Buchtipp: Zeit der Zauberer

Eilenberger, Wolfram, Zeit der Zauberer, Klett-Cotta, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2018, 432S., Kindle-eBook, Verlagslink, Amazon-Link

Vier Philosophen, zehn Jahre und jede Menge Streit – das könnte leicht zu einem Krimi werden. Besonders dann, wenn sich auch noch einer der Moderatoren der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen darum kümmert, diese Zeit verständlich zu machen. „Zeit der Zauberer“ setzt sich mit der Sprachphilosophie in der Zeit von 1919 – 1929 auseinander. Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Walter Benjamin sind die Protagonisten. Wolfram Eilenberger zieht den Vorhang auf und lässt seine vier Zauberer erscheinen. Bühne frei für ein spannendes Jahrzehnt der deutschsprachigen Philosophie!

Zunächst tritt Ludwig Wittgenstein auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dieser hatte 1911 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Cambridge unter Bertrand Russell studiert, im Krieg in der Gefangenschaft in Italien den „Tractatus logico-philosophicus“ beendet, in welchem er meinte, alle Probleme des Denkens im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Das Problem war nur, dass damals noch kaum einer verstand, was Wittgenstein in seinem Tractatus sagen wollte. Er hatte sein Vermögen der übrigen Verwandtschaft vermacht und die zehn spannenden Jahre als Grundschullehrer in der Provinz zugebracht.

Martin Heidegger hatte in dieser Zeit sein wichtigstes Buch geschrieben: „Sein und Zeit“. Als Höhepunkt seiner Karriere sieht Eilenberger die Rückkehr nach Freiburg, wo er den Lehrstuhl seines Vorgängers Edmund Husserl übernimmt und die „Davoser Hochschulkurse“ mit drei Vorträgen beehren darf. Dort ist ebenfalls der Dritte im Bunde: Ernst Cassirer, mit welchem Heidegger ein Streitgespräch führen sollte. Cassirer war ein origineller Vertreter des Neukantianismus, der in dieser besonderen Dekade seine drei Bände „Philosophie der symbolischen Formen“ zu Papier gebracht hatte.

Martin Heidegger, welcher die Welt von Kant und dessen Dualismus erlösen wollte, trifft auf einen Neukantianer, besser gesagt: Auf den damaligen Neukantianer schlechthin, den Herausgeber der Werke Kants und führenden Kantkenner dieser Zeit. Martin Heidegger ging es um das Ganzheitliche, um das eigentliche Leben, um den Moment, in welchem der Einzelne aufsteht und die Welt auf den Kopf stellt, um Revolution vom uneigentlichen Leben, also vom reinen Existieren des bürgerlichen Lebens zu jenem Umbruch, in welchem der Mensch ganz er selbst ist im praktischen Tun und Handeln. Seine kometenhafte Karriere ist geradezu Sinnbild für seine Philosophie. Dagegen steht Ernst Cassirer für das bürgerliche Leben, den langsamen Aufstieg, bei welchem er durch harte philosophische und schriftstellerische Arbeit Stufe um Stufe erklimmt. So sieht er auch die Kultur als etwas, was sich langsam Schritt für Schritt entwickeln und verändern soll.

Das vierte Kleeblatt ist ein besonderer Fall. Vor diesem Buch wusste ich noch nichts von Walter Benjamin. Die drei übrigen waren mir zumindest in groben Zügen bekannt, doch auch nach dem Buch blieben mir Zweifel, inwiefern Benjamin tatsächlich in den Kreis der drei übrigen gehört. Gewiss, er hatte seinen eigenen eigenständigen und durchaus auch sehr eigenwilligen Beitrag zur Sprachphilosophie geleistet (zumindest für jene, welche ihn und seine Gedanken kennen), doch ob das allein ausreichend ist, um ihn auf jene Ebene zu heben, für welche die drei Übrigen stehen, bleibt fraglich. Auch bei ihm steht das Leben für seine Philosophie, die Zerrissenheit zwischen den Extremen wird für Benjamin zum geradezu Erstrebenswerten der Philosophie.

Das Buch ist spannend geschrieben, enthält jedoch immer wieder Sprünge und Brüche, die sich zwar durchaus philosophisch deuten ließen, den Lesefluss jedoch beeinträchtigen und den Leser verwirren. Die Vergleiche sind interessant, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass immer wieder Dinge vereinfacht werden, damit sie einander noch besser gegenüber gestellt werden können. Die vier Philosophen sind eigentlich so verschieden, dass sie auch mit dem Begriff der Sprachphilosophie nicht auf einen Nenner gebracht werden können – schließlich hätten sie schon Mühe, sich auf eine gemeinsame Definition jener zu einigen. Und das wäre die Grundlage für jeden sinnvollen Vergleich.

