Asoziale Medien, künstliche Dummheit und die Krise der Demokratie

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die sogenannten „sozialen Medien“ würden die Demokratie stärken. Jeder, der möchte, kann sich anmelden, kann mitreden und am Dialog teilhaben, der da stattfindet. Vor diesen Medien war das Internet eine einseitige Sache: Wer es konnte, stellte Content online, andere konsumierten ihn. Austausch fand via Online-Formulare und e-Mail statt. Mailing-Listen und rudimentäre Online-Foren waren Vorläufer der Social Media.

Darauf folgten erste Content-Management-Systeme (CMS), die das Erstellen und Pflegen von Inhalten erleichterten und quasi jedem zugänglich machten. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Versuche mit Mambo (später Joomla!) vor 17 Jahren. In einem aufwendigen Backend lassen sich AddOns wie Gästebücher, Formulare, Foren, Bildershows und vieles mehr sowie eine komplexe Benutzerverwaltung mit verschiedensten Rechten einrichten. Aus solchen Websites entstanden Communities („Gemeinschaften“) von Menschen mit ähnlichen Zielen oder Interessen, welche dann wiederum durch Wachstum zu den „sozialen Medien“ mutierten.

Diese „Mutanten“ lassen sich heutzutage kaum noch aus dem Leben vieler Menschen wegdenken. E-Mails werden durch „Nachrichten“ oder „DMs“ ersetzt, man kann in Echtzeit sehen, wer was schon gelesen hat, man kann sich bei Inhalten bestimmter Freunde noch speziell informieren lassen, und vor allem: Man ist immer nah an den „Trends“. Algorithmen durchsuchen die Medien und informieren ständig über die Begriffe, die gerade häufig benutzt werden. Beiträge mit vielen Interaktionen werden besonders belohnt, indem sie an zentralen Stellen erscheinen und dadurch noch mehr Aufmerksamkeit erlangen.

Was nun aber automatisch passiert, ist Folgendes: Diese Algorithmen sind nämlich Teil der „Künstlichen Dummheit“ (naive Nasen nennen das auch „Künstliche Intelligenz“, aber dazu sind mir die Funktionsweisen jener Formeln und Programme zu simpel – auch wenn sie lernen können, aber auch der „Pawlowsche Hund“ lässt sich dazu konditionieren; der frühste Moment, in welchem ich bereit bin, etwas „Künstliche Intelligenz“ zu nennen, wäre dann, wenn sich das Programm aus ethischen Gründen weigert, den Befehl seines Programmierers auszuführen) was also diese Algorithmen in den Sozialen Medien machen, ist eine Selbstverstärkung, die zur Übersteuerung führt. Und weil in den „Sozialen Medien“ vor allem negative Schlagzeilen viel Aufmerksamkeit bekommen, funktionieren diese Algorithmen als Verstärker der negativen Schlagzeilen – man nennt das dann „Shitstorm“ – und so werden die „Sozialen Medien“ plötzlich zu asozialen Medien. Es wird nur noch der lauteste Wetterer bemerkt, und weil man sich in dem Gepfeife der Selbstverstärkung nur noch schreiend bemerkbar machen kann, versuchen immer mehr User, diese Medien mit lauten, polemischen und negativen Schlagzeilen zu füttern, um zu zeigen, dass sie auch noch da sind. Der Benutzer wird – gleich dem Pawlowschen Hund – zur Lautstärke und zur Polemik konditioniert.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die sozialen Medien würden die Demokratie stärken. Für Länder mit Diktaturen ist das tatsächlich mitunter der Fall. Im freien Westen hingegen sind sie mitverantwortlich für eine Krise der Demokratie. Der größte Politclown unserer Zeit, Donald Trump, ist kein „Selfmade Man“, sondern ein „Socialmedia-made Man“, einer, der die gesellschaftszersetzende Wirkung der Social Media verstanden hat und sie auszubeuten weiß. Mit immer neuen absurden Tweets hält er seine Fans und Gegner beständig in Bewegung, Zustimmung und Ablehnung im richtig großen Maße. Er weiß, dass jeder Shitstorm, den er gegen sich selbst zu generieren weiß, nur Vorteile für ihn haben können. Sie halten ihn in aller Munde. „All PR is good PR“, weiß der Amerikaner.

Gerade die selbstverstärkende Funktion der sozialen Medien machen aus einem demokratischen Instrument ein demokratiegefährdendes Instrument. Jeder kann sich anmelden, jeder kann mitreden, das sind gute Eigenschaften. Aber Empörung schlägt höhere Wellen als Zustimmung. Deshalb gibt es auch keine Anti-Shitstorms. Der Empörte greift viel schneller zu seinem Gerät, um die Empörung loszuwerden als jener, welcher im Grunde zustimmt. Zustimmung behält man eher für sich, Ablehnung äußert man. Und so sind Shitstorms auch nur pseudodemokratische Machtmittel, das dazu dient, mehr oder weniger absichtlich einem Menschen langfristig großen Schaden zuzufügen. Am Shitstorm „teilnehmen“ kann nur, wer in den sozialen Medien angemeldet ist, wer zur Zeit des Shitstorms gerade eingeloggt ist und wer dem Shitstorm zustimmt (bzw. mit-empört ist). Es gibt bis dato keinen Button, mit welchem man sich aktiv gegen einen Shitstorm äußern kann. Diese Äußerung muss viel aufwendiger mit einem eigenen schriftlichen Text erfolgen und hat kaum Chancen auf allzu weite Verbreitung.

