und ist bis heute in Mode geblieben, ein Ende ist nicht in Sicht. Und jedes Jahr wird eine neue Protest-Sau von einer anderen Gruppierung, die gerade oben schwimmt, durchs Dorf getrieben. […] Wer das Protestgefühl am kreativsten, brutalsten, geschicktesten oder prominentesten anzusprechen weiß, wer den richtigen Riecher hat, was wieder zieht, hat die größten Chancen, mit seiner Protestidee Furore zu machen, die Medien zu gewinnen und moralisch, sozial, finanziell bis hin zur Würdigung von Bürgermeistern, Regierungschefs, Chefredakteuren, Gewerkschaften, bekannten Schauspielern und anderen öffentlichen Persönlichkeiten den neuen Protesthit zu landen.“ (S. 79)

Das Buch von Bettina Röhl gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil geht es um die APO-Bewegung, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, und die Eltern der Autorin, welche durch die Zeitschrift „konkret“ in dieser Bewegung mitmischten. Im zweiten Teil wird die Gründung der RAF beschrieben und im dritten Teil vor allem mit den zahlreichen Legenden um Ulrike Meinhof aufgeräumt. Spannend fand ich besonders auch die Schilderung der Entführung der beiden Röhl-Zwillinge – erst nach Sizilien, und später eine zweite Entführung wieder nach Deutschland zurück. Weil die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof nicht wollte, dass ihre Töchter zu ihrem Exmann Klaus-Rainer Röhl ziehen, ließ sie die beiden über die grüne Grenze in ein sizilianisches Barackenlager entführen. Der Plan war, dass die Töchter später in ein palästinensisches Waisenhaus kommen sollten. Zum Glück kam der Journalist Stefan Aust gerade noch rechtzeitig, um die Beiden abzuholen und wieder zurück nach Deutschland zu bringen, bevor Ulrike sie von Sizilien in palästinensisches Gebiet verfrachten konnte.

Die große Frage, die bleibt, betrifft die Notwendigkeit und die Bewertung von 68. Hier bin ich mit der Autorin nicht ganz einig, wenngleich ich ihre Sichtweise gut nachvollziehen kann. Ich denke allerdings, dass man das Ganze etwas differenzierter sehen sollte. Es ist insofern verständlich, als dass sie, die ja so viel Schreckliches durch diese Ideologie erlebt hat, sich durch ihre Bücher deshalb auch autobiographisch ein wenig an der Bewegung abarbeitet. Doch meine ich, dass besonders drei Gesichtspunkte zu kurz kommen. Der technologische Fortschritt, welcher damals die ganze Welt ins Wohnzimmer gebracht und die Konsumenten mit Inhalten überfordert und hilflos gemacht hat, ist mit ein Grund. Die Bewegung von ’68 war eine mögliche Reaktion auf die Reizüberflutung durch diese Massenmedien, die zu jenem Zeitpunkt in sehr vielen Familien Einzug gehalten haben. Zweitens waren die ’68er eine Bewegung, für die der Boden in gewisser Weise bereitet war. Die schrecklichen Geschehnisse im Zuge des 2. Weltkriegs haben Verunsicherung geschaffen und unter der jungen Generation gerade in Bezug auf Vietnam, China, UdSSR, DDR, etc. zu einer einseitigen Blindheit geführt. Last but not least ist die Antwort der Autorin auf die Frage der Bewertung dieser Zeit näher an der Bewegung selbst, denn sie gibt eine säkulare Antwort auf eine säkulare Bewegung. Meines Erachtens macht die fehlende biblisch-theologische und heilsgeschichtliche Einordnung dieser Zeit eine objektive Bewertung unmöglich. Nichtsdestotrotz ist es ein enorm lesenswertes Buch, das einen tiefen Einblick in das Leben ihrer Familie und damit ins Zentrum der 68er-Bewegung gibt.

