In dieser Zwischenzeit

Dietrich Bonhoeffer sprach vom Letzten und vom Vorletzten. Das Letzte sind die Dinge, die die Ewigkeit betreffen. Über diese wissen wir eine ganze Menge. Und zuweilen gibt es auch im Vorletzten, in unserer Zeit auf Erden hier, einen kleinen Vorgeschmack vom Letzten. Der Balanceakt der Zwischenzeit ist derjenige, dass wir uns von keinem der zwei Extreme gefangen nehmen lassen. Weder von der Weltflucht noch von der Verweltlichung. Wenn sich manche Christen heutzutage wünschen, dass sich Institutionen des Staates, wie etwa Armee oder Polizei, entwaffnen lassen sollen, damit nur noch die Feinde der Demokratie Macht ausüben können, so ist dieser verlogene Pazifismus eine Möglichkeit der Weltflucht, eine Realitätsverweigerung, dass es eben auch noch Unrecht gibt in dieser Zwischenzeit, und dass diese Institutionen dafür geschaffen sind, um rechtschaffene Bürger vor Willkür zu schützen. Oder wenn versucht wird, gesellschaftliche Phänomene wie Vegetarismus oder auch Ideologien wie der Kommunismus mit biblischen Argumenten zu untermauern, so handelt es sich um Verweltlichung, denn das weltliche Denken wird in die Bibel hineingelesen, statt dass diese aus sich selbst heraus ausgelegt wird. Beide Extreme sind gleichermaßen trügerisch, denn sie versuchen, die Spannung in dieser Zwischenzeit aufzulösen, indem beide parallelen Wahrheiten des „schon – noch nicht“ auf dieselbe Linie heruntergebrochen wird. Entweder indem man versucht, auf der Erde wie im Himmel zu leben – oder indem man den Himmel irdisch definiert.

In der Spannung leben – das ist oft anstrengend. Aber jeder Mensch lebt in bestimmten Spannungsfeldern, und gerade diese Spannung ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch eigentlich nicht (nur) für diese Zeit hier auf Erden geschaffen ist. Diese Zwischenzeit ist eine Zeit der Vorbereitung, der Besinnung, der Sehnsucht, damit wir für die Ewigkeit bereit werden. Es gibt in dieser Zwischenzeit kein anhaltender Extremzustand. Nach dem durch Alkohol erzeugten Höhenflug folgt der Absturz und der Kater. In der Freude ist immer auch ein bittersüßer Beigeschmack, der uns daran erinnert, dass dies hier noch nicht das Letzte ist, sondern das Vorletzte und die Vorfreude auf die eigentliche Freude. Auch im Frieden ist oft schon latent die nächste Verstimmung angelegt, denn oft müssen beide Seiten um zu einem Kompromiss zu gelangen, auf wichtige Dinge verzichten, die ihrerseits wiederum zur Eifersucht anstacheln. Die Schönheit eines Regenbogens wird durch den Zwiespalt von Regen und Sonne erzielt, es ist das Zusammenfallen von angenehmen und wichtigem aber weniger angenehmem Wetter. Ähnliches gilt für den Sonnenuntergang. Auch dieser ist – zum Glück – nicht von Dauer, sondern gerade auf der Spitze der untergehenden Sonne zu finden. Das farbenfrohe Schauspiel wird durch stetige Veränderung der Farben hervorgerufen. Deshalb ist auch das live-Erlebnis um ein Vielfaches beeindruckender als das statische Festhalten eines einzelnen Moments durch ein Foto oder Bild. Gute Musik lebt von Disharmonien, welche Spannung erzeugen und im just richtigen Moment wieder aufgelöst werden. Ungewissheit, düstere, zwielichtige Momente können auch in einem Buch eine Spannung erzeugen, und diese Spannung kann gerade den Unterschied zwischen besonders interessanten und weniger interessanten Leseerlebnissen ausmachen. Dasselbe gilt auch für den abendlichen Spaziergang im Wald. Das Spiel von Licht und Schatten, verschiedenen Grautönen, das Rascheln im nahen Gebüsch, der Wind im Blätterdickicht, all das zusammen erzeugt ein wohliges Gespanntsein, das sich durch das Ende des Dunkels im vollen Licht oder im Schein der Straßenlampe wieder auflöst und das Erlebte länger im Gedächtnis behalten lässt. Der wohlige Schauer eines warmen Bades oder einer Rückenmassage am Ende eines anstrengenden Arbeitstages schenkt ein Ende des Ver-Spannt-Seins und sorgt für einen besonderen Moment, den man ohne die Anstrengung und Anspannung davor nicht gleichermaßen genießen könnte.

Kurz – in dieser Zwischenzeit sind wir Zwischenwesen, die den steten Wandel, die stete Abwechslung benötigen, um gesund auf unsere Umgebung reagieren zu können. Diese Abwechslung im Vorletzten bereitet uns für die Ewigkeit im Letzten vor. Ewige Freude. Ewige Liebe. Ewiger Frieden. Ewige Gemeinschaft mit Gott. Ewiges Lob Gottes. Ewige Feier der Erlösung. Ond etz sag amol, werd des denn niamols fad? Als Zwischenwesen leben wir im Raum-Zeit-Kontinuum, einfacher gesagt in der Raumzeit. Wir können alles immer nur als eine aufeinanderfolgende Reihe von einzelnen Ereignissen wahrnehmen. Immanuel Kant hat etwa bezweifelt, ob man die Tatsache von Raum und Zeit tatsächlich beweisen könne; er meinte, dass einfach unser Gehirn so gestrickt sei, dass wir alles als räumlich und zeitlich in unserem Denken einordnen würden. Aber stellen wir uns mal vor, wir befinden uns bei Gott – also außerhalb der Raumzeit. Plötzlich können wir alles auf einmal wahrnehmen. Nicht mehr nacheinander. Alles gleichzeitig, und dann erst noch so ohne Ende. Die Unendlichkeit von Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung, alles auf einmal. Stell Dir den einen, schönsten Moment Deines Lebens vor. Freude hat in unserem zwischenzeitlichen Leben mit der Auflösung einer Spannung zu tun. Und dann stell Dir vor, dieser eine Moment inklusive der Freude, inklusive der Erinnerung an die Spannung, inklusive allem was zu diesem Moment gehört, alles zusammen wird für immer konserviert, und zugleich sind wir nicht mehr Raumzeitwesen, sondern Ewigkeitswesen, die nicht mehr auf all das Irdische angewiesen sind.

Ich weiß nicht, ob diese Vorstellung mit der Zukunft übereinstimmt. Vermutlich ist sie viel zu irdisch, viel zu klein, viel zu zwischenzeitlich. Aber es ist eine der möglichen denkbaren Vorstellungen, die wir uns machen können, um unsere Vorfreude auf die Ewigkeit zu stärken. Und ich denke, dass es diese Vorfreude wert ist, dass wir dafür auch versuchen, uns dies vorzustellen. Es ist nicht immer einfach, aber es ist einfach immer wertvoll, über die Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes nachzudenken. Diese Gedanken über das Letzte helfen uns, dass wir uns im Vorletzten auf die vorletzten Dinge konzentrieren. Sie helfen uns, uns darauf zu fokussieren, damit möglichst viele Menschen noch mit in diese Ewigkeit bei Gott kommen können. Ewigkeit ohne Gott ist höllisch schrecklich, die wünschte ich niemandem.

Buchtipp: Francis Schaeffer – An Authentic Life

Duriez, Colin, Francis Schaeffer – An Authentic Life, Inter-Varsity Press, Nottingham England, 2008, 240S., Amazon-Link

Colin Duriez ist Literaturwissenschaftler und hat selbst mal eine Zeit lang in L’Abri bei Edith und Francis Schaeffer gelebt. Er hat sich viel mit C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien befasst, und 2008 hat er eine Biographie über Francis August Schaeffer herausgegeben. Es gibt einiges an Literatur über Schaeffer, aber ein solches Werk hat bis dato noch gefehlt, eine Biographie, welche versucht, den gesamten Lebensweg von Schaeffer von seiner Kindheit bis ins Alter nachzuzeichnen. Viele Bücher und Aufsätze haben sich mit vielen Bereichen von Schaeffers Werk befasst, sein Geschichtsverständnis, seine Philosophie, seine apologetische Methode, etc. Aber irgendwie fehlt da sehr oft der Mensch dahinter; seine Geschichte, die ihn zu genau dem machte, der er war. Deshalb bin ich für Duriez’ Werk sehr dankbar.

