Buchtipp: Der Outsider

Der Outsider von Stephen King

King, Stephen, Der Outsider, Heyne Verlag München, 1. dt. Aufl. 2018, 748S., Verlagslink, Amazon-Link

Nachdem ich von „Sleeping Beauties“ nicht wirklich überzeugt wurde, ist „Der Outsider“ endlich wieder ein King-Roman, der tatsächlich an den „Meister des Horrors“ erinnert, von dem ich in meiner Teenager-Zeit einige Bände gelesen hatte. „Der Outsider“ ist ein Buch, das zwischen den Genres Kriminalroman und Horror wechselt. Vordergründig geht es um ein schreckliches Verbrechen, das in der Kleinstadt Flint City geschah. Verdächtigt wurde der allseits beliebte Baseball-Trainer und Englischlehrer Terry Maitland. Doch er wurde an zwei verschiedenen Orten zugleich gesehen: Kurz vor und nach dem Verbrechen in Flint City, aber ebenfalls mit vielen Augenzeugen bei einer Lehrerkonferenz, weit entfernt von der Kleinstadt. Kann sich der Verdächtige zugleich an zwei Orten aufhalten? Beide Orte weisen sichtbare Spuren von Maitland auf. Die DNA an der Leiche stimmt mit seiner überein, aber an der Konferenz wird er gefilmt und hat unbewusst einen eindeutigen Fingerabdruck hinterlassen. Auf der Suche nach der Wahrheit finden Ralph Anderson und sein Team noch weitere ähnlich mysteriöse Fälle, bei welchen der Täter zugleich auch an einem anderen Ort gewesen war. Die Spur führt letzten Endes zum „Outsider“, einem Monster, das von der Trauer und dem Schmerz seiner Opfer lebt. Als sie es stellen, bleibt am Ende nichts als ein Haufen weißer Maden übrig, gleich denen, die Ralph einstens beim Aufschneiden einer Melone fand.

Der Leser ist beim Einstieg gleich mitten im Geschehen: Eine schrecklich zugerichtete Leiche wurde gefunden. Mehrere Einwohner der Kleinstadt haben den Verdächtigen an besagtem Tage gesehen. Bei den Zeugenvernehmungen zieht sich alles in die Länge. Der Verdächtige wird im großen Stil während des wichtigsten Baseballspiels der Saison festgenommen. Gegen Ende des Buches – ungefähr im letzten Viertel – steigt die Spannung noch einmal richtig an. Dazwischen schwankt sie über weite Strecken, doch auch hier sorgt King dafür, dass sie immer so weit erhalten bleibt, wie es nötig ist. Wenn ich an frühere Bücher des Autors denke, etwa an „ES“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „In einer kleinen Stadt (Needful Things)“, so ist die Spannung im Outsider in den Spitzen weniger ausgeprägt, aber konstanter vorhanden. In manchen früheren Büchern war es so, dass bestimmte Szenen so richtig aufs Gänsehautfeeling abzielten. Dazwischen gibt es dort jedoch richtige Spannungsflauten. Beim Outsider ist der Spannungsbogen besser ausgewogen, man könnte von einem reiferen Werk sprechen.

Interessant finde ich den Roman auch deshalb, weil sich King hier – wie auch sonst oft – mit dem Bösen auseinandersetzt. Das Böse lebt mitten unter uns, aber wir erkennen es nicht, weil es jede Maske annehmen kann. Allein das gibt einiges an Stoff zum weiteren Nachdenken. Gut fand ich dabei, dass das Böse nicht einfach nur ein Teil aller Menschen ist, sondern eine externe Größe, eine Art eigene Persönlichkeit. Dass King dann eine Figur aus Volkslegenden aufnehmen musste, fand ich überflüssig. Ebenso die schlussendliche Auflösung des Ganzen. Das Böse ist bei King so leicht besiegbar, dass es ausreicht, wenn sich Menschen darum kümmern. Das ist mir zu billig, da fängt die Verführung zur Selbsterlösungsreligion an. Auch die Erstellung und Charakterisierung von übersinnlichen Figuren, die das Böse darstellen sollen konnte er schon deutlich origineller und besser. Der „Outsider“ ist meines Erachtens aus Verlegenheit des Autors entstanden und passt in das Setting des Romans nicht wirklich hinein. Die übrigen Figuren sind jedoch sehr lebendig und natürlich entworfen und ausgeführt. Ganz wie man sich das bei King gewohnt ist.

Sehr schön fand ich aber den inneren Kampf in Ralph Anderson, der sich fragte, ob die Wahrheit es wert ist, dass man sie sucht, verfolgt und findet. Er könnte es auch auf sich beruhen lassen. Es sind genügend Beweise gegen Maitand vorhanden. Der Verdächtige ist tot. Ist er es wert, dass man sich alles noch einmal ganz genau anschaut und seine Unschuld vermutet? Doch am Ende siegen die Neugier und das Verantwortungsgefühl in Ralph und er ist bereit, die Wahrheit zu finden, koste es was es wolle. Selbst wenn es sein gesamtes Weltbild zum Einsturz bringen sollte. Was ja dann auch geschieht. Hier können sich noch viele Menschen unserer Zeit von der Figur des Ralph Anderson eine Scheibe abschneiden.

Es ist ja schon lange bekannt, dass Stephen King viele Bezüge in seinen Büchern der Bibel entnimmt, besonders das Alte Testament fasziniert ihn. Solche Bezüge habe ich hier weniger gefunden, aber aufgefallen ist mir dennoch, dass gerade in den neueren Werken von King die Suche nach der Wahrheit eine wichtige Rolle spielt. Im „Outsider“ finden wir den Kampf zwischen einem reinen Naturalismus, der nur glauben will, was dem bisher Gewohnten entsprach, und einem Volksglauben an Monster und aus diesen beiden wird zum Schluss als Synthese eine Art kritischer Realismus, der zwar die sichtbare Realität als wahrnehmbar betrachtet, jedoch auch ernst nimmt, dass es auch Dinge geben kann, die uns Menschen anders erscheinen als die der äußeren Realität entsprechen. So ist der „Outsider“ ein Wesen, das nur fremde Formen annehmen kann, aber wenn er an und für sich – ohne diese äußere Gestalt – gesehen wird, so können die Personen im Roman nur noch einen Haufen Maden erkennen. Im Vergleich zu früheren Büchern, in welchen King oft einen Relativismus oder einen Irrationalismus vertrat, ist dieser Band ein echter Fortschritt.

Fazit:

Stephen King hat mit „Der Outsider“ ein spannendes Werk geschaffen, das an an frühere Bücher von ihm erinnert. Der Spannungsbogen ist gut gelungen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen dürfte allerdings eher irreführend denn fürs Leben hilfreich sein. King beschreibt allerdings sehr schön die ehrliche Suche nach der Wahrheit, und das gefällt mir gut. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Die große Chance des professionellen Journalismus

Die Zeiten ändern sich – und wir ändern uns in ihnen. (Kaspar Huber) Diese Weisheit aus dem 16. Jahrhundert gilt vielleicht für keine andere Zeit so sehr wie für die unsrige. Jede Veränderung wird geradezu von der nächsten verschlungen, und diese Unsicherheit macht vielen Menschen Angst. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurden immer mehr Informationen zugänglich, immer mehr Ereignisse wurden bekannt, die sich auf dem gesamten Erdball abgespielt haben. Die Globalisierung und die Digitalisierung führten zu einer Informationsflut, die dem Mediennutzer für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte den Eindruck erwecken konnte, dass sich jeder selbst informieren kann. Die vereinfachte Internetnutzung ließ uns sogar glauben, dass jeder sein eigener Journalist werden könne, wenn er nur über Ereignisse des Alltags berichte, doch schon die nächste Welle spülte die Freude darüber hinweg und das – schon lange vorhersehbare – Problem der „Fake-News“ stürzt viele Leser und Informanten in Verzweiflung.

Auch Zeitungen und Online-Nachrichtenportale haben sich verändert. In Anbetracht der zunehmenden verbalen Lautstärke von Diskussionen hat auch in der Welt des professionellen Journalismus Rauheit um sich gegriffen, sind die Grenzen journalistischer Gattungen mehr und mehr verschwommen. Häufig ist kaum noch zwischen Berichten und Kommentaren zu unterscheiden. Die Meinung des Schreibenden wurde zunehmend deutlicher in inhaltlich neutralen Texten zu bemerken. Das Selbstverständnis vieler Medienschaffender veränderte sich. Sahen sie sich früher als vierte Macht im Lande, die Machenschaften der Politiker aufdecken sollte und die Bürger über alles Wichtige, was ihn betrifft, informieren, lesen sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Zeitungen zunehmend mehr wie verlängerte Arme verschiedener politischer Parteien.

