Philadelphia und die Synagoge Satans

 

Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine geöffnete Tür gegeben, und niemand kann sie schließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich gebe, dass solche aus der Synagoge des Satans, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern lügen, siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen und vor deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. (Offenbarung 3, 8 – 9)

Seit vielen Jahrhunderten ist es weit verbreitet, dass man die sieben Briefe Jesu an die sieben Gemeinden Kleinasiens, die in der Offenbarung in den Kapiteln 2 und 3 stehen, nicht nur als Briefe an die tatsächlichen damaligen Gemeinden, sondern auch als Botschaften an alle Gemeinden und alle Gläubigen, und zusätzlich auch als eine Beschreibung von sieben verschiedenen Zeitabschnitten der Kirchengeschichte betrachtet. Bei dieser letzten Betrachtungsweise legte man zumeist den Fokus auf Laodizäa, denn man sah sich (zu recht!) als Gemeinde der letzten Zeit der Endzeit. Die Offenbarung möchte bewusst, dass sich die Gemeinde in jedem Zeitabschnitt als die Gemeinde der allerletzten Zeit sieht. Da man von einem zeitlichen Ablauf entlang der Abfolge der sieben Sendschreiben ausging (und geht), ist dieser Fokus auf das letzte Sendschreiben nur allzu logisch. Dennoch bin ich überzeugt, dass keines der sieben Sendschreiben so perfekt auf unsere Zeit und die Christenheit der westlichen Welt zutrifft wie das an Philadelphia, das sechste der sieben Sendschreiben.

Quer durch die Christenheit, durch alle Denominationen und Gemeindebünde hindurch, geht ein Riss, und dies ist der Riss, welcher den Unterschied zwischen Philadelphia und der „Synagoge Satans“ ausmacht, wie der Herr Jesus das nennt. Philadelphia wird beschrieben als Gemeinde, die das Wort Gottes bewahrt und den Namen Jesu nicht verleugnet. Dem gegenüber steht eine Synagoge Satans, und damit ist keine „Church of Satan“ oder okkulte Praktiken und dergleichen mehr gemeint. Die Synagoge Satans ist in unserer Zeit viel subtiler, viel schlauer, viel besser versteckt. Satan hat sein erstes Auftreten in der Heiligen Schrift dort, wo er die erste Frau fragt: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ (1. Mose 3,1) Im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte lernen wir noch viele weitere Fallstricke Satans kennen. Sie kommen oft nicht von direkten Gegnern, sondern ebenso häufig mitten aus der Gemeinschaft derer, denen wir nahe stehen. Die Frau Hiobs, die ihn aufforderte: „Sage dich los von Gott und stirb!“ (Hiob 2,9) und so weiter, und so fort.

Philadelphia ist die Gemeinde der Bruderliebe. Da geht es um eine echte Liebe, die um den Nächsten besorgt ist und mit dem Heiligen Geist zusammen darum kämpft, dass das Wesen Jesu in den Geschwistern im Herrn immer besser sichtbar wird. Da geht es um Heiligung, um Gemeinschaft, um Veränderung. Echte Liebe ist immer um den Nächsten besorgt und scheut sich nicht davor, die Wahrheit auch dann zu sagen, wenn sie schmerzt. Doch in unserer Zeit gibt es eine andere Vorstellung von „Liebe“, die in Wirklichkeit vielmehr eine Form der eifrigen Gleichgültigkeit ist. In der Angst, man könne jemanden verletzen oder es könne sich jemand falsch behandelt und diskriminiert fühlen, wird eine situative Ethik betrieben, die zu oft alle möglichen Zugeständnisse an den Charakter macht.

Überall, wo die historisch-kritischen Methoden an Gottes Wort angelegt werden, wo Gottes Wort verspottet und mit neueren Erkenntnissen ausgetauscht wird, überall, wo die Bibel nicht mehr der oberste und ewig gültige, unfehlbare und allgenügsame Maßstab aller echten Wahrheit ist, da macht sich die Synagoge Satans breit. Überall dort kann nicht mehr der einzelne Gläubige und die Gemeinschaft der Gläubigen vor Gott stehen, sondern der Primat der historischen Kritik wird gleich einem unfehlbaren Papst zwischen Gott und die Menschen geschoben. Überall da ist es aus mit dem Priestertum aller Gläubigen, weil eben nur der geschulte Theologe – der sich in dem Fall zum Theolügner macht – sich anmaßen kann, die Bibel recht zu verstehen und auszulegen.

Wir leben in einer Zeit, in welcher Zweifel an Gottes Wort und das Abfallen vom Glauben an Jesus Christus nicht nur verharmlost – das wäre an sich schon schlimm genug -, sondern vielmehr zu einer Tugend erhoben werden. Es scheint, als wäre gerade der methodische Zweifel an allem in der Bibel wie eine Türe zu einem höheren, wertvolleren, besseren Verständnis. Dass am Ende dabei nur Denkverbote herauskommen, die einzig feststellen, man dürfe das nicht mehr so verstehen wie man es früher verstanden habe, lässt man dabei gern unter den Tisch fallen.

