Zur TV-Sendung “7 Tage unter radikalen Christen”

Im NDR wurde eine halbstündige Reportage ausgestrahlt, in welcher der Journalist Hans Jakob Rausch sieben Tage in einer charismatischen Freikirche verbracht hatte. Der NDR behauptet außerdem, dass davor zwei Jahre zu diesem Thema recherchiert wurde. Nach einigem Überlegen habe ich mir die Sendung angesehen und möchte ein paar Gedanken dazu teilen.

Was sind „radikale Christen“?

Schon als ich den Titel las, kam mir die Frage hoch, wie der Reporter oder meinetwegen auch der Sender NDR (ich weiß ja nicht, wer letzten Endes für diesen ebenso unsinnigen wie reißerischen Titel der Sendung verantwortlich ist) wohl „radikale Christen“ definiert. In der Sendung bekommt man keine wirkliche Antwort. Rausch wirft dem Pastorenehepaar am Schluss vor, dass die Gemeinde seiner Meinung nach radikal sei. Was genau darunter zu verstehen ist, weiß niemand. Das scheint – wie so manch anderes auch – eine Sache des Gefühls zu sein.

In unserer Zeit wird „radikal“ gerne als Totschlagbegriff gebraucht. Wer als radikal gesehen wird, hat nichts mehr zu melden. Damit ist man sofort in der Ecke von Attentätern und Gewaltverherrlichern. Natürlich darf man den Begriff nutzen, sollte ihn aber zuerst mit klaren, definierten Inhalten füllen, damit der so Bezeichnete auch argumentieren kann, weshalb er sich auch so sieht oder weshalb nicht. Gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien wird gerne mit Worten hantiert, die mehr Gefühle auslösen als Debatten. Und da wird es problematisch.

Sieben Tage in einer halben Stunde

Zwei Jahre Recherche (echt jetzt? Zwei Jahre und so überhaupt nichts über theologische, geschichtliche, konfessionelle und denominationelle Unterschiede gelernt? Zwei Jahre Recherche und keine Ahnung von den viel besseren Antworten auf die aufgeworfenen Fragen, die bibeltreue Theologen und Philosophen im Laufe der Jahrhunderte gegeben haben?) und sieben Tage Besuch dieser Gemeinde werden auf eine halbe Stunde zusammengeschnitten. Das ist notwendig, das ist gut. Allerdings sieht dann eine neutrale Berichterstattung anders aus. Es ging mehr um die Gefühle des Reporters als um die Inhalte der Gespräche und Veranstaltungen. Es wurde sogar Zeit verschwendet, die nicht nur keinen echten Inhalt hatte, sondern gar noch mit manipulativer Musik hinterlegt war. Zeitweise hatte man den Eindruck, sich in einem Krimi zu befinden, in welchem der Fall bereits vor Beginn der Sendung aufgeklärt war, und es nur noch um die Tatmotive ging. Ein Reporter klärt auf, was die Täter auf dem Kerbholz haben und weshalb sie es taten.

Überhaupt wird sehr schnell klar – auch abgesehen vom Titel der Sendung – dass es dem Reporter nur darum geht, die Gemeinde schlecht zu machen. Wer für Heilung betet, hält Menschen davon ab, zum Arzt zu gehen. Wer zu konkret für die Regierung betet, ist gegen die Trennung von Kirche und Staat. Wer in vielen weiteren Punkten mit der Sicht der Kirche der vergangenen 2000 Jahre festhält (und mit dem Großteil der weltweiten Christenheit heute), kann nur falsch gewickelt sein. Viel wichtiger wären Fragen gewesen, welche die Struktur der Gemeinde oder ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden gewesen. Dann wäre einiges deutlich klarer geworden. Die evangelikale Bewegung ist in der Evangelischen Allianz Deutschland zusammengeschlossen, und nur diese Gemeinden können auch als Beispiele für eine breitere evangelikale Bewegung herangezogen werden. Insofern ist der Beitrag ohne all diese wichtigen Infos eine reine Farce, die lediglich dazu dient, das evangelikale Christentum zu diskreditieren. Es fehlt der ernsthafte Wunsch, die Menschen verstehen zu wollen. Stattdessen geht es eher darum, sensationsgeil aufzuklären, was es für Christen gibt und vor diesen zu warnen. Das ist nicht gerade besonders christlich, Herr Rausch. Ebenso wenig wie für sich selbst die Vernunft zu reklamieren und sie anderen gleichzeitig abzusprechen.

Ganz zu Beginn wird das Gebet eingeblendet, in welchem es um eine positive Zusammenstellung der gefilmten Inhalte geht. Der Rest scheint vom Wunsch beseelt zu sein, dieses Gebet zu torpedieren und einem Wettbewerb um die krudesten Aussagen zu entsprechen. Dass in allen Gemeinden nicht alles Gold ist, was glänzt, dürfte wohl jedem klar sein. Überall gibt es Menschen, überall menschelt es entsprechend auch. Sehr viele Freikirchen, viele selbsternannte oder von anderen so benamste „radikale Christen“ oder Freikirchler werden sich mit manchen Inhalten nicht identifizieren können. Und deshalb gibt es einen Grund, weshalb ich trotz allem dankbar bin für solche Reportagen:

Houston, we have a problem!

Wir haben ein Problem, und darüber müssen wir ganz dringend reden. Ich bin selbst auch Pfingstler und habe in verschiedenen Gemeinden schon manches kennengelernt, was in der Reportage gezeigt wird – und nein, es ist nicht alles gut! Und genau darüber müssen wir reden. Wenn wir es nicht tun, wird immer die Welt diesen Job übernehmen und uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Diese Reportage erinnert uns daran, dass es eigentlich unsere Aufgabe ist, miteinander über Probleme zu sprechen, die in unserer Mitte auftauchen. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken und warten, bis sich die TV-Sendungen über uns lustig machen. Wenn wir Personenkult unwidersprochen dulden, oder wenn wir es normal finden, dass Christen sich selbst beständig widersprechen, oder wenn Gemeinden verlangen, dass der Verstand bei der Garderobe abgegeben werden muss, dann ist das unsere Aufgabe, über diese Dinge zu reden. Es gibt einen Grund, warum solche Reportagen überhaupt gedreht werden – und der besteht nicht darin, dass wir Jesus zu ähnlich sind, sondern zu wenig ähnlich.

Was wir brauchen, ist das Gespräch, die Diskussion, die Debatte, und vielleicht zuweilen auch mal eine klare Zurechtweisung. Ich stelle immer wieder eine Angst fest. Eine Angst davor, andere Menschen zu verletzen. Eine Angst aber auch, selbst durch andere Ansichten zum Nachdenken herausgefordert zu werden. Zu häufig höre und lese ich: „Du glaubst das so, und ich halt anders.“ Oder: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Das klingt ganz arg nach Kains Ausspruch: „Bin ich etwa meines Bruders Hüter?“

