Vom Segen des Reichtums

Wenn ich in unserer evangelikalen Welt mit Menschen unterwegs bin, so treffe ich immer wieder auf ganz große Vorurteile gegen Reichtum. „Die Reichen“ scheinen die Zöllner und Sünder unserer Zeit geworden zu sein. Man begegnet ihnen mit Argwohn, jeder von ihnen könnte ein Ausbeuter sein, jeder könnte Steuern hinterziehen, jeder könnte ganz viel auf dem Kerbholz machen. Mehr haben als andere macht suspekt. Allerdings müssen wir uns mit diesen Vorurteilen befassen, denn sie sind nicht nur in den meisten Fällen falsch, sie machen es vielen Menschen richtig schwer, sich in unseren Gemeinden wohlfühlen zu können.

Biblisch gesehen ist Reichtum ein Segen. Reichtum ist das natürliche Wachstum davon, dass jemand mit Fleiß und Ausdauer, mit Vertrauen und einer gewissen Risikobereitschaft sich selbst und sein Können, Wissen, seine Begabungen einsetzt und vermehrt. Es ist der Segen einer guten Zusammenarbeit von Menschen, der Segen einer guten Aufteilung der verschiedenen Aufgaben. Eins dürfen wir dabei nicht vergessen: Es gibt Umstände, durch die Menschen unverschuldet in Armut fallen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Und es hat auch nicht jeder Mensch dieselben Fähigkeiten. Manche Menschen vermehren ständig ihr Geld, weil sie ein gutes Händchen für die richtigen Geschäfte haben. Andere arbeiten viel, und es wird doch nicht mehr. Wir Menschen sind ganz unterschiedlich, und das ist gut so. Gerade die Unterschiede des Einkommens und die Unterschiede der Vermehrung lassen erst unsere Gesellschaft aufblühen, denn so entsteht gesellschaftliches Wachstum und ein gesunder Unternehmergeist. Dass es die andere Seite auch gibt, ist der Bibel ebenso klar. Es gibt Menschen, die mit zweierlei Maß messen, die lügen und betrügen, die mit allen Mitteln Steuern sparen und dazu bereit sind, in Grauzonen abzutauchen. Aber die sind mitten unter uns in den christlichen Gemeinden wohl ähnlich häufig zu finden wie unter „den Reichen“.

Fromm verpackter Neid

Was mich immer wieder betroffen macht, ist die Tatsache, wie viel Einfluss die Ideologien von Karl Marx und mehr noch von Friedrich Engels im evangelikalen Gemeinderaum bekommen haben. Während die säkulare Welt die Schritte vom Marxismus zum Kulturmarxismus schon längst gegangen ist, hinken wir hier mal wieder etwas hinterher. Der Marxismus spricht vom Klassenkampf, also von bestimmten, der Einbildung der der bürgerlichen Oberschicht entstammenden Ideologen Marx und Engels, Kämpfen zwischen den Klassen der Fabrikbesitzer und der Arbeitnehmer. Natürlich hat die Zeit des Umbruchs in der industriellen Revolution viel Armut hervorgebracht. Aber erstens nicht nur Armut, sondern auch viel Fortschritt, und zweitens haben wir diese Zeiten schon sehr lange hinter uns. Zumindest was unsere westliche Welt betrifft. Der Kulturmarxismus führt hingegen einen Massenkampf, in welchem einfach alles, was es gibt, als Struktur der Unterdrückung gesehen wird. Sprache, Geschlecht, Bildung, Religion, Arbeit, und so weiter. Einfach alles wird hinterfragt und irgendwie als strukturelle Unterdrückung bekämpft. Wer das kapiert hat, kann unsere Zeit viel besser einordnen.

Aber ich schweife ab: In unseren evangelikalen Kreisen sind es die Grundlagen des Marxismus, die christlich getüncht eine Rechtfertigung für das Ausleben eines fromm verpackten Neides geben. Wer dem Reichen immer mit Argwohn begegnet und in ihm etwas von Grund auf Böses sieht, hat ein Problem mit dem Neid. Neid ist eine Sünde, über die leider heutzutage viel zu schnell hinweg gesehen wird, vor allem auch deshalb, weil sie sich schlecht prüfen lässt. Doch auch wegen diesem Neid müssen wir Buße tun und allen Menschen mit der gleichen Offenheit und Freundlichkeit begegnen, ohne Ansehen der Person. Leider hat das Denken von Unterdrückung der weniger Reichen durch Reichere unsere Kultur dermaßen vergiftet, dass wir wieder ganz neu darüber nachdenken müssen. Wir sind uns gewohnt, möglichst viele Aufgaben vom Staat abgenommen zu bekommen, und dazu auch noch das Geld dafür.

Wanted: Positive biblische Theologie vom Reichtum

Was wir brauchen, ist eine biblische Theologie des Reichtums, die für den Reichen ist, und nicht von vornherein gegen ihn. Wer mehr hat, trägt mehr Verantwortung, mit seinem Mehr verantwortungsbewusst umzugehen, und ich weiß von vielen Menschen, die das auf ganz unterschiedliche Arten tun. Einer mag mehr in seinen Betrieb investieren, weil er mehr Arbeitsplätze schaffen will. Ein anderer spendet gerne mehr und unterstützt damit gute Vereinigungen. Wer sind wir, dass wir sagen können, welcher davon das bessere Teil erwählt hat? Letztendlich muss jeder damit vor Gott und seinem Gewissen Rechenschaft ablegen können. Wie wäre es, wenn jeder von uns zunächst einmal auf sich selbst und seinen eigenen Umgang mit seinem Geld achtet, statt seinen Mitmenschen Wachhund zu spielen?

Die Bibel gibt uns viele gute (und auch einige schlechte) Vorbilder für reiche Menschen. Was können wir daraus ableiten? Nicht Geld ist die Wurzel des Übels, sondern Geldsucht, Habgier. Es ist an der Zeit, dass wir wieder anfangen, davon zu sprechen, wie wir Gottes Wort darin ernst nehmen können. Gott ist der König aller Könige, der oberste Herrscher des Universums. Ihm gehört letztlich aller Besitz, auch jeder von uns Menschen. Wir können viel Gutes zum Thema von der protestantischen Arbeitsethik lernen. Das dürfen wir wieder ganz neu entdecken. Gott möchte uns segnen. Und vielleicht schickt Er uns dann auch bestimmte Menschen in unsere Gemeinden, wenn sie merken, dass sie gar nicht mehr so argwöhnisch beobachtet werden, weil sie mehr haben als andere. Und es gibt natürlich auch schon viele christliche Unternehmer, die viel Zeit, Arbeit, Kraft und Geld investieren, um zu Gottes Ehre dieses Wachstum zu erleben. Ihnen allen an dieser ein ganz großes DANKE!