Das Aufkommen von „Fake-News“ könnte zur großen Chance für den professionellen Journalismus werden. In einer Zeit, in welcher jeder diesen falschen Nachrichten auf den Leim gehen kann, braucht es Menschen, die das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt haben, die jedoch auch genügend Zeit und Freiheiten haben, um gewissenhaft zu recherchieren, Interviews zu führen, nachzufragen und ihre Ergebnisse auszuwerten. Es ist nämlich nicht der Fall, dass es bei Nachrichten auf die Perspektive ankommt, sondern es gibt da richtig und falsch, Fake-News und True-News. Vor ein paar Tagen hat der amerikanische Professor für Journalismus Jay Rosen einen interessanten Brief an die deutschen Medien geschrieben. Man muss ihm nicht in allem zustimmen, aber viel Spannendes ist da durchaus enthalten.

Zugleich möchte ich meinen Aufruf an uns deutsche Medienkonsumenten wiederholen. Im Mai schrieb ich: „Lasst uns bitte eins nicht vergessen: Journalismus, richtig guter Journalismus kostet und er ist eine Menge wert. Wir sind uns gewohnt, alles kostenlos auf unsere Geräte zu bekommen, und denken dabei oft nicht daran, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft, Gedanken und Geld in einem einzigen Artikel stecken.“ In der Zwischenzeit wurde mir noch einmal viel bewusster, wie schnell Menschen tatsächlich in einer Filterblase landen und nur noch wahrnehmen, was sie lesen, hören und sehen wollen. Die Fake-News-Krise ist eine Chance für den guten, vielfältigen Journalismus, der sich auf seine Aufgabe als vierte Macht im Lande zurückbesinnt und bereit ist, die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven und durchaus auch kontrovers zu beleuchten. Wir Leser und Medienkonsumenten brauchen aber auch Geduld mit den Medien, damit dies geschehen kann. Wir dürfen gute Ergebnisse loben und belohnen statt auf dem weniger guten herumzureiten. Es braucht alles seine Zeit, und je mehr einzelne Journalisten auf diesem Weg gestärkt werden, desto eher wird sich etwas bewegen.

5 Arten von Reformierten

Wenn man sich so in der christlichen Szene umsieht, trifft man einige, die sich irgendwie auf die Reformation berufen und sich reformiert nennen. Es gibt jedoch ein recht breites Spektrum von Vorstellungen, die damit verbunden werden. Ich habe fünf Arten von Reformierten erkannt und versuche die dahinter stehenden Vorstellungen zu benennen und beschreiben.

1. Der Bekennformierte

Dieser Hardcore-Reformierte besteht darauf, dass sich nur reformiert nennen darf, wer alle Bekenntnisse und Katechismen bekennen, begründen, verteidigen und alle Fragen dazu beantworten kann. Westminster, Heidelberger und natürlich darf auch die Dordrechter Regel nicht fehlen.

2. Der Tulpiformierte

Das englische Akronym TULIP (Tulpe) steht für die fünf Punkte der Dordrechter Lehrregel und damit für den Calvinismus im weiteren Sinne. Der Tulpiformierte hält vor allem für wichtig, dass diesen fünf Punkten zugestimmt wird: Totale Verderbtheit des Menschen, Bedingungslose Erwählung, Beschränktes Sühnwerk, Unwiderstehliche Gnade und Beharrlichkeit der Gläubigen.

3. Der Resolierte

Nicht mehr ganz fünf, aber doch immerhin noch vier bis viereinhalb Punkte sind dem Resolierten wichtig: Die vier Sola: Sola Scriptura, Sola Gratia, Sola fide, Solus Christus. Allein die Schrift, allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein von Christus. Und wer noch mehr bezeugen will, nimmt den viereinhalbten Punkt auch noch dazu: Soli Deo Gloria, allein zu Gottes Ehre. Der Komponist Johann Sebastian Bach unterschrieb seine Werke mit der Signatur S.D.G., was die Kurzform davon ist.

4. Der Reformandierte

Eine weitere Spezies ist der Reformandierte, dem an der Reformation das Wichtigste ist, dass sie immer weitergehen soll. Egal wie, Hauptsache anders als bisher. Gerne in gutem Einklang mit dem Zeitgeist, sei es als Deutsche Christen vor einigen Jahrzehnten oder als gutbürgerliche Lutherkritiker und Postevangelikale unserer Tage. „Ecclesia semper reformanda“ ist sein Schlagwort: Die Gemeinde sei beständig zu reformieren.

5. Der Reformuzzer

Die letzte Gruppe von Reformierten weiß zumeist sehr wenig über die Reformatoren und die Lehren der Reformation, aber das ist nicht so wichtig. Der Reformuzzer muss nur wissen, dass es etwas gab, wogegen die Reformatoren waren. Da der Reformuzzer sowieso meist gegen alles ist, wird ihm Luther zum Genossen, zum Kampfgefährten und Freund.

Wer sich nicht sicher ist, in welche dieser Schubladen er passt, möge sich ein wenig umhören und eine Umfrage starten. Reformierte von Typ 1 wissen üblicherweise, wo sie hinpassen. Auch ohne Umfrage. Wer die Umfrage braucht und auf die Mehrheit hört, wird wohl am ehesten Typ 4 oder 5 zuzuordnen sein, während Typ 2 und 3 die Umfrage gerne starten, sich am Ende aber nicht unbedingt um das Ergebnis scheren.

Buchtipp: Warum Glaube großartig ist

Warum Glaube grossartig ist von Daniel Boecking

Böcking, Daniel, Warum Glaube großartig ist. Mein Glück mit Jesus, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2018, 221 S., Verlagslink, Amazon-Link

Daniel Böcking is back – mit einem neuen Buch. Eigentlich war er ja nie weg, immer wieder gab es Texte von ihm auf BILD.de und in den sozialen Medien. Aber auf dieses Buch habe ich mich schon eine Weile gefreut – seit jenem Moment, in welchem ich lesen konnte, dass es diesen Sommer veröffentlicht würde. Woher diese Vorfreude? Ich wusste eines: Wenn dieser Mann, der dazu auch noch stellvertretender Chefredakteur von BILD online ist, ein Buch schreibt, dann wird es von Jesus übersprudeln. Er hat eine Freude und eine Einfachheit des Glaubens, die ich mir in christlichen Büchern häufiger wünschte. Ich war gespannt, ob ich in allen Aussagen mit ihm mitgehen könnte (dazu später noch mehr), aber in erster Linie freute ich mich darauf, von ihm und seinem Glaubensweg zu lesen. Und das war echt wohltuend. Immer wieder fühlte ich mich in die Zeiten vor rund 15 Jahren zurückversetzt, als ich so manches Erlebnis hatte, das in eine ähnliche Richtung ging.

Man kann das Buch in drei Teile gliedern: Eine Einführung, einen Hauptteil und einen Schluss. In der Einführung erzählt Böcking nach einem ausgeschriebenen Gebet ein wenig von ihm. Wer sein erstes Buch gelesen hat, dem wird manches schon bekannt sein. Er geht darauf ein, welche Vorurteile er vor seiner Bekehrung den Christen gegenüber hatte und stellt insbesondere sechs Überraschungen vor, welche er kennen lernte, als er sich mit dem christlichen Glauben und den christlichen Gemeinden und Menschen befasste. Diese sechs Überraschungen bestimmen dann auch die Gliederung seines Hauptteils, in welchem er viel von seinen Erlebnissen berichtet, die er in diesen Jahren seit seiner Bekehrung hatte. Der Schluss ist eine 10-Wochen-Challenge, mit welcher er versuchen möchte, Menschen dazu zu bringen, den christlichen Glauben besser kennen zu lernen.

Schön finde ich, wie der Autor nicht davor zurückschreckt, den Glauben als vernünftig und nachvollziehbar zu beschreiben. Der Leser wird geradezu herausgefordert, die Gründe dafür zu prüfen und sich selbst auf die Suche zu machen. Besonders ist dafür auch die Challenge am Schluss zu empfehlen. Die Einladung dazu ist geradezu entwaffnend simpel und authentisch. Das Buch besteht aus sehr vielen persönlichen Berichten und versucht auch, die Unterschiede der verschiedenen Denominationen zu erklären. Das fand ich sehr gut.