Kleine Nebenbemerkung: Ende Februar diesen Jahres hat Eilenberger einen spannenden Essay zum Stand der deutschsprachigen Philosophie in unserer Zeit geschrieben: Wattiertes Denken (Link)

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, besonders wenn man die Protagonisten schon kennt. Leider manchmal zu verallgemeinernd und vereinfachend. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

„Wia soll i schwätza, damit du mi verstanda doasch?“

Vor zwei bzw. 2,5 Jahren wurden mir meine beiden Cochlea-Implantateeingesetzt; davor war ich rund 17 Jahre Hörgeräte-Träger verschiedener Modelle. Immer wieder werde ich gefragt, wie man mit mir reden solle, damit ich möglichst viel verstehen könne. Heute möchte ich ein wenig darüber schreiben, wie es ist, wenn man schlecht hört und viel mitkriegen will.
Schwerhörigkeit ist ein Phänomen, das zunehmend mehr Menschen betrifft, und das hat nicht so viel mit Bevölkerungswachstum zu tun, sondern viel mit Stress, Lärm an immer mehr Arbeitsplätzen, an unvorbildlichem Umgang mit lauter Musik in der Freizeit und manchen anderen Dingen in unserer Zeit. Es hat aber auch damit zu tun, dass es immer bessere Hilfsmittel gibt, die uns helfen. Lange Zeit bedeutete eine Schwerhörigkeit, dass man in der Gesellschaft nichts mehr mitbekam, dass man sich zurückzog, dass man vielleicht auch als wunderlich betrachtet wurde. All das ist eigentlich vorbei.
Wenn ich gefragt werde, wie man reden soll, damit ich viel verstehen könne, dann ist meine Antwort üblicherweise: Einfach normal. So wie immer. Und diese Antwort möchte ich jetzt ausführen. Viele Menschen sind mit der Vorstellung aufgewachsen: Wer schlecht hört, dem muss man alles ganz laut, deutlich und langsam sagen. Meine Antwort: BITTE NICHT SO!!!
Warum nicht? Der erste Grund dafür lautet: Ich möchte deine normale Stimme hören und kennenlernen können. Du wirst mit allergrößter Gewissheit kurze Zeit später in deine „normale Stimme“ zurückfallen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und deine normale Stimme ist richtig gut. Sie gefällt mir, sie zeigt mir einen Teil von dir, sie gehört zu dir. Das möchte ich kennenlernen und nicht jede halbe Minute wieder erinnern müssen: Bitte wieder anders. Du wirst auch nicht jedes Mal wieder die gleiche „andere Stimme“ brauchen, da gibt es immer wieder Änderungen, die mit deiner Gefühlslage und anderem mehr zusammenhängen. Deine normale Stimme ist etwas, woran ich mich gewöhnen kann.
Der zweite Grund lautet: Ich möchte selbst bestimmen können, wie laut ich dich höre. Es mag für Leute, die sich weigern, Hörmittel zu nutzen, eine Hilfe sein, wenn du laut mit ihnen sprichst. Alle, die Hörgeräte oder einen Sprachprozessor am Ohr tragen, haben die Möglichkeit, die Lautstärke selbst einzustellen. Und das ist unsere Verantwortung, es auch zu tun. Jedes Hörgerät hat entweder eine Fernbedienung oder bei älteren Modellen (ich hatte auch schon so eins) ein Rädchen obendrauf, womit man ziemlich gut einstellen kann, wie laut es sein soll. Eine Ausnahme ist das Gespräch im starken Störlärm, das heißt mit Hintergrundgeräuschen. Aber auch da bitte nur dann die Stimme ändern, wenn ich dich darum bitte.
Was kannst du somit tun? Rede einfach normal, wie du es gewohnt bist, mit allen übrigen Menschen zu reden. Ich bin kein Sonderfall. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Habe Geduld mit mir. Anstatt mir jedes Wort S O G A N Z L A U T U N D D E U T L I C H U N D L A N G S A M zu sagen, gehe bitte davon aus, dass ich rund 90% von dem, was du im Gespräch sagst, entweder direkt verstehen oder mir aus dem Zusammenhang heraus zusammenreimen kann. Nutze die damit gesparte Zeit lieber, um mir die restlichen 10%, die ich gar nicht verstehe, nochmal zu wiederholen, oder zur Not auch noch ein zweites Mal. Ich gebe mir im Gegenzug viel Mühe, dir das möglichst einfach zu machen, indem ich entweder das Gehörte zusammenfasse oder konkret Fragen zum nicht Verstandenen stelle.
Gehe aber bitte auch nicht davon aus, dass „der Andere“ jetzt einfach wieder hört, weil er Hörgeräte trägt oder einen Sprachprozessor und ein Implantat hat. Das kann das normale Hören nicht einfach ersetzen. Zuhören und Verstehen ist anstrengend. Immer. Und doch liebe ich es, also bitte nimm einfach auch Rücksicht, wenn ich sage, dass ich eine Pause brauche oder lieber an einen ruhigeren Ort gehen möchte, und hilf mir, den Einstieg ins Gespräch nach einer Pause wieder zu finden, indem du mir kurz zusammenfasst, was zuletzt noch gesagt wurde. Das hilft mir ungemein. Danke!
 