Buchtipp: Der Tyrann

Der Tyrann von Stephen Greenblatt

Greenblatt, Stephen, Der Tyrann: Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert, Siedler Verlag München, 1. Aufl. Sept. 2018, 220S., Verlagslink, Amazon-Link

Da ich diesen Herbst / Winter dabei bin, die wichtigsten Werke von Shakespeare zu lesen, fand ich es ganz passend, dieses neu erschienene Buch zu lesen. Zumindest der Einband versprach durchaus auch neue Sichten auf unsere Zeit, so war ich gespannt darauf, was uns Greenblatt zu berichten hat.

Stephen Greenblatt ist einer der wichtigsten Shakespeare-Forscher unserer Zeit, und das zeigt er im Buch auch immer wieder. Er stellt unter Beweis, wie geläufig ihm die Werke des großen Künstlers sind, der vor 400 Jahren erstaunlich viele Stücke geschrieben hat. Als Shakespeare-Forscher ist Greenblatt wirklich in einer sehr guten Position um ein Buch zum Thema zu schreiben. Der Klappentext verspricht neue Einsichten darüber, was uns Shakespeare „über Trump, Putin & Co.“ zu sagen hat.

Gut gefallen haben mir die Ausführungen des Autors, als er die innere Entwicklung von Shakespeare nachzeichnet, die sich in den Stücken nach und nach niederschlägt. Auch gibt es viele Hinweise auf die Zeit, in welcher er lebte. Geschichtliche Hintergründe finde ich oft hilfreich, um die Person im Mittelpunkt des Buches besser zu verstehen. In diesem Fall ist jedoch vieles eigentlich allgemein bekannt, sodass es eher eine kurze, knackige Wiederholung des Geschichtsunterrichts ist.

Doch auf Trump, Putin & Co. habe ich vergeblich gewartet. Das war der eigentliche Grund, weshalb mich das Buch besonders interessiert hat: Eine Auseinandersetzung mit den Argumenten Shakespeares, inwieweit sich seine Machtkunde als richtig erwiesen hat. Eine Evaluation seiner Stücke im Hinblick auf Tyrannen, die nach dem Tode Shakespeares tatsächlich durch diese Methoden, die er beschrieben hatte, zur Macht gekommen sind. Mit einigem Goodwill lässt sich da das Eine oder Andere schon so hinbiegen. Der Leser muss sich halt selbst damit beschäftigen. Doch damit fehlt mir die eigentliche Aufgabe, die sich das Buch laut Klappentext selbst gestellt hat.

Wenn ich einen Kommentar zu den Werken Shakespeares lesen möchte, würde ich nicht zu einem dünnen, etwas mehr als 200-seitigen Büchlein greifen. Da gibt es genügend andere Literatur, die sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte an den Meister des Theaters gewagt hat. Greenblatt arbeitet zwar durchaus manche Mechanismen heraus, die es einem Tyrannen erleichtern, an die Macht zu kommen. Aber auch davon gibt es bei Shakespeare eine ganze Menge. Es wäre hilfreich, wenn sich der Autor etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen wagte und zu verschiedenen späteren Tyrannen des 20. und 21. Jahrhunderts aufzählen könnte, wann und wo welche dieser Mechanismen angewandt wurden.

Fazit:

Ein kurz gehaltenes Buch mit einer guten zeitgeschichtlichen Einführung zu Shakespeare und einigen guten Gedanken zu seinen unterschiedlichen Protagonisten, die zu Tyrannen wurden. Leider geht der Autor gar nicht – wie im Klappentext versprochen wird – auf die Machterlangung in unserer Zeit ein. Er bleibt die ganze Zeit bei Shakespeares Werken und seiner Zeit. Ich gebe dem Buch 3 von 5 Sternen.

Buchtipp: Verborgen

Verborgen von Anna Simons

Simons, Anna, Verborgen, Penguin Verlag München, 1. Aufl. Okt. 2018, 432S., Verlagslink, Amazon-Link

Was geschieht, wenn die neue Gefängnisärztin noch vor ihrem Dienstantritt am neuen Wohnort in einen Kriminalfall verwickelt wird, der einen ihrer zukünftigen Patienten betrifft? Richtig – sie hilft der Polizei, diesen zu lösen. Dr. Eva Korell war noch dabei, sich in München einzuleben, als sie Erste Hilfe leisten muss. Die Frau, der sie hilft, ist mit einem der Insassen des Gefängnisses verheiratet, in welchem sie als Ärztin arbeiten wird. Sie bittet Eva um Hilfe, die sie zunächst ablehnt. Doch gegen ihren Willen wird sie immer tiefer in dessen Geschichte verwickelt, was am Ende sogar zu ihrer Entführung führt. Mit Ehre, Leib und Leben versucht sie, die Opfer zu beschützen, doch die Falle schnappt zu, und wer weiß, was ohne das rechtzeitige Eintreffen der Polizei noch alles geschehen wäre…

Unter den gut 80 Büchern, die ich dieses Jahr bereits gelesen habe, ist dies ein ganz spezieller Leckerbissen für mich. Ich hätte nie gedacht, als ich die Beschreibung des Buches las, dass mich dieses so überzeugen würde, aber bislang ist das der beste Roman meiner diesjährigen Lesezeit. Ich habe noch selten einen Krimi gelesen, wo einfach alles gepasst hat: Der Spannungsbogen bleibt konstant erhalten, der Leser taucht in den ersten Seiten mitten ins Geschehen ein, und die Charaktere sind mit einer wirklich umwerfenden Echtheit – mit allen Ecken und Kanten menschlichen Lebens – entworfen und gestaltet. Gerade dieser letzte Punkt macht für mich viel aus. In den meisten Büchern klingen alle Figuren gleich, haben außer ihrer Biographie kaum ein echtes Eigenleben. Das ist mir bei früheren Autoren wie Charles Dickens oder William Shakespeare besonders bewusst geworden, weil diese Autoren sich immer viel Mühe gegeben haben, ihre Figuren sehr individuell und verschieden klingen zu lassen. Das ist mir auch im Roman von Anna Simons aufgefallen.