Gibt es ein Gegenmittel? Gute Frage. Auf jeden Fall sollte man sich gut überlegen, an welchen Stürmen man teilnehmen will. Der Knopf ist sehr schnell gedrückt, der Empörung weiterverbreitet. Habe ich mich wirklich so gut damit beschäftigt, dass ich jetzt jemandem für seine Äußerung Schaden zufügen kann und will? Diese Frage sollte unseren Finger in manchen Fällen etwas bremsen. Auch die Frage, ob mir der Konsum bestimmter sozialer Medien so gut tut, ist eine Überlegung wert. Ich möchte hier nicht grundsätzlich vom Gebrauch der sozialen Medien abraten. Ich persönlich habe im letzten Sommer bei Facebook die Reißleine gezogen und nach einer vorbereitenden Zeit von rund 10 Monaten davor mein Profil stillgelegt. Weil ich merkte, dass es mir zur Zeit nicht gut tut. Dennoch bin ich überzeugt: Wir Christen gehören überall hin, wo Menschen sind und wo wir ihnen ein Segen sein können.

Das wertvollste Gegenmittel besteht darin, dass wir eine Kultur der Anerkennung schaffen – oder zumindest zu schaffen versuchen. Statt negativer Schlagzeilen einfach mal schreiben, wofür wir dankbar sind. Einfach mal sagen: Der macht seinen Job gut! Die ist mir ein Vorbild! Davon möchte ich mir eine Scheibe abschneiden! Das habt ihr super gemacht! Vielleicht schaffen wir es dann doch irgendwann noch, einen Lobessturm statt einem Scheißesturm auszulösen. Das wäre doch mal was, oder?

Argumentationstraining mit Thomas von Aquin

Heute möchte ich einen Geheimtipp weitergeben: Wenn Du gerne lernen möchtest, noch besser über den Glauben reden und diskutieren zu können, dann empfehle ich Dir, die „Summe der Theologie“ von Thomas von Aquin zu studieren. Er gibt uns ein sehr schönes Beispiel, wie gute Argumentation aussehen kann und sollte. Thomas von Aquin hat dieses Werk in den Jahren von 1265 – 1273 geschrieben, natürlich auf Latein. Doch es gibt ja zum Glück Übersetzungen. Ich persönlich nutze die englische Übersetzung, die es auf der Seite CCEL kostenlos als PDF zum Download gibt. Eine Lateinisch-deutsche Parallel-Übersetzung gibt es auf der Seite der Universität Freiburg (CH) in der Bibliothek der Kirchenväter, die allerdings nur online durchsuchbar ist und leider nicht heruntergeladen werden kann.

Thomas von Aquin hat diese „Summe“ als eine Einführung in den Glauben für Neulinge im Glauben geschrieben, und sie besteht aus einer Vielzahl von Fragen. Bei jeder Frage beginnt er damit, dass er die Gegenposition beschreibt und die besten Argumente der Gegner aufzählt. Sodann stellt er seine eigene Position vor und begründet sie. Am Schluss widerlegt er jedes Argument der Gegenposition einzeln. Das ist die optimale Art und Weise, wie man richtig gut argumentiert. Deshalb empfehle ich dieses Werk, um die Kunst der Argumentation zu lernen und verbessern.

Die „Summe“ ist einschüchternd groß. Die englische Übersetzung zum Beispiel umfasst fast 7000 Seiten. Lass Dir davon keine Angst machen. Es sind hunderte von Fragen und Antworten, aber das ist erst einmal völlig egal. Schau Dich im Inhaltsverzeichnis um, und suche Dir mal 15 – 20 Fragen heraus, die Dich interessieren. Dann suche diese Fragen auf und studiere sie sorgfältig – indem Du die folgenden Fragen dazu für Dich beantwortest:

Fragen zum Studium:
  1. Wie geht Thomas vor, um die Position der Gegner möglichst fair und überzeugend darzustellen?

  2. Wüsstest Du noch ein besseres Argument für die Gegenposition als die von Thomas aufgezählten?

  3. Auf welche Quellen greift Thomas zurück, um im Hauptteil seine eigene Position zu stützen? Welches sind seine Autoritäten? (Bibel? Kirchenväter? Philosophen?)

  4. Bist Du mit Thomas’ Sichtweise und Argumentation einverstanden?

  5. Wenn ja, welches Argument findest Du besonders stark?

  6. Wenn nein, was wäre Deine Sichtweise? Formuliere sie möglichst schriftlich – oder zumindest ganz klar und deutlich im Kopf.

  7. Auf welche Quellen und Autoritäten greifst Du zurück, um Deine Sichtweise zu begründen?

  8. Jetzt bist Du an der Reihe. Nimm jede Widerlegung von Thomas’ Gegenpositionen und widerlege sie mit guter Begründung Deinerseits selbst.

Es dürfte eine Weile dauern, um die ersten 20 Fragen so zu studieren. Gib nicht auf, denn es ist ein wertvolles Training. Wie gesagt, lass Dich nicht von der schieren Menge an Fragen erschrecken und vom Weitermachen abhalten. Was Dich nicht interessiert, das überspringe einfach. Ich habe beim Lesen schon oft gestaunt, auf welche Fragen Aquin überhaupt gekommen ist – Fragen, die ich mir nie gestellt hätte, die aber sehr spannend sind, wenn man sich erst einmal damit beschäftigt.

Warum sollen wir überhaupt ein „Argumentationstraining“ machen? Es hilft uns, dass wir unsere Überzeugungen besser erkennen, prüfen und kommunizieren lernen. Es hilft uns auch, zu erkennen, wer unsere Überzeugungen prägt und wir lernen dabei, Diskussionen so zu führen, dass wir bei der Sache bleiben und um Inhalte ringen, statt falsche Argumente, Angriffe auf Personen, Strohmänner und Fehlschlüsse zu produzieren. Wenn mehr Menschen lernen, richtig und schlüssig zu argumentieren, würde uns viel Streit, Missverständnis und unnötiger Ärger erspart bleiben. Außerdem ist es auch im Gespräch mit Menschen hilfreich, denen wir die Liebe Jesu weitergeben wollen.

Tuesday Humor: Sommer fühlt sich von Klimaphobikern diskriminiert

Nachdem nun seit vielen Wochen gegen ihn freitäglich demonstriert wird, hat sich nun der Sommer zum ersten Mal in diesem Jahr zu Wort gemeldet. Bereits im April sei schon so viel von der Klimaerwärmung die Rede gewesen, dass er sich im Mai kaum einmal aus dem Haus getraut habe. Nun müsse aber einmal Schluss sein mit dieser unsäglichen Diskriminierung. Wenn er von jeder Gretel gehänselt würde, grenze dies schließlich an Mobbing.