Auf der anderen Seite gibt es zwei Punkte, die ich eher schwierig fand. Der erste hat mit der Sprache zu tun, und zwar versucht Böcking, so einladend und allgemein, positiv und beliebig zu bleiben, dass am Ende vieles gleichgültig wird. Die Unterschiede werden nur noch wahrgenommen, aber es findet keine klare Beurteilung statt. Ich kann verstehen, dass man gern so happy-clappy in Friede-Freude-Eierkuchen bleibt, aber es geht dabei die Ernsthaftigkeit der Unterschiede verloren. Wer mit allen nur gut stehen will – um jeden Preis – wird am Ende mit niemandem gut stehen. Allerdings muss ich zu diesem Punkt auch hinzufügen, dass dies vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass der Autor noch zu wenig lange Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass die Zeit und die Erfahrung, sowie das weitere ernsthafte Bibelstudium, ihn auch in diesem Punkt noch weiter bringen wird.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen und betrifft die Empfehlung eines Buches sowie jene bestimmter Gebetspraktiken. An einer Stelle wird ein Buch des Autors Anselm Grün positiv erwähnt, dessen Schriften bei mir nach wie vor nur zwischen Rudolf Bultmanns entmythologisierender „Theologie des Neuen Testaments“ und Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ zu finden sein werden. Auch meditative Gebetspraktiken, die fernöstliche Meditation zu verchristlichen suchen, kann ich nicht guten Herzens empfehlen. Doch auch hier bin ich der Überzeugung, dass weitere Recherchen mit Bibel und Gebet Böcking eine weitere Erkenntnis schenken werden.

Fazit:

Daniel Böcking schreibt in seinem Buch „Warum Glaube großartig ist“ sehr viel Schönes und Gutes. Es macht viel Freude, seine – oft auch selbstkritischen – Berichte von seinen Abenteuern in der deutschen Gemeindelandschaft zu lesen. Bis auf zwei oben erwähnte Punkte möchte ich „Warum Glaube großartig ist“ jedem Interessierten sehr empfehlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sterne.

Eine kurze Geschichte des Cessationismus

Heute möchte ich in aller Kürze versuchen, die Geschichte des Cessationismus nachzuzeichnen. Der Cessationismus besagt ja bekanntlich, dass bestimmte Charismen oder Geistesgaben bereits aufgehört hätten. Im Laufe der 2000 Jahre Kirchengeschichte gab es immer wieder kleinere Bewegungen, die diesen Cessationismus vertreten haben. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass die Vorstellungen und Begründungen dazu Legion sind. Auch heute gibt es eine ganze Menge verschiedener Cessationismen, die etwa von unterschiedlichen Gaben meinen, dass sie aufgehört hätten und das dann auch sehr unterschiedlich begründen. Es wäre natürlich spannend, eine ausführliche Geschichte des Cessationismus zu schreiben und die diversen Ausprägungen noch näher zu beleuchten, aber hier geht es mir darum, dass wir verstehen, welche Hintergründe er in welcher Zeit und Gesellschaft hatte.

Die frühchristlichen Theologen im 2. Jahrhundert, unter ihnen etwa Justin der Märtyrer, versuchten mit ihren Schriften den damaligen Juden klar zu machen, dass Jesus doch der Messias ist. In diesen Schriften finden wir Argumente, welche zeigen, dass es schon unter manchen jüdischen Strömungen frühe Formen des Cessationismus gab. Jesus wurde vorgeworfen, ein falscher Prophet zu sein. Für die christlichen Theologen hingegen war klar: Weil die Juden ihrer Zeit keine Wunder mehr vorzuweisen hatten, die christliche Kirche hingegen zahlreiche auch im 2. Jahrhundert, deshalb sei daraus zu schließen, dass die christliche Lehre richtig sein muss.

Der erste christliche Theologe, der eine vollständige Lehre des Cessationismus entwickelt hat, war Johannes Chrysostom („Goldmund“) im 4. Jahrhundert. Er meinte, ein Glaube, der keine Wunder sehen könne, sei ein wertvollerer, echterer Glaube als jener, welcher sich darauf berufen könne, Wunder gesehen zu haben. Interessant ist aber auch der Kirchenvater Augustinus. Dieser war zuerst auch Cessationist, doch im Buch 22 des „Gottesstaats“ zählt er ein ganzes Kapitel lang Wunder auf, die ihn dazu gebracht haben, seine Meinung zu ändern.

In der frühen Kirche war es also ganz natürlich, auf die Wunder und Prophetien, Heilungen und Dämonenaustreibungen zu verweisen, um für den christlichen Glauben Argumente zu präsentieren. Erst mit der Zeit, als eine gewisse Hierarchie aufgebaut war, und langsam das spontane Wirken des Heiligen Geistes durch die geplante Ausübung von Sakramenten durch die Priesterkaste ersetzt wurde, gab es seltener Berichte, die davon zeugten, dass Wunder und Prophetien zum ganz normalen Christenleben dazu gehörten. Immer mehr nahmen feste Rituale den Platz des Heiligen Geistes ein und vermutlich ist der Rückgang dessen Wirkens deshalb auch kein Wunder. Nichtsdestotrotz gibt es aus jedem Jahrhundert zahlreiche Beispiele für einzelne Menschen, die einen charismatischen Dienst hatten.

Im Zeitalter der Reformation kam ein weiteres Merkmal hinzu: Die Abgrenzung von den falschen Lehren. Im Hochmittelalter gab es in den Klöstern und an Wallfahrtsorten immer wieder Berichte von Heilungen und anderen Wundern; man könnte fast sagen, es war eine Resaissance der Wundersucht. Und dann, als die Reformatoren auftraten, wurde oft als Argument gebraucht, um die Reformatoren zum Schweigen zu bringen, dass die Lehre des römisch-katholischen Kirche durch diese Wunder bestätigt würden. Das Argument war also ungefähr so: Je mehr Wunder du vorweisen kannst, desto besser ist deine Lehre. Das war da so der übliche Vergleich, wer den Längsten hat. Oder so.

Und dann gab es noch eine zweite Gefahr. Es gab Menschen, welchen die Reformatoren zu wenig weit gingen. Es gab welche, die meinten, sie bräuchten so viel Freiheit, dass sie ohne Bibel auskämen. Nur mit dem Heiligen Geist. „Das Wort tötet, der Geist macht lebendig“, zitierten sie, und schmissen ihre Bibeln mitsamt diesem Vers in die Ecke, um nur noch auf den wort-losen Geist zu hören. Auch unter diesen Gruppen gab es Berichte von Wundern, die wiederum als eine Bestätigung der besten Lehre betrachtet wurden. Und nun ist es wichtig, diese Dinge im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Schriften der Reformatoren liest. Wer lange genug sucht, wird immer wieder Stellen finden, die sich für sich gesehen so verstehen lassen, dass Luther oder Calvin „klassische“ Cessationisten gewesen wären. Im Kontext und im Gesamtwerk betrachtet wird hingegen deutlich, dass es vor allem darum ging, dass sie gegen eine Abwertung der Bibel als Gottes Wort und Heiliger Schrift argumentierten. Auch das spätere Luthertum war keineswegs der Meinung, dass es keine besonderen Eingriffe Gottes durch Wunder oder Prophetien geben könne. Es wurde lediglich gegen das theologisch liberale „Schwärmertum“ gewettert, welches Gottes Wort degradierte.