Der Spannungsbogen wird mit Gesprächen aus unterschiedlichen Sichtweisen aufrecht erhalten. Zwischendurch telefoniert der Bösewicht, aber der Leser hat keine Ahnung, um wen es sich handelt. Auch die Beschreibung der Gewalt hält sich wohltuend in Grenzen. Wer mich kennt, weiß, dass mir das wenig ausmacht, wenn es graphische Beschreibungen davon gibt, aber zu viele Autoren schwelgen dann geradezu darin. Das finde ich dann eher abstoßend. Zu einem Krimi gehört ein gewisses Maß an Kriminalität und Gewalt, aber mehr als dieses Maß ist überflüssig. Meines Erachtens hat die Autorin in diesem Buch genau das richtige Maß davon getroffen. Amüsant fand ich, dass sich im Buch bereits so etwas wie eine vorsichtige, zurückhaltende Beziehung anbahnt. Auch das lässt wohl so manchen Leser auf die Fortsetzung warten. Schließlich will man wissen, wie das weiter geht.

Wenn man das Buch, die Story insgesamt, befragt, was die Autorin der Welt mitteilen möchte, so sind das insbesondere zwei Dinge: Gerechtigkeit siegt. Wer Unrecht begeht, wird irgendwann davon eingeholt, macht Fehler, wird ungeduldig und süchtig nach mehr davon und manövriert sich irgendwann unvorsichtig in eine Situation, in welcher sein Unrecht bekannt wird. Und zweitens: Biographie prägt. Der Übeltäter – so verantwortlich er für sein Handeln ist – war in seiner Kindheit und Jugend selbst das Opfer anderer Menschen. Anna Simons versucht damit nicht, sein Unrecht herunterzuspielen oder zu relativieren, zu entschuldigen oder den Fehler anderen in die Schuhe zu schieben. Aber ihr Appell ist klar: Was wir tun, hat Folgen. Was wir anderen Menschen antun, wird sie ein Stück weit prägen. Lasst uns deshalb auf unsere Handlungen besser achtgeben!

Fazit:

Die Autorin, die ich auch unter anderen Namen bislang noch nicht kannte, ist eine echte Entdeckung für mich. Ich kann das Buch jedem Krimifan empfehlen und bin gespannt, wie die Serie in einem Jahr weitergeht. 5 von 5 Sternen.

Wie suche ich mir das richtige nächste Buch aus?

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel, schnell und effektiv lese. Als Kind hatte ich die Idee, alles lesen zu wollen, was mir in die Finger kam, doch spätestens Mitte Gymnasium wurde mir klar, wie wertvoll meine Lesezeit ist und wie sehr ich mich noch werde beschränken müssen. Da entstand – und blieb bis heute – die Idee vom richtigen oder besten nächsten Buch. Lange Jahre der Erfahrung, Trial and Error, viele Enttäuschungen und weggelegte Bücher haben mich ein paar Grundregeln der Bücherauswahl gelehrt. Anhand von fünf Fragen möchte ich das einmal verdeutlichen:

1. Wer bin ich?

Die wichtigste Frage dabei ist: Wer bin ich? Ich sollte ja das nächste Buch lesen, und nicht irgendwer, nicht eine idealisierte oder sonstwie manipulierte Version meiner selbst. Das Lesen vieler Bücher zeigt uns immer mehr, wer und wie wir selber sind. Wir lernen uns so immer besser kennen. Ich möchte mich nicht zwingen, ein Buch gut finden zu müssen, nur weil die Person XY es gut gefunden hat. Da ist jeder einfach anders gestrickt, und nur wenn wir lernen, ehrlich zu uns selbst zu sein, können wir das Lesen auch so sehr genießen.

2. Wer ist mir ähnlich, wer überhaupt nicht?

Zu den meisten Themen ist die Auswahl an Büchern nahezu grenzenlos. Wir Menschen sind oft sehr unterschiedlich, und das ist gut so. Wir finden Menschen, die uns ähnlich sind und andere überhaupt nicht. Ich persönlich bin jemand, der dicke, umfassende Bücher bevorzugt. Ich lese lieber 1200 Seiten in einem Buch, welches versucht, das Thema, die Person oder die Geschichte möglichst umfassend zu beschreiben. Stattdessen sechs dünne Booklets à 200 Seiten zu unterschiedlichen Facetten desselben sind mir enorm unsympathisch. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich lieber den dicken Schinken. Und ich habe gelernt, in vielen Bereichen die Leser und Rezensenten in hilfreiche Schubladen zu packen, damit ich weiß, welcher Schreibstil mir mehr und welcher weniger zusagt.

3. Was ist mein Ziel mit dem nächsten Buch?

Ein Ziel, das ich immer habe, ist, von allen Menschen zu lernen. Daneben braucht jedoch jedes Buch auch noch weitere Ziele. Was will ich mit dem Wissen aus dem Buch machen? Ich lese schon lange keine Bücher „nur zur Unterhaltung“. Dafür fehlt mir die Zeit. Somit gibt es Ziele wie etwa mein Wissen zu erweitern, indem ich eine ganze Weile zu einem ähnlichen Thema verschiedene Bücher lese. Oder ich möchte wissen, wie sich ein Autor im Laufe seines Lebens verändert hat. Dieses Ziel festzulegen hilft mir sehr dabei, die Auswahl der Bücher weiter einzuschränken. Nach den drei ersten Fragen sind selten mehr als drei Bücher vorhanden, zwischen welchen ich mich entscheiden muss.

4. Was hat dieses Buch bewirkt?

Bevor ich mich für ein Buch entscheide, befasse ich mich zumeist noch mit der Frage, was dieses Buch bewirkt hat. Welche Diskussionen hat es aufgeworfen? Welche Fragen sind bei anderen Lesern nach der Lektüre noch offen geblieben? Konnte es anderen Lesern die Fragen beantworten, die ich beantwortet haben möchte? Hat das Buch bestimmte Vorurteile zu festigen gesucht? Hat es Menschen zu einem bestimmten Verhalten gebracht? Je neuer ein Buch ist, desto weniger tief kann man in die Wirkungsgeschichte eintauchen.

