2018: Ein neues Lesejahr

Nachdem ich 2017 mit 95 Büchern und rund 40000 Seiten deutlich mehr zum Lesen kam als ich erst dachte, wird es vermutlich 2018 etwas weniger. Ich möchte mehr selbst zum Schreiben kommen, und ich werde auch nach wie vor in der nichtvirtuellen Welt zeitlich und kräftemäßig beansprucht, was wirklich sehr gut ist.

Trotzdem bin und bleibe ich ein Vielleser. Für 2018 habe ich mir zum Ziel gesetzt, bei den älteren Büchern Shakespeares Werke zu lesen und mich so weit wie möglich mit den wichtigsten Werken von Charles Dickens befassen. Ob es von diesen beiden etwas zu bloggen gibt, werde ich spontan entscheiden. Ein anderer Schwerpunkt werden die neuen Romane sein, die schnell mal zu Bestsellern werden. Hier habe ich mir zum Ziel gesetzt, einige zu lesen und rezensieren – immer mit dem biblischen Welt- und Menschenbild im Hinterkopf.

Warum gerade Bestseller? Bestseller sagen viel über die jeweilige Zeit aus, in welcher sie zu Bestsellern werden. Bestseller sind Bücher, die besonders häufig gekauft und gelesen werden. Wenn ein Autor erst mal etabliert, das heißt bekannt, ist, so sind es die Leser, die entscheiden, ob ein Buch dem Denken seiner Zeit entspricht oder nicht.

Wer möchte, kann auch dieses Jahr mein Lesejahr auf Goodreads verfolgen. Allerdings werde ich wohl kaum täglich diese Seite updaten, aber vermutlich so 1 – 2x die Woche, was dann bedeutet, dass umso mehr gelesen wurde. Ich lese durchschnittlich 110 Seiten pro Tag, was schätzungsweise 2,5 Stunden entspricht. Das bedeutet aber tatsächlich: Es gibt Tage, da lese ich deutlich länger und andere Tage deutlich weniger. Ich würde sagen eine halbe Stunde pro Tag im Minimum, und somit etwa 30 Seiten mindestens pro Tag. Das ist für mich eine Art, wie ich mich entspannen, zurücklehnen und mich auf eine Sache konzentrieren kann. Die meiste Zeit des Tages muss ich Multitasking betreiben, deshalb ist das Monotasking des Lesens einfach so entspannend und wohltuend. Viel besser als Schlafen 😉 Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Buchtipp: Leere Herzen

Zeh, Juli, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Eine kurze Geschichte, noch nicht einmal 350 Seiten lang, und doch finden sich darin alle notwendigen Elemente für einen erfolgreichen Roman: Gut durchdachte und konstruierte Persönlichkeiten, eine zumeist stringente Handlung, eine sich stetig steigernde Spannungskurve und eine ganze Reihe von Fragen, die sich unsere Zeit stellen muss. Ich habe den Roman von Juli Zeh insgesamt genießen können, wenngleich am Schluss noch manche Frage offen bleibt.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft Deutschlands. Inzwischen regiert die BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Keiner kennt mehr die Wahrheit; und die wenigsten sind an dieser interessiert; nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen einfache Antworten wollen und ihnen die Realität zu komplex geworden ist. Die BBB gibt einfache Antworten und spaltet damit die Gesellschaft: Entweder man ist Anhänger oder Gegner der BBB.

Britta, die Hauptperson, und Babak, ihr Geschäftspartner, haben in dieser Zeit eine Nische gefunden, an die man kaum zu denken wagt: Die Professionalisierung von Selbstmord-Attentaten. Möglichst wenig Tote, möglichst große Sichtbarkeit. Und eine gute Quote von Aussteigern aus ihrem aufwändigen psychologischen Programm zur Prüfung der Anwärter. Babak hat eine Software erstellt, welche mithilfe von Algorithmen eine Auswahl trifft, wer zu den möglichen Teilnehmern ihres Programms gehören könnte. Viele potentielle Selbstmörder finden in diesem professionellen Programm heraus, dass sie eigentlich gar nicht willens sind, zu sterben.

Doch plötzlich gibt es Konkurrenz. Ein gescheitertes Attentat, welches nicht von der „Brücke“ aus vermittelt wurde. Alles ergibt keinen Sinn in diesem Fall. Der Algorithmus bescheinigt den beiden Tätern viel zu wenig Selbstmordwillen. Und wenige Tage später erhängt sich dennoch der überlebende der beiden „Attentäter“ in seiner Zelle. Nun überschlagen sich die Ereignisse, bis sich am Ende herausstellt, wer für das stümperhafte Attentat und die Konkurrenz verantwortlich ist, nämlich… [nein, so viel werde ich nun doch nicht verraten; so viel Spannung darf erhalten bleiben].