Gott hat uns die Offenbarung als Mutmacher gegeben. Der Herr Jesus stellt fest: Du hat eine kleine Kraft. Soll heißen: Du bist klein, du bist schwach, du kannst dir nichts auf dich selbst einbilden. ABER: ICH (der große, allmächtige Gott) habe dir eine Tür geöffnet, die niemand schließen kann. Und ICH (der große allmächtige Gott, in dessen Hand alle Herzen wie Wachs schmelzen) werde geben, dass solche aus der Synagoge Satans kommen und vor dir niederfallen und erkennen, dass ICH dich geliebt habe. Das ist der Liebesbrief Jesu an Seine Gemeinde in unserer Zeit. Wovon der Herr hier spricht, ist, dass eine Zeit der Erweckung kommen wird, in welcher wir als kleiner Überrest für viele da sein dürfen, die dann beginnen werden, Buße zu tun über ihren Hochmut des Zweifels und der Bibelkritik.

Sei gesegnet und bleibe IHM allein treu!

Der vergessene Segen von Pflicht und Tugend

Wenn ich mir das Leben von Menschen anschaue, die einen echten, bleibenden Abdruck in dieser Welt hinterlassen haben, Menschen, die mich beeinflussen, deren Leben mir und anderen zum Segen geworden ist, dann fällt mir auf, dass diese Personen etwas gemeinsam haben, was in unserer Zeit vergessen gegangen ist. Sie haben ein Geheimnis entdeckt, das eigentlich kein Geheimnis ist. Jede und jeder kann es entdecken, aber die Vielzahl an Tabus unserer lärmigen, schnelllebigen Welt haben es versteckt und für geheim erklärt. Ja, mehr noch: Unsere Zeit hat dieses Geheimnis in den Giftschrank gesteckt und einen dicken Totenkopf darauf gemalt. Wovon ich spreche, sind die zwei Stichworte Pflicht und Tugend. Oder: Wer es noch kürzer haben will: Charakter. Charakter ist das, was bleibenden Wert hinterlässt. Und Charakter wächst durch Pflicht und Tugend. Durch Treue, Zuverlässigkeit und das Wissen: Das gehört sich so.

Wenn man zurückblickt, gibt es im vergangenen Jahrhundert eine unüberbrückbare Zäsur: WWII, das Dritte Reich, und der damit einhergehende Missbrauch dieser Worte. Pflicht, Tugend, Treue, das klingt im ersten Moment nach der längst überwundenen Propaganda dieser Zeit. Entsprechend kam es bei den Studentenunruhen Ende der Sechzigerjahre auch zu einer Aufräumaktion mit diesen Begriffen. Weg mit diesem Vokabular! Es lebe der Diskurs, es lebe die Vernunft! So wurden das alles in den Giftschrank verbannt. Was sich wohl keiner so wirklich bewusst war: Unsere Vergangenheit und das gegenwärtige Umfeld prägen jede und jeden noch viel stärker als man das wahrhaben will. Im Diskurs der damaligen Studentenbewegung baute die Vernunft auf einem Weltbild auf, das noch stark von der Elterngeneration geprägt war. Auch wenn man sich geradezu daran abarbeitete; das Denken selbst, die Vernunft, verlief nach wie vor in den Bahnen des Gelernten: In Bahnen, die gewisse Pflichten und Tugenden hochhielten, während sie andere wieder ausspien.

Auf dieser Grundlage funktionierte das alles: Es wurde ja grundsätzlich angenommen, dass man über dieselbe Realität diskursieren konnte, die alle umgab; es wurde angenommen, dass alle in gewissem Rahmen ein ähnliches Elternhaus hatten; es wurde angenommen, dass alle dasselbe meinten, wenn sie mit Machtstrukturen abrechneten. Und dann bekamen die etwas älter und reifer gewordenen Studenten selbst Kinder – und hatten keine gemeinsame Grundlage mehr, welche sie der nächsten Generation weitergeben konnten. Viele wurden selber bürgerlich, hatten gut bezahlte Arbeit, andere gingen in die Politik – der legendär gewordene „Marsch durch die Institutionen“ zähmte sie oder radikalisierte sie in der ewigen Opposition. Doch nun war der Segen im Giftschrank und es gab nichts mehr, was sie ihrer Nachkommenschaft insgesamt mitgeben konnten. Kein friedlicher Diskurs, denn dafür fehlte die Grundlage. Keine gemeinsame Vernunft, denn diese wird immer durch die persönliche Weltanschauung, in der jemand aufwächst, geprägt. Und auch keine gemeinsame Charakterprägung mehr – schließlich waren alle Zutaten dazu tabu, weggeschlossen, verboten.

Was bleibt, ist ein fader Abklatsch von zwei extremen Gegensätzen: Auf der einen Seite ein billiger Hedonismus, eine Suche nach der schnellen „Freude to go“, auf kurzfristige Lustbefriedigung fixiert, und auf der anderen Seite, gleichsam im gegenüberliegenden Extrem dazu, eine asketisch-selbstkasteiende Suche nach der Weltrettung durch Denk-, Sprach- und Tatverbote, eine immerwährende Suche nach Opfern und Tätern, die entsprechend ihrer Gedanken, Worte und Sünden (oder Unterlassungssünden) belohnt oder bestraft werden können. Was vor Jahrzehnten begann, als man versuchte, die Sprache zu analysieren und Machtstrukturen in der Sprache zu entlarven, diese Revolution hat längst ihre Kinder gefressen.