Wer einen kurzen Abriss von Schaeffers Leben und Werk lesen möchte, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich dazu mal geschrieben habe. Besonders wichtig finde ich im Werk von Duriez die Schilderung der geistlichen Krise, die Francis Schaeffer durchmachte, als er zum ersten Mal in den Schweizer Alpen lebte. Es war eine der prägenden Zeiten seines Lebens. Mich beeindruckt es sehr, wie Schaeffer ehrlich und kompromisslos mit seinen Zweifeln umging. Es war eine der schwersten Zeiten seines Lebens, vielleicht noch schwerer als die Entscheidung, auch gegen den Willen seines Vaters Theologie studieren zu wollen. In der Krisenzeit lernte Schaeffer eine Tatsache, die er später unzählige Male in verschiedenen Versionen wiederholte: Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb ein Mensch Christ werden soll, und der ist, dass das Christentum wahr ist. Deshalb konnte er von der true truth, der wahren Wahrheit, sprechen.

Colin Duriez tut einen super Job, das Leben und die Herausforderungen der Familie Schaeffer zu beschreiben. Das Buch eignet sich sehr gut als Ergänzung zum Bericht „L’Abri“ (Link) von Edith Schaeffer. Einen Nachteil hat das Buch allerdings: Die 240 Seiten sind viel zu schnell vorbei. Es reicht nicht, um weiter in die Tiefe zu gehen; vieles wird nur ein wenig gestreift. Ich würde gern mehr über andere Schülerinnen und Schüler wie etwa Nancy Pearcey und viele andere erfahren, wie sie ihre Zeit dort erlebt haben. Mir ist das Buch insgesamt zu kurz: Gerne hätte ich drei bis vier Mal so viele Seiten, die in derselben hohen Qualität beschrieben sind. Vielleicht wird noch jemand ein solches Werk schreiben. Ich gebe dem Buch von Colin Duriez fünf von fünf Sternen und empfehle es gerne jedem weiter, der sich für Schaeffer interessiert. 

Buchtipp: L’Abri von Edith Schaeffer

Schaeffer, Edith, L’Abri, Oncken Verlag Wuppertal / Kassel, 5. Aufl. 1977, 205 S., Amazon-Link

Inzwischen zum vierten Mal habe ich nun Edith Schaeffers Buch „L’Abri“ gelesen. Jedes Mal berührt es mich wieder erneut zutiefst, zu lesen, wie eine Familie aus den Staaten in die Schweizer Alpen zieht, in ein kleines, abgelegenes Dorf, und plötzlich aus der ganzen Welt junge Menschen anzieht. Was für diese Menschen so attraktiv ist, sind zwei Dinge zugleich: Da waren Menschen, die sie ernst nahmen, mit all ihren Fragen, Zweifeln, Gedanken, sie einlud, alles zu sagen und ihnen half, den christlichen Glauben zu verstehen. Und dann war dieselbe Familie da, die ganz ohne Bettelbriefe, ganz ohne Spendenaufrufe, einfach Tag für Tag das Notwendige aus Gottes Hand erbat. Und bekam. Da wurde Gottes Größe für sie plötzlich lebendig. In diesem Leben und im Lieben. Auch mit dem ganzen Verstand.

Die Familie Schaeffer hat Mission mal ganz anders gemacht. Zunächst einmal haben sie sich nicht hingesetzt und geplant. Nein, sie haben sich auf den Weg gemacht und sich von Gottes Vorsehung Schritt für Schritt führen lassen. Nicht immer ganz einfach, denn es gibt da auch Widerstände. Am ersten Ort in den Schweizer Alpen bekehren sich zu viele populäre Katholiken, da kam plötzlich ein Bescheid, dass sie die Schweiz innerhalb von sechs Wochen zu verlassen hätten. So öffnet ihnen Gott – sozusagen im letzten Moment vor der Ausweisung – eine neue Türe in einem kleinen Dorf, weit abgelegen von jeglicher Stadtnähe. Dann ist es also ein Missionswerk, das nicht „zu den Menschen“ geht, sondern die Menschen zu sich kommen lässt. Und sie sind gekommen. Im Laufe der Jahre sind tausende von jungen Menschen nach L’Abri gekommen, haben am Familienleben teilgenommen und sich in abendlichen Diskussionen mit dem biblischen Weltbild befasst. Und nicht zuletzt haben sie auch nicht auf Zahlen gesetzt. Der einzelne Mensch zählt, nicht die Masse an Menschen, die kommen. Es waren immer nur gerade so viele aufs Mal da, dass alle zu Wort kommen konnten, und gerade das war auch so wichtig. Es war ein Missionswerk für junge denkende Menschen, von denen viele schon längst mit dem christlichen Glauben abgeschlossen hatten. Wer kann denn sowas heute noch glauben? Edith und Francis Schaeffer konnten – und wussten es auch sehr anschaulich zu erklären. Außerdem war ihr ganzes Leben eine große Erklärung des Christentums.

Bei jedem erneuten Lesen dieses Buches beginne ich zu beten: Herr, schenke uns heute noch mehr L’Abris! Noch mehr Schaeffers! Und noch mehr Türen und Gelegenheiten, um der jungen Generation so klar und deutlich die wahre Wahrheit nahe zu bringen. Um es mit Francis Schaeffer zu sagen: Der einzige Grund, weshalb jemand Christ werden soll, ist der, dass das Christentum wahr ist. Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter und gebe ihm fünf von fünf möglichen Sternen.

Wer sich noch näher für die Familie Schaeffer interessiert, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich zu Leben und Werk von Francis August Schaeffer geschrieben habe. In den nächsten Wochen werden noch ein paar weitere Blogposts zu Büchern von und über Schaeffers und vielleicht auch mehr folgen.

5 Gründe, warum mich die junge Generation hoffen lässt

1. Weil Gottes Gnade groß ist

Ich bin enorm dankbar für die junge Generation, die Menschen, welche jetzt Kinder und Teenies sind. Sie machen mir große Hoffnung. Doch der wichtigste Grund, der mich für die junge Generation hoffen lässt, liegt nicht in den Menschen, sondern in Gottes mächtiger Gnade, die groß ist und mehr zu tun vermag als wir je zu erdenken, erhoffen oder zu erbitten vermögen. Paulus ermutigt den jungen Timotheus: Niemand verachte dich wegen deiner Jugend, sondern sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit. (1Tim 4,12) Und ich darf mir viele junge Menschen zum Vorbild nehmen, von denen ich unglaublich viel lernen kann. Das ist ein riesiges Vorrecht.

2. Mehr Kinder als lange Zeit davor

Es werden zur Zeit in Deutschland mehr Kinder geboren als viele Jahre davor. Zuweilen spricht man sogar von einem „kleinen Babyboom“, der zwar noch lange nicht mit jenem der Nachkriegszeit verglichen werden kann, aber seit 2011 werden jedes Jahr mehr Kinder geboren als im jeweiligen Jahr davor. Viele Menschen haben gemerkt, dass Kinder ein echter Segen sind, und sind bereit, für die kommende Generation Verantwortung zu übernehmen. Das macht mir Hoffnung. Außerdem ist die Anzahl der pränatalen Kindsmorde seit einigen Jahren rückläufig. Das bedeutet leider immer noch unermesslich viel Leid und schreckliche Folgen, aber immerhin geht der Trend langsam in die richtige Richtung. Hier müssen wir dran bleiben und uns weiter für das Recht auf Leben für die Schwächsten und Hilflosesten einsetzen.

3. Die Suche nach der EINEN Wahrheit

Die junge Generation weiß wieder um die Tatsache, dass es nur eine Wahrheit geben kann – und dass diese gesucht und gefunden werden will. Das ist eine phantastische Ausgangslage für die Gemeinde Jesu Christi, um hier den Weg, die Wahrheit und das Leben zu zeigen. Natürlich gibt es nach wie vor einige „Konkurrenz“ auf dem Marktplatz der Wahrheitsanbieter, aber unsere jungen Menschen werden langfristig bemerken, dass einzig die Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist, mit der Realität übereinstimmt; auch und gerade da, wo es um Dinge geht, die unser Leben auf den Kopf stellen und uns zum Neu-Denken herausfordern.