Die Autorin trifft den Nerv unserer Zeit sehr schön: Ein ähnliches Szenario um die BBB ist durchaus denkbar, wenn die etablierten Volksparteien weiterhin so weit entfernt von der Basis agieren und sich im Elfenbeinturm bewegen, während die Demokratie durch die selbstverstärkende Wirkung der sozialen Medien, Fake-News und verblödende TV-Shows weiter bröckelt und auch die Generationenkonflikte weiter zunehmen, was absehbar ist. Etwas mehr Phantasie hätte ich mir bei der Beschreibung der Technologie der Zukunft gewünscht; unter der Annahme, dass sich der bisherige Fortschritt auch in Zukunft vergleichbar schnell entwickelt, dürfte bis in den 2020er-Jahren noch einiges mehr erfunden sein als die „Glotzis“, das Spielzeug von Zehs Zeit, und verbesserte Algorithmen. Vermutlich hätte Zeh gut daran getan, sich noch ein wenig mehr in die Zukunftsforschung zu vertiefen und dabei ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.

Die Persönlichkeiten von Britta und Babak werden Stück für Stück enthüllt, wobei dem Schluss dabei eine wichtige Rolle zukommt, worauf ich noch zurückkommen werde. Das Buch wird gerade durch diese langsamen Enthüllungen der Charaktere immer wieder neu mit Spannung geladen. Immer wieder fragt sich der Leser: Oh, bisher habe ich mir Britta ganz anders vorgestellt! Und doch sind diese Enthüllungen in sich stimmig. Sie enthalten im Verlauf des Buches keine großen Brüche oder Widersprüche, aber neue Facetten zeigen immer wieder auf, dass man sich im ersten Moment täuschen kann. Bei Babak ist der Charakter von Anfang an stärker festgelegt, weshalb er im gesamten Buch auch eher in den Hintergrund rückt. Interessant ist hingegen Julietta, sie ist der vermittelnde Charakter, wenn Britta und Babak sich uneinig sind, dann lässt sie deren Zorn auf sich selbst fallen und führt die beiden – oft ungewollt – wieder zur Einigkeit.

Enttäuschend hingegen fand ich den Schluss. Hier kommt es zum totalen Bruch in der Geschichte. Babak bringt auf den Punkt, was auch der Leser in dem Moment über Britta denkt: „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, warum du das getan hast.“ (S. 348) Entweder hat Britta die ganze Zeit nur ein übles Spiel gespielt und ist in Wirklichkeit die BBB-nahe Terroristin, oder sie ist dermaßen gleichgültig geworden, was wiederum ihrem gesamten Charakter widersprechen würde. Dieser Schluss lässt alles offen – und möglicherweise ist das von Zeh so geplant. Ich habe bisher noch keine anderen Romane der Autorin gelesen, um diese Frage etwas gewisser beantworten zu können (immerhin spiegelt jeder Roman die Weltanschauung ihres Autors in gewissen Punkten wider). Im ersten Moment würde ich dann die Botschaft von „Leere Herzen“ so verstehen, dass alles sinnlos ist und man einfach mit dem Mainstream mitgehen soll, weil ja alle Moral relativ ist. Doch irgendwie ist mir die Autorin noch zu sympathisch, als dass ich ihr diese Sichtweise unterstellen wollte. Vielleicht ergibt sich mit dem Roman „Unterleuten“, den ich demnächst auch noch lesen werde, ein etwas stimmigeres Bild.

Leere Herzen ist ein spannender Roman, der in der baldigen Zukunft Deutschlands spielt, und vieles ist sehr realistisch gezeichnet. Der Schluss und die sich daraus ergebende Gesamtbotschaft des Romans haben mich jedoch enttäuscht, weshalb ich dem Buch vier von möglichen fünf Sterne vergebe.

Buchtipp: Die Gabe der Könige

Hobb, Robin, Die Gabe der Könige, Penhaligon Verlag, RandomHouse, München, August 2017, Verlagslink, Amazon-Link
Vielen Dank an den Penhaligon-Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches. 
 