Neun Fragen an Herrn Böcking

Foto: Christian Langbehn
Vor einer Weile habe ich das Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ von Daniel Böcking gelesen und rezensiert. Nun habe ich Herrn Böcking neun Fragen gestellt, die nach dem Lesen des Buches noch offen geblieben sind, zum Buch, dem Glauben, seinem Beruf und mehr.
  1. Herr Böcking, Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Suche nach einer Gemeinde zunächst von einem Church-Hopping geprägt war. Wie sieht das jetzt aus? Haben Sie da eine feste „Heimat“ gefunden?
Ich bin mir oft nicht ganz sicher, was mit der „Gemeinde“ als Heimat gemeint ist. Ich habe eine Gemeinde gefunden, zu der ich sehr gerne sonntags in den Gottesdienst gehe. Das ist das „Berlin Projekt“. Es gibt aber auch viele Sonntage, an denen ich stattdessen etwas Anderes mit meiner Familie unternehme – zum Beispiel, wenn die Kinder unbedingt schwimmen gehen wollen. Dieses „Gemeinde-Ritual“ ist mir also bis heute nicht so vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich eine wundervolle Gemeinde im Sinne von „Gemeinschaft mit anderen Christen“ erleben darf, dass ich eine Heimat bei Jesus und im Glauben und im Austausch mit Christen habe. Diese „Gemeinde“ treffe ich mal im Job, mal in Einzelgesprächen, bei gemeinsamen Frühstücken oder sogar online bei Facebook. Es sind also viele unterschiedliche Christen, mit denen ich großartigen Austausch habe. Aber nicht die eine Gemeinde im klassischen Sinne.
  1. Wie würden Sie die Bedeutung der Gemeinde beschreiben? Was macht die Gemeinde so besonders oder wertvoll?
Ich glaube, dass die Gemeinschaft mit Christen ungeheuer wichtig ist. Schon allein deshalb, weil ich immer wahnsinnig viele Fragen habe. Selbstverständlich auch, weil es nicht immer schnurstracks auf dem Weg läuft, weil man Ermutigung braucht – und weil ich es ganz, ganz toll finde, wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob er für mich beten darf. In meinem persönlichen Fall wäre ich nie umgekehrt, hätte es nicht andere Christen gegeben, die mich begleitet haben. Wenn Sie aber danach fragen, ob es DIE EINE Gemeinde geben muss, in der ich mich zuhause fühle: So ist es mir bislang nicht ergangen.
  1. Wie wird das umgekrempelte Leben von Ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Beruf) inzwischen gesehen? Stoßen Sie da noch auf Ablehnung? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Ich würde gerne von heroischen Gottesbekenntnissen allen Widerständen zum Trotz berichten. Aber so ist es nicht. Meine Erfahrung ist: Wir Christen halten uns manchmal für sonderbarer, als wir gesehen werden. Ich habe kaum Ablehnung erlebt. Klar, nicht jeder teilt meine Jesus-Begeisterung. Aber eben erst habe ich mit einem älteren Herrn aus Berlin telefoniert und wir sprachen zufällig über den Glauben. Ich erzählte ihm, wie gern ich bete. Und er sagte ganz gelassen: „Wissense, dat muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Spott oder sogar harte Ablehnung habe ich kaum erfahren. Im Gegenteil: sehr viel Unterstützung. Auch von Nicht-Gläubigen, die aber honorierten, dass jemand zu seinem Glauben und zu seinen Werten steht.
  1. Welche praktischen Auswirkungen hat der Glaube auf Ihre beruflichen Tätigkeiten? Gibt es da etwas, was sich geändert hat? Neue Themen? Andere Schwerpunkte? Verzicht auf bestimmte Themen?
Bevor ich öffentlich über den Glauben geschrieben habe, habe ich mir selbst diese Frage nie gestellt, da ich mich sowohl beruflich als auch persönlich als Christ rundum wohl bei BILD fühle. Ich arbeite gerne hier und weiß, wie professionell wir alle uns mit Themen auseinandersetzen und wie schwer wir uns auch oft mit Entscheidungen tun.
Mir ist bewusst, dass man unsere Arbeit kritisiert und auch kritisieren soll und kann. Schließlich sind auch wir keine Kinder von Traurigkeit. Aber bei manchen Vorwürfen mir gegenüber habe ich das Gefühl, dass jemand BILD einfach persönlich ablehnt – was sein gutes Recht ist – und das mit Glaubensargumenten vermischt. Ich habe viele Diskussionen darüber geführt. Am Ende ist stets die innere Gewissheit geblieben, dass es sehr gut und richtig für mich ist, bei BILD zu sein und dass es wunderbar ist, an einem Ort zu arbeiten, der solche Diskussionen zulässt und mir die Freiheit schenkt, auch öffentlich darüber zu sprechen. Ein Sprichwort, das ich sehr mag, sagt: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“
  1. Sie sind ja täglich mit den Online-Medien beschäftigt. Was würden Sie der jungen Generation, die jetzt damit aufwächst, mitgeben, wie ein gesunder, sinnvoller Umgang damit (auch gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen) aussehen könnte?
Mir gefiel stets der Ratschlag: Zeig/schreib/poste nur das, was auch deine Mutter und dein Chef oder Lehrer sehen kann. Mein Ratschlag wäre eher für die ältere Generation: Seht euch das genau an – auch digital gibt es lebendige Christengemeinschaft. Mir begegnen inzwischen immer häufiger Christen zum Beispiel auf Facebook, die ihren ganz privaten ‚Gottesdienst’ von ihrem Sofa live ins Internet übertragen. Da gucken dann mal 50, mal 100 andere zu und kommentieren. Das wirkt erstmal etwas schräg – aber mich freut es jedes Mal, weil es zeigt, wie groß die Möglichkeiten im Netz sind. Anderes Beispiel: Ich habe diverse Gemeinde-Podcasts abonniert und höre mir deren Predigten beim Joggen an. Ist doch wundervoll, wie leicht es ist, geistlich aufzutanken dank der Digitalisierung.
  1. Was wäre Ihre Empfehlung an junge Menschen, die selbst im Journalismus arbeiten wollen, welche Gewohnheiten machen einen guten Journalisten aus, und wie können diese geübt werden?
Neugier ist da natürlich eine der wichtigsten Tugenden. Ansonsten gibt es kaum noch einen klassischen Weg in den Journalismus. Früher war es: Freie Mitarbeit, Volontariat, evtl vorher noch ein Studium. Heute gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, dass jemand, der wunderschöne Grafiken auf Facebook postet, von uns vielleicht mit Kusshand genommen wird – auch wenn er vorher noch nie journalistisch gearbeitet hat. Das können wir ihm ja noch beibringen. Das ist eine der großen Veränderungen: ALLE Disziplinen im digitalen Journalismus kann man kaum noch beherrschen. Deswegen ist es total sinnvoll, viel auszuprobieren – und sich dann zu spezialisieren.
  1. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Leben gerade Punkte, an denen Sie am Lernen sind oder neue Schritte gehen?
Ich lerne von morgens bis abends dazu. Das ist mir wichtig zu betonen: Ich weiß, dass ich ein Buch schreiben durfte und Interviews geben darf, weil die Mischung aus „Christ“ und meinem Job offenbar ganz interessant ist. Nicht, weil ich besonderes Wissen oder irgendwelche neuen Erkenntnisse hätte. Deshalb ist es mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich in Dauer-Lern-Schleife bin. Ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Ich muss lernen, dass die Jesus-Begeisterung auch mal abflaut. Dass ich mich auch mal anstrengen muss, damit die Beziehung zu ihm so wach und lebendig bleibt. Aktuell frage ich mich oft, wie denn sein Masterplan für mich aussieht. Dann komm ich ins Grübeln. Neulich stolperte ich in so einem Moment wieder über einen meiner Lieblingsverse: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“ Das hat mich dann wieder ruhig gestimmt und mir einen Fokus gegeben.
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  1. Sie berichten von der Flüchtlingsarbeit in Berlin. Wie sieht die Lage derzeit aus? Wo gibt es noch Handlungsbedarf, falls ein Leser sich da auch noch beteiligen möchte?
Wenn jemand helfen möchte, dann sollte er sich am besten zum Beispiel an die Caritas wenden und eine ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Da wird händeringend gesucht. Vermutlich gibt es noch viele Möglichkeiten zu helfen. Aber hier weiß ich, dass der Bedarf groß ist und den Geflüchteten wirklich etwas bringt.
  1. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, was möglichst jeder hören und lesen soll?
Ich habe eh schon viel zu lang geantwortet. Ich hoffe einfach, dass noch viele Menschen dieselbe Entdeckung machen, die ich machen durfte: Wie wundervoll, vernünftig, einladend, rettend und begeisternd der Glaube an Jesus Christus ist. Viel zu oft verbinden Menschen mit dem Glauben etwas Hartes, Unsympathisches. Ich habe ihn als genau das Gegenteil kennengelernt. Als Liebe pur.
Vielen Dank für die Antworten!

Kurzgeschichte: “Kellerkind”