Fazit:

Ein weiteres sehr gut recherchiertes Buch von Bettina Röhl über ihre Familie, die 68er-Bewegung und die RAF. Am Ende bleiben Fragen offen, aber insgesamt kann ich es jedem weiter empfehlen, der sich für diese Zeit interessiert. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.

Zuhören lernen

Gottes Wort sagt uns, dass wir schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn sein sollen (Jak. 1,19). Zuhören will gelernt sein. Zuhören ist ein aktives Werk, bei welchem wir dem Gegenüber alle Aufmerksamkeit schenken. Immer wieder stelle ich fest, dass das Zuhören heutzutage gar kein Zuhören mehr ist, sondern lediglich noch dazu dient, das beste Reizwort aufzuschnappen, um damit dem Gegenüber widersprechen zu können. So werden Diskussionen missbraucht, sie werden zu einer Schneeballschlacht aus verbalen Triggern umfunktioniert, um am Ende das eigene Ego befriedigen zu können.

Fünf Challenges, um das eigene Zuhören zu prüfen und zu verbessern:

  1. Kann ich das gesamte Gesagte des Gegenübers korrekt in 2 – 3 Sätzen zusammenfassen, sodass das Gegenüber zustimmen kann, dass es tatsächlich so gemeint war?

  2. Kann ich sagen, welchem Teil des Gesagten ich zustimmen kann oder warte ich nur auf das Reizwort? Kann ich mindestens drei Dinge des Gesagten aufzählen, in denen ich dem Gegenüber zustimme?

  3. Kann ich die gesamte Argumentation nachvollziehen und die einzelnen Teile (also die verschiedenen Argumente) aufzählen?

  4. Kann ich erklären, wo der logische Fehlschluss ist oder welches der Argumente inkorrekt ist? Erklären ist etwas anderes als widersprechen, erklären beinhaltet auch das Benennen und Aufzeigen des Fehlers.

  5. Was kann ich Positives von meinem Gegenüber lernen? Nicht nur, wie man es nicht macht, sondern vielmehr: Was möchte ich in Zukunft noch besser machen, was das Gegenüber schon besser kann als ich? Wie kann ich das der anderen Person gegenüber ausdrücken?

Viel Erfolg beim Testen! Ich freue mich über Rückmeldungen!

Warum wir vielfältigen Journalismus brauchen!

Leider fällt mir immer wieder auf, wie wenig Bewusstsein unter Christen herrscht, was „die Presse“, also genauer gesagt, alle möglichen Formen des Journalismus, ausmachen. Ich bin immer wieder entsetzt, dass auch mitten im Evangelikalismus das Wort „Lügenpresse“ fällt. Wer dieses Wort in den Mund nimmt, disqualifiziert sich selbst von der gesamten Debatte um gesunden Journalismus. Deshalb versuche ich heute mal, ein wenig herunter zu brechen, was Journalismus ist und wie er funktioniert. Zunächst einmal: „Die Presse“ gibt es nicht, oder höchstens bei der Herstellung von Apfelsaft und ähnlichem. Was man allgemein unter den Begriff der Presse zusammenzählt, ist die Gesamtheit aller irgendwie journalistisch Tätigen. Im weitesten Sinne handelt jeder Nutzer des Internets journalistisch und würde somit unter den Begriff der Lügenpresse fallen.

Warum? Journalismus ist das Auswählen, Recherchieren und Aufbereiten von Inhalten mit dem Ziel, dass sie von einer bestimmten Leserschaft verstanden werden kann. Journalismus ist immer selektiv, und das ist gut so. Über alle Ereignisse jederzeit und vollständig Bescheid wissen zu müssen, würde jeden von uns total überfordern. Es würde endlos mehr Zeit kosten als wir zur Verfügung haben. Deshalb wählt die Redaktion aus, welche Inhalte (Ereignisse, etc.) wichtig sind und welche nicht, und ebenso auch, was aus diesen Inhalten für den Leser wichtig ist. Es findet immer (!!!) eine Vorselektierung statt, was wie wichtig ist.