Fitz Chivalric Weitseher ist ein uneheliches Kind von Prinz Chivalric, dem geplanten Thronfolger der Sechs Provinzen. Er erzählt in diesem Buch aus seiner Sicht, was sich in seinem Leben bisher zugetragen hatte. Die ersten Jahre wächst er ohne Erinnerung an seine Mutter oder weitere Familie auf; das erste Ereignis, an das er sich erinnern kann, ist die Ankunft in der Stadtfestung. Was er noch nicht weiß, ist, dass tief in ihm die Gabe der Weitseher-Könige schlummert – eine Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer Menschen und Tiere „einzuhacken“, um diese zu lesen oder gar zu manipulieren. Damit diese Gabe zu ihrer Entfaltung kommt, muss sie hart trainiert werden; doch sie ist auch enorm gefährlich, da sie leicht missbraucht werden kann.
In Friedenszeiten wird eine solche Wunderwaffe nicht gebraucht, doch eines Tages wird klar, dass nicht allzu weit ein Feind lauert: Die Roten Korsaren. Sie waren mit Schiffen unterwegs, überfielen immer mal wieder Dörfer auf dem Festland der Sechs Provinzen, und kidnappten die Bevölkerung. Sie wollten Lösegeld, wenn die Geraubten getötet werden sollten. Ansonsten wurden sie zurückgebracht – als Entfremdete. In diesem Zustand waren die Rückkehrer emotions- und willenlos, agierten wie Roboter, überfielen Reisende, um sich ernähren zu können, und waren ansonsten so gleichgültig allem gegenüber, dass sie nur herumsaßen, bis sie wieder Hunger hatten. Ihre Notdurft verrichteten sie gerade da, wo sie sich zufällig befanden. Angesichts dieser Gefahr sollten die jungen Menschen mit dieser Superwaffe in kürzester Zeit ausgebildet werden, damit sie helfen konnten, die Sechs Provinzen zu beschützen. Doch ob dies gelingt? Das Leben auf dem Hof nimmt inzwischen den normalen Lauf, eine Hochzeit bahnt sich an, Intrigen verdichten sich ob der Gefahr von außen.
Die Lektüre dieses Fantasy-Romans hat mir gut gefallen, insbesondere auch deshalb, weil er viele aktuelle Fragen mit einem neuen Hintergrund erneut aufwirft: Wie gehen wir mit Superwaffen um? Was macht den Menschen aus? Fitz muss viele ethische Fragen klären und sich entscheiden, was er in welchem Fall tun will. Als Leser müssen wir uns diese Fragen auch stellen, und es tut uns gut, diese von einem Fantasy-Roman gestellt zu bekommen. Es ist keine leichte Lektüre, wenngleich mit der Zeit immer fesselnder, als sich die Ereignisse überstürzen und kurzfristige, ungeplante Reaktionen erfordern. Den Einstieg fand ich hingegen eher etwas zäh. Auch muss man sich natürlich fragen, ob die Autorin mit der Handlung im Roman die richtigen Antworten auf die brennenden Fragen zu geben vermag, was ich nicht immer so empfand. Doch alles in allem ist es ein spannender und lesenswerter Roman.
Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

 

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.
1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.
2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.
3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.
4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.
5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.

Das habe ich nur als Mutter gemeint!

Ein kurzes Gespräch im Roman „Middlemarch“ von George Eliot beschreibt ein typisches Phänomen, das wir auch heute oft beobachten können. Es geht um Dr. Lydgate, den frisch zugezogenen, in dem Sinne fremden, Arzt, der laut Gerüchten kurz davor stehen soll, die Rosamonde zu heiraten (was sich später dann auch bewahrheitet). Hier ein Auszug aus der brodelnden Gerüchteküche:
Not but what I am truly thankful for Ned’s sake,” said Mrs. Plymdale. “He could certainly better afford to keep such a wife than some people can; but I should wish him to look elsewhere. Still a mother has anxieties, and some young men would take to a bad life in consequence. Besides, if I was obliged to speak, I should say I was not fond of strangers coming into a town.” “I don’t know, Selina,” said Mrs. Bulstrode, with a little emphasis in her turn. “Mr. Bulstrode was a stranger here at one time. Abraham and Moses were strangers in the land, and we are told to entertain strangers. And especially,” she added, after a slight pause, “when they are unexceptionable.” “I was not speaking in a religious sense, Harriet. I spoke as a mother.”(Kindle-Position 5267 – 5271)
Auch heute findet man oft, dass zwischen dem, was dem christlichen Glauben entspricht und dem, was Menschen diesen Bekenntnisses tatsächlich tun, eine tiefe Kluft. So, als wollte man sagen: Das habe ich nicht im Sinne des Glaubens gemeint, das habe ich nur als Weltmensch gemeint!

