Datenschutz: Warum mir meine Daten in den Händen privater Unternehmen lieber sind

DSGVO ist in aller Munde. Dieses neue Gesetz soll meine Daten davor schützen, dass sie von privaten Unternehmen missbraucht werden. Zahlreiche Blogger haben ihre Blogs stillgelegt, weil sie zu unsicher sind, mit welchen Mitteln sie diesem neuen Gesetz entsprechen können. Kleinere und mittlere Unternehmen, besonders jene mit Online-Dienstleistungen, sind am stärksten betroffen. Dann auch Fotografen, Vereine, und so weiter. Ich wage es nun mal, etwas weiter zu denken und erkläre, weshalb es mir lieber ist, wenn meine Daten in den Händen privater Unternehmen sind als in den Händen des Staates.

Als ich in der Schule zum ersten Mal Informatik-Unterricht hatte, war ich bis dahin immer offline. Am Familien-Computer habe ich geschrieben, ausgedruckt, und per Post versandt. Ein paar Male habe ich bei Freunden zugesehen, wie diese ihr Internet nutzten. Es waren noch andere Zeiten, jene von Windows 95, welches gerade relativ frisch die Heim-PCs eroberte. Auf den Schulcomputern war Mac OS 7 installiert. Die erste Frage im Unterricht war: Wer hat noch keinen eMail-Account? Das war meine erste Erfahrung mit Datenschutz und dem Austausch von Daten. Ohne eMail-Adresse lässt sich inzwischen (und das war schon damals nicht so viel anders) nur sehr wenig online und in vielen Fällen auch offline machen.

Meine meistgenutzten eMail-Adressen laufen bei GMX. Es gibt verschiedene Optionen, zwischen welchen jeder von uns wählen kann, wenn es um die Frage einer Mailadresse geht. Es gibt Angebote für werbefreie Adressen, für welche man einen monatlichen Betrag zahlt. Oder jeder der Internetspeicher (Webspace) und eine Domain mietet, kann sich eine Mailadresse generieren. Auch da entstehen regelmäßige Kosten. Die meisten Menschen nutzen eine Variante, bei welcher sie (wie ich auch beim „kostenlosen“ GMX-Account) mit ihren Daten bezahlen. Wer dieses Angebot nutzt, gibt dem Anbieter das Recht, seine Daten an andere Firmen zu verkaufen, um damit die Kosten wieder reinzuholen, die für die Bereitstellung von eMail-Speicher, Wartung, Personal und vielem mehr entstehen. Von nichts kommt nichts, deshalb ist das vollkommen legitim, und jeder einzelne von uns hat die Freiheit, sich für eine andere Variante zu entscheiden.

Alle diese Unternehmen sind Konkurrenten, jede versucht, mit den Daten und allen ihren Dienstleistungen den größtmöglichen Profit zu machen. Das ist genau richtig so, denn auf diese Art können alle Kunden (die User und Nutzer dieser Dienstleistungen) mitbestimmen was in Zukunft wichtig sein soll. Es ist die demokratischste Art überhaupt, weil Kunden da König sind und mit ihrem Kauf- oder Nutzverhalten das zukünftige Produkt bestimmen können. Wenn jeder von uns oder eine große Mehrheit von uns anfangen würde, die AGBs der Anbieter genauer zu lesen und nur Angebote der Anbieter mit den strengsten Datenschutzregeln nutzen würde, dann wäre DSGVO rei8ne Makulatur, weil dann jedes Unternehmen gefordert wäre, die anderen mit noch strengerem Datenschutz zu überbieten. Vermutlich bleibt dies ein Traum, aber es wäre letztendlich die einzig sinnvolle Möglichkeit, um alle Unternehmen dazu zu bringen, sich um den Datenschutz richtig zu kümmern. Solange unser Nutzerverhalten signalisiert, dass uns unsere Daten egal sind, solange wir nur alles möglichst kostenlos nutzen und profitieren können, wird sich da nichts ändern – und die Regierungen werden weiterhin das Gefühl haben, dass es ihre Aufgabe sei, sich Gesetze dafür zu überlegen, welche in der Praxis jedoch nur den kleinen Unternehmen schaden werden.

Viel kritischer sehe ich jedoch, dass die staatlichen Ämter weiterhin beliebig Daten sammeln und verarbeiten dürfen – und dazu noch nicht einmal meine Erlaubnis brauchen. Warum müssen wir dem Staat misstrauen? Es geht nicht um ein zwingendes Misstrauen gegen jede Regierung, sondern auch um die Frage: Was passiert, wenn eines Tages Menschen ans Regieren kommen, die es nicht mehr gut mit dem Bürger meinen? Was ist, wenn eine nationalistische, kommunistische, ökofaschistische oder sonstwie totalitäre Regierung den Gang durch die Institutionen antritt und Verantwortung bekommt? In ihrem Roman „Leere Herzen“ (Link) beschreibt Juli Zeh auf erschütternde Weise das mögliche Leben unter der „Besorgte Bürger Bewegung“. In Romanen von Aldous Huxley und George Orwell sind ähnliche Beschreibungen des Lebens in sozialistischen Regimes zu finden.

Demokratie ist immer etwas Zerbrechliches, etwas, was gehütet und zuweilen auch neu erkämpft werden muss. Wer die weltweit immer wieder zu hörenden Rufe nach starken Regierungen, mehr Eingriffen oder auch nach dem „starken Mann“ wahrnimmt, und sich die Entwicklungen etwa in Russland, der Türkei, den USA oder auch Ungarn oder Polen (das zur Zeit mit der Errichtung der Einparteienregierung die Grenzen der Belastungsfähigkeit der EU testet) etwas näher ansieht, wird den Eindruck nicht los, dass neben dem Postfaktizismus auch die Postdemokratie auf der Weltbühne zunehmen könnte. Auch Bestrebungen, der EU mehr Macht über die einzelnen Staaten zu geben, sind in der Hinsicht kritisch zu sehen.  Wo die Demokratie überwunden wird, ist es mit der Freiheit nicht mehr besonders weit her. Und so gesehen: einer möglichen totalitären künftigen Regierung, die von ihren Vorgängern meine Daten erbt, möchte ich auch jetzt schon nicht über den Weg trauen. Deshalb wäre ich vor allem für mehr und transparenteren Datenschutz durch den Staat, während ich gerne selbst aussuche und es als Privileg erachte, meine Daten in Freiheit den Unternehmen anzuvertrauen, von welchen ich überzeugt bin, dass sie größtmöglich verantwortlich damit umgeht. Keiner muss Facebook, WhatsApp, Twitter, Google oder was auch immer für Unternehmen vertrauen. Jeder hat die völlige Freiheit, sich dort überall nicht anzumelden oder mit Anmeldung nur gerade das preiszugeben was jeder wissen darf. Auch per eMail sollte man – egal welche Art von Adresse man nutzt – immer nur das schreiben, was man auch hinten auf eine Postkarte schreiben und per Post versenden würde. Ungefähr so sicher sind eMails. Anderenfalls sollte man auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung achten, was wiederum mit einigem Aufwand verbunden ist.