Und hier wird es gerade spannend. Menschen finden grundsätzlich durch verschiedene Weltanschauungen automatisch Unterschiedliches wichtig. Jeder Journalist und jeder Leser, Radiohörer oder Fern-Seher bringt seine Biographie mit. Nun gibt es Redaktionen, die ganz unterschiedlich aufgestellt sind. Manche sorgen dafür, dass Weltanschauung der Schreiber möglichst ähnlich ist, und andere mögen möglichst bunte Vielfalt in ihren Medien und unter den Schreibern. Es gibt etwa Zeitungen, welche ich aus der Erfahrung heraus meide, weil ich weiß, dass sie immer nur ins selbe Horn stoßen und sich schon fast wie die internen Blätter bestimmter Parteien lesen. Das ist aber vollkommen in Ordnung, das dürfen sie, und zwar genau so lange, wie sich ihre Inhalte gut genug verkaufen, dass sie überleben können.

Der Leser bestimmt mit!

Genau hier liegt der Hund begraben: Wer von der „Lügenpresse“ spricht, hat keine Ahnung, was er sagt, denn wir leben in einer freien Gesellschaft, die große Stücke auf die Presse- und Meinungsfreiheit hält. In einer freien Gesellschaft bestimmt immer der Konsument mit, welche Inhalte in Zukunft noch mehr verbreitet werden. In der freien Marktwirtschaft geschieht es dadurch, dass der Konsument kauft, was ihm wichtig ist, und heizt damit die Produktion von mehr desselben Gutes an. Was sich verkauft, wird weiter produziert, was boykottiert wird, und sei es wegen des zu hohen Preises, wird weniger oft produziert. Wenn bestimmte Inhalte in vielen Medien oft verbreitet werden, muss dafür der Grund darin liegen, dass die Konsumenten diese konsumieren.

Deshalb ist es auch gut, dass es so ganz unterschiedliche Medien gibt, die ihre Inhalte an die jeweilige Konsumentenschaft anpassen. Ich persönlich lese sehr ungern einseitige Medien, weshalb ich andere unterstütze, welche eine möglichst große Vielfalt an Weltanschauungen und Biographien zusammenbringen. Wenn jemand in der Türkei von der „Lügenpresse“ sprechen würde, wo tatsächlich freie Medien benachteiligt werden und nur die parteinahen überhaupt unterstützt, so könnte ich das halbwegs verstehen. Doch selbst in der Türkei ist es – wenn auch unter Angst vor der nächsten Verhaftungswelle und mit bedächtig gewählten Worten – noch möglich, alternativ zu berichten. Solange das noch geht, ist es keinesfalls angebracht, irgendwen als „Lügenpresse“ abzustempeln.

Im Zeitalter des Internets hat zudem jeder Nutzer dieses Mediums die Möglichkeit, sich selbst journalistisch zu betätigen. Wie bereits angesprochen, tun das auch sehr viele Nutzer, und die allermeisten davon unbewusst. Eigentlich müsste sich jeder Nutzer dieser Verantwortung beständig bewusst sein. Leider führt jedoch gerade der unverantwortliche Gebrauch des Internets dazu, dass sich immer mehr Menschen fragen, wozu es denn noch die professionellen Medien braucht. Und je mehr diese Frage gestellt wird, desto dringender braucht es diese Medien, denn die Flut an Unsinn und falschen News nimmt beständig zu. Und da braucht es Menschen mit dem Durchblick, die gelernt haben, richtig zu recherchieren und den Fakten nachzugehen.