Die Schönheit Gottes – erste Gedanken

In einem früheren Blogpost habe ich uns Evangelikale aufgerufen, eine neue Vision von der Schönheit Gottes zu erhalten. Dort schrieb ich:
Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender Schönheit.Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo, Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll. Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.
Ich möchte hier ein paar Gedanken von Jonathan Edwards zusammentragen und sie für unsere Generation verständlich machen, indem ich ihn nicht wörtlich zitiere, sondern seine Gedanken in eigene Worte fasse und mit Beispielen zu erklären versuche.
Objektive Schönheit?
In unserer Zeit ist es leider auch unter Christen üblich geworden, zu sagen, dass die Schönheit eine Sache des Geschmacks sei. Nun ist es ja tatsächlich so, dass man sich den Geschmack derart verderben und pervertieren kann, dass man Dinge schön finden kann, die es eigentlich nicht sind. Als Christen ist der Fall klar: Die Bibel kennt objektive Schönheit. Zum Beispiel ist die Stiftshütte und all ihre Geräte und Teile in wunderschöner Weise angeordnet und angefertigt. Aber auch die Natur ist voll objektiver, wunderbarer Schönheit. Deshalb die nächste Frage:
Was ist Schönheit?
Jonathan Edwards definierte Schönheit als Harmonie und Einheit verschiedener Dinge. In anderen Worten: Einheit in Vielfalt und Vielfalt in Einheit. Nehmen wir zum Beispiel ein Bild. Ein schönes Bild beinhaltet eine Vielfalt an Farben und Formen; aber es ist nicht die Vielfalt, die Schönheit ausmacht, sondern die Harmonie und Einheit dieser Vielfalt. In einem Kunstmuseum habe ich einmal eine ganze Leinwand gesehen, die in einem einzigen Rotton bemalt wurde. Einem Maler für Wandanstriche hätte das alle Ehre gemacht, aber als Kunst ist es ganz schön fragwürdig. Hingegen ein Bild von einem Sonnenaufgang ist schön, weil es eine Harmonie und Einheit verschiedener Farben und Formen ist.
Gottes Schönheit: Drei in eins
Wenn wir nun weiter auf Jonathan Edwards hören, so ist es Gottes Schönheit, die Gott zu Gott macht. Für ihn sind alle anderen Eigenschaften Gottes aus Seiner Schönheit abgeleitet. Ich möchte darauf ein anderes Mal zurückkommen, was das genau bedeutet. Für heute ist die folgende Aussage wichtig: Gottes Schönheit ist Gottes Einheit in Gottes Vielfalt, nämlich weil Er ein Gott in drei Personen ist: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Drei Personen, die zusammen der eine Gott sind. Das ist geheimnisvoll, und wird es wohl auch noch bleiben, solange wir hier auf dieser Erde leben. Wir werden danach noch die ganze Ewigkeit lang Zeit haben, diese Geheimnisse Gottes zu ergründen.
Die Perfektion der Schönheit: LIEBE
Für Edwards stellt sich die Frage, was die höchste Form der Schönheit ist. Wenn die Schönheit eine Einheit und Harmonie von unterschiedlichen Personen ist, dann ist die Liebe deren höchste Form. Die Liebe ist also die höchste Form der Einheit und Harmonie zwischen Personen. Das wusste bereits David, der diesen Gedanken in einen Psalm goss: Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder in Eintracht beisammen sind!(Ps. 133, 1)
Einheit und Sprache
Ich komme nun auf eine Sache zu sprechen, die Jonathan Edwards noch nicht kannte. Für ihn und seine Zeit war klar, dass die Sprache die Aufgabe hat, Inhalte in einer verständlichen Form zu transportieren. Seit der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts ist dies nun anders. Sprache wird „dekonstruiert“ und „rekonstruiert“. Ich bin auch mit dem Denken aufgewachsen, dass die Sprache ein Mittel sei, um Macht zu bekommen und zu sichern und deshalb die Sprache mit neuem Inhalt gefüllt werden müsse. Das Problem dabei ist, dass man damit keine Einheit schaffen kann. Der falsche Gedanke dahinter ist, dass man alles so formulieren müsse, dass jeder sich der Formulierung anschließen kann. Das führt zu einem nichtssagenden, verwässerten Wörterbrei, der niemals Einheit schaffen kann. Vielmehr führt diese Vorgehensweise längerfristig zu Missverständnissen, weil jeder denken kann, dass sein Verständnis des Textes richtig war. So wird es am Ende mehr Unfrieden geben. Wenn wir tatsächliche Einheit wollen, müssen wir uns über Inhalte unterhalten. Biblische Einheit wird es nur da geben, wo wir uns darüber einig werden, was das Evangelium tatsächlich genau ist (und was nicht). 
Einheit und Vielfalt
Wohin man sieht, wird Einheit und Vielfalt als Gegensatz gesehen. Im dreieinen Gott der Bibel sind diese Gegensätze vereint. Der christliche Glaube ist deshalb die Antwort auf alle dringenden Fragen und Probleme unserer Zeit. Die Moderne hat versucht, alles in eine Einheit zu zwängen und in eine Weltformel zu bringen. Als Antwort darauf schwang das Pendel in die entgegengesetzte Richtung; für einen kurzen Moment war das Denken der sogenannten „Postmoderne“ vorherrschend: Vielfalt ohne Einheit. Bloß kein Metanarrativ. Jede Kultur und jede Gruppe hat in ihrem Kontext ihre eigene Wahrheit. Auch dieses Weltbild konnte sich nicht lange halten. Inzwischen ist mit dem Neuen Atheismus wieder eine neue Bewegung unterwegs, die versucht, auf die dringende Frage nach der Wahrheit eine Antwort zu geben. Deren Antwort: Ohne Religion sei alles besser.
Ein Überblick über die viele der verbreiteten Religionen zeigt, dass auch deren Antworten nicht imstande sind, Einheit und Vielfalt unter einen Hut zu bringen. Im Islam dominiert die Einheit. Allah darf nur einer, nur eine Person sein. Die Ummah, das heißt die weltweite islamische Gesellschaft oder Gemeinschaft, soll immer gleichartiger werden. Unterschiede sind per se schlecht, je ähnlicher die Menschen sich sind, desto besser. Im Fernen Osten ist es gerade umgekehrt. Im Hinduismus und im Buddhismus gibt es so viele Erlösungswege wie es Menschen gibt. Da muss jeder seine eigene Erleuchtung suchen und finden, und zwar auf teilweise ganz gegensätzliche Art und Weise. Das Problem dabei ist nur, dass jeder sehr unter Druck gesetzt ist, diese Erlösung zu finden. Es gibt keine Heilsgewissheit. Niemand kann einem tatsächlich sagen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Das macht die Gesellschaft sehr egoistisch. Jeder sucht nur nach dem Seinen.
Deshalb ist der dreieine Gott der Bibel die Antwort. Hier müssen wir noch eines klarstellen: Die Bibel kennt nicht „die goldene Mitte“, so als ob es um 50% Einheit und 50% Vielfalt geht. Wenn man eine Skala macht, wo auf der einen Seite das Extrem Einheit und auf der anderen Seite das Extrem Vielfalt steht, so ist das Christentum nicht in der Mitte dieser Skala, sondern außerhalb. Es geht Gott nämlich nicht um 50/50 oder so etwas, sondern um 100% Vielfalt und 100% Einheit. Gott hat uns Menschen nach Seinem Bild geschaffen, in all unserer Vielfalt und Einheit, und das dürfen wir feiern.