Erst die Aufklärung, das naturalistische Weltbild und die Philosophie des „Common Sense“ haben den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen der klassische Cessationismus wachsen konnte, der dann von Benjamin B. Warfield vertreten und ausgearbeitet wurde. Das naturalistische Weltbild betrachtete alles in der Welt als natürlich, und wurde zunächst noch auf das Fundament des christlichen Glaubens gestellt, nach welchem die Gesetze der Natur von Gott geschaffen wurden. Doch bald verließ es dieses Fundament und die Naturgesetze und -konstanten wurden zunehmend als grundlos einfach vorhanden und zufällig vorgegeben betrachtet. Die schottische Philosophie des „Common Sense“ besagte zudem, dass alle vernünftig denkenden Menschen in den wichtigen Fragen zu denselben Resultaten, Antworten und Wahrheiten kommen müssten. Von diesem Denken geprägt machte sich der Theologe Benjamin Warfield daran, Bücher über falsche Wunder und den Cessationismus zu verfassen. Auch er hatte seine Ansichten unter dem Druck seiner Zeit schmieden müssen. In der Presbyterianischen Kirche der USA nahm der theologische Liberalismus überhand. Sein Kollege in Princeton und Zeitgenosse James Gresham Machen hatte den selben Kampf zu kämpfen; er schrieb das Buch „Christentum und Liberalismus“. Warfield ging es darum, in einer Zeit der Verwässerung der Bibel Gottes Wort hochzuhalten, und zwar um jeden Preis. Entsprechend sahen seine Kriterien für ein echtes, biblisches und von Gott gemachtes Wunder aus: Es konnte unter gar keinen Umständen mehr eines geben. Vermutlich war ein weiterer Grund für seine Ansichten auch biographischer Art: Seine Frau Annie wurde infolge eines Blitzschlages gelähmt und blieb es Zeit ihres Lebens, während er sie pflegte. Es ist gut möglich, dass dieses Nicht-Erleben einer übernatürlichen Heilung seiner Frau seine Ansichten gefestigt haben.

In der Zeit von Warfield war auch die Sekte der „Christlichen Wissenschaft“ (Christian Science) von Mary Baker Eddy sehr weit verbreitet. Das war eine Sondergruppierung, die sich darauf berief, dass Heilungen, die in dieser Gruppe geschehen seien, ein Beweis für die Richtigkeit der Lehre sei. Anmerkung am Rande: Einmal mehr der unselige Vergleich, wer den Längsten vorweisen kann. Allerdings zeigt die Theologiegeschichte sehr deutlich, dass man die Irrtumslosigkeit und Inspiration der gesamten Bibel sehr gut verteidigen und sich gleichzeitig an Gottes heutigem Wirken und Reden erfreuen kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen und uns auch fragen, welches gute und welches weniger gute Argumente für das heutige Wirken des Heiligen Geistes in unserer Zeit sind.

Jordan B. Peterson, Archetypen und der Glaube

In den vergangenen Wochen habe ich mich mit Jordan B. Petersons Buch „12 Rules for Life“ beschäftigt, und bereits hier und hier darüber gebloggt. Heute kommt der dritte und vorläufig letzte Teil meiner Kritik an Petersons Weltanschauung. In einem weiteren Post möchte ich noch darauf eingehen, was wir von ihm lernen können und wie wir mit seinem Hype umgehen (dies könnte aus Gründen der Länge auch Teil 5 werden).

Jordan Peterson ist Psychologe, und unter den verschiedenen Strömungen der modernen Psychologie ist er unter die Jungianer zu zählen, zu den Jüngern von Carl Gustav Jung, der die sog. „Analytische Psychologie“ begründet hat. Diese Strömung geht vom Begriff der Archetypen aus. Dieses Wort bedeutet „Urformen“ und meint folgendes Konzept: In jedem Menschen stecken von Geburt an bestimmte Vorbilder, Erwartungen, Vorstellungen, und so weiter. Diese ganzen Komplexe nennt der Jungianer einen Archetypen. Beispiel: Ein Kind, das zur Welt kommt, erwartet eine einzelne Bezugsperson, den Archetypen, den man in unserer Kultur „Mutter“ nennt, und verknüpft damit bestimmte Erwartungen. Wenn diese unbewussten Erwartungen nicht erfüllt werden, dann entstehen daraus psychische Defizite, die dann krankhaft werden können. Diese Archetypen sind laut Jung in allen Kulturen und zu allen Zeiten dieselben, und deshalb studiert Peterson alle möglichen alten Kulturen, Schriften der alten Religionen, Märchen, und so weiter.

Kurz gesagt: Für Peterson ist die Bibel nicht mehr als eine Sammlung von alter Weisheit, die man je nach Lust und Laune zur Begründung eigener Positionen ausschlachten kann. Hier müssen wir uns auch mal kritisch fragen: Kann es sein, dass wir in der evangelikalen Welt uns schon so sehr daran gewöhnt haben, dass dies ständig passiert, dass es uns gar nicht mehr auffällt? Kann es sein, dass manche von uns auch so vorgehen, wenn es um geliebte Positionen geht? Kann es sein, dass wir die Bibel, die wir immerzu zu verteidigen glauben, in Wirklichkeit auch wie ein Märchenbuch behandeln? So als wären es Stories mit einem wahren Kern, aber es unwichtig ist, ob es tatsächlich so stattgefunden hat?

Als ich das Buch „12 Rules for Life“ las, haben mich zwei Fragen eine ganze Weile umgetrieben, und dies ist auch der Grund, weshalb ich diesen Post erst jetzt schreiben kann und will. Die erste Frage: Glaubt Jordan B. Peterson an (einen) Gott? Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, denn die Rhetorik seines Buches ist ganz schön raffiniert. Zu Beginn führt er aus, dass jede Art von Nihilismus zum Chaos führt. Somit will er sich wohl nicht als Nihilisten betrachten. Gegen Ende des Buches schreibt er: „When tempted by the Devil himself, in the desert—as we saw in Rule 7 (Pursue what is meaningful [not what is expedient])—even Christ Himself was not willing to call upon his Father for a favour; furthermore, every day, the prayers of desperate people go unanswered. But maybe this is because the questions they contain are not phrased in the proper manner. Perhaps it’s not reasonable to ask God to break the rules of physics every time we fall by the wayside or make a serious error. Perhaps, in such times, you can’t put the cart before the horse and simply wish for your problem to be solved in some magical manner. Perhaps you could ask, instead, what you might have to do right now to increase your resolve, buttress your character, and find the strength to go on. Perhaps you could instead ask to see the truth.“ (Kindle-Position 6428ff) Und auch zwischendurch finden sich bei ihm häufig Zitate und Anspielungen aus der Bibel, die den Leser im ersten Moment glauben machen könnten, dass Peterson doch irgendwie ein verkappter Christ sei. Das ist letzten Endes alles feinste Rhetorik. Peterson möchte bewusst ein Brückenbauer für gläubige und ungläubige Menschen sein. Es ist edel, dass er das sein möchte, doch in der Praxis ist jeder solche Versuch wertlos und zum Scheitern verurteilt.

Das Problem mit diesem Ansatz ist, dass er sich selbst widerspricht. Eine seiner Regeln lautet: „Be precise in your speech“, also: Sei genau in deiner Sprache. Er selbst ist dabei sehr ungenau, um möglichst alle Leser anzusprechen. Er bezieht zu der Frage nicht nur keine Stellung im Buch, sondern spiegelt vielmehr noch eine Entwicklung vor, die es bei ihm nicht gibt. Rhetorisch brillant geschrieben könnte man den Eindruck bekommen, dass Peterson im Laufe des Buches überzeugter vom Glauben wird – doch wer genauer hinsieht, wird feststellen, dass ein agnostischer Leser den Text genauso gut anders lesen und verstehen kann und ihn dann so deutet, dass Peterson nur vom Leben an und für sich spricht, nicht von einem persönlichen Gott. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Agnostiker oder Atheist mit seiner Lesart recht behält. Peterson arbeitet gegen seine Regeln und vergrößert ihm selbst zufolge somit das Chaos. Schade um den blinden Blindenführer und um alle, die sich seiner Führung anvertrauen. Wer sich auf ihn verlässt, ist verlassen.

Wie geht Peterson mit der Bibel um? Zunächst fällt auf, dass er sie häufig gebraucht. Dann wird aber auch schnell deutlich, dass er sie immer als ein historisches Dokument einer archaischen Kultur liest. Sie bietet ihm – wie bereits oben angesprochen – zusammen mit zahlreichen weiteren religiösen und philosophischen Schriften des Altertums – eine Basis für bestimmte Archetypen. Dazu wird das Jungsche Weltbild in die Bibel hineingelesen und die Kategorien der modernen Psychologie als Maßstab für die Bibel genommen, an der sie sich messen lassen muss. Last but not least fällt auf, dass für Peterson immer die historisch-kritische Eisegese maßgeblich ist, und zwar eine relativ alte Version davon, die auch in der universitären Theologie längst überholt ist. Mein Ratschlag an Peterson wäre deshalb, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben möge und sich nicht in Gebiete einmischt, in welche er zu wenig Einblick und zu wenig Zeit für weitere Arbeit hat. Ich vermute, dass sich Peterson beim Schreiben dieses neuen Buches zu sehr auf seine Arbeiten zu seinem ersten Buch „Maps of Meaning“ verlassen hat, aber da ich dieses Buch noch nicht kenne, kann dies vorerst lediglich meine persönliche Annahme bleiben.