Kellerkind. Von einem, der sich einsperrte, die Welt zu retten. Eine Kurzgeschichte
Vorwort
Liebe Leser, ich bin Kellerkind. Auf meinem Personalausweis steht natürlich ein anderer Name. Da steht „Markus Frei“. Aber so hat mich noch kaum jemand genannt. Seit ich mich erinnern kann, nannten mich alle Kellerkind. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es so, dass mich der Keller schon immer sehr interessiert hat. Da ist es dunkel, modrig, geheimnisvoll. So ähnlich sah es in mir drin auch lange aus. Doch dazu werde ich später noch mehr erzählen. Der andere Grund ist der, dass mein Leben sehr gut zu diesem Wort passt. Zwar durfte ich mir eine gute Bildung zuteil werden lassen; zumindest hoffe ich, dass der Leser darin nicht enttäuscht wird. Aber ich habe zehn Jahre im Keller verbracht und versucht, die Welt zu retten. Zehn Jahre am Bildschirm, mit einer Couch neben meinem Schreibtisch, bis ich gemerkt habe, dass nicht nur die Welt gerettet werden muss, sondern ich selbst auch. Zehn Jahre auf acht Quadratmetern plus einer kleinen Nasszelle mit Dusche und Klo unter der Erdoberfläche haben mich gezeichnet und zermürbt. Zehn Jahre auf der Suche nach dem heiligen Gral des Weltfriedens, doch am Ende habe ich Frieden mit mir selbst gefunden. Davon möchte ich in den folgenden Zeilen erzählen. Denn ich habe Hoffnung, dass der Leser, welcher diesen Frieden noch nicht kennt, sich mit mir auf die Suche machen wird.
Schon als Kind träumte ich davon, ein Held zu sein. Einer, der die Welt rettet. Einer, der alle Flammen des Hasses und der Kriege auszulöschen vermag. Als kleiner Junge verkroch ich mich oft im Keller meiner Eltern in meine „Höhle“ aus alten Kissen und Wolldecken und spielte mit meinen Plüschtieren „Frieden schaffen“. Irgendwie dachte ich immer, dass man die Menschen (oder eben auch Plüschtiere), wenn sie das Beste für sich nicht wollen, sie eben dazu zwingen müsse. Und wie sehr fühlte ich mich als Held, wenn ich allen meinen Tieren erklärt hatte, wie gut sie es unter meiner Herrschaft als König hätten und sie mir überschwänglich dafür dankten, sie zu ebenjenem Frieden gezwungen zu haben. So kam ich zu der fixen Idee, dass es nötig sein könne, Zwang auszuüben, um die Menschen dazu zu bringen, das für sie Beste zu wollen.
Und dann lernte ich lesen und begann, alle möglichen Heldengeschichten zu verschlingen. Ich lebte in diesen Träumen und war immer der Held im Erdbeerfeld. Irgendwann merkte ich, dass es im realen Leben nicht so leicht ist: Man beginne nur einmal mit der Frage, wo man ein Pferd bekommt, was ein Held doch so häufig braucht. Ich bin ein Kellerkind der Großstadt, und in meinem Umfeld gab es niemanden, der reiten konnte, geschweige denn ein Pferd besaß. Die Betonwüsten meiner Kindheit kannten eher zweirädrige PS-starke Gefährte, für die man erst mal 18 werden musste, um sie reiten zu dürfen. Oder die Frage, woher man weiß, wer gerade gerettet werden muss. Manchmal kam ich meiner Mutter zur Hilfe, indem ich meinen Vater beleidigte, weil ich ihn als meinen Rivalen betrachtete und dachte, sie müsste vor ihm beschützt werden. Doch das machte ich nicht oft. Meist dachte ich nur: Warte nur, wenn ich mal groß bin, werde ich ein Held. Dann mach ich dich so richtig fertig, wie der Held in den Geschichten es mit seinen Gegnern tut. Mein Vater, das muss ich hinzufügen, hat weder mir noch meiner Mutter etwas Schlimmes angetan. Aber für mich war er immer ein Rivale, der mir versuchte, die Aufmerksamkeit der Mutter zu stehlen.
Vom analogen zum digitalen Kellerkind
Und dann bin ich durch den Computer in die digitale Welt gerutscht und das hat irgendwie aus Kellerkind 1.0 plötzlich ein Kellerkind 2.0 gemacht. In meiner Freizeit nutzte ich dieses Medium immer stärker – tagelang. Nächtelang. Wochenendenlang. Schulferienlang. In der Schule war ich eigentlich immer ein unauffälliger, eher einzelgängerischer, begabter aber fauler und somit durchschnittlich benoteter Schüler. Die meisten Fächer fand ich durchaus interessant, aber fesseln konnte mich nur die digitale Welt. Was für ein endloser Horizont tat sich da auf! Wie viele Stunden konnte man surfen und zocken und fand doch kein Ende. Das war meine Zukunft. Da kannte ich mich aus. Das war der Bereich meines Heldenlebens, in dem mir keiner so leicht das Wasser reichen konnte. Dachte ich auf jeden Fall.
Tief in meinem Inneren war ich auf der Suche nach meiner ganz persönlichen Heldenstory. Ich wollte die Welt retten, ich wusste nur nicht, vor wem und wie. Eigentlich bin ich ein sehr tiefer Mensch. Mit „tief“ meine ich, dass ich nicht so schnell zufrieden bin mit einer einfachen Antwort oder einer oberflächlichen Befriedigung. Mit den meisten Menschen kam ich schon deshalb nicht gut klar, weil sie zu schnell zufrieden sind. Weil sie den schnellen Kick suchen und sich dann fragen, warum diese Leere am Ende zurückbleibt. Ich wollte anders werden, und fand doch zunächst lange keine Antwort. Eines Tages wachte ich auf und merkte, dass ich genauso oberflächlich geworden bin wie mein Umfeld. Das machte mir Angst, und ich griff zur nächstbesten Lösung, zu der wohl die meisten oberflächlichen Menschen greifen. Ich suchte Betäubung dieser inneren, unangenehmen Leere.
Manche suchen diese Leere mit Alkohol oder harten Drogen zu füllen. Das war nichts für mich. Ein Held muss schließlich jederzeit abrufbar sein, nicht erst, wenn sich der Kater verflogen hat. Nach kurzer Zeit fand ich eine Alternative. Ich begann, das Internet zu füllen. Manchmal hatten Menschen Fragen, und ich hatte Antworten. Ich konnte helfen und wurde anderen zum persönlichen Helden. Manche ließen sich von mir ihre Hausaufgaben für die Schule erledigen und gaben mir für ein paar Minuten das Gefühl, der große Retter zu sein.
Doch auf Dauer war auch das nicht befriedigend. Ich merkte, wie ich ausgenutzt wurde, wie der letzte Depp. Die Arbeit durfte ich machen, bekam ein paar Worte des Dankes, und damit hatte es sich dann. Das konnte es auch nicht sein. Schließlich wollte ich ja ein Held für die ganze Welt sein. Ich wollte etwas tun, was die Weltgeschichte zum Guten ändern sollte. So etwas wie Graf von Stauffenberg, nur halt dass ich es erfolgreich zu Ende bringen würde. Doch was konnte ich tun, um den Weltfrieden auf die Erde herabzuholen? Ein Wort hat mir gefallen. TOLERANZ. Und das hatte einen größeren Bruder namens AKZEPTANZ. Wenn ich diese zwei Worte jedem aufzwingen konnte, dann käme das dem Weltfrieden gleich.
Kellerkind 3.0
Inzwischen hatte ich mein Abi in der Tasche, ein durchschnittliches Abi von einem faulen Schüler, der in seiner Freizeit Besseres zu tun hatte als zu lernen. Nun begann ich, mich ganz in den Kellerraum meiner Eltern einzuschließen. Es gab für mich da unten schon lange ein Klo und eine Dusche, Essen bekam ich auch regelmäßig, was wollte ich noch mehr? Eine Couch und mein Schreibtisch mit dem schnellen PC, mehr braucht ein Held heutzutage nicht mehr. Die Story läuft digital in der grenzenlosen Welt des World Wide Web. Hier taten sich mir neue Levels der virtuellen Realität auf, denn alles war jederzeit zugänglich.
Immer mehr wurde ich zu einem Sklaven der digitalen Welt. Leider merkt man das nicht; erst viel später gingen mir die Augen auf. Ich sah den Computer als Werkzeug, das mit den Zutritt zum Land hinter dem Bildschirm eröffnen sollte und wurde zum Werkzeug der Technik, die mir immer mehr begann, mein Denken, Fühlen und Wollen zu übernehmen. Das einzige, was sie mir noch überließ, war das Tun. Die Bedienung der Tastatur im Namen der Technik blieb mir überlassen. Jedes Werkzeug wird zu einem Teil unseres Selbst und übernimmt einen Teil unserer Identität. Je mehr wir unsere Identität einem Werkzeug ausliefern, desto weniger bleibt am Ende von uns selbst noch übrig. Wir werden zur Maschine.
Die Frage, welche mich in dieser Zeit umtrieb, war diese: Wie kann die Menschheit dazu gezwungen werden, sich mehr Toleranz und Akzeptanz anzueignen? Was konnte ich tun, um den Weltfrieden voranzutreiben, der zweifellos kommen musste, wenn nur diese zwei Worte genug betont und gelebt wurden? Wenn ich das Internet betrachtete, sah ich immer mehr Hass, Streit und Intoleranz. Doch eine Möglichkeit sah ich. Kommentare konnte ich verfassen. Und den Melde-Button bedienen. Schließlich war ich nicht der einzige, der ein Problem mit der ganzen Intoleranz hatte. Immer mehr Seiten begannen, einen solchen Button zu implementieren, mit dem man Beiträge melden konnte, wenn sie mich störten. Und davon gab es viele. Sehr viele. Jeden Tag mehr, und für jeden Beitrag, den ich meldete, fand ich drei weitere, die ich noch nicht gemeldet hatte.
Der Hass des Internets begann, auf mich abzufärben. Meine Kommentare wurden immer sarkastischer, immer schriller, immer hasserfüllter. Noch merkte ich nichts davon. Das geht nicht von einem Tag auf den nächsten, dass man so hasserfüllt wird. Zumindest war es bei mir nicht so. Es geht langsam, und irgendwann schaukelt man sich gegenseitig hoch. Hass führt zu Gegenhass und Lautstärke zu Gegenlautstärke. Irgendwann geht es nicht mehr um Argumente, nur noch die Polemik zählt.
Irgendwann kam noch ein schrecklicher Albtraum hinzu. Ich träumte, dass ich an meinem PC saß; und während meine Finger flink über die Tasten huschten, sah ich direkt vor meinen Augen, wie sich eine kleine, schwarze Spinne an ihrem Faden abseilte und mir ins Gesicht kroch. Ich wollte schreien und sie erschlagen, doch weder mein Mund noch meine Finger gehorchten mir. Mit weit aufgerissenen Augen und vor Schreck zu Berge stehenden Haaren musste ich zusehen, wie diese Spinne sich nicht nur auf mein Gesicht niederließ und begann, in meine Nase hochzukrabbeln. Nie zuvor hatte ich mir so sehr gewünscht, niesen zu können, doch genau in diesem Moment klappte es nicht. Die Spinne kroch mir so weit im Kopf hinauf, dass ich mir vorstellte, wie sie es sich zwischen den Windungen meines Gehirns bequem machte. Anatomie war nicht so meine Stärke. In dieser Nacht war ich froh, dass ich aufwachte und konnte fürs Erste nicht mehr schlafen. Erst Jahre später bekam ich eine Idee von der Bedeutung dieses Traums.
Im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie sehr ich in dieser Zeit den Widerstand anderer Personen nötig hatte, die mir widersprachen. Mein ganzes Dasein hing von diesem ab. Der Widerstand gab mir das Gefühl, wichtig zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war nie allein, es gab immer genügend andere Personen, die mich unterstützten und immer wieder Mut zusprachen, meine Meinung zu sagen oder besser gesagt zu schreiben und online zu veröffentlichen. Aber es war immer der Widerspruch, der meine Identität ausmachte. Nur wenn ich wogegen sein konnte, gab mir das ein Profil und die Gewissheit, ein eigenständiger Mensch, ein Individuum, zu sein. Nichts hasste ich mehr als den Gedanken, eine Kopie von zigtausend anderer zu sein, die derselben Meinung waren wie ich.
Sag mal, bist du das noch?
Ich war nie wirklich mit Alkohol betrunken. Das wollte ich auch nie. Aber einen anderen Rausch kenne ich nur zu gut: Den Rausch der Polemik, die süße Trunkenheit eines harten und hasserfüllten Kommentars, worauf die ungewisse, spannungsgeladene Verkaterung des Wartens folgt: Wann kommt eine Antwort? Was wird als nächstes geschrieben? Viele meiner Kommentare waren schon gelöscht, bevor sie diejenigen lesen konnten, an den sie gerichtet waren.
Als meine Mutter eines Tages die Dreistigkeit besaß, mich wegen des Hochzeitstages der Eltern zum Essen abzuholen, da funkelte ich sie wütend an, und sagte grob zu ihr: „Lass mich doch einfach in Ruhe, ich hab zu tun!“ Was wollte sie denn von mir? Ich hatte den Keller seit fast zehn Jahren nicht mehr verlassen, hatte nichts zum Anziehen, außerdem wartete ich gerade mal wieder auf die Antwort auf einen besonders boshaften Kommentar, in welchem ich der anderen Person unterstellt hatte, zu den Neonazis zu gehören. Mir war damals völlig klar, dass ich mich damit in einem Bereich befand, der nicht ungefährlich war. Dieser Kommentar konnte als Rufmord ausgelegt werden, und was das unter Umständen bedeuten konnte, wussten wir alle. Trotzdem versuchten wir es immer wieder und bemerkten bald, dass dieses Vergehen kaum geahndet wurde, wenn man nur auf der richtigen Seite stand.