Inzwischen hat er sein Schweigen gebrochen und überlegt sich die weiteren rechtlichen Schritte, um gegen diese Unverschämtheit vorzugehen. Auf unsere Frage hin antwortete er: „Ich könnte natürlich klein beigeben und in den nächsten anderthalb Jahrzehnten eine kleine Eiszeit hervorrufen. Doch ob das der richtige Weg ist? Egal was ich mache, jede Veränderung wird von den Klimaphobikern instrumentalisiert und gegen mich verwendet werden.“ Wir wünschen dem Sommer viel Erfolg und freuen uns auf Temperaturen, die zum Bade laden.

Auslegungspredigt: Wie ich Predigtserien vorbereite

Nachdem ich kürzlich über die besten Ressourcen zur Auslegungspredigt gebloggt und dort einige Bücher der Predigtlehre vorgestellt hatte, kam bald die Frage auf, wie man sich am besten auf das Predigen durch ganze Bibelbücher hindurch vorbereitet. Diese Sache ist natürlich sehr unterschiedlich von Prediger zu Prediger, weshalb es kein fixes Rezept für alle geben kann. Das will ich auch gar nicht. Aber ich möchte als ein Teil der Antwort auf diese Frage meine eigene Praxis vorstellen, die ich im Laufe der Jahre entwickelt und verfeinert habe, damit sie auf meinen persönlichen Stil und meine Gegebenheiten passt und werde manches auch so versuchen zu begründen, dass es möglichst anderen (jungen) Predigern Hilfe geben kann.

Meine Umstände sehen zur Zeit so aus, dass ich hauptberuflich in der Kunststoffindustrie tätig bin und daneben etwa alle 2-3 Wochen bei uns in der Gemeinde predige. Insgesamt kann ich pro Jahr ungefähr 18 – 20 Predigten innerhalb von Serien vorbereiten und dazu noch etwa zwei bis drei Einzelpredigten an Feiertagen oder zu anderen Anlässen. Hinzu kommen Einladungen in andere Gemeinden, wo ich als Gastredner predigen darf.

Beginn: Ein Jahr im Voraus

Meine Vorbereitung auf eine Predigtserie beginnt in der Regel ein Jahr bevor die erste Predigt der Serie gehalten wird. Ich beginne mit der Entscheidung unter Gebet, was nach der oder den den bereits vorbereiteten Serie/n als Nächstes drankommen wird. Immer wieder staune ich, wie perfekt diese Predigttexte auf die Situation der Welt und der Gemeinde passen, wenn ich dort angelangt bin. Gottes Treue wird dadurch immer wieder neu sichtbar. Ich muss nicht bis drei Tage vor dem Gottesdienst warten, um zu wissen, was gerade für die Gemeinde relevant ist (das Wort „relevant“ ist in unserer Zeit zu einem Götzen verkommen), sondern Gottes Wort, jeder Vers und jeder Abschnitt, ja geradezu jedes einzelne Wort der Bibel ist immer und zu jeder Zeit 100% relevant.

Ungefähr 10 Monate vor Beginn der jeweiligen Serie lese ich zehn bis 15 Mal die Texte, über die ich predigen werde und mache nebenbei eine ungefähre Einteilung in Predigten, die ich dazu halten will, jeweils zusammen mit einem vorläufigen Arbeitstitel. Im neunten und achten Monat davor lese ich Kommentare und zuweilen auch Predigten, die andere gute Prediger zu den Texten schon gehalten haben. Dazu mache ich mir pro Predigt etwa fünf bis sechs Stichworte oder notiere mir ein bis zwei Sätze, die mir wichtig geworden sind. Kommentare dienen mir vor allem dazu, um wichtige grammatikalische Spezialitäten zu finden und die wichtigsten Fragen an den Text und dessen Kontext zu formulieren. Das hilft mir später bei der eigentlichen Vorbereitung. Die restlichen Monate nutze ich, um hin und wieder die Notizen durchzusehen und mir Gedanken darüber zu machen, die ich auch im Gebet immer wieder besprechen kann.

Wozu so lange im Voraus beginnen?

Manche werden sich jetzt fragen: Wozu diese lange Vorlaufzeit? Ich bin ein Denker und ein denkender Wiederkäuer. Ich brauche das. Man mag mir das als Schwäche auslegen, damit habe ich überhaupt kein Problem. Immerhin ist es mir noch nie passiert, dass ich in der Woche vor einer Predigt noch nicht wusste, worüber ich predigen soll. In den sieben oder acht Monaten bis zur Predigt sind für mich Kommentare und Predigten anderer Prediger über jene Texte tabu. Ich habe das Wichtigste vom Wichtigsten in meinen Notizen, das muss mir reichen.

Etwa zwei Wochen vor dem jeweiligen Termin beginnt dann die eigentliche Vorbereitung: Noch einmal den Text durchlesen, dann die Arbeit im griechischen oder hebräischen Grundtext mit Überlegungen zur Textkritik, die Übersetzung der wichtigsten Passagen (so ungefähr zwei bis drei Verse gehören bei jeder Predigt mindestens dazu), Wortstudien (welche Bedeutungsbreite hat ein bestimmtes Wort, wie wird es bei welchen Autoren verwendet) und ein Blick in die Grammatik sind die Grundlage. Als Nächstes versuche ich, die Botschaft des Textes in einem Satz zusammenzufassen und nehme diesen Satz, um darauf die Gliederung der Predigt aufzubauen. Der schwierigste Teil ist das Wissen darum, was weggelassen werden soll, denn nach dieser Vorbereitung ist so viel Stoff vorhanden, um allein pro Abschnitt mehrere Sonntage zu füllen. Weniger ist mehr – und da habe ich noch viel Lernpotenzial.