Die zweite große Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war diese: Was möchte Peterson mit seinem Buch und seinem Lehren erreichen? Eins ist klar: Er möchte etwas verändern. Er möchte diese Welt retten. Er möchte, dass unsere Welt nicht noch einmal in ein Chaos wie das der zwei Weltkriege stürzt. Er sieht sich – oder besser gesagt: Seine Lehre – als Allheilmittel für eine sterbende Welt, eine sterbende Freiheit, eine sterbende Ordnung, die im Chaos immer mehr untergeht. Er ist der messianische Heilsbringer, der zwar keineswegs meint, alles zu kennen, aber doch immerhin versucht, eine Lösung zu propagieren, wie der Mensch – also sein gebildeter Leser – eine Art Selbsterlösung vollbringen kann. Peterson ist Guru einer Selbsterlösungsreligion, die durch den Willen seiner Leser geschieht.

Hier wird es spannend, wenn man sich auf die Suche nach den Quellen des Selbst im Laufe der Geschichte macht. Denn hier ist auch das Ideal von Jordan Peterson zu finden. Im 19. Jahrhundert gab es eine größere Bewegung, die sich mit der Selbstverfeinerung des Menschen durch Bildung beschäftigte. Schon ein Jahrhundert früher war Benjamin Franklin der „erste Amerikaner“, der im Laufe der Zeit versucht hat, sein Image und auch sein Selbstbild immer wieder an die Gegebenheiten anzupassen, sodass es ihm den größtmöglichen Vorteil brachte. Im weiteren Verlauf der Geschichte bekam das Gegensatzpaar Natur-Kultur eine zunehmend wichtige Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen. Wer etwa Henry David Thoreau oder Ralph Waldo Emerson liest, bekommt ein gutes Gespür für diese Veränderungen. Letztendlich ging es darum, dass der Mensch sich selbst bestimmen, sich selbst definieren und auch sein Bild von sich selbst konstruieren soll. Der Mensch wird zum Schöpfer seiner selbst – in der größtmöglichen Freiheit, aber auch innerhalb der Grenzen von Natur und Gesellschaft. Dies verursacht eine große Spannung, und genau dieser Spagat, diese Spannung, sieht auch Peterson als Erlösung des Menschen. Möglichst hinter das 20. Jahrhundert zurück, damit der Mensch in diesem Spannungsverhältnis sich selbst finden kann und damit die Welt etwas besser zurücklässt als er sie vorgefunden hat. Das meint Peterson, wenn er seinem Leser empfiehlt, zur besten Version seiner selbst zu werden.

Mal davon abgesehen, dass es unsinnig ist, eine bestimmte Zeit und erst noch diese in einer bestimmten Gesellschaftsschicht, nämlich der oberen Mittelklasse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu vergötzen, wird es auch Peterson nicht gelingen, seine Leser zu Übermenschen machen, die sich in diesem Spagat selbst zu erlösen vermögen. Es wird auch seinen Fans und Nachfolgern nicht anders ergehen als den Menschen des 19. Jahrhunderts, deren Wunsch der Selbstkonstruktion zu einer Überheblichkeit geführt hat, die bestimmtes Leben als weniger wert betrachtet hat. Die Eugenik- Euthanasie- und Rassenhygiene-Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte genau in diesem Denken ihren Ursprung. Auch bei Peterson spielt die kulturelle Evolution eine Rolle. Ideen führen zu weiteren Gedanken und letztendlich zu Taten. Ich kann an dieser Stelle nur beten, dass wir konservative Evangelikale bald aufwachen und die Folgen dieser Gedanken erkennen.

Buchtipp: Eiskalte Freundschaft

Eiskalte FreundschaftIch werde nie vergessen von Laura Marshall

Marshall, Laura, Eiskalte Freundschaft – Ich werde nie vergessen, blanvalet Verlag München, 2018, 448S., Verlagslink, Amazon-Link

Zickenterror hoch drei! Seit Jahren versucht Louise zu verdrängen, was damals an der Schule passiert war. Zickenterror, Mobbing, am Ende gar ein Todesfall. Und dann kommt mitten im Alltag der Alleinerziehenden Louise plötzlich auf Facebook eine Freundschaftsanfrage. Von dem Mädchen, das damals bei der Abschlussparty verschollen ist und für tot erklärt wurde. Ist Maria tatsächlich noch am Leben? Oder ist es jemand anderes, der sie rächen will? Ihr großer Bruder, der damals immer als ihr Bodyguard auftrat? Ungefähr zur selben Zeit wird in ihrer damaligen Schule ein Klassentreffen organisiert. In der Hoffnung, dass sich dann alles aufklären würde, fährt Louise zum Treffen. Doch dort geschieht ein Mord, und dann überstürzen sich die Ereignisse. Und die Wahrheit ist am Ende – wie so oft – ganz anders als gedacht.

Der Einstieg in das Buch ist gelungen, man ist gleich mitten im Geschehen und wartet mit Interesse der Dinge, die da kommen. Das Buch ist auf zwei Zeitschienen angelegt, welche oft abrupt wechseln: Die Gegenwart und die Zeit, als sich die Mädchen in der Schule befanden. Nach dem spannenden Anfang zieht sich das Buch ziemlich in die Länge wie Kaugummi, und leider gelingt es der Autorin häufig nicht, durch die Zeitwechsel wiederum neue Spannung aufzubauen. Es steckt eine gute Idee dahinter, und immer mal wieder ist diese gut umgesetzt, aber der Kontrast zwischen den richtig spannenden Teilen und den vorhersehbaren Ereignissen ist zu krass, um die Story zu einem wirklich spannenden Thriller zu machen. Nicht selten gibt es seitenlange Beschreibungen von Zickenterror und Schulstreichen, die mich eher an Teenieromanzen erinnerten, und das hatte ich nicht erwartet. Gegen Ende des Buches nimmt die Spannung noch einmal rapide zu, und die Begegnung mit der Person hinter dem Profil von Maria ist richtig lebhaft geschildert. Das fand ich gut, und es hat mir einen besseren Eindruck hinterlassen als ich ihn noch kurz davor hatte.

Die Charaktere sind unscharf entworfen und häufig in sich selbst widersprüchlich. Das mag man vielleicht als authentisch empfinden, aber es stört den Lesefluss und hält den Leser mit Nachdenken auf. Louise ist der typische labile Mitläufertyp, stets um ihr eigenes Image besorgt, und deshalb auch bereit, um dessentwillen immer wieder die Fronten zu wechseln und am Ende auch an Mobbingaktionen teilzunehmen. Irgendwie dreht sich die ganze Welt für sie zu Schulzeiten gerade mal um eine Handvoll Leute, gerade so, als gäbe es nur die ganz Beliebten und auf der anderen Seite die Abgeschriebenen, die zwar ihr Mitleid zu erregen vermögen, um des guten Images willen jedoch auch verkauft und verraten werden. Dass die Realität anders gewesen sein muss, zeigt die Größe des Klassentreffens. Irgendwie scheint die Autorin auch in Hinblick auf die Protagonistin zwischen Mitleid und Entrüstung hin- und hergerissen gewesen zu sein, denn die Wortwahl schwankt beständig zwischen diesen Kategorien hin und her.

Fazit:

Eiskalte Freundschaft ist Buch mit einem sehr spannenden Einstieg und einem gut durchdachten und richtig spannenden Schluss, während sich dazwischen alles recht ruhig entwickelt und sich meines Erachtens zu sehr in die Länge zieht. Die Charaktere sind unscharf gezeichnet und wenig sympathisch. Die Zeitsprünge hätten noch besser durchdacht und bewusst als spannungserzeugendes Stilmittel eingesetzt werden können. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sterne.

Jordan B. Peterson und die kulturelle Evolution

Hier (Link) geht es zu meiner Einführung zu dieser kurzen Serie zu Jordan B. Peterson und der evangelikalen Bewegung.