Doch für Mutter schien das alles nicht so wichtig zu sein. Besser gesagt: Sie wusste nicht, was ich in meinem Keller tat; und das war auch gut so. Sie war nur sehr enttäuscht auf meine Reaktion; hatte sie mich doch schon zwei Wochen früher zu diesem Essen eingeladen. Da war nur das Problem, dass ich es dann gar nicht richtig wahrgenommen hatte; mein Gemurmel verstand sie wohl als Zustimmung. In ihrer Enttäuschung fragte sie mich – und diese Worte prägten sich tief in mein Gedächtnis ein – „Sag mal, Markus, bist du das eigentlich noch oder ist das diese Maschine, die aus dir redet?“
Im ersten Moment lachte ich auf. Was wollte sie denn eigentlich? Natürlich bin ich das. Ich bin immer noch derselbe. Kellerkind. Nur halt ein paar Jährchen älter. 28, um genau zu sein, aber das war ja nicht so wichtig. Kellerkind würde immer Kellerkind bleiben. Es war ein raues, boshaftes Lachen, das aus meinem Mund kam. Es erschreckte mich. Und dann war da auch die Erinnerung an die kleine schwarze Spinne. Erst in der Nacht davor hatte er wieder von ihr geträumt. Sie machte immer mit ihm, was sie wollte. Er war ihr völlig ausgeliefert. In der Nacht vor diesem Ereignis träumte er davon, dass sie ihm auf die Zunge krabbelte und ihn zwang, den Mund zu öffnen, damit sie da hinauskrabbeln und sich am Faden abseilen konnte. Ob das wohl etwas mit diesem Tag und dem Ereignis mit Muttern zu tun haben konnte?
Doch nein, das konnte nicht sein. Das war purer Aberglaube. Träume sind Schäume, und wenn man sich von einem solchen schweißgebadet nachts auf der Couch wiederfand, so war der Traum zu Ende und fertig. Träume konnten keine Bedeutung haben. Zumindest meine nicht. Sie durften keine Bedeutung haben. Denn ich wollte mir nicht ausdenken, was dieser Traum mit meinem Leben zu tun haben könnte. Allein die Vorstellung davon, dass es irgendeine Verbindung geben könnte, trieb eiseskalte Schauer meinen Rücken hinunter.
Als meine Mutter mit dieser Frage traurig die Türe hinter mir schloss, stieß ich abermals ein Lachen aus. Diesmal klang es schon viel annehmbarer. Oder wollte ich es bloß so hören? Mutter kannte mich doch. Sie wusste, dass ich genug zu tun habe. Sie wusste auch, dass mir nie langweilig war. Das World Wide Web ist wie New York: 24 Stunden am Tag geöffnet, immer etwas zu tun, immer in Bewegung. Rast- und ruhelos. Genau so wie ich auch.
Nun stürzte ich mich wieder in meine virtuelle Welt. Ich tat alles, um vergessen zu können. Doch irgend etwas war anders. Der Wein der Polemik hatte keine betäubende Wirkung mehr auf mich. Ich konnte schreiben, schimpfen soviel ich wollte, das gewohnte Gefühl der Trunkenheit blieb aus. Es war, als würde in meinem Hinterkopf ein Browsertab laufen, das ich nicht schließen konnte. Und das mich immer wieder fragte: Bist du das noch? Bist du das noch? Zum ersten Mal in meinem Leben hätte ich gerne zur Flasche gegriffen, doch selbst wenn ich eine gehabt hätte, wäre ich wohl davor zurückgeschreckt. Denn das hätte bedeutet, zugeben zu müssen, dass ich tatsächlich nicht mehr derselbe war.
Auf der Suche
Die nächsten Wochen waren von zwei gegensätzlichen inneren Stimmungen bestimmt: Flucht vor mir selbst und Suche nach meiner Identität. Ich musste wissen, wer ich war, und doch schreckte ich davor zurück. Es machte mir Angst, an den Moment zu denken, da ich in den Spiegel meines Inneren schauen und mir begegnen musste. Die Flucht trieb mich dazu, immer neue Höhen des Hasses zu finden; aber wenn ich zwischendurch bewusst durchlas, was ich da geschrieben hatte, war ich mehr als einmal kurz davor, mich in eine geschlossene Anstalt einliefern zu lassen. Das konnte doch nicht ich sein, der diesen kranken Shit schrieb? Und doch war dieser kranke Shit jedes Mal mit meinem Nicknamen versehen: Kellerkind stand darüber. Das war ich. Kein Zweifel; kein anderer traute sich, in meinem Namen zu schreiben. In dieser virtuellen Welt gab es auch ungeschriebene Gesetze; und da ich jemand war und einen gewissen Kreis an Bewunderern besaß, durfte ich mich darauf verlassen. Mir begann, vor mir zu grauen. Schon mehrere Nächte hatte ich gar nicht mehr schlafen können. Die kleine schwarze Spinne durfte nicht mehr erscheinen. Das wäre zu viel für mich gewesen.
Eines Morgens wachte ich im Krankenhaus auf. Ich wusste gar nichts mehr, nur noch, dass ich um jeden Preis wach bleiben muss wegen der Spinne. Moment mal – bin ich da tatsächlich aufgewacht? Dann muss ich ja geschlafen haben. Wo war mein Computer? Ich musste doch ganz schnell wissen, was mein momentaner Erzfeind wieder geantwortet hat. Doch weit und breit kein Computer. Das helle Sonnenlicht stach mir in die Augen. Der Kopf brummte, ob das wohl die Spin… nein das konnte nicht sein. Die Spinne existierte nur im Traum. Ich schloss die Augen und fiel in einen leichten, aber wohltuenden, traumlosen Schlaf.
Später, als ich wieder wach war, erklärte mir der junge Arzt, weshalb ich hier war. Durch den Schlafmangel und den inneren Stress hatte ich einen Zusammenbruch erlitten. Meine Eltern haben den Krankenwagen gerufen, nachdem ich zunächst in meinem kleinen Kellerraum alles kurz und klein geschlagen habe und sie mich dann bewusstlos auf dem Boden aufgefunden hatten. Langsam gewöhnte ich mich an das Tageslicht. Damit begann ich auch, meine Umwelt wahrzunehmen. Auf dem anderen Bett lag ein Mittdreißiger, der mit vielen Verbänden versehen war. Irgendwann am nächsten Tag kamen wir miteinander ins Gespräch. Auf meine Frage hin erzählte er seine Geschichte.
Ich bin in meiner Freizeit häufig im Internet unterwegs“, erzählte er, „und da gab es vor ein paar Wochen so eine Online-Diskussion, in welcher mir ein bekannter Kommentator vorwarf, ein Neonazi zu sein. Darüber dachte ich einige Tage nach und kam zum Schluss, dass er recht hatte. Mein Problem war aber, dass ich nur sah, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe, aber ich wusste keinen Ausweg, wie ich wieder ich selbst werden konnte. Ich wollte die Welt vor mir verschonen, kaufte eine letzte Flasche Jack Daniels und wollte mein Auto in den nächsten Baum manövrieren. Durch den Alkohol war meine Sicht beschränkt, sodass ich den Baum nur mit der Ecke der Beifahrerseite erwischte. Trotzdem war der Aufprall stark genug, um mir einen doppelten Beinbruch und einige weitere Blessuren zu bescheren. Seither bin ich hier ans Bett gebunden. Dem Beinbruch ist es übrigens zu verdanken, dass ich mich hier nicht auch schon aus dem Fenster gestürzt habe.“
Mir wurde kalt und heiß bei dieser Erzählung. Konnte es sein, dass… Ich musste es wissen. So fragte ich ihn nach seinem Namen und wie er online heiße. „Johann Goldmann ist mein Name, Jogo81 mein Nickname. Online war es der anonyme aber bekannte User mit dem Nicknamen Kellerkind, mit dem ich so oft aneinander geraten bin.“ Da hatte ich nun den Käse. Ich stand auf, trat an sein Bett und streckte ihm die Hand hin: „Markus Frei, Kellerkind. Ähnliches Problem. Nervenzusammenbruch durch Stress und Schlafmangel.“ So entstand meine erste richtige Freundschaft – und ausgerechnet mit meinem langjährigen Erzfeind.
Hans, wie ich ihn seither nenne, hat in seinem Krankenhausaufenthalt etwas Spannendes entdeckt. Auf seinem Nachttisch lag ein Buch, das in jedem Zimmer des Krankenhauses zu finden ist. Er sagte mir: Markus, ich wollte die Welt mit Liebe füllen, und habe nur Hass gesät.“ Wie bekannt mir das vorkam. „Genauso ist es mir auch ergangen.“ – Weißt du denn jetzt, was Liebe ist?“ Ich schüttelte den Kopf. Er erzählte mir: „So ganz verstanden hab ich das noch nicht, aber schau mal, hier drin gibt es ganz viele Autoren, die von der Liebe schreiben. Am schönsten finde ich das hier: ‘Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde opfert.’ Das steht bei einem Johannes. Der ist doch mein Namensvetter. Im 15. Kapitel steht das, und zwar Vers 13. Verstehst du es?“ Mir traten Tränen in die Augen.
Schau mal, Hans, ich glaube wir zwei waren gar nie so weit voneinander entfernt. Auch wenn wir uns als Erzfeinde betrachteten, waren wir nur Menschen, die rechts und links vom selben Pferd gefallen sind. Der eigentliche Gegensatz zu uns beiden ist in diesem Spruch enthalten. Wir beide dachten, dass es Liebe sei, andere zu zwingen, unser Leben und Denken zu übernehmen. Doch wahre Liebe ist es, wenn man auch dann dafür sorgt, dass es anderen gut geht, wenn sie eine andere Meinung haben, ohne jeglichen Zwang. Aber ich muss da auch noch weiter nachdenken.“ So begannen wir, zu zweit in diesem weit verbreiteten und doch so selten gelesenen Buch zu lesen und miteinander darüber zu reden.
Fragen über Fragen
Es gibt vieles in diesem Buch, was uns beschäftigte. Da gab es etwa eine Szene, die uns doch recht brutal erschien. Der Held des Buches machte sich eine starke Peitsche aus mehreren Lederriemen und prügelte Menschen aus dem Tempel raus. War das wohl doch nur wieder dieselbe Liebe, die andere zwang, auch gegen ihren Willen das Gute anzunehmen? Wir riefen den Krankenhauspfarrer und er erklärte uns dies. Diese Leute, die da rausgeworfen wurden, hatten in Wirklichkeit andere Menschen davon abgehalten, in den Tempel zu kommen. Sie trieben Wucher, sodass nur die Reichen sich leisten konnten, dorthin zu gehen und ihren Gottesdienst zu machen. Das war das Problem. Das Gespräch mit dem Pfarrer war sehr interessant, und so hatten wir den Wunsch, noch viel mehr zu erfahren.
Doch mit Kirchen hatten wir ein Problem. Waren das nicht so große Versammlungen von Erzheuchlern? Kaum waren wir beide wieder aus dem Krankenhaus, wollten wir einen Versuch wagen und gingen in verschiedene Kirchen unserer Stadt. Da gab es sehr viele verschiedene; wer hätte gedacht, dass es im Zeitalter von Online-Gottesdiensten noch so viele Kirchen gab? Diese Vielfalt fanden wir schön, aber irgendwie kam es immer wieder dazu, dass wir enttäuscht wurden. Zwang, Heuchelei, nicht eingehaltene Versprechen, und so weiter. Wir mussten lernen, dass auch die Kirchenmenschen immer noch „nur Menschen“ waren.
Irgendwann meinte Hans: „Markus, wir haben jetzt in einem Jahr schon über 15 davon angeschaut. Ich glaube, wir sollten uns langsam damit abfinden, dass wir alle Menschen sind und uns mal festlegen, wo wir dazugehören wollen.“ Er hatte recht. Und wir beide waren inzwischen schon so gute Freunde geworden, dass wir uns entschlossen, diesen Schritt gemeinsam zu tun. Was immer kommen möge, wir wollen Freunde bleiben. Auch wenn wir wussten, dass wir einander und auch andere Menschen immer wieder enttäuschen werden.
Unser Wissensdurst zu diesem Buch, das uns so viel von der Liebe erzählt, brachte uns auf die Idee: Wir wollen zusammen eine Bibelschule besuchen, damit wir noch mehr dazu erfahren könnten. Inzwischen hatte ich eine Arbeit; ich durfte bei einem großen Discounter Regale einräumen. Da ich immer noch bei den Eltern wohnte, konnte ich mir davon etwas ansparen. So gingen wir nach einem weiteren Jahr in unserer inzwischen regelmäßig besuchten Kirche auf die Bibelschule. Hier beschlossen wir, dass wir unsere Geschichte aufschreiben wollten, damit noch mehr Menschen von unseren Erlebnissen lernen und profitieren dürfen.
Wir sind noch ganz am Anfang einer neuen Geschichte; und wir sind sicher, dass Gott noch mehr Geschichte schreiben wird. Vielleicht auch Weltgeschichte, so wie ich mir das schon als Kind erträumt hatte. Wer weiß? Doch eins ist sicher: Er hat den besten Plan für unser Leben, und wenn wir lernen, im Kleinen treu zu sein und unseren Mitmenschen zu dienen, dann wird auch etwas Größeres kommen. Damit ist unsere kurze Erzählung zu
ENDE.

