Buchtipp: Wir sind dran

Wir sind dran Club of Rome Der grosse Bericht von Ernst Ulrich Weizsaecker

Von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Wijkman, Anders, et al., Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe mich sehr lange damit schwer getan, dieses Buch zu rezensieren. Das Buch war ungefähr das, was ich erwartet hatte, und doch war ich enttäuscht. Vielleicht war ich auch vor allem deshalb enttäuscht, weil es so war, wie ich es erwartet hatte. Doch dazu später mehr.

Wir sind dran“ ist der neuste Bericht des Club of Rome, welcher 1972 mit seinem ersten Bericht „Grenzen des Wachstums“ über Nacht bekannt geworden war. Wie wir heute wissen, ist vieles sehr anders gekommen, wie es damals prognostiziert wurde. In vielen Bereichen hat das Wachstum rasant zugenommen, anstatt an seine Grenzen zu stoßen. Es ist nur natürlich, dass man sich in der Wissenschaft immer wieder irrt, und daran kann niemand etwas aussetzen. Es darf auch kein hämisches Grinsen über solche Irrtümer geben. Aber dann würde ich erwarten, dass diese dann auch zugegeben und korrigiert werden, statt – wie hier in manchen Fällen geschehen – sie noch zu verstärken.

Nun gut, auch damit kann ich leben. Es macht mich einfach noch aufmerksamer für den weiteren Inhalt des Buches. Und der bleibt leider sehr dürftig. Es bleibt bei vielen „muss sich ändern“ oder „muss geändert werden“, aber all das bleibt sehr unkonkret. Der Bericht versucht, einen unverständlichen Optimismus zu schüren, der aus dem Pessimismus geboren wird. Die Botschaft ist: Eigentlich deuten alle Daten auf einen totalen Kollaps hin, aber irgendwie – fast wie durch Zauberhand – schaffen wir das dann doch noch. Wir müssen es nur wollen. Doch wie genau man das anpacken sollte, das weiß niemand.

So, das klingt jetzt sehr pessimistisch. Eigentlich ist das Buch sehr spannend zu lesen, es enthält viele Daten und viele gute Gedanken, die es wert sind, dass weiter darüber nachgedacht wird. Und wenn das der einzige Grund für den Bericht wäre, dann müsste man das Buch in den höchsten Tönen loben, denn diese Aufgabe übernimmt es wirklich echt gut. Da sind zahlreiche ernsthafte Forscher am Werk, die mit Computersimulationen und neusten Daten arbeiten und versuchen, sich die Zukunft vorzustellen. Das macht das Buch sehr interessant, und ist deshalb auch zu empfehlen.

Doch offensichtlich verfolgt der Club of Rome noch ein weiteres Ziel – eine politische Agenda, mit welcher unser Leben radikal verändert werden soll. Es geht – und hier wird die Katze erst gegen Ende des Buches aus dem Sack gelassen, wenn der Leser schon beinahe an den Zukunftsszenarien verzweifeln könnte – um globale Regeln. Etwas klarer wird es auf S. 357, wo die Rede von einer „Kohabitationsbasierten globalen Governance“ ist. Der Pseudo-Fachterminus klingt harmlos, vielleicht sogar schön. Doch auch die nachgeschobene Verneinung kann diesen Umstand nicht verdecken. Auf derselben Seite schreiben die Autoren nämlich: „Das COHAB-Modell erfordert ganz bewusst keine globale Regierung.“ Doch davor wird schon erklärt: „Das COHAB-Modell ist natürlich ein Traum.“ Es geht also doch darum, dass nach dem starken Mann gerufen wird, der starke Regeln aufstellen und durchsetzen kann. Und genau hier setzt meine stärkste Kritik an: Das Ganze ist bewusst oder unbewusst antidemokratisch. Der einzelne Bürger der Staaten dieser Welt soll nicht mitreden können, stattdessen soll über seinem Kopf hinweg eine ganze Menge alternativloser Dinge entschieden werden, die vermutlich dann doch zu einem Kollaps führen würden; zumindest wenn man den Daten des Buches glauben soll.

Ein letzter Punkt, der mir fehlt, ist eine Gesamtanalyse der einzelnen Bereiche, ich möchte von einem Gesamtszenario sprechen, das die zahlreichen Bereiche des Buches unter einen Hut zu bringen versucht und sich dann überlegt, wohin wir steuern. Es werden nämlich so viele einzelne Bereiche angesprochen, und jeder Bereich ist von so vielen möglichen Stellschrauben und Alternativen abhängig, dass man leicht den Überblick verliert.

Fazit:

Ein spannend geschriebenes Buch, das viele gute und nachdenkenswerte Analysen und Daten enthält, dem aber ein Gesamtüberblick fehlt und der letzten Endes wohl auch Wasser auf den Mühlen der Antidemokraten rechter und linker Populismen ist, welche nach dem starken Mann rufen, der unsere Welt aus dem Dreck ziehen soll. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

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