Cessationismus – aus Angst erwachsen?

Ich habe vor einiger Zeit schon eine Art Vorrede zu meiner Auseinandersetzung mit dem Cessationismus geschrieben (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Heute möchte ich damit fortfahren und eine Beobachtung teilen, die ich schon häufig in Gesprächen mit Cessationisten gemacht habe: In vielen Fällen entsteht der Hang zum Cessationismus aus einer Angst heraus.

Ich möchte in einem späteren Blogpost die Geschichte des Cessationismus etwas näher betrachten, aber greife heute schon ein wenig vor, wenn ich verschiedene Beispiele aus der Kirchengeschichte anführe. Man darf dabei nicht vergessen, dass sich die Lehren der Theologie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändern, auch dann, wenn man sie immer gleich benennt. So ist es auch beim Cessationismus. Heutige Cessationisten verweisen gerne auf die Reformatoren, obgleich bald klar wird, dass die Reformatoren den Argumenten der heutigen Cessationisten nur in wenigen Fällen zustimmen würden. Der heutige Cessationismus wurde erst im 20. Jahrhundert von Benjamin B. Warfield begründet.

Im Gespräch mit Cessationisten kommen häufig Ängste zum Vorschein. Und ja, manche dieser Ängste haben eine Grundlage in schlechten Erfahrungen, die sich nicht abstreiten lassen. Ich kenne diese Erfahrungen auch. Als jemand mit schwerer Hörbehinderung sich in pfingstlichen und charismatischen Kreisen bewegen ist oft mit Verletzungen verbunden. Ich weiß, wie es ist, wenn einem zu wenig Glaube attestiert wird, wenn man auch nach dem gefühlt hundertsten Gebet um Krankenheilung immer noch nicht gesund geworden ist. Ich weiß, wie es ist, wenn bestimmte Geistesgaben als Machtmittel gebraucht werden, um über das Leben von Mitmenschen zu bestimmen. Die Liste könnte noch ziemlich lang werden, wenn ich sie fortfahren wollte. Wenn die Erfahrung, das persönliche Erleben, so wichtig wäre, müsste ich schon lange einer der größten Verfechter des Cessationismus sein. Doch – Gott sei Dank – geht es gar nicht so sehr um mich, sondern es geht um Gott und Sein Wort, dem ich gehorsam sein will.

Es gibt also die Angst vor Verletzungen durch Menschen, die die Charismen oder Gaben des Heiligen Geistes ausüben. Diese Angst ist verständlich. Und es stimmt, es gibt immer wieder Verletzungen durch Menschen, die auf diese Weise begabt sind. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich frisch bekehrt und total begeistert von Jesus war, als ich nicht allzu lange danach begann, Menschen mit Gebet, Lebenshilfe und auch immer wieder mit prophetischen Worten zu dienen, da war ich geistlich gesehen noch ein kleines Kind im Glauben und muss rückblickend sagen, dass ich heute manches anders machen würde. Ich habe Fehler gemacht, ich musste mich bei Menschen entschuldigen, und bei anderen ging das schon gar nicht mehr, weil ich sie nicht wieder getroffen habe. Ich habe gelernt, aus der Gnade Gottes und der Vergebung der Mitmenschen heraus zu leben. Die Gaben sind kein Spielzeug, aber Gott schenkt sie gern und eben oft auch schon an unreife, im Wachstum stehende junge Gläubige.

Eng damit verknüpft ist auch die Angst vor Machtmissbrauch durch die Gaben. Auch hier gilt: Diese Angst ist nicht unbegründet. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen auf Grund ihrer Gaben eine bestimmte Machtposition erhalten, Es gibt leider auch in den pfingstlich-charismatischen Kreisen immer wieder das falsche Denken, dass jemand mit der prophetischen Gabe eine direktere Beziehung zu Gott, einen näheren Zugang zu Gottes Wesen und Wirken hat als jemand ohne diese. Fakt ist jedoch (und hier muss ich schon jetzt mit einem beliebten cessationistischen Scheinargument aufräumen), dass der Begabte nicht beliebig über seine Gabe verfügen kann. Ich werde darauf auch noch ein anderes Mal näher zu sprechen kommen. Jeder Gläubige hat genau gleich direkten Zugang zu Gott, indem er Gottes Wort lesen und zu Ihm beten kann. Die Bibel ist Gottes inspiriertes, fehlerfreies und unfehlbares Wort.