Gastbeitrag: Sind Traktate noch aktuell?


Mein Freund Michael Freiburghaus, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch (Link) ist zugleich Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM). Ich selbst habe schon viele Traktate unter die Leute gebracht und habe ihn gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Traktate zu schreiben.
Warum Traktate?
In Zeiten der Digitalisierung und der (a)sozialen Medien stellt sich sicher der ein oder andere Christ die Frage, ob Traktate noch aktuell sind. Meine Antwort lautet: Ja! Traktate sind christliche Schriften, die das EVANGELIUM – die frohe Botschaft und gute Nachricht, dass Gott uns in Jesus Christus liebt – kurz und verständlich erklären und zum Glauben an Jesus einladen.
Welche Traktate?
Das Spannende ist, dass es ganz unterschiedliche Arten von Traktaten gibt:
1. Solche, die ein aktuelles Thema aufgreifen wie z.B. Sterbehilfe, Sportereignisse oder die Finanzkrise.
2. Solche, die das Kirchenjahr betreffen: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten.
3. Biographische Traktate, die erzählen, wie jemand zu Jesus gefunden hat und wie Jesus sein/ihr Leben positiv verändert hat.
4. Saisonale Trakte zu den Sommer- und Winterferien, Halloween, den eidgenössischen Dank-, Buß– und Bettag usw.
5. Zeitlose Traktate, die den Heilsweg und die biblischen Grundlagen erklären: Glaube, Bekehrung und Wiedergeburt.
Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation haben wir ein Traktat zu Martin Luther herausgegeben, das die fünf Grundsätze (soli) der Reformation hervorhebt: „Gott erneuert dich!“
Du wirst sicher ein Traktat finden, das dir gefällt und das du gerne verteilst, weil du es selber gerne erhieltest! (-:
Welche Vorgaben?
Traktate werden im Vorfeld genau geprüft und müssen verschiedene Vorgaben erfüllen: Der Inhalt muss wahr sein und mindestens einen Bibelvers enthalten. Zudem müssen sie für Menschen verständlich sein, die keinen christlichen Hintergrund haben. Bisher habe ich drei Traktate verfasst. Mich fasziniert der Gedanke, das EVANGELIUM in einfachen Worten kurz und knapp darzustellen.
Welche Auswirkungen?
Traktate erreichen Menschen mit der Liebe Gottes, die nie eine Kirche besuchen und auch keine christlichen Freunde haben. Die krasseste Geschichte, die ich bisher erfahren habe, erzählte mir eine Frau, die nach eigenen Angaben gegen alle der Zehn Gebote verstoßen hatte. Deswegen suchte sie Vergebung (Absolution) bei mehreren Priestern, die sie ihr aber nicht gewährten. Sie war im Begriff, Selbstmord zu begehen, obwohl sie drei kleine Kinder hatte. Sie ging in ein öffentliches WC und fand dort ein Traktat: Sie las es und bekehrte sich zu Jesus! Dadurch fand sie Vergebung und Frieden mit Gott! Gott hat durch ein Traktat wortwörtlich ein Leben gerettet und für immer verändert.
Wie verteilen?
Du kannst Traktate jemandem geben, den du nur flüchtig im Zug gesehen hast. Oder du kannst es als Beilage zu einem Brief an Freunde und Bekannte schicken. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Traktate von Hand in die Briefkästen zu legen. Falls dir dies zu klein oder zu aufwändig ist, kannst du auch im großen Stil eine sogenannte Postwurfsendung organisieren und dein ganzes Dorf oder deine Stadt mit einem Traktat beschenken. Wenn ein Traktat zum Predigtthema passt, verteile ich nach einem Gottesdienst diese Schriften als kleines Geschenk an die Besucher.
Ich habe schon beobachtet, wie ein Teenager guten Mutes einem 90-jährigen Opa eine Karte mit einem Internetlink zu christlichen Videos in die Hand drückte. Gut gemeint, aber fraglich, ob er noch einen Internetanschluss besaß. Dagegen bietet ein geschriebenes Traktat den Vorteil, dass es selber schon wertvolle Informationen enthält.
Welcher Preis?
Traktate sind relativ preiswert und kosten nur einige Rappen bzw. Cents:
Anzahl
Einzelpreis
1-49
CHF 0.15
50-99
CHF 0.13
100-299
CHF 0.11
300-499
CHF 0.10
500-999
CHF 0.09
1000-4999
CHF 0.08
ab 5000
CHF 0.07
Tabelle:
Du siehst, dass es einen interessanten Mengenrabatt bietet!
Wie weiter?
Weiterführende Informationen erhältst du unter: www.christliche-schriften.chWir liefern auch Traktate nach Deutschland und Österreich.
Gott möge dir Kraft und Mut schenken, Traktate zu verteilen!