Umgang mit Zahlen und Fake-News

Ein weises Sprichwort lautet: „Traue nur der Statistik, die Du selbst gefälscht hast.“ Zahlen und besonders auch Statistiken enthalten eine Menge an Schwierigkeiten, über die wohl schon jeder gestolpert ist. Sie können immer nur einen Teil der Realität abbilden, weil sie für den Vergleich miteinander auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden müssen, obwohl das in der Realität eben sehr oft verschiedene Dinge sind. Zwei Liter Wasser sind in der Statistik zwei Liter Wasser, die man vergleichen kann, aber selten ist damit das destillierte Wasser gemeint, das besonders reines H2O ist. Meist bestehen zwei verschiedene Liter Wasser aus ziemlich vielen weiteren Bestandteilen, etwa Mineralstoffen und nicht selten auch Verunreinigungen wie Bakterien und Keime. Statistiken können immer nur gleichgesetzte Dinge miteinander in Verbindung bringen, während in der Realität jede Schneeflocke ihr eigenes Design hat. Statistiken werden gemacht, damit man bestimmte Dinge über das Verglichene aussagen kann, und deshalb muss immer nach der Fragestellung hinter der Statistik gefragt werden. So haben Statistiken immer ihre Grenzen, die beachtet werden wollen. Ich kann zum Beispiel eine Statistik machen, in der die Anzahl der Manuskripte von Caesars „Gallischem Krieg“, Herodots „Historien“ und des Neuen Testaments verglichen werden. Beim Neuen Testament sind es über 5000 Teile und vollständige Ausgaben aus früher Zeit, bei den anderen liegen viele Jahrhunderte zwischen der Abfassung und den ältesten gefundenen Manuskripten. Das sagt sehr viel über die große Wahrscheinlichkeit aus, dass das Neue Testament korrekt überliefert wurde, aber ich kann daraus nicht automatisch schließen, dass Caesars Werk deswegen total falsch sein muss.

Und dann kommt auch noch hinzu, dass das Auswerten und Interpretieren von Statistiken nicht immer ganz einfach ist. Viel leichter ist das Hineinlesen von Dingen, welche die Zahlen eigentlich gar nicht sicher aussagen. Dass solche Fehler manchmal auch unter professionellen Autoren vorkommt, ist kein Argument gegen den Journalismus per se, sondern sollte uns alle daran erinnern, dass wir fehlbar sind und gerade im Umgang mit Zahlen besonders gut aufpassen müssen. Im professionellen Journalismus stehe Menschen unter Druck, gerade auch der Zeitdruck ist beständig da, und dann können Fehler passieren. Als Blogger und Facebooker habe ich es leichter: Ich kann meine Beiträge überarbeiten, verbessern oder ganz löschen, wenn ich merke, dass etwas anders ankommt als beabsichtigt war. Was einmal in der Zeitung steht oder übers Radio oder Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist draußen.

Fake-News sind in aller Munde (oder Finger), und gerade hier müssen wir als Christen lernen, enorm selbstkritisch zu sein. Ich habe schon mehrfach als Argument gehört, etwas müsse deshalb wahr sein, weil die großen Medien nicht darüber berichten. Also eine noch schlechtere Ausrede habe ich selten gehört. Solches darf unter uns nicht sein. Wirklich nicht. Wir haben eine Verantwortung, gerade wenn wir für die eine wahre Wahrheit von Gottes Wort, der Bibel, einstehen wollen, dürfen wir uns nicht damit disqualifizieren, dass wir im Bereich des öffentlichen Lebens Unwahrheiten verbreiten. Eine solche Unwahrheit ist zum Beispiel auch die Behauptung der angeblich existierenden „Lügenpresse“.

Wie kann man dem vorbeugen, dass man zur Fake-News-Schleuder wird? Zunächst: Hirn einschalten. Viele falsche Meldungen lassen sich mit etwas Nachdenken erkennen. Und mit der Zeit bekommt man eine „zweite Natur“ für das Erkennen falscher News, weil man unbewusst eine bestimmte Struktur dieser News erahnt. Aber es gibt auch ein super wertvolles Tool, das Michael Voß, Christ und Journalist, zur Zeit auch Vorsitzender des Christlichen Medienverbunds KEP erstellt hat: Auf http://quellencheck.de/ kann man jede Quelle auf ihre Seriosität prüfen. Der Quellencheck führt einen durch eine Reihe von Fragen, die einem helfen, diese herauszufinden.

