Zur TV-Sendung “7 Tage unter radikalen Christen”

Im NDR wurde eine halbstündige Reportage ausgestrahlt, in welcher der Journalist Hans Jakob Rausch sieben Tage in einer charismatischen Freikirche verbracht hatte. Der NDR behauptet außerdem, dass davor zwei Jahre zu diesem Thema recherchiert wurde. Nach einigem Überlegen habe ich mir die Sendung angesehen und möchte ein paar Gedanken dazu teilen.

Was sind „radikale Christen“?

Schon als ich den Titel las, kam mir die Frage hoch, wie der Reporter oder meinetwegen auch der Sender NDR (ich weiß ja nicht, wer letzten Endes für diesen ebenso unsinnigen wie reißerischen Titel der Sendung verantwortlich ist) wohl „radikale Christen“ definiert. In der Sendung bekommt man keine wirkliche Antwort. Rausch wirft dem Pastorenehepaar am Schluss vor, dass die Gemeinde seiner Meinung nach radikal sei. Was genau darunter zu verstehen ist, weiß niemand. Das scheint – wie so manch anderes auch – eine Sache des Gefühls zu sein.

In unserer Zeit wird „radikal“ gerne als Totschlagbegriff gebraucht. Wer als radikal gesehen wird, hat nichts mehr zu melden. Damit ist man sofort in der Ecke von Attentätern und Gewaltverherrlichern. Natürlich darf man den Begriff nutzen, sollte ihn aber zuerst mit klaren, definierten Inhalten füllen, damit der so Bezeichnete auch argumentieren kann, weshalb er sich auch so sieht oder weshalb nicht. Gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien wird gerne mit Worten hantiert, die mehr Gefühle auslösen als Debatten. Und da wird es problematisch.

Sieben Tage in einer halben Stunde

Zwei Jahre Recherche (echt jetzt? Zwei Jahre und so überhaupt nichts über theologische, geschichtliche, konfessionelle und denominationelle Unterschiede gelernt? Zwei Jahre Recherche und keine Ahnung von den viel besseren Antworten auf die aufgeworfenen Fragen, die bibeltreue Theologen und Philosophen im Laufe der Jahrhunderte gegeben haben?) und sieben Tage Besuch dieser Gemeinde werden auf eine halbe Stunde zusammengeschnitten. Das ist notwendig, das ist gut. Allerdings sieht dann eine neutrale Berichterstattung anders aus. Es ging mehr um die Gefühle des Reporters als um die Inhalte der Gespräche und Veranstaltungen. Es wurde sogar Zeit verschwendet, die nicht nur keinen echten Inhalt hatte, sondern gar noch mit manipulativer Musik hinterlegt war. Zeitweise hatte man den Eindruck, sich in einem Krimi zu befinden, in welchem der Fall bereits vor Beginn der Sendung aufgeklärt war, und es nur noch um die Tatmotive ging. Ein Reporter klärt auf, was die Täter auf dem Kerbholz haben und weshalb sie es taten.

Überhaupt wird sehr schnell klar – auch abgesehen vom Titel der Sendung – dass es dem Reporter nur darum geht, die Gemeinde schlecht zu machen. Wer für Heilung betet, hält Menschen davon ab, zum Arzt zu gehen. Wer zu konkret für die Regierung betet, ist gegen die Trennung von Kirche und Staat. Wer in vielen weiteren Punkten mit der Sicht der Kirche der vergangenen 2000 Jahre festhält (und mit dem Großteil der weltweiten Christenheit heute), kann nur falsch gewickelt sein. Viel wichtiger wären Fragen gewesen, welche die Struktur der Gemeinde oder ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden gewesen. Dann wäre einiges deutlich klarer geworden. Die evangelikale Bewegung ist in der Evangelischen Allianz Deutschland zusammengeschlossen, und nur diese Gemeinden können auch als Beispiele für eine breitere evangelikale Bewegung herangezogen werden. Insofern ist der Beitrag ohne all diese wichtigen Infos eine reine Farce, die lediglich dazu dient, das evangelikale Christentum zu diskreditieren. Es fehlt der ernsthafte Wunsch, die Menschen verstehen zu wollen. Stattdessen geht es eher darum, sensationsgeil aufzuklären, was es für Christen gibt und vor diesen zu warnen. Das ist nicht gerade besonders christlich, Herr Rausch. Ebenso wenig wie für sich selbst die Vernunft zu reklamieren und sie anderen gleichzeitig abzusprechen.

Ganz zu Beginn wird das Gebet eingeblendet, in welchem es um eine positive Zusammenstellung der gefilmten Inhalte geht. Der Rest scheint vom Wunsch beseelt zu sein, dieses Gebet zu torpedieren und einem Wettbewerb um die krudesten Aussagen zu entsprechen. Dass in allen Gemeinden nicht alles Gold ist, was glänzt, dürfte wohl jedem klar sein. Überall gibt es Menschen, überall menschelt es entsprechend auch. Sehr viele Freikirchen, viele selbsternannte oder von anderen so benamste „radikale Christen“ oder Freikirchler werden sich mit manchen Inhalten nicht identifizieren können. Und deshalb gibt es einen Grund, weshalb ich trotz allem dankbar bin für solche Reportagen:

Houston, we have a problem!

Wir haben ein Problem, und darüber müssen wir ganz dringend reden. Ich bin selbst auch Pfingstler und habe in verschiedenen Gemeinden schon manches kennengelernt, was in der Reportage gezeigt wird – und nein, es ist nicht alles gut! Und genau darüber müssen wir reden. Wenn wir es nicht tun, wird immer die Welt diesen Job übernehmen und uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Diese Reportage erinnert uns daran, dass es eigentlich unsere Aufgabe ist, miteinander über Probleme zu sprechen, die in unserer Mitte auftauchen. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken und warten, bis sich die TV-Sendungen über uns lustig machen. Wenn wir Personenkult unwidersprochen dulden, oder wenn wir es normal finden, dass Christen sich selbst beständig widersprechen, oder wenn Gemeinden verlangen, dass der Verstand bei der Garderobe abgegeben werden muss, dann ist das unsere Aufgabe, über diese Dinge zu reden. Es gibt einen Grund, warum solche Reportagen überhaupt gedreht werden – und der besteht nicht darin, dass wir Jesus zu ähnlich sind, sondern zu wenig ähnlich.

Was wir brauchen, ist das Gespräch, die Diskussion, die Debatte, und vielleicht zuweilen auch mal eine klare Zurechtweisung. Ich stelle immer wieder eine Angst fest. Eine Angst davor, andere Menschen zu verletzen. Eine Angst aber auch, selbst durch andere Ansichten zum Nachdenken herausgefordert zu werden. Zu häufig höre und lese ich: „Du glaubst das so, und ich halt anders.“ Oder: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Das klingt ganz arg nach Kains Ausspruch: „Bin ich etwa meines Bruders Hüter?“