Fragen zu den Feuerschreibern und der Reformationszeit

Nachdem ich vor ein paar Tagen die Rezension zum Buch „Die Feuerschreiber“ hier im Blog veröffentlicht habe, nahm ich Kontakt mit der Autorin Claudia Schmid auf. Ihr durfte ich ein paar Fragen zu ihrem Buch, ihrer Arbeit und der Reformationszeit stellen. Nachfolgend meine Fragen mit den Antworten von Frau Schmid.
1. Hallo Frau Schmid, bitte stellen Sie sich doch einmal kurz vor: Ihren Werdegang und besonders auch wie es zu Ihrem Interesse an der Reformation gekommen ist.
Claudia Schmid: Ich habe nach einigen Jahren der Berufstätigkeit Germanistik und Betriebswirtschaftslehre studiert, mein Ehemann und ich haben eine gemeinsame erwachsene Tochter. Wir wohnen ziemlich mittig zwischen Heidelberg und Mannheim in der Nähe des Neckars. Vor beinahe zehn Jahren veröffentlichte ich meine erste Kurzgeschichte. Mittlerweile sind es über vierzig, dazu haben sich sechs Bücher gesellt.
Mein Mann und ich haben in der Nikolaikirche in Isny im Allgäu geheiratet, weil mein Mann von dort stammt. In deren Turm befindet sich ein kostbares Kleinod, nämlich die Prädikantenbibliothek. Sie ist in ihrem Original-Zustand erhalten, sogar der Teppich, der zum Schutz auf dem Tisch lag, weil die Bücher ja regelrecht „aufgeschlagen“ wurden, ist noch ein Original. Gegen Ende des dreißigjährigen Krieges gab es einen verheerenden Stadtbrand in Isny, wie durch ein Wunder blieb der Kirchturm mit dieser Bibliothek erhalten. Während meines allerersten Besuchs in der Prädikantenbibliothek, als ich in diesem ganz besonderen Raum mit diesen kostbaren Bücherschätzen stand, fing ich Feuer für das Zeitalter der Reformation.
Denn in Isny gründete einer der Männer, der bei Luthers Heidelberger Disputation im April 1518 anwesend war, die erste hebräische Druckerei im deutschen Sprachraum, auch Bücher aus dieser Druckerei befinden sich in der Prädikantenbibliothek. Er arbeitete gemeinsam mit dem jüdischen Gelehrten Elias Levitha, der dazu, wie damals üblich, zu Fuß anreiste. Von Venedig über die Alpen, und das, obwohl er bereits siebzig Jahre alt war. Der Reformator war Paul Fagius, geboren in Rheinzabern. Das liegt in der Nähe unseres Wohnortes, und so kam es, dass ich anfing, mich mit der Reformation zu beschäftigen. Zuerst habe ich mich dem Thema mit historischen Kurzgeschichten angenähert, dann habe ich vor einigen Jahren den Roman „Die brennenden Lettern“, quasi eine Romanbiographie des Paul Fagius, geschrieben. Daraufhin entstand bei mir der Wunsch, nochmals einen Reformationsroman zu schreiben, bei dem ich so richtig tief in die Materie eintauchen konnte. Ich gestehe, dass ich es liebe, ausdauernd und umfassend zu recherchieren und mich mit Empathie in meine Figuren einzufühlen. Mit der Arbeit an dem Roman „Die Feuerschreiber“ ist dieser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Dafür bin ich dem Verlag Fontis sehr dankbar.
2. Was ist Ihnen bei Ihrer Beschäftigung mit der Reformationszeit wichtig geworden? Gibt es Dinge, die Sie ganz neu erkannt haben?
Claudia Schmid: Philipp Melanchthon setzte sich unermüdlich für die Bildung aller ein, etliche Schulgründungen entsprangen seiner Initiative. Für ihn war Bildung unerlässlich. Alle Reformatoren, auf die ich während meiner Recherche aufmerksam wurde, waren fürsorgliche Familienväter, die viel Kraft aus der Liebe zu ihren Familien schöpften. Und, was ein wesentlicher Punkt ist, sie hatten keine Angst vor falschen Autoritäten.
Geschichte ist immer auch eine Geschichte der Macht, von Beherrschung, Bedrohung und von der Gier nach Reichtum. Ich gewann den Eindruck, dass es den Reformatoren nicht um Macht und um eigene Vorteile ging. Sie wollten eine Erneuerung der Kirche zum Wohle aller Menschen, die Gemeinschaft sollte davon profitieren. Es waren mutige Menschen, von denen etliche sogar ihr Leben riskierten und auch ließen, weil sie etwas Höheres als sich selbst gesehen haben, sich dabei aber nicht über die anderen stellten.