5. Wer ist der Autor? Wann hat er es geschrieben?

Menschen durchlaufen vielfach Veränderungen im Laufe ihres Lebens. Wie hat sich der Autor verändert? In welcher Phase seines Lebens hat er dieses bestimmte Buch geschrieben? Hat er sich später noch einmal dazu geäußert? Wie stehe ich zu dem, was er dazu gesagt hat? Mag ich den Schreibstil des Autors? Ist er mir zu trocken oder zu emotional oder zu manipulativ oder ähnliches?

Das sind viele Fragen auf einmal. Zum Schluss noch zwei Gedanken dazu: Die meisten Fragen lassen sich mit etwas Übung in Sekundenbruchteilen unbewusst beantworten. Man entwickelt mit der Erfahrung eine Art Intuition, die viele dieser Fragen abhaken, ohne dass man sich die Fragen bewusst stellt. Und zweitens, was wohl aufgefallen sein wird: Ich misstraue der Amazon-Leser-Schwarmintelligenz zutiefst. Ich achte nicht einfach auf den Verkaufsrang oder die Bewertungen, sondern scrolle durch die Rezensionen, picke ein paar für mich persönlich wichtige davon heraus, und gewichte sie neu. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Um es kurz zu machen: Marcus-B. Hübner meinte kürzlich auf Twitter dazu: „Es geht nicht darum, viele Bücher zu lesen, sondern die richtigen. Aber je mehr du liest, desto sicherer findest du die.“ (Marcus-B. Hübner) Einfacher und treffender kann ich das auch nicht formulieren. Amen dazu!

Buchtipp: Die Mächtige

Die Magie der tausend WeltenDie Maechtige von Trudi Canavan

Canavan, Trudi, Die Magie der tausend Welten. Die Mächtige, Blanvalet Verlag München, 1. Aufl. Sept. 2018, 704S., Verlagslink, Amazon-Link

Die australische Autorin Trudi Canavan schreibt Fantasy-Bücher, und dies wirklich mit großer Phantasie. Das vorliegende Buch ist der dritte Band einer mehrteiligen Serie namens „Die Magie der tausend Welten“. Wenn man die übrigen Bände nicht kennt, ist etwas Zeit nötig, um sich in den tausend Welten zurechtzufinden. Doch nach den ersten 50 Seiten ist das Wichtigste bekannt. Die Geschichte ist in sich selbst abgeschlossen und kann deshalb auch gut für sich allein gelesen werden. Ob es auch eine weitere Geschichte hinter den Bänden gibt, kann ich nicht beurteilen, vermute es allerdings schon.

In den tausend Welten gab es für tausend Jahre einen Herrscher, den Valhan. Er war der mächtigste aller Magier, und um seine Macht zu sichern hat er sein Leben selbst beendet, in der Gewissheit, dass seine untergebenen Magier ihn wieder zu Leben und Macht erwecken würden. Die Thronfolgerin ist Rielle, die vor der Verantwortung des Herrschens zurückschreckt und sich weigert, in seine Fußstapfen zu treten. Nun gibt es verschiedene Gruppen, die eine unterschiedliche Vorstellung davon haben, was mit dem Machtvakuum geschehen soll. Ist es Rielles Aufgabe? Soll der Valhan auferweckt werden? Sollen die vom Valhan in seiner Hand gespeicherten Informationen auf eine andere Person übertragen werden? Oder soll es gar keinen Herrscher mehr geben? Um diese Fragen entbrennt der Streit, der in diesem Band geschildert wird.

Canavan hat wirklich eine große Phantasie. Sie erschafft viele verschiedene Welten und stellt dabei richtig gute Fragen an unsere Zeit. Für mich war der größte Teil des Buches ein Genuss, weil ich viel zum Nachdenken angeregt wurde. Es werden Überlegungen über verschiedene Regierungsformen und deren Abwesenheit angestellt, über Kriege und deren Notwendigkeit, und vieles mehr. Ein kleines Beispiel dazu: Tyen hatte mechanische „Insektoiden“ gebaut, die mit „mechanischer Magie“ (mehr dazu weiter unten) angetrieben werden. Andere hatten diese Erfindung weiter entwickelt und Kampfinsektoiden gebaut, die für Kriege eingesetzt werden können. Dies wollte Tyen jedoch überhaupt nie erreichen. Er überlegt sich, ob er solche Maschinen bauen kann, die feindliche Insektoiden abwehren und zerstören können. Sein Assistent Zeke meint dazu: „Es wird sehr schwer werden, eine Maschine zu bauen, die entscheiden kann, was sie zerstört und was sie nicht weiter beachtet.“ (S. 396) Hier haben wir das Problem, das sogenannte „künstliche Intelligenz“ immer haben wird. Es wird der KI nie möglich sein, tatsächlich zwischen gut und böse zu entscheiden.

Eine Sache fand ich sehr schwierig, nämlich dass die Autorin den Begriff „Magie“ so oft und mit so unterschiedlichen Vorstellungen parallel benutzt. Mindestens drei verschiedene Bedeutungen hat Magie in diesem Buch: 1. Magie ist Macht 2. Magie ist Energie 3. Magie ist übernatürliche Fähigkeit. Aber es geht noch weiter: Magie ist auch noch eine Substanz, undefinierbar, die in bestimmten Bereichen stärker vorhanden sein kann denn in anderen. Magie kann hergestellt, entzogen, an sich genommen und abgegeben werden. Gerade weil „Magie“ für so viele unterschiedliche Dinge benutzt wird, dass es etwa auch eine Art mechanischer Magie gibt, das macht die ganze Sache so unnötig kompliziert und – für mich zumindest – über manche Strecken schlicht und einfach langweilig. Das war auch der Grund, weshalb ich nach diesem Band – so interessant vieles ist – überhaupt kein Interesse habe, die übrigen Bände auch noch zu lesen. Das finde ich auch irgendwie schade, aber nicht zu ändern. Davon abgesehen ist das Buch spannend und leicht zu lesen.

Fazit:

Ein Buch mit vielen guten Gedanken und Fragestellungen, die auch unser heutiges Leben und Denken in Frage stellen und zum Nachdenken anregen. Alles auf eine unterhaltsame, leicht lesbare Weise verpackt. Mich persönlich hat der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Magie“ für eine Vielzahl unterschiedlicher und mitunter widersprüchlicher Inhalte abgeschreckt. Fantasy-Fans, denen dies nichts ausmacht, ist das Buch zu empfehlen. 4 von 5 Sternen.