4. Logik und Argumente werden wieder salonfähig

Aus der jungen Generation werden wieder große Denker, Philosophen, Theologen und Künstler aufstehen, die um den Wert von Denken, Logik und Argumenten wissen. Es wird nicht mehr „Deine Logik und meine Logik“ oder „Deine Wahrheit und meine Wahrheit“ geben, sondern Argumente werden auf allen Seiten ausgetauscht, um der einen, gemeinsamen absoluten Wahrheit näher zu kommen. Es ist der perfekte Nährboden für Apologetik in den Gemeinden. Wohl den Menschen, die sich rechtzeitig darauf einstellen, bevor die jungen Menschen mit einem Wischi-Waschi-Friede-Freude-Eierkuchen-Wir-ham-uns-alle-lieb-und-sind-grenzenlos-tolerant-Anti-Evangelium aus den Gemeinden vergrault worden sind.

5. Charakter zählt wieder mehr

Die Zeit des zerstückelten, fragmentierten Menschen ist vorbei. Die junge Generation will sich als Einheit sehen, als ganze Menschen, wo es nicht mehr nur um gute „Werte“ geht, sondern um den Charakter. Sie sucht nach den Helden des Alltags und möchte Vorbilder haben, um selbst wieder anderen zum Vorbild werden zu können. Das gibt mir Hoffnung und lässt mich immer wieder erneut dankbar von den jungen Menschen lernen.

Richard Dawkins und das Argument gegen Gott

Im letzten Teil haben wir gesehen, dass Dawkins versucht, sich mit den Gottesbeweisen zu befassen, aber auch, dass es bei ihm beim Versuch bleibt. Im vierten Kapitel präsentiert er sein Argument gegen Gott – und wir werden sehen: Wenn dies das beste Argument gegen Gott sein soll, so müsste es schon lange eine riesige weltweite Erweckung gegeben haben. Am Ende des vierten Kapitel fasst Dawkins sein Argument folgendermaßen zusammen (ich habe es um der Lesbarkeit willen ein wenig gekürzt, ohne jedoch den Wortlaut zu ändern und ohne etwas für das Argument Wichtiges wegzulassen):
1. Eine der größten Herausforderungen für den menschlichen Geist war über viele Jahrhunderte hinweg die Frage, wie im Universum der komplexe, unwahrscheinliche Anschein von gezielter Gestaltung entstehen konnte.
2. Es ist eine natürliche Versuchung, den Anschein von Gestaltung auf tatsächliche Gestaltung zurückzuführen.
3. Diese Versuchung führt in die Irre, denn die Gestalterhypothese wirft sofort die umfassendere Frage auf, wer den Gestalter gestaltet hat. […] Wir brauchen keinen „Himmelshaken“, sondern eine „Kran-Konstruktion“, denn nur der Kran kann die Aufgabe erfüllen, von etwas Einfachem auszugehen und dann allmählich und auf plausible Weise eine ansonsten unwahrscheinliche Komplexität aufzubauen.
4. Der genialste und leistungsfähigste „Kran“, den man bisher entdeckt hat, ist die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion.
5. Einen entsprechenden „Kran“ für die Physik kennen wir nicht.
6. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in der Physik noch ein besserer „Kran“ gefunden wird, der ebenso leistungsfähig ist wie der Darwinismus in der Biologie.
Schlussfolgerung: „Wenn man die Argumentation dieses Kapitels anerkennt, ist die Grundvoraussetzung der Religion – die Gotteshypothese – nicht mehr haltbar. Gott existiert mit ziemlicher Sicherheit nicht.“
(Zitate aus „Gotteswahn“, S. 265 – 266)
Fragen wir uns zunächst: Was macht ein gutes Argument aus? Ein Argument besteht aus mindestens zwei Prämissen, die zu einer Schlussfolgerung führen, die sich zwingend aus diesen ergibt. Bei einem korrekten Argument muss man dann nicht mehr den Schluss prüfen, sondern lediglich die Prämissen. Wenn diese korrekt sind, muss es der Schluss auch sein. Ein Beispiel für ein solches Argument:
P1. Alle Menschen sind sterblich.
P2. Ich bin ein Mensch.
S: Somit bin ich sterblich.
Wie sieht es bei der Schlussfolgerung von Dawkins aus? Ergibt sich der Schluss – nämlich dass Gott mit „ziemlicher Sicherheit“ nicht existiert – aus den Prämissen? Mal anders gefragt: Wenn alle Prämissen wahr wären, wäre dann die Schlussfolgerung zwingend notwendig? Nein – denn selbst wenn es einen „Kran“ für die Physik gäbe und selbst wenn es auf die Frage, woher der Gestalter kommt, keine Antwort gäbe, und so weiter, so würde das alles trotzdem nicht gegen die Existenz Gottes sprechen. Selbst wenn das gesamte Universum nicht nach Design aussehen würde, wäre das kein Argument gegen Gott. Man sieht also, dass Dawkins seine Schlussfolgerung sehr an den Haaren herbeigezogen hat. Es handelt sich somit um ein ungültiges Argument.
Dann können wir uns auch noch die Prämissen ansehen:
In Prämisse 1 behauptet Dawkins, es sei eine Herausforderung gewesen, herauszufinden, warum im Universum so viel nach gezielter Gestaltung aussehen würde. Daran ist eine ganze Menge falsch. In der Wissenschaft gibt es ein wichtiges Prinzip, das uns hilft, unter verschiedenen Theorien die wahrscheinlichste zu finden. Das ist das Prinzip der Einfachheit. Wenn ich unterschiedliche Theorien habe, die alle dasselbe erklären, dann suche ich jene aus, die am wenigsten verschiedene Einheiten, Teile, oder Variablen hat. Dasselbe macht man in der Mathematik auch: Den Ausdruck 25/5 (fünfundzwanzig Fünftel) schreibt man in der einfachsten Form auf, nämlich 5. Oder 5/25 schreibt man als 1/5. In unserem Fall wäre die einfachste Theorie: Wenn das ganze Universum so sehr nach Gestaltung aussieht, dann haben wir sehr gute Gründe, anzunehmen, dass es auch gestaltet ist. Und dann müssen schon extrem starke Gründe dagegen aufkommen. Wörter sind ja auch nichts anderes als Töne. Töne könnten schon rein zufällig entstehen, aber wenn ich irgendwo den genauen Wortlaut von Schillers „Glocke“ höre, dann ist das ein guter Grund zur Annahme, dass es einen Rezitierer oder Vorleser gibt. Prämisse 2 ist damit auch widerlegt.
In Prämisse 3 stellt Dawkins die Behauptung auf, dass ein Gestalter zwangsläufig die Frage aufstelle, wer den Gestalter geschaffen habe. Dasselbe kann man auch bei Schillers „Glocke“ fragen: Wer hat denn den Autor, nämlich Friedrich Schiller, geschaffen? Dawkins würde natürlich auf die Vorgänge von Mutation und Selektion verweisen, was wiederum die Frage aufwirft, wer denn diese Vorgänge geschaffen habe. Um nun diese Frage zu beantworten, muss Dawkins auf die Physik Bezug nehmen, welche laut Prämisse 5 keine Erklärung hat. Letztendlich bleibt es also eine Sache des Glaubens, auf welche Herkunft man schlussendlich vertraut. Der „Kran“ von Dawkins entpuppt sich also mindestens ebenso sehr als ein „Siemens Lufthaken“.
Prämisse 4 ist nicht ganz schlecht, hat aber durchaus auch so ihre Löcher. Dawkins meint, dass der Darwinismus alles erklären könne. Nun gibt es zwar einige interessante Modelle, die manche Veränderungen erläutern können. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Anfragen an diese Modelle, weil sie eben genau das sind: Modelle. In der Schule lernt man in wunderbarer Regelmäßigkeit das Atommodell, obwohl seit zig Jahrzehnten klar ist, wie falsch dieses Modell ist. Für einen Schüler erklärt das Modell gut und einfach, wie die Stoffe aufgebaut sind. Dennoch sind es lediglich Modelle, die einzelne Aspekte korrekt und viele andere inkorrekt wiedergeben.
Prämisse 5 zerstört im Grunde genommen das gesamte Argument von Dawkins; sie ist nämlich korrekt. Eine einzige falsche Prämisse reicht in einem korrekten Argument aus, um das gesamte Argument zu entkräften.
Prämisse 6 ist keine Prämisse im strengen Sinn – es ist der Ausdruck einer Hoffnung. Der Autor des Buches hofft, dass es eines Tages eine Erklärung für die Entstehung der Physik geben würde. Es gibt eine – nur ist Dawkins leider zu verblendet, um diese anerkennen zu können. Mit der einfachsten aller Erklärungen und jener, welche die Realität am besten abbildet, könnte sich Dawkins zufriedengeben. Doch nichts da, lieber alles abstreiten und am Ende hoffen, dass es irgendwann noch eine Erklärung gibt.
Dawkins ist dem “Atheismus-Wahn” verfallen. In diesem Zustand lässt man keine guten Argumente gelten, sondern lehnt alle ab, die von einem Gestalter ausgehen. Nicht aus einem guten Grund, sondern einfach weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Er ist zum Missionar für einen aggressiven Atheismus geworden, der versucht, alles andere platt zu walzen. Dawkins fehlt nicht nur das theologische und philosophische Wissen, um sich mit den Themen seines Buches auseinanderzusetzen, sondern auch die Argumente. Wenn es nur um diese Argumente gingen, also wenn Dawkins mit diesem Buch die besten Argumente für den Atheismus präsentieren würde, dann müsste es schon längst weltweit einen riesigen Aufbruch von Atheisten zum Theismus geben. Dawkins ist ein exzellenter Biologe und sehr begabt darin, mit viel Phantasie komplexe Thesen einfach zu erklären, aber hier überschreitet er seine Kompetenzen bei weitem. Schuster, bleib bei deinen Leisten!
Die Blindheit in dieser atheistischen Blase hat einen anderen Grund als Argumente. Sie stammt zumeist aus der Biographie. Menschen, die enttäuscht oder verletzt wurden von anderen Menschen, die an Gott glauben, sind leichter dafür anfällig, sich zum Atheismus zu bekehren und in diesem das Heil zu suchen. Es braucht viel Gebet für diese Menschen, damit sie wieder offener werden für die zahlreichen guten Gründe, die dafür sprechen, dem Herrn Jesus ernsthaft nachzufolgen.