Können wir den Segen von Pflicht und Tugend neu entdecken? Ja, mit Gottes Hilfe können wir das. Jesus Christus möchte, dass wir den Segen der Selbstvergessenheit lernen. Selbstvergessenheit ist der Schlüssel zum Charakter. Gott zuerst, dann die Mitmenschen, und irgendwann danach, erst dann komme ich selbst zum Zug. Selbstvergessenheit bedeutet nicht, sich selbst hassen zu müssen, im Gegenteil. Selbstvergessenheit bedeutet nicht, dass man schlecht von sich denkt, sondern es bedeutet, dass man weniger von sich selbst denkt. Dass man sich viel Zeit nimmt, um an Gott zu denken, Sein Wort, die Bibel zu lesen, mit Ihm zu reden, viel Zeit verbringt, um über unsere Mitmenschen nachzudenken, für sie zu beten, sich überlegt, was man ihnen Gutes tun kann. Das ist die Schule der Selbstvergessenheit.

Pflicht bedeutet, zu lernen, was sich gehört und was nicht. Es gibt Dinge, die tut man, weil sie Gott gefallen, und andere tut man eben nicht, weil sie Gott nicht gefallen. Pflicht schafft eine Ordnung im Chaos des Lebens. In einer pflichtlosen Zeit gehen viele Menschen an ihrer Pflicht zu ständig neuen Entscheidungen zugrunde. Wenn wir keine Pflichten haben, die von außerhalb unserer selbst kommen, dann sind wir dazu verdammt, ständig alles neu entscheiden und ständig alles neu aushandeln zu müssen. Deswegen ist die Pflicht ein doppelter Segen – sie nimmt uns eine Menge von Entscheidungen ab, und formt erst noch den Charakter. Und Charakter ist das, was bei Gott zählt. Der Mensch sieht, was vor Augen ist, doch Gott schaut aufs Herz, auf den Charakter, auf die Heiligung unseres Lebens.

Unsere Antwort auf die kinderfressende studentische Revolution des letzten Jahrhunderts darf eine Reformation des Herzens und eine Reformation des Charakters sein. Durch die Neuentdeckung dieses großen Geheimnisses von Pflicht, Tugend, Fleiß und Treue in der Schule des Selbstvergessenheit.

Hebammen für das Geburtshaus Horb gesucht

Heute mal ein etwas anderes Thema: Das Geburtshaus Horb (Dießen, im wunderschönen Schwarzwald) sucht händeringend nach Verstärkung im Team! Es fehlt gleich an drei Hebammen in Vollzeitanstellung, die für Geburtsvorbereitungskurse, Wöchnerinnenbetreuung usw. dringend nötig sind!

Jeden Tag muss leider mehreren Frauen abgesagt werden, weil die Kapazität vom Geburtshaus bereits bis Oktober ausgebucht ist. Das ist sehr schade, denn das Interesse ist sehr groß – und das nicht ohne Grund:

Unser Wunsch ist, dass die Geburt eine großartige Erfahrung im Leben der Familie wird. Wir begleiten jede Frau auf ihrem Weg, respektieren ihre Entscheidung und bieten eine individuelle Unterstützung an. Die Freiheit und Selbstbestimmung der werdenden Mutter stehen für uns im Mittelpunkt.

Selbstfürsorge, der schonende Umgang mit Ressourcen und die Nachhaltigkeit sind uns selbstverständlich.

Die Gesundheitsförderung und -erhaltung haben absolute Priorität. Verantwortungsvolle, bodenständige Geburtshilfe, die die Kräfte von Mutter und Kind schonen sind oberstes Gebot.“

(https://www.geburtshaus-horb.de/)

Genau so haben auch wir die Betreuung während aller 3 Schwangerschaften und der Geburt der zwei Jüngeren unserer drei Söhne durch das Team des Geburtshauses erlebt.

Daher möchte ich meinen Teil dazu beitragen, auf den Hebammenmangel aufmerksam zu machen. Vielleicht kennt ihr wen, oder ihr kennt wen der wen kennt 😉 oder seid selbst Hebamme von Beruf oder in Ausbildung oder Studium? Es sind verschiedene Anstellungsmodelle bzw. Kooperationsvarianten mit dem Geburtshaus Horb denkbar, so dass Berufsanfängerinnen, alte Hasen oder Wiedereinsteiger als Hebammen herzlich erwünscht sind!


Nähere Infos zum Stellenangebot gibt es hier (Link)

Facebookseite des Geburtshauses Horb

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Das Ende von Evangelisation?

Ist das Zeitalter von Evangelisation am Ende angelangt? Hier und da hört und liest man wehmütige Erinnerungen an gefüllte Zelte, Massenbekehrungen und vollen Glaubensgrundkursen. Ist diese Zeit nun zu Ende? Nein, ich bin überzeugt, dass es das alles weiterhin braucht. Was sich jedoch ziemlich klar geändert hat, ist die Tatsache, dass sich vieles nicht mehr einfach voraussetzen lässt. Vieles muss erklärt werden, was bis vor wenigen Jahren noch selbstverständlich war. Ebenso haben wir es mit einer immer geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne zu tun. Vielen Menschen fällt es zunehmend schwerer, eine längere Zeit am Stück aufmerksam zuzuhören und sich mit dem Gehörten aktiv auseinander zu setzen.