Buchtipp: Macbeth

Macbeth von Jo Nesbo

Nesbø, Jo, Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt, Penguin Verlag München, 2018, 621S., Verlagslink, Amazon-Link

Das Hogarth Shakespeare Projekt versucht, mit zeitgenössischen Autoren die Werke von Shakespeare für unsere Zeit neu zu erzählen. Als kleine Auffrischung habe ich Macbeth im Original von Shakespeare direkt vor der Lektüre von Nesbø gelesen. Ich war gespannt, wie er die verschiedenen Details des Romans modern umsetzt. Die Geschichte ist deshalb auch schon weitgehend vorgegeben. Sie hat keinen Anspruch, etwas ganz Neues zu sein. Das sollte man sich bei solchen Projekten bewusst sein und nicht erwarten, dass dahinter so ein richtig typischer Nesbø stecken muss.

Inspektor Macbeth arbeitet bei der Polizei einer Stadt, die hauptsächlich noch von Drogen, Spielsucht und Korruption lebt. Der frühere Chief Commissioner Kenneth war ein Tyrann, der alles in seiner Hand hatte. Dann sind da noch die Norse Riders, ein krimineller Motorradclub, der die Stadt in Angst und Schrecken hält, Hecate, ein alter Mann, der die Drogen produzieren lässt und im Hintergrund alle möglichen Fäden zieht und Tourtell, der schwere Bürgermeister, der überall mitreden will, aber durch zahlreiche Abhängigkeiten gebunden ist. Und natürlich Lady, die Geliebte von Macbeth, die das beste Spielcasino der Stadt betreibt und versucht, Macbeth zu überzeugen, neuer Chief Commissioner zu werden. Banquo, sein Sohn Fleance. Angus, Lennox, Caithness und Duff, der bei Shakespeare Macduff heißt, sind weitere Personen, die ihre Namen und Rollen bereits im 400 Jahre alten Original erhielten.

Man kann unterschiedlicher Meinung über Sinn und Unsinn von Neuerzählungen älterer Geschichten sein. Ich sehe Vor- und Nachteile darin. Und natürlich muss sich jeder Autor, der eine solche Aufgabe übernimmt, auch die Frage stellen, was von der Geschichte gleich bleiben soll und was man davon modernisiert. Die Mordwaffe ist ungefähr dieselbe geblieben. Hat Shakespeare Macbeth noch seine Feinde mit dem Dolch erstechen lassen, nimmt der moderne Macbeth Messer, die er werfen kann. Da fand ich es unglaubwürdig, dass kaum jemandes Verdacht auf ihn fiel und er zumindest die längste Zeit des Buches fortfahren konnte. Nesbø hat versucht, möglichst nahe am Original zu bleiben, indem er Namen, Waffen und anderes mehr beibehielt. Das ist durchaus lobenswert, wenn er sich bloß dabei nicht in solche Widersprüche verstricken würde.

Richtig gut umgesetzt fand ich die Verwandlung von Macbeth vom unsicheren, einfachen Polizisten zum herrischen Tyrannen. In Macbeth geht es um die Gier, die Herrschsucht, den Machthunger, der mit der Zeit derart zunimmt, dass er zur totalen Verblendung führt. Macbeth will eigentlich nur das Beste für seine Stadt. Chief Commissioner Duncan war zu schwach, um die Stadt aus ihrem Elend zu führen, in das sein Vorgänger Kenneth sie geführt hatte. Zumindest aus der Sicht von Lady, dann auch von Macbeth. Ein Mord führte zum nächsten Mord, eine Lüge zu einer weiteren, und das Ringen um Macht hinterlässt eine breite Blutspur. Doch wer hat eigentlich das Sagen? Hecate, der die Menschen gut einzuschätzen weiß und überall Spione hat? Bürgermeister Tourtell? Oder der Chief Commissioner, der im Falle eines Notstandes die vollständige Immunität und Befehlsgewalt erhält? Der Autor nimmt seinen Leser in das Gewirr von Korruption, Erpressung, Kriminalität und Drogensucht hinein, ein Strudel, der sich verdichtet und erst ganz am Schluss entwirrt sich das Ganze.

Wie ein Tintenfisch umfängt die Gier den Protagonisten – mit allen Armen und Tentakeln reißt sie ihn in die äußerste Finsternis menschlichen Daseins. Macbeth wird sich selbst zum größten Feind, weil er sich so blind seiner eigenen Verderbtheit in den Rachen wirft. Hier wird aber auch die größte Stärke zur größten Schwäche des Buches. Es ist eine Adaptation einer 400 Jahre alten Geschichte und ist für eine Leserschaft des 21. Jahrhunderts geschrieben. Was Nesbø nicht gelingt, ist die Übersetzung des Shakespeare’schen Denkens – und ich bezweifle offen gesagt auch, dass sich der Autor dieses Denken tatsächlich verinnerlicht hat. Zu plump sind manche seiner Formulierungen am Original angelehnt. Der Leser, welcher Shakespeares Version kennt, fühlt sich zwischen den beiden Zeiten hin- und hergerissen. In keiner der beiden Zeiten scheint sich die Geschichte wirklich zu spielen. Für den Leser des 21. Jahrhunderts wäre entweder das Denken Shakespeares besser zu erklären (sei es im Vorwort, in Fußnoten oder einfach durch besser erklärende Formulierungen im Text), oder die Sprache und das Denken komplett an die heutige Zeit anzupassen (was ich persönlich schade fände, denn einen politisch korrekten Macbeth braucht keiner…). Ich kann die heutigen Leser, die vom Buch enttäuscht sind, verstehen, denn es braucht einiges an gedanklicher Vorbereitung, um im Leben und Denken des frühen 17. Jahrhunderts anzukommen. Dennoch möchte ich jene Leser herausfordern, den originalen Macbeth zu lesen und dann zu versuchen, Nesbø besser zu verstehen. Ich glaube, das ist es wert.

Fazit:

Jo Nesbø ist mit Macbeth ein Werk gelungen, das dem Original in einem modernen Setting sehr nahe kommt. Es ist spannend geschrieben, orientiert sich jedoch vom Denken und mancher Formulierung ebenso am Original, sodass es dem Autor nicht gelingt, die Brücke ins Denken des westlichen 21. Jahrhundert zu schlagen. Der Leser müsste sich zunächst in die Weltanschauung Shakespeares einarbeiten, um das Buch richtig einordnen zu können. Ich gebe 4 von 5 Sternen.