Mein Traum wäre, dass der mündige Internetnutzer lernt, verantwortlich mit seinen Daten und Inhalten umzugehen, so verantwortlich, dass gar kein gesetzlicher Datenschutz nötig wäre. Ob der realistisch ist oder nicht, sei vorerst mal dahingestellt. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn noch mehr Menschen mit mir mitträumen würden. Und irgendwann, wenn wir genügend Träumer sind, könnte es sein, dass wir aufwachen und feststellen, dass genau das geschehen ist. Who knows?

Marina Weisband, ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschlands, hat den ersten Beitrag zur DSGVO geschrieben, den ich wirklich treffend fand. Hier geht es zum Artikel (Link). Allgemein gesehen sind Datenschutz, Verschlüsselung und Sicherheit im Internet Themen, bei welchen wir von den Piraten lernen können.

Buchtipp: Die Getriebenen

Die Getriebenen von Robin Alexander

Alexander, Robin, Die Getriebenen, Siedler Verlag München, 6. Aufl. 2018, 286S., Verlagslink, Amazon-Link

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Robin Alexander ist Journalist im politischen Berlin, hat auch schon für die taz gearbeitet und ist jetzt für die Welt am Sonntag unterwegs, um direkt aus der aktuellen Politik zu berichten. In seinem Buch „Die Getriebenen“ geht er der Frage nach, inwieweit die Flüchtlingskrise 2015 die Berliner Politik verändert hat. Seine These, die er vertritt, besagt, dass neue Arten zu regieren entstanden sind, die der früheren Art und Weise entgegen stehen. Da das Buch schnell Emotionen hochkochen ließ, war ich gespannt auf den Inhalt, und eher erstaunt darüber, wie dieses Buch zu so kontroversen Diskussionen führen konnte. Habe ich die Macht der medialen Filterblasen, von denen ich schon öfter bloggte, vielleicht tatsächlich unterschätzt?

Was der Autor schreibt, lässt sich fast alles in (Online-)Zeitungsartikeln finden. Grob geschätzt 90% des gesamten Inhalts war mir auch vor dem Lesen des Buches gut bekannt. Der Rest betrifft entweder Beschreibungen von TV-Sendungen, die ich nicht gesehen hatte und politische Treffen, welche unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatten und von Alexander nun in eigenen Worten nacherzählt werden. Für Leser, welche sich die Ereignisse dieser Zeit noch einmal in Ruhe vor Augen halten wollen, ist das Buch sehr wertvoll. Ich habe mit kontroverseren Inhalten gerechnet, weshalb ich schon fast etwas enttäuscht war.

Doch warum heißt das Buch „Die Getriebenen“? Es war eine Zeit, auf welche es keine Vorbereitung gab; die Politik war zum Improvisieren verurteilt. Es gab nicht das einzig logische Handeln, sondern immer nur die Reaktion auf unvorhergesehene Umstände. Das ist an sich ja auch nichts Schlimmes – es ist eine Chance, um seine Überzeugungen zu leben. Doch insgesamt – im Hinblick auf das ganze Buch – finde ich den Titel nicht passend, sondern eher irreführend. Die ganze Situation wird dazu genutzt, um in den verschiedenen Bundesländern und auch bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf zu betreiben. Insofern wäre zumindest für den größeren Teil des Buches der Wahlkampf der „Getriebene“ und nicht die Politiker. Die treibenden Kräfte sind Parteien, Bundesländer und aufsteigende Politiker, welche sich profilieren wollen.

Besonders gut gefiel mir, wie Alexander die Rolle von Wolfgang Schäuble identifizierte (ab S. 135, Kp. 9). Ihn habe ich bisher eher an vielen Einzelschauplätzen wahrgenommen, und weniger als eine ganze Persönlichkeit, welche der Autor nun aus ihm machte. Es war mir natürlich immer klar, dass er nur eine Person ist, aber was ihn ausmacht, weshalb er an den einzelnen Schauplätzen wie agiert, ist mir beim Lesen dieses Kapitels erst richtig klargeworden.

Das Buch ist gut geschrieben, leicht verständliche Sprache gepaart mit einem fesselnden Schreibstil, weshalb das Buch in wenigen Stunden gelesen werden kann. Ereignisse und Verknüpfungen der verschiedenen Beteiligten werden analysiert und gut präsentiert. Wer die Ereignisse ein wenig in den Tageszeitungen oder Online-Nachrichten verfolgt hat, wird sich mehr Hintergrund-Informationen wünschen, aber gerade für diejenigen, welche sich wünschen, das Ganze noch einmal in Ruhe sortieren und überdenken zu können, wird in dem Buch genau das finden, was er sucht.

Um noch einmal auf meine anfängliche These zurückzukommen, dass die Filterblase so ausgeprägt ist, erlaube ich mir einen letzten Hinweis: Das Buch ist neutral geschrieben, es wird keines der häufig anzutreffenden Gut-Böse- oder Rechts-Links-Schemen bevorzugt. Weil aber die Leserschaft (und, wie ich hinzufügen möchte, auch ein großer Teil der medialen Welt der Schreiberlinge) bereits sehr stark in vorhandene Geleise eingefahren ist, darf das dann doch nicht verwundern. Es behält im vorliegenden Buch niemand seine weiße Weste; es wird aber auch kein Bashing betrieben, was heute eher selten anzutreffen ist.

Fazit:

Ein gut recherchiertes Buch, das viele Ereignisse und Verknüpfungen von Personen und Ereignissen in der deutschen Flüchtlingspolitik aufzeigt und erklärt. Es ist verständlich geschrieben und spannend aufbereitet. Der Titel ist allerdings unpassend und reißerisch gewählt; außerdem würde sich der Leser noch mehr Einblick in die Ereignisse wünschen, die sich tatsächlich hinter den Kulissen abgespielt haben und bisher noch nicht öffentlich zugänglich waren. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: 1968 – Der lange Protest

Vinen, Richard, 1968: Der lange Protest, Piper Verlag GmbH München, 2018, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich im Kindle-Format lesen durfte.