3. Was können heutige Kirchen und Freikirchen ganz konkret von der Reformationszeit lernen?
Claudia Schmid: Mein historischer Roman bietet einen Einstieg in die Thematik der Reformation. Weiterreichendes können Interessierte im Selbststudium und im Rahmen ihrer Gewissensbildung für sich selbst erarbeiten und selbst Rückschlüsse daraus auf unser Leben heute übertragen.
4. Sie hatten für Ihre Recherche die Gelegenheit, eine ganze Menge Literatur zu Luther, Melanchthon und auch zur Reformation insgesamt zu wälzen – wohl mehr als ich im ganzen Leben werde lesen können. Mal angenommen, es gibt Blogleser, die durch Ihr Buch ein großes Interesse an der Reformation und den Protagonisten gewonnen haben. Welche (für Laien einfach verständliche) Literatur würden Sie empfehlen, um fortzufahren?
Claudia Schmid: Ich habe wirklich sehr viel gelesen! Über die Fernleihe der hiesigen Universitätsbibliothek habe ich unzählige Bücher bestellt und ich war in Archiven, um dort vor Ort in der vorhandenen Literatur zu lesen. Es ging für mich als Romanautorin zusätzlich zu theologischen Aspekten auch darum, herauszufinden, wie die Menschen damals lebten, wie haben sie sich ernährt, wovor hatten sie Angst, was hat sie beschäftigt, wie war die politische und soziale Lage. Was hat sie angetrieben, was wollten sie verändern und erreichen?
Mein absoluter Favorit ist über all die Jahre, in denen ich mich mit dem Thema Reformation beschäftige, das 1000seitige Buch von Diarmaid MacCulloch, „Die Reformation 1490 – 1700“ geblieben. Es hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Ich liste es mit einigen weiteren Titeln in der Literaturliste meines Romans „Die Feuerschreiber“ auf.
5. Gibt es für Sie persönlich Fragen, die noch offen geblieben sind? Über welche Themen und Fragen würden Sie gern mit den Reformatoren sprechen, wenn das möglich wäre?
Claudia Schmid: Das ist eine sehr interessante Frage! Ehrlich gesagt, habe ich sie mir noch nie gestellt. Für mich als Schriftstellerin wirft sie eine Reihe von weiteren Fragen auf, etwa: In welcher Form wäre ich den Reformatoren begegnet? Welcher sozialen Schicht hätte ich angehört? Würde es mir gelingen, von meinem Hier und Jetzt zu abstrahieren und mich im Kontext der damaligen Zeit zu bewegen und zu denken? Das ist sehr spannend. Ich denke, ich wäre gerne bei einer Arbeitssitzung dabei gewesen, als die Gelehrten im Schwarzen Kloster gemeinsam an der Übersetzung des Alten Testaments arbeiteten. Aber als stille Beobachterin. Und sobald die Zeitmaschine mich wieder ins Heute befördert hätte, hätte ich sofort ALLES aufgeschrieben.
6. Gibt es schon weitere Projekte, an denen Sie arbeiten, und von denen Sie ein wenig erzählen können?
Claudia Schmid: Die gibt es. Aber ich gehöre zu den Kreativen, die ihren eigenen „workflow“ ausbremsen, sobald sie darüber reden. Soviel: Das Zeitalter der Reformation bleibt meine bevorzugte Epoche für historische Texte.
7. Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, selbst einen historischen Roman zu schreiben?
Claudia Schmid: Für ein Thema bedingungslos brennen! Lesen, lesen, lesen! Alles, aber auch wirklich alles, was damit zu tun hat und was man bekommen kann. Die ganz alten Bücher darf man ja nicht ausleihen oder sie sind in einer Form verfasst, die für uns heute schwer lesbar ist, beispielsweise in einer Schriftart, die nicht mehr gebräuchlich ist. Da ist es dann zu empfehlen, zu recherchieren, ob dieses Buch in einer neuen Herausgabe erhältlich ist. Unbedingt an die Orte reisen und verweilen, an denen der Roman handelt! Versuchen, einzutauchen in die damalige Zeit und vom Heute abstrahieren, sich selbst zurücknehmen. Und dann, wenn man sich an so einem Ort befindet und ihn mit all seinen Sinnen aufnimmt, wenn die Romanfiguren zum Leben erwachen, wenn man sie sieht und riecht und sie zu einem sprechen, dann ist es soweit, mit dem Schreiben zu beginnen.
Vielen Dank für Ihre wertvollen Antworten!
Claudia Schmid: Ich bedanke mich für die Fragen und für das Interesse an meinem Roman.