Ich bin in den vergangenen Jahren immer mehr zum Schluss gekommen, dass mir Kommentare nur am Rande helfen. Viel mehr Zeit verbringe ich bei Autoren der so genannten „Biblischen Theologie“, da deren Horizont deutlich weiter reicht. Sehr gute Kommentare sind zugleich auch Werke der Biblischen Theologie, aber da muss man weit suchen, um das Richtige zu finden. Auch ein Blick in die Dogmatik (Systematische Theologie) ist sehr wertvoll, um einen erweiterten Blick auf das Thema des Predigttextes zu erlangen. Und dann ist da die Gemeinde, die einzelnen Menschen, die zuhören werden und auf die Predigt reagieren sollen. Wie kann der Bibeltext für sie möglichst eindringlich verständlich werden? Und nicht zuletzt: Wo im Text finde ich das Kreuz und die Auferstehung Jesu? Kein Mensch kann Gottes Gebote aus sich selbst halten. Immer und immer wieder brauchen wir das Evangelium, in welchem erst die Kraft steckt, um Gottes Willen zu tun.

Fragen, die mir bei der Vorbereitung helfen:
  • Wer hat den Text an wen gesprochen, geschrieben oder anderweitig kommuniziert?

  • In welchem Kontext steht er? Altes oder Neues Testament? Vor oder nach Ostern?

  • Welche Art von Text ist es? Ein Geschichtsbericht? Ein Brief? Ein biographischer Text? Ein Lied?

  • Wie wurde der Text im Laufe der Kirchengeschichte verstanden?

  • Was an dem Text überrascht mich?

  • Warum steht das so da wie es da steht? Wie hätte es anders geschrieben werden können und warum wurde es nicht anders geschrieben?

  • Wie ist der Text aufgebaut? Welche kleinen Wörter wie „und“, „aber“, „sondern“, „dennoch“, „denn“, „doch“, und so weiter machen den Fluss des Textes aus und wie machen sie das?

  • Wie ist der jeweilige Abschnitt in das ganze Buch eingebunden? In welcher Beziehung stehen die Teile der Serie zueinander? Wie lautet die ganze Argumentation, die über mehrere Teile der Serie hinweg verläuft?

  • Wo ist Christus in meinem Text? Wo hilft Er mir bei der täglichen Umsetzung?

  • Was könnte in unseren modernen Ohren anstößig sein? Wie antworten wir einem Skeptiker darauf?

  • Was bedeutet der Text für unsere Gemeinde, unser Zusammenleben in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz oder in der Familie?

  • Welche Lebenslügen spricht der Text an und durch welche Wahrheiten will er sie ersetzen?

Alle diese Fragen dienen zum besseren Verständnis des Textes. Welche davon am Ende in die Predigt einfließen, ist eine ganz andere Frage. Nicht alle Infos, die sich aus diesen Fragen ergeben, können tatsächlich erwähnt werden, sonst wird der Hörer mit too much an Wissen bombardiert und häufig überfordert. Ich versuche – passend zum jeweiligen Text – Abwechslung in die Arten der Infos zu bringen. Mal mehr apologetisch, mal mehr Infos zu den Einleitungsfragen, mal mehr Infos aus den Wortstudien, und so weiter.

Zum Schluss noch drei Hinweise:
  1. Ich habe das riesige Privileg, dass ich die Sprachen der Bibel lernen durfte. Es gibt aber auch gute Hilfsmittel, mit denen man auch ohne dieses Wissen die Bibel auslegen und verstehen kann. Verschiedene Bibelübersetzungen (möglichst auch in anderen Sprachen wie englisch, französisch, spanisch oder was auch immer man kann), Konkordanzen zu den Wörtern der Bibel, Interlinear-Übersetzungen, Lexika zur Bibel, und so weiter. Eine gute Dogmatik sollte keinesfalls fehlen.

  2. Ich möchte an der Stelle das Element der Freiheit betonen. Dass man eine Predigt vorbereitet und vielleicht auch schon ausgeschrieben hat, bedeutet noch nicht ganz zwingend, dass man sie auch genau so halten muss. Hier bin ich ein Verfechter der predigerlichen Freiheit. Es kann vorkommen, dass man alles bereit hat und sich dann doch vom Geist Gottes gedrängt fühlt, spontan etwas ganz anderes zu predigen. Oder dass man am Abend davor merkt, dass Gott doch noch was anderes sagen will. Oder dass im Gottesdienst etwas gebetet wird, worauf der Geist Gottes in der Predigt reagieren möchte. Oder dass eine Predigt im Laufe des Predigens plötzlich eine ganz andere Richtung nimmt und einen anderen Schwerpunkt erfordert. All das sind Beispiele aus dem Predigeralltag, die wohl dem Einen oder Anderen bekannt vorkommen werden. Und das ist gut so, denn der Geist weht, wo Er will. Das alles spricht nicht gegen eine sehr gute Vorbereitung, denn wer gut vorbereitet ist, kann improvisieren; wer schlecht vorbereitet ist, muss improvisieren.

  3. Was würde ich ändern, wenn ich jeden Sonntag predigen sollte? Ich würde noch früher mit der Vorbereitung anfangen. Vermutlich 18 statt zwölf Monate im Voraus. Wenn zwei oder drei Wochen verstreichen bis man die Gemeinde in der Serie wieder weiterführt, ist es wichtig, dass man den Rückblick auf das Bisherige, wenn man es noch weiter vertiefen will, nicht zu oberflächlich aber auch nicht zu langwierig macht. Das ist ein Spagat, zu dem man immer wieder herausgefordert ist.

Hast Du noch mehr Fragen, Anregungen oder eigene Tipps für die Vorbereitung von Predigtserien oder Serienpredigten?