Es gibt zwei grundlegende Ideen oder Ideologien, welche die Weltanschauung von Jordan B. Peterson ausmachen. Eine Weltanschauung ist die Brille, durch welche ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen die Welt anschauen und alles, was sie erkennen, lernen, erfahren, wird durch diese Weltanschauung interpretiert. Die zwei Konstanten, welche die Weltanschauung von Peterson ausmachen, sind der Darwinismus und die Archetypen-Lehre von Carl Gustav Jung. Peterson ist ja selbst ein klinischer Psychologe und lehrt nebenher inzwischen an verschiedenen Universitäten, und viele hunderte von Stunden seiner Vorlesungen und Diskussionen finden sich auf YouTube. Das große Problem von Peterson und uns Evangelikalen ist, dass er und viele von uns trotz so unterschiedlicher Weltanschauung zu ähnlichen Meinungen kommt. Das ist gut und schlecht zugleich. Es ist gut, weil es zeigt, dass man auf unterschiedliche Wege zum selben Resultat kommen kann, aber es ist schlecht, wenn wir seine Argumente ungeprüft übernehmen, die auf einer Weltanschauung aufgebaut sind, die unserer Weltanschauung total konträr entgegen steht. Im heutigen Blogpost möchte ich die erste Prämisse der Weltanschauung von Jordan B. Peterson auseinandernehmen, die biologische und kulturelle Evolution, und im nächsten Beitrag wird es um die Archetypen-Lehre und sein Verhältnis zur Religion und besonders zum Christentum gehen.

Peterson baut sein ganzes Weltbild auf dem Darwinismus auf. Es ist für ihn natürlich total legitim, dies zu tun. Da er allerdings öffentlich lehrt, müssen seine Vorträge natürlich auch öffentlich geprüft und besprochen werden. Was der Umfang des Darwinismus ist, darüber gibt es ein ganz breites Spektrum von Meinungen. Grundsätzlich lehnen die meisten Spielarten des Darwinismus ein übernatürliches Eingreifen in die Entwicklung ab. Man kann die zwei Dogmen des Darwinismus mit den Begriffen Mutation und Selektion stark vereinfacht zusammenfassen. Da ich an dieser Stelle nicht vorhabe, ein Buch zu schreiben, möge mir der Leser die Vereinfachung verzeihen. Ich bin mir bewusst, dass man dazu noch viel mehr schreiben könnte oder gar sollte. Mutation und Selektion bedeutet: Das Leben möchte möglichst stabil sein. Es haben sich Mechanismen entwickelt, die einer möglichst langen Reihenfolge von Ahnen ein unverändert bestmögliches (Über-)Leben ermöglichen wollen. Ressourcenknappheit führt zur Auslöschung der schwächeren Arten, während die besser an die Umwelt und deren Veränderungen angepassten Arten überleben.

Und hier stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sieht es beim Menschen aus? Ist seine Kultur, seine Vernunft, sein Bewusstsein, seine Fähigkeit zum Planen und Vorbereiten, Prüfen und intellektuellen Lernen ein Teil der Evolution im positiven oder im negativen Sinne? Anders gefragt: Sind diese Fähigkeiten etwas, womit der Mensch seine biologische Herkunft (wenn man davon ausgehen will) fortsetzt oder überwindet? Der britische Biologe Richard Dawkins vertrat in seinem ersten Buch „Das egoistische Gen“ zum Beispiel die Meinung, dass der Mensch durch die kulturelle Evolution der „Meme“ (er erfand den Begriff des Mems analog zum Gen als Informationseinheit, die durch Lernen von Generation zu Generation weitergegeben wird) seine biologisch vererbten Instinkte hinterfragen und überwinden kann. Er meinte, dass es an der Zeit sei, die veralteten Ideen der Religionen hinter sich zu lassen und die Welt zu erlösen, indem alle aufeinander Rücksicht nehmen. Peterson hingegen – obwohl er eigentlich von einem sehr ähnlichen Modell der Welterklärung ausgeht – begründet gerade die Hierarchien und patriarchale Strukturen mit der kulturellen Evolution oder anders gesagt mit seinem Sozialdarwinismus.

Peterson argumentiert, dass die Strukturen der menschlichen Gesellschaft nach all den vielen Millionen Jahren der Entwicklung so verdrahtet seien, dass der Mensch nur in den alten Hierarchien denken, leben und Ordnung schaffen kann. Wenn man diese Ordnung auflöse, so entstehe dadurch Chaos. Dawkins und Peterson – zwei Vertreter eines kulturellen Darwinismus – kommen zu so gegensätzlichen Schlüssen. Wie kann das sein und wie gehen wir damit um?

Ich bin überzeugt, dass beide Menschen, Dawkins und Peterson, mit bestem Wissen und Gewissen gelernt, geforscht, nachgedacht und geschrieben haben. Beide gehen von den selben Quellen und Ideen aus. Doch beide haben unterschiedliche Biographien und ganz verschiedene Erfahrungen in ihrem Leben. Dawkins hat viele Probleme mit Vertretern von Kirchen und Gemeinden (und ja, ich kann ihm das nachfühlen und verstehe seine Verbitterung ein Stück weit), er macht mit friedfertigen Agnostikern und Atheisten bessere Erfahrungen (das ist ebenfalls ein Stück weit nachvollziehbar), deshalb glaubt er an eine Erlösung dieser Welt durch den Fortschritt und die Abschaffung der alten Religionen. Peterson hingegen bekommt auf seine Couch vor allem die Menschen, welche ein Leben voll Chaos haben und hilft ihnen, Struktur in ihr Leben zu bringen, indem er ihnen die Welt vereinfacht und sie lehrt, ihren Platz in einem einfachen Leben von klaren Gegensätzen und einer klaren Ordnung zu finden. Dawkins ist somit eher progressiv, Peterson eher konservativ.

Dieser letzte Gedankengang führt uns zur nächsten Frage: Was will Peterson erhalten oder konservieren? Das sagt er so nicht wirklich. Ich bezweifle überdies, dass er sich tatsächlich bewusst ist, was er konservieren will. Man kann es nur aus dem gesamten Buch heraus zu destillieren versuchen, und ich bin nach einigem Nachdenken und dem mehrfachen Lesen einiger Absätze zum Schluss gekommen, dass Peterson versucht, das Ideal der oberen bürgerlichen Mittelschicht von Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederherzustellen. Er möchte einen liberalen (freiheitlichen), aufgeklärten und autonomen Menschen, der an klare Unterscheidung von Gut und Böse glaubt und der bereit ist, für diese Freiheit zu kämpfen. Für ihn ist das 20. und 21. Jahrhundert ein einziges Trauerspiel, das es zu überwinden gilt, indem man auf die Ideale, Werte und Tugenden der Zeit davor zurückgreift. Man sollte dabei nicht vergessen, dass dieses Ideal genauso widersprüchlich ist wie der nietzscheanische Übermensch oder der freie Bürger des kommunistischen Weltstaats. Entweder der Mensch ist frei und autonom, das heißt, er ist sich selbst Gesetz, und damit sind Gut und Böse, Richtig und Falsch, Tugend und Untugend aufgelöst, oder er ist dem Urteil eines Höheren unterworfen, der ihm die Werte und Tugenden vorschreibt. In diesem Spannungsfeld von Autonomie und universellen Werten lebt der Mensch schon seit Jahrtausenden. Das Buch der Richter in der Bibel lässt grüßen.

An dieser Stelle müssen wir evangelikalen Christen uns die Frage gefallen lassen: Was ist unser Ideal? Leider haben sich viele von uns auch auf die „guten alten Zeiten“ des bürgerlichen Lebens im 19. Jahrhundert eingeschossen. Viele von uns versuchen, so gut wie möglich nach der Bibel zu leben, aber unsere heutige Vorstellung davon, wie das im täglichen Leben aussehen soll, wurde erst vor etwa 150 Jahren geprägt. Es war die Zeit, in welcher der Wohlstand zunahm, die negativen Folgen der Industrialisierung durch die positiven Folgen wieder wett gemacht wurden, und die Übergänge zwischen den Gesellschaftsschichten immer durchlässiger wurden. Das Ziel der Familien war, mal in der oberen Mittelschicht anzukommen, dort, wo ein Einkommen für die ganze Kleinfamilie ausgereicht hat. Die Hausfrau und Mutter, die sich um die drei „K“ (Kinder, Küche, Kirche) kümmerte, war das Ideal. Wer als Familie dort ankam, hatte es geschafft, in der oberen Mittelschicht anzukommen, und dieses Ideal treibt auch heute noch viele in unserer Bewegung an. Ob dieses Ideal, das in der Bibel nirgends vorkommt, tatsächlich so biblisch ist, das sollte sich jeder Leser selbst fragen.