Zum Schluss: Beschwer’ Dich nicht – mach es besser!

Jeder Zeitungsleser, Fernsehzuschauer oder Radiohörer hat die Möglichkeit, es besser zu machen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man selbst tätig werden kann, indem man über seine Erlebnisse berichtet, Weltgeschehen recherchiert, Kommentare schreibt oder gute Beiträge anderer verbreitet. Doch lasst uns bitte eins nicht vergessen: Journalismus, richtig guter Journalismus kostet und er ist eine Menge wert. Wir sind uns gewohnt, alles kostenlos auf unsere Geräte zu bekommen, und denken dabei oft nicht daran, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft, Gedanken und Geld in einem einzigen Artikel stecken. Spätestens wenn man es selbst versucht, wird das klar. Deshalb: Nix wie ran an de Tasten. Je nach Thema und Inhalt bin ich auch gerne bereit, Gastblogger aufzunehmen und eine Bühne zu bieten. Mach’ mit und mach’ den Journalismus verantwortungsbewusster und vielfältiger! Ich freue mich über jeden Versuch dazu!

Buchtipp: Das Joshua-Profil

Fitzek, Sebastian, Das Joshua-Profil, Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Köln, 2015, 430S., eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Mein erster Fitzek! Schon seit Jahren haben mir Fans von Stephen King empfohlen, auch mal was von Sebastian Fitzek zu lesen. Jetzt habe ich es getan. Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensions-eBook.

Eins vorweg: Es ist kein Buch für schwache Nerven. Es geht um schreckliche Dinge. Es geht um Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern. Wer sich das nicht antun möchte – und ich habe vollstes Verständnis dafür – sollte die Finger davon lassen. Da ich gerne Thriller lese, habe ich mich – neugierig wie ich bin – darauf eingelassen. Ich würde für mein Teil sagen: Das Lesen hat sich gelohnt. Nur eine Frage bleibt noch offen: Wenn man einen Thriller loben will, ihn aber nicht „schön“ oder „gut“ finden konnte, zählt es dann als Lob, wenn man sagt, er sei „schrecklich“ geschrieben?

Max Rohde, der Protagonist dieses Romans, ist ein Schriftsteller, dessen Erstling ein voller Erfolg war, dessen Beliebtheit danach jedoch irgendwo um null herum dümpelte. In seinem Leben beginnen sich plötzlich kuriose Szenen abzuspielen. Sein Bruder, der in einer geschlossenen Psychiatrie einsitzen sollte, taucht auf der Straße auf. Die Mitarbeiterin vom Jugendamt, die für die Pflegetochter von Max und seiner Frau zuständig ist, taucht auf und will das Mädchen mitnehmen. Max dreht durch, will mit der Tochter abhauen und wird in einen unerklärlichen Unfall verwickelt, nach welchem er in einem Krankenhaus aufwacht und in seinem Ohr die Stimme der entführten Tochter vernehmen kann. Was ist da los?

Mit diesen Vorgängen in den ersten hundert Seiten zieht die Geschichte dann richtig los. Joshua ist ein Computerprogramm, ein Algorithmus, der die Weiten des World Wide Web durchzieht und auf legale und illegale Art und Weise Profile der Internetuser erstellt. Max’ Internetzugang wurde von diesem Programm gehackt, das in Zukunft für die Bekämpfung von Verbrechen an diverse Staaten verkauft werden sollte. Joshua kann künftige Verbrecher schon vor ihren Taten ermitteln; und unter einer ganzen Anzahl von Profilen wurde Max per Zufallsprinzip herausgefischt, um die Wirksamkeit des Algorithmus zu demonstrieren. Die Macher des Joshua-Profils müssen ihn nur dazu bringen, sein Verbrechen möglichst bald zu begehen. Doch auch eine andere Gruppe, welche verhindern möchte, dass Joshua in Zukunft international eingesetzt wird, hat Max entdeckt, welcher nun mitten im ganzen Spiel gefangen ist und keinen blassen Schimmer hat, was gerade abgeht. Damit beginnt eine tödliche Jagd, welche über die Zukunft von Big Data entscheiden sollte.