50 Jahre nach 1968 blickt Richard Vinen auf die Zeit um 1968 zurück. Der Autor ist ein britischer Historiker, der am King’s College in London unterrichtet. Wenn er von ’68 spricht, dann ist da ein ganzes – ja, gar ein langes – Jahrzehnt gemeint: Mitte 60er bis Ende der 70er-Jahre geht sein ’68. Richard Vinen versucht, eine internationale Geschichte der 68er-Bewegung zu schreiben, indem er auf verschiedene Länder blickt und dort jeweils die wichtigsten Vorkommnisse dieser Zeit beschreibt.

Doch wie lässt sich 1968 definieren? Am Ende eines langen ersten Kapitels über die inneren Widersprüche der Bewegung fasst Vinen zusammen: „Das Phänomen bestand aus mehreren Komponenten: einmal dem Generationenaufstand der Jungen gegen die Alten, dann dem politischen Aufstand gegen Militarismus, Kapitalismus und die Übermacht der USA und schließlich noch einem kulturellen Aufstand, der sich in der Rockmusik und dem dazugehörigen Lebensstil manifestierte.“ (Pos. 388) Es wird schnell klar, dass die Definition entweder noch stärker eingegrenzt werden müsste oder sonst praktisch alles in dieser Zeit umfassen könnte. Es werden konservative Kräfte erwähnt und ebenso als 68 betitelt wie deren revolutionäre Gegner. In einem gewissen Sinne muss Vinen dies tun, da er seine These untermauern will, dass 68 ein weltweites Phänomen ist.

Wenn man dieser These folgt, so macht er einen sehr guten Job und klärt den Leser über die internationalen Beziehungen der Bewegung auf. Allerdings schafft er es meiner Ansicht nach nicht, diese These ausreichend zu begründen, sodass jemand, der die Bewegung als zeitlich und räumlich begrenzter betrachtet, vermutlich nicht überzeugt würde. Doch da es gut möglich ist, dass der Autor dies auch gar nicht erst beabsichtigte, lässt sich dieser Punkt größtenteils vernachlässigen.

Da ich das Buch auf deutsch las und keine Möglichkeit hatte, das englische Original einzusehen, kann ich hier auch nur auf die Übersetzung eingehen. Es finden sich öfters ziemlich lange Sätze mit mehrfacher Verneinung und zahlreichen Nebensätzen, die es dem Leser schwer machen, dem Gedankengang zu folgen. Ich bin mir da schon eine Menge gewohnt, aber ich vermute, dass es gerade für Menschen, die nicht ganz so viel und in die Breite lesen, ziemlich herausfordernd ist.

Gut gefallen hat mir, wie differenziert der Autor mit der Bewegung umgeht. Anders als man sich das sonst gewohnt ist, gibt es keine Heldenverehrung, sondern nüchterne Berichte, die auch vor den dunklen Kapiteln der Zeit nicht halt machen. Interessant, da mir das neu war, fand ich etwa den Vergleich von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Vinen berichtet außerdem, dass Dutschke öffentlich und privat sehr gegensätzlich wahrgenommen wurde. Auch das Verhältnis Dutschkes zur Gewalt wird nicht verschwiegen: „1977 verurteilte Dutschke den Terrorismus einiger ehemaliger Mitstreiter, er rief auch nie zu Aktionen gegen Menschen auf; im Gegensatz zu Aktionen gegen Sachen. Doch allein Dutschkes intensive Art konnte wie ein Aufruf zu Gewalt wirken, unabhängig von den Worten, die er verwendete. Außerdem wirkten seine Äußerungen Ende der 1960er-Jahre oft doppeldeutig.“ (Pos. 3212)

Alles in allem ist es ein spannendes Buch, das die Hintergründe der 68er-Bewegung bis hin zum Linksterrorismus in den westlichen Ländern aufklärt und eine interessante These vertritt, die man allerdings noch besser begründen sollte. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: Wir sind dran

Wir sind dran Club of Rome Der grosse Bericht von Ernst Ulrich Weizsaecker

Von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Wijkman, Anders, et al., Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe mich sehr lange damit schwer getan, dieses Buch zu rezensieren. Das Buch war ungefähr das, was ich erwartet hatte, und doch war ich enttäuscht. Vielleicht war ich auch vor allem deshalb enttäuscht, weil es so war, wie ich es erwartet hatte. Doch dazu später mehr.

Wir sind dran“ ist der neuste Bericht des Club of Rome, welcher 1972 mit seinem ersten Bericht „Grenzen des Wachstums“ über Nacht bekannt geworden war. Wie wir heute wissen, ist vieles sehr anders gekommen, wie es damals prognostiziert wurde. In vielen Bereichen hat das Wachstum rasant zugenommen, anstatt an seine Grenzen zu stoßen. Es ist nur natürlich, dass man sich in der Wissenschaft immer wieder irrt, und daran kann niemand etwas aussetzen. Es darf auch kein hämisches Grinsen über solche Irrtümer geben. Aber dann würde ich erwarten, dass diese dann auch zugegeben und korrigiert werden, statt – wie hier in manchen Fällen geschehen – sie noch zu verstärken.

Nun gut, auch damit kann ich leben. Es macht mich einfach noch aufmerksamer für den weiteren Inhalt des Buches. Und der bleibt leider sehr dürftig. Es bleibt bei vielen „muss sich ändern“ oder „muss geändert werden“, aber all das bleibt sehr unkonkret. Der Bericht versucht, einen unverständlichen Optimismus zu schüren, der aus dem Pessimismus geboren wird. Die Botschaft ist: Eigentlich deuten alle Daten auf einen totalen Kollaps hin, aber irgendwie – fast wie durch Zauberhand – schaffen wir das dann doch noch. Wir müssen es nur wollen. Doch wie genau man das anpacken sollte, das weiß niemand.

So, das klingt jetzt sehr pessimistisch. Eigentlich ist das Buch sehr spannend zu lesen, es enthält viele Daten und viele gute Gedanken, die es wert sind, dass weiter darüber nachgedacht wird. Und wenn das der einzige Grund für den Bericht wäre, dann müsste man das Buch in den höchsten Tönen loben, denn diese Aufgabe übernimmt es wirklich echt gut. Da sind zahlreiche ernsthafte Forscher am Werk, die mit Computersimulationen und neusten Daten arbeiten und versuchen, sich die Zukunft vorzustellen. Das macht das Buch sehr interessant, und ist deshalb auch zu empfehlen.