Und damit bin ich schon beim nächsten Thema angelangt: Angst vor der Verwässerung und Aushebelung von Gottes Wort. Diese Angst hat im Laufe der Kirchengeschichte oft Menschen dazu gebracht, zu Cessationisten zu werden. Martin Luther und Johannes Calvin werden beide gerne zu den Cessationisten gezählt, weil sie dieses Argument gebraucht hatten, um gegen die römisch-katholische Kirche ihrer Zeit und die frühen Bibelkritiker unter den „Wiedertäufern“ zu kämpfen. Die römisch-katholische Kirche hat ihre Lehren und Praktiken gerne mit den Wundern und Heilungen begründet, die etwa an Wallfahrtsorten geschahen. Im Sinne von: Wo Wunder geschehen, da muss die einzig wahre, reine Lehre und die einzig wahre Kirche sein. Unter den Vorläufern der Baptisten gab es einige radikale Ablehner der Bibel, die meinten, wenn Gottes Geist schon in ihnen sei, dann bräuchten sie die Bibel nicht mehr. Leider hat all dies dazu geführt, dass die Reformatoren – allen voran Luther – grundsätzlich alle „Wiedertäufer“ verteufelten und verfolgen ließen. Auch Benjamin B. Warfield hat dieses Argument gebraucht. In seiner Zeit gab es etwa auch die Sekte der „Christlichen Wissenschaft“ („Christian Science“, von Mary Baker Eddy gegründet), welche die Wahrheit ihrer Lehre an den Wundern und Heilungen festmachten. Es ist wertvoll, wie viel Warfield tat, um die Irrtumslosigkeit der Bibel zu verteidigen. Gleichzeitig hat er aber dieselben philosophischen Maßstäbe und historisch-kritischen Methoden an jene Bibelstellen angelegt, in welchen es um die Geistesgaben geht.

Diese drei bisher angesprochenen Ängste sind leicht ersichtlich, weil sie in Gesprächen oft angesprochen werden. Unterschwellig schwingen häufig auch weitere Ängste mit, deren sich wohl die wenigsten Cessationisten bewusst sind (oder auch nur bewusst sein wollen). Ich möchte sie trotzdem ansprechen und bitte die „Cessis“ unter meinen Lesern, sie sich einfach mal eine Weile durch den Kopf gehen zu lassen. Da wäre die Angst davor, nicht zu genügen. Die Frage hinter dieser Angst ist: Was wäre, wenn ich Gott um die Gaben bitte und sie nicht bekomme? Habe ich dann versagt? Bin ich dann zu wenig wert? Diese Angst resultiert aus einem falschen Verständnis der Gaben. Sie werden dann so gesehen, als ob sie eine Belohnung für gutes Christenleben seien. Wer reif genug ist, kann sie ja dann bekommen. Aber genüge ich selbst dafür?

Oder die Angst vor der Verantwortung. Wer etwas mehr bekommen hat, steht in einer größeren Verantwortung. Das ist an und für sich ein biblischer Grundsatz. Aber Gott erwartet von keinem von uns totale Perfektion. Ein Leben mit den Gaben bedeutet auch immer zugleich ein Leben aus der Gnade und Vergebung heraus. Hier sind Gemeinden und besonders auch Prediger gefordert, über die Gaben zu lehren und ein Umfeld zu schaffen, in welchem Menschen die ersten Schritte darin gehen können und lernen, richtig damit umzugehen. Auch hier wieder verknüpft damit ist eine Angst vor Stolz und Hochmut. Wenn andere Begabte manchmal dazu neigen, die Christenheit in zwei Gruppen einzuteilen und sich selbst als besser betrachten weil sie eine bestimmte Gabe haben, so ist das verwerflich, aber kein Grund, um dafür zu danken, dass man nicht so wie diese Stolzen ist.

Es gibt aber auch noch eine Angst vor zu viel Demokratisierung in den Gemeinden. Möglicherweise war diese Angst mit ein Grund für die ersten Wellen des Cessationismus. Zu jener Zeit war gerade die Hierarchisierung der Gemeinden in vollem Gange. Bischöfe und Priester erhielten mehr Macht, und wenn jetzt der einfache gläubige Laie plötzlich so eine wichtige Gabe erhalten sollte, dann konnte das doch nur Probleme bringen. Ich meine, dass dieses Denken auch in unserer Zeit immer wieder dominiert. Prediger sind zu Alleinunterhaltern geworden, an deren Position keiner rütteln kann oder darf. Wohin käme man denn auch, wenn plötzlich der Neubekehrte etwas mehr oder besser wüsste als der Pastor? Doch die Bibel spricht gerade davon, dass jeder Gläubige ein gleichwertiger Baustein am Hause Gottes oder ein gleichwertiger Körperteil am Leib Christi ist. Deshalb liebt Gott es, zuweilen auch den Neubekehrten mit großartigen Erkenntnissen zu segnen, über die der langjährige Bibelstudent nur staunen kann.