Ich möchte an der Stelle kurz die Frage beantworten, weshalb man überhaupt solche Bücher lesen kann / darf / soll / etc. Ich sage: Man darf. Keiner muss oder soll, denn es ist von der Persönlichkeit stark abhängig, wie man auf bestimmte Geschichten reagiert. Dazu ist zu sagen: Es ist ein Roman. Eine erfundene Geschichte. Ein kreatives Werk. Und doch kann das eine gewisse Berechtigung haben, denn Romane haben die Fähigkeit, Fragen mit einer Wucht zu stellen, die unter die Haut geht. Und gerade hier müssen wir bei jedem Roman fragen: Welche Fragen stellt uns der Autor und wie beantwortet sein Roman diese Fragen? Ich habe mir angewöhnt, bei Romanen (und insbesondere bei spannenden Romanen) alle paar Seiten innezuhalten und zu reflektieren, welche Fragen im letzten Abschnitt gestellt und beantwortet wurden. Es gibt Romane, welche nur Fragen aufwerfen, andere beantworten sie deutlich, wieder andere drücken sich vor einer Antwort, indem zum Beispiel durch eine plötzliche 180°-Wendung am Schluss ein Relativismus gepredigt wird, und so weiter. Beim Joshua-Profil finde ich Antworten. Das gefällt mir. Ob ich den Antworten zustimme, ist eine andere Frage.

Viele Fragen beantwortet Fitzek übrigens noch einmal im Anhang des Buches, nach dem Ende des Romans. Das ist besonders für die Leser, welche sich während der Geschichte nicht gerne von den Fragen ablenken lassen, sehr wertvoll. Dort werden die Hauptthemen aufgegriffen und kurz besprochen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt Fitzek, weshalb er so rasante und über manche Strecken auch brutale Geschichten schreibt. Es ist sein Versuch, mit den existentiellen Ängsten seines Lebens umzugehen. Ich kann ihm in sehr vielen Antworten nicht zustimmen, aber eins kann man ihm jederzeit abnehmen: Er gibt im Roman dieselben Antworten wie im Nachwort auch. Er ist authentisch. Und genau das ist das Geheimnis, das seine Bücher so vollständig macht. Fitzek versucht nicht, am Ende doch noch was abzuschwächen, sondern denkt seine Geschichten bis zum bitteren Ende fertig.

Das vielleicht schwerwiegendste Thema, in welchem ich dem Autor widersprechen muss, betrifft den Überwachungsstaat. Fitzek ist der Meinung, dass ein alles überwachender demokratischer Staat besser sei, wie wenn die Überwachung durch die private Wirtschaft erfolgt, wie etwa im Falle der sozialen Medien. Hier bin ich der Überzeugung, dass die freie Marktwirtschaft und das denkende und rebellierende Individuum eine bessere Regulierung darstellen als eine zentralistische Überwachung, Wer welche Daten von sich preisgibt ist im Falle der privaten sozialen Medien die jeweils persönliche Entscheidung des Einzelnen. Ein staatlich durchleuchteter gläserner Mensch hat viel weniger Möglichkeit zur Mitsprache, wer welche Daten bekommt und wer nicht. Außerdem gibt es niemals die Garantie, dass demokratische Staaten dies auch immer bleiben, und in einem totalitären Staat ist der Missbrauch personenbezogener Daten noch viel wirksamer.