Zwischendurch versucht sich Peterson auch mal in frauenverachtenden Formulierungen, von denen sich jeder Nachfolger Jesu sogleich distanzieren sollte. Jesus war ein Freund der Frauen, der die Vorstellungen der damaligen Kultur deutlich in Schranken wies. Wenn nun Peterson mit Hilfe von Yin und Yang versucht, die gute Ordnung mit dem Männlichen und das böse Chaos mit dem Weiblichen zu verknüpfen, dann haben wir ein Problem. Leider ist auch in der christlichen Subkultur oft eine Angst vor der Frauenbewegung und dem Feminismus da, die zuweilen ähnliche Blüten tragen. Da müssten alle Alarmglocken schrillen. Einerseits wirbt Peterson dafür, dass man sich nicht dem totalitären Stolz hingeben solle, der Unterdrückung hervorbringen würde, aber zugleich schafft er Argumente, mit welchen diese dann wiederum gerechtfertigt werden kann. Dieser Spagat ist typisch für Peterson und findet sich an vielen Stellen im Buch.

Was sollen wir als Evangelikale also mit Peterson machen? Zunächst einmal müssen wir uns fragen und uns darüber klar werden, was unser Ideal ist. Als Christen wissen wir, dass wir in Gottes Bild geschaffen wurden. Hier fängt unsere Weltanschauung an: Wir sind von Gott erschaffen, haben durch Ihn unendlich großen Wert, haben die Erlösung, sind teuer erkauft durch das Blut Jesu Christi, der an unserer Stelle für unsere Schuld und Sünde am Kreuz gestorben ist und uns durch Glauben allein Seine Gerechtigkeit überträgt. Unser Ideal ist nicht im 19. Jahrhundert. Unser Ideal ist Jesus Christus, und ER gibt uns enorm viel Freiheit. Er macht uns wirklich und wahrhaftig frei, damit wir – statt uns um uns selbst herum zu kreisen – unseren Mitmenschen dienen können und sie mit der Wahrheit von Jesus Christus konfrontieren. Wir dürfen für Jordan B. Peterson beten und dürfen uns von ihm zum Nachdenken bringen lassen. Wenn wir aber keine besseren Argumente haben als jene eines sozialdarwinistischen Jungianers, dann müssen wir uns ernsthaft prüfen, ob unsere Sichtweise nicht doch von einem falschen Ideal kontaminiert ist.

Buchtipp: Panterra Nova: Die Suche

Farina Eden - Panterra Nova: Die SucheEden, Farina, Panterra Nova: Die Suche, Thienemann-Esslinger Verlag GmbH Stuttgart, 2018, 334S., Verlagslink, Amazon-Link

Chris ist ein Wunschdenker. Wunschdenker können mit ihren Gedanken Menschen manipulieren und sie dazu bringen, gegen ihren Willen Dinge zu tun, die sich der Wunschdenker wünscht. Bis zu seinem 17. Geburtstag wusste Chris noch nicht einmal, dass es so etwas gibt. Erst mit diesem Geburtstag wird die Gabe aktiviert. Jeder Wunschdenker hat einen Hüter oder eine Hüterin, weil Wunschdenker wegen ihrer Gabe gejagt werden. Chris möchte endlich wissen, wer sein Vater ist, besonders nachdem er erfährt, dass er diese Gabe von ihm geerbt haben muss. Was er nicht weiß: Sein Vater war durch diese Gabe inzwischen dabei, die Welt ins Unglück zu stürzen und die Erde in seinem Drang, sie zu erhalten, zu zerstören. Ein Wettlauf beginnt: Kann es Chris und den Hütern gelingen, die Maschinen rechtzeitig auszuschalten, bevor die Erde ganz zerstört ist?

Panterra Nova ist eine Dystopie, und zugleich eine Geschichte über eine erwachende Liebe, eine Roman über die Selbstfindung, die Frage: Wer bin ich? Was macht mich aus? Insgesamt ist das Buch wohl eher für ein jüngeres Publikum geschrieben (Mensch, bin ich schon so alt????), aber ich denke, dass zumindest manche Fragen auch ein Leben lang gestellt werden können. Etwa: Machen wir die Umwelt kaputt, indem wir sie retten wollen? Wie viel Eingriff und wie viel planmäßiger Wiederaufbau von bereits genutzten Flächen macht überhaupt Sinn und ist verantwortbar? Mit der Gabe des Wunschdenkers begibt sich Eden auch in den Bereich der Fantasy. Das fand ich etwas zu viel Vermischung der verschiedenen Genres, denn letzten Endes spielte das Ganze hier, in Deutschland, der Schweiz, dem Europa dieser Erde.

Der Anfang ist wirklich gut gelungen. Ein schöner Einstieg, der den Leser gleich ins Leben von Chris hineinnimmt. Mit der Zeit überstürzen sich die Ereignisse, und hier wird dann zugleich auch deutlich, dass das Buch mit verschiedenen Genres und Fragestellungen deutlich überladen ist. Es gibt viele Fäden, die nur kurz aufgegriffen werden und am Ende zu keinem Ergebnis führen. Das hätte vielleicht mit einer ausführlicheren Testleserunde bereits im Voraus festgestellt und behoben werden können. Davon abgesehen hat mir das Buch gut gefallen, besonders auch, weil es einen zeitgenössischen Trend zum extremen Ökofanatismus sehr schön widerspiegelt, der sich möglicherweise auch eines Tages in sein Gegenteil verkehren und lebensfeindlich werden kann. „Die Suche“ ist der erste von insgesamt drei geplanten Bänden zu Panterra Nova.

Fazit:

Farina Eden legt mit „Panterra Nova: Die Suche“ einen Roman vor, der sich leicht lesen lässt, wenngleich er ein düsteres Szenario von der Zukunft zeichnet. Viele gute Fragen regen zum Nachdenken an. Manches bleibt am Ende leider ungeklärt. Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Evangelikale und Jordan B. Peterson – ein Tanz am Abgrund

Seit Monaten sehe ich mit wachsenden Bedenken, wie es immer wieder Evangelikale gibt, die unhinterfragt Inhalte (insbesondere YouTube-Videos) von Jordan B. Peterson teilen, liken und positiv kommentieren. Ich habe mir mehrere davon angeschaut und wusste doch ziemlich bald, was hier vorgeht. Peterson ist ein konservativer Intellektueller, ein wirklich bewundernswert belesener Mann mit einem großen Herzen für Religionen und besonders für die jüdisch-christliche Kultur, während er zugleich Säkularist bleibt und damit auch die konservativen Atheisten und Agnostiker anzusprechen vermag. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern lässt jenseits der Maulkörbe aller „political correctness“ auch Sätze heraus, die sich manch einer schon länger zu hören gewünscht hätte.

Da mir schnell die explosive Mischung dieses Ganzen klar wurde, suchte ich nach klugen Bibellehrern und Theologen, die sich kritisch mit dem Phänomen dieses Mannes auseinandersetzten, bin aber nicht wirklich weit gekommen. Gerne hätte ich diese Kritik jemand anderem überlassen, denn ich kritisiere nicht gerne. Ich mag lieber Einheit und Harmonie. Da ich unter bibeltreuen Stimmen nicht wirklich gefunden habe, was ich suchte, dachte ich schon seit einem halben Jahr darüber nach, selbst etwas zu schreiben, konnte mich allerdings aus Zeitgründen nicht dazu aufraffen. Ok, ja, der innere Schweinehund hat auch eine Rolle gespielt. Und dann habe ich gesehen, dass Greg Boyd (http://reknew.org/blog/) eine 15-teilige Serie zu Peterson begonnen hatte. Wenn wir theologisch Konservativen, Bibeltreuen nicht bereit sind, die Geister selbst zu prüfen, dann bin ich dankbar, wenn Progressive wie Boyd (dem ich in ziemlich vielen Fragen widerspreche) den Finger in die Wunde legen und uns auf unsere Schwächen hinweisen. Es kann letztendlich nicht nur darum gehen, wer recht behält, sondern es geht einzig und allein darum, dass wir Jesus Christus ähnlicher werden und dass Menschen zum Glauben kommen. Und wenn es Gott gefällt, dafür Menschen zu gebrauchen, denen ich einiges zu widersprechen habe, dann will ich Ihm dafür danken. Und ja, das habe ich schon oft genug erlebt.