Am umstrittensten mag wohl die nächste Angst sein: Angst vor dem unberechenbaren Gott. Wenn Menschen anfangen, die Gaben zu entdecken, dann ist das ein wunderbares Abenteuer. Eine Reise, von der man nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve wartet. Das reißt uns aus der Komfortzone heraus. Manchmal wünscht Sich Gott, dass wir etwas Verrücktes tun. Zum Beispiel: Uns nicht rächen, sondern unseren Widersachern vergeben. Das ist etwas total Verrücktes, etwas, was unserem menschlichen Zustand total entgegen steht. Manchmal sollen wir mit völlig unbekannten Menschen ein Gespräch anfangen. Das braucht Mut. Und da habe ich manchmal das Gefühl, dass manche Cessationisten sich wünschen, Gott kontrollieren zu können. So ein Gott, der gerade in ihrer Bibel Platz hat. Ein Gott, den man bei Bedarf aus der Tasche ziehen und zitieren kann, aber auch wieder zum Schweigen bringen, indem man den Buchdeckel zuwirft und im Rucksack verstaut. So ein Gott, der auf Smartphone-Knopfdruck nichts mehr zu sagen hat. Das ist doch praktisch und bequem. Doch ob ein solcher Gott groß genug ist, um uns verändern zu können?

Zur TV-Sendung “7 Tage unter radikalen Christen”

Im NDR wurde eine halbstündige Reportage ausgestrahlt, in welcher der Journalist Hans Jakob Rausch sieben Tage in einer charismatischen Freikirche verbracht hatte. Der NDR behauptet außerdem, dass davor zwei Jahre zu diesem Thema recherchiert wurde. Nach einigem Überlegen habe ich mir die Sendung angesehen und möchte ein paar Gedanken dazu teilen.

Was sind „radikale Christen“?

Schon als ich den Titel las, kam mir die Frage hoch, wie der Reporter oder meinetwegen auch der Sender NDR (ich weiß ja nicht, wer letzten Endes für diesen ebenso unsinnigen wie reißerischen Titel der Sendung verantwortlich ist) wohl „radikale Christen“ definiert. In der Sendung bekommt man keine wirkliche Antwort. Rausch wirft dem Pastorenehepaar am Schluss vor, dass die Gemeinde seiner Meinung nach radikal sei. Was genau darunter zu verstehen ist, weiß niemand. Das scheint – wie so manch anderes auch – eine Sache des Gefühls zu sein.

In unserer Zeit wird „radikal“ gerne als Totschlagbegriff gebraucht. Wer als radikal gesehen wird, hat nichts mehr zu melden. Damit ist man sofort in der Ecke von Attentätern und Gewaltverherrlichern. Natürlich darf man den Begriff nutzen, sollte ihn aber zuerst mit klaren, definierten Inhalten füllen, damit der so Bezeichnete auch argumentieren kann, weshalb er sich auch so sieht oder weshalb nicht. Gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien wird gerne mit Worten hantiert, die mehr Gefühle auslösen als Debatten. Und da wird es problematisch.

Sieben Tage in einer halben Stunde

Zwei Jahre Recherche (echt jetzt? Zwei Jahre und so überhaupt nichts über theologische, geschichtliche, konfessionelle und denominationelle Unterschiede gelernt? Zwei Jahre Recherche und keine Ahnung von den viel besseren Antworten auf die aufgeworfenen Fragen, die bibeltreue Theologen und Philosophen im Laufe der Jahrhunderte gegeben haben?) und sieben Tage Besuch dieser Gemeinde werden auf eine halbe Stunde zusammengeschnitten. Das ist notwendig, das ist gut. Allerdings sieht dann eine neutrale Berichterstattung anders aus. Es ging mehr um die Gefühle des Reporters als um die Inhalte der Gespräche und Veranstaltungen. Es wurde sogar Zeit verschwendet, die nicht nur keinen echten Inhalt hatte, sondern gar noch mit manipulativer Musik hinterlegt war. Zeitweise hatte man den Eindruck, sich in einem Krimi zu befinden, in welchem der Fall bereits vor Beginn der Sendung aufgeklärt war, und es nur noch um die Tatmotive ging. Ein Reporter klärt auf, was die Täter auf dem Kerbholz haben und weshalb sie es taten.