Was ist der Sinn der Sprache? – Eine Diskussion mit Beile Ratut

Nachdem ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut hiervorgestellt hatte, kam ich mit der Autorin ins Gespräch. Es war ein sehr gutes Gespräch. Damit nicht nur wir davon profitieren können, wollen wir diese hier öffentlich weiterführen.
Jonas Erne
Wir haben erst über den Sinn der Sprache nachgedacht. Sprache ist immer erst einmal Information. Sie trägt natürlich in vielen Fällen auch Emotionen weiter, aber wichtig ist die Information. Was passiert aber, wenn wir anfangen, uns ungenau auszudrücken? Es gibt heutzutage eine Tendenz, sich möglichst so auszudrücken, dass jeder in das Gesagte oder Geschriebene das hineinlesen kann, was ihm behagt. Damit wird es unwichtig, was der Autor im Kopf hatte. Einzig wichtig ist noch, dass jeder das Gelesene mit bestimmten Emotionen verknüpfen kann. Damit verliert die Sprache ihre Berechtigung – sie schafft sich ab. Sie wird zu einem Instrument der Manipulation.
Sprache ist friedensfördernd, solange wir sie ernst nehmen. Im Gespräch lassen sich viele Gegensätze ausräumen, doch dazu bedarf es der gemeinsamen Sprache, die sich darauf einigen kann, dass bestimmte Worte eine bestimmte Bedeutung haben. Wenn sich 1+1 für einen Gesprächspartner eher wie 3 statt wie 2 anfühlt, haben wir ein Problem. Ohne eine klare Einigung, die für alle Teilnehmer gleichermaßen gültig ist, bleibt am Ende nur das Schweigen – oder der Krieg.
Gerade aus christlicher Sicht bekommt die Sprache eine noch viel größere Bedeutung – schließlich hat Gott alles durch die Sprache geschaffen. Von der Sprache – und davon, dass sie adäquat verständlich ist – hängen Segen und Fluch, Leben und Tod ab. Dabei ist Fluch nicht einfach ein schlechtes Gefühl (das kann ein Bestandteil davon sein, muss aber nicht), sondern Gottes Gerichtshandeln, das der Mensch mit seinem Verhalten über sich bringt.
Das bedeutet aber auch, dass wir Gott beim Wort nehmen müssen, wenn wir den Segen Gottes wünschen. Was bedeutet es aber, Gott beim Wort zu nehmen? Manchmal höre ich Sätz wie „Das Liebesgebot ist mein Schlüssel zum Verständnis der Bibel.“ Jetzt haben wir aber ein Problem: Was ist genau Liebe? Wie definiert Gott Gottes- und Nächstenliebe? Es ist natürlich richtig, dass das Doppelgebot der Liebe die Gesamtheit aller Gebote Gottes wunderbar zusammenfasst. Absolut einverstanden. Doch das allein sagt noch nichts über den Inhalt dessen, was Liebe tatsächlich bedeutet. Es wäre vergleichbar mit einem Mathematiklehrer, der seine Schüler mit den Ergebnissen einer Kurvendiskussion konfrontiert und von ihnen erwartet, sie könnten den Inhalt davon ohne Hilfestellung selbst erarbeiten.
Gott ist sicher kein schlechter Mathematiklehrer. Deshalb gibt es die ganzen Reihen von Geboten, die uns in ihrer Gesamtheit zeigen, was Liebe ist. Der Schüler ist also nicht sich selbst überlassen, sondern er bekommt eine umfassende, verständliche Erklärung, mit der er sich im Laufe der Beschäftigung eine adäquate Definition der Liebe erarbeiten kann.
Gott beim Wort nehmen bedeutet somit, sich ohne Skepsis und ohne Vorurteile auf das einzulassen, was die Bibel uns sagt. Es bedeutet, zu fragen: Was kann ich daraus lernen? Es ist somit genau umgekehrt: Nicht das Liebesgebot kann der Schlüssel sein, sondern das Liebesgebot braucht die anderen Gebote, um verständlich zu werden. Sprache ist also sehr wichtig. Die biblische Weisheit formuliert das so: „Tod und Leben steht in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, der wird ihre Frucht essen.“ (Sprüche 18,21)
Beile Ratut
Eine Frage: Sie sagen, von der Sprache hänge Segen und Fluch ab. Und Fluch sei das Gerichtshandeln Gottes. Also hier in der Situation, dass wir Sprache “falsch” verwenden. Wie wollen Sie das aber feststellen? Ich bin nun wirklich kein Befürworter des modernen Denkens, dass alles relativ sei und jeder aus seiner Sicht recht habe. Andererseits ist natürlich daran auch etwas Wahres. Sie sehen die Welt ja beispielsweise auch anders als ich. Und Gefühle ganz auszublenden, das halte ich auch für falsch, denn wir sind ja keine Automaten, und Gefühle sind sicher nicht immer verlässlich, sie können aber auch Wegweiser sein. Wie in meinen Büchern, da sind Gefühle zum Beispiel auch wie ein Warnschild. Das funktioniert allerdings nur, wenn man selektiert, wenn man also im emotionalen Bereich so etwas wie ein Unterscheidungsvermögen hat.