Buchtipp: Der Outsider

Der Outsider von Stephen King

King, Stephen, Der Outsider, Heyne Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 748S., Verlagslink, Amazon-Link

Nachdem ich von „Sleeping Beauties“ nicht wirklich überzeugt wurde, ist „Der Outsider“ endlich wieder ein King-Roman, der tatsächlich an den „Meister des Horrors“ erinnert, von dem ich in meiner Teenager-Zeit einige Bände gelesen hatte. „Der Outsider“ ist ein Buch, das zwischen den Genres Kriminalroman und Horror wechselt. Vordergründig geht es um ein schreckliches Verbrechen, das in der Kleinstadt Flint City geschah. Verdächtigt wurde der allseits beliebte Baseball-Trainer und Englischlehrer Terry Maitland. Doch er wurde an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen: Kurz vor und nach dem Verbrechen in Flint City, aber ebenfalls mit vielen Augenzeugen bei einer Lehrerkonferenz, weit entfernt von der Kleinstadt. Kann sich der Verdächtige zugleich an zwei Orten aufhalten? Beide Orte weisen sichtbare Spuren von Maitland auf. Die DNA an der Leiche stimmt mit seiner überein, aber an der Konferenz wird er gefilmt und hat unbewusst einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Auf der Suche nach der Wahrheit finden Ralph Anderson und sein Team noch weitere ähnlich mysteriöse Fälle, bei welchen der Täter zugleich auch an einem anderen Ort gewesen war. Die Spur führt letzten Endes zum „Outsider“, einem Monster, das von der Trauer und dem Schmerz seiner Opfer lebt. Als sie es stellen, bleibt am Ende nichts als ein Haufen weißer Maden übrig, gleich denen, die Ralph einstens beim Aufschneiden einer Melone fand.

Der Leser ist beim Einstieg gleich mitten im Geschehen: Eine schrecklich zugerichtete Leiche wurde gefunden. Mehrere Einwohner der Kleinstadt haben den Verdächtigen an besagtem Tage gesehen. Bei den Zeugenvernehmungen zieht sich alles in die Länge. Der Verdächtige wird im großen Stil während des wichtigsten Baseballspiels der Saison festgenommen. Gegen Ende des Buches – ungefähr im letzten Viertel – steigt die Spannung noch einmal richtig an. Dazwischen schwankt sie über weite Strecken, doch auch hier sorgt King dafür, dass sie immer so weit erhalten bleibt, wie es nötig ist. Wenn ich an frühere Bücher des Autors denke, etwa an „ES“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „In einer kleinen Stadt (Needful Things)“, so ist die Spannung im Outsider in den Spitzen weniger ausgeprägt, aber konstanter vorhanden. In manchen früheren Büchern war es so, dass bestimmte Szenen so richtig aufs Gänsehautfeeling abzielten. Dazwischen gibt es dort jedoch richtige Spannungsflauten. Beim Outsider ist der Spannungsbogen besser ausgewogen, man könnte von einem reiferen Werk sprechen.

Interessant finde ich den Roman auch deshalb, weil sich King hier – wie auch sonst oft – mit dem Bösen auseinandersetzt. Das Böse lebt mitten unter uns, aber wir erkennen es nicht, weil es jede Maske annehmen kann. Allein das gibt einiges an Stoff zum weiteren Nachdenken. Gut fand ich dabei, dass das Böse nicht einfach nur ein Teil aller Menschen ist, sondern eine externe Größe, eine Art eigene Persönlichkeit. Dass King dann eine Figur aus Volkslegenden aufnehmen musste, fand ich überflüssig. Ebenso die schlussendliche Auflösung des Ganzen. Das Böse ist bei King so leicht besiegbar, dass es ausreicht, wenn sich Menschen darum kümmern. Das ist mir zu billig, da fängt die Verführung zur Selbsterlösungsreligion an. Auch die Erstellung und Charakterisierung von übersinnlichen Figuren, die das Böse darstellen sollen konnte er schon deutlich origineller und besser. Der „Outsider“ ist meines Erachtens aus Verlegenheit des Autors entstanden und passt in das Setting des Romans nicht wirklich hinein. Die übrigen Figuren sind jedoch sehr lebendig und natürlich entworfen und ausgeführt. Ganz wie man sich das bei King gewohnt ist.

Sehr schön fand ich aber den inneren Kampf in Ralph Anderson, der sich fragte, ob die Wahrheit es wert ist, dass man sie sucht, verfolgt und findet. Er könnte es auch auf sich beruhen lassen. Es sind genügend Beweise gegen Maitand vorhanden. Der Verdächtige ist tot. Ist er es wert, dass man sich alles noch einmal ganz genau anschaut und seine Unschuld vermutet? Doch am Ende siegen die Neugier und das Verantwortungsgefühl in Ralph und er ist bereit, die Wahrheit zu finden, koste es was es wolle. Selbst wenn es sein gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen sollte. Was ja dann auch geschieht. Hier können sich noch viele Menschen unserer Zeit von der Figur des Ralph Anderson eine Scheibe abschneiden.

Es ist ja schon lange bekannt, dass Stephen King viele Bezüge in seinen Büchern der Bibel entnimmt, besonders das Alte Testament fasziniert ihn. Solche Bezüge habe ich hier weniger gefunden, aber aufgefallen ist mir dennoch, dass gerade in den neueren Werken von King die Suche nach der Wahrheit eine wichtige Rolle spielt. Im „Outsider“ finden wir den Kampf zwischen einem reinen Naturalismus, der nur glauben will, was dem bisher Gewohnten entsprach, und einem Volksglauben an Monster und aus diesen beiden wird zum Schluss als Synthese eine Art kritischer Realismus, der zwar die sichtbare Realität als wahrnehmbar betrachtet, jedoch auch ernst nimmt, dass es auch Dinge geben kann, die uns Menschen anders erscheinen als die der äußeren Realität entsprechen. So ist der „Outsider“ ein Wesen, das nur fremde Formen annehmen kann, aber wenn er an und für sich – ohne diese äußere Gestalt – gesehen wird, so können die Personen im Roman nur noch einen Haufen Maden erkennen. Im Vergleich zu früheren Büchern, in welchen King oft einen Relativismus oder einen Irrationalismus vertrat, ist dieser Band ein echter Fortschritt.