Gepredigt: Jona und die Lektion von Gottes Gnade

“[…] Ich saß vor etwa eineinhalb Wochen auf dem Zahnarztstuhl, weil da etwas Fräsen und eine neue Füllung nötig war. Als ich noch auf die Zahnärztin wartete, kam mir plötzlich Jakobus 5,16 in den Sinn, wo es heißt: Bekennt einander die Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet! Das Gebet eines Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Als langjähriger Kariespatient bin ich mir bewusst, dass der Zahnarztbesuch etwas Wichtiges ist, aber nicht unbedingt etwas Schönes. So ähnlich ist es auch, wenn wir einander unsere Sünden bekennen. Beides geht mit Schmerzen einher, beides ist unangenehm, aber beides verhindert auch, dass sich in uns etwas Schlimmeres einnistet und sich hindurchfrisst. Wenn wir unsere Sünden nicht immer wieder bekennen, frisst sich die Sünde immer tiefer in uns hinein und es wird immer schwieriger und unangenehmer, irgendwann doch noch was davon zu sagen. Wenn wir uns an das perfekte Deckmäntelchen des Christseins gewöhnt haben, wenn das zu unserer zweiten Natur geworden ist, dass wir niemanden zu tief in unser Leben blicken lassen, dann ist es richtig schwierig geworden, uns von Gott verändern zu lassen. Dann haben wir uns schon so daran gewöhnt, den Heiligen Geist zu ignorieren, dass wir fast unansprechbar für Gott geworden sind.

Gottes Gnade ist immer noch jeden Tag für uns da – aber nicht nur für uns, sondern auch für all die Menschen um uns herum. Die Menschen von Ninive hatten 40 Tage Zeit, wenn sie in der Zeit keine Buße getan hätten, wäre die Stadt wohl zerstört worden und unser Prophet hätte sein Spektakel gehabt. Noch ist Gnadenzeit. Noch haben wir Zeit, um unsere Mitmenschen mit dem Evangelium zu erreichen. Noch haben wir Zeit, in der es Umkehr geben kann. Irgendwann wird der Herr Jesus wiederkommen – sei es heute Nachmittag oder in 200 Jahren, das weiß keiner – und dann wird es zu spät sein. Wenn Gottes Heute zu früh ist, um Buße zu tun, könnte dein Morgen zu spät sein dafür. Wenn Gott dir heute sagt, dass du etwas in Ordnung bringen sollst, dann tue es gleich. Manchmal werden Menschen innerlich so verhärtet wie Jona, dass es erst einen Wurm braucht, um sie zum Aufwachen zu bringen. Dann muss erst etwas in Brüche gehen, bevor sie bereit sind, auf den Heiligen Geist zu hören und zu tun, was sie sollen. Gott hat Mitleid mit Ninive und Mitleid mit dem Schwarzwald. Auch hier gibt es viele Menschen, die es nötig hätten, von Jesus zu erfahren. Auch der Schwarzwald ist voller Sünde und Rebellion! […]”

Predigt über Jona 4:

Auslegungspredigt: Die besten Ressourcen

Im Laufe von zwölf Jahren Predigtdienste in verschiedensten Gemeinden habe ich zwischen 40 und 50 Bücher über das Vorbereiten und Halten von Predigten gelesen – oder manche zumindest angelesen und irgendwann nur noch überflogen. Da ich hin und wieder danach gefragt werde, stelle ich hier die „ultimative Homiletik“ vor, also wie ein Band zur Predigtlehre aussehen würde, wenn ich ihn aus den besten Kapiteln aller bisher gelesenen Homiletikbüchern zusammenstellen könnte.

Kurz nach meiner Bekehrung anno 2002 stieß ich auf meiner Suche nach mehr Tiefgang für mein geistliches Leben auf die Predigten von Charles Haddon Spurgeon und John F. MacArthur. Diese beiden waren meine ersten Bibellehrer, wenn man das so sagen will. Beide haben ein Buch zur Predigtlehre veröffentlicht. So war es nicht erstaunlich, dass ich deren Bücher schon früh zur Hand nahm. 

C. H. Spurgeon – Ratschläge für Prediger (Amazon-Link). Dieses Buch gefällt mir gut – doch die Predigten von Spurgeon sind besser. Ich würde das Buch als Prolegomenon zur Predigtlehre empfehlen, zusammen mit zwei bis drei Predigtbänden nach eigenem Geschmack. Spurgeon ist immer gut, auch dann, wenn man ihm nicht zustimmt.

John F. MacArthur – Biblisch predigen (Amazon-Link). MacArthur hat hier mit einigen Kollegen ein richtig spannendes Werk geschaffen. Wirklich wichtig finde ich die ersten drei Kapitel, in welchen es darum geht, was eine Auslegungspredigt ist und wie sie in der Geschichte der Christenheit an Wichtigkeit gewonnen und inzwischen leider auch wieder vielerorts verloren hat.

D. Martyn Lloyd-Jones – Die Predigt und der Prediger (Amazon-Link). Der wichtigste britische Prediger des 20. Jahrhunderts war Lloyd-Jones. Dieses Buch ist für mich das Wichtigste zur Predigtlehre überhaupt. Ich bin inzwischen dabei, es zum 15. Mal zu lesen. Auch mit ihm muss man nicht in jeder Frage einig sein, aber es tut gut, das eigene Selbstverständnis als Prediger immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen und sich neu unter den Gehorsam gegen Gott und Sein Wort zu stellen. Meine „ultimative Homiletik“ würde sein Buch in voller Länge enthalten.

Timothy Keller – Predigen. Damit Gottes Wort Menschen erreicht (Amazon-Link). Ich muss zugeben, dass mich das Buch vom Keller im ersten Durchgang enttäuscht hat, da ich so viel Gutes darüber gelesen habe, und das Buch zur Ehe von Ehepaar Keller exzellent ist, hatte ich wohl zu viel erwartet. Mein Fazit ist nach wie vor, dass zu den meisten Themen Lloyd-Jones die gleichen Dinge auf eine bessere Art und Weise sagt, aber ich möchte hinzufügen, dass das 5. Kapitel über das spätmoderne Denken wirklich gut ist und unbedingt lesenswert. Somit würde ich nach dem ganzen Buch von Lloyd-Jones das Kapitel 5 von Kellers Buch anhängen.