Richard Dawkins und die Gottesbeweise

Wir kommen nun zum dritten Kapitel von Richard Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“. In diesem Kapitel versucht Dawkins auf die sogenannten Gottesbeweise einzugehen. Einmal mehr beweist er jedoch seine vollkommene Unfähigkeit, sich mit der Materie erst einmal auseinanderzusetzen, bevor er sie beurteilen kann. Es ist nicht ganz einfach, sich in einem einzelnen Post mit der ganzen Thematik der Gottesbeweise auseinanderzusetzen, deshalb werde ich mich auf allgemeine Hinweise beschränken. Ich habe vor, hier im Blog noch eine ganze Serie zu den Gottesbeweisen zu veröffentlichen, und kann dann auch auf die Argumente von Dawkins (und anderen) im Einzelnen eingehen.
Zunächst zeigt Dawkins, dass er den Sinn von Gottesbeweisen nicht versteht. Wer sich etwas tiefer in die Literatur zu diesen einliest, wird bald sehen, dass die Gottesbeweise etwas anderes sind als wissenschaftliche Beweise. Es wurde deshalb auch schon oft die Frage gestellt (und unterschiedlich beantwortet), ob man diese Art von Argumenten nicht besser anders benennen sollte. Dawkins schreibt: Die fünf »Beweise«, die Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert formulierte, beweisen überhaupt nichts.“(S. 127) Was Dawkins in diesem Satz unter „beweisen“ versteht, ist eine sehr beschränkte Definition eines Beweises. Was er meint, ist, dass ein Beweis nach seiner Definition unter denselben Umständen (wie etwa Druck, Wärme, etc.) beliebig oft wiederholt werden können. Er will nur das als Beweis gelten lassen, was experimentell beliebig oft wieder zum selben Resultat führen wird. Doch auch in der Wissenschaft gibt es eine Menge Annahmen, die nicht beliebig wiederholt werden können. Das beginnt zum Beispiel damit, dass manche Experimente sehr teuer und aufwendig sind. Für manche davon gibt es nur einen einzigen Ort, an welchem sie durchgeführt werden können, weil die Instrumente dazu bisher nur an einem Ort existieren. Andere Experimente wie man sie machen müsste, um die Entstehung des Weltalls oder des Lebens zu beweisen sind nicht möglich, weil es diese bereits gibt und für ein entsprechendes Experiment wohl länger als ein Menschenleben geforscht werden müsste. Und dann gibt es auch noch Dinge, welche in der Natur nur sehr selten vorkommen, zum Beispiel bestimmte Konstellationen der Himmelskörper. Diese kann man zwar in Computermodellen berechnen, was aber keinerlei Beweis ist, sondern eben nur eine Rekonstruktion oder ein Modell, welches eben durch Beobachtung zuerst erhärtet werden müsste. Und dann gibt es auch noch viele Experimente, die bisher noch gar nicht durchführbar sind, weil die Technik Grenzen hat oder weil die notwendigen Geräte dazu noch nicht erfunden worden sind.
Was hat das nun mit Gottesbeweisen zu tun? Damit Gottesbeweise in sich stimmig sind, muss man zunächst einmal überhaupt die Möglichkeit zulassen, dass Gott existieren „darf“. Natürlich existiert Gott auch dann, wenn niemand diese Möglichkeit zulassen will. Aber der Mensch, der von vornherein ablehnt, dass Gott existiert, nimmt sich selbst die Möglichkeit, Gott erkennen zu können. Man könnte sagen: Gottesbeweise machen dann Sinn, wenn man sich innerhalb des biblischen Weltbilds bewegt. Die biblische Weltanschauung ist ein großes Ganzes, in welchem jeder Teil der Realität einen Platz hat. Wissenschaftliche Weltbilder, die versuchen, ohne Gott klarzukommen, zerfallen in zig kleine Teilgebiete, in denen überall einzelne Ergebnisse erzielt werden können, aber das große Ganze passt nicht mehr zusammen. Damit man Gottesbeweise neutral bewerten kann, muss man sich zuerst ins Innere der christlichen Weltanschauung begeben, und genau das ist der Fehler von Dawkins: Er ist nicht bereit dazu. Er bleibt lieber auf seinem vermeintlich sichereren „Außenposten“ und versucht, in die „christliche Blase“ zu schauen. In Wirklichkeit ist er aber in einer atheistischen Blase gefangen und hat keinerlei Bezug zu einem biblischen Weltbild. Er kann nur von seiner atheistischen Denkweise ausgehen und verfehlt dadurch komplett, was er tun möchte.
Viele Philosophen sind da tatsächlich viel weiter gekommen als Dawkins. Etwa Bradley Monton, ein Wissenschaftsphilosoph, hat sich in seinem Buch „Seeking God in Science“ mit denselben Argumenten auseinandergesetzt. Er bleibt am Ende des Buches Atheist, aber er gibt zu, dass ihn die Argumente der Gottesbeweise in seinem Atheismus weniger sicher machen. Er hat sich auf dieser Suche Mühe gegeben, die Argumente möglichst neutral und unter der Annahme der Möglichkeit, dass Gott eben doch existieren könnte, zu untersuchen. Seine Gegenargumente sind auf jeden Fall deutlich besser als die von Dawkins – wenngleich auch sie nicht überzeugen. Auch das ist wieder ein Fall für eine mehrteilige Serie zum Thema, weshalb ich hier nicht weiter darauf eingehe.
Besonders amüsant ist Dawkins’ Auseinandersetzung mit dem Argument der Schönheit: „Natürlich sind Beethovens späte Streichquartette erhabene Kunstwerke. Das Gleiche gilt für die Sonette von Shakespeare. Sie sind erhaben, wenn es einen Gott gibt, und sie sind auch erhaben, wenn es ihn nicht gibt. Sie beweisen nicht die Existenz Gottes, sondern die Existenz Beethovens oder Shakespeares.“ (S. 142) Damit geht er aber gar nicht auf das eigentliche Argument ein. Er kann nicht zeigen, warum so gut wie alle Menschen einen Sonnenaufgang schön finden. Genau das müsste er können, wenn er das Argument entkräften wollte.
Auffällig ist, dass Dawkins für jedes Argument jeweils eher schwache Argumentatoren aussucht. Gerade am Schluss, wenn er sich mit der Zusammenfassung der Argumente befasst und das Gesamt-Argument der Gottesbeweise kritisiert. Hierbei geht es um den Versuch, die verschiedenen Argumente für Gott in eine Beziehung zueinander zu setzen und eine Wahrscheinlichkeit zu „berechnen“ oder besser gesagt, abzuschätzen. Einer der großen christlichen Philosophen, Richard Swinburne, der dies in seinem Buch „The Existence of God“ sehr ausführlich, selbstkritisch und vorsichtig getan hat, könnte Dawkins noch eine Menge lehren, wenn sich dieser mit dem Buch von Swinburne etwas genauer auseinandergesetzt hätte. Leider ist die atheistische Überheblichkeit größer als der Wille, etwas zu lernen, was dem eigenen Weltbild widerspricht.
Interessant ist aber auch, welche Argumente Dawkins auslässt. Entweder weil er sie für so wenig überzeugend hält – oder aber, was wahrscheinlicher ist – weil er zu wenig gute Gegenargumente hat. Wenn man die Auseinandersetzungen von Dawkins mit denen von Bradley Monton im oben erwähnten Buch vergleicht, fällt dies besonders auf. Monton muss ziemlich tief in die Trickkiste der neueren wissenschaftlichen Thesen greifen, um auf die Argumente zu antworten. Es ist natürlich ok, dass Monton das tut, aber es zwingt ihn, diese Argumente ziemlich ausführlich zu erklären, damit sie für den durchschnittlichen Leser verständlich werden. Genau darauf möchte Dawkins im „Gotteswahn“ verzichten, weil er auch dem wissenschaftlich und philosophisch weniger gebildeten Leser die Möglichkeit geben will, das Buch leicht und schnell zu verstehen und die Argumente darin selbst anzuwenden. Dass dies zu Lasten der tiefergehenden und ehrlicheren Auseinandersetzung geht, scheint ihm eine Bagatelle zu sein. So wird der von mir früher sehr geschätzte populärwissenschaftliche Autor Richard Dawkins zu einem populärunwissenschaftlichen Autoren, was übrigens auch vielen anderen Wissenschaftlern sauer aufgestoßen ist. Michael Ruse etwa, ein bekannter Wissenschaftsphilosoph, der sich auf die Philosophie der Biologie spezialisiert hat und an der Universität von Florida lehrt, nennt das Buch einen Bärendienst an der Wissenschaft, und genau das ist es leider auch.