Pfarrer Michael Freiburghaus, Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM)

Wo bleibt das Band der Liebe?

Nicht nur mir, auch einigen älteren, weiseren Freunden ist es immer wieder aufgefallen, wie sehr unsere Zeit unter Gespaltenheit und Lieblosigkeit leidet. Es scheint das Symptom des Zeitgeistes zu sein. Wohin man hört und sieht, überall ist Gleichgültigkeit bis hin zu offenem Hass zu finden. Es ist eine Zeit der Lautstärke, in welcher jeder versucht, alle zu übertönen, die ihm nicht zustimmen. Besonders deutlich wird das in den asozialen Medien, die sowieso schon von der „sichtbaren Lautstärke“ leben. Möglichst groß, krass, sichtbar, abwertend, etc. Ich möchte im Folgenden ein paar Überlegungen anstellen, wie es zu diesem Phänomen gekommen ist und welche weiteren Wege denkbar sind.
Es ist eigentlich ein sehr widersprüchliches Phänomen: Auf der einen Seite führt der Glaube an die grenzenlose Perfektibilität des Menschen, der vom „American Dream“ stammt, zum Denken, dass jeder sich selbst verbessern kann. Dies wiederum zeigt sich darin, dass der Mensch sich häufig als Maschine sieht – und entsprechend auch von der Wirtschaft so eingesetzt wird. Der Einzelne ist nur noch das schwächste Glied der Maschine; der Arbeiter will nur noch durchhalten, um nachher Freizeit zu haben, und dann wird die Freizeitgestaltung auch wieder nur von einer Freizeitmaschinerie und Konsumindustrie bestimmt.
Auf der anderen Seite regiert das Gefühl. Wo aber das Gefühl die Macht in den Händen hält, wird jeder Widerspruch gleich persönlich verstanden. Wenn mein Gefühl der King des Lebens ist und Du mir widersprichst, dann hast Du etwas gegen mich persönlich gesagt. So wird das empfunden. Und wenn das jemand so empfindet, dann fühlt man sich auch sofort berechtigt, die andere Person persönlich anzugreifen und fertigzumachen. Dass es da einen enormen Unterschied zwischen Person und Meinung gibt, nehmen viele Menschen nicht mehr wahr.
Der Einzelne, welcher sich persönlich angegriffen fühlt, sucht meist nicht den Kontakt, um sich darüber auszutauschen, warum die andere Person diese gegensätzliche Meinung vertreten hat, sondern zieht sich in sein Ghetto zurück, zu denen, die derselben Meinung sind wie sie selbst auch. Wie das online geschieht, habe ich hier (Link) geschrieben. Oft besteht das darin, dass man Menschen anderer Meinung aus der Freundesliste löscht oder „entfolgt“ (Twitter). Ich habe noch nie jemanden wegen seiner Sichtweise gelöscht, und habe auch nicht vor, das je zu tun. Warum? Weil ich mir der Gefahr des Ghettos und meiner menschlichen Schwäche bewusst bin und weiß, dass ich (und jeder andere auch) Widerstand, verschiedene Sichtweisen, Vielfalt brauche, um gesund wachsen zu können.
Angst ist ein schlechter Berater, und meist ist es Angst davor, angegriffen oder in Frage gestellt zu werden, was Menschen in ihre „Ghettos“ treibt. Wenn Menschen sich ihres Werts unsicher sind, suchen sie häufig nur Bestätigung unter ihresgleichen. Sie tun alles, um Kritik und anderen Meinungen auszuweichen, denn so richtig wohlig fühlt man sich in dem Fall nur unter Menschen, die die eigene Sicht teilen und loben. Wer sie nicht teilt, muss entweder unwissend oder voll Hass sein, so ist die Vorstellung in diesem Fall. Dass man auch mit demselben Hintergrundwissen zu ganz anderen Schlüssen oder zu anderen Präferenzen kommen kann, wird meist ausgeblendet.
Die exzessive Verwendung der neueren Medien spielt auch noch mit hinein. Sie sind nun keinesfalls für diese Entwicklung verantwortlich im Sinne von schuldig, aber sie erleichtern die Bildung von wohlig-kuschligen Ghettos Gleichgesinnter und zugleich das technische Blockieren aller anderen Sichtweisen. Wer im Supermarkt einkaufen geht, wird unter den übrigen Kunden bestimmt eine Vielzahl von Sichtweisen treffen können, doch wer nur mit sich selbst beschäftigt ist und mit dem eigenen „Ghetto“, wird unfähig, sich auf diese anderen Meinungen einzulassen, sie mal zu überdenken und von ihnen profitieren zu versuchen. Darüber habe ich übrigens hier (Link) geschrieben. In den asozialen Medien hat jeder selbst die Verantwortung, sich seine Kontakte zu wählen, und viele Menschen suchen sich bewusst gleichdenkende Kontakte aus. Das führt wieder zu dieser digitalen Art von „Gated Communities“.
Im Folgenden eine Reihe von Fragen, die mir helfen (zumindest hoffe ich das), nicht nur mit den neuen Medien, sondern grundsätzlich auch mit mir entgegengesetzten Meinungen umzugehen und das alles überwinden könnende Band der Liebe aufrecht zu erhalten:
  • Wie fühle ich mich, wenn mir jemand widerspricht? Kann ich meine Sicht von meiner Persönlichkeit von meiner Meinung trennen oder fühle ich mich dann angegriffen?
  • Was mache ich, wenn mir jemand widerspricht, reflexartig als Erstes? Bete ich für diese Person, die mir widerspricht? Bete ich dafür, die Wahrheit zu erfahren?
  • Wie gut kann ich damit umgehen, eine Woche lang online nicht erreichbar zu sein? Fühle ich mich dadurch abgewertet oder habe ich Angst, etwas Wichtiges zu verpassen?
  • Wie geht es mir, wenn ich fünf Minuten lang nur still bin, ohne über etwas nachzudenken und ohne Ablenkung?
  • Wann habe ich zuletzt ein Buch gelesen, dem ich in den allermeisten Punkten widersprechen musste? Was habe ich dennoch davon mitnehmen können?
  • Wie sehe ich Menschen, die anderer Meinung sind? Kann ich sie als vollwertige Geschöpfe Gottes erkennen und eine ganze Menge über unseren Schöpfer von ihnen lernen?
  • Wie geht es mir, wenn ein Hype oder Shitstorm viral wird? Lasse ich mich davon mitreißen? Mache ich mit, wenn es nur darum geht, jemanden fertigzumachen?
  • Wann habe ich Gott zuletzt dafür DANKE gesagt, dass Menschen so verschieden sind und mir dadurch auch helfen, die Wahrheit noch besser zu verstehen?
  • Bete ich regelmäßig für die Menschen, die anderer Meinung sind und segne sie, statt (nur) Gott zu bitten, ihre Meinung zu ändern?
  • Was finde ich in der Bibel für Hinweise, die mir helfen, meine Gottes- und Nächstenliebe am Brennen zu erhalten?