Michael F. Ross – Predigen wirkt Wunder. Der Glaube kommt aus der Predigt (Amazon-Link). Das ist (leider?) kein pfingstlich-charismatisches Buch, wie der Titel es denken lassen könnte, sondern eine exzellente Studie zur Predigtweise der Puritaner. Der Autor möchte die heutigen Prediger jedoch nicht überzeugen, puritanische Predigten zu halten, sondern vielmehr von der Vielfalt und zugleich Ausgewogenheit der puritanischen Predigten zu lernen. Ich würde den Teil 2 (Kapitel 5 – 10) über die fünf Arten der puritanischen Auslegungspredigt der „ultimativen Homiletik“ hinzufügen.

Daneben gibt es einige weitere gute Bücher zur Predigtlehre, etwa von meinem Dozenten für Praktische Theologie, Prof. Armin Mauerhofer, dasjenige von Haddon Robinson, von Arturo Azurdia oder John R. W. Stott. Diese alle sind gute bis sehr gute Ressourcen, die sich jedoch immer wieder in Teilen überschneiden. Wer also die Muße (und die Mäuse oder die Uni-Bibliothek) hat, zehn Bücher zum Predigen zu lesen, hat hier eine ziemlich definitive Liste. Eins habe ich schon lange aufgeschoben und bin bisher immer noch nicht dazu gekommen, nämlich das dünne Booklet von David R. Helm (Expositional Preaching) in der Serie von 9Marks.

Eines der wichtigsten Hilfsmittel ist jedoch das Lesen von guten Predigten, denn das prägt noch mehr. Allerdings möchte ich eine Warnung aussprechen: Predigten zu dem Text zu lesen, über den man gerade predigen will, verführt oft dazu, dass man Gedanken blind übernimmt. Deshalb empfehle ich, möglichst oft gute Predigten zu anderen Bibelbüchern zu lesen als man gerade drin steckt. Gute Predigten prägen uns und unseren Predigtstil. Es gibt Predigten aus allen Zeiten der Kirchengeschichte zu finden. Von Kirchenvater Chrysostomus über die Reformatoren, Puritaner, Methodisten, Heiligungsprediger bis zu C. H. Spurgeon, D. M. Lloyd-Jones, John Piper, Tim Keller, und vielen mehr. Auch mein Freund Michael Freiburghaus, Pfarrer der ev.ref. Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch in der Schweiz, hat schon mehrere sehr empfehlenswerte Predigtbände veröffentlicht.

Monday Humor: EU verlangt Versandfilter für Briefverkehr

Brüssel, mh. Um möglichen Urheberrechtsverletzungen vorzubeugen, hat das europäische Parlament am -1. April ein neues Gesetz verabschiedet, nach welchem der gesamte Briefverkehr bei der Post gefiltert werden soll. Ab dem 31. Juni diesen Jahres soll jeder Brief von chinesischen Robotsystemen geöffnet und auf mögliche originelle oder zitierte Wendungen gescannt werden. Auf die Frage von MH, wie das Ganze finanziert werden soll, wurde umgehend von einem Chatbot geantwortet, da man den Versand von etwa 95% aller Briefsendungen einsparen könne, sei für die EU-Länder vermutlich auch noch ein Gewinn zu machen.

Der Leiter der chinesischen Robot-Firma, Yi Xing-Pink, versprach außerdem, dass das Postgeheimnis auf jeden Fall beibehalten würde. Schließlich stehen ja alle Roboter, die im Betrieb hergestellt würden, in einem eigens von ihm entwickelten Sozialkreditsystem, das genau überwacht, welche Roboter welche Infos an wen weitergeben würde. Schwatzhafte Maschinen bekämen deshalb weniger leicht eine beliebtere Arbeit zugeteilt.

Buchtipp: Das Bekenntnis

Das Bekenntnis von John Grisham

Grisham, John, Das Bekenntnis, Heyne Verlag München, 1. Aufl. 2019, 591S., Verlagslink, Amazon-Link

Aus einem Vorurteil erwächst eine Lüge, aus der Lüge ein Mord, aus dem Mord der Zerbruch einer ganzen Familie – und am Ende steht man mit nichts in den Händen da – nichts außer dem Wissen um die Wahrheit und der Frage: War es das wert? Der Mord lässt alle ratlos zurück: Einer der beliebtesten Bewohner von Clanton, Mississippi, Pete Banning, erschießt den ebenfalls beliebten Methodistenpastor Dexter Bell. Einfach so. Banning weigert sich, eine Aussage über sein Motiv zu machen. Er wird nach einem gerichtlichen Prozess von den Geschworenen zum Tod verurteilt und auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Der Rest des Buches befasst sich mit der Suche nach den Gründen für diese Tat – und erst ganz am Schluss wird die Wahrheit aufgedeckt.

Als langjähriger Grisham-Leser, der die Justizthriller im Stil von „Die Firma“ oder „Die Akte“ noch kennt, hatte ich eine rasantere Story erwartet. Stattdessen fand ich eine sehr feinfühlige Geschichte vor, die gekonnt langsam an Spannung aufbaut und wunderbar zum Nachdenken anregt. Auf fast 600 Seiten präsentiert John Grisham eine Geschichte, die sich möglicherweise tatsächlich ähnlich zugetragen haben könnte, denn der Autor hat sie einmal erzählt bekommen, ohne sich jedoch an die genaueren Hintergründe des Erzählers erinnern zu können. Er hat deshalb die juristische Praxis der erzählten Zeit und des Umfelds recherchiert und weiter ausgeschmückt niedergeschrieben.

Die dreiteilige Struktur des Buches fand ich verwirrend und musste bei jedem Teil erst mal wieder neu in die Geschichte hineinkommen. Da hätte ich einfache Rückblenden in der Story verständlicher gefunden. Außerdem gibt es mehrmals Längen im Buch, die es zu überwinden gilt, und die zuweilen langweilig erscheinen. Dies ist zum Beispiel recht bald nach dem gut gelungenen Anfang der Fall. Doch wer das Buch dann weglegt, verpasst meines Erachtens eine Menge. Allerdings wird – wie bereits gesagt – der Leser enttäuscht, der bei Grisham immer nur die spannungsgeladenen, rasanten Justizthriller erwartet.