Richard Dawkins und das Problem des Glaub-o-Meters

Im zweiten Kapitel seines Buches „Der Gotteswahn“ stellt Dawkins ein interessantes Tool vor, mit dem er meint, er könne jeden Menschen irgendwo in eine Schublade stecken. Es handelt sich hierbei um ein Werkzeug, das ich mal um der Einfachheit halber als „Glaub-o-Meter“ bezeichnen möchte. Der Glaub-o-Meter versucht, das ganze Spektrum des Glaubens abzudecken. Ich betone bewusst, er versucht. Wir werden gleich auf dessen Probleme zu sprechen kommen.
Zunächst ein paar grundlegende Gedanken. Atheisten, und ganz besonders auch die fundamentalistischen, aggressiv missionarischen Atheisten wie Richard Dawkins, nutzen häufig mehrere Definitionen für das Wort „Glauben“ und switchen während eines Gesprächs oder eines Kapitels im Buch zwischen diesen verschiedenen Definitionen. Das eigentlichere Problem ist seine Weigerung, den Glauben in seinem Buch klar zu definieren. Mal vergleicht er den Glauben mit der Verliebtheit (S. 309), ein andermal muss er ein Lexikon zitieren (den Eintrag für „delusion“, den Teil des Titels, der mit „Wahn“ übersetzt wird) und meint dazu, dass die Definition „dauerhafte falsche Vorstellung, die trotz starker entgegengesetzter Belege aufrechterhalten wird“ (S. 19) eine gute Definition für den Glauben sei. Alles in allem lässt sich sagen, dass er der Definition von Peter Boghossian mit größter Wahrscheinlichkeit zustimmen würde, welcher seinen Jüngern im „Manual for Creating Atheists“ empfiehlt, für das Wort Glauben immer „behaupten, Dinge zu wissen, die man nicht weiß“ einzusetzen.
Kommen wir also zum Glaub-o-Meter: Dawkins versucht hier, wie bereits gesagt, das ganze Spektrum des Glaubens vom Unglauben bis zum Wissen abzudecken. Hierfür will er sieben Abstufungen entdeckt haben:
1. Stark theistisch. Gotteswahrscheinlichkeit 100 Prozent. Oder in den Worten von C. G. Jung : »Ich glaube nicht, ich weiß.«
2. Sehr hohe Wahrscheinlichkeit knapp unter 100 Prozent. Defacto theistisch. »Ich kann es nicht sicher wissen, aber ich glaube fest an Gott und führe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn gibt.«
3. Höher als 50 Prozent, aber nicht besonders hoch. Fachsprachlich: agnostisch mit Neigung zum Theismus. »Ich bin unsicher, aber ich neige dazu, an Gott zu glauben.«
4. Genau 50 Prozent. Völlig unparteiischer Agnostizismus. »Gottes Existenz und Nichtexistenz sind genau gleich wahrscheinlich.«
5. Unter 50 Prozent, aber nicht sehr niedrig. Fachsprachlich: agnostisch mit Neigung zum Atheismus. »Ich weiß nicht, ob Gott existiert, aber ich bin eher skeptisch.«
6. Sehr geringe Wahrscheinlichkeit, knapp über null. Defacto atheistisch. »Ich kann es nicht sicher wissen, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Gott existiert,  und führe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn nicht gibt.«
7. Stark atheistisch. »Ich weiß, dass es keinen Gott gibt, und bin davon ebenso überzeugt, wie Jung ›weiß‹, dass es ihn gibt.«“ (S. 85f.) 
Sich selbst teilt Dawkins in dieser Liste bei der Nummer 6 ein, bei den de-facto-Atheisten, die sich am Ende immer noch ein Schlupfloch und ein kleines Argument für ihre Toleranz offenhalten wollen.
Wo stehen aber nun Christen? Wenn wir nach den Definitionen von Dawkins gehen wollen, ist überhaupt das ganze biblische Christentum außerhalb dieser Liste anzusiedeln. Obige Liste mag für nichtchristliche Theisten gelten, aber da echte Christen ein biblisches Glaubensverständnis haben, lassen sie sich nicht in eine Schublade, die von Äpfeln bis zu Birnen reicht, einteilen. Und genau da liegt Dawkins’ Problem. Er arbeitet häufig über die Grenzen seines Berufes hinaus, was an und für sich nicht verwerflich ist. Aber dann sollte man sich mit den Definitionen und Argumenten beschäftigen, die in diesen Gebieten viel mehr Erfahrung haben. Philosophisch und theologisch arbeitet Dawkins erstaunlich schwach.
In seinem früheren Buch, Das egoistische Gen, liefert Dawkins auch eine Definition für den Glauben. Er schreibt dort: „Ein weiteres Glied des zur Religion gehörigen Memkomplexes heißt Glaube. Dieser bedeutet blindes Vertrauen – Vertrauen ohne Beweise und sogar den Beweisen zum Trotz.“ (S. 305) Diese Definition zeigt, dass er sich im Gebiet der Theologie bewegt, ohne sich überhaupt mit ihr ernsthaft beschäftigen zu wollen. Die Definition stammt von ihm, und es wird wohl sehr wenige Menschen geben, die sich Christen nennen und mit dieser Definition ihres Glaubens einverstanden wären. Der Glaube, so meint Dawkins, ist einfach ein Gedankengebilde, das mehr oder weniger zufällig entstanden ist („Mem“ ist eine Wortneuschöpfung von ihm und bewusst als eine Parallele zum „Gen“ gehalten), sich dann immer raffinierter weiterentwickelt (auch dies als Parallele zum egoistischen Gen, das alles tut, um möglichst viele Generationen zu überleben), aber jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, wo die Vernunft über diese Meme (und die Gene) triumphieren solle.
Interessant ist dabei auch, dass Dawkins immer wieder den Glauben den Gewissheiten gegenüberstellt, welche öffentlich anerkannt und somit unumstößlich gelten. Kein ernsthafter Wissenschaftler käme jemals auf die Idee, dass irgendeine Theorie seines Fachs unumstößlich sei. Im Zeitalter der beiden Relativitätstheorien, der Quantenphysik, der Heisenbergschen Unschärferelation, des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes und der Chaostheorie bleibt am Ende oft mehr Zweifel als Gewissheit. Inzwischen sind alle Theorien Newtons überholt – und doch lernt jeder Schüler immer noch diese falschen Theorien.
Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass Dawkins – besonders im Buch Das egoistische Gen selbst ein Evangelium predigt: Mit einer Schöpfungslehre, einem Sündenfall, einer Heilsgeschichte und nicht zuletzt einer Erlösung. Seine Geschichte beginnt in der Ursuppe, in welcher sich zahlreiche freie Atome befinden, die sich immer wieder zusammensetzen und so verschiedene Aminosäuren bilden. Irgendwann bildet sich durch reinen Zufall auf diese Weise eine Replikatorsubstanz – eine Aminosäure, welche die Eigenschaft besitzt, Kopien ihrer selbst herzustellen. Auf diese Weise sei das Gen entstanden, welches nun versucht, unsterblich zu werden. Es bildet immer komplexere Gestalten, die das Überleben des Erbgutes sichern sollen. So ist der Körper eines jeden Lebewesens aus dieser Sichtweise lediglich als Vehikel der Gene zu sehen.
Im Laufe der Zeit hätten sich diese Genvehikel immer besser an die Bedingungen des Überlebens angepasst und in einem Fall sogar eine Vernunft entwickelt. Diese erlaubt es dem Menschen, zu planen, zu reflektieren, etc. Um das eigene Überleben besser sichern zu können, sei so auch die Religion erfunden worden, weil sich dadurch andere Vehikel kontrollieren und unterdrücken ließen. Doch nun, da sich diese Vernunft immer weiter entwickelt habe, sei sie nun imstande, den Egoismus der Gene zu überwinden. Und darin besteht nun für Dawkins die Erlösung. Der Mensch kann seiner Vernunft gemäß die Herrschaft der Gene und der Meme überwinden.
Was insgesamt aber nicht zu überzeugen vermag, denn wenn wir den Maßstab, den Dawkins an den Glauben anlegt, auch bei seinem Evangelium anlegen, so zeigt sich die Schwäche seines Ansatzes. Letztlich sind dann auch die Vernunft und das Dawkinsche Evangelium nichts anderes als Meme, die im Laufe der Zeit mehr oder weniger zufällig entstanden sind. Es gibt keine letzte Begründung dafür; wer daran glauben will, mag daran glauben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Mensch sich selbst erlösen kann; was auch immer man als Begründung dafür annimmt. Wenn die Gene und Meme letztgültige Herrschaft über alle Lebewesen ausüben, so könnte man höchstens sagen, dass die Vernunft eine Illusion sei, die von den Genen hervorgerufen werde. Damit bleibt der Mensch jedoch in dieser Illusion gefangen und es gibt keinen Ausweg. Auch hier zeigt sich, dass der Mensch die Erlösung von außen braucht; er braucht einen Erlöser, der ihn aus seiner Selbstbezogenheit rettet.