Doch offensichtlich verfolgt der Club of Rome noch ein weiteres Ziel – eine politische Agenda, mit welcher unser Leben radikal verändert werden soll. Es geht – und hier wird die Katze erst gegen Ende des Buches aus dem Sack gelassen, wenn der Leser schon beinahe an den Zukunftsszenarien verzweifeln könnte – um globale Regeln. Etwas klarer wird es auf S. 357, wo die Rede von einer „Kohabitationsbasierten globalen Governance“ ist. Der Pseudo-Fachterminus klingt harmlos, vielleicht sogar schön. Doch auch die nachgeschobene Verneinung kann diesen Umstand nicht verdecken. Auf derselben Seite schreiben die Autoren nämlich: „Das COHAB-Modell erfordert ganz bewusst keine globale Regierung.“ Doch davor wird schon erklärt: „Das COHAB-Modell ist natürlich ein Traum.“ Es geht also doch darum, dass nach dem starken Mann gerufen wird, der starke Regeln aufstellen und durchsetzen kann. Und genau hier setzt meine stärkste Kritik an: Das Ganze ist bewusst oder unbewusst antidemokratisch. Der einzelne Bürger der Staaten dieser Welt soll nicht mitreden können, stattdessen soll über seinem Kopf hinweg eine ganze Menge alternativloser Dinge entschieden werden, die vermutlich dann doch zu einem Kollaps führen würden; zumindest wenn man den Daten des Buches glauben soll.

Ein letzter Punkt, der mir fehlt, ist eine Gesamtanalyse der einzelnen Bereiche, ich möchte von einem Gesamtszenario sprechen, das die zahlreichen Bereiche des Buches unter einen Hut zu bringen versucht und sich dann überlegt, wohin wir steuern. Es werden nämlich so viele einzelne Bereiche angesprochen, und jeder Bereich ist von so vielen möglichen Stellschrauben und Alternativen abhängig, dass man leicht den Überblick verliert.

Fazit:

Ein spannend geschriebenes Buch, das viele gute und nachdenkenswerte Analysen und Daten enthält, dem aber ein Gesamtüberblick fehlt und der letzten Endes wohl auch Wasser auf den Mühlen der Antidemokraten rechter und linker Populismen ist, welche nach dem starken Mann rufen, der unsere Welt aus dem Dreck ziehen soll. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

Buchtipp: Hört endlich zu!

Richter, Frank, Hört endlich zu!, Ullstein Buchverlage Berlin, 1. Aufl. März 2018, 96 S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Ich habe es in der Kindle-Version gelesen.

Ein Theologe schreibt eine Streitschrift für ein Mehr an Demokratie, an Diskussion und an gegenseitigem Zuhören. Frank Richter ist ein katholischer Theologe, der bereits in der Zeit vor der Wende Bekanntheit erlangte, als er sich an den Protesten beteiligte und einen Anstoß zur Diskussion statt blinder Polizeigewalt gegen die Demonstranten gab. Er war 2009 – 2017 Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und hat auch sonst schon eine Menge Diskussionen geleitet, die den Anhängern verschiedener Sichtweisen half, miteinander an einen runden Tisch zu sitzen und zuzuhören, bzw. zu reden.

Die Hauptthese ist dann entsprechend auch, dass man miteinander reden müsse, um gemeinsam Demokratie zu wagen. Er appelliert besonders an jene, die vor dem Rechtsrutsch Angst haben, die andere Seite mal anzuhören: „’Deutschland geht es gut’ – diese im Bundestagswahlkampf 2017 von den Regierungsparteien bis zum Überdruss beanspruchte Behauptung klingt in den Ohren von überlasteten Hausärzten und Pflegekräften wie blanker Zynismus. Wie mag sie in den Ohren der ungezählten vernachlässigten und unterversorgten pflegebedürftigen Alten klingen?“ (Pos. 69ff)

Interessant fand ich die Ausführungen Richters zur Wende, die er unter dem Titel „Das Verhängnis einer unvollendeten Revolution“ ausführt. So erklärt er – nachdem er mit „Einerseits“ aufzeigt, dass in der DDR eine echte Revolution von innen heraus begonnen hat – dann auch: „Andererseits blieb die Revolution unvollendet. Eine innere, tief greifende, umfassende und nachhaltige Demokratisierung der Gesellschaft der DDR aus eigener Kraft, wie sie nach Jahrzehnten totalitärer und autoritärer Herrschaft notwendig gewesen wäre, unterblieb.“ (Pos. 412f) und etwas später: „Unter dem offiziell sauberen Deckmantel des sich als antifaschistisch deklarierenden Staates – die Abkehr vom ‘Hitlerfaschismus’ gehörte zum Gründungsmythos der DDR – konnte nationalistisches, rassistisches und faschistisches Gedankengut durchaus weiter existieren.“ (Pos. 542f)

Ein späteres Kapitel ist ebenso interessant: „Das Verhängnis einer visionslosen Politik: schwarze Null und schwarze Löcher“. Was fehlt – so Richter – sei eine Vision, und damit die Motivation für den Einzelnen, sich in der Gesellschaft einzubringen. Er wünscht sich mehr Durchlässigkeit für Quereinsteiger oder Menschen, die häufig umziehen müssen, auch in den Parteien und bei den politischen Ämtern, damit die geballte Kreativität an die Oberfläche treten kann und man gemeinsam gute Lösungen für die Zukunft findet.

Hört endlich zu“ ist ein Buch, das man schnell gelesen hat, und das durchaus einiges mitgibt, worüber es sich lohnt, nachzudenken. Das dünne Booklet ist in weniger als zwei Stunden gelesen. Bei mir hat es einen inneren Zwiespalt hinterlassen, und zwar zwischen Form und Inhalt. Es ist ein Buch, das motivieren möchte, das die Visionslosigkeit an den Pranger stellt – doch es ist ist in sich selbst enorm unkonkret und bleibt irgendwo im Nebel hängen. Ich war manchmal an die Aussage von Paulus erinnert, dass eine Posaune, die einen unklaren Ton von sich gibt, niemanden dazu bringen kann, sich zum Kampf zu rüsten. Richter prangert den oberlehrerhaften Ton mancher Politiker und Amtsinhaber an – und verfällt leider selbst auch immer mal wieder in diesen Ton. Da ist dieser Widerspruch im Buch, den ich einfach nicht auflösen kann. Oder auch der Aufruf, dass sich Demokraten aller Lager zusammentun und gegen die kämpfen sollen, welche Verfassungsfeinde sind, da fehlt die klare definitorische Abgrenzung zwischen diesen beiden gegensätzlichen Teilen der Gesellschaft, sodass sich am Ende jeder im Lager der Demokraten finden kann. Wer alle anspricht, spricht niemanden an. Möglicherweise ist dies aber auch der Kürze des Buches geschuldet.