Wir amüsieren uns zu Tode. Zehn Zitate von Neil Postman

Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 7. Aufl. 1987. Amazon-Link
Man sollte nicht vergessen, dass dieses Buch so alt ist wie ich – Jahrgang 1985. Somit muss es sich um einen guten Jahrgang handeln, denn das Buch ist mindestens ebenso aktuell geblieben. Hier zehn besonders deutliche Zitate.
“Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley fürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte.” (S. 7f)
“Halten wir heute nach einem Sinnbild für den Charakter und die Sehnsüchte unserer Nation Ausschau, so blicken wir nach Las Vegas, der Stadt in der Wüste von Nevada – ihr Wahrzeichen ist die zehn Meter hohe Papp-Attrappe eines Spielautomaten und eines Chorus-Girls. Denn Las Vegas hat sich ganz und gar der Idee der Unterhaltung verschrieben und verkörpert damit den Geist einer Kultur, in der der gesamte öffentliche Diskurs immer mehr die Form des Entertainments annimmt. Weitgehend ohne Protest und ohne dass die Öffentlichkeit auch nur Notiz davon genommen hätte, haben sich Politik, Religion, Nachrichten, Sport, Erziehungswesen und Wirtschaft in kongeniale Anhängsel des Showbusiness verwandelt. Wir sind im Zuge dieser Entwicklung zu einem Volk geworden, das im Begriffe ist, sich zu Tode zu amüsieren.” (S. 12)
“Gegen das ‘dumme Zeug’, das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das beste am Fernsehen, und niemand und nichts wird dadurch ernstlich geschädigt. Schließlich messen wir eine Kultur nicht an den unverhüllten Trivialitäten, die sie hervorbringt, sondern an dem, was sie für bedeutsam erklärt. Hier liegt unser Problem, denn am trivialsten und damit am gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert.” (S. 26)
“Jedes Medium, gleichgültig wie beschränkt der Kontext war, in dem es ursprünglich verwendet wurde, hat die Kraft, sich über diese Beschränkung hinweg in neue, unvermutete Kontexte auszudehnen. Weil es uns bei der Organisierung unseres Denkens und der Integration unserer Erfahrungen in einer ganz bestimmten Weise lenkt, prägt es unser Bewusstsein und unsere gesellschaftlichen Institutionen auf mannigfaltige Weise. Zuweilen beeinflusst es unsere Vorstellungen von Frömmigkeit, Güte oder Schönheit. Und immer beeinflusst es die Art und Weise, wie wir unsere Vorstellungen von Wahrheit definieren und mit ihnen umgehen.” (S. 28)
“Das Entertainment ist die Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses. Gleichgültig, was gezeigt wird und aus welchem Blickwinkel – die Grundannahme ist stets, dass es zu unserer Unterhaltung und unserem Vergnügen gezeigt wird. Deshalb fordern uns die Sprecher sogar in den Nachrichtensendungen, die uns täglich Bruchstücke von Tragik und Barbarei ins Haus liefern, dazu auf, ‘morgen wieder dabeizusein’. Wozu eigentlich? Man sollte meinen, dass einige Munuten, angefüllt mit Mord und Unheil, Stoff genug für einen Monat schlafloser Nächte bieten. Aber wir nehmen die Einladung des Nachrichtensprechers an, weil wir wissen, dass wir die ‘Nachrichten’ nicht ernstzunehmen brauchen, dass sie sozusagen nur zum Vergnügen da sind.” (S. 110)
“Mit ‘Und jetzt…’ wird in den Nachrichtensendungen von Radio und Fernsehen im allgemeinen gezeigt, dass das, was man soeben gehört hat, keinerlei Relevanz für das besitzt, was man als nächstes hören oder sehen wird, und möglicherweise für alles, was man in Zukunft einmal hören oder sehen wird, auch nicht. Der Ausdruck ‘Und jetzt…’ umfasst das Eingeständnis, dass die von den elektronischen Medien entworfene Welt keine Ordnung und keine Bedeutung hat und nicht ernst genommen zu werden braucht. Kein Mord ist so brutal, kein Erdbeben so verheerend, kein politischer Fehler so kostspielig, kein Torverhältnis so niederschmetternd, kein Wetterbericht so bedrohlich, dass sie vom Nachrichtensprecher mit seinem ‘Und jetzt…’ nicht aus unserem Bewusstsein gelöscht werden kann.” (S. 123f)
“Wir stehen hier vor der Tatsache, dass das Fernsehen die Bedeutung von ‘Informiertsein’ verändert, indem es eine neue Spielart von Information hervorbringt, die man besser als Desinformation bezeichnen sollte. […] Desinformation ist nicht dasselbe wie Falschinformation. Desinformation bedeutet irreführende Information – unangebrachte, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Information -, Information, die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt.” (S. 133)
“Wie früher die Druckpresse hat heute das Fernsehen die Macht erlangt, zu bestimmen, in welcher Form Nachrichten übermittelt werden sollen, und es bestimmt auch, wie wir darauf reagieren sollen. Indem das Fernsehen die Nachrichten in Form einer Variétéveranstaltung präsentiert, regt es andere Medien zur Nachahmung an, so dass die gesamte Informationsumwelt das Fernsehen widerzuspiegeln beginnt.” (S. 138)
“Die Fernsehwerbung hat dazu beigetragen, dass die Wirtschaft auf die Steigerung des Eigenwertes ihrer Produkte heute weniger bedacht ist als auf die Steigerung des Selbstwertgefühls ihrer potentiellen Kunden, mit anderen Worten, sie hat sich eine Pseudo-Therapie zur Aufgabe gemacht. Der Verbraucher ist zum Patienten geworden, dem man mit Psycho-Dramen Sicherheit vermittelt.” (S. 158)
“Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variété-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.” (S. 190)