Fazit:

Stephen King hat mit „Der Outsider“ ein spannendes Werk geschaffen, das an an frühere Bücher von ihm erinnert. Der Spannungsbogen ist gut gelungen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen dürfte allerdings eher irreführend denn fürs Leben hilfreich sein. King beschreibt allerdings sehr schön die ehrliche Suche nach der Wahrheit, und das gefällt mir gut. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Die große Chance des professionellen Journalismus

Die Zeiten ändern sich – und wir ändern uns in ihnen. (Kaspar Huber) Diese Weisheit aus dem 16. Jahrhundert gilt vielleicht für keine andere Zeit so sehr wie für die unsrige. Jede Veränderung wird geradezu von der nächsten verschlungen, und diese Unsicherheit macht vielen Menschen Angst. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurden immer mehr Informationen zugänglich, immer mehr Ereignisse wurden bekannt, die sich auf dem gesamten Erdball abgespielt haben. Die Globalisierung und die Digitalisierung führten zu einer Informationsflut, die dem Mediennutzer für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte den Eindruck erwecken konnte, dass sich jeder selbst informieren kann. Die vereinfachte Internetnutzung ließ uns sogar glauben, dass jeder sein eigener Journalist werden könne, wenn er nur über Ereignisse des Alltags berichte, doch schon die nächste Welle spülte die Freude darüber hinweg und das – schon lange vorhersehbare – Problem der „Fake-News“ stürzt viele Leser und Informanten in Verzweiflung.

Auch Zeitungen und Online-Nachrichtenportale haben sich verändert. In Anbetracht der zunehmenden verbalen Lautstärke von Diskussionen hat auch in der Welt des professionellen Journalismus Rauheit um sich gegriffen, sind die Grenzen journalistischer Gattungen mehr und mehr verschwommen. Häufig ist kaum noch zwischen Berichten und Kommentaren zu unterscheiden. Die Meinung des Schreibenden wurde zunehmend deutlicher in inhaltlich neutralen Texten zu bemerken. Das Selbstverständnis vieler Medienschaffender veränderte sich. Sahen sie sich früher als vierte Macht im Lande, die Machenschaften der Politiker aufdecken sollte und die Bürger über alles Wichtige, was ihn betrifft, informieren, lesen sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Zeitungen zunehmend mehr wie verlängerte Arme verschiedener politischer Parteien.

Das Aufkommen von „Fake-News“ könnte zur großen Chance für den professionellen Journalismus werden. In einer Zeit, in welcher jeder diesen falschen Nachrichten auf den Leim gehen kann, braucht es Menschen, die das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt haben, die jedoch auch genügend Zeit und Freiheiten haben, um gewissenhaft zu recherchieren, Interviews zu führen, nachzufragen und ihre Ergebnisse auszuwerten. Es ist nämlich nicht der Fall, dass es bei Nachrichten auf die Perspektive ankommt, sondern es gibt da richtig und falsch, Fake-News und True-News. Vor ein paar Tagen hat der amerikanische Professor für Journalismus Jay Rosen einen interessanten Brief an die deutschen Medien geschrieben. Man muss ihm nicht in allem zustimmen, aber viel Spannendes ist da durchaus enthalten.

Zugleich möchte ich meinen Aufruf an uns deutsche Medienkonsumenten wiederholen. Im Mai schrieb ich: „Lasst uns bitte eins nicht vergessen: Journalismus, richtig guter Journalismus kostet und er ist eine Menge wert. Wir sind uns gewohnt, alles kostenlos auf unsere Geräte zu bekommen, und denken dabei oft nicht daran, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft, Gedanken und Geld in einem einzigen Artikel stecken.“ In der Zwischenzeit wurde mir noch einmal viel bewusster, wie schnell Menschen tatsächlich in einer Filterblase landen und nur noch wahrnehmen, was sie lesen, hören und sehen wollen. Die Fake-News-Krise ist eine Chance für den guten, vielfältigen Journalismus, der sich auf seine Aufgabe als vierte Macht im Lande zurückbesinnt und bereit ist, die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven und durchaus auch kontrovers zu beleuchten. Wir Leser und Medienkonsumenten brauchen aber auch Geduld mit den Medien, damit dies geschehen kann. Wir dürfen gute Ergebnisse loben und belohnen statt auf dem weniger guten herumzureiten. Es braucht alles seine Zeit, und je mehr einzelne Journalisten auf diesem Weg gestärkt werden, desto eher wird sich etwas bewegen.

5 Arten von Reformierten

Wenn man sich so in der christlichen Szene umsieht, trifft man einige, die sich irgendwie auf die Reformation berufen und sich reformiert nennen. Es gibt jedoch ein recht breites Spektrum von Vorstellungen, die damit verbunden werden. Ich habe fünf Arten von Reformierten erkannt und versuche die dahinter stehenden Vorstellungen zu benennen und beschreiben.

1. Der Bekennformierte

Dieser Hardcore-Reformierte besteht darauf, dass sich nur reformiert nennen darf, wer alle Bekenntnisse und Katechismen bekennen, begründen, verteidigen und alle Fragen dazu beantworten kann. Westminster, Heidelberger und natürlich darf auch die Dordrechter Regel nicht fehlen.

2. Der Tulpiformierte

Das englische Akronym TULIP (Tulpe) steht für die fünf Punkte der Dordrechter Lehrregel und damit für den Calvinismus im weiteren Sinne. Der Tulpiformierte hält vor allem für wichtig, dass diesen fünf Punkten zugestimmt wird: Totale Verderbtheit des Menschen, Bedingungslose Erwählung, Beschränktes Sühnwerk, Unwiderstehliche Gnade und Beharrlichkeit der Gläubigen.

3. Der Resolierte

Nicht mehr ganz fünf, aber doch immerhin noch vier bis viereinhalb Punkte sind dem Resolierten wichtig: Die vier Sola: Sola Scriptura, Sola Gratia, Sola fide, Solus Christus. Allein die Schrift, allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein von Christus. Und wer noch mehr bezeugen will, nimmt den viereinhalbten Punkt auch noch dazu: Soli Deo Gloria, allein zu Gottes Ehre. Der Komponist Johann Sebastian Bach unterschrieb seine Werke mit der Signatur S.D.G., was die Kurzform davon ist.