 

Auseinandersetzung mit der Medienethik in Romanform

Da ich mich schon länger immer wieder mit der Medienkritik und Medienethik beschäftige, ist die Idee entstanden, diese Sammlung von Wissen und eigenen weiterführenden Gedanken in der Form eines Romans zugänglich zu machen. Die Rahmenhandlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind keinesfalls beabsichtigt. Nacherzählungen von Gedanken anderer Autoren sind mit bestem Wissen und Gewissen – wenn auch teilweise ein wenig vereinfacht – wiedergegeben. Die Inhalte dürfen gerne diskutiert werden – ich bin für Kritik und Ergänzung offen. Wichtig ist mir aber, dass die Gedanken so einfach bleiben, dass sie in jeder Familie nach-gedacht und umgesetzt werden können.
Wer sich für die Bedeutung und den Umgang verschiedener Medien interessiert, ist herzlich eingeladen, auf meiner neuen Seite mitzulesen und auch zu diskutieren. Ich habe vor, das Ganze am Ende zu überarbeiten und werde konstruktive Vorschläge mit aufnehmen.

Die Feuerschreiber – ein historischer Roman von Claudia Schmid

Schmid, Claudia, Die Feuerschreiber: Martin Luther und Philipp Melanchthon. Historischer Roman, Fontis Verlag Basel, 2016. Amazon-Link
Ich habe mich nun mal in ein Genre hineinbegeben, das ich sonst eigentlich eher meide: Historische Romane. Warum ich dieses meide? Mir ist die Mischung aus Recherche und Fiktion suspekt. Muss ich ehrlich zugeben. Da haben mich solche Romane, die ich vor langer Zeit mal gelesen habe, abgeschreckt; es ist dann nämlich oft so, dass die Recherche durch die Phantasie der Autoren ersetzt wird und der tatsächliche historische Inhalt ungefähr dem entspricht, was auf Wikipedia zu finden ist. Aber nun habe ich mich – dank eines Gewinns des Buches (herzlichen Dank an den Blog „Bücher ändern Leben“, an die Autorin und an den Fontis-Verlag) einen neuen Versuch gewagt – und bin begeistert.
Hier ist nun mal ein historischer Roman, wo man das Gefühl bekommt, dass sich die Autorin wirklich viel Mühe mit den Recherchen gibt und sich zugleich auch gut in die Charaktere hineinversetzen kann. Natürlich sind die meisten Unterhaltungen und auch einige der Nebencharaktere frei erfunden. Dennoch muss ich der Autorin für das Verstehen und schriftstellerisch praktische Umsetzen der Theologie der Reformatoren ein großes Lob aussprechen. Ein kleines Beispiel: “Ja, der Mensch in seiner Vermessenheit wollte sein wie Gott. Mit dieser Anmaßung kam das Böse in die Welt, es brachte den Teufel ins Spiel, der mit Gott um die Herrschaft über die Menschen rang. Aber der gnädige Gott eröffnete in seiner Weisheit einen Weg für die Gläubigen. Denn er liebte die Menschen so sehr, dass er seinen Sohn für sie opferte. Der Glaube an die Erlösungstat des Heilands, an seinen Tod und an seine Auferstehung schenkt Erlösung. Gottes Liebe steht über allem!”(S. 59) Man kann sich jetzt über die exakte Formulierung natürlich trefflich streiten, aber alles in allem finde ich es gut ausgedrückt.
Ich möchte das Buch besonders zwei Gruppen von Menschen empfehlen: Erstens jenen, welche gerade erst beginnen, sich mit der Geschichte der Reformation zu beschäftigen. Jenen empfehle ich, es nicht bei diesem einen Buch zu belassen. Es gibt zahlreiche weitere Literatur, die sich mit der Biographie und Theologie der Reformation beschäftigt. Die zweite Gruppe betrifft Menschen, die sich bereits eingehend mit der Reformation befasst haben, und sich einfach mal entspannt einem Buch hingeben möchten, das sie auch emotional in die damalige Welt mit ihren Sorgen, Nöten, Ängsten und Diskussionen hinein begeben wollen. So war es für mich persönlich. Das Buch hat mich erneut für die fünf „Solae“ der Reformation begeistert und ermutigt, trotz allem Widerstand und all der Irrlehren, die in unseren Tagen umgehen, weiter dran zu bleiben und Gottes Wort, die Bibel, treu zu predigen.