Fazit: Ich möchte das Buch grundsätzlich empfehlen, weil es viele gute Gedanken enthält. Doch gibt es insgesamt einige Dinge, die mir negativ aufgefallen sind. Lasst uns das Buch lesen, alles prüfen, darüber reden, einander zuhören und das Gute behalten. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: So macht Kommunismus Spaß!

So macht Kommunismus Spass von Bettina Roehl

Röhl, Bettina, So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret, Wilhelm Heyne Verlag München, Taschenbuchausgabe von 2018, 752 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Wow, das muss man erst mal schaffen. Über 750 Seiten Spannung pur. Das Leben kann mal wieder die spannendsten Geschichten schreiben. Erst recht, wenn sich jemand findet, der sie auch so interessant nacherzählen kann. Doch was ist das eigentlich für ein Buch? Ist es eine Doppelbiographie der Eltern der Autorin? Ist es ein Geschichtswerk? Ist es ein Sachbuch zur Zeit vor den 68ern? Ich würde es vielleicht eher noch als Autobiographie mit Erweiterungen bezeichnen. Die Autorin beginnt mit sich selbst und beschreibt im Grunde genommen die Geschichte ihrer Suche nach sich selbst, indem sie sich mit ihren Eltern beschäftigt, ihren Vater interviewt und mit vielen Bekannten der beiden Protagonisten spricht. Und hier müsste ich vielleicht etwas kritischer sein, denn ich finde den Titel des Buches nicht passend. Im Mittelpunkt steht eigentlich weder der Kommunismus (obwohl dieser ganz klar eine wichtige Rolle spielt), noch die Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl, sondern sie selbst, die Autorin, Bettina Röhl. Zwar versteht sie es immer wieder über Seiten hinweg den Eindruck zu erwecken, es gehe ihr vor allem um die beiden, und doch kommt sie immer wieder auf sich selbst, ihre Gespräche, ihr eigenes Erleben zu sprechen. Und das ist natürlich legitim, absolut gerechtfertigt, wäre da nicht dieser Anspruch, ein Buch vor allem über „die Anderen“ geschrieben zu haben. Insofern hätte ich dem Buch einen Titel gewünscht, der dies deutlicher zum Ausdruck gebracht hätte.

Wie lebt es sich eigentlich als Journalistin und Tochter eines der Schlüsselpaare der frühen 68er-Bewegung? Ulrike Meinhof war ganz besonders durch ihre terroristische Untergrundtätigkeit in der RAF bekannt geworden. Davor war sie Journalistin und einige Zeit lang auch Chefredakteurin der kommunistischen Zeitschrift „konkret“. Zusammen mit ihrem früheren Mann Klaus Rainer Röhl leitete sie das Blatt, welches zunächst noch durch die DDR finanziert wurde. Nach einem Bruch mit Ostberlin kam es zu einem noch größeren Durchbruch im Westen, der sich in einer ziemlich hohen Auflage niederschlug. Dies führte zu einer speziellen Situation, denn die anti-bürgerlichen Kommunisten und Mitglieder der zeitweise illegalen KPD waren plötzlich im bürgerlichen Establishment angekommen. Teure Kleider und Parties, ein eigenes Einfamilienhaus in einer Gegend der innerlich zutiefst verachteten Bourgeoisie, ein Leben im Konflikt mit sich selbst, all das veränderte auch Ulrike Meinhof. Und dann der Bruch mit ihrem Ehemann Klaus Rainer Röhl, der sich im Zeitalter der sexuellen Revolution und der offen propagierten „freien Liebe“ und „offenen Ehe“ neu verliebte und vor ihr – seiner Ehefrau Ulrike – eng umschlungen mit seiner neuen Flamme tanzte, all das hat dazu beigetragen, dass aus ihr die spätere Ulrike Meinhof wurde, die in den kommunistischen Untergrund ging und als RAF-Terroristin Bekanntheit erlangte.

Bettina Röhl zeichnet ein sehr differenziertes und faires Bild ihrer Eltern. Sie arbeitet sich nicht einfach nur an ihnen ab, um sich abzugrenzen, sondern sie versucht zu verstehen und geht mit viel Geduld den zahlreichen Kontakten und dem Gespräch mit ihrem Vater nach. Zugleich scheut sie sich nicht davor, die Dinge beim Namen zu nennen und sie auch zu kritisieren, wo dies angebracht ist. Es ist ein Buch, das mir als Leser nahe gegangen ist, weil man der Autorin ihre Nähe zu den beschriebenen Personen sehr deutlich anmerkt. Immer wieder wird die professionelle Distanz verlassen, wenn sie zwischen „Klaus Rainer Röhl“ und „mein Vater“ wechselt. Das macht es gerade so speziell und ist selten anzutreffen. Wer sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinandersetzen möchte und zugleich auch was fürs eigene Leben dazulernen will, ist mit diesem Buch bestens bedient.

Fazit: Ein sehr spannendes – und in Anbetracht der neusten Geschichte auch wiederum sehr aktuelles – Buch, das ich jedem interessierten Leser, der nicht vor 750 Seiten zurückschreckt, gerne weiterempfehlen möchte. Ich gebe dem Buch fünf von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Mit Rechten reden

Leo, Per, Steinbeis, Maximilian, Zorn, Daniel-Pascal, Mit Rechten reden, Klett-Cotta Verlag, 2017, 183S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich als Kindle-Datei erhalten habe.

Hier haben wir ein Buch, das ich jedem Lehrer empfehlen möchte, in seiner Schulklasse ab der Oberstufe zu lesen und gründlich zu besprechen. „Mit Rechten reden“ ist ein Buch, das sich für eine Erneuerung der Diskussionskultur einsetzt. Der Titel ist reißerisch, aber es geht grundsätzlich um viel mehr als nur um den Dialog zwischen Rechten und anderen, und darüber werde ich weiter unten noch etwas mehr ausführen.

