Buchtipp: Das Mittelalter

Wickham, Chris, Das Mittelalter, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, dt. Ausg. 2018, 550S., eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im ersten Kapitel, der Einführung in das Buch, stellt Chris Wickham die These seines Buches auf, dass nämlich Geschichte nicht teleologisch (also auf ein Ziel hin) verläuft, sondern immer vom bereits Vergangenen ausgeht. Zugleich versucht er, in einem derart kurzen Buch einen Überblick über das Mittelalter im Gebiet des heutigen Europas zu bieten. Ich finde beides interessant und war entsprechend auch auf die Darstellung der Inhalte gespannt.

Zu Beginn gibt es eine kurze Diskussion, in welcher Wickham über die Begriffe „Mittelalter“ und „Europa“ schreibt und versucht, die historischen und geographischen Abgrenzungen zu rechtfertigen. Bereits bei dieser Diskussion fiel mir etwas auf, was sich auch später durch das Buch hindurch zieht: Wickham (oder liegt das an der Übersetzung?) benutzt eine Sprache, welche für mich als historisch interessierten Leser durchaus zugänglich ist, für den Einsteiger jedoch nicht selten zu anspruchsvoll ist. Inhaltlich ist das Buch trotzdem eher für Leser gedacht, welche sich noch nicht so ausführlich mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt haben. Es sei denn, es ginge dem Autor lediglich um die Begründung seiner These, doch dann hätte er das Buch auch um die Hälfte kürzen können. Es ist also ein Spagat zwischen einer kurzen Gesamtdarstellung des Mittelalters für interessierte Einsteiger und einer Begründung der These, dass die Geschichte des Mittelalters zeigt, dass Geschichte nicht auf ein bestimmtes Ziel hin verläuft, sondern immer nur von der Vergangenheit her, und das Ganze auf gerade mal 550 Seiten, wobei der Anhang fast ein Drittel des Buches ausmacht.

Etwas vom Wichtigsten der Zeit des Mittelalters wird mit einer kurzen Handbewegung weggewischt: Weil sich das Christentum in verschiedenen Teilen Europas (gemeint wird damit wohl das Schisma zwischen der West- und der Ostkirche sein) unterschiedlich entwickelt habe, könne man deshalb nicht von einer gemeinsamen religiösen Kultur sprechen. Danach gibt es nur noch wenige Erwähnungen des Christentums, welche sich im großen Ganzen darauf beschränken, die Entwicklung einzelner germanischer Völker zu beschreiben. Eine eigentlich zwingend notwendige Gesamtdarstellung der Ausbreitung des Christentums und die Bedeutung dessen für die weitere Entwicklung des Mittelalters in Klöstern, bei der Krankenhilfe, für die Akademie, und so weiter, aber ganz besonders auch das jüdisch-christliche Welt- und Menschenbild, das eine positive Sichtweise von Realität, Vernunft und von der menschlichen Gestaltungsmöglichkeit des Lebens mit sich brachte und damit letzten Endes eine Grundlage für die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften mit sich brachte, wird unter den Tisch gekehrt. Vermutlich deshalb, weil es die These des Autors wie ein Kartenhaus zum Einsturz brächte, denn das christliche Weltbild ist teleologisch auf die Ewigkeit als Ziel ausgerichtet.

Viele Exkurse fand ich spannend und habe durchaus das Eine oder Andere dazugelernt, etwa über Katharina von Siena und Margery Kempe. Dass die Übersetzerin im Buch das Wort „Gender“ durchweg unübersetzt stehen ließ hat mich allerdings irritiert, da aus dem Kontext hervorgeht, dass das biologische Geschlecht gemeint ist und damit etwas anderes als was sich hinter dem verdeutschten Fremdwort üblicherweise verbirgt. Auch der Kurzüberblick war interessant, wenn auch – um der Buchlänge willen – extrem kurz und damit zwangsläufig auch einseitig. Pro umrissenen Zeitraum beschränkte sich der Autor auf jene Gegenden innerhalb Europas, in welchen die Veränderungen am stärksten zutage traten. Damit ist jedoch sofort wieder viel anderes zu kurz gekommen. Man könnte sagen: Der Autor hat sich jeweils um die Gebiete gekümmert, welche seine These am besten unterstützen. Im Falle dieses Buches hätte ich es besser gefunden, wenn der Autor seine zwei selbstgestellten Aufgaben in zwei Bänden veröffentlicht hätte. Einen als kurzen Überblick über das Mittelalter für Laien, dafür aber auch so formuliert, dass es jeder leicht versteht, und noch etwas ausgewogener die verschiedenen Gebiete Europas beleuchtend. Und dann in einem zweiten Band die Verteidigung seiner These, die dann ihrerseits auch wieder etwas ausführlicher sein darf.

Fazit:

Es ist viel Interessantes im Buch enthalten, der Autor schenkt lebendig geschriebene Einblicke in das Leben im Mittelalter. Um seine These stützen zu können, wird jedoch vieles einseitig beschrieben oder Wichtiges weggelassen. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

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