 

Ein neues Lesejahr beginnen

Ich habe das letzte Jahr beendet, indem ich ein paar der Bücher aufgezählt habe, die mich letztes Jahr besonders beschäftigt haben. Für dieses Jahr habe ich auch schon einige Ideen, die allerdings mehr Ideen sind und an die ich mich nicht sklavisch binden werde. Aber ich möchte mal kurz ein paar Rubriken aufzählen, in denen ich Ideen habe und damit auch auf die letztjährigen Rubriken eingehen. Welche Rubriken man nimmt und wie man die Bücher darin einteilt, ist eine Geschmackssache. Ebenso natürlich, was man überhaupt lesen will. Wobei es meiner Meinung nach ein paar gute Tipps gibt, die helfen, dass man ein wenig über den Tellerrand blicken kann. Was lese ich für Rubriken?
1. Ich lese die Bibel.
Regelmäßig. Täglich. Vor allem anderen. Sie ist das Erste, was ich lese, wenn mein Tag beginnt. Meist zu einer Tasse Kaffee, wenn unser Sohn gerade ein wenig für sich am Spielen ist. Manchmal auch erst im Laufe des Vormittags, wenn der Tagesstart etwas schwierig war. Aber vor jeder eMail und vor jedem anderen Buch – sei es digital oder analog. Seit 2,5 Jahren lese ich sie nach dem Vorschlag von James Gray. Das ist sehr herausfordernd und oft nicht einfach. Nicht jeden Tag schaffe ich meine geplanten vier Kapitel. Aber langsam und sicher geht es voran.
2. Ich lese Bücher zum Predigen.
Seit ich 2007 zum ersten Mal in einer Gemeinde „so richtig“ gepredigt habe (vorher waren es Andachten, Kinderstunden und manches mehr), lese ich jedes Jahr ein- bis zweimal das Buch von D. Martyn Lloyd-Jones, „Die Predigt und der Prediger“. Zusätzlich schaue ich, dass ich jedes Jahr ein bis zwei andere Homiletiken lese. Leider gibt es in dem Bereich entweder eher wenig Gutes, oder ich bin durch Lloyd-Jones derart verwöhnt, dass mir alles andere zu wenig hilfreich erscheint. Die m.E. Immer noch besten Bücher sind in diesem Blogpost vorgestellt. Wer noch mehr Empfehlungen hat, darf gerne einen Kommentar hinterlassen.
3. Ich lese Romane.
Ich muss zugeben, dass ich diese Sparte zu lange vernachlässigt habe. Lange habe ich weniger als eine Handvoll Romane pro Jahr gelesen; die meisten davon nur für die theologische Auseinandersetzung, da sie als „christlich“ angepriesen wurden. Das war ein Fehler, denn Romane sind viel mehr als nur das. Letztes Jahr habe ich einige „klassische“, also „ältere“ Romane gelesen; so nebst Tolkiens „Herr der Ringe“ etwa die Lord-Peter-Wimsey-Serie von Dorothy L. Sayers (ein wunderbares Werk übrigens; jeder Band darin erzählt eine eigene Geschichte; und doch ist alles zusammen in eine große Meta-Geschichte eingepackt, die sehr berührt) und die großen Romane von Fyodor Dostojewski. Für dieses Jahr plane ich, mit Jane Austen und Lew Tolstoj fortzufahren; suche aber noch ein paar neuere Romane. Gerne lese ich Bücher von Stephen King, dem Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein oder John Grisham. Daneben dürfen auch andere Autoren und vor allem Romane von diesen vorgeschlagen werden, die in den letzten etwa 10 Jahren verfasst wurden. Bei Romanen bitte immer eine gute Begründung, warum ich genau dieses Buch lesen solle. Ohne (sinnvolle) Begründung kann ich damit nichts anfangen.
4. Ich lese Biographien.
Hierzu gehören gerade auch Biographien christlicher Prediger, Evangelisten, Missionare, etc. dazu, aber nicht nur. Auch Politiker, Philosophen und Wissenschaftler finde ich total spannend. Dieses Jahr werde ich die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson lesen; dazu jene von Tim Jeal über den Gründer der Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell (BiPi). Weitere über deutsche und amerikanische Politiker habe ich in Planung, werde mich dafür aber kurzfristig entscheiden. Ein langjähriger Wunsch ist die zweibändige Biographie George Whitefields, die Arnold Dallimore geschrieben hat. Bisher hat mich der Preis immer abgeschreckt. Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich mir auch mal eine Biographie von Donald Gee, dem Bibellehrer frühen Pfingstbewegung, beschaffen.
5. Ich lese wissenschaftliche Bücher.
Mein „großes“ wissenschaftliches Thema letztes Jahr war von meinem Wunsch geprägt, Albert Einstein und dessen Theorien besser zu verstehen. Hierzu habe ich zuerst die Einstein-Biographie von Albrecht Fölsing gelesen. Bald wurde mir klar, dass das ein guter Einstieg ist, aber noch nicht ausreicht, um die Materie zu stemmen. Deshalb habe ich dann „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking und „Gott und die Gesetze des Universums“ von Kitty Ferguson gelesen. Beide Bücher sind sehr spannend, wobei man gleich sagen muss, dass man da nicht allem zustimmen muss, was sie schreiben. Für dieses Jahr plane ich mit großer Sicherheit, Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ zu lesen. Vielleicht gibt es dazu auch mal noch einen Blogpost. Am Rande möchte ich übrigens noch einen Verweis auf Vern Sheridan Poythress’ kostenlos als PDFs herunterladbare Bücher anbringen: Hierist enorm viel wertvoller Lesestoff zu finden. „Logic“, „Redeeming Science“, „Redeeming Sociology“ und „In the beginning was the Word“ habe ich letztes Jahr sehr zu lesen genossen. Hier wird wohl das eine oder andere weitere auch noch auf meine Leseliste wandern.
6. Ich lese philosophische Bücher.
Wie schon am Anfang bemerkt, ist das mit den Rubriken so eine Sache. Biographien, Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie haben alle so überlappende Themen und Bücher. Deshalb fällt es mir auch oft schwer, Bücher genau dort einzuordnen und nicht gleichzeitig in zwei oder drei Rubriken. Letztes Jahr hat mich ein Philosoph begleitet, der mich schon seit vielen Jahren fasziniert hat: Friedrich Nietzsche. Ich habe seine wichtigsten Werke in der kostenlosen Kindle-Ausgabe gelesen. Besonders angetan hat es mir mal wieder die fröhliche Wissenschaft. Auch der Zarathustra ist sehr bewegend geschrieben. Dieses Jahr werde ich mich mal wieder an Immanuel Kant versuchen; das ist zumindest mal so geplant. Wie weit ich damit komme, ist nicht gesagt; es ist mir nicht einmal so wichtig, weil es mir mehr darum geht, mich in das Denken anderer Menschen hineinversetzen zu können und zugleich auch, weil es Literatur ist, die mich herausfordert.
7. Ich lese theologische Bücher.
Das ist vermutlich für die meisten Leser meines Blogs am selbstverständlichsten. Letztes Jahr war meine größte Herausforderung die vier Bände der „systematischen Theologie“ von David F. Wells. Es ist keine ST im herkömmlichen Sinn, sondern sie wird anhand der Veränderungen in der Kultur erarbeitet. Diese Bände sind eigentlich ziemlich kurz (zumal im Vergleich mit anderen Bänden, die ich gelesen habe), aber so herausfordernd geschrieben, dass ich das Buch manchmal nach wenigen Minuten des Lesens zur Seite legen musste um darüber nachzudenken und nicht selten auch zu beten. Für dieses Jahr plane ich, die Biblische Dogmatik von Wayne Grudem mal wieder zu lesen (mit einem Kapitel pro Woche kommt man in einem Jahr fast hindurch). Eventuell kommt John Frame noch dazu oder etwa von Don Carson. Und dann muss natürlich auch noch ein Buch zur Apologetik in die Liste, eventuell von Richard Swinburne oder William Lane Craig. Aber auch hier werde ich mich eher kurzfristig festlegen.
Und jetzt bin ich auf Deine Leseliste und Empfehlungen gespannt.