Eins vorweg: Ich habe mit dem Buch hauptsächlich eineinhalb Probleme. Das erste Problem ist aber zugleich eine der Stärken des Buches, es macht das Buch erst zu einem Ratgeber für jede einzelne Diskussion zwischen wem auch immer. Das erste Problem ist, dass die Autoren „rechts“ nicht über Inhalte definieren, sondern über Denkweisen und vielleicht noch etwas mehr über Sprechweisen: „Nennen wir es ein Wortspiel. Im Sinne dieses Begriffs wollen wir als ‘rechts’ nicht in erster Linie bestimmte Inhalte bezeichnen, sondern eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden.“ (Pos. 267) Das Problem dieser Definition ist, dass sie sehr allgemein gehalten ist, und das führt zu ihrer Stärke, weil sie sich so auf jede Diskussion bezieht. Das zweite Problem ist damit eng verknüpft: Es finden sich in praktisch allen Ideologien und Gesinnungen entlang des politischen Spektrums Menschen, die so als „Rechte“ definiert werden. Das macht die Definition für den Alltag enorm unbrauchbar, hilft aber auch hier wieder sehr, die Hinweise des Buchs auf praktisch jede mögliche Situation einer Diskussion anzuwenden.

Die in der Mitte des Buches eingeflochtene Geschichte vom Theater hat mich amüsiert. Sie ist sehr treffend geschrieben, vermutlich vollständig frei erfunden, aber mit sehr vielen Punkten, die echt treffend sind. Und damit komme ich zum allerbesten Teil des Buches – die Sache mit dem Kreis. Das hat mich an einen uralten Spruch erinnert, den ich mir schon in der Kindheit eingeprägt habe: „Manche Menschen haben einen Horizont mit einem Radius von 0 und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“ Die Sache mit dem Kreis ist echt enorm wertvoll. In vielen Diskussionen kommt man immer wieder an einen Punkt, an welchem manchen Menschen die Argumente ausgehen, und dann springen sie einfach auf einen anderen Punkt auf diesem „Kreis“. Ein Punkt auf dem Kreis steht für Behauptung und ein anderer für Zweifel, einer für Patt (Gleichstand: „Ihr denkt das, und wir was ganz anderes; jedem das Seine“) und einer für die „Kaserne“ (Monolog-Punkt, wo es nur noch um die Sinnlosigkeit dieser ganzen Debatten geht). Diese bildliche Beschreibung des Kreises ist enorm gut gelungen. Allein dieses Kapitel vom Kreis ist es schon wert, das ganze Buch zu lesen.

Ich möchte das Buch auch uns Christen im besonderen „verschreiben“ oder zumindest jedenfalls empfehlen. Hier sehe ich eine ganze Menge an Diskussion und Debatten, die genau auf diesem Kreis im Sand verlaufen. Ich sehe auch eine Menge Vogel Sträuße, die den Kopf in den Sand stecken und nur noch sehen wollen, wie dunkel es da unten ist, frei nach dem Motto: „Früher war alles besser!“ Was wir brauchen, ist eine gesunde und vernünftige Debattenkultur, die Gegenwind aushält, indem sie ihr Fundament dort festigt, wo es tatsächlich fest und zuverlässig ist. Als Christen sind wir weder „Rechte“ noch „Linke“, sondern Nachfolger Jesu Christi, die sich durch den Heiligen Geist umwandeln lassen und zulassen können, dass ihr ganzes Denken, Fühlen, Wollen, Handeln und Reden von Jesus Christus geprägt wird. Wir müssen nicht in den Strukturen dieser Welt denken, denn siehe, ER hat die Welt überwunden. Wir sind frei, das Richtige zu tun, das, was im jeweiligen Moment gerade dran ist. Und hier braucht es viel Weisheit.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch, das sich für jede Art von Diskussion eignet und das wir alle noch mehr beherzigen sollen, mich inklusive. Ich gebe dem Buch fünf von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Bismarck. Sturm über Europa

Engelberg, Ernst, Engelberg, Achim, Bismarck. Sturm über Europa, Pantheon-Verlag, 2017, Verlagslink / Amazon-Link

Vielen Dank an den Pantheon-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Geschichte kann so spannend sein! Gerade dann, wenn das Leben eines Autors mit dem von ihm Geschriebenen verknüpft ist. Der Großvater von Ernst Engelberg hatte die Revolution von 1848 miterlebt und in deren Zuge das adlige „von“ abgelegt. Der Vater hatte 1898 den SPD-Ortsverein von Haslach im Kinzigtal ins Leben gerufen. Engelberg selbst gehörte der KPD an, lebte während des Dritten Reichs im Exil und lehrte später in der DDR, wo er Mitglied der SED und nach dem Mauerfall der PDS war. Von der Biographie Bismarcks erschien 1985 der erste von den zwei Bänden – und zwar als eines der ganz wenigen Bücher zeitgleich im Osten und im Westen des damals noch geteilten Deutschlands. Der Sohn, Achim Engelberg, hat nach dem Tod seines Vaters dessen Archive übernommen und eine gekürzte einbändige Fassung der Biographie für die Veröffentlichung vorbereitet. Vier Generationen in einer solchen Verbundenheit, da ist das Ergebnis sehr interessant.

Engelberg beschreibt das Leben Ottos von Bismarck sehr lebendig und farbenfroh. Der Leser meint immer wieder, selbst mitten im Geschehen zu stehen, die Fragen beantworten zu müssen, denen sich der erste Reichskanzler stellen muss. Es ist in erzählerischer Sicht ein wahrer Genuss, dieses ausführliche und doch so kompakte Buch zu lesen. Engelberg erzählt von der Familie, in welche Bismarck hineingeboren wurde; es war eine Familie von Gutsbesitzern, Landjunkern und Beamten in Pommern. Nach einer Kindheit auf dem Lande besuchte er das Gymnasium in Berlin, wo er in der Stadtwohnung seiner Familie lebte. Dort war jeweils für den Winter und das Frühjahr auch „Onkel Fritz“ zu Hause, der immer wieder hochgestellte Persönlichkeiten zu Besuch hatte. Nach einem Studium und Referendariat kehrte Bismarck zurück ins Pommersche, wo er mithalf, den elterlichen Kniephof zu modernisieren. Dort machte er nun auch vermehrt die Bekanntschaft mit den Vertretern der Pommerschen Erweckungsbewegung um Adolf von Thadden-Trieglaff, der wiederum die Berliner Brüder Ludwig und Leopold von Gerlach beeinflusste, und letztlich war es Ludwig von Gerlach, der Bismarck in die Politik zu bringen vermochte.