4. Der Reformandierte

Eine weitere Spezies ist der Reformandierte, dem an der Reformation das Wichtigste ist, dass sie immer weitergehen soll. Egal wie, Hauptsache anders als bisher. Gerne in gutem Einklang mit dem Zeitgeist, sei es als Deutsche Christen vor einigen Jahrzehnten oder als gutbürgerliche Lutherkritiker und Postevangelikale unserer Tage. „Ecclesia semper reformanda“ ist sein Schlagwort: Die Gemeinde sei beständig zu reformieren.

5. Der Reformuzzer

Die letzte Gruppe von Reformierten weiß zumeist sehr wenig über die Reformatoren und die Lehren der Reformation, aber das ist nicht so wichtig. Der Reformuzzer muss nur wissen, dass es etwas gab, wogegen die Reformatoren waren. Da der Reformuzzer sowieso meist gegen alles ist, wird ihm Luther zum Genossen, zum Kampfgefährten und Freund.

Wer sich nicht sicher ist, in welche dieser Schubladen er passt, möge sich ein wenig umhören und eine Umfrage starten. Reformierte von Typ 1 wissen üblicherweise, wo sie hinpassen. Auch ohne Umfrage. Wer die Umfrage braucht und auf die Mehrheit hört, wird wohl am ehesten Typ 4 oder 5 zuzuordnen sein, während Typ 2 und 3 die Umfrage gerne starten, sich am Ende aber nicht unbedingt um das Ergebnis scheren.

Buchtipp: Warum Glaube großartig ist

Warum Glaube grossartig ist von Daniel Boecking

Böcking, Daniel, Warum Glaube großartig ist. Mein Glück mit Jesus, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2018, 221 S., Verlagslink, Amazon-Link

Daniel Böcking is back – mit einem neuen Buch. Eigentlich war er ja nie weg, immer wieder gab es Texte von ihm auf BILD.de und in den sozialen Medien. Aber auf dieses Buch habe ich mich schon eine Weile gefreut – seit jenem Moment, in welchem ich lesen konnte, dass es diesen Sommer veröffentlicht würde. Woher diese Vorfreude? Ich wusste eines: Wenn dieser Mann, der dazu auch noch stellvertretender Chefredakteur von BILD online ist, ein Buch schreibt, dann wird es von Jesus übersprudeln. Er hat eine Freude und eine Einfachheit des Glaubens, die ich mir in christlichen Büchern häufiger wünschte. Ich war gespannt, ob ich in allen Aussagen mit ihm mitgehen könnte (dazu später noch mehr), aber in erster Linie freute ich mich darauf, von ihm und seinem Glaubensweg zu lesen. Und das war echt wohltuend. Immer wieder fühlte ich mich in die Zeiten vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als ich so manches Erlebnis hatte, das in eine ähnliche Richtung ging.

Man kann das Buch in drei Teile gliedern: Eine Einführung, einen Hauptteil und einen Schluss. In der Einführung erzählt Böcking nach einem ausgeschriebenen Gebet ein wenig von ihm. Wer sein erstes Buch gelesen hat, dem wird manches schon bekannt sein. Er geht darauf ein, welche Vorurteile er vor seiner Bekehrung den Christen gegenüber hatte und stellt insbesondere sechs Überraschungen vor, welche er kennen lernte, als er sich mit dem christlichen Glauben und den christlichen Gemeinden und Menschen befasste. Diese sechs Überraschungen bestimmen dann auch die Gliederung seines Hauptteils, in welchem er viel von seinen Erlebnissen berichtet, die er in diesen Jahren seit seiner Bekehrung hatte. Der Schluss ist eine 10-Wochen-Challenge, mit welcher er versuchen möchte, Menschen dazu zu bringen, den christlichen Glauben besser kennen zu lernen.

Schön finde ich, wie der Autor nicht davor zurückschreckt, den Glauben als vernünftig und nachvollziehbar zu beschreiben. Der Leser wird geradezu herausgefordert, die Gründe dafür zu prüfen und sich selbst auf die Suche zu machen. Besonders ist dafür auch die Challenge am Schluss zu empfehlen. Die Einladung dazu ist geradezu entwaffnend simpel und authentisch. Das Buch besteht aus sehr vielen persönlichen Berichten und versucht auch, die Unterschiede der verschiedenen Denominationen zu erklären. Das fand ich sehr gut.

Auf der anderen Seite gibt es zwei Punkte, die ich eher schwierig fand. Der erste hat mit der Sprache zu tun, und zwar versucht Böcking, so einladend und allgemein, positiv und beliebig zu bleiben, dass am Ende vieles gleichgültig wird. Die Unterschiede werden nur noch wahrgenommen, aber es findet keine klare Beurteilung statt. Ich kann verstehen, dass man gern so happy-clappy in Friede-Freude-Eierkuchen bleibt, aber es geht dabei die Ernsthaftigkeit der Unterschiede verloren. Wer mit allen nur gut stehen will – um jeden Preis – wird am Ende mit niemandem gut stehen. Allerdings muss ich zu diesem Punkt auch hinzufügen, dass dies vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor noch zu wenig lange Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass die Zeit und die Erfahrung, sowie das weitere ernsthafte Bibelstudium, ihn auch in diesem Punkt noch weiter bringen wird.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und betrifft die Empfehlung eines Buches sowie jene bestimmter Gebetspraktiken. An einer Stelle wird ein Buch des Autors Anselm Grün positiv erwähnt, dessen Schriften bei mir nach wie vor nur zwischen Rudolf Bultmanns entmythologisierender „Theologie des Neuen Testaments“ und Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ zu finden sein werden. Auch meditative Gebetspraktiken, die fernöstliche Meditation zu verchristlichen suchen, kann ich nicht guten Herzens empfehlen. Doch auch hier bin ich der Überzeugung, dass weitere Recherchen mit Bibel und Gebet Böcking eine weitere Erkenntnis schenken werden.

Fazit:

Daniel Böcking schreibt in seinem Buch „Warum Glaube großartig ist“ sehr viel Schönes und Gutes. Es macht viel Freude, seine – oft auch selbstkritischen – Berichte von seinen Abenteuern in der deutschen Gemeindelandschaft zu lesen. Bis auf zwei oben erwähnte Punkte möchte ich „Warum Glaube großartig ist“ jedem Interessierten sehr empfehlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sterne.