„Zeugnis geben“ praktisch: Wie bereite ich mich vor?

Im christlichen Jargon spricht man manchmal vom „Zeugnis geben“. Das ist eigentlich ein guter Begriff, aber man muss ihn erst mal erklären. Es geht dabei um Folgendes: Wenn ich Christ bin, dann bedeutet das, dass Jesus mir persönlich begegnet ist. Ich habe etwas erlebt, was mich zur Überzeugung brachte, dass Gott existiert, Jesus für meine Sünden gestorben und auferstanden ist und dass das Auswirkungen auf mein Leben hat. Und nun, wenn jemand anderen Menschen erzählt, wie das in seinem Leben passiert ist, so nennt man diesen Vorgang des Erzählens „Zeugnis geben“.
Petrus schreibt dazu: Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [und zwar] mit Sanftmut und Ehrerbietung; und bewahrt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verlästern, zuschanden werden in dem, worin sie euch als Übeltäter verleumden mögen. Denn es ist besser, daß ihr für Gutestun leidet, wenn das der Wille Gottes sein sollte, als für Bösestun.(1. Petrus 3, 15b – 17) Wir dürfen uns auf diese Situation vorbereiten. Und diese Vorbereitung ist sehr wertvoll, denn auch die Vorbereitung führt uns dazu, die Größe Gottes zu erkennen und zu sehen, wie mächtig Er ist, um rebellische Sünder zu retten.
Da wir uns in einer schnelllebigen Zeit befinden, sollten wir unser Zeugnis so vorbereiten, dass wir uns kurz fassen können. Länger wird es automatisch; außerdem werden Zuhörer, die genug Zeit haben, auch dazu Fragen stellen. Diese Fragen werden uns ein anderes Mal beschäftigen; dass wir für solche Gespräche und den Gesprächspartner beten, sollte selbstverständlich sein. Am Rande mal noch ein Hinweis: Ernsthafte Fragen brauchen ernsthafte Antworten, und für Fragen, die wir nicht sogleich beantworten können, tun wir gut daran, ein kleines Notizbuch mitzuführen, wo diese Fragen und nach einer Recherche später auch Antworten hineinkommen. Unser Zeugnis soll kurz sein. Ich empfehle dafür maximal drei Minuten zu rechnen. Für mich persönlich halte ich es so, dass ich versuche, mich auf 2,5 Minuten zu beschränken, das heißt, ausgeschrieben beträgt es ungefähr 250 Worte (man rechnet im Durchschnitt beim Sprechen etwa 100 Worte pro Minute).
Gerade wenn man in einer Gemeinde aufgewachsen ist, fällt es nicht leicht, einen Anfang zu finden. Dann tendiert man dazu, bei Adam und Eva oder so ähnlich anzufangen. Daher ist das Aufschreiben in einer Word-Datei mit der Wörter-Zähl-Funktion sehr praktisch. Es wird automatisch länger werden, denn mein Zeugnisgerüst schreibe ich in den Worten auf, wie ich denke. Wie ich es dann im einzelnen Fall präsentiere, ist eine ganz andere Frage und hängt vor allem vom Gegenüber ab. Mein Gerüst enthält die wichtigen Eckpunkte, die ich sagen will, aber worauf ich im gegebenen Fall besonders Wert lege, zeigt sich dann im jeweiligen Moment. Deshalb darf ich beim meinem Gerüst auch einen Wortschatz verwenden, den nicht jeder sofort versteht, solange ich im Stande bin, das in der Praxis in einfache Worte zu übersetzen.
Deshalb hier meine Tipps:
– Schreibe Dein Zeugnis in einem PC-Dokument auf.
– Beschränke Dich auf maximal 250 Worte.
– Lies das mehrmals durch und bete darüber.
– Gebrauche es bei der nächsten möglichen Gelegenheit.
– Lerne aus den kommenden Situationen und versuche Dich noch besser vorzubereiten.
Besser geht immer, aber alles ist besser als es nicht zu versuchen.
Hier noch mein Versuch des Aufschreibens:
Als ein Gastprediger in der Gemeinde zu Besuch war, predigte er über Römer 6,12-13, dass wir unseren Körper und Leben Gott und nicht der Sünde zur Verfügung stellen sollen. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, war eine Frage, die er ziemlich am Anfang stellte: Wenn du heute sterben würdest, wo kämst du hin? Diese Frage ließ mich nicht mehr los, denn plötzlich wurde mir klar, dass das Leben kein Spaß ist, sondern höllisch ernst. Im selben Moment sah ich, dass mein Stolz und Hochmut ganz große Hindernisse sind, die mich von der Erlösung abhielten. Ich fühlte mich besser als die meisten anderen Menschen. Doch wie konnte ich ohne diese heimliche Freude über mein Bessersein leben? Konnte ich das opfern? Was würde mir dann noch bleiben in diesem Leben? Gibt es danach noch Freude? Ich schnappte mir zu Hause die Bibel und las für einige Tage nur noch Römerbrief. Von vorne bis hinten. Schätzungsweise zehnmal. Dann war mir klar, wie es aussah: Es gab nur zwei Möglichkeiten, und eine davon war nicht einmal im schlimmsten Traum denkbar. Also nahm ich allen Mut zusammen, den ich in dem Moment noch hatte und gestand meinen totalen Bankrott ein. Ich sah, dass Jesus Christus für mich ganz persönlich gestorben & auferstanden ist, und dass meine Schuld vor Gott so groß war, dass Sein Leben als Bezahlung dafür draufgehen musste. Mein Leben bekam damit einen Sinn: Ich darf für Gott leben und alles für Ihn und meine Mitmenschen tun.
Wie sind Deine Erfahrungen mit dem „Zeugnis geben“? Hast Du dafür noch weitere Tipps?