An der Stelle muss ich Engelberg ein großes Lob aussprechen. Es ist ihm gelungen, eine Biographie zu schreiben, welche die damalige geistliche Entwicklung der Regionen Pommern und Berlin ernst nimmt. Das findet man selten – und das gerade von einem ziemlich links orientierten Historiker. Und doch schafft er es, die Ansichten der Hochkonservativen ernst zu nehmen und zu würdigen. Davon dürfte es ruhig mehr geben. Das habe ich richtig genießen können beim Lesen. Auch dass Engelberg diese so oft stiefmütterlich behandelten pietistischen Erweckungskreise wieder zur Sprache bringt, rechne ich ihm hoch an. Zuweilen gibt es aber auch leichte Spitzen seinerseits gegen manche der Sichtweisen der Pietisten, wie etwa hier: „Die Abwendung von der Aufklärung drückte sich bei den Neupietisten manchmal recht drastisch aus, so wenn Gustav von Below einmal schrieb, man müsse den ‘gewaltigen Teufel von geistiger Verstandeshoffart’ bekämpfen.“ (S. 78)

Wie schätzte Engelberg den Glauben Bismarcks ein? Auch hierzu ein kurzes Zitat aus dem Buch: „Sein Verhältnis zu Gott ist von Anfang an eigenständig, aktiv und jeder Form passiver Gottergebenheit geradezu feind. Dem Bruder gegenüber sagte er es am 31. Januar 1847, als er über sein Verhältnis zu Johanna schrieb, am deutlichsten: ‘In Glaubenssachen gehen wir, mehr zu ihrem als zu meinem Leidwesen, etwas auseinander, wenn auch nicht so sehr als Du meinesteils glauben magst, denn mancherlei innre und äußre Ereignisse haben in letzter Zeit Veränderungen in mir hervorgebracht, durch die ich mich, was früher, wie Du weißt, nicht der Fall war, berechtigt halte, mich den Bekennern der christlichen Religion beizuzählen.’“ (S. 114) Man mag darüber nun selbst denken wie man mag, aber ich schätze an dieser Biographie die Offenheit, mit welcher sich der Autor diesen Dingen widmet.

Bismarck erlebte die Revolution von 1848, ja, er erlebte sie nicht nur, sondern beteiligte sich im Lager der Konservativen an ihr, das heißt, er wandte sich gegen das Revolutionäre an ihr und für die bisherige Machtverteilung. Schließlich war er ein Preuße von ganzem Herzen, und so setzte er sich für dieses sein altbekanntes Preußen ein. Mit den Gebrüdern von Gerlach besprach er sich des Öfteren, und machte durchaus auch mal Geschäfte hinter dem Rücken des Königs Friedrich Wilhelm IV, da auf diesen zuweilen kein Verlass war. Wie es wohl nicht anders geht, nimmt auch der Erfolg Bismarcks mit den Gesetzen zur Unfall- und Krankenversicherung der Arbeiter ein Kapitel bei Engelberg ein. Schließlich konnten so die Sozialdemokraten, aus welchen seine Familie stammt, Punkte sammeln.

Man merkt an vielen Stellen dem Autor seine politische Herkunft an, was allerdings in Ordnung ist. Schließlich lässt er auch die andere Seite zu Wort kommen. So entsteht ein rundes Ganzes, ein Buch, das man gerne liest, und eine Schilderung, die den Leser in die Zeit hinein nimmt, in welcher sie spielt. Wer sich für die Person Ottos von Bismarck interessiert, dem empfehle ich diese Biographie sehr. Mir hat auch das Nachwort gefallen, in welchem die Herkunft des Autors sowie die Entstehungsgeschichte der Biographie noch näher erläutert wird.

Ich gebe dem Buch deshalb fünf von fünf Sternen.

Wählen – ja, aber wie?

Die Bundestagswahlen stehen vor der Türe. So manch einer überlegt sich noch, wo die Kreuze hin sollen. Ich stelle hier ein paar mögliche Strategien vor, wie man dabei vorgehen kann.
1. Traditionswahl
Wer sagen kann: Ich hab schon immer diese Partei gewählt, sie macht das gut, und ich möchte, dass es so weitergeht, hat allen Grund, dankbar zu sein. Eine gut begründete Traditionswahl ist eine sehr gute Sache.
2. Parteienwahl
Wer sich im Voraus schon gründlich mit den verschiedenen Wahl- und Regierungsprogrammen beschäftigt hat, kann hier punkten – vielleicht wurde die eine Partei gefunden, welche eine große Übereinstimmung mit den eigenen Positionen erzielte. Es ist allerdings eine ziemlich große Herausforderung für Otto-Normalbürger, sich die mehreren tausend Seiten an Programmen zu Gemüte zu führen. Damit sollte man ein halbes Jahr vor dem Wahltag angefangen haben. Selbst ich als Vielleser habe mir manche Programme nur überfliegend „angetan“.
3. Personenwahl
Besonders schön ist es, wenn man bestimmte auf den Listen aufgestellte Personen auch persönlich kennt und weiß, dass auf sie Verlass ist. Das sind besonders wertvolle Hilfen, weil man dann weiß, worauf man sich einlässt, wenn die besagte Person tatsächlich nach Berlin geschickt wird.
4. Themenwahl
Eine weitere Möglichkeit besteht auch darin, sich zu fragen: Welches Thema ist mir gerade besonders wichtig? Dann kann man jene Partei wählen, welche dieses eine Thema so vertritt, wie man es gerne hätte – im Wissen, dass man dabei gleichzeitig bei anderen Themen Abstriche wird machen müssen. Politik besteht immer aus Kompromissen, weil sie von Menschen gemacht wird, und Menschen bekanntlich subjektive Wesen sind.
5. Protestwahl
Sodann gibt es die Möglichkeit, die großen Parteien bewusst „abzustrafen“, indem man eine kleine Partei wählt, von der man sicher weiß, dass sie nicht genügend Stimmen bekommt, um die 5%-Hürde zu überwinden. Es wurden zu diesem Zweck schon „Spaßparteien“ gegründet, damit Protestwähler diese wählen können. Allerdings ist auch das mit einem gewissen Risiko verbunden, denn falls zu viele Wähler eine solche Protestpartei wählen, kann es zu unvorhersehbaren Veränderungen in der gesamten Parteienlandschaft kommen. Nicht immer jene, die man will.
6. Unterstützungswahl
Es gibt natürlich noch einen anderen guten Grund, um kleine Parteien zu wählen, nämlich den, dass man diese Partei bewusst unterstützen möchte. Selbst wenn die Parteien dann keine Sitze im Bundestag bekommen, werden sie durch jede weitere Stimme ermutigt, mit ihrer Arbeit fortzufahren.
7. Fragenwahl
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen „Wahl-O-Mat“bereitgestellt, bei welchem der User eine Anzahl von Fragen beantworten kann, und sich dann ausrechnen lässt, mit welchen Parteien man in diesen Fragen zu wieviel Prozent übereinstimmt. Das ist eine wertvolle Sache, um sich in die Materie hineinzufinden. Allerdings ist das Ergebnis immer mit Vorsicht zu genießen, da es auf genau diese Fragen beschränkt ist. Ich bin dieses Jahr sowohl mit der Formulierung als auch der Auswahl der Fragen nicht so sehr zufrieden, aber es ist gut, wenn man sich das mal anschaut.
Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen hat außerdem eine Reihe von „Wahlprüfsteinen“vorgelegt. Dies ist eine Reihe von Fragen, welche die VEF an die Parteien zukommen ließ, welche sich nach heutiger Umfragenlage vermutlich durchsetzen werden.
8. Strategische Wahl
Mit dem Begriff der strategischen Wahl meine ich, dass man sich zuerst einen „best case“ und einen Wurst-Käse oder besser gesagt „worst case“ überlegt, mit Hilfe der Ergebnisse von Umfragen und zusätzlichen Infos versucht, mit seiner Stimme am meisten zu erreichen.
Und dann kann man natürlich anfangen, diese Strategien bunt zu mischen, ganz nach Belieben. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, es sei denn, man meint damit den zum Wahllokal. Nicht zu wählen bedeutet immer, zu wählen, was man nicht will.