Was man die ganze Zeit hinweg unterschwellig mitbekommt, ist eine persönliche Unsicherheit, die sich mit der Zeit auf den Leser auszuweiten versucht. Das große Gefühl des Buches ist dasjenige der menschlichen Geworfenheit. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen, aber in einem nicht ganz heideggerschen Sinn, da dieser dem Menschen immer auch zugesteht, sich selbst dabei weiter entwerfen zu können. Im vorliegenden Roman ist dieses Grundgefühl viel näher an einem Ausgeliefertsein an eine unerklärliche Welt. Wie gerne würde ich Sebastian Fitzek – und beim Lesen auch Max Rohde – zurufen, dass es eine Hoffnung gibt, die weit über den Tod hinausgeht, die Hoffnung auf das ewige Leben. Um es mal auf meine etwas flapsige Art als Antwort auf das Argument von Herrn Fitzek zu formulieren: Das Mittel, welches mich vor dem Thriller-Schreiben bewahrt, ist das Gebet und der Glaube an den allmächtigen dreieinen Gott der Bibel. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Francis Schaeffer – An Authentic Life

Duriez, Colin, Francis Schaeffer – An Authentic Life, Inter-Varsity Press, Nottingham England, 2008, 240S., Amazon-Link

Colin Duriez ist Literaturwissenschaftler und hat selbst mal eine Zeit lang in L’Abri bei Edith und Francis Schaeffer gelebt. Er hat sich viel mit C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien befasst, und 2008 hat er eine Biographie über Francis August Schaeffer herausgegeben. Es gibt einiges an Literatur über Schaeffer, aber ein solches Werk hat bis dato noch gefehlt, eine Biographie, welche versucht, den gesamten Lebensweg von Schaeffer von seiner Kindheit bis ins Alter nachzuzeichnen. Viele Bücher und Aufsätze haben sich mit vielen Bereichen von Schaeffers Werk befasst, sein Geschichtsverständnis, seine Philosophie, seine apologetische Methode, etc. Aber irgendwie fehlt da sehr oft der Mensch dahinter; seine Geschichte, die ihn zu genau dem machte, der er war. Deshalb bin ich für Duriez’ Werk sehr dankbar.

Wer einen kurzen Abriss von Schaeffers Leben und Werk lesen möchte, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich dazu mal geschrieben habe. Besonders wichtig finde ich im Werk von Duriez die Schilderung der geistlichen Krise, die Francis Schaeffer durchmachte, als er zum ersten Mal in den Schweizer Alpen lebte. Es war eine der prägenden Zeiten seines Lebens. Mich beeindruckt es sehr, wie Schaeffer ehrlich und kompromisslos mit seinen Zweifeln umging. Es war eine der schwersten Zeiten seines Lebens, vielleicht noch schwerer als die Entscheidung, auch gegen den Willen seines Vaters Theologie studieren zu wollen. In der Krisenzeit lernte Schaeffer eine Tatsache, die er später unzählige Male in verschiedenen Versionen wiederholte: Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb ein Mensch Christ werden soll, und der ist, dass das Christentum wahr ist. Deshalb konnte er von der true truth, der wahren Wahrheit, sprechen.

Colin Duriez tut einen super Job, das Leben und die Herausforderungen der Familie Schaeffer zu beschreiben. Das Buch eignet sich sehr gut als Ergänzung zum Bericht „L’Abri“ (Link) von Edith Schaeffer. Einen Nachteil hat das Buch allerdings: Die 240 Seiten sind viel zu schnell vorbei. Es reicht nicht, um weiter in die Tiefe zu gehen; vieles wird nur ein wenig gestreift. Ich würde gern mehr über andere Schülerinnen und Schüler wie etwa Nancy Pearcey und viele andere erfahren, wie sie ihre Zeit dort erlebt haben. Mir ist das Buch insgesamt zu kurz: Gerne hätte ich drei bis vier Mal so viele Seiten, die in derselben hohen Qualität beschrieben sind. Vielleicht wird noch jemand ein solches Werk schreiben. Ich gebe dem Buch von Colin Duriez fünf von fünf Sternen und empfehle es gerne jedem weiter, der sich für Schaeffer interessiert.