Wer das Buch bis zum Ende durchhält, wird mit vielen guten Fragen belohnt: Wie steht es um Vorurteile? In gewisser Weise wird auch das Selbstbild unserer Zeit in Frage gestellt: Ist unsere Abwehr gegenüber überkommenen Vorurteilen in Wirklichkeit nicht nur ein Austausch gegen neue Vorurteile? Ist die Wahrheit, die unter Umständen ziemlich schmerzen kann und manchmal auch vieles zerstört, was wir liebgewonnen haben, es wert, dass wir alle Kraft darauf verwenden, sie zu finden? Positiv finde ich hier, dass der Autor in der Figur von Joel Banning, dem Sohn des Mörders, dies bejaht und als Ausblick den Neuanfang im Wissen um diese Wahrheit vorschlägt.

Fazit:

Ein insgesamt gut geschriebener Roman, der zwar nicht in typischer Grisham-Weise ein Justizthriller ist, aber eine möglicherweise wahre Geschichte nacherzählt und dabei viele gute Fragen stellt. Einige unnötige Längen weist das Buch auf, aber wer nicht aufgibt, wird am Ende mit viel Stoff zum Nachdenken belohnt. Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sterne.

Warum das stellvertretende Sühnopfer zentral ist

Wenn wir über den Tod und die Auferstehung Jesu Christi nachdenken, gibt es in unserer Zeit immer wieder Versuche, die Deutung als stellvertretendes Sühnopfer beiseite zu schieben und stattdessen andere Deutungen in den Mittelpunkt zu rücken. Steve Chalke etwa, ein britischer Postmodernist, nannte die Rede vom stellvertretenden Sühnopfer einen „kosmischen Kindesmissbrauch“ und andere schlagen seither in dieselbe Kerbe. Fakt ist und bleibt, dass die Bibel mehrere Deutungen des Todes Jesu kennt, diese jedoch einander ergänzen. Wir können uns nicht einfach für eine davon entscheiden und sagen: Das gefällt mir am besten, auf den Rest pfeife ich. Vielmehr ergeben nur die Deutungen gemeinsam ein großes Gesamtbild und zeigen die Schönheit der Liebe Gottes. In diesem biblischen Gesamtbild steht die Deutung als ein stellvertretendes Sühnopfer jedoch im Mittelpunkt. Sie ist und bleibt zentral, denn sie zieht sich von Anfang bis zum Schluss wie ein roter Faden durch alle Gattungen und nahezu alle Bücher der Bibel.

Die fünf Mosebücher

Aus den Schriften des Alten Bundes sind die fünf Mosebücher besonders wichtig, weil sie dem Judentum Identität geben. Die wöchentliche Lesung enthält immer einen Abschnitt aus diesem Fünfbuch. Deshalb möchte ich mich zunächst einmal darauf konzentrieren. Die „vorderen Propheten“ (Josua bis Nehemia oder in der jüdischen Reihenfolge bis zu den Chronik-Büchern) erzählen die Geschichte Israels weiter. Die Weisheitsbücher (Hiob bis Hoheslied) enthalten die Weisheit und die Lieder, und die „hinteren Propheten“ Jesaja bis Maleachi sind immer wieder die Erinnerung, zu dem zurückzukehren, was Gott Mose offenbart hat. Insofern gibt es in der jüdischen Bibelauslegung – anders als bei uns – eine gewisse Rangordnung der Bücher, bei welcher die Mosebücher an wichtigster Stelle stehen.

Wenn wir an den Anfang zurückgehen, finden wir das erste stellvertretende Sühnopfer in 1. Mose 3: Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fell und bekleidete sie. (1. Mose 3,21). Der Begriff „katnot ‘or“ bezeichnet Kleidung aus der Haut und keineswegs gewobene Kleidung aus den Haaren. Gott hat die ersten Tiere getötet, um den Menschen eine Bedeckung für die Folgen ihrer Sünde zu geben. Der Sündenfall war auch der Moment, in welchem der Tod erstmals in die Welt gekommen ist. Bereits im nächsten Kapitel finden wir Gottes Bewertung der verschiedenen Opfer der beiden Brüder Kain und Abel. Das Tieropfer wird angenommen, während das Opfer aus dem biologischen Anbau nicht angenommen wird. Es gibt bei Gott eine klare Präferenz, dass ein Tieropfer, das später auch immer wieder als stellvertretendes Sühnopfer im Sinne eines Vor-Bilds auf das Sühnopfer Jesu Christi am Kreuz von Golgatha verlangt wird.

Einen besonderen Stellenwert muss auch 1. Mose 22 bekommen. Abraham ist gehorsam und geht mit Isaak zur Opferstätte. Im letzten Moment kommt der Widder zum Vorschein, der stellvertretend an Isaaks Stelle geopfert wird. Hier ist ganz klar der Bezug zum Tod Jesu Christi zu sehen, der auch an unserer Stelle gestorben ist. Ebenso ist auch das Passalamm in 2. Mose 12. Hier ist interessant, dass schon längst vor der Zeit am Sinai, also bevor die ganzen Opfervorschriften kamen, die Bedingungen für die Lämmer, die geschlachtet werden sollten, dieselben waren wie für das spätere Opfertier für das Sündopfer: Männlich, einjährig und ohne Fehler (vergleiche 2. Mose 12,5 mit 3. Mose 9,3) Somit war bereits das Passalamm ein vorbereitendes stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden des Volkes Israel.