Was sind „Gated Communities“?

Als Gated Communities bezeichnet man schon länger Wohnkomplexe oder -gebiete, die in sich geschlossen sind. Der Begriff bedeutet übersetzt so etwas wie „eingezäunte Gemeinschaften“. Dabei spielt es keine Rolle, worin der Zaun besteht. Manchmal werden solche Wohnkomplexe durch Security überwacht, aber in den allermeisten Fällen ergibt sich der Zaun von selbst. Im Ostberlin der DDR war das Wohngebiet der Funktionäre der DDR ein solches abgeriegeltes Wohngebiet. Wer drin war, kam nicht raus, und wer draußen war, kam nicht rein. Außer man wurde zum Funktionär ernannt. Schulen, Einkaufszentren, alles Notwendige war in diesem Gebiet.
Ein anderer Zaun kann zum Beispiel auch das Einkommen, die politische Einstellung oder die Hautfarbe sein. Wer gerne Filme schaut, dem wird bestimmt schon aufgefallen sein, wie diese gepflegten Vorortgebiete der oberen Mittelschicht eine besondere Rolle spielen. Dorthin zu kommen ist der Traum der meisten Amerikaner, denn wer dort ein hübsches Einfamilienhaus beziehen kann, der hat es zu was gebracht. In diesen Filmen wird ganz bewusst mit diesem Traum gespielt. In den Innenstädten gibt es ebenso homogene Straßen und Wohngebiete. Das ganze Leben spielt sich zunehmend in diesen homogenen Kreisen ab. Während ein Land nach außen hin immer vielfältiger aussieht, geschieht innen das Gegenteil: Es entstehen viele homogene Subkulturen, die unter sich bleiben.
Etwas Ähnliches geschieht auch online. Während das Internet zahllose Informationen bereitstellt, die einem ein Fenster zur ganzen Welt bieten könnten, stellt sich heraus, dass das die meisten Menschen überfordert. So viele Menschen, so viele Meinungen, so viele Probleme, die erst durch die Globalisierung sichtbar werden. Der Schutzmechanismus besteht für die meisten Menschen darin, sich in „Gated Communities“ zu verschanzen. Wenn man von den Kulturen überfordert ist, die man antrifft, dann zieht man sich lieber in die wohlige, homogene Subkultur zurück. In den sozialen Medien, die durchaus asozial werden können, sucht man sich den Freundes- oder Bekanntenkreis nach Kriterien der Gemeinsamkeit aus. Wenn man alle Fans von Sahra Wagenknecht und Frauke Petry, Claudia Roth oder Horst Seehofer aus der Freundesliste gekickt hat, dann lebt es sich sehr wohlig in der eingezäunten Blase der eigenen Selbstgenügsamkeit.
Das Problem dabei ist das: Wenn man immer nur von Menschen umgeben ist, welche die eigene Meinung bestätigen, geschieht in diesen eingezäunten Kreisen automatisch eine Radikalisierung. Für andere Sichtweisen ist man nicht mehr offen, da man beständig die Bestätigung der Freunde bekommt. Unbemerkt schleicht sich in diese Kreise eine stetige Radikalisierung ein, eine Spirale, die immerzu weiter in diese Radikalisierung und Blindheit für alles andere führt. Der Hass auf die andersdenkenden Menschen wächst. Man mag nur noch die lauten Schreier; wer die anderen nicht mit möglichst großer Häme oder Hass überhäuft, von dem lassen wir uns nichts sagen. So konnte sich der frisch gewählte US-Präsident profilieren.
Gestern kam in einem SWR2-Interview der Begriff der Anti-Politik auf. Auch diese Anti-Politik hat eine Menge mit den „Gated Communities“ zu tun. Die Frage ist: Wem vertrauen wir noch? Wer in einer solchen Meinungsblase lebt, vertraut nur noch jenen, welche die eigene Sichtweise bestätigen. Da sich die Politik jedoch von diesen Gated Communities dadurch unterscheidet, dass sie sich ständig mit vielen verschiedenen Meinungen und Wünschen auseinandersetzen muss, und deshalb oft zu differenzierteren Ergebnissen kommt, verliert sie an Vertrauen jener, welche sich in diese eingezäunten Gemeinschaften zurückziehen. Wohin das führen wird, dürfen wir auch hier in Europa bald sehen.