Jonas Erne
Gefühle blende ich auch nicht aus. Gefühle sind für mich aber auch kein Warnschild, sondern viel wichtiger. Sie sind ein Stimulus für mein Handeln, einfacher gesagt: ich untersuche Gefühle nach richtig und falsch (das ist eine theologisch-ethische Frage) und die richtigen Gefühle helfen mir, etwas noch viel besser zu machen, indem ich die richtigen Gefühle sozusagen in mir anfeuere. Zum Segen und Fluch, das sollte ich wohl noch anders formulieren. Worum es mir geht, ist, dass Segen und Fluch davon abhängt, ob man Gott beim Wort nimmt, Ihn versteht, davon ausgeht, dass die Bibel wirklich adäquat verstanden werden kann.
Beile Ratut
Ich habe bei dem Warnschild aber auch an meine Romanfiguren gedacht, meine Heldinnen erkennen auch anhand ihrer Ängste und Irritationen, dass etwas nicht stimmt. In “Nachhall” wird die siebenjährige Heldin des Romans von einem Nietzscheanhänger verführt. Er nutzt ihre Situation für sich aus und verstrickt sie in Lügen und Täuschung. Sie spürt innerlich, dass etwas nicht stimmt. Wirklich erkennen kann sie dies aber erst, als sie als erwachsene Frau nach Erlösung sucht.
Jonas Erne
Ich denke, ich verstehe, was Sie damit meinen.
Beile Ratut
Sie wollen auch auf den Unterschied bei Gefühlen hinaus. Sie überprüfen sie nach ihrer ethischen Wertigkeit. Gefühle brauchen also einen moralischen Bezugsrahmen. Und den hat der moderne Mensch nicht mehr. In meinen Geschichten will ich aber gerade jene Gefühle beschreiben, die, wenn man sie ernst nimmt, die Lügen enttarnen und die Wahrheit ans Licht bringen. Die Emotionen, die ich in meinen Büchern transportiere, sollen eben nicht Wohlfühlen auslösen, sondern Element unserer Wirklichkeit sein. Ich glaube, dass Gott eben auch in dieser Welt gegenwärtig ist. Dadurch hat diese Welt ja auch ihren Wert und eine Bedeutung. Unsere Gefühle können uns, wenn wir sie filtern, zu Gott und zur Wahrheit führen.Menschen sind da aber natürlich sehr unterschiedlich gestrickt. Und ich will Gefühle nun wirklich nicht überbewerten oder ohne Bezugsrahmen in den Wind stellen.
Jonas Erne
Das finde ich gut. Im neuen Buch kam das sehr gemischt rüber, habe ich empfunden. Vielleicht müsste man dazu auch die vorherigen Bücher kennen.
Beile Ratut
Es ist wahrscheinlich so, dass man sich nicht in jedem Buch erklären kann. So ein Buch steht ja irgendwann für sich da, und es ist dann eben auch davon abhängig, wie die Menschen es auffassen. Und letzteres ist wohl sehr abhängig von der aktuellen Weltanschauung der Menschen. Die heutige Weltanschauung unterstützt vermutlich auch den Zerfall der Sprache, so wie Sie dies eingangs auch beschrieben haben. Sprache und Kommunikation setzen in einem gewissen Sinn eben voraus, dass es Wahrheit gibt. Sonst ist ein Gespräch unsinnig. Wenn ohnehin jeder aus seiner Sicht recht hat und es nichts Absolutes gibt, das über dem Menschen steht, warum soll man dann noch miteinander reden?
Jonas Erne
Dem stimme ich zu. In den Texten, die ich von Ihnen kenne, da gibt es Stellen, die ich sprachlich nicht stimmig finde. Es gibt zum Beispiel Verben, die inhaltlich nicht passen, etwa “matt raunte ihr Schein zu ihr herein.” und ähnliche. Da ist meiner Meinung nach der Sprachgebrauch im Widerspruch zum Sprachverständnis, nach welchem durch Sprache Wahrheit transportiert werden soll. Ich persönlich bin der Meinung, dass in so einem Fall der Sprachgebrauch aufhört, authentisch zu sein. Bzw. der Sprachgebrauch wäre einzig dann authentisch, wenn dahinter das konstruktivistische Sprachverständnis stünde, was ja in Ihrem Fall nicht so ist, wenn ich das richtig verstanden habe.
Beile Ratut
