Anspruch und Wirklichkeit der historischen Kritik

Pfr. Dr. Stefan Felber hat auf seiner Homepage ein Dokument zum Download bereitgestellt, welches ich sehr empfehlen möchte. Auf nur einer A4-Seite schafft er es, eine ganze Reihe von Kritikpunkten an den hysterisch-kritischen (pardon, historisch-kritischen) Methoden anzubringen. Er untersucht Anspruch und Wirklichkeit der historisch-kritischen Methoden. Das Dokument kann hier (Link) heruntergeladen werden.

Ich stimme dem Inhalt des Dokuments vollkommen zu, möchte hier aber die Gelegenheit nutzen, einzelne Aussagen noch etwas zu ergänzen, zuzuspitzen oder zu verdeutlichen. So fallen unter Punkt 1 etwa die Begriffe „Objektivität“ und „Hypothesenvielfalt“. Da geht es darum, dass man versucht, möglichst wissenschaftlich, möglichst objektiv zu sein, aber sehr oft verstecken sich liberale Theologen hinter einer ganzen Reihe von unüberprüften, unüberprüfbaren Hypothesen. Nehmen wir nur mal zum Beispiel die Zweiquellenhypothese der Evangelien. Man postuliert dabei, dass zuerst das Markusevangelium geschrieben worden sei, und die anderen Autoren, Matthäus und Lukas, hätten Markus genommen, abgeschrieben und mit einer anderen Quelle, der sogenannten „Logienquelle Q“ vermischt. Diese Logienquelle ist ein rein fiktives Instrument der kritischen Theologen. Noch niemand hat je eine solche Logienquelle gefunden. Deshalb kann sich jeder aussuchen, was nun tatsächlich von Jesus stammen soll, und welche Inhalte aus der Logienquelle Q kommen sollen. Wer sich einmal die Mühe macht, die unterschiedlichen Teile zu studieren, die entweder bei allen dreien, nur bei zweien oder gar je nur bei einem Evangelium vorkommen, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen und es wird klar, wie sehr da ein von Gott prophetisch gelenkter Prozess von Menschen, die der Wahrheit und den geschichtlichen Tatsachen auf den Grund gingen, vonstatten ging. Jede rein menschliche Erklärung enthält unzählige Löcher und Ungereimtheiten.

Immer wieder kommt die Abkürzung „KAK“ vor, diese steht, wie unter Punkt 4, Stichwort „Historizität“ geschrieben, für „Kritik, Analogie, Korrelation“. Diese drei Begriffe gehen auf den deutschen Theologen Ernst Troeltsch zurück. In seinem Buch „Über historische und dogmatische Methode in der Theologie“ schreibt er darüber. Ich habe in meiner Datei zur Geschichte der Biblischen Theologie (Link) auf Seite 21 diesen Dreiklang folgendermaßen beschrieben:

a. Kritik: Alles muss zunächst einmal angezweifelt werden. Nichts darf per se als wahr betrachtet werden, wenn seine Wahrheit nicht zuerst nachgewiesen werden konnte. Die menschliche Vernunft (und damit der Subjektivismus) wird über jede Aussage der Bibel gestellt und muss sie in allem radikal hinterfragen.

b. Analogie: Diese Kritik geschieht zunächst durch das Prinzip der Analogie. Das bedeutet: Man sucht im nach ähnlichen Berichten und bewertet anhand derer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben könne. Hierdurch wird die Tatsache von Wundern komplett in den Bereich der Mythen verschoben. Auch Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung Jesu streitet man mit dieser Vorgehensweise ab.

c. Korrelation: Die zweite Methode der Kritik ist die Korrelation. Es darf keine Zufälle geben, deshalb beruht alles auf Wechselwirkungen und die müssen gefunden werden. Es wird also gefragt, woher es komme, dass die biblischen Autoren genau jenes geschrieben haben, also: woher könnten sie ihre religiösen Vorstellungen haben? Von wem sind die ‘geklaut’? Auf welche Ursache sind die biblischen Texte zurückzuführen?“

Gerade weil die historisch-kritische Bibelforschung versucht, objektiv und neutral zu sein, schafft sie beständig neue Dogmen, die ihrerseits nicht wirklich grundlegend begründet werden (können). Theologie ist mehr als nur Literaturwissenschaft auf ein einzelnes Buch angewandt. Sie ist mehr als Soziologie einer früheren Kultur. Sie ist mehr als Vermittlung des Wissens, wie man die Bibel nicht auslegen soll. Und doch verkommt sie häufig genau zu dem. Die historisch-.kritische Theologie kann die Bibel nicht mehr begründet positiv auslegen, weil sie sich zu sehr an das „Nicht-So“, die Absage an bisherige Auslegungen, gebunden hat. Sie kann keine positive Exegese liefern, weshalb durch die ganze Methoden- und Hypothesenvielfalt letztlich jeder Text alles bedeuten kann – und vielleicht wird durch reinen Zufall damit gerade das getroffen, was Gott durch Sein Wort eigentlich sagen wollte. Rein statistisch gesehen ist das Gegenteil deutlich wahrscheinlicher.