Jordan B. Peterson hat eine zutiefst antichristliche Weltanschauung. Das muss ich hier mal ganz klar festhalten. Ich werde mehrere Blogposts benötigen, um das auszuführen. Allerdings keine 15 😉 Das Buch „12 Rules For Life“ ist ein interessanter Einblick in das Innenleben von Peterson. Während man bei den Videos üblicherweise nur ein bestimmtes Thema serviert bekommt, wird beim Buch sehr schnell deutlich, wie sehr der Autor seine Weltanschauung zusammenbastelt. Auf den ersten Blick scheint es logisch, durchdacht und zusammenhängend zu sein, aber in Wirklichkeit ist es voll von inneren Widersprüchen und weltanschaulichen Schwächen. Bei den Videos muss man da deutlich besser aufpassen, um diese so mitzukriegen. Was es auch beim Buch zusätzlich schwierig macht, ist einerseits die zusammenhangslose Art, auf die sein Buch aufgebaut ist. Die zehn Regeln sind nicht aufeinander aufgebaut, sondern könnten in jeder beliebigen Reihenfolge aufgezählt werden. Das führt dazu, dass manche inneren Widersprüche besser verschleiert werden können. Andererseits hat es mir aber auch die sympathische Art zu schreiben schwerer gemacht, ihm zu widersprechen. Er beschreibt vieles aus seinem Alltag, aus der Praxis als klinischer Psychologe, aus der Familie, und so weiter. Wer seine Videos kennt, wird seine raue Art kennen, mit der er über andere herzieht. Das fällt im Buch größtenteils weg. Bei den Videos ist es einfach, ihn entweder zu hassen oder zu lieben. Im Buch ist der Text geglättet und überarbeitet. Das macht einen großen Unterschied. Es gibt vieles an seinem Buch, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Mein Ziel war es, auch von ihm zu lernen. Und wenn jemand von der Bibel über Milton, Tolstoy, Dostojewski bis hin zu Nietzsche und Heidegger zitiert, und das auch noch in kluger Weise, so hat er meinen Respekt. Es gäbe vieles aufzuzählen, wo man ihm durchaus zustimmen kann. Vielleicht werde ich dazu auch mal noch gesondert schreiben. Was mich im Moment jedoch mehr umtreibt, ist die Begeisterung für ihn, die unter uns konservativen Bibeltreuen umgeht, und deshalb werde ich nun einige kritische Punkte ansprechen müssen.

Ich sagte vorhin bereits, dass seine Weltanschauung zutiefst antichristlich ist. Und das ist schon mal ein hartes Statement für jemanden, der versucht, die jüdisch-christliche Kultur zu propagieren. Das grundlegendste Problem ist das, dass Peterson seine Philosophie als messianische, als erlösende, Wahrheit ansieht, mit welcher die Welt gerettet werden kann. Er hält sich dabei nicht für den Erfinder, sondern zitiert extensiv von vielen Philosophen, Schriften der alten Religionen, legt Märchen psychologisch aus, und so weiter, weil er der Überzeugung ist, er habe die Quintessenz (oder zumindest einen Teil derjenigen) der Weisheit aller Zeiten gefunden, die uns behilflich sein soll, um dem irdischen Leid zu begegnen und die Welt zu verbessern. Damit wir das verstehen, hilft ein Blick in seine Beschreibung, wie er zu seinen Überzeugungen gekommen ist. Er hat sich geschichtlich längere Zeit mit dem 20. Jahrhundert befasst und mit den Nürnberger Prozessen, und da hat er gemerkt, dass es gut und böse, Chaos und Ordnung, geben muss.

Anders gesagt: Peterson ist ein säkularer Humanist, der die Bibel und die jüdisch-christliche Tradition dazu missbraucht, um eine Selbsterlösungsreligion zu erfinden. Er ist durch und durch Humanist, denn er hält den Menschen für das höchste Geschöpf und das Maß aller Dinge. Für einen bibeltreuen Christen ist klar, dass Sünde in erster Linie immer gegen Gott persönlich gerichtet ist und dass jede Erlösung nur von außerhalb des Menschen selbst kommen kann. Der Christ ist deshalb weder Humanist noch Materialist, sondern eben Christ, weil er von Jesus Christus erlöst wurde. Des Weiteren ist Peterson auch ein Darwinist, dazu noch ein Sozialdarwinist, der auch das Entstehen der Kultur unter Menschen für eine kulturelle Evolution hält. Er sieht den Schrecken der Sozialismen im 20. Jahrhundert und versucht, Regeln aufzustellen, die helfen sollen, weiteren Terror zu verhindern. Peterson ist ein klinischer Psychologe und Professor der Psychologie, und als solcher auch besonders am Innenleben des Menschen interessiert. Er ist Eklektiker, der sein Weltbild aus vielen widersprüchlichen Quellen zusammensetzt und dabei zu politisch konservativen Schlüssen kommt.

In Anbetracht seines säkularen Humanismus sind die Regeln ganz schön aus der Luft gegriffen. Er hat kein wirklich tragendes Fundament, um seine Regeln darauf aufzubauen. Seine Ethik entbehrt jeglicher objektiven Grundlage. Peterson ist ein antipostmoderner Postmoderner, also jemand, der die Methoden des Postmodernismus nutzt, um den Postmodernismus zu bekämpfen. Es gibt ein Video von ihm, in welchem er ziemlich lange argumentiert, der Postmodernismus sei lediglich ein Substitut für den unbeliebt gewordenen Namen des Kommunismus. Während er durchaus treffend einige Gedanken des Postmodernismus im Kommunismus finden kann, bleibt er auf halber Strecke stehen und weigert sich, einzusehen, wie sehr er selbst vom Postmodernismus und dessen Methoden geprägt ist. Seine Regeln sind nicht viel anderes als was er seinen Gegnern vorwirft, welche die „political correctness“ voranbringen wollen. Beider Regeln sind einem Relativismus entnommen. Peterson lässt etwa die Bibel nur insofern sprechen, wie sie seiner Überzeugung entspricht. Er blendet den Absolutheitsanspruch Jesu aus und nutzt gerne Resultate der historisch-kritischen Methoden, um seine Regeln zu untermauern und zugleich die Nähe zum Christentum zu zeigen. Im Grunde genommen ist Peterson damit ebenso weit vom Christentum entfernt wie die Theologen, die meinen, sie müssten „mit Jesus gegen die Bibel“ argumentieren. Was Peterson in erster Linie fehlt, ist ein objektiver Maßstab, aus welchem sich die Regeln ableiten lassen. Er versucht, so etwas wie einen „Common Sense“ zu erarbeiten, also eine Anzahl von Prinzipien, denen alle denkenden und ehrlichen Menschen zustimmen müssen.Er findet heraus, dass er unter seinen Studenten mit diesen Meinungen gut ankommt und propagiert sie. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt viele Menschen, die sich in dieser komplexen und fragmentierten Welt nach klaren Regeln sehnen. Regeln geben Sicherheit. Und dann versucht er, seine Prinzipien im Nachhinein zu rechtfertigen, indem er argumentiert, er würde unter seinen Studenten viel Zustimmung erhalten. Das nennt man dann wohl zirkuläre Argumentation.

Was ist denn für Peterson überhaupt das Ziel des Menschseins? Unser Ziel soll sein, die bestmögliche Version unserer selbst zu werden, also uns beständig zu verbessern und die Welt möglichst besser zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Doch wer bestimmt, was die bestmögliche Version unserer selbst ist? Wer sagt, wie die Welt besser aussieht? Für Jordan B. Peterson geht es um einen Fortschrittsglauben, eine Art kultureller Evolution ohne ein wirkliches Ziel. Eine Teleologie ohne „telos“. In zwei weiteren Blogposts, die ich in den nächsten Wochen noch zu veröffentlichen plane, wird es darum gehen, Petersons Sozialdarwinismus und sein Verhältnis zu Religion allgemein und insbesondere dem christlichen Glauben zu beleuchten. Ich möchte insgesamt zeigen, dass wir Evangelikale – obwohl wir in manchen Fragen durchaus von Peterson lernen können – keinen Grund haben, besonders Werbung für seine Ansichten zu machen.