Schuld und Sühne

Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 573 Seiten, kostenloses Kindle-Buch. https://www.amazon.de/Schuld-S%C3%BChne-Fjodr-Michailowitsch-Dostojewski-ebook/dp/B004UBCWK6/
Vor 150 Jahren (1866) veröffentlichte Fjodor M. Dostojewski sein Buch „Schuld und Sühne“, das von Thomas Mann als „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Es ist wirklich ein faszinierendes Werk der russischen Weltliteratur, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Dostojewski lotet die Grenzen der Moral aus, und zwar in gekonnter Weise, psychologisch und schriftstellerisch exzellent.
Ich bin lange vor den großen russischen Schriftstellern zurückgeschreckt und habe diese immer noch etwas weiter hinausgeschoben. Der Stil ist etwas eigen und Gewöhnung ist vonnöten. Als Marcus Hübner auf seinem Blog die Serie „Dostojewski lesen“ begonnen hat, fand ich das spontan eine gute Idee. Er bespricht wochenweise Kapitel der „Brüder Karamasow“. Hier muss ich zugeben, die ersten 100 Seiten fand ich schwierig, weil mir der Schreibstil Dostojewskis fremd war. Doch dranbleiben lohnt sich – das Buch hat mich gepackt und ich hatte es in zwei Monaten komplett durch. Vielleicht werde ich dazu auch noch mehr schreiben.
In „Schuld und Sühne“ geht es um einen Studenten, Rodion Raskolnikow, der sehr klug ist, aber leider auch sehr arm, und deshalb sein Studium nicht zu Ende finanzieren konnte. Nun lebt er in St. Petersburg, häuft sich einen Schuldenberg an, den er nicht bezahlen kann, und hofft auf finanzielle Unterstützung von zu Hause.
Ziemlich am Anfang des Buches lernt er einen ehemaligen Beamten kennen, der durch seine Trunksucht ebenfalls verarmt war, so sehr verarmt, dass seine Tochter Sonja auf den Strich gehen muss, sich zu prostituieren, um so die Familie über Wasser halten zu können. Kurz darauf erhält er einen Brief von seiner Mutter, in dem sie ihm berichtet, dass seine Schwester Dunja einen deutlich älteren aber vermögenden Mann heiraten wolle. Rodion vermutet, dass sie diesen hauptsächlich deshalb heiraten wolle, um ihn, Rodion, finanziell besser unterstützen zu können. Er empfindet diesen Schritt als demjenigen Sonjas sehr ähnlich.
Die Haupthandlung des Buches betrifft jedoch etwas anderes. Rodion hat eine fixe Idee, welche er in einem Zeitschriftenartikel dargelegt hatte: Wenn jemand, der ein seltenes Genie ist, in seinem Tun und seiner Zukunft bedrängt würde, so habe dieser ein Recht, so zu handeln, dass er das umsetzen kann, wozu er gemacht sei. So hätte etwa ein Napoleon das Recht gehabt, Menschen aus dem Weg zu schaffen, die versucht haben wollten, seine Zukunft zu verhindern. Da Rodion sich selbst für ein solches Genie hält, will er wissen, zu welcher Sorte Mensch er gehört. Er sieht da zwei Sorten: Die Menschen, also diese seltenen Genies, und den Rest der Menschheit nennt er „Läuse“. Um herauszufinden, was er ist, will er einen Mord begehen. Diesen verübt er an einer alten Frau, namentlich seiner Pfandleiherin, bei welcher er schon zweimal Pfand für Gegenstände bekommen hatte. Da die Schwester der Pfandleiherin im falschen Moment zu ihr kommt, nämlich kurz nach dem Mord, aber noch bevor Rodion das Haus verlassen konnte, muss auch sie dran glauben.
Dieser Mord lässt ihn nicht mehr los, das Gewissen meldet sich, eine Krankheit bricht aus, Rodion ist mehrere Tage bewusstlos, in den Zeiten, in welchen er wach ist, ist er immer unruhig. In der Zwischenzeit waren seine Mutter und Schwester zu Besuch gekommen. Es stellt sich heraus, dass der Zukünftige seiner Schwester ein ungehobelter Rüpel ist, der die Armut der Familie ausnutzen wollte, um eine demütige, ihn bewundernde Frau zu bekommen. Die Sache eskaliert schnell und die Verlobung wird aufgelöst.
Rodion ist sich nun beständig unsicher: Wieviel weiß die Polizei? Könnte sein Artikel in der Zeitschrift ihn verraten? Wie kann er den Verdacht von sich ablenken? Über diesem ständigen Grübeln wird er immer sehr schnell aufgebracht und lenkt auch öfter mal den Verdacht auf sich. Nach einigem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass er tatsächlich verdächtigt wird. Auf viel Zureden von verschiedenen Seiten meldet er sich am Schluss freiwillig und gesteht die Tat. Einsichtig wird er nicht, dass er dadurch schuldig geworden ist.
Das Happy End zeichnet sich im Arbeitslager in Sibirien ab. Die treue Sonja, die ihn dorthin begleitet, wird ihm zur besten Freundin und mit der Zeit auch zur Geliebten. Eine große Frage bleibt offen: Wird er am Ende doch noch gläubig?
Ich meine, dass dies eine Schwäche des Buches ist. Dostojewski liebt es, sich in den finsteren Abgründen der menschlichen Seele aufzuhalten. Der Glaube ist etwas Wichtiges bei ihm, aber am Ende der Geschichte(n) bleibt häufig ein schaler Geschmack zurück – es fehlt etwas. Die Auflösung der größten und wichtigsten Frage im Leben eines jeden Menschen.
Davon abgesehen ist es ein großartiger Roman – Thomas Mann ist wohl zuzustimmen: Es ist zumindest einer der größten und besten Kriminalromane.