Ich bin stark von der klassischen Musik geprägt, diese Musik verstärkt die Innerlichkeit eines Menschen. Wahrheit ist für mich nicht Information oder Attribut einer Aussage. Es ist viel mehr. Daher ist für mich Poesie auch möglich. Die Bibel ist in vielen Teilen auch sehr poetisch. Die Sprache in meinen Romanen ist sehr dicht gewebt, poetisch, in „Nachhall“ zum Beispiel Soll die Sprache die innere Wirklichkeit abbilden. Kann es sein, dass Sie einen sehr männlichen Begriff von Sprache haben?
Jonas Erne
Hmm, ich vermute, da bin ich überfragt. Den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sprache kenne ich ehrlich gesagt nicht. Dass ich ein Mann bin, dürfte klar sein, aber dass es männliche und weibliche Sprache gibt, ist mir neu. Ich hatte nach dem Lesen von „Welt unter Sechs“ gleich an den Konstruktivismus gedacht, deshalb auch mein Kritikpunkt via Nietzschezitat. Damit habe ich vermutlich zu kurz gegriffen, bin aber überzeugt, dass Licht nicht raunen kann.
Beile Ratut
Normalerweise gebe ich Ihnen da auch recht. Und vermutlich gibt es keine an sich männliche oder weibliche Sprache. Aber da Sie als Mann die Welt anders sehen und erleben als eine Frau, wird sich das natürlich auch auf die Art und Weise auswirken, wie Sie Sprache erleben und benutzen. Ihren Kritikpunkt mit dem Nietzschezitat hatte ich nicht so recht verstanden. Es klang für mich so, als wäre es Ihnen suspekt, wenn man in einem Roman versucht, die Wirklichkeit der Personen einzufangen. Was ja eine gewisse Subjektivität einschließt. Für einen Techniker kann Licht nicht raunen. Aber für einen Poeten ist das in Ordnung.
Jonas Erne
Es ist gut, wenn man versucht, die Wirklichkeit einzufangen. Aber die Frage, die dabei bleibt, ist doch, WIE das geschieht. Na gut, darin bleiben wir vermutlich zweier Meinung. Das darf aber auch sein. Ich hatte das Gefühl beim Lesen, die Sprache sei so komponiert, dass sie in mir bestimmte Gefühle wecken (sprich: mich manipulieren) will. Da ich ein ausgesprochen starkes Gefühlsleben habe, brauche ich diese zusätzliche Stimulation nicht, sie hat mich deshalb eher gestört. Das war mein eigentlicher Kritikpunkt dabei.
Beile Ratut
Das verstehe ich besser. Dann müsste ich für Sie einen reinen Sachtext schreiben. Nur Informationen. Was würden Sie nun unter einem angemessenen und literarisch interessanten WIE verstehen?
Jonas Erne
Bildersprache ist unbedingt wichtig für einen interessanten Schreibstil. Aber Bilder können auch in inhaltlich korrekter Sprache transportiert werden. Was Licht tun kann, ist sehr vielfältig. Aber Raunen gehört nicht dazu.
Beile Ratut
Ich glaube schon, wenn Sie in den Bereich psychischer Belastungen gehen, dann kann Licht auch raunen. Ich vermute, es gibt da einfach ein Spektrum dessen, was man wahrnehmen kann und was nicht. Der eine findet es gekonnt, dem anderen erschließt es sich nicht. Menschen sind unterschiedlich. Ein bisschen auch “Geschmackssache” und eine Sache des Empfindens. Und wie gesagt, man muss sich dann die Gesamtheit anschauen. Meine Hauptperson in „Nachhall“ ist ja aus der Wirklichkeit herausgeworfen. Das kann sich auch in der Sprache ausdrücken. Das muss es auch! Und ich schreibe nicht über die Leute, die dazugehören, sondern über die kranken, verwundeten und verlorenen Menschen. Bis auf die drei Männer, die Sie kennen, die “gehören” ja irgendwie dazu, bis sie der Wahrheit auf den Grund gehen.
Jonas Erne
Ein spannendes Thema. Gerade der Pfarrer in der ersten Geschichte scheint da durch sein „Schandmal“ eine solche psychische Belastung zu erleiden.
Beile Ratut
Wissen Sie, ich glaube, wenn ein Mensch mal so richtig mit seiner Zerbrochenheit konfrontiert wird, so wie der Pfarrer, dann ist das erst einmal eine irre Sache. Normalerweise geht Gott da sicher behutsamer vor. Ich kann mir aber eben auch vorstellen, dass er manche so “rannimmt.” Er ist ja auch ein Pfarrer. Und Gott will sicher, dass gerade ein Pfarrer versteht, wer Gott ist.
Jonas Erne
Ja, und irgendwie bin ich der Meinung, dass mindestens der Pfarrer eine Fortsetzung braucht. Eigentlich bricht die Geschichte dort ab, wo sie beginnen könnte. Nicht dass ich sie zu dunkel oder traurig finde oder unbedingt ein Happy-End haben muss, aber da beginnt es doch dann, spannend zu werden. Ich persönlich habe die Geschichte unter anderem wegen des abrupten Endes als kirchenkritisch empfunden.