Notiz am Rande: So entstehen „Fake News“ – mitten unter uns

Ich nehme einen aktuellen Vorgang, um damit etwas aufzuzeigen, was ich schon länger immer wieder beobachte. Mitten unter christlichen Kreisen entstehen „Fake News“ – oft wohl unbeabsichtigt, was es aber nicht besser macht. Viel schlimmer ist allerdings, dass gerade diese Kreise häufig den größeren Medien unterstellen, absichtlich falsche Infos zu verbreiten. Deshalb machen wir heute einen Ausflug zum „Fake News“-Mechanismus.
Der Anlass für diesen Beitrag ist der Fall „Börner“, ein Chefarzt in Dannenberg, der in seiner Klinik alle künftigen Abtreibungen unterbinden wollte. Am Rande bemerkt: Ich fand das eine sehr gute Einstellung, und hätte ihm damit allen denkbaren Erfolg gewünscht. Der Klinikchef stellte sich auch hinter die Entscheidung des Chefarztes. Doch es kam, wie es wohl kommen musste, und die Leitung der schwedischen Klinikgruppe hob das Verbot Börners auf, nicht zuletzt weil es aus Medien und Politik viel Gegenwind kam. Daraufhin bot Börner seine Kündigung an, welche angenommen wurde. So weit, so gut, das ist alles im üblichen Rahmen, wie das nun mal so abläuft. Doch nun tauchen in Diskussionen, die insbesondere in den „sozialen“ Medien geführt werden, immer wieder Behauptungen auf, dass Börner gekündigt worden wäre. Wenn das so gewesen wäre, hätte Börner natürlich jedes Recht auf juristische Unterstützung gehabt. Er hätte damit leben müssen, dass in seiner Klinik auch weiterhin Abtreibungen durchgeführt werden. Doch das wollte er nicht, weshalb er ja von sich aus die Kündigung anbot. Wer daraus schließen will, dass ihm nun gekündigt worden sei, hat von dem Fall gar nichts verstanden. Leider werden immer mehr solche Informationen aus dem Zusammenhang gerissen und zu neuen Informationen, „Fake News“ zusammengebastelt. Das führt leider dazu, dass immer mehr Menschen uns Evangelikale als Fake-News-Maschinen betrachten – und leider häufig nicht zu unrecht. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb verantwortungsbewusste Journalisten eben gerade nicht jede News übernehmen, die irgendwo online auftaucht. Und es ist auch der Grund, weshalb in einem solchen Fall nur sehr vorsichtig geschrieben wird. Das hat in den meisten Fällen wenig mit der politischen Einstellung der jeweiligen Autoren zu tun – auch wenn diese natürlich auch eine Rolle spielt – sondern vielmehr damit, dass man nicht über seine Kompetenzen hinaus berichten will.
Abtreibung ist in Deutschland nach wie vor illegal, lediglich unter bestimmten Umständen straffrei. Das wäre eine Information, die sich verbreiten sollte. Die evangelische Nachrichtenagentur „idea“ hat deshalb eine Petition zum Lebensrecht Ungeborener gestartet. Diese hat bisher bereits über 6800 Unterschriften und kann auch weiterhin online unterzeichnet werden.

„Wotsch en Brief, so schryyb en Brief“

(„Willst du einen Brief, so schreibe einen Brief“)
So hieß es in meiner Kindheit, wenn ich den Briefkasten leerte und es schade fand, dass da nebst der Zeitung oft nur Rechnungen und Werbung ins Haus flatterte. Kürzlich habe ich mich mit einem Freund darüber unterhalten, wie die Briefsammlungen in Zukunft wohl aussehen werden. 20 Bände mit einzeiligen eMails, SMS, WhatsApp-Nachrichten und Facebook-Messages? Eine schreckliche Vorstellung. Aber gar nicht so abwegig. Und doch sind es oft gerade die Briefsammlungen, die ich so wertvoll finde. In den Briefen der Reformatoren und auch anderer wichtiger Persönlichkeiten finden sich die Personen ganz authentisch. Als ich im Studium auf die von Rudolf Schwarz herausgegebene Sammlung von Briefen Johannes Calvins stieß, war das traumhaft, denn da konnte man den Mann hinter der Institutio in all seinen Schwierigkeiten, Erbitterung, Schmerzen und Problemen, aber auch in seinen Freuden und Siegen erleben. In den Briefen werden viele Dinge klarer und besser sichtbar, weil sie die Veränderungen des Menschen beschreiben. Selbst dann, wenn sich dieser dessen gar nicht bewusst ist. Große Persönlichkeiten haben schon immer große Freundschaften gepflegt und sind nicht selten erst durch diese Freundschaften zu dem „geschliffen“ worden, was sie später waren.
Wir leben in einem Zeitalter der sofortigen Befriedigung. Wenn wir etwas wissen wollen, so sind wir nicht mehr bereit, Wochen auf die Antwort zu warten. Die Zeit der sofortigen Befriedigung hat ihren Anfang mit dem Telegraphen genommen, als es erstmals möglich war, Informationen schneller als Menschen zu befördern. Dann kam das Telephon. Heute haben wir durch das Internet einige weitere Medien, die uns diese schnelle Befriedigung gewähren. Dadurch geht nicht nur die Geduld verloren, sondern auch ein Teil des Menschseins an sich. Die Information wird entpersönlicht, da sie vom Menschen als Medium losgekoppelt und stattdessen durch unpersönliche Medien weitergegeben wird. Die Handschrift mit ihrer jeweils persönlichen Note geht verloren; alles kann nach Vorlage XY formatiert werden. Der vielleicht einzige Unterschied ist noch die Anzahl an Fehlern der Grammatik; aber auch diese können dank entsprechender Software größtenteils eliminiert werden.
In meiner Kindheit und frühen Jugend hatte ich im Laufe der Jahre insgesamt sechs Brieffreundschaften. Zwei davon wurden über die Grundschule vermittelt, wo wir als ganze Klasse mit einer anderen Klasse in Deutschland einen solchen Briefaustausch pflegten. Eine entstand durch eine Flaschenpost, die ich beim Tretbootfahren aus dem Lago di Lugano gezogen habe. Die drei anderen kamen dadurch zustande, dass ich auf Anfragen in einer Kinderzeitschrift antwortete. Alle sechs haben mir sehr viel gebracht; und alle sechs wurden dadurch beendet, dass plötzlich keine Antwort mehr kam. Auch auf mehrere Nachfragen war Funkstille. Das war schade, denn es zeugt von der Wegwerfgesellschaft, in der wir leben. Menschen werden solange gebraucht, wie sie einem genug Wertvolles geben. Sobald etwas anderes wertvoller wird und die Zeit fehlt, lässt man bisherige Menschen fallen. Oft auch, ohne das selbst zu sagen; einfach nur durch Ignorieren.
Ich frage mich immer mal wieder, ob es so etwas wie eine richtige Brieffreundschaft mit handgeschriebenen Briefen, Briefmarken, Umschlägen und der Freude am Briefkasten noch gibt. Meinem Sohn wünsche ich, dass er diese Freude eines Tages auch erleben darf.

Auseinandersetzung mit der Medienethik in Romanform

Da ich mich schon länger immer wieder mit der Medienkritik und Medienethik beschäftige, ist die Idee entstanden, diese Sammlung von Wissen und eigenen weiterführenden Gedanken in der Form eines Romans zugänglich zu machen. Die Rahmenhandlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind keinesfalls beabsichtigt. Nacherzählungen von Gedanken anderer Autoren sind mit bestem Wissen und Gewissen – wenn auch teilweise ein wenig vereinfacht – wiedergegeben. Die Inhalte dürfen gerne diskutiert werden – ich bin für Kritik und Ergänzung offen. Wichtig ist mir aber, dass die Gedanken so einfach bleiben, dass sie in jeder Familie nach-gedacht und umgesetzt werden können.
Wer sich für die Bedeutung und den Umgang verschiedener Medien interessiert, ist herzlich eingeladen, auf meiner neuen Seite mitzulesen und auch zu diskutieren. Ich habe vor, das Ganze am Ende zu überarbeiten und werde konstruktive Vorschläge mit aufnehmen.