Wie gehen wir damit um? Müssen wir jetzt alles deswegen verändern? Müssen wir Evangelisation neu denken oder alles Bisherige über den Haufen werfen? Ist das Zeitalter der Evangelisation vorbei? Wir können den „guten alten Zeiten“ hinterher weinen, wenn wir das unbedingt wollen, aber das wird nicht viel ändern. Ich schlage vielmehr vor, dass wir in unseren Gemeinden immer mehr zweigleisig arbeiten: Es braucht weiterhin evangelistische Veranstaltungen, Predigten, die das Evangelium erklären, aber das Ganze braucht ein zweites Standbein: Wir brauchen eine riesige Armee von Mikro-Apologeten und Mikro-Evangelisten.

Was ist Mikro-Evangelisation?

Ich setze einen neuen Begriff zusammen: Mikro-Evangelisation. Was ich damit meine, ist folgendes: Wir brauchen viele Menschen, die allzeit bereit sind, im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und die Überzeugungen ihrer Mitmenschen konstruktiv zu hinterfragen. Weil viele Menschen inzwischen nur noch so wenig von den Grundlagen des christlichen Glaubens wissen, ist es notwendig, dass sie immer wieder kleine Bausteine davon mitbekommen. Alles auf einmal zu hören ist sehr viel an Infos, für viele Menschen ist es zu viel für eine erste Berührung mit dem Glauben. Sie brauchen eine ganze Reihe von kurzen Gesprächen im Alltag, die ihnen helfen, das Evangelium Schritt für Schritt zu verstehen.

Da es aber immer mehr Menschen betrifft, ist das eine riesige Aufgabe: Nur mal angenommen, der Mensch braucht im Durchschnitt etwa 20 solcher Gespräche, um genügend zu erfahren, damit er bereit wird, sich einer Gemeinde anzuschließen (vermutlich ist die Zahl noch deutlich höher), dann haben wir einen riesen Task vor uns. Zugleich ist das aber auch eine große Chance für unsere Gemeinden, weil es klar macht, dass dafür die Mitarbeit von jedem Einzelnen gefordert ist. Es geht nicht anders: Alle müssen mit ran!

Rückkehr zum allgemeinen Priestertum

Denken wir noch einen Schritt weiter: Evangelisation ist nicht mehr der Job einer kleinen Elite von gesalbten und begabten Evangelisten, sondern in diesem Rahmen kann plötzlich jede und jeder mitmachen. Ich finde das gut: Gerade da ich persönlich nicht wirklich evangelistisch begabt bin, kann ich trotzdem gebraucht werden. Auch wenn es mir schwer fällt, Menschen anzusprechen, auch wenn ich introvertiert, scheu, still und zurückhaltend bin, ist es meine Erfahrung geworden, dass solche Gespräche richtig wertvoll sind. Es ist die Rückkehr zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, denn alle können mit ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mitmachen.

Eine weitere Chance sehe ich darin, dass nun plötzlich auch klar ist, weshalb es so wichtig ist, dass wir uns alle noch mehr mit den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens auseinandersetzen: Es werden Fragen dazu kommen. Spannende Fragen. Fragen, auf die wir manchmal erst keine Antwort haben. Das ist nicht schlimm, das ist gut! Es hilft uns, noch mehr gute Fragen zu stellen und noch tiefer drüber nachzudenken.

Im Mittelpunkt stehen Liebe und Interesse

Es gibt Menschen, die sind so extravertiert und offen, dass sie auf Mitmenschen zugehen können, um ihnen direkt vom christlichen Glauben zu erzählen, und da wirkt das Ganze auch noch frisch und fröhlich. Ich gehöre definitiv nicht zu dieser Gruppe. Wenn Du dazu gehörst, dann herzliche Gratulation! Für den Rest von uns gibt es eine Reihe von hilfreichen Überlegungen und durchaus auch Vorbereitungen, die uns dazu besser ausrüsten können. Ich werde im Laufe der kommenden Monate dazu eine Reihe von Möglichkeiten, die ich im Laufe von gut eineinhalb Jahrzehnten gesammelt habe, weitergeben.

Das Wichtigste ist: Es geht um persönliches Interesse für mein Gegenüber. Es geht nicht um Zahlen und primär auch nicht um abgeschlossene Bekehrungen. Diesen Druck möchte ich uns allen nehmen. Ich habe auch lange gedacht, dass das Ziel eines solchen Gesprächs die Bekehrung sein soll. Sie kommt vor, wenn sie dran ist. Wenn aber – wie oben geschrieben – eine ganze Reihe von Gesprächen ein solides Fundament legen müssen, bevor ein Mensch dazu bereit ist, dann wird sie plötzlich zweitrangig. Das Ziel ist es, dem Mitmenschen zum Segen zu werden, ihm zuzuhören und ihm mit guten Fragen zu helfen, seine Überzeugungen zu überdenken. Im Zentrum steht die Liebe zum Mitmenschen – zu genau diesem einen Menschen, mit dem ich im Gespräch bin.