Überhaupt wird sehr schnell klar – auch abgesehen vom Titel der Sendung – dass es dem Reporter nur darum geht, die Gemeinde schlecht zu machen. Wer für Heilung betet, hält Menschen davon ab, zum Arzt zu gehen. Wer zu konkret für die Regierung betet, ist gegen die Trennung von Kirche und Staat. Wer in vielen weiteren Punkten mit der Sicht der Kirche der vergangenen 2000 Jahre festhält (und mit dem Großteil der weltweiten Christenheit heute), kann nur falsch gewickelt sein. Viel wichtiger wären Fragen gewesen, welche die Struktur der Gemeinde oder ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden gewesen. Dann wäre einiges deutlich klarer geworden. Die evangelikale Bewegung ist in der Evangelischen Allianz Deutschland zusammengeschlossen, und nur diese Gemeinden können auch als Beispiele für eine breitere evangelikale Bewegung herangezogen werden. Insofern ist der Beitrag ohne all diese wichtigen Infos eine reine Farce, die lediglich dazu dient, das evangelikale Christentum zu diskreditieren. Es fehlt der ernsthafte Wunsch, die Menschen verstehen zu wollen. Stattdessen geht es eher darum, sensationsgeil aufzuklären, was es für Christen gibt und vor diesen zu warnen. Das ist nicht gerade besonders christlich, Herr Rausch. Ebenso wenig wie für sich selbst die Vernunft zu reklamieren und sie anderen gleichzeitig abzusprechen.

Ganz zu Beginn wird das Gebet eingeblendet, in welchem es um eine positive Zusammenstellung der gefilmten Inhalte geht. Der Rest scheint vom Wunsch beseelt zu sein, dieses Gebet zu torpedieren und einem Wettbewerb um die krudesten Aussagen zu entsprechen. Dass in allen Gemeinden nicht alles Gold ist, was glänzt, dürfte wohl jedem klar sein. Überall gibt es Menschen, überall menschelt es entsprechend auch. Sehr viele Freikirchen, viele selbsternannte oder von anderen so benamste „radikale Christen“ oder Freikirchler werden sich mit manchen Inhalten nicht identifizieren können. Und deshalb gibt es einen Grund, weshalb ich trotz allem dankbar bin für solche Reportagen:

Houston, we have a problem!

Wir haben ein Problem, und darüber müssen wir ganz dringend reden. Ich bin selbst auch Pfingstler und habe in verschiedenen Gemeinden schon manches kennengelernt, was in der Reportage gezeigt wird – und nein, es ist nicht alles gut! Und genau darüber müssen wir reden. Wenn wir es nicht tun, wird immer die Welt diesen Job übernehmen und uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Diese Reportage erinnert uns daran, dass es eigentlich unsere Aufgabe ist, miteinander über Probleme zu sprechen, die in unserer Mitte auftauchen. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken und warten, bis sich die TV-Sendungen über uns lustig machen. Wenn wir Personenkult unwidersprochen dulden, oder wenn wir es normal finden, dass Christen sich selbst beständig widersprechen, oder wenn Gemeinden verlangen, dass der Verstand bei der Garderobe abgegeben werden muss, dann ist das unsere Aufgabe, über diese Dinge zu reden. Es gibt einen Grund, warum solche Reportagen überhaupt gedreht werden – und der besteht nicht darin, dass wir Jesus zu ähnlich sind, sondern zu wenig ähnlich.

Was wir brauchen, ist das Gespräch, die Diskussion, die Debatte, und vielleicht zuweilen auch mal eine klare Zurechtweisung. Ich stelle immer wieder eine Angst fest. Eine Angst davor, andere Menschen zu verletzen. Eine Angst aber auch, selbst durch andere Ansichten zum Nachdenken herausgefordert zu werden. Zu häufig höre und lese ich: „Du glaubst das so, und ich halt anders.“ Oder: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Das klingt ganz arg nach Kains Ausspruch: „Bin ich etwa meines Bruders Hüter?“