Bei Punkt 7 hätte ich „Moralisierung“ treffender gefunden. Kleiner Hinweis am Rande. Weil die Predigt für liberale Theologen gerade nicht mehr die biblische Ethik hochhalten kann, weil sie angeblich zu gesetzlich sei, wird stattdessen der moralische Zeigefinger für alle möglichen politischen Probleme erhoben. Ob diese Politiken eher links- oder rechtslastig sind, ist im Grunde genommen egal. Aber solange das Evangelium vom Sühnopfertod Jesu Christi an unserer Statt nicht mehr dazu da ist, um mein Leben in Gottes Sinne umzukrempeln, werden innerweltliche Probleme angesprochen und der Mensch zum aktiven Handeln im Sinne eines Überaktionismus gedrängt. Der „moralistisch-therapeutische Deismus” (Link) lässt grüßen.

Abenteuer Bibeltreue

Das Leben mit Gott, wenn man die Bibel in ihrer Gesamtheit als Gottes vollkommen inspiriertes, unfehlbares und fehlerloses Wort betrachtet, ist ein wunderbares Abenteuer. Gott lädt mich ein, mich jeden Tag ganz entspannt und voller Freude mit Seinem Wort zu befassen, es immer wieder von Neuem zu lesen, daraus zu lernen und es umzusetzen in meinem täglichen Leben. Ich muss mich nicht ständig fragen, ob das, was ich gerade lese, tatsächlich voll und ganz Gottes Wort ist oder ob es nur ein Bericht darüber ist, wie ein Mensch früher Gott gesehen und erlebt hat. Das gibt mir einen Ruhepol, einen festen Anker, einen Felsen in der Brandung des täglichen Lebens. Gott lädt mich dazu ein, Ihn beim Wort zu nehmen. Jedes Versprechen innerhalb der Bibel darf ich analysieren, den Kontext genauer anschauen, um es richtig zu verstehen, und dann auf mein Leben anwenden.

Gott gebraucht auch die Fülle Seines Wortes, um mich in Frage zu stellen. Hier finde ich ein großes Problem unserer Zeit, dass viele Menschen versuchen, Gottes Wort so zu verbiegen, dass sie sich selbst gut dargestellt finden, weil sie kein Interesse daran haben, sich von Gottes Wort in Frage stellen und verändern zu lassen. Lieber bleiben sie so wie sie sind. Das ist angenehmer und mit weniger Aufwand und Schmerzen verbunden. Ja, die Erkenntnis seiner selbst kann manchmal ganz schön hart sein. Aber sie tut gut und will das Leben zum Besseren verändern.

Unter dem Wort Gottes bleiben befreit mich von meinen eigenen Vernüfteleien und hilft mir, demütig zu bleiben. Es ist keine Demut, die Bibel mit dem Verstand oder einem bestimmten bibelfremden Jesusbild in Gotteswort und Menschenwort einteilen zu wollen. Das ist Hochmut und führt zu einer Überschätzung des heutigen Lesers. Es führt auch zu einer Überschätzung unserer Zeit, weil man somit davon ausgehen kann, dass unsere Zeit und Kultur um Längen besser und verständiger sei als die Zeiten, in welchen die Autoren der Bibel lebten. So viel sollten wir uns nicht anmaßen – schließlich hat ein äußerst blutiges und grausames 20. Jahrhundert zur Genüge gezeigt, wohin der menschliche Verstand, der sich über Gott stellt, kommen wird.

Unter dem Wort Gottes bleiben ist immer ein Abenteuer, weil ich in der Bibel immer wieder ganz neu überrascht werde. Wer mit manchen Methoden der Bibelkritik arbeitet, wird am Ende immer genau das bekommen, was er zuerst vorausgesetzt hat. Aus diesem Grund werden heutzutage auch oft Glaubensbekenntnisse wie etwa das Apostolikum zu einem neuen Maßstab, mit welchem man die Bibel messen will. Diese Bekenntnisse sind kein Teil der Bibel – sie müssen durch die Bibel geprüft werden. Das wird nun oft auf den Kopf gestellt und stattdessen das Bekenntnis zum Prüfen der Bibel missbraucht. Aber wenn ich unter dem Wort bleibe und die Bibel lese, dann überrascht mich Gott immer wieder von Neuem, denn so viel Inhalt steckt da drin, dass es für viele Leben des Entdeckens und Ausgrabens reicht, bis man nur mal die größten Schätze geborgen hat. Ich bin dadurch frei, ganz auf Gott zu hören und von Ihm zu lernen ohne die Brillen der Bibelkritik, die nach allen möglichen natürlichen Einflüssen auf die Bibelautoren ausgehen. Ich darf stattdessen von einer übernatürlichen Inspiration durch den Heiligen Geist ausgehen, der in jedem Wort, in jedem Buchstaben zu mir sprechen will – und das macht das Leben abenteuerlich.