Ok, wie kriegt man diese Liebe? Zunächst einmal ist es immer wieder nötig, dass wir über unsere Gleichgültigkeit und unseren Egoismus Buße tun. Wenn ich nicht von der Liebe dazu angetrieben werde, dann hab ich ein Problem. Ein gewaltiges Problem mit Gott. Ich darf den Heiligen Geist bitten, mich mit der Liebe zu erfüllen. Gott hat es versprochen, in Römer 5,5 steht das. Ein zweiter heißer Tipp von mir ist, sich mit der Person zu beschäftigen. In Gedanken fragen: Was sehe ich an der Person? Was ist ihr wichtig? Welche Dinge hält sie für wertvoll? Oft ergeben genau die Sachen, die wir am Gegenüber sehen können, einen super Einstieg ins Gespräch. Eine Tätowierung, ein Schmuckstück, irgend etwas Auffälliges, was ins Auge sticht. Macht die Person ein Foto mit der Handykamera von etwas Bestimmtem? Alles Hinweise darauf, dass der Person etwas wichtig oder wertvoll ist.

Frag mich was!

Die meisten Menschen mögen es, wenn man ihnen Fragen stellt. Ich werde in einem späteren Blogpost noch auf Gesprächsführung durch Fragen eingehen. Fürs Erste ist es wichtig, zu wissen, dass Menschen sich grundsätzlich angenommen fühlen, wenn man sie auf etwas anspricht und Fragen stellt, was ihnen wichtig oder wertvoll ist. Außerdem ist es meine persönliche Erfahrung, dass Menschen viel lieber sich selbst von etwas überzeugt werden als wenn wir sie von etwas überzeugen. Überzeugen wollen übt einen gewissen Druck aus. Fragen können zum Nachdenken anregen, und immer wieder dazu, dass Menschen anfangen, ihre eigenen Ansichten zu überdenken und sich auch von ihren neu gewonnenen Erkenntnissen überzeugen lassen.

Ebenfalls ist es wertvoll, für die Person zu beten. Das Gebet bedeutet eine innere Verbindung mit der Person, die über Gott führt. Er allein ist es, der Herzen verändern kann. Wir können das nicht. Und wir müssen es auch nicht. Ich habe immer wieder erlebt, wie das Gebet hilft, mein Interesse am Mitmenschen zu intensivieren.

Am Ende bleibt zu sagen: Es wird weiterhin beides wichtig sein. Das, was ich Mikro-Evangelisation nenne, wird nicht alles abdecken können. Wir brauchen weiterhin vollmächtige Evangelisten und Veranstaltungen, die diesem Zweck dienen, dass Menschen sich bekehren. Diese jedoch müssen wir ergänzen durch Gemeinden, deren Gemeindeglieder zugerüstet sind, um im Alltag von ihrem Glauben zu erzählen und gute Fragen zu stellen, die ihre Mitmenschen zum Nachdenken bringen.

Buchtipp: Demokratie, Freiheit und christliche Werte

Stückelberger, Hansjürg, Demokratie, Freiheit und christliche Werte – Liebe heilt die Gesellschaft, Esras.net GmbH, Niederbüren, 2020, Verlagslink, Amazon-Link

Eins vorweg: Der Titel des Buches hat mich fasziniert. Große Worte, die mir viel bedeuten. Ich war gespannt, wie überzeugend der Autor in den gerade mal gut 200 Seiten sein Verständnis davon darlegen kann. Ganz besonders trieb mich auch die Frage um, für welches Zielpublikum das Buch wohl geschrieben wurde.

Hansjürg Stückelberger ist ein Schweizer Pfarrer im Ruhestand, wurde letztes Jahr 90 Jahre alt und gründete mehrere Missions- und Hilfswerke, sowie die Stiftung Zukunft CH. Seit vielen Jahren sind ihm die Menschenrechte und die biblischen Werte sehr wichtig.

Das Buch selbst ist in zehn Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden negative Beispiele genannt – Staaten, welche sich demokratisch nennen, aber von Korruption geprägt sind. Bereits hier fällt auf, dass für das Lesen eine gewisse Bildung nötig ist. Begriffe wie „Rechtsstaat“ (S. 11) werden nicht definiert oder beschrieben, sondern als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Auch im zweiten Kapitel, welches sich mit der Bedeutung der Religion für eine erfolgreiche Kultur befasst, werden viele Beispiele genannt – positive und negative. Viele Unterkapitel sind mit Geschichten aus dem persönlichen Leben des Autors gewürzt, da er viel gereist ist und Kontakt mit Menschen rund um den Erdball hat. Das zweite Kapitel schließt mit fünf Schlussfolgerungen (S. 40 – 42), in diesem Fall fünf Hypothesen, die der Autor aus dem zuvor Geschilderten schließt. Mehr dazu weiter unten.