Ein postfaktisches, postdemokratisches, postliberales Zeitalter

Wahrheit ist, was überzeugt. Jeder kann sein, was er will. Freiheit ist nicht so wichtig wie Sicherheit und Gleichheit. Es kann keine objektive Wahrheit geben. Wahrheit wird von der Gesellschaft konstruiert. Gefühle sind wichtiger als Tatsachen. Jeder hat seine eigene Erfahrung und Auffassung. Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Könnten diese obigen Sätze unserer Zeit entstammen? Ja, sie könnten. Und manch einer hält unsere Zeit für einzigartig. Doch könnten obige Zeilen ebenso gut im Athen vor 2500 Jahren gesagt oder geschrieben worden sein. Der letzte Satz ist übrigens genau in jener Zeit entstanden – es ist einer der ganz wenigen Sätzen, die man mit Sicherheit Protagoras zuschreiben kann.
Vor ungefähr 2500 Jahren war Athen eine blühende Stadt. Der technische Fortschritt und immer neue wissenschaftliche Entdeckungen prägten das Leben. Die Kunst hatte einen wichtigen Platz im Leben eingenommen. Athen war eine Demokratie – zwar nur eine der freien Männer, aber trotzdem hatte so jede Familie ein Mitspracherecht. Der Mittelstand war längere Zeit gewachsen und hatte Hoffnungen geweckt. Die Menschen sahen immer mehr, wieviel sie aus eigener Kraft erreichen konnten – mit Hilfe von Werkzeugen, Tieren und Angestellten. Der griechische Götterhimmel war tot – man feierte zwar die wichtigsten Feste zu Ehren der Götter, aber hauptsächlich deshalb, weil es die einzigen freien Tage des Jahres waren und weil man dazu verpflichtet war. Der griechische Götterhimmel war Staatsreligion. Doch längst war das alles nur noch tote Tradition. Wer nicht bei dieser staatlichen Götteranbetung teilnahm, dem drohte Verbannung oder gar Todesstrafe.
Der technische Fortschritt stärkte das Selbstbewusstsein der Athener enorm. Zugleich aber wuchs das neue Wissen derart rasant an, dass man es irgendwie sammeln und auch weitergeben musste. Diese Aufgabe als Universalgelehrte nahmen die Sophisten auf. Sie studierten das Wissen, sammelten es, und zogen umher, um es jedem anzubieten, der ihnen genug Geld dafür zahlte. Die Sophisten merkten bald, dass manche Dinge dieser Wissenschaften im krassen Widerspruch zueinander standen. Statt einer universalen Theorie, die alle Dinge umfasst, gab (und gibt) es nur mehrere einzelne Theorien, die nicht vereinbar sind. So kamen sie zum Schluss, dass alles relativ sei. Wahrheit sei nichts Absolutes, sondern der einzelne Mensch sei immer das Maß aller Dinge.
Was musste nun kommen? Plötzlich wurde die Rhetorik zum wichtigsten Zweig der Wissenschaften. Wie kann man überzeugend reden? In der athenischen Demokratie war dies besonders wichtig, denn jeder konnte mitreden, und wer überzeugte, befahl. So wurde aber zugleich aus dieser Demokratie eine Postdemokratie. Es wurde zu einer „Rhetorikratie“, eine Oligarchie der wenigen, in Rhetorik gut geschulten, reichen Bürger. Immer wieder kam es zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen, Absetzungen, Verbannungen, die das Leben der Demokratie schwächten. Statt Fakten zählten die Gefühle, welche durch gelehrte Reden hervorgerufen wurden. Das Problem mit den Gefühlen in der Politik ist, dass sie ungerecht sind. Angst, Zorn, Mitleid, Empörung haben in der Politik nichts verloren. Gefühle ersetzen die Gerechtigkeit und führen zwangsläufig zu einem Zustand, den die Bibel „Ansehen der Person“ nennt. Gerechtigkeit wäre, wenn alle gleich behandelt werden – ohne Ansehen ihres Standes, Geschlechts, Reichtums (oder Armut), etc. Auch heute geht die Gerechtigkeit unter – zugunsten einer falsch verstandenen Pseudo-Gerechtigkeit, die versucht, Unterschiede durch politische Aktionen wie etwa Steuern, Gesetze, oder individuelle Behandlung vor Gericht, einzuebnen.
Die antiken Sophisten waren postliberal. Eigentlich sollte die attische Demokratie ja die Freiheit des Einzelnen schützen und stärken. Die Sophisten unterstützten die Reichen, die politische Ambitionen hatten und ihnen Geld für ihr Wissen und den Unterricht in der Rhetorik bezahlen konnten. Auch die heutigen Sophisten rufen wieder nach einem starken Staat mit Überwachung und Schutz vor dem Terrorismus. Sie sind einerseits bereit, mehr überwacht zu werden, aber zugleich hat man dann Probleme mit den USA, ist lieber für die Russen, wo es mit der Demokratie auch nicht weit her ist, und schimpft über die NSA. Was wäre die bessere Alternative? Wenn wir weiterhin Demokratie wollen, dann wird nur eines übrig bleiben. Wir müssen uns darum bemühen. Demokratie ist – anders als die meisten von der Demokratie beschenkten Menschen denken – kein automatischer, immer bleibender Zustand. Sie lebt davon, dass sich der Einzelne einbringt und mitarbeitet. Ohne die vielen Einzelnen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen, Ideen und Alternativen wird die Politik zur alternativlosen Oligarchie – zu einer Herrschaft der Wenigen, in der nur noch abgenickt wird, was sowieso schon längst feststeht.
In die Zeit der antiken Sophisten wurde Sokrates geboren, etwas später sein wichtigster Schüler Platon, sowie danach dessen Schüler Aristoteles. Diese drei Philosophen versuchten, eine Antwort auf die Sophisten zu geben. Sie gingen den Fragen nach, wie man richtig leben kann, auch in Zeiten, in denen der Götterhimmel nichts mehr zu bieten hatte. Zunächst war ihnen wichtig, dass Wissen ein demokratisches Gut ist. Sie gingen nicht nur zu den Reichen, sondern redeten mit allen, die sich dafür interessierten. Jeder darf das Wissen haben, jeder darf und kann über die großen Fragen dieser Welt nachdenken. Sie alle waren sich darin einig, dass die Realität, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, tatsächlich real ist, und ebenso auch, dass das richtige Wissen zum rechten Handeln führen wird.
Darüber hinaus konnten sie recht wenig Gemeinsamkeiten finden. Jeder übernahm manch einen Gedanken seines Lehrers, aber drehte die meisten davon auf den Kopf. Für Platon war das eigentlich Realere das Urbild hinter den einzelnen Erscheinungen in der Welt. Die Pferdheit ist realer als das einzelne, unterschiedliche Pferd. Für Aristoteles existiert die Pferdheit gar nicht, sondern nur das einzelne Pferd, und er hält die Pferdheit für eine rein menschliche Erfindung. Aus biblischer Sicht können wir beiden bedingt zustimmen. Gott hat die Pferdheit ausgedacht, nämlich die Spezies namens Pferd, und dazu durch sexuelle Fortpflanzung jedes einzelne Pferd geschaffen. Beides ist gleichermaßen real: Gottes Idee der „Pferdheit“ und die einzelnen „Erscheinungen“ dieser Idee Gottes, nämlich alle real existierenden und jemals real existiert habenden Pferde. Einheit und Vielfalt entstammen Gottes Wesen, da Gott der Dreieine ist, und wenn wir unsere Welt kennenlernen wollen, dann werden wir – ob wir das wollen oder nicht; ob wir diese Wahrheit annehmen oder verdrängen und unterdrücken, das ist uns überlassen – in einem gewissen Maß auch Gottes Wesen kennenlernen.

