Buchtipp: Washington – A Life

Chernow, Ron, Washington´- A Life, Penguin Books London, 2010, Kindle-Ausgabe, 904S. Amazon-Link

Wenn ein Autor es schafft, seine Leser über 900 Seiten hinweg derart zu fesseln, dann muss der Inhalt direkt aus dem Leben stammen. So viel Spannung kann sich kein Romanautor ausdenken. So erging es mir bei dieser vorbildlichen Biographie Washingtons von Ron Chernow. Schon auf den ersten Seiten holt Chernow den Leser in seinem Alltag ab und entführt ihn in eine Zeit und Welt, die ihm enorm vertraut erscheint, obgleich über 200 Jahre und ein ganzer Ozean dazwischen liegen.

Ron Chernow ist kein Historiker; und vielleicht liegt gerade darin seine Stärke, die ihm hilft, so zu schreiben, dass man sich das Beschriebene leicht vorstellen kann. Sofort ist der Leser zum Zeitgenossen im Haushalt George Washingtons geworden. Er erlebt die schwere Kindheit des Jungen mit, der mit 11 Jahren seinen Vater verliert und dessen Mutter unter der Last ihrer sich dadurch ergebenden Verantwortung schier zerbricht, was sich auch in ihrer überkritischen Haltung allen gegenüber zeigt. George seinerseits konnte seine Mutter nicht wirklich lieben lernen, da sie an allem von ihm etwas auszusetzen hatte, und entwickelte eine distanzierte Beziehung zu ihr, was sich etwa in der Anrede in Briefen zeigte, wenn er sie als „Honored Madam“ (also „Geehrte Dame“) ansprach. Er selbst entwickelte eine große Sensibilität gegenüber Kritik und suchte ein Leben lang nach Anerkennung.

Washington hatte keine höhere Schulbildung, vieles muss er sich selbst beigebracht haben. Sein Leben lang hatte er sich zur Strategie gemacht, mit großer Kraft an allen seinen erkannten Schwächen zu arbeiten, bis er sie beseitigen konnte. Doch eine seiner ganz großen Stärken war es, dass er sich sehr schnell in neue Informationen und Ideen hineindenken konnte. Das gab ihm immer wieder einen Vorsprung, den er sich zunutze machen konnte. Über inhaltliche Lektionen aus Washingtons Leben, die ich beim Lesen gelernt habe, möchte ich ein anderes Mal noch etwas expliziter schreiben.

Ich habe mich gefragt, was den Schreibstil von Ron Chernow so spannend, unterhaltsam und lehrreich zugleich macht. Vermutlich sind es zwei Komponenten, die sich gegenseitig verstärken. Zum Einen ist Chernow mit der seltenen Kombination aus einem sehr klaren Verstand und einer großen Vorstellungskraft ausgestattet. Er kann aus den Abertausenden von Seiten, die Washingtons schriftliches Erbe hinterlassen hatte, das Wichtige extrahieren und so aufbereiten, dass sich der Leser des 21. Jahrhunderts dabei etwas vorstellen kann. Zum Anderen nutzt er so extensiv die verschiedensten Arten von Inhalten und verknüpft diese auf eine so passende Art, dass es gar nicht auffällt. Er zitiert Briefe, erzählt Geschichten aus Washingtons Leben, setzt Zahlenreihen in Leben um, und hat ein großes Gespür für die Sprache unserer Zeit. Gleich zu Beginn des Buches setzt er den Leser in Kenntnis, dass er um der Verständlichkeit willen manche Briefzitate an das Englisch unserer Tage angepasst hat – und das ist genau richtig so. Die Biographie ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern für den interessierten Laien unserer Tage geschrieben. Wer die genauen Zitate im Englisch Washingtons lesen möchte, findet immer die Quellenangabe dazu und kann es in der großen Werksausgabe selbständig nachlesen.

Die Biographie von Chernow ist keine Lobrede auf George Washington. Manchmal hat man das Gefühl, dass manche Biographien vor allem dazu dienen sollen, die großen Taten des „Helden“ in Szene zu setzen. Davon ist hier nichts zu sehen. Washington wird als Kind seiner Zeit dargestellt, und vor allem als Mensch, der sich im Laufe der Jahre – wie jeder von uns – verändert. Gerade wenn es um die Sklavenfrage geht (Washington besaß eine große Tabakplantage, die er später mit Weizen bepflanzen ließ; entsprechend hatte er auch eine stattliche Anzahl von Sklaven) oder auch um den Glauben (beides sind für mich besonders spannende Themen), ist Chernow ehrlich, beschönigt nichts und hält sich strikte an die eigenen Aussagen Washingtons. Der Autor wirbt nicht um Verständnis für seinen Protagonisten, sondern lässt ihn stehen – in all seinem Facettenreichtum und seiner Widersprüchlichkeit.

Sehr schön fand ich auch, wie Chernow beschrieb, dass Washington so ein typischer Amerikaner war, der sich selbst (oder besser gesagt: Sein „Image“ in der Öffentlichkeit) geschaffen und gepflegt hat. Und immer wieder überarbeitet und daran herumgefeilt. Das hat mich an die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson erinnert, in welcher es auch darum geht, dass die frühen Amerikaner Erfinder ihrer selbst waren. Auch bei Washington sind es seine eiserne Disziplin und seine Tugenden, welche ihm den nötigen Halt gaben, um sich selbst immer wieder neu zu erfinden und weiterzuentwickeln. Der erste Präsident der USA wusste bis zu seinem Tod, dass er noch unfertig war und gab sich große Mühe, sich zu verändern.

Fazit:

Ron Chernow legt hier eine meisterhaft geschriebene Biographie vor, die in verständlicher Sprache und mit großer Vorstellungskraft und klarer Treue zu den Tatsachen ein Bild der Vielseitigkeit George Washingtons zeichnet. Es ist kein Zufall, dass Chernow mit dieser Biographie den Pulitzer-Preis 2011 gewonnen hat. Er hat damit ein Beispiel gegeben, an welchem sich künftige Autoren von Biographien orientieren können. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.