Im dritten Kapitel kommt die Weltgeschichte bis zur französischen Revolution in den Blick. Es beginnt mit dem frühen Christentum und zeichnet den Weg auf der Suche nach echter Freiheit und Menschenwürde nach. Dieses Kapitel kann ich wirklich jedem zu lesen empfehlen. Das vierte Kapitel ist eine theologische Überlegung zur Heilsgeschichte, der Autor kehrt an den Anfang der Bibel zurück und erklärt den Beginn der Heilsgeschichte, also Gottes Geschichte mit der Welt, den Sündenfall der ersten Menschen und die Person Satans. Sodann wird im fünften Kapitel die Frage nach der Ordnung in der Welt, dem Verhältnis von Recht und Freiheit nach dem biblischen Weltbild erörtert. Im sechsten Kapitel kehrt der Leser wieder an das Ende des dritten zurück: Aufbauend auf den zwei eingeschobenen Kapiteln wird gezeigt, wie das Denken der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zusammen mit dem biblischen Weltbild zur Demokratie in den USA führte. Die abschließenden vier Kapitel versuchen aufzuzeigen, wie das Ganze in unserer heutigen Zeit, im Alltag umgesetzt werden sollte, welche Auswirkungen das biblische Weltbild auf die Gesellschaft haben will und welches die biblischen Werte sind, welche unser Leben, Denken und Handeln bestimmen wollen.

Ich persönlich finde das Buch gut geschrieben, es entspricht meinem theologisch konservativen Weltbild, es zeigt vieles recht gut auf, wobei ich ihm zustimmen kann. Dennoch: Wirklich viel Neues habe ich nicht gelernt. Ich finde es wertvoll, wie der Autor versucht, die Geschichte der westlichen Demokratie mit der Heilsgeschichte zu verbinden. Für einen schnellen, sehr kurzen Überblick ist das Buch gut geeignet. Wer jedoch dabei weiter denken möchte, ist auf sich selbst gestellt.

Leider muss ich dem Buch auch verschiedene Schwächen attestieren. Zunächst einmal kann ich die Frage nach dem Zielpublikum bloß schwer beantworten. Es wird eine Menge Grundwissen vorausgesetzt, da – wie oben bemerkt – oft Erklärungen und Definitionen fehlen. Zugleich ist es nicht an eine akademisch geschulte Leserschaft gerichtet. Die Endnoten sind dafür zu leichtfertig angefertigt. Ein Beispiel: Wer bereits vom Gründervater und US-Präsidenten Thomas Jefferson gelesen hat, wird genauer wissen wollen, in welchem Zusammenhang er so positiv von der Bibel gesprochen hat. Die Endnote 142 mit Hinweis auf ein factum-Magazin ist hier nicht ausreichend als Beleg. Schade finde auch, dass die ganze Auseinandersetzung um die Gründung des US-Demokratie nicht näher ausgeführt wird. Es gäbe enorm viel zu lernen, wenn man sich mit den Dokumenten der Gründerväter und ihren Diskussionen noch weiter beschäftigen würde. Stückelberger handelt diese ganze Diskussion so ab, als hätte es darin schon immer einen großen Konsens gegeben.

Ähnliches gilt für die fünf Schlussfolgerungen des zweiten Kapitels. Wer – wie ich – von einem theologisch konservativen, bibeltreuen Weltbild ausgeht, kann diese durchaus als Fazit betrachten. Sie sind eine von zahlreichen Möglichkeiten, wie man die vielen Beispiele des Kapitels deuten kann – jedoch keineswegs zwingend. Und hier sehe ich eine der größten Schwächen des Buchs. Es ist für den Inhalt, den es beackern möchte, schlichtweg zu kurz. Wer Menschen, die von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen, überzeugen möchte, würde den Rest des Platzes im Buch benötigen, um dies schlüssig darzulegen.

Was vermag dieses Buch also zu leisten? Es ist eine Art Manifest, das die theologischen, politischen und sozialen Überzeugungen des Autors wiedergibt. Es eignet sich für konservative Christen, die sich in ihren Überzeugungen stärken möchten, für Christen, welche die christlichen Werte noch besser kennenlernen möchten, und für alle, die gern über die Geschichte nachdenken. Ein weiterführendes Werk zu den Themen fehlt in deutscher Sprache meines Wissens leider weiterhin. In englischer Sprache wäre „Politics according to the Bible“ von Wayne A. Grudem zu nennen.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Gepredigt: Faszination Bibel

In unserer Gemeinde habe ich eine neue Predigtserie über die Fundamente des biblischen Glaubens begonnen – im ersten Teil geht es um die Bibel. Hier ein kurzer Auszug, in welchem ich den menschlichen Hochmut kommentiere, sich neben oder gar über die Bibel stellen zu wollen:

“Es gibt in unserer Zeit leider immer mehr Menschen, und zwar auch in vielen evangelikalen Freikirchen, auch in der Pfingstbewegung, die die Bibel immer mehr abwerten und sie als etwas rein Menschliches betrachten. Sie meinen, man müsse die Bibel rein mit dem menschlichen Verstand lesen und aus ihr herausdestillieren, was davon wirklich göttlich ist, und der Rest ist tolle menschliche Weisheit, aber auch nicht mehr. Es gibt eine weit verbreitete Vorstellung, dass nicht nur die Selbstoffenbarung Gottes fortschreitend ist, sondern dass die ganze Menschheitsgeschichte ein riesiger Fortschritt ist und wir in unserer Zeit weit über der Menschheit stehen, die zur Zeit Jesu lebte. Die Bibel müsse kulturell verstanden werden, als ein rein menschliches Produkt der damaligen Zeit, und weil unser Verstand und unser soziales Gefühl für Gerechtigkeit so weit vorangeschritten sind, deswegen können wir heute besser entscheiden, was davon nur für die damalige Kultur galt und was bis heute immer noch echte göttliche Weisheit ist.
Dieses Denken ist reinster Hochmut, denn die Bibel hat mit ihrem Weltbild unsere Gesellschaft geprägt und verändert wie kein anderes Buch und keine andere Lehre oder Philosophie. Mit ihrem treuen Gott, der die Naturgesetze aufrecht erhält, mit ihrem Menschenbild, das den Menschen als den Verantwortlichen für die Schöpfung sieht, der den Auftrag hat, die Erde zu bebauen und erforschen, hat das jüdisch-christliche Weltbild den Grundstein für alle wissenschaftlichen Fortschritte gelegt. Mit der Rede vom Menschen, der im Ebenbild Gottes geschaffen wurde und somit eine unveräußerliche Menschenwürde besitzt, wurde der Grundstein für unsere westliche Demokratie und Rechtsprechung gelegt.
Die Bibel hat durch Erweckungen ganze Landstriche und Länder geprägt. Ihre ungeschönte Ehrlichkeit zeigt uns Grenzen auf, die realistisch sind, die der Realität entsprechen. Mit der Erlösung durch Jesus Christus werden wir zur echten Freiheit befreit, frei von uns selbst zu werden, um unseren Mitmenschen zu dienen und ihnen zum Segen zu werden. Die Bibel ist ein Buch, das schon unzählige Menschen verändert hat und sie alle können es bezeugen, dass dieses Buch das unfehlbare, reine Wort Gottes ist.
So möchte ich uns allen heute mit Paulus zurufen: Deshalb bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir zur Gewissheit geworden ist! Die Bibel will dich weise machen zur Errettung und darüber hinaus zu jedem guten Werk zubereiten.”
Die Predigt ist im Predigtarchiv zu finden oder hier anzuhören:

Gepredigt: Zur Jahreslosung 2021

2021 ist ein spannendes neues Jahr mit einer spannenden Jahreslosung: Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Luk. 6, 36)

Am 3. Januar habe ich darüber gepredigt, hier ein kurzer Auszug, in welchem es um unser inneres Fundament geht, welches nötig ist, damit ein Mensch barmherzig sein kann:

“Was ist nötig, damit irgend jemand sagen kann: Ich bin mit Gott versöhnt? Dazu ist nötig, dass ich zunächst mal verstehe, dass ich Gott nicht gefallen kann. Dass ich von Natur aus Gottes Feind bin. Dass ich aus mir selbst nichts anderes tun kann, als ein Leben lang Sünde auf Sünde und Schuld auf Schuld bei Gott anzuhäufen. Das führt zur Verzweiflung an mir selbst. Dann muss ich erkennen, dass Jesus alles Nötige am Kreuz getan hat, um mich zu retten und von dieser Schuld zu befreien. Meine ganze Schuld war auf Ihn geladen, Er hat den ganzen Becher von Gottes Zorn über mein Leben am Kreuz ausgetrunken. Dann zeigt mir der Heilige Geist, dass all das für mich gilt, Er schenkt mir den Glauben. Dadurch kann ich Buße tun, ich kann mein ganzes Elend spüren und Gott mein verkorkstes Leben geben mit der Bitte, dass Er es nimmt und daraus etwas macht, was Ihm gefällt. In dem Moment beginnt ein neues Leben, ein Leben der Veränderung, ein Leben der Barmherzigkeit, weil ich nun erkenne, dass meine Schuld, die Jesus am Kreuz für mich bezahlt hat, unendlich viel größer ist als jede Schuld, die mir jemand anderes zufügen kann. Wenn ich gelernt habe, dass ich aus mir selbst nur Schlechtes, nur Sünde auf Sünde, hervorbringen kann, bin ich plötzlich frei, den Menschen zu vergeben, die mir schaden wollen oder auch ungewollt schaden. Und hier in diesem Punkt braucht unsere heutige Christenheit noch sehr viel Veränderung. Es ist ein unbequemes Thema, man wird sich damit nicht sonderlich beliebt machen, aber weil wir Gott und Seiner Wahrheit verpflichtet sind, dürfen wir das nicht unterschlagen, sonst gehören wir zu den blinden Blindenführern unserer Zeit.

Weil Gott Vater barmherzig ist, sind auch wir barmherzig. Gott kennt unsere Schuld, aber Er kehrt sie nicht unter den Teppich oder schaut darüber hinweg. Er geht sie an und schafft uns Versöhnung durch Seinen Sohn. Deshalb, sagt Jesus, deshalb seid barmherzig, wenn ihr Kinder des Höchsten seid. Noch etwas verändert sich, wenn wir das wirklich erkannt haben: Wir sehen unsere Mitmenschen plötzlich mit anderen Augen. Sie sind nicht mehr unsere direkten Feinde, sondern sie sind Menschen, die durch Lebenslügen betrogen wurden, die selbst auch Leid erfahren haben, die vom Teufel versucht wurden, die alles Mögliche durchgemacht haben. Sie sind Menschen, mit denen ich Mitleid haben kann, und denen ich helfen möchte, auf den richtigen Weg zu kommen. Menschen, die ich nicht segnen muss weil Gott das so will, sondern Menschen, die ich segnen will und denen ich Gutes tun will, weil sie mir plötzlich wichtig werden. Irgendwann können wir dann auch mit dem Herrn Jesus sagen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind in die Irre gegangen wie Schafe ohne Hirten. Sie sind auf der Suche nach dem Wasser des Lebens und finden es überall nur in vergifteten Gefäßen. Sie sind bemitleidenswert, sie treiben mich dazu an, sie leidenschaftlich zu segnen und ihnen Gutes zu tun.”
Die ganze Predigt lässt sich hier anhören oder herunterladen:

Der Bibelkommentar

Kürzlich nahm ich um zu lesen einen Bibelkommentar,
doch schon nach dreihundert Seiten sah ich, was das wirklich war:
Denn die Bibel spielt in diesem Buch nur auf dem dritten Rang,
und ich überlegte, ob es nicht zu viel an Zeit verschlang.

Dieses Buch sprach viel davon, was andre Exegeten sah’n
und es kommentierte diese, doch viel mehr ward nicht getan.
Nach und nach hab ich verstanden und nun wurde es mir klar:
Dieses Buch, das war in Wahrheit ein Kommmentare-Kommentar.

Als ich mich online einloggte auf der Seite Amazon,
hinterlassen wollte eine schlechte Buchrezension
da erwischte es mich kalt mit Gänsehaut und Gänsehaar:
Was ich schrieb, war ein Kommentare-Kommentare-Kommentar.

Jonas Erne

Ich schreibe, also bin ich.

Ich schreibe.
Ich schreibe gerne.
Ich schreibe gerne viel.
Ich schreibe gerne viel von Hand.
Ich schreibe gerne viel von Hand auf Papier.

Papier ist geduldig.
Papier wartet, bis ich zu Ende gedacht habe.
Papier schaltet nicht in den Standby-Modus.
Papier will mir nicht nach drei Buchstaben das nächste Wort vorgeben.
Papier will mich nicht bei jedem zweiten Wort automatisch korrigieren.

Papier ist geduldig.
Papier lässt sich zerknüllen.
Papier lässt sich zertreten.
Papier lässt sich in die Tonne kloppen.
Papier lässt sich mit Tränen netzen und verschmiert dabei die Schrift.

Papier ist geduldig.
Papier nimmt meine Emotionen auf.
Meine gehetzte Schnellschreibschrift.
Meine behutsame Schönschreibschrift.
Und meine durchgestrichenen Korrekturen.

Papier ist geduldig.
Papier lässt sich nicht per Knopfdruck veröffentlichen.
Papier lässt mir Zeit, das Geschriebene zu überdenken.
Papier lässt mir die Wahl, es nie loszuschicken.
Papier übergibt mir die Verantwortung für alles Weitere.

Papier ist geduldig.
Papier lässt mich in codierter Kurzform schreiben.
Papier lässt sich nicht hacken.
Papier lässt sich nur äußerst schwer überwachen.
Papier hilft mir, das Geschriebene zu verarbeiten.

Ich schreibe gerne viel von Hand auf Papier.
Ich schreibe gerne viel von Hand.
Ich schreibe gerne viel.
Ich schreibe gerne.
Ich schreibe, also bin ich.

04.12.2020, Jonas Erne

Der Malerlehrling (Gedicht)

 

in Anlehnung an „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe

Hat der alte Malermeister
sich doch einmal wegbegeben,
und nun sollen Farb‘ und Kleister
auch nach meinem Willen leben.
Seinen Stil und Werke
merkt‘ ich und den Brauch,
und mit Pinselstärke
tu‘ ich Wunder auch.

Tropfe, tropfe,
manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Farbe fließe
und aus reichem, vollem Topfe
auf die Leinwand sich ergieße.

Seht, da kommen die Motive
fast wie von alleine her,
wenn ich mich nun noch vertiefe,
läuft die Farbe kreuz und quer.
Fast wie in Gedankenschnelle
fährt der Pinsel auf dem Stoffe
und ich aus meiner Seelenquelle
mir Inspiration erhoffe.

Doch nun ist es aus mit heiter
aus meiner Seele kommen Hass
Betrug und Neid und immer weiter
fließen die Gefühle, nass,
wie vollgesogen schwarzer Farbe
und dunkler wird das ganze Bild.
Ich merke, wie ich elend darbe,
verderbt, in den Gefühlen wild.

Nein, nicht länger will ich malen,
will mich stoppen, will mich stören!
Doch die Kraft ist wie zermahlen.
Hilfe! Kann mich keiner hören?
Kann mich keiner vor mir retten
aus dieser Pein und Seelennot?
Aus dieser Sünde, die mit Kletten
mich hält und wünschet mich nun tot?

Da kommt ein Licht und hält mich fest,
durchbohrte Hände, Löwe und Lamm.
Dank, dass Du mich rettetest
und führtest mich auf Bergeskamm.
Für immer will ich Dir gehören,
erlöst aus Gnade, unverdient.
Mit Dir des Teufels Werk zerstören
als einer, der Dir ewig dient.

27.12.2020, Jonas Erne