Man kommt natürlich mit Hilfe der Bibelkritik auf alle möglichen abenteuerlichen Auslegungen, aber zu guter Letzt ist das langweilig, weil jeder immer nur auf sich selbst zurückgeworfen wird. Jeder findet damit in der Bibel das, was er eh schon vorausgesetzt hat; das, was in ihm schon vorhanden war. Da ist mir das Abenteuer der Bibeltreue viel wertvoller. Übrigens sollten wir uns zwei Sachverhalte gut auf der Zunge zergehen lassen, die Peter Stuhlmacher bereits 1975 im Rahmen eines Vortrags in Augsburg über den Siegeszug der historisch-kritischen Bibelauslegung erwähnte:

Gleichwohl gilt es, zwei weitere Sachverhalte ebenso aufmerksam zu registrieren. Der erste von beiden wird gegenwärtig einem breiten Publikum auch schon von ausgesprochenen Kritikern der Kirche und des Christentums wie Joachim Kahl oder Rudolf Augstein zum Bewusstsein gebracht, dass nämlich die z. Z. in der Diskussion stehenden Spitzenergebnisse der protestantischen (und ich darf jetzt hinzufügen: auch der neueren katholischen) Bibelkritik in der Öffentlichkeit zu einem enormen Substanzverlust geführt haben. Der zweite Tatbestand ist weniger offenkundig, drängt sich aber in internen Gesprächen mit Pfarrern, Katecheten und christlich engagierten Studenten belastend auf. Die historische Kritik hat gerade die in dieser Kritik ausgebildete Theologenschaft stark in ihrem Schriftgebrauch verunsichert und ist zugleich zu kompliziert geworden, um in der theologischen Ausbildung wirklich angeeignet und dann auch einleuchtend praktiziert werden zu können.“ (Stuhlmacher, Peter, Schriftauslegung auf dem Wege zur biblischen Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1975, S. 167f)

Mit anderen Worten: Die Bibelkritik ist untauglich für die gemeindliche Praxis und führt zum Verlust zentraler Inhalte des christlichen Glaubens. Da ist mir eine bibeltreue Hermeneutik viel wertvoller, denn diese führt ebenso zu den positiven Ergebnissen der Bibelwissenschaft und das deutlich einfacher und schneller. Für bibelkritische Predigten, die zu „abenteuerlichen“ Aussagen kommen, gibt es immer wieder Beispiele, siehe etwa hier (Link).

Tränenbrief endlich entziffert!

Prof. Dr. John MacFarther, Research Professor für New Testament Studies an der Grace Alone University in Moon Valley, CA, konnte endlich von seiner Entdeckung berichten: „Wir wussten ja schon lange, dass wir den in 2. Korinther 2, 4 erwähnten Tränenbrief von Paulus vor uns liegen haben. Leider haben die Tränen, unter welchen der Brief geschrieben wurde, so viele Spuren hinterlassen, dass der Text letztlich vollkommen unleserlich in Korinth angekommen sein muss. Zum Glück haben wir nun nach vielen vergeblichen Versuchen eine Methode gefunden, um die von Tränen vollkommen verwaschene Schrift wieder leserlich zu machen.“
Lange Zeit dachten Bibelwissenschaftler, dass dieser Tränenbrief kunstvoll in den Text des 2. Korinther hineingewoben worden und damit zu einem einzigen Dokument verschmolzen sei. Nun ist diese These endgültig hinfällig, sehr zur Freude von Prof. MacFarther, welcher diesen Hypothesen noch nie getraut hatte.
Doch was steht nun eigentlich in diesem Tränenbrief? Fürs Erste möchte uns der Forscher nur soviel verraten: Paulus habe in diesem Brief alles widerrufen, was er im ersten Brief an die Korinther über die Geistesgaben im Gottesdienst geschrieben habe. Diese Gaben, so habe Paulus plötzlich bemerkt, seien nur für Apostel und Evangelisten der ersten Generation. Auch ihm selbst seien sie plötzlich abhanden gekommen. Seither seien diese Gaben nur noch von unten („ex oundhopp“ würde im griechischen Original stehen).
Nun streiten sich die Gelehrten der Bibelforschung, wie dieser Brief kanonisch einzuordnen sei. Es gibt drei Möglichkeiten: a. Man fügt ihn als eineinhalbten Brief (1,5Kor) zwischen den ersten und zweiten Korintherbrief ein, b. Er erhält die Bezeichnung 3. Korinther (3Kor), oder c. Man ordnet ihn der apokryphen Literatur zu und fügt ihn nach der Offenbarung ein.
Wer wissen will, was in dem Brief nun tatsächlich alles drin steht, muss noch ein wenig Geduld haben, da der gesamte Text erst zur „Friendly Fire Konferenz“ im November diesen Jahres veröffentlicht wird.