2. – 4. Mose

Zu den fünf Büchern Mose gibt es schon eine Weile Diskussionen, ob sie ursprünglich als ein einzelnes Buch, drei Bücher, fünf Bücher oder gar zusammen mit Josua und / oder noch weiteren Büchern als eine Einheit angelegt wurden. Im Anschluss an Gordon J. Wenham hat Prof. Hendrik Koorevaar in einem Aufsatz einleuchtend und überzeugend dargelegt, weshalb die fünf Bücher Mose wie eine Art Triptychon angelegt sind: 1. Mose als linke und 5. Mose als rechte Tafel und dazwischen 2. – 4. Mose als mittleres Bild in einer Einheit. Der Aufsatz kann hier (Link) online gelesen oder heruntergeladen werden. In den weiteren Ausführungen werde ich eine kurze Zusammenfassung einiger Punkte geben, die Prof. Koorevaar in diesem Aufsatz macht und diese noch etwas ausführen.

Zunächst zeigt Prof. Koorevaar, dass die Innengrenzen zwischen 2. und 3. Mose sowie 3. und 4. Mose nicht wirklich vorhanden oder wenn, dann sehr schwach sind. Das ist etwas, was mir auch schon früher beim Bibellesen aufgefallen ist: Wie bitte kann man ein Buch damit beenden, dass die Priester wegen der Herrlichkeit Gottes nicht in die Stiftshütte gehen konnten? Erst durch diesen Ansatz, den ich im Studium der Theologie in Riehen kennengelernt habe, hat dies einen Sinn ergeben. Und wenn man nun davon ausgeht, dass 2. – 4. Mose als ein einziges großes Buch zu betrachten ist, so fragte sich Herr Koorevaar weiter, was ist dann der Mittelpunkt dieses Buches? Wie ist dann der Aufbau zu verstehen? Plötzlich macht vieles mehr Sinn. Das Buch ist um ein Zentrum herum aufgebaut, und dieses Zentrum ist 3. Mose 16, das Kapitel vom Yom Kippur, dem großen, jährlichen Versöhnungstag. Es ist der Tag des stellvertretenden Sühnopfers für alle Sünden des ganzen Volkes Israel.

Ausblick ins Neue Testament

Wenn wir nun damit ins Neue Testament gehen und nach der theologischen Reflektion dieses Tages durch den Herrn Jesus und die Apostel fragen, so finden wir eine Vielzahl von Hinweisen, die immer wieder Golgatha damit verbinden. Etwa bei Johannes dem Täufer: Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! (Johannes 1,29) oder auch in der Offenbarung: Und ich sah, und siehe, in der Mitte des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten stand ein Lamm, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, welche die sieben Geister Gottes sind, die ausgesandt sind über die ganze Erde. (Offenbarung 5,6) und im Hebräerbrief: Als aber der Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen [Heils-] Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Denn wenn das Blut von Stieren und Böcken und die Besprengung mit der Asche der jungen Kuh die Verunreinigten heiligt zur Reinheit des Fleisches, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dienen könnt. Darum ist er auch der Mittler eines neuen Bundes, damit — da sein Tod geschehen ist zur Erlösung von den unter dem ersten Bund begangenen Übertretungen — die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. (Hebräer 9, 11-15)

All diese (und es gibt noch unzählige weitere) Hinweise können wir nicht außer Acht lassen. Von Anfang an hat Gott die Autoren der Bibel dazu inspiriert, uns auf das Kommen des Erlösers vorzubereiten, der stellvertretend unsere Schuld bei Gott bezahlt und uns dadurch erlöst. Ich plane eine Fortsetzung zu schreiben, in welcher weitere Teile der Bibel untersucht werden sollen, wie sie uns auf die Erlösung durch den stellvertretenden Tod und die Auferstehung Jesu Christi vorbereiten. Weitere Hinweise finden sich übrigens auch in meinem PDF „Als die Zeit erfüllt war“ (Link)

Buchtipp: Wer die Furcht kennt

Caine, Rachel, Wer die Furcht kennt, Verlag Edition M, 1. Aufl. 2019, 431S., Amazon-Link

Gwen ist mit ihren Kindern unterwegs. Ihr Exmann Melvin ist ein brutaler Mörder, der nun auch auf seine Familie Jagd macht, seit er aus dem Gefängnis verschwunden ist. Die einzige Möglichkeit für Gwen, um sich und ihre Kinder in Sicherheit zu wissen, besteht darin, dass sie sich zum Lockvogel macht und Melvin zur Strecke bringen kann, bevor er sie erwischt.

Eigentlich eine gute Idee. Eine Story, die spannend sein könnte. Und die es auch über manche Strecken ist, wenngleich leider immer wieder von ziemlich schwachen Abschnitten durchzogen. Zunächst einmal haben die einzelnen Charaktere keine eigenständige Identität. Sie alle scheinen Klone von Gwen zu sein. Sie teilen denselben Mitteilungsdrang und äußern sich sehr ähnlich. An sich ist es ja eine gute Idee, jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen Person zu schreiben. Aber dann wünschte ich mir auch, tatsächlich ganz verschiedene Persönlichkeiten lesen zu können. Doch seitenlange ähnliche Monologe machen die Story deshalb auch so durchschaubar.

Des Weiteren erinnert das Buch öfters an 007-Agentenfilme. Egal wie verzwickt die Lage ist – immer kann sich Gwen irgendwie rausmanövrieren. Es sind insgesamt zu viele zu unwahrscheinliche Szenen, als dass die Geschichte irgendwo noch glaubwürdig wäre. Mit der Zeit ist man nicht mehr in der Geschichte, sondern nur noch irgendwo mit dabei.

Die ersten 50 Seiten und der Schluss, so ab dem letzten Viertel, sind spannend geworden. Dazwischen ist viel Wiederholung und seitenlange Selbstgespräche über die Gedanken und Gefühle der Person, welche gerade am Reden ist. Insgesamt ist das Auf und Ab des Spannungsbogens gut gelungen, wodurch das Interesse am Buch erhalten bleibt. Doch so wirklich identifizieren konnte ich mich mit keinem der im Buch vorkommenden Charaktere, was es mir ansonsten erheblich leichter gemacht hätte, das Buch noch mehr zu mögen.

Fazit:

Ein guter Anfang und ein spannender Schluss, zwischen denen sich viele Monologe verschiedener Personen befinden, die von ihrer Persönlichkeit her allzu ähnlich sind. Vieles ist vorhersehbar. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.