Die Schönheit einer besonderen Freundschaft

Taunton, Larry Alex, The Faith of Christopher Hitchens. The Restless Soul of the World’s Most Notorious Atheist. 224S. Kindle-Ausgabe. Link zu Amazon
Christopher Hitchens war einer der sogenannten „vier apokalyptischen Reiter der Nicht-Apokalypse“, also einer der bekanntesten vier „Neuen Atheisten“, zusammen mit Richard Dawkins, Daniel Dennett und Sam Harris. Larry Alex Taunton ist Autor und Direktor der Organisation „Fixed Point Foundation“ (ungefähr „Stiftung des festen Punkts“), welche den christlichen Glauben vertritt und dazu Debatten organisiert und weltweit reist, um an anderen Orten an solchen Debatten teilzunehmen. Eine spezielle Zusammensetzung ist in dieser Freundschaft zu finden, und genau darum geht es in dem Buch. Taunton möchte uns ermutigen, solche speziellen Freundschaften zu suchen und zu wertschätzen. Gleich zu Beginn schreibt er dazu: “I speak exclusively to Christians when I say this: how are we to proclaim our faith if we cannot even build bridges with those who do not share it?”(Kindle-Position 100)Taunton beschreibt diese Freundschaft, aber er sieht auch, dass es Christen gibt, welche ihm diese Freundschaft nehmen möchten, und behaupten, ein Christ könne nicht mit einem Atheisten befreundet sein.
Zuerst beschreibt Taunton das Leben Hitchens’. Dieser war in eine Familie hineingeboren, die gerade am Aufsteigen war. Der Vater war ein einfacher Mann, aber er war im Krieg bei der Armee tätig. Die Mutter wollte unbedingt ihren Kindern einen weiteren sozialen Aufstieg ermöglichen und sparte an allen Ecken und Enden, damit die beiden Söhne eine anständige Privatschule und danach die Universität besuchen konnten. Die Schule war streng religiös, sodass Hitchens einen Hass auf Gott entwickelte. Taunton schreibt: “Every despot in history has claimed to be a man of principle, a champion of the people, but their principles were carefully chosen to match a seething hatred, be it hatred for one’s neighbor, the ruling class, or the Jews. Christopher hated God and was determined that he should master and tyrannize him. To do so, however, he now needed the tools of warfare. In atheism he had found a principle that corresponded to his grievance. Now he had to weaponize it.”(Kindle-Pos. 412) Worte haben Macht, und Christopher entdeckte diese Macht früh. In diesen Schulen war Sport etwas sehr Wichtiges, aber da der junge Christopher eher schwächlich und „mädchenhaft“ (er nennt sich selbst „girlish“) war, trug seine Abneigung zum Sport zusätzlich dazu bei, stattdessen die Macht der Worte in Debatten und in schriftlichen Auseinandersetzungen zu schulen. Er wurde ein extremer Linker, der als Journalist und politischer Agitator rund um den Erdball reiste. Wer seine Artikel liest, sieht auf den ersten Blick einen sehr weit belesenen Mann. Doch der erste Blick trügt: “Words as weapons. Reeling bullies. Turning the tide of public opinion. This must all be remembered when we watch Christopher Hitchens in debate. The danger here—and Christopher fell wholeheartedly into its snares—was developing a love of words insofar as they were weapons for attack and defense of his position, rather than loving words insofar as they lead to truth. This, I believe, resulted in Christopher’s wide but not deep reading. […] Rather than submitting to his professors’ systematic teaching and training of his mind, his reading was defined by predetermined goals: he looked for supportive assertions, witty repartee, and selective facts for ammunition. He remembered only what he could use. Consequently, he never really studied the great books and the great questions in real depth.”(Pos. 490) Was ihm fehlte, war die systematische Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Nur wenige Autoren kannte er wirklich, da er meist nur las, um Munition für seine Meinung zu finden. Was nicht seiner Ansicht entsprach, wurde geflissentlich überlesen.
Lange Zeit war sein Leben von diesen zwei Dingen beherrscht: linksextreme Politik und Journalismus. Doch dann kam die Wende – und zwar eine Wende, bei welcher ich mich selbst wiedergefunden habe. Der 11.9.2001 markiert die Wende in Hitchens’ Leben. Nun wurde er zu einem Suchenden. So ähnlich ist es mir auch ergangen – nur dass sich die Antworten in entgegengesetzter Richtung ergeben haben. Vom Linksextremen wurde Hitchens zum Unterstützer der Anti-Terror-Politik George W. Bushs und zugleich zum militanten Atheisten. Gehörte der Atheismus bei ihm bisher einfach zu seinem Leben dazu, wurde er nun ein bestimmendes Element. 2007 gab Hitchens ein Buch heraus mit dem Titel „god is not great“ (die dt. Übersetzung bekam den Titel „Der Herr ist kein Hirte“) und damit wurde er zugleich auch als New Atheist bekannt. Dieses Buch war der erste Moment, in welchem Larry Alex Taunton auf Hitchens aufmerksam wurde. Er organisierte mit seiner Fixed Point Foundation eine Debatte zwischen Hitchens und John Lennox. Dies wurde der Beginn dieser ganz besonderen Freundschaft, welche im Rest des Buches geschildert wird.
In dieser Freundschaft entdeckte Taunton einen ganz anderen Hitchens als derjenige, der auf der Bühne zu brillieren wusste. Einen Hitchens, der eigentlich auf der Suche ist. Einen Hitchens, dessen Atheismus Teil seiner Selbstdarstellung ist, der sich in seinem Innersten aber nicht vollständig bewusst ist, was das bedeutet. Taunton hat auch mit Richard Dawkins, Michael Shermer und Peter Singer Debatten organisiert und kannte sich deshalb ziemlich gut aus, was die Positionen dieses Mainstream-Atheismus sind. So beschreibt er, wie Hitchens auf diese Auseinandersetzungen reagierte: “I recall once asking Christopher [Hitchens] if man was, in his view, born good or bad. His answer was emphatic: “Man is unquestionably evil.” I had asked that question of other atheists. Richard Dawkins spoke of genetic predispositions. Michael Shermer referred to social conditions. Peter Singer rejected the idea of such moral constructs. None of them had answered the way Hitchens did. They couldn’t. At least they couldn’t and remain consistent in their atheism. Christopher readily accepted that this was in contradiction to his atheism. He was then midstream of his philosophical transition and hadn’t yet worked out the details.”(Pos. 1200)
“Christopher was not the atheist ideologue I had supposed him to be from reading god Is Not Great and listening to his lectures and debates. An ideologue will adhere to his given dogma, no matter what. He places ideas above people because he deems them more important than people. In this he really thinks he is morally courageous because he subordinates his feeling for what he believes is the greater good.” (Pos. 1661)
“Christopher Hitchens was a searcher. In search of a unifying philosophy of life, atheism offered nothing. In more honest moments, Christopher would acknowledge this “joylessly, humorlessly, gloomily, pessimistically.” Patriotism, at least, was something. In it were virtues that appealed to the elder Christopher Hitchens if not the younger—tradition, honor, loyalty, and commitment to a cause beyond oneself—and, yet, it was an uncomfortable compromise. Patriotism alone was not a system of thought. It could not provide the answers he wanted to the larger questions of life. It was, he knew, a half measure. Hence, he considered accessorizing it with science on the one hand and religion on the other. His approaches to religion, Christianity really, were what Nicodemus’s might have been had he come to see Jesus by day rather than by night: as that of reporter or critic rather than as a would-be disciple. Hitchens was not as certain about his atheism, whatever his public professions to the contrary.”(Pos. 2563)
2010 wurde bei Hitchens Speiseröhrenkrebs diagnostiziert, und Taunton war einer der ersten, die es erfahren durften. In der darauffolgenden Zeit unternahmen Taunton und Hitchens zwei längere Autofahrten, bei welchen sie zusammen im Johannesevangelium lasen und darüber miteinander sprachen. Kurz vor dem Tod Hitchens’ wurde noch einmal eine Debatte organisiert, in welcher sich die beiden Freunde gegenüberstehen durften. Kurz danach starb Hitchens. Man weiß nichts darüber, was aus den Worten geworden war, die Taunton mit ihm teilte. Es gibt kein Zeugnis davon, dass er sich bekehrt hätte. Aber es gab auch nicht das Gegenteil davon – so sehr es sich die anderen Atheisten auch gewünscht hätten: “The atheist side wanted a saint, a man who would endure to the very last, courageously facing death in a way that—if he could just hold out—would show them that it could be done, quieting their own doubts about the hereafter. And, at first, Hitchens seems to be assuming that role. But he began introducing doubts, rather than hoped-for verities. In the same interview with Jeffrey Goldberg, Christopher leaves the door not simply cracked, but wide open to “a Prime Mover or a higher intelligence.” Much more than attacking the idea that there is a god, Christopher attacks the “man-made” notion that anyone speaks on that entity’s behalf. This is hardly the stuff of a public conversion, but neither is it the conventional atheist dogma he usually spouted.”(Pos. 2731)
Es ist ein Buch, das mich enorm mitgenommen hat in die Welt dieser Freundschaft. Zwei so unterschiedliche Männer mit so unterschiedlichen Ansichten, die sich dennoch mit sehr viel Respekt begegnen können. Eine echte Männerfreundschaft, die so tief geht, dass man sich nicht ständig sehen muss, und trotzdem einander zuerst Mitteilung macht, wenn man eine einschneidende Erfahrung im Leben macht, wie etwa die Krebsdiagnose. Lassen wir uns von Taunton zu solchen Freundschaften ermutigen!