Beile Ratut
Bisher habe ich eher darüber geschrieben, wie man in der Finsternis Erlösung finden kann. Ich habe mich also nicht damit beschäftigt, wie es dann weiter geht. Kirchenkritisch sollte das allerdings nicht sein.
Jonas Erne
Dann wäre das vielleicht eine der nächsten Herausforderungen? Wie es dann weitergehen kann, meine ich.
Beile Ratut
Wenn ich mir die Welt um uns anschaue, dann finde ich es auch berechtigt, das Licht gerade in der Finsternis zu suchen. Aber Sie haben Recht, ich will in meinen nächsten Büchern auch mehr darüber schreiben, wie irdisches Glück aussehen kann.
Jonas Erne
Darauf bin ich gespannt. Vielen Dank für diesen ersten Teil des Gesprächs. Wir werden auf jeden Fall weiter in der Diskussion bleiben.

Buchbesprechung: Welt unter Sechs von Beile Ratut

Ratut, Beile, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag Bad Soden, 2015. Link im Verlag / Amazon
Vielen Dank an den Ruhland-Verlagund die Agentur Literaturtestfür die Zusendung des Rezensionsexemplars. Mit großem Interesse habe ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut gelesen.
Die Autorin Beile Ratut ist Finnin, hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und schreibt auf deutsch. Es ist ihr drittes Buch, die zwei anderen habe ich allerdings nicht gelesen. Ich fand es spannend, dass sich eine Frau auf die Suche nach der Antwort auf das Problem der fehlenden Männlichkeit macht. Sie verarbeitet das Thema in drei kurzen Romanen, die jeweils ungefähr 60 Buchseiten umfassen.
Bücher lesen ist etwas, was jeder Mensch aufgrund seiner Prägung unterschiedlich macht. Ich werde deshalb kurz meinen Hintergrund und meine Vorgehensweise erläutern. Wer das langweilig findet, darf diesen Abschnitt gern überspringen. Ich bin ein freikirchlich geprägter und theologisch geschulter Mensch, der sehr gerne liest. Leider komme ich zu selten zum Lesen von Romanen, habe für diese jedoch eine mir eigene Vorgehensweise entwickelt. Ich lese das Buch jeweils dreimal hintereinander, jedes Mal mit einer anderen Frage im Hinterkopf. Dazu mache ich mir Notizen und Unterstreichungen am Buchrand. Beim ersten Durchgang ist meine Frage: „Wie wirkt das Buch auf mich? Welche Geschichte erzählt es? Was will das Buch in mir erreichen?“ Beim zweiten Durchgang frage ich mich: „Wie ist die Weltanschauung des Autors oder der Autorin?“ Dabei geht es um die Fragen nach Herkunft der Welt (Schöpfung), Herkunft des Bösen (Sündenfall) und wie das Gute wiederhergestellt werden kann (Erlösung). Beim dritten Durchgang frage ich mich, welche Fragen oder Probleme die Geschichte anspricht und wie diese beantwortet oder gelöst werden. 
Die drei Geschichten
Die Hauptperson der ersten Geschichte ist ein Pfarrer, 55 Jahre alt, verheiratet, allerdings kinderlos geblieben. Er war ein guter Kommunikator, einer, der die richtigen Worte zu treffen wusste um die Menschen zu trösten; und er liebte seinen Beruf, weil er sich auf diese Weise gebraucht fühlte. Seine Frau hatte sich in den Jahren der Ehe immer weiter von ihm zurückgezogen, sie war oft im Garten. Plötzlich entdeckte der Pfarrer, dass seine Gesichtshaut mit einem riesigen Schandmal „verziert“ war. Er konnte sich nicht mehr sehen lassen, versteckte sich, und hatte dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen. Er erkannte nun, dass er nicht wirklich glaubte, was er predigte, und dass auch seine Frau sich nicht einfach so von ihm zurückgezogen hatte, sondern deshalb, weil er sie nie nahe genug an sie herangelassen hatte. Am Ende fanden sie einander, fanden Worte für einander und dann wurde seine Frau auch endlich schwanger.
In der zweiten Geschichte geht es um Heinrich, einen Wissenschaftler, der sich durch seine Forschung einen Namen gemacht hatte. Auch er war verheiratet; doch er hatte einen Sohn. Am Anfang der Geschichte erfährt man, dass der Sohn weggelaufen war. Der Sohn war sehr anhänglich, zart, mitfühlend, lebte ganz in der Welt der Mutter. Heinrich sah das mit Sorge, er wusste nicht, wie Sebastian von der Welt der Mutter in die Welt des Vaters hinüberwechseln sollte. Heinrich hatte das auch ohne Vater lernen müssen; bei ihm war es ein Ritual, das eine Art Vergewaltigung war, die durch andere Schüler des Internats ausgeübt worden war. Mantraartig wiederholt er in der Geschichte, er habe seinem Sohn nichts getan, ihm nur die Hand auf den Kopf gelegt und ihm das „Wissen der Mannbarkeit“ (u. a. S. 65) geschenkt. Schreckerstarrt erfährt der Leser zum Schluss, worin das bestand. Diese Geschichte endet mit dem Versprechen Heinrichs, seinen Sohn zu suchen und nicht aufzuhören, bis er ihn gefunden habe.
In der dritten Geschichte erzählt ein alter Mann, ein Bettler, seine Geschichte. Bei ihm starb der ältere Bruder als er noch ein Kind war. Er selbst führte daraufhin ein sehr unstetes, von vielen Liebschaften und einer Abtreibung geprägtes Leben. Er heiratete sehr spät und hatte sich nach einigen Jahren von seiner Frau entfremdet. Einer seiner Kollegen vergewaltigte die Frau dieses Mannes und er glaubte ihr nicht einmal. Als sie den Kollegen dazu bringen wollte, ihrem Mann seine Tat zu gestehen, rastete der Kollege aus und vergewaltigte sie noch einmal, bevor er sie im Wald bewusstlos schlug, mit Benzin übergoß und verbrannte. Der alte Mann bekam dann in einem Kloster von einem jungen Priester eine Antwort auf die Frage, was es bedeute, an Gott zu glauben. So fand er schlussendlich als alter Mann echten Frieden.
Meine persönlichen Gedanken dazu
Beile Ratut spricht tatsächlich viele wichtige Themen an, die das Mannsein oder Mannwerden ausmachen. Verantwortung tragen, Zeit haben, Ehrlichkeit, sich ganz öffnen, sich verwundbar machen, Sexualität und die Suche danach, der Weg vom Kind zum Mann, und so weiter.
Heinrich, der Vater in der zweiten Geschichte, machte sich Gedanken dazu: „Was sollte aus dem Kind werden? Wer würde ihm helfen, aus der Welt seiner Mutter in die Welt des Mannes zu treten? Wie sollte aus ihm ein Mann werden, der in dieser Wirklichkeit nicht unterging? War es nicht Verrat an seinem eigenen Blut, ihn damit allein zu lassen?“(S. 77f)
Auch die Unterhaltung – eine der seltenen Passagen in der direkten Rede – in der ersten Geschichte ist wertvoll:
Dann sagte sie vorsichtig: „Ich bin nicht dein Feind – ich bin deine Frau.“
Und ich bin dein Mann“, sagte er, wie um sie daran zu erinnern, welche Ehre ihm gebührte. Doch ihm gebührte keine Ehre.
Ich will dich sehen wie du wirklich bist“, fuhr sie fort. „Aber ich sehe nur einen Mann, der mir ausweicht. Warum machst du das? Kannst du mir denn nicht in die Augen schauen und mein Ehemann sein?““(S. 49)
So habe ich zahlreiche Absätze im Buch als echt wertvolle Hinweise auf solch wichtige Themen angestrichen. Zugleich stelle ich aber auch kritische (An-)Fragen an das Buch:
1) Der Umgang mit der Sprache. Die Sprache wird häufig gebraucht, um Emotionen aufzubauen. Ratut versucht, Sprache zu verstärken, indem sie Sätze inhaltlich und zuweilen auch äußerlich sinnlos und falsch aufbaut. Das erinnerte mich an die – natürlich falsche – Sichtweise von Friedrich Nietzsche, welcher schrieb:
Überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausrecken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden zu verständigen.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen IV, Kp. 5)
Wie Nietzsche scheint also auch Ratut der Meinung zu sein, dass Sprache weniger Sinn, Inhalt und Information, sondern vielmehr Emotion weitergeben soll. Das macht das Buch jedoch auch deutlich schwieriger lesbar. Deshalb frage ich mich, wen sie zum Zielpublikum machen möchte. Das Buch wird deshalb kaum junge Männer ansprechen, die sich diese Gedanken noch nicht gemacht haben. Lesebegeisterte und nachdenkliche junge Männer, die sich diese Frage auch schon gestellt haben, werden vermutlich auch nicht so viel Neues darin finden.
2) Gibt das Buch Antworten? Ja und nein. Ich vermute, dass Ratut sich das Buch als eine Gesamtkomposition gedacht hat. Drei Geschichten, die aufeinander aufbauen. Durch den Aufbau ergibt sich eine Art Antwort – wobei die Antwort dann im Glauben an Gott zu finden ist. Die einzelnen Geschichten geben für sich allein jedoch keine Antworten und auch kaum Hilfestellung zu einer besseren Lösung.
3) Wo oder wie ist Erlösung zu finden? Hier kommt meine wichtigste Frage an das Buch. Wenn Ratut den Leser dazu führen möchte, durch den Gesamtaufbau des Buches zu erkennen, dass der Glaube zum echten Mannsein gehört (und ich würde ihr darin völlig zustimmen), dann müsste das die letzte Geschichte noch besser herausarbeiten. Wenn sich der (in Glaubensdingen unkundige) Leser fragt, wie er dorthin kommt, ist er am Ende verlassen. Außerdem ergeben die Geschichten – wenn man sie einzeln liest – ein ganz anderes Bild. In der ersten Geschichte könnte man meinen, Malessa (die Frau des Pfarrers) sei am Ende die Erlöserin. Die zweite Geschichte spricht vom Schöpfer der Welt, den Heinrich um Vergebung bitten wolle. Auch hier fehlt eine Menge. Und in der dritten Geschichte findet der Erzähler die Antwort beim Priester im Kloster. Dort lautet sie, an Gott zu glauben, bedeutet: „Verkriech dich in den Fels und halte dich im Staub versteckt vor dem Schrecken des Herrn und vor der Pracht seiner Majestät.“ (S. 180) Keine der drei Antworten, die die drei Geschichten geben, wird den Leser zum Frieden mit Gott bringen. Eine konkretere Antwort zu finden bleibt Sache des Lesers. Auch wenn manchmal Teile der Bibel, etwa das Buch der Psalmen, genannt werden, fehlt der konkrete Hinweis darauf, dass dort die Antwort zu finden ist. Ebenso auch der Hinweis, wie diese Antwort aussieht.
Mein Fazit
Beile Ratut hat ein Kunstwerk geschaffen, das viele gute Dinge anspricht und den Finger wohltuend in manch eine Wunde hält. Dennoch ist es ein Kunstwerk, das manche Fragen offen lässt und auch nicht für jedes Publikum geeignet ist. Man muss zunächst mit ihrem Schreibstil klarkommen. Wie bereits angesprochen besteht das Buch aus fast keinen Dialogen und hat wenig Handlung – das meiste spielt sich in den Köpfen der Personen ab. Man muss damit klarkommen. Ebenso muss man die drei Geschichten am Stück und in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, damit man hinter die Geschichten sieht – obwohl jede von völlig anderen Personen und Umständen berichtet.